Tödlich währt am längsten - Ralf Kramp - E-Book

Tödlich währt am längsten E-Book

Kramp Ralf

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Beschreibung

Verbrechen lohnt sich, nicht? Nichts ist für die Ewigkeit, alles hat ein Ende – manche Dinge sollen ja sogar zwei davon haben. Nur der Tod, den wird man so schnell nicht mehr los, wenn er einen erst mal in der Kiste hat. Diese leidvolle Erfahrung müssen die Opfer in Ralf Kramps mörderischen Geschichten und Gedichten auch machen. Kein Neuanfang, keine Chance auf Wiederkehr. Tot ist nun mal tot. Die Täter in diesen mordsmäßig heiteren Episoden sind allerdings meistens auch nicht besser dran. Sie sind sogar die eigentlichen Verlierer. Sie haben sich verkalkuliert, ihr Plan ist nicht aufgegangen. Ob die Mordwaffe nicht rechtzeitig vom Paketdienst geliefert wird, ob die falschen Entführungsopfer ausgewählt werden, oder ob der 1. April einem die Tour vermasselt – bei Ralf Kramp lohnt sich das Verbrechen definitiv nicht. Hinterher bleibt immer einer tot. Und oft ist es nicht der, von dem man es erwartet hätte. Ralf Kramp, der notorische Wiederholungstäter aus der Eifel, zieht wieder einmal alle Register seines Könnens und bereitet seinen Leserinnen und Lesern in diesen zwanzig Erzählungen ein herrlich garstiges Vergnügen.

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Seitenzahl: 211

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Ralf Kramp

Tödlich währt am längsten

Die »Herbie Feldmann«-Krimis:

Spinner

Rabenschwarz

Der neunte Tod

Malerische Morde

Hart an der Grenze

Totentänzer

Abendlied

Aus finsterem Himmel

Mord mit Eifelblick

Ein Grab für zwei

Blaues Blut

Außerdem gehören Herbie und Julius zu den Hauptdarstellern des Gemeinschafts-Romans Acht Leichen zum Dessert, der von den acht Autoren des Krimi-Camps verfasst wurde.

Darüber hinaus vom Autor bei KBV erschienen:

Tief unterm Laub

Still und starr

… denn sterben muss David!

Kurz vor Schluss (Kriminalgeschichten)

Ein Viertelpfund Mord (Kriminalgeschichten)

Ein kaltes Haus

Nacht zusammen (Kriminalgeschichten)

Stimmen im Wald

Voll ins Schwarze (Kriminalgeschichten)

Starker Abgang (Kriminalgeschichten)

Mord und Totlach (Kriminalgeschichten)

Totholz

Schuss mit lustig (Kriminalgeschichten)

Ihr Mord, Mylord (Kriminalgeschichten)

So tot wie nie (Kriminalgeschichten)

Kurz und kopflos (Kriminalgeschichten)

Noch ein Mord, Mylord (Kriminalgeschichten)

Ralf Kramp, geb. 1963 in Euskirchen, lebt in einem alten Bauernhaus in der Eifel. Für sein Debüt Tief unterm Laub erhielt er 1996 den Förderpreis des Eifel-Literatur-Festivals. Seither erschienen zahlreiche Kriminalromane und Kurzgeschichten. In Hillesheim in der Eifel unterhält er zusammen mit seiner Frau Monika das »Kriminalhaus« mit dem »Deutschen Krimi-Archiv« (30.000 Bände), dem »Café Sherlock«, einem Krimi-Antiquariat und der »Buchhandlung Lesezeichen«. Im Jahr 2023 wurde er mit dem Ehren-Glauser für »herausragendes Engagement für die deutschsprachige Krimiszene« ausgezeichnet. www.ralfkramp.de · www.kriminalhaus.de

Ralf Kramp

Tödlich währt am längsten

Neue bitterböse Geschichten

Originalausgabe

© 2023 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von

© adragan und © Qwenergy - stock.adobe.com

Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-95441-667-7

E-Book-ISBN 978-3-95441-672-1

Für Herbert, Rita, Carolin, Uli, Tom und den Hasen.Es ist immer so schön mit Euch!

