Tödlicher Glühwein -  - E-Book

Tödlicher Glühwein E-Book

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Beschreibung

Stille Nacht, heilige Nacht? Von wegen!Harmonie und Frieden unterm Weihnachtsbaum? Wers glaubt, wird selig!Man verzeiht sich beim Glühwein das eine oder andere? Schön wärs!In ihren Weihnachtskrimis aus Rheinhessen zeigen 19 Autorinnen und Autoren, dass auch zwischen dem ersten Advent und Silvester alte Rechnungen beglichen und neue aufgemacht werden. Psychologisch fein austarierte Tatabläufe treffen auf spontane Befreiungsschläge und manchmal auf den Falschen … Mit Krimis von Vera Bleibtreu, Ella Daelken, Franziska Franke, Britt Glaser, Gina Greifenstein, Jürgen Heimbach, Heidrun Immendorf, Simone Jöst, Wolfgang Kemmer, Richard Lifka, Heidi Moor-Blank, Sarah Geraldine Nisi, Claudia Platz, Petra Scheuermann, Regina Schleheck, Gabriele Scholtz, Angelika Schröder, Frauke Schuster und Brigitte Vollenberg.

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Seitenzahl: 240

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Tödlicher Glühwein

Tödlicher Glühwein

19 Weihnachtskrimis aus Rheinhessenhg. von Claudia Platz und Angelika Schulz-Parthu

Die Handlung und alle Personen sind völlig frei erfunden;Ähnlichkeiten wären rein zufällig.

© Leinpfad VerlagHerbst 2013

Alle Rechte, auch diejenigen der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form ohne die schriftliche Genehmigung des Leinpfad Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: kosa-design, IngelheimLektorat: Claudia Platz, Angelika Schulz-Parthu und Kristin HeehlerLayout: Leinpfad Verlag, Ingelheim

Leinpfad Verlag, Leinpfad 5, 55218 Ingelheim,Tel. 06132/8369, Fax: 896951E-Mail: [email protected]

eISBN 978-3-942291-92-7

INHALT

Alles sieht so festlich aus

Vor dem ersten Advent

DIE GOLDENE KUGEL

Heidi Moor-Blank

POSTKARTENIDYLLE

Britt Glaser

Kling, Glöckchen, klingelingeling

Adventszeit

SPEZIALREZEPT

Gitta Greifenstein

STOFF FÜR LANGE WINTERABENDE

Wolfgang Kemmer

ENDE EINES SCHAUMSCHLÄGERS

Angelika Schröder

DRAUSSEN VOM WALDE KOMM ICH HER

Richard Lifka

SÜSSER DIE KASSEN NIE KLINGEN

Franziska Franke

ZEIT BIS HEILIGE DREI KÖNIGE

Brigitte Vollenberg

STUHLTEST

Regina Schleheck

DAS PERFEKTE WEIHNACHTSDINNER

Vera Bleibtreu

Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht

Heiligabend und die Feiertage

AM WEIHNACHTSBAUME DIE LICHTER BRENNEN

Heidrun Immendorf

EINFACHER SALCHOW

Sarah Nisi

FRÖHLICHE WEIHNACHT ÜBERALL

Petra Scheuermann

RACHEENGEL

Claudia Platz

FREIHEIT

Jürgen Heimbach

WEIHNACHTSSCHMAUS BEI TANTE KÄTHE

Simone Jöst

BOMBARDINO

Gabriele Scholtz

Alle Jahre wieder

Silvester und danach

IM MÄUSETURM

Ella Daelken

TÄGLICH KOMMT DER WEIHNACHTSMANN

Frauke Schuster

DIE AUTORINNEN UND AUTOREN

Alles sieht so festlich aus

Vor dem ersten Advent

DIE GOLDENE KUGEL

Heidi Moor-Blank

Er hatte den perfekten Platz gefunden, mit freiem Blick auf die Bühne. Er schob die Mütze tiefer ins Gesicht und zog den Schal bis über die Nase.

Es war kalt.

Der Ton der Trompete klang grässlich schief, aber das „Kommet ihr Hirten“ war auch eine ziemliche Zumutung für die Bläsertruppe auf der Bühne.

Endlich war es soweit.

Er kniff das linke Auge zusammen und taxierte mit dem rechten die Bühne. Die starke Vergrößerung machte ihn für einen Augenblick orientierungslos. Doch dann hatte er ihn im Visier.

Der Oberbürgermeister begann seine Eröffnungsrede. In der rechten Hand einen Glühweinkrug, in der linken ein mehrseitiges Manuskript.

Seine Frau, die Frau Oberbürgermeister, wie sie sich stets mit Nachdruck und großer Ernsthaftigkeit nennen ließ, stand neben ihm und schaute voller Bewunderung zu ihm auf. Ihr Lächeln war breit und wie eingefroren. Man konnte nicht erkennen, ob es an den Temperaturen oder an der Dauer lag, die sie dieses Lächeln schon lächelte.

