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Im beschaulichen 250-Seelendorf Poolewe in den westlichen Schottischen Highlands geschieht ein Mord. Das Opfer, Ruaridh McDougal, der zurückgezogen in seinem abgelegenen Cottage gelebt hat, wird nachts brutal umgebracht und am darauffolgenden Nachmittag von seiner Putzfrau auf dem Küchenboden liegend aufgefunden. Die örtliche Polizei, unter der Leitung der jungen Inspektorin Charlotte McKenzie, nimmt Ermittlungen auf und steht zunächst vor einem Rätsel. Das Tatwerkzeug, ein Golfschläger, wird rasch gefunden, aber dennoch ist kein Motiv für den Mord ersichtlich. Da mischt sich der Geheimdienst ein, und es wimmelt plötzlich von Verdächtigen. Was hat die Vergangenheit des Opfers mit seinem Tod zu tun? Welche Rolle spielt ein versunkenes Whiskyschiff? Und was kann eine Berner Familie auf Urlaub zur Klärung des Falls beitragen?
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Texte: © Copyright by Simone Häberli Mlinar
Umschlag: © Copyright by Simone Häberli Mlinar
Verlag: epubli.de
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Leiche zu seinen Füssen sah seltsam wächsern aus. Der Wandel von einem lebendigen, atmenden Wesen zu totem Fleisch, das grotesk verrenkt vor ihm auf dem Boden lag, war so unglaublich schnell vor sich gegangen. Nun erinnerte nichts mehr an die starke Persönlichkeit, das Feuer und die Leidenschaft, die den lebenden Menschen ausgezeichnet hatte. Da war nur noch eine seelenlose Hülle.
Er dachte einen Moment über die Endlichkeit des Daseins nach. Aber er war weder gläubig, noch besonders sentimental. Er hatte den Mord an Ruaridh McDougal perfekt geplant und ohne die geringsten Gewissensbisse ausgeführt.
Sein Blick schweifte weiter zu den Blutflecken an der Wand. Ein schauderhaftes Gemälde. Ein zufriedenes Lächeln glitt über sein Gesicht. Er dachte an McDougals verblüfftes Gesicht, als der ihm die Türe geöffnet hatte. Der Alte hatte wohl nicht mit ihm gerechnet. Ganz dummer Fehler. Hätte McDougal eigentlich nicht passieren dürfen. Der war ja so stolz auf seine Menschenkenntnis gewesen. Aber die Verblüffung im Gesicht des Hausherrn war ganz schnell dem Verstehen gewichen, als er den Golfschläger in der Hand seines Besuchers sah. Nicht mal McDougal, der in seinen Aktionen immer so vorsichtig gewesen und auf alle Eventualitäten vorbereitet gewesen war, konnte annehmen, dass ihn jemand mitten in der Nacht für eine Golfpartie aufsuchte. Der Alte hatte zuerst auf Schadensbegrenzung machen wollen und eine Deeskalation der Situation versucht, hatte ihm sogar einen Stuhl und einen Whisky anbieten wollen. Ausgerechnet! McDougal hatte wohl gedacht, er könne ihn mit ruhiger Konversation besänftigen. Hatte mit fester Stimme beschwichtigend getönt, obwohl ihm doch sicher mulmig zu Mute gewesen war: „Beruhigen Sie sich, Mann, wir können über alles sprechen, ich bin sicher, wir finden eine befriedigende Lösung für alle.“ Ha, der Dummkopf hatte ihn in seiner Arroganz wohl manipulieren wollen. Aber er war McDougal an Schauspielerei weit überlegen, tat zuerst so, als wiche er zurück, wolle sich setzen und verhandeln. Er konnte an McDougals Augen den genauen Augenblick erkennen, als dieser dachte, die Gefahr sei vorüber. Zweiter Fehler, diesmal aber irreversibel. Der Mann war an seinem Schicksal selbst schuld. Er hätte ihn nicht unterschätzen dürfen.
Er blickte sich in dem kleinen Cottage prüfend um. Er war das erste und auch letzte Mal hier im Haus. Kaum zu glauben, aber die Küche war picobello aufgeräumt. Entweder hatte McDougal selbst einen Putzfimmel, oder seine Putzkraft war ihr Geld wert. Schade, dass McDougal nun verhindert war, die Blutspuren an den Wänden zu sehen, er wäre wahrscheinlich bei seinem Ordnungswahn in eine existentielle Krise geraten. Witziger Gedanke.
Er machte sich nicht die Mühe, die Sauerei aufzuwischen. Jedem, der das hier sah, musste klar sein, dass der Mann nicht durch eigene Hand ums Leben gekommen war. Das kümmerte ihn nicht sonderlich. Sollte sich doch die Spurensicherung mit Fingerabdrücken und DNA-Analysen rumschlagen, von ihm würden sie hier rein gar nichts finden. Kriminaltechnisch gesehen, war er inexistent.
Er schaute durchs Fenster mit den gestreiften Gardinen hinaus und schätzte, dass es ungefähr vier Uhr morgens sein musste. Gleich würde es hell werden. Es war ja Sommer, da ging die Sonne vor fünf Uhr auf.
