Todesritter - Anna-Lina Köhler - E-Book

Todesritter E-Book

Anna-Lina Köhler

0,0

Beschreibung

Die Schlacht gegen den Schatten scheint gewonnen, der Krieg abgewendet. Doch dabei war es nur der erste Zug eines verheerenden Spiels, das die Höllenbestie begonnen hat. Ein Sieg, der Gutes hatte bewirken sollen, hat letztlich neuen Hass erschaffen. Nun trägt die Todes Tochter ihren Namen mit einer anderen Bedeutung und im Nebel verbirgt sich ein weiteres Geheimnis.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anna-Lina Köhler

Todesritter

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Wandel

Ein Versteck für den Stein

Geflüster

Im Schutz der Dunkelheit

Das Geheimnis in der Tiefe

Hinter dem Nebel

Das Tor in eine neue Welt

Conscii Mysteriorum

Schwarzes Blut

Versammlung

Grabschändung

Pflichten

Grausamer Fund

Es kostet den Tod

Das Spiel kann beginnen

Bezahlt wird mit Blut

Höllenschreie

Die Rückkehr des Schattens

Das Erbe der Surah

Abschied

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

In der Dunkelheit erschien der Nebel, im Nebel ein Schatten. Ein leises Schnauben war zu hören. Das Schnauben ertönte ein zweites Mal, doch bis auf die finsteren Umrisse vermochte man nichts in dem grauen Nebel zu erkennen. Es war wieder still – beunruhigend still. Dann vernahm man Hufgetrappel. Erst unscheinbar, leise, dann immer lauter und schließlich lichtete sich der Nebel. Ein Pferd, ein wahres Ungetüm, riesig, trat aus der Finsternis. Sein Fell war pechschwarz, doch es glänzte blutig rot im schwachen Mondlicht. Seine Augen leuchteten wild. Immer wieder blähte es seine Nüstern, weißer Schaum tropfte ihm aus dem Maul und fiel auf den Waldboden. Weitaus furchterregender als der prächtige Hengst jedoch war sein Reiter.

Angeglichen an das Fell des Tieres, trug der Reiter eine schwarze Hose, ein schwarzes, weites Hemd und einen schwarzen Umhang, dessen Ränder mit wenigen goldenen Schriftzeichen verziert waren. An seinem Rücken hing ein Schwert mit roter Schneide und silbernem Griff. Es war mit einem braunen Lederband befestigt und schlug ihm bei jedem Schritt des Pferdes leicht gegen den Rücken. Den Mann störte das jedoch wenig. Sein Gesicht war bis zur Hälfte mit einem Tuch verhüllt und nur seine Augen blitzten gefährlich auf. Er ritt vollständig aus dem Nebel heraus und entblößte den mächtigen Anblick seiner Gestalt.

Der Hengst bäumte sich erschreckt auf, als ihm der Reiter mit einem kräftigen Tritt die Fersen in die Seite rammte. Er warf seine Vorderhufe in die Luft, schlug mit ihnen aus und hätte leicht eine Schädeldecke zertrümmern können. Als die Hufe wieder aufsetzten, erzitterte der Boden. Ein leichter Wind erhob sich und ließ die Nebelschwaden durch die Luft tanzen. Der Blick des Reiters wanderte langsam zum Eingang der Höhle, der dunkel und still vor ihm lag. Es war ein klaffender, tiefer Schlund, der sich vor ihm öffnete, doch er fürchtete sich nicht. Sein Blick ruhte ruhig auf den Dingen, die vor ihm lagen. Plötzlich sprang er mit einem Satz leichtfüßig und elegant von seinem mächtigen Hengst herunter. Als er auf dem Waldboden aufkam, klimperten seine mit Metall besetzten Stiefel leicht. Er ließ die Zügel los, vertraute darauf, dass sich sein Tier nicht von der Stelle rühren würde. Der Hengst hob gespannt den Kopf und betrachtete seinen Herrn, wie er langsam aus dem Nebel trat.

Der Reiter ging bis zum Eingang der Höhle, dann streckte er seine Hand aus und berührte die Dunkelheit. Seine Finger wurden verschluckt, er konnte sie nicht mehr sehen. Es war, als ob eine Barriere aus völliger Schwärze seine Sicht störte und ihn am Weitergehen hinderte. Der Reiter zog seine Finger wieder aus dem Schlund heraus und sobald sie den Eingang der Höhle verlassen hatten, kehrte auch die Farbe in ihnen zurück. Seine Augen blitzten erfreut auf und obwohl sein Gesicht bis zur Hälfte im Verborgenen lag, konnte man erkennen, dass er lächelte. Seine Reaktion war merkwürdig, sie wies Anzeichen von Verwirrung auf, denn nur ein Narr belächelte die tödliche Gefahr der unbändigen Finsternis. Der Reiter jedoch wusste genau, was er tat und wo er sich befand. Er kannte den Tod, den die Nacht und ihre Geschöpfe mit sich brachten, kannte das Grauen, das diese Welt im Stillen beherrschen mochte, nur zu gut. Er entfernte sich langsam vom Eingang und ging mit großen Schritten an den Wänden entlang. Wieder streckte er seine Finger aus, berührte dieses Mal zuerst den rauen Stein der Höhlenwände, dann die glatte und makellose Oberfläche des schwarzen Weges. Er schlug seine Augen nieder, seine Aufmerksamkeit erregte eine gerade geschliffene Steinplatte, die am Rand der Höhle lag. Der Reiter neigte seinen Oberkörper ein Stück nach vorne, um die eingemeißelte Schrift auf der Platte entziffern zu können. Sollte sie ihm etwas sagen, so verriet seine Miene dieses Mal nichts. Schließlich drehte er sich um und ging zurück zu seinem Hengst.

Das Tier hatte sich tatsächlich nicht vom Fleck bewegt. Es wartete geduldig darauf, dass sein Herr sich gründlich genug umgesehen hatte. Der Reiter strich seinem Pferd über den muskulösen, rötlich schimmernden Hals. Man hätte angenommen, dass das Fell warm war, doch anstatt der Körperwärme seines Tieres spürte der Reiter nur die Kälte. Schon hob er einen Fuß, wollte ihn bereits in einen der Steigbügel setzten, doch da hielt er plötzlich mitten in der Bewegung inne. Er ging zurück auf den steinernen Weg und kniete am Rand nieder. Seine Hand umfasste den Stängel einer kleinen Blume, von der unzählige den Rand des Weges schmückten. Er riss sie mit einem Ruck samt ihrer Wurzel aus der Erde und betrachtete neugierig ihre Blätter. Natürlich verschwendete der Reiter seine Zeit nicht mit der Betrachtung irgendeiner gewöhnlichen Pflanze, aber diese Blume war nicht gewöhnlich. Zwei ihrer Blütenblätter leuchteten weiß. Sie sahen zerbrechlich aus, wie aus einer dünnen Schicht Schnee geformt, die seltsamerweise nicht schmolz. Die anderen zwei Blätter waren strahlend blau und es schien, als ob sie sich wie Wellen im Wind bewegten. Das Mondlicht fiel durch diese Blätter hindurch und brachte sie zum Strahlen.

Der Reiter hatte genug gesehen, er hatte verstanden. Mit schnellen Schritten ging er zurück zu seinem Tier, steckte die Blume in eine der Satteltaschen und gab seinem Pferd die Sporen. Es stieß ein leises Wiehern aus, das jedoch seltsamerweise eher an das Brüllen eines Löwen statt an den rufenden Laut eines Pferdes erinnerte. Der Hengst spitzte die Ohren, wartete auf weitere Befehle seines Herrn, während der Reiter davonritt.

Mit ihm verschwand der Nebel. Mit ihm verschwand die Kälte.