Seit dreißig Jahren stand sie an der Seite ihres Mannes, seit zwanzig an der Seite des Oberbürgermeisters. Es war ihre Passion, ihre Erfüllung. Sie repräsentierte für ihr Leben gerne und hatte inzwischen einen großen Fundus an exquisiter Garderobe angesammelt.

Heute war Rubinrot angesagt. Rubinrot passte wunderbar zu ihrer Rubensfigur. Der Pelzmantel in Leopardenoptik – rubinrot – war zwar etwas gewagt für ihr Alter, aber die ganze Stadt hatte sich an ihre Exzentrik gewöhnt und wäre wohl eher enttäuscht gewesen, trüge sie heute einen grauen Wollmantel zu einer gesitteten Dauerwelle.

Nein, sie enttäuschte nicht.

Rubinrote Stiefel mit Dezimeter-Absatz, die passende rubinrote Oversized-Handtasche, Hütchen und Muff aus Fell in gleicher Farbe ergaben ein perfektes Bild, in das sich ihre rubinroten Bäckchen wunderbar einfügten, obwohl hier wohl eher die Kälte dran schuld war.

Jetzt trat sie an den Rand der Bühne, wisperte dort kurz mit dem Christkind, das auf seinen Einsatz wartete, und stöckelte dann die Stufen hinunter, um sich die Eröffnung von dort aus anzusehen. Sie stand zwischen einem Holzbüdchen mit Christbaumkugeln in allen Größen und Farben und einem prächtig geschmückten Weihnachtsbaum, fast vollständig verdeckt von einer großen Nikolausfigur.

Er verfolgte ihren Weg durch die stark vergrößernde Linse. Es war doch so gar nicht ihre Art, eine Bühne freiwillig zu verlassen. Er sah ihr gefrorenes Lächeln und sein Herz stolperte für einen winzigen Moment.

Der Oberbürgermeister sprach immer noch. Das Dampfen aus seinem Glühweinkrug hatte aufgehört und die Glocke des mächtigen Domes im Hintergrund schlug halb. Die Menge vor der Bühne wurde unruhig. Hände wurden gerieben, auf der Stelle getrampelt, um die Füße warm zu halten und Glühweinbecher machten die Runde.

„.. und so will ich jetzt unser bezauberndes Christkind …“, der Oberbürgermeister wandte sich halb um und winkte das junge Mädchen, das mit Goldlöckchen und weißem Gewand auf den Einsatz wartete, zu sich, „… nach vorne bitten!“

Er hatte kurz das Christkind im Visier, schwenkte dann wieder zurück zum Oberbürgermeister und positionierte den Zeigefinger am Auslöser. Die schwarzen Lederhandschuhe waren dünn genug, um Gefühl in den Fingerspitzen zu haben, und gaben immerhin einen leichten Anflug an Wärme ab.

Es knackte nur leise, als er den Zeigefinger bewegte. Dann ein lauter Knall. Das Einschussloch auf der Stirn saß genau in der Mitte.

Der Gesichtsausdruck des Oberbürgermeisters wechselte von jovialer Fröhlichkeit zu ungläubigem Erstaunen, dann knallte er auf die Dielen der Holzbühne.

Die Konfusion war extrem. Befehle, Schreie des Entsetzens, Musikfetzen vom Kinderkarussell, Gläserklirren überlagerten das Gewusel auf dem Platz vor der Bühne. Einige hatten sich schutzsuchend zu Boden geworfen und lagen den Flüchtenden im Weg. Gestolper, Schmerzensschreie – mittendrin ein erstarrtes Christkind auf der Bühne.

Erst ein lauter werdendes Martinshorn beruhigte die Menschen.

Ein Notarzt kniete neben dem Toten, ein Polizist führte behutsam das Christkind von der Bühne, ein anderer half der Frau Oberbürgermeister die Treppe hinauf. Sie sank neben ihrem Mann auf die Knie, starrte in sein regloses Gesicht und senkte dann laut schluchzend ihre Stirn auf seinen Bauch, als der Notarzt begann, seine Utensilien wieder einzupacken.

Er hielt die ganze Zeit drauf. Tele, Weitwinkel, wie gut, dass er das Allround-Objektiv gewählt hatte. So konnte er zwischen einzelnen Szenen und Vollansicht blitzschnell wechseln. Jetzt hatte er das rubinrote Fellhütchen ganz nahe herangezoomt. Als sie den Kopf hob, schoss er ein perfektes erstes Foto von der verzweifelten Witwe.