Inhalt

Die Therapie

Casanova und die Damen im Bade

April, April

Herr Müller kommt nach Lüdenscheid

Ein telefonischer Auftrag

Geliefert

Willkommen auf dem Platz

Schwarz wie Kohle

Nerven blank

Silke, Brigitte und Melanie

Die Nachtwanderung

Herr Hopf macht Ferien

Die Qualle

Erdbeeren

Jösefje

Das Geständnis

Ich war das nicht

Besuch von Bobo

24

Zur Krippe her kommet

Die Therapie

Seit Langem neig ich zur Gewalt,

Ich bin der Jähzorn in Gestalt.

Mein Psychologe hatte Rat

Und eine Therapie parat.

Um meine chronisch kranke Wut

Endlich zu heilen, wäre gut,

Ein Blatt mit Namen anzulegen,

Die reichen, um mich aufzuregen.

Er riet mir, Briefe zu verfassen,

Von Hand die Wut herauszulassen,

Mit ihrem Namen zu benennen,

Und sie dann alle zu verbrennen.

Ich hab’s getan und nicht bereut.

Jetzt fühl ich mich vom Hass befreit.

Und trotzdem frage ich mich nun:

Was soll ich mit den Briefen tun?

Casanova und die Damen im Bade

Morgen Belinda, Morgen Roselie, Morgen Fritzi, Morgen Franzi, Morgen Casanova!« Kurt Brömmel begrüßte seine Hühner jeden Tag mit Namen. Ihr vielstimmiges Gackern, Gurren und Glucksen wertete er als freundliche Entgegnung. »Morgen Kurt«, schienen sie ihm alle zu sagen, wenn sie morgens aus dem Hühnerstall kamen, er ihnen Körner hinstreute, frisches Wasser in die Trinkstellen füllte oder in den Nistkästen nach Eiern sah.

Das ein oder andere Huhn ließ sich streicheln, was Casanova – ein stolzer Rheinländer Hahn mit leuchtend buntem Gefieder – stets skeptisch beobachtete.

»Du hast vier Frauen und ich keine«, sagte Kurt. »Also stell dich nicht so an.«

Die Hühner waren Kurts Ein und Alles. Sie machten ihm Arbeit und Freude gleichermaßen. Sie schenkten ihm schmackhafte Eier, und vor allen Dingen konnte er stundenlang auf dem alten Holzschemel an der Bretterwand sitzen und ihnen dabei zusehen, wie sie zwischen den Grasbüscheln und Steinen herumpickten, wie sie mit den Flügeln schlugen, sich sonnten und badeten.

Letzteres taten sie in den Beeten, zwischen den Stauden und Sträuchern seines Gartens, dort, wo sie die Erde von jeglichem Grün freigescharrt hatten. An diesen Stellen hatten sie im Laufe der Zeit große Kuhlen in die Erde gewühlt, in denen sie sich im Sonnenschein genüsslich wälzten. Mitunter passten zwei oder drei von ihnen gleichzeitig in solche Badeanstalten. Mit Flügelschlagen und scharrenden Beinbewegungen wanden sie sich im trockenen Staub und schüttelten sich ihn hinterher geräuschvoll aus dem Gefieder, sodass er sich in großen Wolken in die Luft erhob und dort verflüchtigte.

Kurt wollte heute nach der elektrischen Klappe sehen. Dies war eine der ersten Neuerungen gewesen, die er an dem alten Stall, in dem schon seine Eltern Hühner gehalten hatten, vorgenommen hatte. Der Gedanke daran, dass er durch irgendeinen dummen Zufall einmal abends zu spät dazu kommen könnte, die Hühner für die Nacht sicher einzusperren, hatte ihm lange Zeit große Sorgen bereitet.

Seine Eltern hatten früher darauf nicht viel gegeben. Bei ihnen waren mehr als einmal Marder und Fuchs plündernd und mordend eingefallen. Das sollte ihm nicht passieren. Und so hatte er eine teure Apparatur mit einem Dämmerungsschalter besorgt, in der sich bei schwindendem Tageslicht ein Mechanismus in Gang setzte, der eine metallene Falltür nach unten vor das Einstiegsloch gleiten ließ und mögliche Räuber aussperrte. Irgendwas hatte sich jetzt dort anscheinend verhakt, wie Kurt am Vorabend mitbekommen hatte. Die Klappe hatte sich heftig ruckelnd nach unten bewegt. Das hieß es zu beheben, bevor sich am Ende noch alles verkeilte. Kaum auszudenken, wenn so etwas passierte, wenn er einmal nicht zu Hause wäre.