Wandel

Enago saß neben Keira, lehnte mit dem Rücken gegen die harte Höhlenwand. Der Griff des schwarzen Schwertes lag auf seinem Schoß. Er konnte die Augen nicht davon abwenden, sie waren daran gefesselt. Das Silber glänzte im Licht der Fackeln und obwohl der Griff aus Metall gefertigt worden war, wog er im Kampf nicht mehr als ein großer Ast. Enago nahm ihn in die Hand und hielt ihn leicht schräg von sich gestreckt. Seine Augen wanderten an ihm entlang, so als ob er etwas an ihm entdecken wollte.

Keiras kleine Hand nahm ihm den Griff schließlich ab. Als ihre Finger das kalte Metall berührten, zuckte sie kurz zusammen. Doch es war nicht die Kälte, es war die Ehrfurcht, den Griff des schwarzen Schwertes zu berühren, weshalb sie eine Gänsehaut bekam. Es war eines von vieren, eines von vier schwarzen Schwertern. Sie waren vollkommen und mit sonderbaren Kräften ausgestattet worden. In der Hand ihres ehrwürdigen Besitzers glichen sie seine Schwächen aus und unterstützen seine Stärken im Kampfe.

Zwei der Waffen wurden damals den Todesrittern ausgehändigt, zwei weitere, noch sonderbarer und rätselhafter als ihre Vorgänger, der Todes Tochter. Als der erste Todesritter starb, wurde sein Schwert mit ihm begraben, es sollte für alle Zeit mit ihm unter der Erde ruhen, die Verantwortung seiner Macht nie mehr in andere Hände übergeben werden. Mit Hilfe von Rufus und Viridis besiegte die Todes Tochter den Schatten und sperrte ihn für die Ewigkeit in den schwarzen Stein, nachdem sie herausgefunden hatte, dass das angeblich so mächtige Artefakt seine Kraft schon lange an sie weitergegeben hatte.

Von dem Schwert des zweiten Todesritters jedoch war nur noch der silberne Griff übrig. Im letzten Kampf gegen die Höllenkreatur war auch der letzte Todesritter gefallen, durchbohrt von einem Schattendiener. Als er zu Boden gegangen war, hatte er sein Schwert fallen gelassen. Seine schwarze Schneide war in tausend Stücke zersprungen, nur der Griff war übriggeblieben und diesen Rest hielt Enago nun in der Hand.

„Warum hat er ihn dir gegeben?“ Keira blickte Enago fragend aus ihren großen blauen Augen an.

Der junge Mann seufzte. „Ich weiß es nicht genau, es ging alles so schnell.“

Sie gab ihm den Griff wieder und Enago legte ihn vorsichtig neben sich auf den Boden.

„Er hat gesagt, dass Lia immer einen Todesritter an ihrer Seite haben muss, dass sie einen Beschützer braucht. Sie sei noch so jung und unerfahren. Ich muss sie weiterhin beschützen.“

Keira stieß einen leisen Pfiff aus. „Soll das etwa heißen …?“

Enago nickte. „Ich bin der dritte Todesritter“, vollendete er ihren Satz und dabei lagen weder Stolz noch Fröhlichkeit in seinem Blick, sondern Trauer und Zweifel.

Die junge Frau stieß ein kurzes Lachen aus, doch auch ihre Seele war verletzt von dem Verlust Ragons und den Schmerzen, die dies mit sich trug. „Du weißt, dass das eine bedeutende Aufgabe darstellt. Du bist dir hoffentlich darüber im Klaren, was du mit diesem Schwert erhalten hast.“

Wieder nickte Enago. „Ich habe eine Aufgabe erhalten.“

„Eine Aufgabe und eine Verantwortung, die wohl kaum größer sein könnten.“

Aus Keiras Worten hörte Enago, dass sie sich um ihn sorgte. Er wusste, dass sie befürchtete, er könnte scheitern.

„Ja, ich bin mir der Verantwortung durchaus bewusst“, murmelte er leise.

Plötzlich überzog ein trauriges Grinsen seine Lippen.

„Welch eine Ironie“, flüsterte er. „Vor ein paar Monaten noch war ich der festen Überzeugung, meine Aufgabe wäre es, dem Schatten zu dienen, zusammen mit ihm die Todes Tochter zu vernichten. Und jetzt stehe ich auf der anderen Seite, mit dem Wissen, dass meine Aufgabe zwar mit der Todes Tochter in Verbindung steht, jedoch anders, als ich es mir je erträumt hätte.“

Keira legte ihm ihre warme Hand auf den Arm und sah ihn mit ihren wunderschönen blauen Augen an.

„Und das ist auch gut so.“

Enagos Blick wanderte zu ihrem Gesicht, zu ihren Lippen. Schon seit Anbeginn ihrer Reise, seit er sie das erste Mal gesehen hatte, fühlte er sich zu ihr hingezogen. Es waren nicht nur ihr bildschönes Äußeres, ihre wasserblauen Augen, ihr langes blondes Haar und ihre makellose Haut. Es war vielmehr ihr gesamtes Erscheinungsbild. Ihr Auftreten war respekteinflößend, ihre Art liebevoll und mitfühlend. Wenn sie ihn anlächelte, vertrieb sie die Dunkelheit in seiner Seele, brachte ihn mit einem kurzen Zwinkern dahin, seine Sorgen zu vergessen. Doch so bezaubernd sie auch sein konnte, in ihr steckte ebenfalls eine unerbittliche Kämpferin.

Keira hielt einen kleinen Dolch in ihrem rechten Ärmel versteckt und verstand sich nur allzu gut darauf, mit ihm Kehlen aufzuschlitzen. Doch selbst ihr Kampf war die Anmut selbst, wirkte eher wie ein unschuldiger Tanz als ein blutiges Morden. Für einen kurzen Augenblick verlor sich Enago in ihren wasserblauen Augen. Doch bevor er in ihnen zu ertrinken drohte, wandte er seinen Blick von ihr ab und starrte auf die gegenüberliegende Höhlenwand. Zu gerne würde er ihr seine Gefühle beichten, ihr sagen, wie sehr er sie bewunderte, doch dafür fehlten ihm der Mut und der richtige Augenblick.

„Enago …?“ Keiras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte sie kurz überrascht an. Sie deutete mit dem Kopf wieder auf den Schwertgriff in seiner Hand.

„Die Klinge zerbrach, als der Todesritter starb.“ Enago musste schlucken. Er ahnte, was sie als nächstes fragen würde.

„Wie willst du mit einem Schwert kämpfen, das niemanden mit seiner Schneide verletzen kann?“

„Ich …“ Der junge Mann biss sich auf die Unterlippe. „Als ich mit Ragon sprach, sagte er mir, dass sich die Schneide neu bilden werde. Sie werde sich genau dann wieder bilden, wenn ich etwas Selbstloses getan und mich damit als würdig erwiesen habe.“

„Aber hast du das nicht bereits?“, fragte die Seherin. Enago seufzte.

„Ja, das dachte Ragon auch. Er sagte mir, dass meine Tat selbstlos gewesen sei und das Schwert sie mit Sicherheit anerkennen werde.“

Der junge Mann brach kurz ab. Er erinnerte sich nur zu gut an den Tag des Kampfes. An diesem Tag hatte sich das Schicksal der Todes Tochter erfüllt, sie hatte den Schatten gefangen und somit der Welt ewiges Leid erspart. Davor jedoch hatte der Schatten ihn als Verräter enttarnt. Es war seine Aufgabe gewesen, die Todes Tochter zu fangen, damit sein ehemaliger Meister sie töten konnte. Doch während seiner Reise hatte er sich geändert. Er hatte den menschlichen Schattendiener Margoi getötet und seinen Gefährten somit seine Treue bewiesen – er war kein Schattendiener mehr.