Inzwischen wurde der Platz abgesperrt und geräumt. Polizisten nahmen Personalien auf und durchsuchten Taschen nach der Mordwaffe. Der Stand mit dem Christbaumschmuck wurde gerade geschlossen, andere Marktbeschicker mit Bratwurst und Glühwein im Angebot zögerten noch. Sie waren auf den Punkt genau gerüstet gewesen für den Moment nach der Eröffnung. Es war zu schade, jetzt alles wegzuwerfen.

Doch als der Leichenwagen vor der Bühne stoppte, packten auch sie zusammen. Jetzt würde niemand mehr Lust auf eine Bratwurst haben.

Die Leiche war weg, die Witwe stieg im Moment in ein Polizeifahrzeug – Zeit, die Kamera einzupacken und sich auf den Weg zu machen. Sorgfältig packte er die Einzelteile in die passenden Fächer der Fototasche. Dann zog er die Strickfäustlinge aus der Manteltasche und schob sie über die Lederhandschuhe, schulterte die Tasche und machte sich auf den Weg. Vorbei am Gutenberg-Museum, der riesigen Weihnachtspyramide, hinunter Richtung Rhein. In seiner Wohnung angekommen, ging er schnurstracks in das kleine, fensterlose Zimmer, in dem er seine Fotos betrachtete und bearbeitete. Er nannte es noch immer „Dunkelkammer“, obwohl er schon lange kein lichtempfindliches Fotopapier mehr benutzte. Dieses Zimmer war sein Rückzugsort. Es gab ihm eine höhlenartige Geborgenheit.

Das Licht flammte auf und viele bunte Fotos leuchteten von den Wänden und der Decke. Er öffnete die Tasche, nahm die Speicherkarte aus dem Apparat und schob sie in den Laptop, der an den großen Wandbildschirm angeschlossen war. Routiniert sichtete er das Material. Wenn er Glück hatte, war er der einzige Fotograf vor Ort gewesen und konnte die Mordfotos nicht nur den hiesigen Tageszeitungen, sondern auch großen Magazinen anbieten. Das bedeutete einen beruhigenden Kontostand und wieder mehr Zeit für seine Passion.

Er hatte genau in der Sekunde auf den Auslöser gedrückt, als der tödliche Schuss fiel. Lange starrte er auf das Foto, das alle Details zeigte. Die Menge der Zuschauer, das eifrige Christkind, das endlich dran sein sollte, die gelangweilten Mienen der Blaskapelle im Hintergrund und vorne der Stadtchef, genau in der Sekunde seines Todes.

Er hielt einen Moment inne und lehnte sich zurück. Er lächelte kurz, als sein Blick über die Fotowand glitt.

Die Dame in Königsblau, die Dame in Flaschengrün, die Dame in Mohnblumenrot – und heute würden wunderschöne Fotos in Rubinrot dazukommen.

Rasch beugte er sich nach vorne. Erst die Arbeit. Flink tippte er sein Angebot und schickte die Mail an seinen Verteiler für Top-Fotos. Es würde nicht lange dauern, und die ersten Angebote würden eintreffen.

Später gönnte er sich einen Rotwein und eine Zigarette. Er ließ die Rückenlehne des Stuhles weit nach hinten kippen und besah sich die Fotos an der Decke.

Die Dame nackt.

Seine Gedanken begannen zu wandern. Zurück zu der Zeit, als er die Fotos des Oberbürgermeisters noch ganz emotionslos schoss. Als er eher zufällig auch dessen Frau auf den Fotos hatte. Lächelnd, papageienbunt und mit einer magischen Wirkung auf ihn. Dieses Lächeln – es schien nur ihm zu gelten!

Immer mehr verschob sich der Anteil der offiziellen Fotos, die den Stadtchef zeigten, und der inoffiziellen Fotos, die er auf Veranstaltungen von IHR machte. Nahaufnahmen, Detailaufnahmen – er konnte nicht genug von ihr bekommen. Er war süchtig nach ihrem Lächeln und begann, ihre Termine zu begleiten.

Die offiziellen, wie die Eröffnung eines Kindergartens oder der Besuch der Oper, die weniger offiziellen wie den Friseurtermin oder den Besuch einer Shoppingmall.

Nach den Fotos, die er im privaten Urlaubsort von ihr im Badeanzug geschossen hatte, war der nächste Schritt der Zugang zum Privatgrundstück mit Fotos durch das Schlafzimmerfenster und vor der Sauna im Garten.

Er nahm einen Schluck Rotwein und einen tiefen Zug und blies den Rauch in Richtung Decke. Ihre üppigen Rundungen waren so wunderschön! Er hob die Hand, so, als wollte er sie berühren. Doch das Streichen über das glatte Fotopapier reichte ihm nicht mehr. Er wollte sie.

Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren.

„Hatte Ihr Mann Feinde?“

Sie starrte den Kommissar an. „Horst war …“, sie schluchzte kurz auf, „er war Oberbürgermeister, natürlich hatte er Feinde!“ Sie tupfte mit ihrem Taschentuch in ihre Augenwinkel.