Er wollte gerne einmal in Urlaub fahren. Eine Reise nach Rom machen oder nach Athen, zu den historischen Stätten, aber seine Hühner konnte er unmöglich alleinlassen.

Kurt holte Schraubenzieher und Öl und begann, an der Klappe herumzuwerkeln. Dabei stellte er fest, dass die beiden senkrechten Führungsschienen ganz leicht verzogen waren. Während er schraubte und klopfte, sahen ihm die Hühner zu. Das taten sie immer, wenn er im Garten arbeitete. Wenn er grub, scharrten sie in der frisch aufgeworfenen Erde nach Würmern, wenn er Laub harkte, durchforsteten sie die welken Blätter nach Käfern.

Kurt Brömmel liebte seinen Garten sehr. Er hegte und pflegte ihn, ohne jedoch einen Park daraus machen zu wollen. Das hätten ja auch die Hühner gar nicht erlaubt. Es gab wilde Ecken und schattige Plätze, eine kleine Wiese und ein Goldfischbecken mit türkisblau gemusterten Mosaiksteinchen. Fische hatte Kurt keine mehr. Dafür waren die Nachbarskatzen verantwortlich. Deren Besuch duldete er, da man sowieso nichts dagegen machen konnte.

Ansonsten war alles, was aus der Nachbarschaft kam, eher ein Übel. Die alte Reihenhaussiedlung aus den Fünfzigern bestand aus jeweils sechs baugleichen Gebäuden rechts und links der Straße. Kurt Brömmel wunderte sich immer wieder, wie unterschiedlich doch diese Häuser bewohnt und die Gärten bewirtschaftet wurden. Links von ihm lebte die alte Frau Gramstettner mit ihrem scheußlichen Hund, der oft stundenlang kläffte und den ganzen Zaun des Grundstücks hinauf- und hinunterrannte, wenn Kurt Brömmel im Garten war. Und bellte, klar. Warum er dabei nicht endlich mal einen Herzinfarkt kriegte, war Kurt nicht klar. Im Laufe der Jahre waren die Sträucher und Büsche größer und üppiger geworden, sodass man den Hund nicht mehr so gut sah. Aber hören konnte man ihn immer noch sehr gut. Frau Gramstettner war eine alte Gewitterziege, die keine Gelegenheit ausließ, einen Nachbarschaftsstreit vom Zaun zu brechen. Früher hatte Kurt versucht, sie ab und zu mit ein paar köstlichen Hühnereiern milde zu stimmen. Als das aber auch nichts nützte, hatte er es aufgegeben. Das war aber noch nichts gegen das Ungemach, das von der anderen Seite des Gartens drohte.

Zur Rechten lebte die Familie Waserke, das heißt, jetzt war es nur noch Marco Waserke, der dort wohnte, denn seine Frau war mit den vier Kindern vor anderthalb Jahren ausgezogen. Seitdem hatte wenigstens das Gebrüll und Gekeife der streitenden Eltern aufgehört. Die Kinder hatten Kurt immer leidgetan.

Marco Waserke wurde von allen nur Macke genannt. Kurt Brömmel glaubte, dass das nicht nur vom Vornamen kam.

Macke legte oft seine tätowierten Oberarme auf den oberen Rand des Zauns, sodass der Maschendraht sich nach unten bog. Meistens war eine Dose Bier im Spiel. Dann beobachtete er Kurt beim Gärtnern und feixte rum. Dass jemand freiwillig Gartenarbeit verrichtete, wollte ihm offenbar nicht in den kantigen Schädel. »Mach mal locker, Brömmel«, blaffte er manchmal. »Chill mal’n bissken. Bierchen?«

Kurt Brömmel lehnte diese Einladungen stets ab. Waserke hatte ihn auch schon mal zu einem seiner Grillabende rüberrufen wollen. Die machte er jetzt öfter, seit seine Familie weg war. »Kannste ja’n Huhn mitbringen. Kommt dann fix auf’n Rost.«

Kurt hatte gar nicht geantwortet. Sowieso wäre er da niemals hingegangen. Da hingen Typen rum, bei denen es Kurt mit der Angst zu tun bekam. Ein paarmal war auch die Polizei gekommen – was ja bei Macke sowieso keine Seltenheit war. Irgendjemand aus der Nachbarschaft hatte sie wohl gerufen, weil es ihm zu laut geworden war. Auch wenn das nicht Kurt gewesen war, schien Macke ihn doch in Verdacht zu haben. Er war seitdem jedenfalls immer unverschämter geworden.