„Diese Tat war wohl nicht selbstlos genug“, mutmaßte er. „Auf jeden Fall hat sich die Klinge bis jetzt noch nicht neu gebildet und ich befürchtete, dass sie das auch nicht tun wird.“

„Das darfst du nicht sagen.“ Keira schüttelte mit ernster Miene den Kopf. „Die schwarzen Schwerter wurden mit Magie erschaffen und Magie kann manchmal sehr eigenwillig sein. Du wirst schon sehen, du wirst die Waffe bald vollständig in deinen Händen halten.“

„Aber was ist, wenn ich ihrer nicht würdig bin? Ragon vertraute mir, er hat mir sein Schwert überlassen, um Lia zu beschützen. Ich würde ihn enttäuschen, nachdem er mir so viel Ehre im Moment seines Todes erwiesen hat. Er hat sich entschieden, mir für meine Taten zu vergeben. Ich will nicht, dass er es bereuen muss.“

„Er wird es nicht bereuen.“ Keiras Stimme klang ernst und doch sprang von ihr ein Fünkchen Hoffnung in Enagos Seele über.

„Ob alles von Anfang an vorherbestimmt war?“

Enago legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Decke der Höhle. Der schwarze Stein glitzerte im blauen Licht der Fackeln und für einen kurzen Moment glaubte Enago, er würde auf einer Wiese liegen und in den nächtlichen Sternenhimmel blicken.

„Ich meine, ob es wohl vorherbestimmt war, dass beide Todesritter sterben und ich dann einen ihrer Plätze einnehme?“

„Nichts geschieht einfach so“, erklärte Keira. „Jeder von uns hat ein Schicksal, einen Weg, der seit Beginn unserer Zeit für jeden von uns vorherbestimmt wird. Vielleicht hast du nun deinen richtigen Pfad gefunden.“ Der junge Mann seufzte.

„Die ersten beiden Todesritter haben im Kampf gegen den Schatten ihr Leben gelassen. Ich besitze nun eines der schwarzen Schwerter, ich bin der dritte Todesritter.“ Enago brach abrupt ab und sah der Seherin mit ernster Miene entgegen.

„Was willst du damit sagen?“, fragte sie leise.

„Ich will sagen, dass ich, indem ich vom Schattendiener zum Todesritter wurde, mein Schicksal nicht erneut besiegelt habe. Als Diener der dunklen Kreatur lebte ich in ständiger Angst. Mein Leben lag in der Hand meines ehemaligen Herrn. Er entschied, wer wann den Weg in die Hölle beschreitet. Ich wäre auch gestorben, das ist gewiss, wenn Lia nicht gewesen wäre.“

„Ja.“ Keira nickte. „Aber nun ist es anders. Nun bist du bei uns. Du hast dich und dein Leben verändert. Du bist nicht mehr länger einem anderen ausgeliefert, der über die Dauer deines Lebens entscheidet.“

Ein mattes Lachen entfuhr der Kehle des jungen Mannes.

„Verstehst du nicht, Keira? Verstehst du nicht, was ich dir zu erklären versuche?“ Er holte kurz Luft.

„Es war bisher die Bestimmung der Todesritter, für ihre Aufgabe zu sterben. Lucio und Ragon waren brillante Schwertkämpfer und besaßen sogar eine magische Begabung, dennoch fanden sie letztlich den Tod. Warum sollte das bei mir nun anders sein? Als Schattendiener war es mein Schicksal zu sterben und als Todesritter wird das nicht anders sein.“

Eine bedrückende Stille breitete sich im Raum aus. Keira öffnete kurz den Mund, wollte etwas sagen, doch es drang kein Laut heraus. Schließlich schloss sie ihn wieder und starrte ebenfalls an die schwarze Decke.

Enago hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Als sie in die Höhle gegangen waren, war es Abend gewesen. Die Sonne war langsam hinter den Bergen verschwunden und der Mond hatte sich blass am Himmel gezeigt. In der Orbis-Höhle waren die einzige Lichtquelle die Fackeln, deren blauer Schein Schatten an die Wände warf und sie tanzen ließ. Das schimmernde Licht ließ die ohnehin schon bedrückende Stimmung endgültig erfrieren. Ob es schon mitten in der Nacht war oder schon der nächste Morgen? Enago war nicht begierig, es herauszufinden. Er war müde, sein Gesicht war gezeichnet vom Kampf. Jetzt, da es vorbei war, konnte er sich erholen. Doch wie lange war das noch möglich? Vielleicht würde er bald seine ewige Ruhe finden.

„Du irrst dich“, wandte Keira plötzlich ein.

„Wie bitte?“

„Ich sagte, du irrst dich.“ Sie wandte den Blick von der dunklen Decke ab und sah ihm tief in die Augen.

„Du wirst nicht sterben, nur weil du das schwarze Schwert angenommen hast. Du bist nun Herr deines Willens.“

„Wie kannst du dir da nur so sicher sein?“

Die Seherin zuckte lediglich mit den Schultern. „Ich weiß es einfach. Ich weiß, dass du es schaffen wirst. Du bist stark, Enago. Es ist nicht das Schicksal der Todesritter, zu sterben. Lucios Tod war tragisch und sinnlos. Aber Ragon hat ihn nicht gefürchtet. Ich glaube, er hat es gewusst.“

Enago runzelte die Stirn. „Wie konnte er es gewusst haben?“

„Erinnerst du dich noch, als das Orakel mit ihm gesprochen hat?“

Der junge Mann nickte. Kurz bevor sie aufgebrochen waren, den Schatten in einem einzigen, endgültigen Kampf zu besiegen, hatte das Orakel mit Lia, dann mit ihm und schließlich mit Ragon in einem kleinen Raum neben der Haupthalle der Höhle gesprochen.

„Wie ist es möglich, dass Lysia seinen Tod voraussah? Sie ist doch keine Zeitseherin.“

„Ich weiß es nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie durch die Göttin Kräfte erlangt hat. Vielleicht hat sie sie im Traum besucht, ihr von dem tragischen Ereignis berichtet. Surah triff manchmal rätselhafte Entscheidungen, aber sie trifft sie immer mit Bedacht.“

Enago schlug die Augen nieder, ließ sich ihre Worte eine Weile lang durch den Kopf gehen.

„Aber wie konnte er das alles so leicht hinnehmen? Warum hat er nicht mit Lia geredet und sich von ihr verabschiedet?“

Keira biss sich auf die Unterlippe. „Er wollte sie gewiss nicht damit belasten. Sie hätte sich von ihrer Aufgabe abgewandt und versucht, ihn zu schützen. Außerdem bin ich mir sicher, dass es für ihn so leichter war, von uns zu gehen.“

„Wie kann es leicht sein, zu sterben? In meiner gesamten Zeit als Schattendiener habe ich mich nie damit abgefunden, zu sterben. Jeden Tag sah ich Menschen sterben. Täglich sind sie verreckt und das manchmal auch durch mein Zutun. Und dennoch blieb der Funke der Furcht an mir haften, selbst einmal gehen zu müssen.“

Die Seherin lächelte belustigt. Enago hatte schon immer viel gefragt. Seine Neugier gefiel ihr, seine Augen verrieten seine Gefühle, seine Gedanken, wenn er die Antwort erfuhr.

„Lucio war für Ragon wie ein Bruder gewesen, er hat sich mit seinem Tod nicht abfinden können und deshalb fiel es ihm leichter, zu sterben.“ Sie seufzte. „Aber ich denke, dass er sich vor seinem Tod Vorwürfe gemacht hat. Schließlich musste er Lia alleine zurücklassen.“ Sie verstummte, ihr Blick wanderte zu ihren Stiefeln.

Enago merkte, dass sie ihre Gefühle versteckte und nur äußerlich ruhig blieb. In ihrem Inneren musste es anders aussehen. Er war sich sicher, denn auch sein Innerstes glich einem einzigen Chaos. Es fiel ihnen schwer, über dieses Thema zu reden, denn keiner von ihnen wollte die Ehre des zweiten Todesritters verletzen und dabei spielte es keine Rolle, dass er tot war. Sie hatten einen guten Freund verloren und obwohl der Schatten besiegt und für immer weggesperrt worden war, schien alles nicht wirklich. Sie müssten glücklich sein, erleichtert und froh, das Böse besiegt zu haben. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Enago konnte nicht sagen warum, aber er war sich sicher, dass ihr Kampf noch nicht vorbei war.