„Aber doch nicht SOLCHE!“

Das Schluchzen ging in lautes Weinen über und der Kommissar ließ sie nach Hause bringen. Auf dem Flur saß die halbe Stadt, bereit zur Vernehmung, allen voran das Christkind und die komplette Blaskapelle.

Es würde eine lange Nacht werden.

‚Es läuft alles prima!’, dachte sie, als sie die Villa betrat. Sie liebte dieses prächtige Haus aus den zwanziger Jahren, wundervoll renoviert und äußerst geschmackvoll eingerichtet. Sie liebte ihren Status als First Lady und sie hatte auch ihren Mann geliebt.

Bis vor Kurzem.

Bis diese Fotos in der Post gewesen waren. Von ihm und einem jungen Mädchen, beim Essen, beim Spaziergang, beim Sex. Aber dieses Mal war es keine dieser flüchtigen Affären, die sie bisher cool ausgesessen hatte. Dieses Mal war er heftig verliebt und hatte tatsächlich über Scheidung nachgedacht. Sie wusste das, weil sie dazukam, als er an seinem Schreibtisch den Ehevertrag studiert und sich Notizen gemacht hatte. Er hatte ganz schnell einen anderen Ordner darüber geschoben, aber die Notizen hatten sich auf dem Block durchgedrückt und konnten später leicht von ihr entziffert werden.

Ihr Lächeln dabei war spöttisch. Wie ungeschickt von ihm.

Sie selbst wusste genau, was in diesem Ehevertrag stand. Schließlich hatte sie sich den damals so feschen und wohlhabenden Mann gezielt geangelt und nur zähneknirschend den Vertrag unterschrieben.

Bei einer Scheidung würde sie alles verlieren. Ihren Status, das Haus, das Vermögen, die kleinen Annehmlichkeiten wie einen ständig verfügbaren Fahrer, beste Plätze in Theater und Oper, bevorzugte Behandlung in so vielen Bereichen und – niemals ein Knöllchen am gewagt geparkten Auto.

Sie ging nach oben und betrat das Ankleidezimmer. Und seufzte tief. Sie betrachtete wehmütig all ihre bunten Kleider mit den passenden Schuhen, die sie jetzt erst mal nicht mehr tragen durfte. Als trauernde Witwe war Schwarz verpflichtend, auch wenn sie es hasste.

Er hatte eine zweite Flasche geöffnet. Zur Feier des Tages. Er hatte die Fotos – die bearbeiteten Fotos – exklusiv verkaufen können.

Ein Foto war auf seinem riesigen Bildschirm zu sehen: die Totale zum Zeitpunkt des Mordes. Dieses Foto hatte er – zusammen mit anderen – bereits versandt, allerdings hatte er den rechten Rand vorher beschnitten.

Er lächelte.

Die Waffe war nur mit Mühe und nur in der Spiegelung zu sehen. In der großen, goldenen Christbaumkugel des prächtig geschmückten Weihnachtsbaumes neben der Bühne.

Deutlich war dort ein rubinroter Fellmuff zu erkennen, aus dessen Öffnung das vorderste Stückchen des Pistolenlaufes ragte.

Er hob sein Glas und prostete den vielen Fotos zu, von denen sie ihn anlächelte.

Sie hatte das für ihn getan.

Das wusste er.

Jetzt war sie frei. Frei für ihn.

POSTKARTENIDYLLE

Britt Glaser

Anstatt in der regionalen Tageszeitung eine Annonce aufzugeben, meldete Sandra sich bei unzähligen Partnerbörsen im Internet an. Schnell fand sich Jan, der scheinbar richtige Partner und da er 280 Kilometer entfernt wohnte, verließ Sandra Hals über Kopf das Ruhrgebiet und zog nach Rheinhessen. Alles Vorangegangene blieb zurück und nur die neue Liebe zählte.

Schön und beschaulich war die neue Heimat, eine kleine Gemeinde namens Sörgenloch.

In der Nachbarstadt fand Sandra eine neue Arbeitsstelle und alles um sie herum war rosarot. An den Wochenenden verabredeten sich Jan und Sandra mit Freunden, um gemeinsam die Dorffeste zu besuchen. Und da staunte Sandra nicht schlecht, in den Dörfern verstanden die Leute nicht nur was vom Weinanbau, sondern auch vom Feiern. Jedes Wochenende gab es in einem anderen Dorf im Umkreis ein Event: Weinfeste oder Kirchweihen, die hier Kerb hießen, und vieles mehr.

Überall tauchten sie gemeinsam auf und schnell lernte Sandra Jans Jugendfreunde und Kollegen kennen. Im Dorf wurde sie akzeptiert und überall mit einbezogen. Sie backte für das Pfarrfest, kränzte mit den Nachbarn für Vermählungen oder runde Hochzeitstage und wurde um Rat gefragt, wenn es um den Geschenke-Einkauf und die Vorbereitungen für Feierlichkeiten ging.

