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Das Rätsel eines Mordes Eigentlich hatte Kate nicht vorgehabt, je wieder in ihre Heimatstadt Granville zurückzukehren. Nur an das Rätsel-Museum hat sie gute Erinnerungen. Und an ihren früheren Mentor, Prof. Avondale, mit dem sie die Begeisterung für Sudokus und andere mathematische Knobeleien teilt. Nun bittet der Professor die junge Frau um Hilfe, weil Unbekannte versuchen, ihn zu erpressen. Doch auch Kate kann nicht verhindern, dass Avondale ermordet wird. Bei ihren eigenen Nachforschungen stößt sie schließlich auf ein Detail, das der Polizei bisher entgangen ist: Neben der Leiche lag ein angefangenes Sudoku …
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Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Shelley Freydont
Tödliches Sudoku
Aus dem Englischen von Tamara Willmann
Ihr Verlagsname
DAS RÄTSEL EINES MORDES
Eigentlich hatte Kate nicht vorgehabt, je wieder in ihre Heimatstadt Granville zurückzukehren. Nur an das Rätsel-Museum hat sie gute Erinnerungen. Und an ihren früheren Mentor, Prof. Avondale, mit dem sie die Begeisterung für Sudokus und andere mathematische Knobeleien teilt. Nun bittet der Professor die junge Frau um Hilfe, weil Unbekannte versuchen, ihn zu erpressen. Doch auch Kate kann nicht verhindern, dass Avondale ermordet wird. Bei ihren eigenen Nachforschungen stößt sie schließlich auf ein Detail, das der Polizei bisher entgangen ist: Neben der Leiche lag ein angefangenes Sudoku …
Shelley Freydont ist Autorin zahlreicher Romane und Krimis.
Für meine verstorbenen, aber unvergessenen
Mentorinnen Juliah Cauthorn und Maggie Cousins
Die Lösungen zu den einzelnen Sudokus finden sich im Anhang.
Vor zwölf Stunden hatte sie es noch für eine gute Idee gehalten. Für ein Kinderspiel, was eigentlich ungewöhnlich war für Kate McDonald – Bachelor, Master und Doktor der Mathematik, sowie Mitglied eines hochrangigen staatlichen Expertenteams am Institut für Theoretische Mathematik.
Unbekümmert hatte sie den Staat Virginia verlassen, ohne Zögern das Schild WILLKOMMEN IN NEW HAMPSHIRE passiert und an der Stadtgrenze von Granville nur eine leichte Nervosität verspürt. Katie, die Streberin. Doch jetzt, vor dem Haus ihrer Kindheit, schlug ihr das Herz bis zum Hals, und sie fragte sich, ob sie nicht übereilt gehandelt hatte.
Nun geh schon rein, sagte sie sich. Es würde nur eine Minute dauern, um aus ihren ausgefransten Jeans und dem bequemen Sweatshirt in etwas Seriöseres, Überzeugenderes zu schlüpfen.
Der Professor brauchte sie. In seinem Brief hatte es «dringend» geheißen. Und sie saß hier und trödelte herum.
Kate öffnete die Wagentür, stellte die Füße auf den Bürgersteig, warf sich die Handtasche über die Schulter, wuchtete den Koffer über die Rückenlehne, legte das blaue Kostüm über den Arm und sammelte einen Stapel Sudoku-Hefte vom Beifahrersitz auf. Das unhandliche Bündel drohte ihr wegzurutschen, als sie über den Rasen zu dem weißen, mit Holzschindeln verkleideten Bungalow eilte, in dem sie aufgewachsen war.
Sie lief die Eingangsstufen hinauf und hatte gerade den Schlüssel ins Schloss gesteckt, als ein durchdringendes Kreischen die Stille störte.
Kate zuckte zusammen. Das Kostüm glitt ihr vom Arm, und die Rätselhefte fielen auf den Boden.
Eine sehr große, hagere Frau mit hoch auftoupierten blauen Locken stürmte auf sie zu. «Entschuldigen Sie, Miss. Was treiben Sie da?»
Kate starrte sie an. Das konnte nicht Tante Prudence sein. Nicht die Tante Prudence, die drei Häuser weiter wohnte, seit Kate denken konnte. Ihre Tante Pru trug anständige Hemdblusenkleider und Slipper. Diese Frau trug einen rotweißen Jogginganzug und weiße Turnschuhe. Doch es war eindeutig ihre Tante.
Kate winkte. «Tante Pru. Ich bin’s.»
Pru bremste mitten im Lauf und kreischte dann: «Katie? Katie!» Nun rannte sie mit flatterndem Trainingsanzug über den Rasen und stürzte sich auf Kate.
«Huch!» Kate taumelte nach hinten und fiel in das offen stehende Fliegengitter der Haustür. «Woher wusstest du, dass ich komme? Hat Dad dich angerufen?»
Pru ließ sie los und trat zurück. «James wusste, dass du kommst? Dieser Schuft, davon hat er keinen Ton gesagt.» Sie hielt inne und musterte die junge Frau von Kopf bis Fuß. Kate wäre am liebsten im Erdboden versunken.
«Du hast dich verändert», sagte Pru.
«Du dich auch.» Kate hatte ihre Tante seit neun Jahren nicht mehr gesehen, aber ihr Vater hatte sie vorgewarnt. Seine reservierte, zugeknöpfte Schwester hatte vor einem Jahr ihr Leben völlig umgekrempelt. Aber das hier hatte Kate nicht erwartet. Warum blaue Haare? hätte sie am liebsten gefragt. Vor neun Jahren war Tante Pru noch ein Rotschopf gewesen wie Kate, ihr Vater und alle McDonalds.
Doch diese Fragen mussten warten. Kate bückte sich, um ihr Kostüm und die Hefte aufzuheben. Pru nahm ihr die Jacke ab und strich sie glatt.
«Wie lange bleibst du? Hast du Urlaub? Ich habe mich schon gefragt, ob diese Denkfabrik in Washington dir überhaupt mal frei gibt.»
Das hatte sich Kate auch schon gefragt. Die «Denkfabrik» hatte ihr widerwillig drei Wochen Urlaub aus dringenden persönlichen Gründen gewährt. Obwohl Mathematiker eigentlich keine dringenden persönlichen Gründe kannten.
«Und was macht dieser junge Mann? Du hast ihn doch hoffentlich mitgebracht?»
Kate schüttelte den Kopf.
Pru zog eine Augenbraue hoch. «James behauptet jedenfalls, du würdest mit einem netten jungen Mann ausgehen. Kommt er nach?»
«Äh, nein.» Walt, ihr Wirtschaftsprüfer-Exfreund hatte sie wegen einer Blondine mit unbestimmtem IQ verlassen. «Eigentlich wollte ich Professor Avondale besuchen – und dich natürlich.»