Der kleine Handspiegel reflektierte sie. Wie lange sie schon in ihn hineinstarrte, vermochte sie nicht zu sagen. Vielleicht waren es Minuten, vielleicht aber auch Stunden. Es war seltsam, sich selbst im Spiegel zu erblicken und dennoch eine Fremde zu sehen. Das Mädchen, das immer an das Gute in den Menschen geglaubt, das der Dunkelheit mit einem Lächeln entgegengeblickt hatte, war verschwunden. Die Gestalt, die sie mit einem grimmigen Blick ansah, war sie es wirklich? Das Mädchen besaß eine bleiche, weiße Haut. Unter ihren Augen zeichneten sich tiefe Ringe ab, doch sie wirkte nicht einmal erschöpft. Es war das Leid, das aus ihr sprach. Sie hatte gewusst, dass der Kampf sie zeichnen würde, aber sie war überrascht gewesen, als sie sich selbst in die Augen geblickt hatte. Früher waren sie dunkel gewesen, fast schwarz, sodass man ihre Pupille nicht mehr hatte sehen können. Nun waren sie rot. Rot wie Blut, starrten sie sie aus dem kleinen silbernen Handspiegel an. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, so als ob sie noch immer daran zweifelten würde, dass sie es wirklich war. Doch es gab keinen Zweifel an ihrem Wandel. Sie hatte sich verändert und das nicht nur äußerlich. Lia erinnerte sich.

Als sie vor Ragons Grab gekniet hatte, war etwas mit ihr geschehen. Der Schmerz über seinen Verlust war so unendlich groß gewesen, hatte sie so viele Tränen gekostet. Sie war an seinem Grab eingeschlafen und der Regen hatte für sie weiter geweint. Als sie aufgewacht war, war der Schmerz verschwunden. Sie wusste nicht wohin oder wer ihn genommen hatte, aber sie war sich sicher gewesen, dass sie diese Gefühle nicht noch einmal erleben wollte. Die Frage nach dem Warum hatte sie sich zu oft gestellt. Sie hatte es hingenommen, dass er nicht mehr zurückkommen würde Aber das Wie hatte sie tief erschreckt. Es waren eine Gleichgültigkeit und eine Kälte in ihrem Inneren aufgetreten, so wie sie es zuvor noch nie verspürt hatte. Dieses Gefühl war nicht verschwunden, es war geblieben und nun war es ein Teil von ihr. Sie würdigte der Gestalt im Spiegel noch einen letzten Blick, dann legte sie ihn auf den Tisch neben sich und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Ihr Blick wanderte in dem kleinen Nebenraum umher. So schwarz wie die Wände war nun ihre Seele. Schließlich sah sie das kleine Messer, das vor ihr auf dem Tisch lag. Sein Griff war aus einem kleinen Knochen gefertigt worden und auf einer Seite der Schneide befanden sich viele kleine Kerben. Lia griff danach und wog das Messer in ihrer Hand. Es überraschte sie, als sie feststellte, wie schwer die kleine Waffe wirklich war. Ob der Griff aus einem Menschenknochen gefertigt worden war?

In der glänzenden Schneide fielen ihr wieder ihre Augen auf, die sie in einem gefährlichen Rot trotzig anblickten. Sie ließ das Messer sinken, wollte ihren Wandel nicht mehr zu Gesicht bekommen. Doch sie wusste, dass sie ihm nicht entfliehen konnte. Sie fuhr sich durch ihre braunen Haare. Es hatte lange gedauert, bis sie so lang geworden waren und Lia hing sehr an ihnen. Aber sie erinnerten sie zu sehr an ihre Vergangenheit. Die Erinnerungen könnten den alten Schmerz wieder erwecken und das durfte sie auf keinen Fall zulassen. Sie hatte sich verändert, sie war ein anderer Mensch geworden und ihre Haare passten nun nicht mehr zu dem Bild, das sie im Spiegel gesehen hatte. Sie hob das Messer wieder und setzte es an ihren Haaren an. Das Messer würde ohne große Schwierigkeiten durch sie hindurchfahren, sie bis zu den Schultern stutzen. Lia holte einmal tief Luft und schloss die Augen. Es musste sein.

„Und was genau willst du damit bezwecken?“

Lia ließ erschreckt das Messer fallen. Es landete leise klirrend auf dem steinernen Boden. Die Todes Tochter fuhr wütend herum. Doch bevor sie den Mund auch nur halb geöffnet hatte, schloss sie ihn wieder und starrte das Orakel mit kalter Miene an. Sie stand in der Tür, hatte sich gegen den kalten Felsen gelehnt und betrachtete sie aus großen braunen Augen. Lia unterdrückte ein leises Fluchen. War sie wirklich so unaufmerksam gewesen? Sie wusste, dass das Orakel eine Antwort auf die Frage erwartete, aber Lia war nicht gewillt, dem nachzukommen. Sie drehte sich mit einem Ruck wieder herum, hob das hinuntergefallene Messer auf und legte es zurück auf den Tisch. Hinter sich hörte sie, wie Lysia langsam näherkam und sich schließlich auf den zweiten Stuhl ihr gegenübersetzte. Sie sah Lia an, Lia sah sie an und keine von beiden verzog auch nur eine Miene. Sie saßen sich gegenüber und starrten einander mit kaltem Blick an. Die Zeit verstrich und Lia begann zu frösteln. Erst begann die Kälte sie zu stören, dann aber rief sie sich in Erinnerung, dass genau dies ihr Innerstes widerspiegelte. Sie war kalt geworden, kalt und erbarmungslos.

„Wenn du zulässt, dass es Besitz von dir ergreift, wird alles nur noch schlimmer werden.“

Lia hob verwundert den Kopf, blickte Lysia fragend entgegen.

„Was meinst du?“, krächzte sie.

Ihre Stimme war rau und klang verzweifelt. Auch sie musste sich verändert haben, hatte an jeglicher Stärke verloren und klang mehr wie die einer verlorenen Seele als die eines Menschen.

Das Orakel begann spöttisch zu grinsen.

„Du weißt genau, wovon ich rede“, erwiderte sie und lehnte sich gelassen im Stuhl zurück. Als Lia jedoch nicht antwortete, erlosch das Grinsen wieder.

„Ich sehe, dass es dich bereits erreicht hat, dass es schon in dir weilt.“

Lia knirschte wütend mit den Zähnen. „Sprich deutlicher, Lysia. Was ist in mir?“

Die Todes Tochter war sich nicht sicher, ob sie dieses Gespräch mit dem Orakel der Surah wirklich führen wollte, aber nun war es zu spät.

„Die Kälte“, flüsterte das Mädchen. „Die Kälte ist in dir und mit ihr gewinnt deine böse Seite an Macht.“

Ein leises Lachen drang aus Lias Kehle. Es sollte spöttisch klingen, aber es lagen auch Zweifel darin.

„Das ist doch albern, Lysia.“ Sie wollte noch etwas sagen, aber ihre Stimme versagte plötzlich.

Das Orakel hatte seinen stechenden Blick auf Lia gerichtet. Schon damals während ihrer ersten Begegnung, als sie kurz vor dem Kampf gegen den Schatten standen, hatte Lia diesen Blick nur schwer ertragen. Er drang tief in ihre Seele, bohrte sich in sie hinein, wie ein scharf geschliffenes Schwert in den Körper seines Opfers. Er war unangenehm und es war unglaublich schwer, ihm standzuhalten. Heute jedoch erwiderte die Todes Tochter diesen Blick mit Leichtigkeit.

„Du hast dich verändert und du hast dich nicht einmal dagegen gewehrt.“

In den Worten des Orakels schwang tiefe Trauer mit und Lia wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie legte ihre Stirn in Falten und wartete darauf, dass Lysia weitersprach.