An einem lauen Sommerabend, der dazu einlud die Nacht draußen zu verbringen, nahm Sandra eine gekühlte Flasche Wein und ein paar Knabbereien mit auf die Terrasse, stellte alles auf den Tisch und entzündete die Kerzen in ihren Laternen. Etliche standen schon im Garten verteilt, doch wenn Sandra auf Märkten oder in Geschäften eine entdeckte, die in Form und Farbe anders war, kaufte sie diese. Sie liebte es zu jeder Jahreszeit, Kerzen zu entzünden. In den Bäumen hingen Kerzenhalter, in denen Teelichter brannten.

Sandra setzte sich in einen Gartenstuhl und erfreute sich an der Stille. Sie hörte genau hin und vernahm das Schreien der Schwalben, die sich zwischen den Häusern jagten, eine Grille zirpte in der Nähe und von irgendwoher machte es „quak“. Idylle pur, dachte sie und goss den Wein in die Gläser. „Schatz, kommst du auch?“, fragte Sandra.

Da Jan nicht kam, ging sie ins Haus, um nach ihm zu sehen. Er lag auf der Couch und schaute fern. „Komm raus, es ist herrlich“, meinte Sandra. Er schüttelte den Kopf. „Fernsehen kannst du noch im Herbst und Winter, die Luft ist angenehm warm und ich habe einen Wein geöffnet“, versuchte sie, ihn zu locken.

„Nein“, sagte er nur.

„Ich habe auch Knabbersachen“, flüsterte sie.

„Nein“, wiederholte er.

Sandra setzte sich zu ihm und fragte: „Was ist los?“ Jan antwortete nicht, starrte weiter zum Fernseher. Sandra stand auf und war schon fast an der Terrasse angelangt, als Jan plötzlich doch etwas sagte: „Alles Scheiße.“

Sandra machte kehrt, setzte sich auf die Couch und schaltete den Fernseher aus. Jan blickte sie noch immer nicht an. Griff nur unter sein Sofakissen und reichte ihr einen Brief.

Sandra holte ein Blatt Papier aus dem Umschlag und überflog die Zeilen. Dann las sie noch einmal Wort für Wort. Als Jan ihr den Umschlag hingehalten hatte, dachte sie noch, es wäre eines dieser Schreiben, die man zugeschickt bekommt, wenn man zu schnell mit dem Auto fuhr. Da Jan gern die Geschwindigkeitsbegrenzungen missachtete, ahnte sie nun eine hohe Geldstrafe. Aber es war weder von Bußgeld die Rede, noch war ein Foto beigefügt. Der Brief kam von Jans Arbeitgeber, der in vielen Sätzen beteuerte, wie leid es ihm tat, aber die momentane wirtschaftliche Lage zwinge ihn dazu, einigen seiner Mitarbeiter, unter anderem Jan, die Kündigung auszusprechen.

„Aber davon geht die Welt doch nicht unter“, flüsterte Sandra und streichelte Jan übers Gesicht. „Du wirst neue Arbeit finden, ganz bestimmt.“

Jan nickte stumm und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, als sie ihn umarmte.

Erst einmal könne er ja ein paar Monate zu Hause bleiben und dort alle Renovierungsarbeiten erledigen, die sich angesammelt hatten, schließlich bekam er ja Arbeitslosengeld. Später könne er sich in aller Ruhe auf die Suche nach einer neuen Stelle begeben. Er nickte und fand Sandras Idee prima.

Der Herbst zog ins Land und die wenigen Tage der Euphorie, an denen Jan den Gartenzaun reparierte und mit einem neuen Anstrich versah sowie anfing, den Dachboden auszubauen, verflogen viel zu schnell. In den ersten Wochen hatte er wenigstens noch gekocht und das Essen stand auf dem Tisch, wenn Sandra von der Arbeit kam. Alle Zimmer im Haus hatte er aufgeräumt und sogar manche Fenster geputzt.

Doch nun saß oder lag er nur noch auf der Couch, die vom Dauergebrauch schon durchgesessen war. Als dann der Winter Einzug hielt und Schneeflocken vom Himmel fielen, saß er noch immer an seinem Platz, aber nun mit einem dampfenden Becher Glühwein vor sich.