Pru schnalzte mit der Zunge. «Hast du ihn verschreckt?»
«Den Professor?»
«Tu nicht so schlau! Deinen jungen Mann.»
Tu nicht so schlau! Das hatte sie in ihrer Jugend oft genug gehört. Von ihrem Vater, wenn sie einmal «dreist» war, was selten vorkam. Tante Pru hatte die Mahnung immer schon wörtlich gemeint. Tu nicht so schlau, sonst kommst du nicht bei den Jungs an.
Vermutlich hatte sie Walt wirklich verschreckt.
«Na, mach dir keine Sorgen. Hier wohnen genügend geeignete Männer. Sogar ein paar richtig gute Partien. Gute Manieren und sicheres Einkommen.»
Kate erschauderte und öffnete die Haustür.
Tante Pru kam hinter ihr her. «Du willst doch nicht etwa hier wohnen?»
«Wirklich, Tante Pru. Ich komme schon zurecht. Aber jetzt muss ich los, sonst komme ich zu spät zum Professor.»
«Ach, der arme Kerl. Hat angeblich keinen Penny mehr. Das alte Anwesen fällt ihm überm Kopf zusammen. Er sollte wohl wirklich verkaufen.»
«Verkaufen? Das würde er niemals tun.»
«Fast alle anderen haben verkauft. Die ganze Stadt ist verrückt wegen dieser Gerüchte um ein Einkaufszentrum.» Pru schnaubte.
«Ein Einkaufszentrum?» Der Professor hatte ihr nicht gesagt, warum er ihre Hilfe brauchte. Aber ein Einkaufszentrum? «Sie wollen eins in der Altstadt bauen?»
«Nein, nicht in, sondern auf die Altstadt. Heißt es wenigstens.» Pru runzelte die Stirn, ging an Kate vorbei ins Haus und fuhr mit der Hand über die Kommode im Flur. Sie hielt einen Finger hoch. «Siehst du?»
«Ein bisschen Staub», sagte Kate. «Aber …»
«Wenn man bedenkt, dass Jimmy einmal im Monat einen Reinigungsdienst bezahlt! Putzt man so Staub?»
Kate zuckte nur die Achseln.
«Ich muss mich jetzt umziehen und zum Professor.»
«Dann beeil dich», sagte Pru und ging den Flur hinunter. Kate griff nach dem Koffer und den Rätselheften und folgte ihr in die Küche.
«Mach du nur. Ich räume hier ein bisschen auf.» Pru nahm Kate die Sudoku-Hefte ab und musterte sie. «Wie du so was nur rauskriegst. Aber du bist wohl ein Genie in solchen Sachen.»
Katie zuckte zusammen. Tatsächlich hatte sie schon etliche Titel gewonnen, aber das erzählte sie ihrer Tante besser nicht. Und sie würde ihr auch nicht erzählen, dass sie die meisten Abende mit einem Glas Wein und einem Rätselheft allein zu Hause verbrachte.
«Hier wirst du keine Zeit für Rätsel haben», sagte sie und stopfte die Hefte in eine Schublade. «Und du willst hoffentlich nicht ständig in Jeans herumlaufen. Wir müssen uns mal um deinen Kleiderschrank kümmern. Männer sehen gern ein bisschen Bein.»
Manches ändert sich eben nie. Da Pru selbst kein Glück in der Liebe gehabt hatte, wollte sie unbedingt einen guten Ehemann für Kate finden. Auch deshalb war Kate damals von hier weggezogen. Sie wusste allerdings, dass es zwecklos war, sich mit ihrer Tante zu streiten. Also nahm sie ihre Sachen und eilte in ihr Zimmer.
Als sie ein paar Minuten später in Kostüm und Pumps herauskam, stand Tante Pru mit einem Geschirrhandtuch in der Hand an der Spüle.
«Du siehst ja richtig nett aus.»
«Danke.» Kate küsste ihre Tante auf die Wange. «Ich muss mich beeilen. Ich melde mich dann.»
«Lass dir Zeit», sagte Pru und begann das Spülbecken zu scheuern.
Kate verließ das Haus und fuhr mit zunehmendem Unbehagen durch die Stadt zum Avondale Rätselmuseum, Granvilles erster und wohl einziger Sehenswürdigkeit.
Der alte Teil der Stadt war zwei Blocks vom Zentrum entfernt und zehn Blocks von dem «neuen» Teil mit den Bungalows von 1830, in dem Kate wohnte. Die Häuser waren alle riesig und zeugten von Tradition und Wohlstand.
Das Museum lag an der Hopper Street, der Hauptverkehrsader des historischen Stadtkerns. Es war ein dreistöckiges Wohnhaus im Kolonialstil und durch hohe Ligusterhecken von den Nachbargrundstücken getrennt. Das Museum nahm die ersten beiden Etagen ein, und der Professor wohnte in der dritten.
Seit fünfzig Jahren lockte Professor P.T. Avondale, das einsiedlerische Genie der Stadt, mit seiner Leidenschaft für Rätsel aus aller Welt ganz nebenbei Touristen in die kleine Stadt. Ebenso beiläufig hatte er so auch einen Zufluchtsort für eine Zehnjährige geschaffen, die mehr Grips besaß, als gut für sie war und die gerade ihre Mutter bei einem schrecklichen Autounfall verloren hatte.
Eines Tages hatte er Kate unter den japanischen Wunderkästchen entdeckt, wo sie wütend mit einem Zauberwürfel hantierte, während Tränen auf das leuchtend bunte Spielzeug tropften.
Er setzte sich neben sie, groß, schlaksig, mit leicht gebeugten Schultern, und zog einen eigenen Würfel aus einer der großen Taschen seiner alten Tweedjacke. Stumm arbeiteten beide an ihrem Puzzle und wurden gleichzeitig fertig.
Kate sah zu ihm auf, und er lächelte. Seine braunen Augen blitzten unter buschigen eisgrauen Brauen, und Katie warf sich in seine Arme.
Fast zwanzig Jahre später schnürte sich allein bei dem Gedanken an diesen Tag ihre Kehle zusammen. Ihre Reaktion hatte ihn bestimmt überrascht. Er blieb verlegen sitzen und tätschelte ihr den Kopf, bis der letzte Schluchzer verstummt war. Dann stand er auf, zog sie auf die Füße und nahm sie mit in sein Büro in der zweiten Etage, wo er ihr einen Kakao kochte. Damit setzten sie sich in zwei große Ohrensessel am Kamin und starrten Kakao schlürfend in die Flammen.