„Dein Wandel ist nun geschehen. Er hat einen Teil von dir schon besetzt. Lass nicht zu, dass er dich völlig kontrolliert. Es wird ihn nicht zurückbringen.“

„Von wem sprichst du?“

Das Orakel antwortete nicht auf diese Frage und die Todes Tochter war froh, seinen Namen nicht wieder hören zu müssen. Er erweckte unbändigen Schmerz. Das Orakel seufzte.

„Versprich mir, dass dein Wandel nicht deine Seele frisst.“

„Ich habe mich nicht gewandelt“, trotzte Lia.

„Oh doch, das hast du und es ist zwecklos, es zu leugnen. Deine roten Augen verraten dich.“

Lia schwieg. Ob Lysia schon im Türrahmen gestanden hatte, als sie sich im Handspiegel betrachtet hatte? Andererseits waren ihre blutroten Augen kaum zu übersehen. Sie stachen aus ihrem Gesicht hervor, wie zwei funkelnde Rubine inmitten eines schwarzen Kohlehaufens. Lia strich sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und mit einem Mal war sie froh, dass das Orakel sie noch rechtzeitig davon abgehalten hatte, sie zu stutzen.

„Was passiert mit mir?“, flüsterte sie.

Lysia seufzte tief und blickte die Todes Tochter aus ihren großen, runden Augen mitfühlend an.

„So genau weiß ich das leider auch nicht.“

„Aber du weißt etwas?“

Das Orakel nickte. „Deine Wandlung ist eine Mischung aus der Magie deiner dunklen Seite und deinem Schmerz.“

Lia blickte ihr Gegenüber unverständlich an. „Ich verstehe nicht.“

Lysia kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Du weißt, dass du zwei Seiten Magie in dir besitzt.“

Lia nickte und das Orakel fuhr fort.

„Die eine ist die helle Seite, sind deine guten Eigenschaften, die dich mit Viridis verbinden. Die andere Seite wird von dunkler Magie beherrscht, sind die bösen Eigenschaften …“

„Rufus“, bestätigte Lia.

„Ja. Rufus beinhaltet das Gnadenlose, den puren Gefallen am Kampf. Aber darüber muss ich dir nun wirklich nichts erzählen.“ Lysia rieb ihre Handflächen nervös aneinander und für einen kurzen Augenblick glaubte Lia, dass sie nicht weitersprechen würde.

„Die Todes Tochter muss stets beide Seiten im Gleichgewicht halten. Sie muss das Gute sowie das Böse in sich kontrollieren können.“ Sie brach wieder ab und betrachtete den kalten Boden. „Nun …, nun ist es aber geschehen, dass eine Seite in dir die Oberhand gewonnen hat. Die dunkle Seite überwiegt nun in dir. Das an sich wäre nicht weiter schlimm, wenn da nicht der Schmerz wäre. Der Schmerz über deinen tragischen Verlust verleiht dem Bösen in dir mehr Macht, als du dir vorstellen kannst. Wenn du nicht Acht gibst, wird diese Macht so groß, dass sie deine Seele völlig ausfüllt. Du wärst in dir selbst verloren.“

Die letzten Worte hatte Lysia geflüstert und dabei immer bedacht, Lia nicht anzusehen. Die Todes Tochter spürte, wie ihr Herz hart gegen ihre Brust schlug. Sie wusste, dass Lysia größten Respekt, wenn nicht gar Angst vor dem verspürte, was sie ihr gerade erzählt hatte.

„Aber warum die roten Augen?“, fragte Lia. Das Orakel hob den Kopf, blickte ihr endlich wieder entgegen.

„Sie sind die Mischung, das Zeichen dafür, dass das Böse dabei ist, die Oberhand zu gewinnen. Sie zeigen den Kampf in deinem Inneren, der dabei ist, ausgefochten zu werden. Aber in erster Linie zeigen sie den Schmerz selbst.“ Sie unterbrach kurz, um sich am Handgelenk zu kratzen. „Sie zeigen, dass du jemanden verloren hast, der dir sehr viel bedeutete. Es war eine Art Band zwischen dir und Ragon.“ Bei seinem Namen zuckte Lia unwillkürlich zusammen. Ihrem Herzen war ein kräftiger Stoß versetzt worden. Beim Klang seines Namens begann es zu bluten.

„Dieses Band ist mit seinem Tod zerrissen worden. Jeder von uns, dem ein Mensch etwas bedeutet, baut im Laufe der Zeit eine Verbindung mit ihm auf. Aber nur, wenn sie äußerst stark und mächtig ist und die Person, die ihn verliert, eine magische Begabung besitzt, können sich die Augen verfärben.“ Sie schmunzelte kurz. „Das alles ist ziemlich kompliziert. Das Wichtigste, das du dir merken solltest, ist, dass ihr, du und Ragon, eine solch mächtige Verbindung besessen habt. Es kann sein, dass sie durch eure Erschaffung so stark wurde. Noch wichtiger ist aber, dass das Böse in dir nicht siegen darf. Du musst beide Seiten im Gleichgewicht halten.“ Das Orakel stand auf, doch da hob Lia plötzlich die Hand.

„Warte.“

Lysia runzelte verwundert die Stirn, setzte sich aber wieder zurück auf ihren Stuhl.

„Was ist?“, fragte sie angespannt.

„Ich …, meine Wandlung“, begann Lia zögerlich. „Die Mischung aus Schmerz und dunkler Magie, macht sie mich kalt? Lässt sie mich in Gefühllosigkeit versinken?“

„Warum willst du das wissen?“ Die Augen des Orakels hatten sich zu kleinen Schlitzen verengt und das freundliche Funkeln, das jeden augenblicklich in seinen Bann zog, war verschwunden.

„Bitte, Lysia, ich muss es wissen. Werden meine guten Gefühle, wird das Positive in mir mit der Zeit verblassen, sodass nur noch der Zorn Platz in mir findet?“

„Spürst du es etwa?“

Lia konnte die Furcht in den Augen des Orakels erkennen.

„Spürst du die Kälte?“

„Bitte Lysia, sag mir einfach nur, was ich wissen möchte.“ Es lag nicht in Lias Absicht, zu schreien, dennoch konnte sie den aufbrausenden Unterton in ihrer Stimme nicht vermeiden.

Lysia starrte sie einen kurzen Moment lang unsicher an, dann nickte sie zaghaft.

„Ja, genauso ist es. Das, was wir mit dem Bösen verbinden, erscheint in unseren Gedanken meist anders, als es in Wirklichkeit ist. Dabei kann die dunkle Seite, sollte sie überwiegen, in vielen verschiedenen Variationen auftreten.“

Lia ließ sich langsam in den Stuhl zurücksinken und schloss die Augen. Zu viele Informationen prasselten gerade auf sie herab und verlangten danach, erst einmal in Ruhe überdacht zu werden.

„Warum?“, fragte Lysia schließlich leise. „Warum fragst du? Kannst du es etwa schon spüren?“

„Nein“, die Todes Tochter schüttelte langsam den Kopf. „Ragon, er trug dieses Leid, diesen Schmerz aber offenbar in sich. Ich habe einmal gesehen, wie seine Augen rot aufblitzen, als er mir von Lucio erzählte. Sie leuchteten rot, als er mir vom Tod des ersten Todesritters erzählte und davon, dass er ihn nicht verhindern konnte.“ Lia öffnete ihre Augen wieder und sah, wie das Orakel nickte.

„Ihr wurdet alle aus dem Blut des Zauberers Lunus erschaffen. Dies verleiht euch vielleicht diese ganz besondere Verbindung.“

Auch Lia nickte. Mit einer Hand fuhr sie über die zwei schwarzen Schwerter, die sie mit einem Gürtel an ihrer Seite befestigt hatte. Sie fuhr über grünen Edelstein, der in Viridis eingearbeitet worden war. Sie fuhr über den roten in Rufus und mit Erschrecken stellte sie fest, dass sie bei seiner Berührung die Kälte ganz deutlich spürte.