Heute hatte Kurt den Hühnerstall gereinigt, das alte Streu ausgetauscht und die Nistkästen gesäubert. Roselie, das New Hampshire Huhn, hatte es kaum abwarten können, weil sie endlich ein Ei ablegen wollte. Sie sprang gleich in den mittleren Kasten. Die anderen scharrten und badeten draußen in ihren Erdkuhlen.

Kurt schrubbte noch rasch den elektronischen Wasserspender sauber. Den hatte er irgendwann im Hühnerstall eingebaut, als er an einem heißen Sommertag einmal später als geplant nach Hause gekommen war. Die Hühner hatten um den ausgetrockneten Wassernapf gestanden, richtig gehechelt und ihn dabei vorwurfsvoll angeguckt. Sie beherrschten die Kunst, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, hervorragend.

Kurt träumte auch davon, einen Futterautomaten zu kaufen. So einer würde ihm vielleicht einmal einen kleinen Wochenendausflug erlauben. Keine große Reise, nur zwei, drei Tage mal woanders sein. Aber diese elektronischen Geräte waren nicht ganz billig, und von dem bisschen Rente, das Kurt kriegte, konnte er sowieso keine großen Sprünge machen.

Kurt erhob sich ächzend. Sein Rücken schmerzte. Franzi, die etwas hellere von den Barnevelder Zwillingshennen, kam in den Stall und machte sich über das frische Wasser her.

»Die Bar ist eröffnet«, sagte Kurt lächelnd und ging hinaus. Da vernahm er von rechts das wohlvertraute Zischen einer Bierdose.

»Hömma Brömmel, hasse ma’n paar Eier?« Macke lehnte am Zaun und kratzte sich am stoppeligen Kinn. »Morgen hab ich’n Date mit ’ner Ische.«

»Wollen Sie ein Omelett machen?«, fragte Brömmel unschuldig.

»Nee, ich brauch Eiweiß, verstehste? Gibt Tinte auf’n Füller!« Macke Waserke lachte sein dreckigstes Lachen. »Bierchen?«

»Nein, danke.« Kurt Brömmel drehte sich um und widmete sich wieder der Reinigung des Hühnerstalls. Mit dem Handfeger staubte er die Tür ab.

Irgendwann zog Macke ab. Dann drehte er irgendwann laute Rockmusik auf und verbrannte wieder irgendwas in seinem Grill, das eigentlich in die Mülltonne gehörte, die aber mal wieder, wie immer, randvoll war.

Als der Hühnerstall schließlich schön sauber war, inspizierten auch Casanova und die restlichen Damen ihr frisch herausgeputztes Heim, wie um kritisch zu prüfen, ob Kurt auch alles ordentlich gemacht hatte. Der Hahn stakste durch die frischen Hobelspäne, legte den Kopf schief und ließ ihn ruckartig hin und her gehen, bevor er ein lautes Krähen ausstieß.

»Gefällt es euch?«, fragte Kurt Brömmel. Er fand, dass sie zufrieden aussahen. Dann war er es auch.

Er betrachtete nachdenklich die kleine, runde Kamera, die er erst kürzlich hübsch versteckt unter dem Dachüberstand des Hühnerstalls montiert hatte. In der Nachbarschaft hatte jemand am späten Abend einen Marder durch die Gärten streifen sehen. Brömmel hatte auch schon eine Stelle am Zaun gefunden, an der die Drahtmaschen etwas auseinandergezerrt worden waren. Das konnte natürlich in seiner Wut auch Frau Gramstettners Kläffer gewesen sein, aber Kurt wollte auf Nummer sicher gehen. Nacht für Nacht zeichnete die Kamera jetzt das Geschehen um den Hühnerstall auf. Sie schaltete sich nur ein, wenn sich irgendetwas bewegte. Morgens beim Frühstück sah sich Kurt dann immer die Aufnahmen der zurückliegenden Nacht auf dem Computer an. Er sah Igel, Katzen und Mäuse, aber einen Marder hatte die Kamera bislang noch nicht eingefangen. Ein Marder im Hühnerstall! Das wäre eine Katastrophe.

Roselie gackerte in diesem Moment aufgeregt und schrill. Ihr Ei war da!