Seitdem war sie jeden Tag nach der Schule ins Museum gegangen, samstags schon früh am Vormittag, und am Sonntag hätte sie sogar die Kirche geschwänzt, wenn das Museum nicht geschlossen gewesen wäre. Falls ihr Vater es damals seltsam fand, dass seine Tochter ihre gesamte Zeit mit einem sechzigjährigen Quasi-Einsiedler verbrachte, so behielt er es für sich. Vermutlich merkte er es nicht einmal. Er war viel zu sehr in seinen eigenen Kummer versunken.
Während also andere Mädchen in ihrem Alter kicherten, anfingen, sich die Nägel zu lackieren, und stundenlang im Einkaufszentrum hockten, nahm Katie Eintrittskarten entgegen, staubte Vitrinen ab, spielte beim Professor mit Zauberwürfeln und lernte alles über Rätsel, Puzzle und Geschicklichkeitsspiele.
Von der Pförtnerin und Hausmeisterin des Museums, Janice Krupps, wurde Kate dagegen nur geduldet. Abfällig musterte Miss Krupps ihre schiefen Zöpfe und die knittrigen T-Shirts und Overalls und ließ sie spüren, dass sie unerwünscht war. Hoffentlich war sie mittlerweile pensioniert.
Kate parkte auf der Straße vor dem Museum und stieg aus dem Wagen. Sie ging nicht sofort hinein, sondern blieb stehen, um das Haus zu betrachten, in dem sie so viele glückliche Jahre verbracht hatte.
Es war von einem Holzzaun umgeben, der fast unter einem wuchernden Rosenbusch verschwand. Durch die Äste zweier riesiger Ulmen konnte sie Giebel, Fenster und Türmchen erkennen. Die Farbe der Außenfassade blätterte ab.
Kate öffnete das Eisentor und ging über das bemooste Pflaster an einem Schild mit der verblassten Aufschrift AVONDALE PUZZLE MUSEUM vorbei. Vor der getäfelten Eingangstür atmete sie tief durch. In ihrer Handtasche hatte sie den Brief des Professors. Er war kurz, nur eine Seite lang. Darin hatte er dringend um ihr Kommen gebeten. Und mittlerweile kannte sie auch den Grund. Ein Einkaufszentrum – als ob die Welt noch ein weiteres brauchen würde.
Kate stieß die Tür auf, und beim Eintreten läutete über ihr eine Glocke. Das Foyer war groß und leer. Und Gott sei Dank saß keine Miss Krupps am Empfang.
Eine einsame Glühbirne in einem Kandelaber verbreitete ein schwaches Licht. Die Atmosphäre war trostlos und öde, als hätte man das Museum bereits aufgegeben. Aber das würde Kate zu verhindern wissen.
Auf Zehenspitzen ging sie am leeren Tresen vorbei und eilte auf die Treppe zu, als eine Gestalt aus dem Schatten trat.
«Junge Frau. Das Museum wird gleich geschlossen. Sie müssen ein andermal wiederkommen.»
Kate erstarrte. Nie würde sie diese brüchige Stimme vergessen. Sie drehte sich um. «Hallo, Miss – Hallo, Janice.»
Janice Krupps stand breitbeinig da. Von der runden Kappe ihrer schwarzen Schuhe bis zu den Rändern ihrer schwarzen Brille wirkte sie bedrohlich. Sie trug ein himbeerfarbenes Ensemble. Der Rock hatte seine Form verloren und das Oberteil spannte, aber Katie erkannte es trotzdem wieder.
Janice presste die Lippen zusammen. Das betonte noch die Spinnwebfältchen um ihren Mund, in denen sich der Lippenstift gesammelt hatte. Dann weiteten sich ihre Augen hinter den dicken Brillengläsern.
«Katie McDonald.»
Kate spürte, wie ihr die Kälte quer durch den Raum entgegenschlug, aber mittlerweile war sie erwachsen, hatte gelernt sich durchzusetzen und würde sich keinesfalls von dieser mürrischen alten Schachtel einschüchtern lassen.
Sie hatte nie verstanden, warum Janice sie so wenig leiden konnte. Schon von ihrem ersten Tag im Museum an. Sie war ein einsames, kleines Mädchen gewesen, dem die Mutter fehlte. Sie war nicht laut, berührte nichts, wollte nur die Ausstellungsstücke bewundern. Jede andere Frau hätte Mitleid mit ihr gehabt.
Kate raffte sich zu einem Lächeln auf. «Sie können ruhig abschließen. Ich möchte nur den Professor besuchen. Ist er in seinem Büro?»
Janice machte einen drohenden Schritt auf sie zu. «Ja. Aber Sie können nicht nach oben. Sie haben keinen Termin.»
Einen Termin? Die Frau war nicht nur noch gemeiner, sondern außerdem völlig verrückt geworden. «Er erwartet mich», erwiderte Kate und stieg die Treppe hinauf.
Sie hörte, wie Janice hinter ihr die Stufen hinaufschnaufte und vor sich hin murmelte. «Unverschämt … Was bildet die sich ein … Konnte sich noch nie benehmen.»
Kate hatte verstanden. Sie und Janice würden nie Freunde werden. Das war keine Überraschung. Und kein Verlust.
Oben ging sie den Flur entlang zum Büro des Professors und klopfte. Janice schob sich hastig vor sie und stellte sich breitbeinig vor die Tür. «Ich habe gesagt …»
Kate griff an ihr vorbei nach dem Türknauf. Sie hoffte, dass Janice nicht merken würde, wie ihre Hand zitterte. Sie hasste Auseinandersetzungen, aber sie würde sich nicht aufhalten lassen. Nicht nach dem weiten Weg.
«Ich werde den Professor besuchen.» Sie drehte den Knauf und stieß die Tür auf.
Janice wich nicht von der Stelle. «Das dürfen Sie nicht.»
Kate schlüpfte unter ihrem Arm hindurch, schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.
Es wurde noch ein paar Mal am Knauf gerüttelt, dann war Ruhe. Kate wartete, bis sie Janice langsam fortgehen hörte, dann stieß sie die angehaltene Luft aus und drehte sich zum Zimmer um.
Der Professor saß an seinem Schreibtisch, mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern. Er hatte immer noch volles Haar, doch mittlerweile war es weiß und nicht mehr graumeliert wie in ihrer Erinnerung.
Seine Schultern hoben und senkten sich im Rhythmus seines tiefen, gleichmäßigen Atems. Er schlief. Kate trat auf Zehenspitzen näher. Ein dickes Heft lag offen auf dem Schreibtisch, ein Kuli steckte im Knick der Bindung. Kate erkannte einen der beliebten Sudokubände.
Sie berührte seine Schulter. «Professor Avondale?», sagte sie leise, um ihn nicht zu erschrecken.