Ein Versteck für den Stein

Ich verstehe nicht, warum wir uns darum kümmern müssen, wo wir den schwarzen Stein aufbewahren.“ Enago verschränkte die Arme vor der Brust und starrte Lysia aus seinen wilden braunen Augen fragend an.

Das Orakel erwiderte seinen sturen Blick mit einem kurzen Lächeln.

„Ich habe nur gesagt, dass es wichtig wäre, einen geeigneten Ort für ihn zu finden. Schließlich ist er das Gefängnis einer Höllenkreatur und das sollten wir beim besten Willen nicht vergessen.“

Lysia stützte ihren Kopf auf eine Handfläche und lehnte sich gelassen in ihrem Thron zurück. Nach ihrem Gespräch mit der Todes Tochter waren sie in der Haupthalle der Orbis-Höhle auf Keira und Enago gestoßen. Eine Zeit lang hatte die Stille geherrscht, niemand hatte es gewagt, ein Wort zu sagen, bis Lysia schließlich doch das Schweigen unterbrochen hatte.

Lia stützte sich mit einem Arm auf der Lehne des Throns ab und starrte mit einem nahezu ausdruckslosen Gesichtsausdruck in die Runde.

„Ich muss Lysia recht geben“, sagte sie schließlich. „Wir müssen uns auf einen Platz einigen, wo wir den schwarzen Stein aufbewahren können. Ich verspüre nicht das Verlangen, ihn bis an mein Lebensende in der Tasche herumzutragen.“

Ganz automatisch fuhr sie mit ihrer Hand in die eingenähte Tasche ihres Kleides und umfasste den kleinen Gegenstand in ihr. Er fühlte sich warm und vertraut an und doch verabscheute die Todes Tochter ihn aus tiefstem Herzen. Langsam zog sie ihn heraus. Ihre Hand war zur Faust geballt und erst als ihre Hand weiß wurde, öffnete sie sie. Der Stein glänzte makellos und mächtig. Doch als Lia ihn drehte, konnte man dünne Linien erkennen, die sich durch seine Oberfläche zogen und in ihm Risse hervorriefen.

Dieser Makel bildete das Wort Surah. Die Göttin Surah gebot über das Leben und den Tod und ihre Macht war vor langer Zeit dem Zauberer Lunus in Form des schwarzen Steins zum Schutz überreicht worden. Doch dann war der Schatten aus der Hölle entkommen und nach einer langen Reise hatte sich ihr aller Schicksal gewendet. Im entscheidenden Kampf gegen den Schatten hatte Lia erfahren, dass der Zauberer ihr damals die Kräfte übergeben und so aus einem einst mächtigen Artefakt einen gewöhnlichen Stein gemacht hatte. Jetzt war der Stein, der der Höllenkreatur eigentlich zum Sieg hatte verhelfen sollen, zu seinem Gefängnis geworden. Der Schatten befand sich in ihm und Lia verspürte jedes Mal ein unangenehmes Kribbeln auf ihrer Haut, wenn sie die Oberfläche des Steins berührte. Es war, als ob er sich in ihre Handfläche fressen würde, um ihrem Griff zu entfliehen.

Nachdem sich die Todes Tochter versichert hatte, dass ihre Gefährten beim Anblick des schwarzen Steins genau die gleiche Verachtung und Abscheu empfanden, steckte sie ihn zurück in ihre Tasche, froh, das lästige Kribbeln wieder los zu sein.

„Wenn ihr ihn unbedingt loswerden wollt, dann werft ihn doch einfach weg oder versenkt den Stein in einem tiefen See.“

„Wir wollen den Stein nicht loswerden, nur sicher verwahren“, entgegnete Lysia und verdrehte dabei genervt die Augen.

Enago verstand die Situation noch immer nicht. „Auf dem Grund eines Sees ist er sicher verwahrt.“ Auf dem Gesicht des jungen Mannes erschien ein kurzes Grinsen, das jedoch schnell wieder erlosch, als er nur finstere Blicke erntete.

„Es stimmt, wir sollten ihn nicht hierbehalten“, warf nun auch Keira ein. Ihre langen blonden Haare glänzten im blauen Licht der Fackeln und Enago spürte, wie beim Anblick ihrer makellosen Gestalt seine Knie zu zittern begannen.

„Es wäre nicht klug, unseren Feind, auch wenn er gefangen ist, in unserer Nähe zu behalten. Er lebt noch und seine Gedanken sind so dunkel wie zuvor. Wir benötigen einen Ort, den niemand so schnell aufspürt, an dem ihn menschliche, immer noch treu ergebene Schattendiener nicht finden. Die Orbis-Höhle ist zwar ein gut verborgener Platz, jedoch befürchte ich, dass uns die Nähe der Höllenkreatur schaden wird.“

Die Todes Tochter stimmte der Seherin mit einem kurzen Nicken zu. „Ich gebe dir recht. Seitdem ich den Stein in meiner Tasche trage, kann ich seine Präsenz mal mehr, mal weniger deutlich spüren. Es ist, als ob mich seine toten weißen Augen ständig beobachten, jeden meiner Schritte verfolgen.“

Enago erschauderte bei dem Gedanken, dass sein ehemaliger Meister Notiz von ihnen nahm und möglicherweise sogar ihre Gespräche belauschte.

„Wir müssen einen Platz finden, an dem der Stein sicher ist und nicht gefunden werden kann“, erklärte Lia. „ Jedoch bin ich mir sicher, dass ihr euch bewusst seid, dass solche Plätze kaum noch existieren.“

„Damit wirst du leider recht haben.“ Keira schlug betrübt den Blick nieder. „Die Welt ist nicht mehr das, was sie einmal war. Die Menschen sind begierig, ihre größten Geheimnisse zu entdecken, sie lassen sich mit gefährlichen Kräften ein, von denen sie letztlich aber nicht das Geringste verstehen und zerstören damit die Magie unserer Welt.“

Lia verstand nicht genau, wovon die Seherin sprach, aber sie konnte an ihrem Blick erkennen, dass es sie innerlich sehr aufwühlte.

„Und wenn wir ihn einfach vergraben?“, schlug sie vor.

Lysia schüttelt den Kopf, dabei lösten sich mehrere Locken aus ihrer Frisur und fielen ihr ins Gesicht.

„Ich glaube nicht, dass das klug wäre. Er könnte wieder an die Oberfläche gelangen, wenn der Regen die Erde aufweicht und wegspült. Oder schlimmer noch, er könnte, sei es durch puren Zufall, von jemand anderem gefunden werden.“

Die Todes Tochter brachte ein kurzes Nicken zustande. Nein, es war gewiss nicht klug, den Stein einfach unbeobachtet zu lassen und darauf zu vertrauen, dass niemand ihn je finden würde.

„Wir bräuchten einen Wächter“, sprach sie ihre Gedanken schließlich laut aus.

„Einen Wächter?“ Enago legte die Stirn in Falten. „Was meinst du damit?“

Auch die Seherin und das Orakel blickten Lia fragend an. Die Todes Tochter fuhr sich kurz mit der Zunge über die Lippen, bevor sie den Mund öffnete, um ihren Gefährten zu antworten.

„Meiner Meinung nach kann es nicht schaden, wenn es einen Wächter für den Stein gibt. Eine Person, die sich der Gefahr im Inneren des schwarzen Steins bewusst ist und dafür sorgt, dass sie nie wieder ausbricht.“

Auf dem Gesicht der Seherin erschien ein Lächeln, das ihre wässrigen blauen Augen aufblitzen ließ. „Du meinst so, wie Lunus damals über den schwarzen Stein wachte.“

Lia nickte. Der Zauberer Lunus war damals, bevor er sie und die beiden ersten Todesritter erschaffen hatte, der Wächter des schwarzen Steins gewesen. Surah, die Göttin des Lebens und des Todes selbst, hatte ihn für diese wichtige Aufgabe auserkoren.