Draussen blökte ein Schaf. Wahrscheinlich war einem Muttertier das Lamm davongelaufen. Er hatte schon immer geglaubt, dass Schafe sagenhaft dumme Viecher waren.
Blieb noch die Frage, was tun mit dem Golfschläger. Gar nicht so einfach. Aber diese Schwierigkeit hatte er natürlich vorausgesehen. Da war möglicherweise ein klitzekleines Risiko, dass man ihn mit der Sache doch noch in Verbindung bringen könnte. Obwohl - wenn die Leitung der Untersuchung dieser Neuen aus Achnasheen übertragen wurde, bestand wohl nur geringe Gefahr. Die Kleine würde sich an ihrem ersten Fall die Zähne ausbeissen.
Aber schliesslich war der Ewe nur hundert Schritte entfernt und hatte einige tiefe Stellen, wo sich die Tatwaffe problemlos entsorgen liess. Selbst wenn die Polizei den Fluss absuchen und den Schläger finden sollte, könnte sie damit nicht viel anfangen. Er hatte ihn bereits vor mehreren Wochen geklaut und nahm nicht an, dass der rechtmässige Besitzer den Verlust gemeldet hatte.
Einen Moment lang war er versucht, das Ding einfach auf dem Boden liegen zu lassen. Wäre zum Totlachen, wenn sich darauf noch die Fingerabdrücke irgendeines deutschen Hobbygolfers finden würden. Da könnte sich dann gleich Europol in die Untersuchung miteinklinken. Ein Kichern entschlüpfte ihm, die Nachwirkung des Adrenalinschubs. Es wäre wirklich der Gipfel der Ironie, wenn die einzigen auffindbaren Spuren auf den Kontinent führen würden, gerade jetzt, wo sich Britannien soeben für den Austritt aus der EU entschieden hatte.
Aber er würde bei seinem ursprünglichen Plan bleiben und den Schläger in den Fluss werfen. Das war einfacher, und die Suche nach der Waffe würde die örtliche Polizei ein bisschen auf Trab halten.
Er hob den Schläger auf – igitt, etwas tropfte auf den Boden. Er hoffte, dass es nur das Blut des Alten war. Die Alternative war nicht sehr appetitlich. Aber es half alles nichts, der Schläger musste weg. Er ging zur Tür hinaus, trat um die Ecke des Hauses und blickte zum Fluss hinab.
Es musste doch schon später sein, als er gedacht hatte - draussen war der Horizont leicht rosa und das Wasser glitzerte silbern. Die Vögel stimmten ihr Morgenkonzert an. Hoffentlich war kein übermotivierter Angler unterwegs, um sich frühmorgens sein Mittagessen zu fischen. Das hätte ihm seinen Plan etwas durcheinander gebracht. Vielleicht müsste er den Zeugen dann auch gleich mit eliminieren, ein wirklich interessanter Gedanke. Aber schliesslich war er ja kein Killer. McDougal zu töten war notwendig gewesen, aber er war nicht scharf darauf, noch mehr Leute umzubringen und sich selbst damit in unnötige Gefahr zu bringen. Er hatte noch ganz andere Pläne für seine Zukunft. In einem schottischen Gefängnis zu verrotten, war nicht nach seinem Geschmack.
Ein Augenschein nach links und nach rechts zeigte ihm, dass keine Seele um diese Zeit unterwegs war. Wie auch sonst immer in diesem verschlafenen Kaff.
Den Schläger an der vorgesehenen Stelle ins Wasser zu werfen, machte ihm nur ein, zwei Minuten Arbeit. Er guckte dem Schatten lange genug nach, um sicher zu sein, dass das Gerät auf dem Grund verschwunden und nichts mehr davon zu sehen war. Dann lief er zurück den Hang hinauf – ein bisschen Morgenjogging hatte noch nie jemandem geschadet - und überprüfte ein letztes Mal das Haus. McDougal lag noch da, wo er ihn zurückgelassen hatte, mit dem Gesicht zum Boden, die eingeschlagene Vorderansicht glücklicherweise nicht zu sehen. Er dachte einen Moment verwundert über diese Tatsache nach. Irgendwie kriegen sie das in den Filmen nicht richtig hin. Man hätte doch meinen können, dass der Mann mit dem Rücken nach hinten gestürzt wäre. Stattdessen hatte ihm der Schlag eine solche Rotation versetzt, dass er jetzt bäuchlings auf dem Boden lag. Der Mann hatte auch nicht geschrien oder sonst einen Mucks von sich gegeben. Ein trauriger Blick aus verschwimmenden Augen, als kurz vor dem Schlag das Begreifen einsetzte, zu spät für irgendeine Art von Gegenwehr. Vom silbernen Schlägerkopf wuchtig getroffen, hatte sich der Körper dann um die eigene Achse gedreht und war wie ein Sack umgefallen. Das lächerlich getüpfelte Pyjamahemd war dabei nach oben gerutscht und hatte den Anblick auf einen straffen, bleichen Rücken mit einigen roten Pusteln freigegeben. Überraschend, dass der Kerl so gut gebaut war, bei dem ungesunden Leben in der Destillerie. Nur diese Pusteln verunstalteten, was sonst ein attraktiver Torso gewesen wäre. Wer weiss, vielleicht hatte McDougal irgendeine Allergie gehabt. Aber egal, alles in allem war das Ganze unerwartet einfach gewesen. Es schien, als ob er Talent für diese Art von Tätigkeit hätte. Vielleicht sollte er doch den Beruf wechseln und sich als Terminator verdingen.