Er zuckte zusammen und richtete den Kopf auf. «Harry? Bist du wieder da?» Er drehte sich um und sah Kate. Er runzelte die Stirn. «Sie sind nicht Harry.»
«Nein, Sir. Ich bin Kate, Katie … McDonald.» Sie wartete auf ein Zeichen des Erkennens. So sehr hatte sie sich doch nicht verändert. «Wissen Sie noch? Sie haben mir geschrieben.»
Allmählich verloren die Augen des Professors ihren leeren Ausdruck, und die Verwirrung wich aus seinem Gesicht. Seine Augen leuchteten wieder lebendiger, und Kate spürte ein Gefühl der Erleichterung.
«Katie. Liebes.» Er stand mühsam auf, ergriff ihre beiden Hände und schüttelte sie. «Vielen Dank. Danke, dass du gekommen bist.»
Während der Professor Teewasser aufsetzte, lief Katie im Zimmer umher, betrachtete die vertrauten Gegenstände auf den Tischen und ließ den Blick liebevoll über die Bücher auf den eingebauten Regalen wandern. Es war immer ein gemütlicher Raum gewesen, dunkel getäfelt, mit fein gemusterten Teppichen. Der schwere Schreibtisch aus Walnussholz war immer noch mit scheinbar chaotischen Bücher- und Papierstapeln übersät, aber sie ließ sich nicht täuschen. Der Professor wusste genau, wo sich etwas befand. Er besaß ein fotografisches Gedächtnis.
Sie blieb an einem Sockel stehen, auf dem eine Kristallkugel lag. Das Geschenk eines rumänischen Zigeuners, wie ihr der Professor erzählt hatte. Sie hatte sie nie berühren dürfen und berührte sie auch jetzt nicht.
Als der Tee fertig war, nahmen sie vor dem kalten Kamin Platz wie Hunderte Male zuvor. Die Ohrensessel wirkten kleiner als früher, waren ein wenig verblichen und an den Armlehnen abgeschabt.
Langsam begann der Professor von den Belästigungen zu erzählen, den kleinen Akten von Vandalismus, den anonymen Drohbriefen. Bei jeder neuen Geschichte wurde Katie zorniger. Es handelte sich offenbar um Einschüchterungsversuche, die den Professor und die anderen Eigentümer zum Verkauf bewegen sollten.
«Haben Sie die Polizei verständigt?»
Der Professor schnaubte. «Die Polizei? Das sind drei Beamte, richtige Grünschnäbel. Der alte Benjamin Meanie, der die Parkuhren leert, falls er aus dem Bett kommt bei seinem Rheuma … Nicht, dass sie sich nicht bemüht hätten. Aber wir haben einen neuen Chief.»
«Und der will nichts unternehmen?»
«Kommt aus Boston», sagte der Professor, als wäre das Erklärung genug.
War es auch, denn der neue Polizeichef war ein Fremder.
«Dies Haus ist seit Generationen im Besitz der Familie Avondale.» Kopfschüttelnd sah der Professor in den leeren Kamin. «Was soll nur aus der Sammlung werden?»
«Aber wenn Sie sich weigern zu verkaufen …»
«Kann ich nicht», sagte er mit verzweifelter Stimme.
«Aber warum denn nicht?»
«Die Bank will die Hypothek kündigen. Ich dachte, du kannst vielleicht helfen.» Der Professor ließ resigniert den Kopf hängen. Kate schwor sich, dass niemand ihm das Liebste auf der Welt nehmen durfte. Aber sie wollte lieber keine leeren Hoffnungen wecken. Zuerst musste sie einmal genau wissen, was los war.
«Darf ich noch etwas fragen? Ich dachte, das Haus gehört Ihnen.»
Der Professor schaute weiter in den leeren Kamin und nickte. «Stimmt. Aber der Museumsvorstand wollte das Haus renovieren lassen. Ich musste den Kreditvertrag unterzeichnen.»
Renovieren?, fragte sich Kate. Davon war nichts zu sehen.
«Sie haben das ganze Geld doch nicht ausgegeben?»
«Es ist gesperrt. Ich habe die Monatsraten überwiesen, aber die Bank bestreitet das.» Der Professor schob die Teetasse zur Seite, griff nach dem Sudokuheft, das auf dem Tisch lag, nahm einen Kuli und schaute stirnrunzelnd in das Heft.
«Professor?»
Er antwortete nicht. Er war bereits in das Sudoku vertieft. Das kannte sie auch. Sudoku zu lösen war sowohl eine Flucht als auch eine Möglichkeit, die Gedanken zu ordnen. Sie konnte den Professor durchaus verstehen, aber sie brauchte jetzt seine volle Aufmerksamkeit.
«Waren Sie schon bei der Bank?» Dann fiel ihr ein, wer der Bankdirektor war. Jacob Donelly. Plötzlich überkam sie ein ungutes Gefühl.
«Ich wollte es Jacob erklären, aber er hat …» Der Professor füllte ein Kästchen des Sudokufeldes aus.
«Jacob Donelly? Was hat er gesagt? Hat er den Kredit befürwortet?»
«Es war seine Idee.» Er füllte zwei weitere Kästchen aus.
«Das verstehe ich nicht.»
Endlich sah der Professor sie an. «Er ist unser Vorstandsvorsitzender.»
Kates Hand mit der Teetasse erstarrte auf halbem Weg zum Mund. «Aber ich dachte …» Sie besann sich. «Aber warum?»
Der Professor antwortete nicht, sondern fuhr fort, das Sudoku zu lösen, während Kate versuchte, die Absurdität der Lage zu begreifen. Hätte der Professor sich selbst matt setzen wollen, hätte er keine bessere Methode wählen können? Sein geliebtes Museum wurde nun von seinem erbittertsten Feind kontrolliert.
Das alles ergab keinen Sinn, doch für den Moment würde sie bestimmt nichts mehr erfahren. Als der Professor umblätterte und mit einem neuen Raster begann, erhob sie sich. «Sie sind müde. Ich komme morgen früh wieder, und dann überlegen wir, was wir unternehmen können.»
Langsam sah der Professor auf. Sein Blick war wieder so leer wie vorhin, als sie ins Büro gekommen war. Sie zwang sich zu einem Lächeln, obwohl sie innerlich um ihren liebsten Freund weinte.
Er erwiderte ihr Lächeln nicht, sondern sah sie nur an, als wäre er überrascht, sie da stehen zu sehen. Seine Miene hellte sich für einen Augenblick erneut auf. «Ich wusste, du würdest kommen, aber wo ist Harry?»
Ja, wo war Harry? Und wer war dieser Harry überhaupt?, fragte sich Kate auf ihrer Rückfahrt durch die Stadt. Unglücklicherweise hatte der Professor nichts Genaueres erzählt.