„Die Idee ist durchaus klug“, bestätigte Lysia und ließ ein kurzes Kichern ertönen. „Aber habt ihr schon vergessen, wie es dem Wächter, wie es Lunus damals letztlich erging?“

Stille breitete sich in der Höhle aus und nur das leise Knistern der Fackeln wurde von den schwarzen Wänden zurückgeworfen. Natürlich hatte niemand von ihnen vergessen, was letztendlich das Schicksal des weisen Mannes gewesen war. Dennoch ergriff Lysia erneut das Wort.

„Der Schatten hat ihn gefunden. Er hat ihn an einem magischen Ort gefunden, von dem man dachte, er sei dort gut genug verborgen. Doch das war er nicht. Lunus fand den Tod.“ Die letzten Worte hatte das Orakel geflüstert und dabei die Augen weit aufgerissen. Jetzt lehnte sie sich langsam in ihrem Thron zurück, schlug die Beine übereinander und wartete darauf, dass einer ihrer Gefährten zu sprechen begann.

Enago tat ihr schließlich diesen Gefallen. „So kommen wir doch nicht weiter.“ Seufzend fuhr er sich mit der flachen Hand durch seine schwarzen Haare. „Einen Wächter zu bestimmen ist durchaus klug und ratsam, dennoch bleibt die Frage, wer wird dieser Wächter sein? Einer von uns wird sich wohl kaum bereiterklären, auf das, was wir in der letzten Zeit erfolgreich bekämpft haben, Tag und Nacht aufzupassen. Und selbst wenn wir eine geeignete Person fänden, wo bliebe dieser Jemand? Ich denke, es ist klar geworden, dass es zu wenige unbekannte und sichere Plätze gibt. Und die Orte, die vermeintlich sicher erscheinen, es schließlich nicht sind.“

Keira verschränkte die Arme vor der Brust. „Also befinden wir uns wieder am Anfang. Wir wissen nicht, was wir mit dem schwarzen Stein anstellen sollen.“

Lia fuhr sich mit einer Hand über den Arm, sie fröstelte leicht. Es war nicht kalt in der Höhle und das blaue Feuer der Fackeln spendete zusätzlich etwas Wärme. Dennoch spürte sie, wie schon so oft in letzter Zeit, eine unangenehme Kälte, die seltsamerweise von ihr selbst ausging. Die Kälte war wie eine große, unheimliche Hand, die sich langsam auf ihre Schulter legte, einen Schatten über sie warf.

Plötzlich stieß Keira einen leisen Schrei aus. Lia und Lysia hoben erschreckt die Köpfe und Enago griff sofort nach seinem Schwert. Doch es war keine Gefahr vorhanden, nichts Ungewöhnliches hatte die Seherin erschreckt. Ein leises Lächeln zierte ihr schönes Gesicht und als ihre Gefährten sie mit verständnisloser Miene anblickten, blitzten ihre wasserblauen Augen erfreut auf.

„Gut gemacht, Enago.“ Ihre Worte schienen der Situation nicht angemessen und steigerten nur die Verständnislosigkeit der anderen.

Enago ließ den Griff seiner Waffe wieder los. „Was habe ich Gutes getan?“, fragte er.

Auch Lysia legte den Kopf fragend auf die Seite und starrte Keira aus großen runden Augen neugierig an. „Das möchte ich auch gerne wissen.“

Das Lächeln im Gesicht der Seherin erstarb nicht. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wartete noch einen kurzen Augenblick, bis sie sich sicher war, die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Gefährten zu besitzen.

„Ich weiß es“, rief sie schließlich.

„Was weißt du?“ Lia konnte die Neugier in ihrer Stimme nicht verbergen.

„Ich weiß, wo wir den schwarzen Stein aufbewahren können und wo er sicher sein wird.“

Lia sah, wie Lysia begeistert nach Luft schnappte und auch sie konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. Die plötzliche Idee, der Gedanke der Seherin begeisterte sie und es genügte ein kurzer Blick in ihr strahlendes Gesicht und auch Lia fühlte einen kleinen Funken Hoffnung in sich aufkeimen, dabei kannte sie noch nicht einmal die Hintergründe des Plans.

„Und dabei soll dir Enago geholfen haben?“ Die Todes Tochter beschloss fürs Erste skeptisch zu bleiben. Sie wusste, dass es nicht gut war, überstürzte Entscheidungen zu treffen. Keira stieß ein kurzes Lachen aus.

„Mehr oder weniger. Enago hat mir unbewusst geholfen. Eigentlich hätte ich schon viel früher darauf kommen müssen. Aber erst jetzt ist mir klar geworden, dass sein Vorschlag gar nicht so abwegig war.“

„Welcher Vorschlag?“ Der junge Mann legte die Stirn in Falten.

„Du wolltest den schwarzen Stein in einem See versenken“, erklärte Keira und starrte Enago dabei mit ihren tiefblauen Augen an. Stille begann sich im Raum auszubreiten, bis Lia plötzlich ein abschätziges Lachen ausstieß.

„Du willst den schwarzen Stein wirklich in einem See versenken? Wir wollten ihn doch nicht loswerden. Zudem ist es zu gefährlich. Wir wissen nicht, wer ihn finden könnte …“

„Nein“, unterbrach die Seherin sie. „Es wäre gewiss nicht klug, den Stein einfach wegzuwerfen. Ich habe diese Idee natürlich nicht in Erwägung gezogen.“ Mit einem kurzen Blick entschuldigte sie sich bei Enago, der ihr sofort wieder verzieh. Ihre langen blonden Haare wippten bei jeder ihrer Bewegungen fröhlich mit. Irgendetwas erfreute sie.

Lia wartete darauf, dass Keira weitersprechen würde und ihren plötzlichen Einfall weiter erklärte, doch die junge Frau schwieg und starrte sie aus ihren wasserblauen Augen an. Ihre Gefährten starrten zurück. Sie verstanden nicht, worauf die Seherin hinauswollte. Schließlich beendete die Todes Tochter das Schweigen. Sie strich sich eine braune Haarsträhne aus dem Gesicht und trat langsam einen Schritt vor.

„Was für einen Vorschlag möchtest du unterbreiten?“ Ihre Frage sollte nicht kühl klingen und schon gar nicht zweifelnd. Doch Lia musste feststellen, dass in ihrer Stimme ein fremder Unterton mitschwang.

Keiras fröhlicher Blick verschwand für einen kurzen Moment hinter einer Maske aus Überraschung und Zorn. Lia hatte mit ihrer Frage unabsichtlich das Wissen der Seherin in Frage gestellt. Es war nicht klug, einer Seherin oder einem Seher jemals zu misstrauen, wenn es darum ging, was sie wussten. Die Menschen, die eine ganz besondere Gabe ihr Eigen nennen konnten, sammelten seit vielen hundert Jahren magisches Wissen und verbargen es vor machthungrigen Geschöpfen. Dieses Wissen wurde dann von Generation zu Generation weitergegeben und jedes Mal war es größer und wertvoller als zuvor. Es gab wohl kaum jemanden auf der Erde, der mehr Wissen besaß als ein Seher.

Sollte Keira durch Lias zweifelnde Frage gekränkt worden sein, so ließ sich die schöne Frau das nicht anmerken. Ihr liebliches Lächeln zierte wieder ihre Lippen und sie sah Lia mit festem Blick in die Augen. „Ich will euch nur sagen, dass ich weiß, wo wir den schwarzen Stein hinbringen können. Ich weiß, wo er sicher ist.“

Es folgte wieder eine kurze Pause.

„Und wirst du uns auch verraten, wo das wäre?“, fragte Lysia.

Als Antwort stieß Keira nur ein tiefes Seufzen aus und blickte betrübt auf ihren Knöchel.