Einige Tage schaute Sandra sich das mit an, bis sie nach der Arbeit und dem Einkaufen spät abends nach Hause kam und sämtliche Häuser in der Umgebung hübsch geschmückt dalagen. Selbst die achtzigjährige Frau Steinhöfer, die seit dem Tod ihres Mannes allein in ihrem Haus wohnte, hatte die Fenster mit Schwibbogen und bunten Lichtern geschmückt. „Du bist den ganzen Tag zu Hause, da wirst du doch wohl zwischen zwei Sendungen mal in der Lage sein, das Haus zu schmücken. Das hast du sonst noch nach der Arbeit gemacht!“

Das verstand Jan als Anspielung auf seine unverschuldete Arbeitslosigkeit. Sofort rechtfertigte er sich und meinte, sie solle froh sein, eine Arbeit zu haben.

Sandra war traurig, denn es konnte doch nicht angehen, dass nun auch Ehe Nummer zwei zu Ende ging. Sollte sie zurück ins Ruhrgebiet? Nein, das wollte sie nicht, denn sie hatte hier Fuß gefasst, liebte Sörgenloch und die Nachbarstadt Nieder-Olm, in der sie arbeitete. So fremd ihr diese Ortschaften waren, deren Namen sie früher, bevor sie Jan kennenlernte, nie zuvor gehört hatte, so vertraut waren ihr nun alle Straßen und Gassen sowie die Menschen, die hier lebten. Alle waren wie eine große Familie, jeder kannte jeden. Sie halfen sich gegenseitig und niemand war allein. Sandra wollte nicht weg, sie war hier glücklich. Mit Jan, bis seine Arbeitslosigkeit einen Schatten auf ihre Beziehung geworfen hatte.

Von ihrer Arbeitsstelle in Nieder-Olm bis nach Hause waren es nur knapp sieben Kilometer und die fuhr Sandra immer mit dem Fahrrad. Bei dem Gedanken an Jan, wie er sich auf der Couch herumfläzte, während der Abwasch sich stapelte und der Kühlschrank leer blieb, stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie fuhr auf der Alten Landstraße, als sie anhalten musste, um ein Taschentuch aus ihrer Fahrradtasche zu holen. Sie stellte ihr Rad ab und kramte in der Tasche. Dann setzte sie sich gedankenverloren auf eines der Schafe auf dem Recey-Platz und betrachtete den dazugehörigen Bronzeschäfer. „Du weißt, wo es langgeht“, flüsterte sie ihm zu, „hast deine Schäfchen fest im Griff. Jan kannte auch mal seinen Weg, doch jetzt hat er ihn oder seinen Hirten verloren. Kannst du ihm sagen, wo er abbiegen muss, damit er seinen Weg wiederfindet?“ Der Schäfer blickte unbeeindruckt auf seine Herde, die wie er selbst von Liesel Metten stammte. Eine Künstlerin, deren Werke man überall in Nieder-Olm fand. Sie war auch eine Zugezogene, genau wie Sandra ebenfalls der Liebe wegen. Bestimmt hatte sie auch sofort die Gemeinde und die darin lebenden Menschen in ihr Herz geschlossen und wollte diese wundervolle Gegend nie wieder verlassen, dachte Sandra und schnäuzte sich kräftig die Nase, stieg auf ihr Fahrrad und fuhr nach Hause.

Ihr schönes Sörgenloch war für sie zum Sorgenloch geworden. Ob wir jemals wieder aus diesem Tief herauskommen, fragte sie sich und vertraute einer Arbeitskollegin ihre Probleme an.

„Ach, das bekommt ihr schon wieder in den Griff“, meinte die Kollegin und lächelte verschwörerisch. „Deinem Jan fehlt nur der gewisse Anstoß. Wenn er gut drauf ist und mit seiner Kraft nicht weiß wohin, klappt alles. Guter Sex, sage ich nur, und eine Energie, um den Rhein flussaufwärts in einem Paddelboot zu fahren.“

„Und Jan soll paddeln?“

„Jan paddelt“, flüsterte die Kollegin.

„Hast du ein Geheimrezept für ‚Gut drauf‘?

Die Kollegin überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Dein Mann hat kein ADHS, ist das richtig?“

Sandra nickte.

„Wenn du aber Pillen gegen ADHS nimmst, bist du aufgedreht und munter für fünf. Verstehst du?“

Sandra verstand und wollte unbedingt diese Pillen haben. Für fünfzig Euro konnte die Kollegin ein Blister mit 10 Pillen besorgen.

Gespannt achtete Sandra darauf, was geschah, als Jan den Glühwein ausgetrunken hatte, dessen Zutaten sich nicht nur auf guten Winzerwein aus der Nachbarschaft beschränkten, sondern auch auf eine zerkleinerte Pille, die Wunder bewirken sollte. Nichts geschah. So rutschte Sandra an Jan heran, drückte ihn und flüsterte in sein Ohr, dass sie ihn liebe. Jan ließ von der Flimmerkiste ab und nahm Sandra noch auf der Couch. Danach duschten sie und es war wieder wie früher: Er kam mit ins Bett und sie holten alles nach, was in den letzten Monaten nicht passiert war.