Es war fast zehn, als sie in die Porter Street einbog. Alle Häuser waren dunkel bis auf den weißen Bungalow in der Mitte des Blocks. Aus jedem Fenster strahlte Licht, und der Vorgarten wurde von der Außenbeleuchtung erhellt.
Tante Pru hatte dafür gesorgt, dass sie nicht in ein dunkles Haus zurückkehren musste. Kate wusste die Fürsorge ihrer Tante zwar zu schätzen, fürchtete aber, dass sie sie bald lästig finden würde.
Sie hielt auf der Zufahrt und schloss gewohnheitsmäßig den Wagen ab. Als sie ins Haus kam, stach ihr gleich der Geruch von Zitronenreiniger in die Nase. Alles glänzte, und Essensduft zog durch den Flur.
Aus der Küche hörte sie Topfgeklapper und das Rauschen von Wasser. Von all den verschiedenen Gerüchen und Geräuschen wurde Kate leicht schwindelig, und ihr fiel auf, dass sie seit dem frühen Morgen nichts gegessen hatte.
Tante Pru trat durch die Küchentür und wischte sich die Hände an einer verblichenen Schürze ab, die Kate noch aus ihrer Kindheit kannte. Die Erinnerung überkam sie, wie ihre Mutter, feingliedrig und zart, sie nach der Schule begrüßt und das Essen für sie bereitgestellt hatte. Schlagartig wurde diese Vorstellung von Tante Prus rotem Jogginganzug verdrängt.
«Das Abendessen steht auf dem Tisch. Wasch dir die Hände und komm in die Küche, bevor es kalt wird.»
Kate tat, wie geheißen. Sie war plötzlich todmüde. Sie fühlte sich der Aufgabe, die vor ihr lag, in keiner Weise gewachsen und befürchtete, leichtfertig ihren Job aufs Spiel gesetzt zu haben. War das Museum überhaupt zu retten?
Der Küchentisch war an dem Platz für sie gedeckt, an dem sie als Kind immer gesessen hatte. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen.
Pru setzte sich ihr gegenüber und sah ihr beim Essen zu. «Du rätst nie, über wen ich beim Einkaufen gestolpert bin. Lou Albioni!»
Der Name sagte Kate nichts.
«Du kennst ihn. Antonios mittlerer Sohn.»
Auch der Name sagte Kate nichts, aber ihr schwante mittlerweile, worauf das Gespräch hinauslief.
«Er ist gerade Chefkoch geworden. Ein wirklich netter junger Mann. Und immer höflich.» Pru stand auf, um Kate noch Eintopf aufzutun.
«Tante Pru …»
«Er will dich anrufen.»
«Tante Pru …»
«Gute Aussichten. Sicherer Job.» Pru fuchtelte mit den Händen herum. «Essen muss der Mensch immer.»
Bis das Geschirr abgeräumt und gespült war, war es bereits nach elf. Kate stand auf der Veranda und sah ihrer Tante nach, die in ihr eigenes Haus zurückkehrte. Dann begab sie sich in den Keller, wo sie einen 1998er Pinot Noir entdeckte. Sie entkorkte die Flasche, suchte im Oberschrank nach einem Weinglas, wählte eins ihrer Sudokuhefte aus und trug alles ins Wohnzimmer.
Minuten später war sie in die Zahlen vertieft. Die Spannung, die sich den ganzen Tag über angestaut hatte, löste sich, während eine Zahl auf die andere folgte und sich im Raster senkrechte und waagerechte Reihen bildeten. Als sie dann zufrieden die letzte Ziffer in das Gitter eintrug, hatte Kate einen Plan für ihr weiteres Vorgehen gefasst.
Den Vormittag verbrachte Kate am Schreibtisch des Professors und sah sämtliche Papiere durch, die mit dem Kredit zu tun hatten. Unglücklicherweise fand sie keinen quittierten Scheck, der bewiesen hätte, dass die Zahlungen eingegangen waren. Der Professor war keine große Hilfe. Er war der Meinung, Janice habe die quittierten Schecks abgeheftet. Janice wiederum behauptete, sie habe sie dem Professor zurückgegeben.
Als Kate nach Computerdaten fragte, sahen beide sie verständnislos an. Sie benutzten keinen Computer für ihre Überweisungen. Kate musste also auf die kopierten Unterlagen zurückgreifen.
Am frühen Nachmittag begab sie sich mit den Kopien der Kreditunterlagen, dem Mahnbrief und anderen Papieren zur Bank.
Granville war eine Kleinstadt wie viele andere in New England. Eine kunterbunte Ansammlung von Häusern und Läden. Die meisten hatten wegen des Schnees steile Dächer und überdachte Türen. Viele stammten aus der Zeit um die Jahrhundertwende oder noch davor.
Die Bank lag im Zentrum der Innenstadt, ein Ziegelgebäude aus dem letzten Jahrhundert. Gegenüber stand auf einem Rasendreieck die Statue des Gründers der einst blühenden Stadt, Abelard Granville. Das Rathaus dahinter war frisch gestrichen.
Autos parkten schräg am Straßenrand, Leute liefen über den Gehsteig und betraten oder verließen die Geschäfte. Manche, wie den Lebensmittel- und den Haushaltswarenladen kannte Kate noch. Andere waren neu. Doch von den Passanten kannte sie keinen, und niemand erkannte sie.
Eigentlich war Granville wirklich hübsch. Die Luft war klar und erfrischend, frei von Abgasen und Abfallgestank. Warum hatte sie eigentlich die Rückkehr so gefürchtet?
Ihr Leben hier war gar nicht so schlecht gewesen. Bis auf den Tod ihrer Mutter und die Hänseleien der anderen Kinder. Aber sonst … Katie, die Streberin.
Sie schob den Gedanken fort und blieb einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln, bevor sie die Bank betrat. Sie hatte sich nicht angemeldet, da sie Überraschung für die beste Taktik hielt.
Im Foyer gab es eine Reihe von Schaltern, mehrere Schreibtische waren durch gläserne Kabinen getrennt. Neben der Tür stand ein Empfangspult, wo sie sich meldete.
Eine ältere Frau sah lächelnd auf. «Was kann ich für Sie tun?»
«Ich würde gerne den Kreditmanager sprechen», erwiderte Kate ebenfalls lächelnd.
«Aber sicher.» Die Frau griff zum Telefonhörer und drückte einen Knopf.
«Carol, jemand möchte Mr. Donnelly sprechen.»
Kates Lächeln verblasste. Sie hatte doch nach dem Kreditmanager und nicht nach dem Bankdirektor gefragt. Sie wollte sich gerade an die Empfangsdame wenden, als eine Tür im Hintergrund aufging und ein Mann lächelnd auf sie zu kam. Es war nicht Jacob Donnelly – Gott sei Dank!