Da dämmerte es Lia plötzlich. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Es ist ein magisches Geheimnis, nicht wahr?“

Keira nickte. Ein magisches Geheimnis verkomplizierte die Sache nur noch. Die Seherin konnte durch eine Rune auf ihrem Knöchel, eine kleine Sichel mit einem ausgefüllten Punkt in der Mitte, bestimmte Dinge, die zum Kreis des aufbewahrten Wissens der Jahrhunderte gehörte, nicht verraten. Ansonsten würde die Magie der Todesrune sie sofort töten.

„Das gestaltet die Sache nicht gerade einfach“, warf Enago ein.

Lysia nickte. „Gibt es keinen anderen Weg, der uns verraten könnte, an was du denkst?“

Keira schüttelte den Kopf. „Wir müssen uns eine Alternative überlegen. Oder ihr müsst mir einfach blind vertrauen.“

Lia schluckte. Natürlich wusste sie, dass sie der jungen Frau vertrauen konnte. Keira war zu gutherzig und zu klug, um sie zu verraten oder einen unüberlegten Vorschlag zu äußern. Dennoch gefiel es ihr nicht, ohne jegliches Wissen einfach so an einen unbekannten Ort zu gehen. Sie wollte schon widersprechen, wollte sagen, dass es keine gute Idee war, sich einfach so ins Unbekannte zu wagen, als ihr Lysia zuvorkam.

„Ich finde, wir sollten Keira vertrauen.“

Sofort besaß das Orakel die Aufmerksamkeit der Gefährten. Sie zuckte verlegen mit den Achseln.

„Sie kann uns zwar nicht sagen, wo wir den Stein hinbringen, dennoch finde ich, dass es keinen Grund gibt, ihr nicht zu vertrauen. Sie weiß, was sie tut. Obendrein haben wir im Moment keinen besseren Vorschlag oder sehe ich das falsch?“

Enago schüttelte den Kopf. „Ich denke, du hast recht, Lysia. Es gibt keinen Grund, ihr nicht zu vertrauen. Sie hat damals, als der Schatten noch nicht eingesperrt war, versucht, uns zu helfen, indem sie uns zu Lysia bringen wollte. Sie hatte das Orakel in einer Vision gesehen und ich denke, dass das mehr als hilfreich war.“

Er schenkte Keira ein kurzes Lächeln, das sie sofort erwiderte. Jetzt drehten sich alle Köpfe zu Lia herum. Die Todes Tochter blickte mit ihren roten Augen in die einzelnen Gesichter. Sie hatte eigentlich keine Wahl mehr.

„Kennst du denn auch ganz bestimmt den Weg, Keira? Kennst du die Gefahren, die uns möglicherweise erwarten können?“

„Also ist es beschlossen?“, fragte die junge Frau.

„Es ist beschlossen.“

Gerade als die Worte den Mund des jungen Mädchens verließen, fiel ihr Blick auf Enago. Ihre Augen wanderten an seinem Körper hinab bis hin zur Hüfte und was sie dort sah, versetzte ihr einen gewaltigen Stoß. Es war, als ob jegliche Luft aus ihren Lungen gepresst worden wäre. Ihr Kopf begann zu schmerzen, ihr wurde schwindelig.

„Nein“, hauchte sie. Doch sie konnte nicht leugnen, was sie soeben erblickt hatte.

Enago legte die Stirn in Falten. Ihm war Lias entsetzter Blick natürlich nicht entgangen.

„Was hast du?“, fragte er.

„Wie konntest du?“ Lia wollte nicht schreien, wollte so verhindern, dass ihr die Tränen kamen, doch es war zu spät. Der Anblick von Ragons alter Waffe, die nun am Gürtel ihres Gefährten hing, riss die Wunden in ihrer Seele von Neuem auf. Die Todes Tochter konnte fast fühlen, wie ihr Herz zu bluten begann.

„Wie konntest du?“, schrie sie noch einmal und machte einen Schritt auf den völlig verblüfften Enago zu. Ihre Augen blitzten gefährlich auf und auf dem Gesicht des jungen Mannes trat eine Mischung aus Unverständnis und Angst. Plötzlich spürte sie, wie sich eine Hand auf ihrer Schulter legte.

„Was hast du, Lia?“

Keiras schöne Stimme beruhigte sie für einen kurzen Moment. Doch als die erste Träne auf den Boden tropfte und dort in alle Richtungen zerlief, verlor sie sich endgültig. Mit einem kräftigen Ruck schüttelte sie die Hand von ihrer Schulter und zeigte anschuldigend mit dem Finger auf Enagos Gürtel.

„Woher hast du das?“, fragte sie. „Woher?“

Endlich dämmerte es ihm. Ohne die Todes Tochter aus den Augen zu lassen, umfasste er den silbernen Schwertgriff und zog ihn aus dem Gürtel.

„Lass es mich erklären“, antwortete er. „Er hat es mir geschenkt. Als er … starb.“ Enago fuhr sich mit einer Hand nervös durch die Haare, suchte nach passenden Worten.

„Er gab es mir, nachdem Keira dich aus der Höhle gebracht hatte. Ich soll dich damit weiterhin beschützen …, ich soll dir als dritter Todesritter im Kampf zur Seite stehen.“

Enago verstummte. Er erwartete, dass Lia ihn weiter anschreien, beschimpfen oder ihm Vorwürfe machen würde, doch das tat sie nicht. Sie stand mit verschränkten Armen vor ihm und starrte ihn aus ihren blutroten Augen an. Enago hätte es zweifellos bevorzugt, wenn sie ihn angeschrien hätte. Ihre Augen blitzten immer wieder im Licht der Fackeln zornig auf, sodass es dem jungen Mann eiskalt den Rücken hinunterlief. In seiner Zeit als Schattendiener hatte er fast täglich die Qualen der Angst spüren müssen. Doch die Angst, die ihn jetzt befiel, war ihm völlig fremd. Die Todes Tochter strahlte etwas Tödliches aus, etwas, das Enago als Schmerz deutete. Langsam ließ er das Schwert zurückgleiten und ging mutig einen Schritt auf das Mädchen zu.

„Bitte“, flüsterte er, „ich wollte dich damit ganz bestimmt nicht verletzen und Ragon erst recht nicht. Er hat es für dich getan, um dich weiterhin zu schützen.“

Lia stieß plötzlich ein heiseres Lachen aus. „Wie willst du mich mit einem Schwert beschützen, dem der wichtigste Teil fehlt?“

Enago seufzte. „Ich …“

Er brach ab, als Keira sich neben ihn stellte und ihre Hand auf seinen Arm legte. Ihre Berührung durchfuhr ihn, sein Herz begann schneller zu schlagen und auch wenn er wusste, dass sie ihm nur den Rücken stärken wollte, bildete er sich ein, es hätte mehr zu bedeuten.

„Enago muss sich die Schneide erst durch eine selbstlose Tat verdienen. Solange wird er dich mit seinem alten Schwert beschützen müssen.“

Die Stimme der Seherin klang wie immer weich und gelassen. Doch Enago spürte auch, dass sie mit ihrem Einschreiten ein Zeichen gesetzt hatte. Lia ließ nur ein verächtliches Schnauben ertönen. Enago verstand, weshalb Lia der Zorn ins Gesicht geschrieben stand. Der Tod ihres Gefährten war noch zu frisch und er riss die alten Wunden gerade wieder auf.

„Ich werde mein Bestes geben, um den Anforderungen eines Todesritters gerecht zu werden, das verspreche ich dir.“ Er machte noch einen Schritt auf Lia zu und wagte ein kurzes, vorsichtiges Lächeln, das sie mit ihrem eisigen Blick jedoch sofort wieder erstickte.

„Ich bin mir sicher, dass du das versuchen wirst“, sagte sie. „Aber glaube ja nicht, dass du ihn jemals ersetzen kannst.“

Geflüster