Am nächsten Morgen orderte Sandra gleich eine ganze Schachtel von diesem Muntermachzeug. Schon morgens mischte sie eine Pille in den Kaffee. Jan begab sich nach dem Frühstück auf den Dachboden und schaffte es, alles mit Dämmwolle auszukleiden. Kalt war ihm nicht mehr, schließlich war er über Stunden hinweg in Bewegung. Auf heißen Glühwein hatte er keinen Appetit und so trank er Bier. Sandra löste auch darin eine Pille auf und freute sich, denn Jan arbeitete noch die ganze Nacht.

Als Sandra am nächsten Tag frühstückte, kam er dazu und bekam seinen Kaffee mit Milchpulver und einer Zauberpille.

„Ich wünsche mir so sehr auch ein geschmücktes Haus“, sagte Sandra, als sie sich verabschiedete und zur Arbeit fuhr.

„Mal schauen, was sich machen lässt“, sagte Jan und überlegte bereits, was er wie dekorieren würde. Machte sich auch sofort an die Arbeit. Er war schließlich topfit und brauchte komischerweise keinen Schlaf, sicher weil er einige Monate faul auf der Couch herumgelegen hatte. Bei so viel Ruhe hatte er sich glatt von vielen Jahren Arbeit erholt. Möglicherweise hatte er vor einem Burn-out gestanden und es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen, wann er zusammengebrochen wäre. So kamen die Kündigung und die damit verbundene Auszeit passend. Von solchen Fällen hörte man immer wieder. Anders konnte er es sich nicht erklären, dass er so viele Wochen nutzlos auf dem Sofa rumgegammelt hatte.

Jan schmückt bestimmt das Haus, dachte Sandra auf ihrem Weg nach Nieder-Olm, und wir werden unbeschwerte wundervolle Weihnachten feiern. Im nächsten Jahr würden sie dann gemeinsam eine neue Arbeitsstelle für ihn finden und alles wäre wieder, wie es gewesen war. Sandra war froh über ihren Erfolg, auch wenn sie mit den Pillen etwas nachhelfen musste.

Aus Keller und Garage holte Jan die Weihnachtsdekoration. Die Lichterketten wurden am Haus und am Zaun um das Haus angebracht. Der Schlitten mit den Rentieren kam in den Vorgarten und seine unzähligen Glühbirnchen ließen ihn glitzern und funkeln.

Als am Nachmittag wieder Schnee fiel, rief der Nachbar, dass es Glühwein gäbe und Jan rüberkommen solle. Natürlich schlug Jan das Angebot nicht aus. Er machte mit einigen weiteren Nachbarn einige Flaschen des roten Rebsaftes leer. Zwischendurch schmückte er weiter und zog sich, als Gag für den nächsten Glühwein beim Nachbarn, das Weihnachtsmannkostüm an. Jan überlegte noch, ob die Figur dieses Jahr wieder auf dem Schlitten sitzen sollte oder er sie lieber an der Hauswand anbrachte, wie es einige Nachbarn in diesem Jahr gemacht hatten. Es sah lustig aus, die Weihnachtsmänner zu sehen, die an den Fassaden hochkletterten, um Geschenke zu bringen.

Er befestigte eine Lichterkette an der Gartenbank, die im hinteren Teil des Gartens ihren Platz hatte. Um sie verteilt standen viele von Sandras Laternen. Jan zündete die Kerzen in den Laternen an und besah sich sein Haus. Zufrieden mit seiner Arbeit setzte er sich auf die Gartenbank. Sandra wird sich freuen, dachte er, und zog den Mantel enger um seinen Körper. Jetzt erst bemerkte er, wie betrunken er war, und wurde von einer bleiernen Müdigkeit gepackt.

Sandra kam später als sonst, denn wegen des Schnees hatte sie den größten Teil der Strecke das Fahrrad schieben müssen. Beinahe wäre sie an ihrem Haus vorbeigelaufen – sie traute ihren Augen nicht! Der Gartenzaun und das Haus waren mit Lichtern geschmückt. Im Vorgarten stand der beleuchtete Schlitten, der von funkelnden Rentieren gezogen wurde.

Sandra war durchgefroren und machte sich ein Wannenbad. Sie rief nach Jan. Er antwortete nicht und als sie ihn im gesamten Haus nicht fand, stieg sie in die Wanne. Ganz entspannt und ein wenig müde, setzte sie sich eine Stunde später vor den Fernseher. Jan war sicher bei irgendeinem Nachbarn, ging es Sandra durch den Kopf, denn was kann es Schöneres geben als beim Nachbarn in der Garage zu stehen und heißen Glühwein zu trinken. Sandra blickte durch die Terrassenfenster nach draußen und fragte sich, wie sie noch vor einigen Wochen so verzweifelt sein konnte und an Trennung dachte, wo Jan doch ein so toller Mann war und sich richtig viel Mühe beim Hausschmücken gab. Sogar an den Weihnachtsmann hatte er gedacht, ihn auf die mit Lichterketten geschmückte Bank in den Garten gesetzt und selbst noch die Kerzen rings um die Bank entzündet. Schneeflocken hatten bereits alles mit einer dicken weißen Schicht bedeckt. Diese Idylle hätte man für eine Weihnachtskarte nehmen können.