Der Mann war ungefähr so groß wie sie und trug einen konservativen grauen Anzug, der sich am Bauch leicht spannte. Sein Haar begann sich zu lichten.
Sie zupfte am Saum ihrer Kostümjacke, nahm die Haltung der kompetenten Mathematikerin an und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. «Guten Morgen, ich bin Katherine McDonald, und ich …»
«Du meine Güte.» Für einen Augenblick wäre dem Kreditmanager fast das Lächeln vergangen. «Katie McDonald! Was zum Teufel treibst du denn wieder in Granville?»
Verwirrt starrte sie den Mann an. Kannte sie ihn? Einer ihrer Schulkameraden? Doch er sah viel älter aus.
Sein Lächeln weitete sich zu einem Grinsen. Einem recht unangenehmen Grinsen. «Erkennst du mich nicht?»
«Ich …» Und plötzlich erkannte sie ihn. Nicht Jacob Donnelly. Auch nicht sein Sohn, Jacob junior. Sondern sein Enkel, der Oberrüpel von der Granville Valley Highschool. Und Kates Quälgeist.
Ihr Magen drehte sich um.
«Kennen wir uns?» Das kam klar und deutlich heraus. Sollte er doch denken, sie würde sich nicht mehr an ihn erinnern. So hatte sie Zeit, sich wieder zu fassen.
«Ach komm, Katie. Du hast doch deinen alten Freund Darrell nicht vergessen.» Er lächelte.
Sie lächelte zurück, während es in ihrem Kopf kreiste: Katie, die Streberin, Katie, die Streberin. Und es war Darrell Donnellys Stimme, die sie da hörte. Im Laufe ihrer Schulzeit waren Darrells Beleidigungen immer gemeiner geworden, aber nie hatten sie so wehgetan wie diese erste kindliche Beschimpfung.
«Darrell», erwiderte sie knapp. «So eine Überraschung.» Sie bemühte sich um einen unbeschwerten Ton. Denk an den Professor, ermahnte sie sich. Lass dich nicht einschüchtern.
«Komm mit nach hinten in mein Büro, und dann erzähl mir, was ich für dich tun kann.» Er führte sie durch den Raum und in einen Flur voller Türen mit Namensschildern aus Messing. Sie hielten vor einer Tür am Ende des Gangs. Kate konnte gerade noch Darrell Donnelly, Kredite lesen, bevor er sie hineinbat.
Er wies auf einen Stuhl vor seinem großen Kirschholzschreibtisch mit einem Computerbildschirm auf einer Seite und einer makellosen grünen Schreibtischunterlage mitten vor einem hohen Ledersessel, auf dem Darrell sogleich Platz nahm.
Behutsam legte Kate ihre Ordner auf den Tisch, stapelte sie fein säuberlich übereinander und richtete die Unterkante parallel zur Schreibtischkante aus. Als sie hochschaute, merkte sie, dass Darrell ihr mit fragendem Gesichtsausdruck zusah.
«Eigentlich bin ich froh, dich zu sehen, Darrell.» Wer’s glaubt, wird selig. Sie schluckte. Nimm dich zusammen. Sie fixierte einen Punkt auf Darrells Stirn. «Es gibt da einige Unklarheiten bei dem Kredit für das Avondale Museum.»
Darrell lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Fingerspitzen zusammen. Aufmerksam, mitfühlend.
«Wo liegt deiner Meinung nach das Problem?»
«Also», sagte Kate und schlug den obersten Ordner auf. «Meines Erachtens hat das Museum vor achtzehn Monaten einen Kredit für Renovierungsmaßnahmen aufgenommen. Hier», sie drehte den Vertrag zu ihm um und zeigte auf eine konkrete Stelle, «ist von sechsunddreißig Monaten Laufzeit die Rede. Und trotzdem hat der Professor», sie blätterte den nächsten Ordner durch, nahm den Bescheid heraus und reichte ihn Darrell, «die Mitteilung bekommen, der Kredit wäre gesperrt. Warum das?»
Ihr Gegenüber nahm den Brief und überflog ihn. Dann ließ er ihn auf den Schreibtisch fallen, rollte mit dem Stuhl nach hinten, zog eine Tastatur heraus und begann zu tippen. Er starrte auf den Computer und wartete darauf, dass das Konto auftauchte. Jedenfalls nahm Kate das an, da sie von ihrem Platz aus den Bildschirm nicht sehen konnte.
«Aha, da haben wir das Problem.»
Kate war erleichtert. Es gab also doch eine einfache Erklärung. Darrell schwang den Bildschirm herum, so dass auch sie daraufschauen konnte. Eigentlich waren Finanzen nicht ihr Gebiet, aber sie brauchte nur einen kurzen Blick, um zu erkennen, dass Abbuchungen das Kreditguthaben erheblich verkleinert hatten und dass keine Raten eingegangen, sondern Zinsen und Schuldenlast gestiegen waren.
Darrell beobachtete sie selbstgefällig. Er wusste, dass sie verstand, was sie da sah. Schon in der Highschool hatte sie solche Problemfälle bereits gelöst, während die meisten Kinder noch die Aufgabe durchlasen.
«Das verstehe ich nicht», sagte sie, um Zeit zu gewinnen.
«Aber natürlich verstehst du das.» Darrell bleckte die Zähne. Bedrohlich, unfreundlich. «Der alte P.T. ist drei Monate mit den Zahlungen im Rückstand. Geld regiert die Welt.»
Kate ballte die Fäuste, konnte sich jedoch gerade noch zurückhalten. Seine schmierige Freundlichkeit war offener Verachtung gewichen. Beherrsch dich! Lass das nicht mit dir machen! ermahnte sie sich in Erinnerung an zahllose Gänge zum Rektorzimmer – für die dieser Kerl hier verantwortlich gewesen war. Sie wandte sich dem Bildschirm zu, nur um dem Blickkontakt auszuweichen. Doch was sie darauf sah, war nicht unbedingt geeignet, ihren Zorn zu besänftigen.
Es war kein Irrtum. Das Guthaben auf dem Konto war minimal. Seit Juni war keine Einzahlung mehr aufgeführt.
«Ich verstehe», sagte sie langsam.
«Aber sicher doch.»
Unter seiner höflichen Maske war Darrells Verachtung deutlich zu spüren. Hier ging es um mehr als einen kleinen Rüpel und sein Opfer. Aber um was? Hatte sich die Fehde zwischen seinem Großvater und dem Professor über zwei Generationen fortgesetzt? Außerdem kannte Kate die Ursache des damaligen Streites nicht. Niemand kannte sie, soweit sie wusste.
