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"Dinge ändern sich." "Menschen auch?", ich weiß nicht, warum ich ihn das fragte, aber irgendwie ging unser Gespräch in eine andere Richtung, als erwartet. "Menschen ändern sich nie. Noch nie hat sie jemand oder irgendwas geändert.", sagte er mit dunkler Stimme und ich spürte seinen Ernst bei dieser Aussage. "Warum leben sie dann, wenn sie in sich nichts bewegen?" "Weil jeder eine Rolle zu erfüllen hat. Die Rolle kann gut für die Mitmenschen sein oder eben nicht. Bei den meisten ist sie es nicht."
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2013
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KreaRe
Todestupfer
Gestorben heißt nicht existenzlos
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Impressum neobooks
Er starrte aus dem Küchenfenster und hielt eine neu angezündete Zigarette in der rechten Hand. Seine Mundwinkel waren runtergezogen und er wirkte verdrossen. Seine langen schwarzen Haare hingen ihm bis auf die Schulter.
„Du rauchst zu viel“, bemerkte ich, während ich mich seitlich an den Türrahmen der Küche lehnte und mit dem Zipfel meiner Bluse spielte.
„Irgendwann sterben wir eh. Wieso nicht die Zeit ein wenig beschleunigen.“, antwortete er grimmig.
„Du ziehst also einen schnellen Tod vor?“
Ich sah, wie sich der prasselnde Regen draußen verstärkte und sich die Blumenkästen draußen auf der Fensterbank mit Wasser füllten.
Er drehte sich zur mir um und pustete mir den Rauch entgegen, der mich regelrecht einhüllte.
„Wenn es sich lohnt, dann ja.“, sagte er dann nach einer kurzen Pause.
„Ich bin froh, wenn du wieder gehst.“, gestand ich offensiv und fühlte mich bei dieser Aussage ein wenig mächtiger. Mächtiger als in all den Sekunden, die ich in den letzten zwei Tagen mit ihm verbringen musste.
„Dann wirst du dich wohl noch gedulden müssen. Meine Frist beträgt zwei Wochen.“
Ich sah das dunkle Funkeln in seinen Augen und eine Gänsehaut lief mir über den Rücken.
Zwei Wochen sollte ich ihn hier ertragen, das konnte ja wohl nicht sein Ernst sein.
Etwas störte mich gewaltig an ihm, ich hatte nur noch nicht rausgefunden, was es war.
„Ihr habt hier echt hässliches Geschirr.“, bemerkte er mit einem abwertenden Blick auf das goldene Geschirr, was in der Spülmaschine stand.
„Wenn du sonst keine Probleme hast, wird dich das Geschirr wohl nicht umbringen.“
„Du bist ziemlich zickig, muss ich sagen.“, ein schelmisches Grinsen breitete sich auf seinem schmalen Gesicht aus und wieder sah ich das Funkeln in seinen Augen, als er hätte er etwas sehr leidenschaftliches in mir entdeckt.
Seine Augenfarbe war wie seine Haarfarbe tiefbraun mit leichten grauen Sprenkeln, in die
Ich mich bereits in den letzten Tagen vertieft hatte, jedoch blieben sie mir immer noch verschlossen.
„ Du bist nicht besonders höflich.“, konterte ich und lehnte mich gegen die Küchenzeile. Dabei drehte ich eine meiner Haarsträhnen zu einer Locke.
„Dann hätten wir das ja geklärt. Ich gehe jetzt wieder an die Arbeit. Kann ja nicht jeder vom Bilder malen leben.“, äußerte er und drückte seine Zigarette in der Spüle aus, bevor er sie in den Mülleimer warf.
„Du hast ja keine Ahnung.“, murmelte ich und dachte an die vielen Stunden, die ich vor jedem einzelnen Bild saß, um es so perfekt wie möglich hinzukriegen.
Meine Leidenschaft ging niemanden etwas an und sie hatte auch niemanden zu interessieren. Ich tat nichts sehnlicher, als dieser Kunst zu folgen, denn sie löste mich von der realen Welt und katapultierte mich in ein anderes Universum.
Jedes Mal, wenn ich den Pinsel aus der Hand legte, fühlte ich mich ein bisschen mehr vollkommen und war das nicht das Ziel des Lebens?
„Man sieht sich.“, er verließ schnellen Schrittes die Küche und ich hörte die Absätze seiner Lederstiefel auf dem Flur klackern.
Es war bereits dunkel, als ich den Pinsel aus der Hand legte und die Leinwand in die Ecke meines Ateliers stellte. Ich öffnete das Fenster und sog die kalte Luft von draußen ein, als ich einen dunklen Schatten in der Auffahrt unserer Residenz ausmachte. Die Residenz lag abseits von der Stadt hinter einem Wald, begrenzt von Bergen. Doch der idyllische Anblick trog, hier war man einsamer als in jeder Gefängniszelle und abgeschirmt von jeglicher Zivilisation. Allerdings liebte ich die Residenz, da ich hier all meine Kindheitsjahre zusammen mit meinem Zwillingsbruder Constantin verbracht hatte. Wir hatten eine enge Bindung, die niemand jemals aufzubrechen gewagt hatte. Zwischen uns war nie etwas gedrungen, nie hatte etwas uns auseinandergebracht. Auch nicht, als unsere Eltern starben und wir zunächst alleine auf der Residenz wohnten, bis das untere Geschoss an Grafen vermietet wurde, die an den Wochentagen ihre Sitzungen abhielten.
Ich hatte den dunklen Schatten aus den Augen verloren und überlegte, ob es richtig war, dass wir das obere Geschoss nun an Studenten vermieteten. Den dunklen Schatten hatte ich aus den Augen verloren und entschloss mich, meine bemalte Leinwand pünktlich auf dem Friedhof abzuliefern.
Der Weg zum städtischen Friedhof war nicht lang, ich musste lediglich die breite Allee entlang laufen und rechts zu dem Gatter abbiegen. Wie immer quietschte es, als ich es langsam öffnete und mich und meine Leinwand hindurch schob.
In der Dunkelheit knirschte der helle Kies unter meinen Turnschuhen, doch der Mond am Himmel spendete ein bisschen Licht, sodass ich schnell zum Grab meines jüngeren Bruders fand. Wie auch die letzten Male musste ich mit aufkommenden Tränen kämpfen, doch ich wischte sie schnell weg und ließ mich auf die Knie sinken.
Es war ein Samstag gewesen, als meine Eltern und mein jüngerer Bruder Christian zu einem Einkauf aufgebrochen waren. Die Welt war fröhlich und hell gewesen, bis der erschreckende Anruf vom Krankenhaus kam, dass sie alle drei bei einem Autounfall gestorben seien. Ein Laster war auf die Heckscheibe geprallt und hatte das Auto meiner Eltern gegen das voraus Fahrende gepresst.