Kurt Brömmel beschloss, den Abend mit einem gepflegten Gläschen Moselwein zu beenden.

Am übernächsten Morgen geschah etwas ganz und gar Unvorhersehbares. Kurt frühstückte und studierte dabei die Zeitung. Unfälle, politisches Gezänk, Banküberfall … die Welt um Kurt Brömmels Heim war kein freundlicher Ort. Im Hintergrund liefen auf dem Computerbildschirm die Ereignisse der vergangenen Nacht ab. Der Igel war wieder da gewesen. Den hatte Kurt ausgesprochen gerne zu Gast, denn der vertilgte mit Vorliebe die Nacktschnecken. Als Kurt bei seinem Fünf-Minuten-Ei angekommen war, hielt er mit dem Frühstücken inne. Was war das denn? Das war weder ein Igel noch ein Marder. Das war ein menschliches Wesen! In seinem Garten! Der Gestalt nach ein Mann, der zielstrebig auf das Hühnerhaus zukam! Dann verschwand er aus dem Sichtfeld der Kamera, und das Bild erlosch.

Brömmel ließ sein frisch geköpftes Frühstücksei fallen und sprang auf. Er riss sich die Serviette aus dem Kragen und stolperte in den Garten hinaus. Von Weitem schon sah er die Hühner, die zwischen den Sträuchern nach den frühen Würmern suchten. Die Sonne bahnte sich bereits ihren Weg über die Dächer der Reihenhaussiedlung, und feiner Dunst stieg aus dem taufeuchten Gras auf.

Jemand war des Nachts in den Hühnerstall eingedrungen! Wer war das gewesen? Hatte dieser Jemand ein Huhn gestohlen? Während Kurt auf den Stall zustolperte, schickte er panische Blicke durch den Garten. Er sah Franzi, er sah Belinda, er sah Roselie, er sah Casanova … Wo war Fritzi? Wo zum Teufel war Fritzi?

Als er die Stalltür aufriss, sah er sie. Sie saß im rechten Nistkasten, mit einem Ausdruck ausgesprochener Ernsthaftigkeit im Blick, der stets den Moment der Entstehung eines neuen Eis begleitete. Sie bewegte leicht den Kopf und zeigte ihm überdeutlich, dass sie nicht gestört werden wollte. Fritzi war da! Gesund und munter, ebenso wie die anderen.

Kurt atmete erleichtert auf.

Und trotzdem war er beunruhigt. Was hatte der nächtliche Eindringling im Hühnerstall getan? Eier gestohlen? Wohl kaum. Als er daran dachte, kam ihm die blöde Bemerkung seines Nachbarn Macke in den Sinn. Was hatte der vorgestern gesagt? Ob er ein paar Eier haben könne? Aber der brach doch nicht wegen ein paar Eiern ein.

Kurt ging zurück ins Haus, tief in Gedanken versunken. Er setzte sich vor den Computer und spielte noch einmal die Sequenz mit dem heimlichen Besucher ab. Aufmerksam verfolgte er das Geschehen, Bild für Bild. Was war das? Trug er etwas unter dem Arm? Eine Tasche? Einen Beutel? Ob das wirklich Macke war? Aber der drehte doch sicherlich ganz andere Dinger. Und als Kurt die darauffolgende Passage betrachtete, in der die Kamera erneut von dem Mann ausgelöst worden war, der dieses Mal den Weg zurückging, den er gekommen war, da war er sich sicher. Er erkannte die Tätowierungen an den Armen. Das war Macke. Und dieses Mal trug er nichts unterm Arm.

Dann tauchte nur noch die grau getigerte Katze aus dem übernächsten Haus auf, und für den Rest der Nacht lag Kurt Brömmels Garten in nächtlichem Schlummer.

Kurt ging ein weiteres Mal in den Garten. Er versuchte nachzuvollziehen, wie sein scheußlicher Nachbar in den Garten gekommen und welchen Weg er dann genommen hatte. Da vorne war der Zaun zusammengedrückt. Das musste die Stelle sein, an der Macke herübergekommen war. Dann war der da vorne aus dem Haselnussstrauch aufgetaucht … über die Gehwegplatten hier herüber … dann da herum …

Der Hahn betrachtete ihn mit schief gelegtem Kopf.