Sie versuchte es noch einmal. «Nach meinen Informationen hat doch der Museumsvorstand den Kredit aufgenommen und ist demnach für die Zahlungen verantwortlich.»
Darrell antwortete nicht, sondern griff zur Kopie des Kreditvertrages, die sie ihm gegeben hatte, und blätterte sie durch. Dann drehte er sie herum und schob sie ihr über den Schreibtisch zu. «Absatz VI, Paragraph drei.»
Alle Verbindlichkeiten bei eventuellen Verlusten übernimmt Peter Thomas Avondale, usw. usw. Kate brauchte ungewöhnlich lange, um das zu erfassen, denn sie war bei einer anderen Information in dem Absatz hängengeblieben. P.T. hieß also eigentlich Peter Thomas.
Kate hatte ihn stets Professor genannt. Sie wusste nicht, warum es sie derart berührte, seinen vollen Namen zu erfahren. Der brillante, einsiedlerische P.T. Avondale war einmal ein Junge namens Peter Thomas gewesen. Ob man sich auch über ihn lustig gemacht hatte?
Langsam legte sie die Blätter auf den Schreibtisch zurück. «Da muss ein Buchungsfehler vorliegen. Meines Wissens sind die Kreditraten fristgemäß gezahlt worden.» Mittlerweile spürte sie Schweißtropfen unter den Armen.
«Also», sagte Darrell, «die letzte Zahlung ging im Juni ein. Das Restguthaben reicht nicht aus, um den Bankrott zu verhindern. Wenn die Zahlungen nicht bis Ende des Monats eingegangen sind, hat die Bank keine andere Wahl, als die Hypothek zu kündigen und das Haus versteigern zu lassen, um den Verlust auszugleichen.»
Aber das geht doch nicht, wollte sie sagen, konnte sich aber gerade noch bremsen. Sie atmete zur Beruhigung einmal tief durch und sah ihm auf die Stirn. «Ich brauche eine Fristverlängerung, um die Bücher des Museums zu prüfen und den Fehler zu korrigieren.»
Darrell lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte wieder die Fingerspitzen aneinander, offenbar seine Lieblingshaltung. «Ich dachte, du arbeitest für eine dieser streng geheimen Kommissionen von …» Er stockte, und Kate fügte im Geiste das unterdrückte «Strebern» ein. «Experten. Gehört Buchführung zu deinen Hobbys?»
Er lächelte, aber Kate entging der Sarkasmus in seiner Stimme nicht. Was hatte sie ihm eigentlich getan, dass er all diese Jahre solchen Groll gegen sie hegte? Wie der Großvater so der Enkel.
«Ich versuche nur, einem alten Freund zu helfen.»
Donnelly zuckte die Achseln. «Tut mir leid. Ich kann nichts für dich tun. Ich würde vorschlagen, du hilfst dem alten Mann, das nötige Geld aufzutreiben.»
Für einen kurzen Augenblick erwog sie, nach dem Bankdirektor zu verlangen, aber dann fiel ihr ein, dass der Direktor ja Jacob Donnelly hieß. Von der Bank war keine Hilfe zu erwarten.
Kate packte die Papiere zusammen und stand auf. «Danke für die Aufklärung», sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.
«Tut mir leid, dass ich nichts tun kann. Aber Geschäft ist Geschäft.» Darrell erhob sich, um sie zur Tür zu begleiten.
«Danke, ich finde allein hinaus», sagte Kate eisig. «Ich habe schon viel zu viel von deiner Zeit in Anspruch genommen.»
Einen Augenblick lang konnte Darrell Donnelly seine offensichtliche Befriedigung nicht verheimlichen. Und in diesem Bruchteil einer Sekunde erklärte Kate ihm den Krieg. Sie war keine mutterlose, linkische, kleine Intelligenzbestie mehr. Sie war eine der renommiertesten Mathematikerinnen auf ihrem Gebiet. Sie war Mitglied einer angesehenen Expertenkommission und hielt Vorlesungen im ganzen Land.
Und sie war stinksauer.
«Auf Wiedersehen, Darrell.» Sie sah sich nicht um, als sie durch den Flur mit dem flauschigen Teppich ging, aber sie spürte, dass er ihr von der Tür aus nachsah. Und sie konnte sich sein zufriedenes Grinsen vorstellen. Das hatte sie als Kind oft genug gesehen.
Als Kate wieder ins Museum kam, war Janice nicht an ihrem Pult. Wie am Vortag stand die Eingangstür offen, die Exponate waren unbeaufsichtigt. Darunter waren einige ungemein seltene und wertvolle Stücke.
Es gab eine Puzzle-Sammlung aus der Ming-Dynastie, ein handgesägtes Exemplar der «Zerschmetterten Lokomotive», dem ersten Jigsaw-Puzzle, das der MB-Spieleerfinder Milton Bradley je hergestellt hatte, mehrere Originalkreuzworträtsel und Scherzfragen aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert und ein Puzzle aus dem Zweiten Weltkrieg mit einer verborgenen Bügelsäge und einem Kompass, das zu einer Serie gehörte, die man in die deutschen Gefangenenlager geschickt hatte.
Und es gab eine Auslage mit Zeitschriften, in denen 1979 die ersten Sudokus erschienen waren. Damals hießen sie Zahlenpositions-Rätsel. Der Professor hatte die Ausgaben erworben, bevor die Japaner die Rätsel in Sudoku umbenannten. Da Sudokus inzwischen weltweit sehr beliebt waren, war die Sammlung bestimmt äußerst wertvoll.
Oben im Büro saß der Professor in seinem Sessel am Kamin und war mit einem Sudoku beschäftigt. Er sah erwartungsvoll auf. Sein Interesse ließ etwas nach, als er Kate erkannte. Und sie war ein wenig verletzt, denn sie wusste, er hatte auf Harry gehofft, wer auch immer das sein mochte.
Jemand hatte den kleinen Schreibtisch mitten ins Zimmer gestellt und ihn mit Porzellan, Kristallgläsern und Stoffservietten für zwei Personen gedeckt. Offenbar das Werk des Professors. Janice hätte sich nie dazu herabgelassen, etwas Nettes für sie zu tun.
Es sei denn, der Professor erwartete jemand anderen. Wieder verspürte Kate diese ungewohnte Eifersucht.
Der Professor erhob sich steif und wies auf den Tisch. «Rayette von der Bäckerei drüben hat gehört, dass du in der Stadt bist. Sie hat einen Imbiss vorbeigeschickt.»
«Rayette? Die mit den leckeren Teilchen?» Rayette war Besitzerin der Bäckerei im Ort und weit und breit berühmt für ihre Apfeltaschen und anderes Gebäck.
Der Professor führte Kate an den Tisch. Nach ihrem Besuch bei der Bank fragte er nicht. Vielleicht war er schon zu alt, um sich noch wirklich dafür zu interessieren.