Es war das Bild, mit dem Sandra in dieser Nacht einschlief. Und es war das Bild, das nie mehr aus ihrem Gedächtnis verschwinden würde, doch das wusste sie in dieser Nacht noch nicht.

Kling, Glöckchen, klingelingeling

ADVENTSZEIT

SPEZIALREZEPT

von Gina Greifenstein

„Mama kommt dieses Jahr ein paar Tage früher“, teilte Theresa gewollt beiläufig mit, während sie die Einkäufe aus dem Einkaufskorb sorgsam in den Kühlschrank einräumte. Bestimmt hatte sein holdes Weib seit Tagen auf den richtigen Moment gewartet, um ihm das mitzuteilen, und der richtige Moment schien ausgerechnet jetzt zu sein. Manfred knetete den Teig für die Vanillekipferl eine Spur heftiger als zuvor, obwohl der ja nun wirklich nichts dafür konnte. Er würde einfach so tun, als ob er nicht zugehört hätte!

Theresa richtete sich auf und schloss den Kühlschrank. „Hast du gehört?“ Sie sah ihn prüfend an.

„Hast du was gesagt?“, fragte er scheinheilig und sah von seinem Teig auf. So leicht würde er es ihr nicht machen – immerhin wusste sie genau, wie sehr er es hasste, wenn ihre Mutter länger als einen Tag zu ihnen kam! Seit fünfundzwanzig Jahren wusste sie das nun schon und trotzdem tat sie es ihm jedes Jahr zu Weihnachten aufs Neue an. Dabei sollte Weihnachten doch das Fest der Liebe sein – doch an Weihnachten liebte Theresa offenbar nur ihre schreckliche Mutter!

„Ich sagte, dass Mama dieses Jahr ein paar Tage eher kommt“, wiederholte sie ihre Worte.

„… und dafür ein paar Tage eher wieder nach Hause fährt?“, fragte er hoffnungsvoll.

Normalerweise kam der ungeliebte Schwiegerdrachen immer am Tag vor Heiligabend und fuhr am Silvestermorgen wieder nach Hause – oder besser gesagt: Er ließ sich vom ungeliebten Schwiegersohn am Silvestermorgen die etwa hundert Kilometer nach Mainz fahren – die er ja auch wieder zurückfahren musste –, damit er ja noch ein bisschen Stress vor dem Jahreswechsel hatte! Ob das ihre kleine Rache dafür war, dass er ihre Tochter aus Mainz und ihrer direkten Nähe heraus in den äußersten Zipfel Rheinhessens gelockt hatte?

„Wie kommst du denn darauf?“, schnaubte seine Frau ärgerlich. „Mama fährt wie immer am Einunddreißigsten heim.“

Er arbeitete einige Zeit schweigend weiter. Eigentlich war der Teig längst fertig.

„Und was bedeutet ‚ein paar Tage eher‘?“, erkundigte er sich schließlich.

„Nun, Heiligabend ist dieses Jahr an einem Dienstag, aber sie kommt schon am Freitag, da kann sie das Wochenende noch mit uns zusammen verbringen. Du weißt doch, wie gerne sie hier ist!“ Theresa machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und konnte so seine Blicke nicht sehen, die sich wie Brandpfeile quer durch die Küche in ihren Rücken bohrten.

‚Und du weißt, wie schlimm es für mich ist, wenn sie bei uns ist!‘, dachte er stumm, brachte die Worte aber nicht über die Lippen. Er wusste, dass Theresa das wusste, und er wusste auch, dass sie sehr darunter litt, immer zwischen zwei Stühlen sitzen zu müssen. Dennoch: Wenigstens einmal in fünfundzwanzig Jahren hätte sie sich gegen ihre Mutter entscheiden und Weihnachten ganz allein mit ihm verbringen können!

„Noch könnten wir zwei Wochen Urlaub irgendwo in der Sonne buchen …“, murmelte er halblaut zu seinem Teig hinab.

„Du weißt genau, dass Mama keine Sonne verträgt!“, blaffte Theresa. Das laute Mahlen der Kaffeemaschine erfüllte den Raum.

„Ich dachte ja auch an eine Reise nur für dich und mich!“, blaffte er zurück, als die Maschine verstummte.

„Aber es ist doch Weihnachten! Du weißt genau, wie viel das Mama immer bedeutet!“ Sie fuhr herum und sah ihn, um Verständnis bettelnd, an.