»Ich muss nur etwas ausprobieren, Casanova«, murmelte Kurt und steuerte den Hühnerstall an. »Ja, kein Zweifel, er war im Stall.« Er kratzte sich am Kopf und betrachtete Roselie, die hingebungsvoll die morgenfeuchte Erde des Rosenbeets zerfurchte.

Wenig später räumte Kurt Brömmel den Frühstückstisch ab. Das Ei schmeckte auch kalt ganz köstlich. In Gedanken war er noch immer bei den nächtlichen Ereignissen. Sein Nachbar Macke, dieser miese Typ. Offensichtlich musste Kurt sein geliebtes Federvieh weder vor einem Marder noch vor Fuchs, Habicht oder anderen Hühnerdieben schützen, sondern vor diesem elenden Kleinganoven.

Kurt räumte gerade den Käse in den Kühlschrank und war zu der Überzeugung gelangt, dass der Begriff Kleinganove Marco »Macke« Waserke ziemlich genau beschrieb, da fiel sein Blick durchs Fenster auf die Straße. Dort hielt ein Streifenwagen an, und zwei uniformierte Polizisten stiegen aus. Sie näherten sich Mackes Haus, und als Kurt vorsichtig und lautlos das Fenster auf Kipp stellte, hörte er die Türglocke von nebenan, und dann lautes Stimmengewirr.

Schließlich wurde es turbulent. Türen knallten, irgendetwas ging klirrend zu Bruch, lautes Rufen ertönte, und schließlich wurde Macke in Handschellen abgeführt.

In dem Moment, in dem sich die Wagentür hinter ihm schloss, fiel Kurts Blick auf die Zeitung, die immer noch auf dem Frühstückstisch beim Fenster lag. Links neben seiner Hand, mit der er sich darauf abstützte, las er in fetten Buchstaben BANKÜBERFALL. Und da beschlich ihn eine Ahnung.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Kurt Brömmel an diesem Tag zum zweiten Mal in den Hühnerstall wagte. Auf irgendeine unergründliche Art hatte er Angst vor dem, was er dort finden würde. Ihn erwartete kein abgeschlagener Kopf, kein blutiger Dolch, er würde dort auch keine tickende Bombe finden. Aber trotzdem lauerte irgendwo da drin eine Überraschung, die, wenn er die Dinge richtig deutete, mit dem Banküberfall zu tun hatte, der sich am Vortag im Nachbarort ereignet hatte. Ein einzelner Täter hatte dort mit vorgehaltener Pistole achtzigtausend Euro erbeutet. So etwas war genau Mackes Kragenweite.

Als Kurt sich schließlich mit zitternden Fingern in das Innere des Stalls traute, wusste er nur ungefähr, wonach er Ausschau halten musste. Nach einer Tüte, einem Beutel, nach irgendetwas, das man hier verbergen konnte …

»Vielleicht oben auf dem Querbalken«, raunte er Belinda, dem Brahma-Huhn, zu, das im linken Nistkasten saß. Er tastete auf der Oberseite des Balkens herum – nichts. »Oder in der dunklen Ecke neben den Sitzstangen.« Auch dort fand er nichts. Und dann, als er Belinda mit einem liebevollen Blick betrachtete, erkannte er einen bunten Zipfel, der unter ihrem puscheligen weißen Gefieder herausguckte. Das Huhn legte gerade ein Ei auf … Kurt zog an der Ecke des bunten Zipfels, der sich als Teil einer Plastiktüte entpuppte, und murmelte: »Achtzigtausend Euro!« Und als er die Tüte schließlich ganz hervorzog, sprang das Huhn mit protestierendem Gezeter vom Nest und rannte auf den Ausgang zu. Kurt Brömmel starrte auf die Banknotenbündel, von denen ein paar aus der prall gefüllten Tüte gerutscht waren und nun zwischen den Holzspänen auf dem Boden lagen.

Da hörte er das Huhn hinter sich schmerzhaft aufschreien. Als er herumfuhr, sah er, wie sich sein Nachbar Macke aus dem Schwung heraus, mit dem er gerade noch nach dem Huhn getreten hatte, wieder breitbeinig in Angriffsposition brachte.

»Oh, aber die Polizei …«, hauchte Kurt.