«Fehlt nicht noch etwas?», fragte er.
Sie schaute ihn an und entdeckte das alte Funkeln in seinen Augen. «Das Tafelsilber!»
Sie lachte, und der Professor ging zum Schrank und öffnete die Tür. Er holte eine schimmernde, versilberte Schatulle heraus. Der Cofanetto von Berrocal. Eigentlich war es eine Kopie des ursprünglichen Puzzles, aus dessen Einzelteilen man zwei Bestecke zusammensetzen konnte.
Er stellte die Schatulle in die Mitte des kleinen Tischs.
Schon immer war es Kates Aufgabe gewesen, das Silber zu decken, bereits vom ersten Tag an, seit er ihr den Trick zum Lösen der Teile und Öffnen des Behälters gezeigt hatte, der Messer, Gabeln, Kelche und Leuchter enthielt.
«Dann wollen wir mal sehen.» Sie massierte ihre Fingerspitzen. Als sie den Professor kichern hörte, hellte sich ihre Stimmung auf.
Sie begann, die Schatulle auseinanderzunehmen und die Teile zu Messern und Gabeln zusammenzufügen. Aber der Professor unterbrach sie lachend und sagte: «Bevor du dich an den Rest erinnert hast, ist unser Essen kalt.» Er stellte die halbgeöffnete Schatulle zur Seite und rückte Kate den Stuhl zurecht.
Sie setzte sich, und er begann, die Behälter mit Salaten, Nudeln und Hühnerfleisch in einer Soße mit Kapern und Pilzen aus einer Einkaufstasche zu nehmen, die auf dem Boden stand. Und eine Flasche Mineralwasser, aus der der Professor mit dem Aplomb eines Sommeliers einschenkte.
«Es duftet wunderbar», sagte Kate, als der Professor ihr gegenüber Platz nahm. Sie wusste, sie sollten besprechen, was in der Kreditangelegenheit zu tun wäre, aber der Augenblick war viel zu schön und würde schnell genug vorbei sein.
«Die Bank hat meine Bitte um Aufschub abgelehnt», sagte Kate von ihrem Sessel am Kamin aus.
Der Professor reichte ihr eine Tasse Tee und stellte seine eigene auf den Beistelltisch neben eines seiner Sudokuhefte. Dann ließ er sich in seinem Sessel nieder. «Hmm.» Er blickte auf das Rätselheft.
O nein, nicht jetzt, dachte Kate. Ich brauche ein paar Antworten, wenn ich helfen soll.
«Was ist mit dem Vorstand? Können die nichts unternehmen? Wozu war das Geld gedacht? Wie sollte der Kredit zurückgezahlt werden?»
Der Professor griff nach dem Rätselheft.
Das waren wohl zu viele Fragen auf einmal, dachte sie und legte ihre Hand auf seine. Sie wollte ihn daran hindern, nach dem Sudokuheft zu greifen.
«Wer ist Harry?»
Die Hand des Professors entspannte sich.
«Er … hilft im Museum.»
«Wie ich früher?»
«Ja. Er ist nicht ganz so intelligent wie du, aber fast.» Sein Gesicht wurde weicher, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. «Der Junge kann brillant mit Zahlen, Codes und Kryptogrammen umgehen. Für Sudokus konnte ich ihn allerdings nie begeistern.» Dann verschwand das Lächeln, und seine Finger wurden unruhig.
Kate verstärkte den Druck ihrer Hand. «Und nun ist er verschwunden?»
Der Professor nickte langsam.
«Oder ist er in letzter Zeit einfach nur nicht gekommen?»
«Er kommt immer. Direkt nach der Schule und bleibt, bis wir schließen. Manchmal bleibt er über Nacht hier. Wenn …» Er schüttelte den Kopf, als wollte er etwas darin ordnen. «Er hat ihm etwas angetan.»
«Wer, Professor? Wer hat ihm etwas angetan?» Litt P.T. unter Verfolgungswahn? Oder wurde er einfach alt und vergesslich. «Vielleicht ist er krank oder verreist.»
Der Professor lachte so bitter, dass es ihr kalt den Rücken hinunterlief.
«Wenn er krank wäre, käme er hierher. Und er war noch nie verreist.»
«Haben Sie seine Eltern angerufen?»
«Es gibt keine Eltern. Er lebt bei seinem Onkel. Das ist ein widerlicher Mist … ein widerlicher Mann. Aber von dem ließe sich Harry nicht aufhalten.»
«Haben Sie den Onkel angerufen?»
«Der hat kein Telefon. Ich habe die Polizei gebeten, sich dort nach ihm zu erkundigen.»
«Und?»
«Der Chief war da. Sagt er jedenfalls. Aber Perkins behauptet, er wüsste nicht, wo Harry sich herumtreibt.»
«Also, wenn er seit mehr als achtundvierzig Stunden verschwunden ist …»
«Fast eine Woche, aber Chief Mitchell sagt, er könne nichts unternehmen, wenn der Onkel keine Vermisstenanzeige aufgibt. Er meint, Harry wäre weggelaufen. Der würde nie weglaufen. Er würde hierherkommen.» Er zog das Rätselheft unter ihrer Hand hervor.
«Glauben Sie, jemand hat ihn bedroht?» Oder verletzt, dachte Kate, deren Phantasie den Informationen vorauseilte. Der Professor hatte von anonymen Drohbriefen gesprochen. Er hatte sie weggeworfen, bevor Kate angekommen war, doch warum hätte er sich das ausdenken sollen?
«Nie.»
«War in den anonymen Briefen von Harry die Rede?»
Die Hand des Professors stockte über dem Stifthalter. Er schüttelte den Kopf, dann nahm er einen Kuli aus dem Halter. «Nein.» Seine Stimme war kaum noch ein Flüstern. Er schlug das Heft auf und trug eine Zahl ein.
Er entglitt ihr, und sie wusste, sie musste erst Harry finden, wenn sie den Professor je dazu bekommen wollte, sich auf die Rettung des Museums zu konzentrieren.
«Warum fahren wir nicht zum Haus seines Onkels und sehen selbst nach?»
Der Stift schwebte über der Seite. Kate hielt den Atem an.
Der Professor klickte die Mine weg und stand auf. Das Sudokuheft glitt ihm vom Schoß.
«Na gut.»
Es war eine lange Fahrt. «Buck» Perkins wohnte nicht in der Stadt, sondern fünf Meilen außerhalb. Eine zweispurige Teerstraße führte durch die Felder der Umgebung. Hin und wieder kamen sie an einem Farmhaus vorbei, dann an einem Anglerladen und einer alten, mit Brettern vernagelten Raststätte.