»Ham mich wieder gehen lassen. Hatten nix in der Hand.«

Kurt knetete die Plastiktüte. »Ich habe hier gerade … könnte das Ihnen … ich meine, das gehört vielleicht …«

Macke streckte die tätowierte Hand aus. »Her damit.«

Da fiel Kurts Blick auf das Huhn, das anscheinend unter großen Schmerzen aus dem Stall humpelte. Und ihn überkam mit einem Mal eine Wut, wie er sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr verspürt hatte. Er merkte, wie seine Ohren zu glühen begannen, wie das Blut in seinen Adern pochte, und mit einem wilden Aufschrei rannte er auf Macke zu, stieß mit aller Kraft die Hände, in denen er noch immer die Plastiktüte hielt, gegen dessen Brustkorb. Macke wich zurück, stolperte mit dem linken Fuß gegen die hölzerne Türschwelle, stürzte rücklings ins Freie, ruderte mit den Armen, fiel schwer zu Boden, und in dem Moment, in dem sein Kopf auf die Beeteinfassung aus Basaltsteinen aufschlug, krachte es erschreckend laut, als sein Schädel barst.

Nach Athen, das wäre es. Ja, Griechenland wäre das Ziel seiner Wahl. Das erschien ihm ausreichend fern und ausreichend exotisch. Andere Reisen würden vielleicht folgen. Irgendwann. Kurt Brömmel schwor sich, das alles sorgsam zu portionieren. Niemand sollte sich Gedanken darüber machen, woher er plötzlich all das Geld hatte.

Er saß auf dem Holzschemel, lehnte mit dem Rücken an der Bretterwand des Stalls und sah den Hühnern zu. Wonnevoll spreizten sie die Flügel im Sonnenschein und streckten die Beine aus. Kurt nippte am Wein. »Zuerst mal werde ich euch einen Futterautomaten besorgen«, versprach er. »Den besten, den man kriegen kann. Wenn ich auf Reisen bin, soll es euch an nichts mangeln, hört ihr?«

»Hallo?« Eine dunkle Männerstimme drang durch das Bienensummen und das Vogelgezwitscher, das die Sommerluft füllte.

Kurt wandte sich um und erkannte zwei Polizisten, die am Zaun zu Mackes Grundstück standen. Dort, wo Macke sonst immer selbst mit seiner Dose Bier gestanden hatte. Der eine Beamte war noch jung und hatte ein fliehendes Kinn und einen langen Hals, der Ältere trug einen grauen Vollbart. Er sagte: »Sie werden es mitbekommen haben. Wir sind auf der Suche nach Ihrem Nachbarn.«

»Nach Herrn Waserke?«, fragte Kurt unschuldig. »Hatten Sie ihn nicht schon vor ein paar Tagen abgeholt?«

Der Jüngere nickte. »Hm, ja, stimmt. Wir mussten ihn wieder laufen lassen, aber jetzt gibt es neue Spuren, und die belegen eindeutig …«

Sein Kollege stieß ihn in die Seite. »Er wird auf jeden Fall gesucht. Dringend gesucht.«

»Und er ist nicht zu Hause?«, fragte Kurt und setzte eine Miene auf, die völlige Ahnungslosigkeit widerspiegelte. »Also, er ist richtig weg? Meinen Sie, abgehauen?«

»So sieht es aus.« Der Jüngere nickte. »Verduftet. Und mit ihm die ganze …«

Wieder stieß ihn sein Kollege unsanft an. »Sie können uns also nichts über seinen Aufenthaltsort sagen?«

Kurt schüttelte scheinbar betrübt den Kopf. »Wissen Sie, Herr Waserke und ich, wir verkehren nicht sonderlich viel miteinander. Unterschiedliche Interessen, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Er deutete zuerst auf Mackes trostlosen Garten mit den zertrampelten Beeten, dem verdorrten Gras und dem wuchernden Unkraut, und dann auf sein eigenes kleines, buntes Paradies.

»Verstehe«, sagte der Alte. »Wenn er noch mal auftaucht …«

»… melde ich mich bei Ihnen. Natürlich.«

Die beiden Polizisten schickten sich an zu gehen, da sagte der Jüngere: »Schöne Hühner haben Sie da. Machen die viel Arbeit?«

Kurt Brömmel schüttelte den Kopf und lächelte beseelt. »Aber nein, es ist das reine Vergnügen, glauben Sie mir. Es mag sich vielleicht kitschig anhören, aber Hühner machen tatsächlich glücklich.«

Kurt Brömmels liebevoller Blick wanderte zu Casanova hinüber, der aufmerksam und mit gerecktem Hals das kurze Gespräch verfolgt hatte. Das bunte Gefieder glänzte im Sonnenschein. Seine vier Damen hatten eine Stelle gefunden, an der es sich offenbar besonders komfortabel im Staub baden ließ. Sie scharrten und flatterten, und Staubwolken stiegen auf. Ihre vier prallen Leiber aalten sich in der wärmenden Sonne, und als die drei Männer genau hinsahen, erkannten sie etwas, das dazwischen aus der Erde herausguckte. Es hätte ein kleiner Ast sein können, ein kurzer, dicker Zweig mit heller Rinde. Als der Staubwirbel sich verflüchtigte, war es besser zu erkennen, und man konnte durchaus vermuten, es sei eine kleine Ansammlung mehrerer Äste, die da aus der Erde ragten, ganz so wie ein paar Finger. Wurzeln hätten es auch sein können, wie ja überhaupt Wurzeln mitunter die absonderlichsten Formen annehmen. Ein kleiner Wurzelballen, der aussah wie eine menschliche Hand. Und als die Hühner weiterscharrten, kam schemenhaft ein weiterer Ast zum Vorschein, der ähnlich einem Arm an dem Wurzelgebilde dranhing, sodass man versucht war, sich vorzustellen, dort unter der Erde liege vielleicht noch mehr, das an menschliche Gliedmaßen erinnern könnte.

Sie hatten in diesem Moment beim Anblick des munteren Treibens der Hühner alle drei dieselben Gedanken. Und in dieses friedvolle Idyll hinein schmetterte Casanova ein fröhliches Krähen.

April, April

Genaugenommen war Wolli Watusiak nicht der Hellste. Also nicht gerade der Typ, der eine günstige Gelegenheit erkannte, wenn sie regelrecht auf dem Präsentierteller vor ihm lag. Aber an diesem Tag war es anders. Da waren die ganzen Polizisten, die aufgeregt durch den Raum wuselten, um mit Papiertaschentüchern, Zewa und Putzlappen eilig die Cola aufzuwischen, die aus der Flasche geschossen war, die irgendwer offenbar vorher zu stark geschüttelt hatte. Eine braune, schäumende Fontäne war gerade im Pfortenzimmer der kleinen Polizeistation niedergegangen, und da bot sich plötzlich diese einzigartige Gelegenheit.

Einbruchdiebstahl mit Körperverletzung, da würde Wolli für eine Weile in den Knast gehen müssen. Das passte ihm natürlich überhaupt nicht. Genau darüber hatte er gerade nachgedacht, als er auf diesem unbequemen Plastikstuhl gesessen hatte. Und da war dann plötzlich diese Pistole direkt vor seiner Nase gewesen, die er nur aus dem Halfter des Bullen hatte ziehen müssen, und da war die Tür, die sich öffnete, als ein weiterer uniformierter Kollege gut gelaunt mit einem Stapel Pizzakartons hereinkam …

»Hände hoch!«, rief Wolli Watusiak und sprang auf. Die Pizzakartons segelten durch die Luft, Pizzen flogen herum wie Diskusscheiben, und im nächsten Moment war Wolli frei, preschte nach draußen und tauchte mit weit ausholenden Schritten im Kleinstadtgetümmel unter.

An der nächsten Ampel würde er einfach in ein Auto springen und den Fahrer oder die Fahrerin oder dieses andere … Dings … zwingen, ihn fortzubringen.

Aber weit und breit gab es keine Ampel. Nicht mal eine Einmündung oder eine Kreuzung mit Vorfahrtregelung. Die Autos rauschten einfach ungebremst vorbei.

Aber ein Bus stand da an der Haltestelle! Gerade kletterte noch eine alte Oma mühsam hinein. Bevor sich die Tür mit einem Zischen schloss, zwängte sich Wolli hinter der Alten ins Innere und hielt der Busfahrerin mit verkrampften Fingern die Wumme vor die Nase.

»Keine Zicken«, rief er ruppig. »Wir ändern jetzt mal den Fahrplan.«

Die Frau starrte zuerst mit ungläubigem Entsetzen auf die Pistole, aber zu seiner grenzenlosen Überraschung lachte sie plötzlich schallend auf und rief: »Hahaha! Netter Versuch, Kumpel! Fall ich nicht drauf rein!«