Jetzt musste er nur noch die Beute sichern. Das würde sicher eine kleine Zeitspanne benötigen. Aber er hatte jeden einzelnen Handgriff genau geplant, eine Viertelstunde müsste genügen. Danach würde er die altersschwache Petrollampe auf dem Tisch löschen, die den Raum bis jetzt schummrig erhellt hatte. Danach konnte er ruhig ab nach Hause verschwinden.
Dienstag
Es regnete nun schon seit vier Tagen. Sogar für Schottland ein neuer Tiefpunkt. Christina Felder blickte missmutig durch das breite Fenster des gemieteten Cottages. Sie war als einzige schon aufgestanden und hatte sich in der Küche eine Tasse Tee gemacht.
Der Ausblick wäre an einem sonnigen Tag fantastisch gewesen. Rosemary Cottage ging auf den Fluss und die Brücke von Poolewe hinaus. Im Katalog hatte sie gerade diese Aussicht angezogen, und um der Wahrheit Ehre zu geben, war sie mit dem Haus sehr zufrieden. Es war gut eingerichtet, hatte einen schönen gusseisernen Kamin für ein Kohlenfeuer, das sie nach ein wenig Anlaufschwierigkeiten sogar in Gang gebracht hatte. Das Wohnzimmer lud zum gemütlichen Beisammensein und Faulenzen ein. Mit einem Buch, heissem Tee und Shortbread den Tag auf dem Sofa sitzend vor dem flackernden Kaminfeuer zu verbringen, hätte auch seinen Reiz.
Aber dann war da noch ihre Familie.
Die beiden Jungs hatten schon zu Hause über das Reiseziel gemotzt. Schottland im Sommer! Wo es immer regnete! Wo man nicht baden konnte! Wo es kein Internet, sondern nur Schafe und Hügel gab! Wohin niemand Angesagtes hinreiste, nur Pensionierte und kleine Kinder, denen ihre spiessigen Familien keine Wahl liessen. Womöglich wurde man noch gezwungen, Wanderungen mitzumachen! All die Kollegen verbrachten die Sommerferien in mondänen Hotels in der Ägäis oder auf den Malediven, konnten abends in den Ausgang, Party machen. Nur sie, die Pechvögel der gesamten Schule, mussten mit den Eltern am Ende der Zivilisation versauern! Wusste Mama überhaupt, wie peinlich das war?
Christina seufzte. Nun wenigstens hatte das mit dem Internet nicht gestimmt. Im Gegenteil, eigentlich war WLAN sehr viel selbstverständlicher als in der Schweiz, wo man in jedem Hotel für diese kleine Dienstleistung gutes Geld bezahlen musste. Hier, im Nordwesten der Highlands, in diesem Zweihundertfünfzig-Seelen-Dorf, war das Passwort zum WLAN gleich mit dem Cottageschlüssel mitgeliefert worden. Das hatte die Söhne ein bisschen beruhigt. Ein bisschen, aber nicht sehr. Denn baden konnte man tatsächlich nicht. Seit Tagen herrschten Temperaturen von höchstens fünfzehn Grad, und das im Juli. Wandern hätte man schon können, schliesslich hatte Christina Regenzeug und wasserdichte Trekkingschuhe für die ganze Familie ins Reisegepäck mit eingepackt. Aber schon nur das Wort Wanderung laut auszusprechen war bei ihren Söhnen gleichbedeutend mit einer Kampfansage, und bis jetzt hatten sich die Jungs keinen einzigen Schritt aus dem Haus bewegt. Sie lagen den ganzen Tag in ihrem Zimmer auf dem Bett oder im Wohnzimmer auf dem Sofa und glotzten auf ihre Handys. Oder sie blickten zum Fenster in den Regen hinaus und murmelten unterdrückte Flüche vor sich hin. Die Stimmung war entsprechend gereizt, es herrschte eine Art kalter Krieg, bei dem derjenige umgehend verlor, der irgendetwas Positives an der Situation sah.
Mark war auch keine grosse Hilfe. Wandern war nicht seine grosse Leidenschaft, deshalb kam ihm die Ausrede mit dem Wetter gerade recht. Aber das Golfspiel, welches er unbedingt während seiner Ferien in Schottland hatte ausprobieren wollen, machte auf dem sumpfigen Untergrund keinen grossen Spass. In Gairloch gab es zwar einen 9-Loch-Golfplatz, der als der vielleicht beste Golfplatz der Welt angepriesen wurde. Als Mark letzthin aber eine Runde in Angriff nehmen wollte, war kein Mensch da, obwohl die Öffnungszeiten für jedermann sichtbar an der Türe des Clubhauses angeschrieben standen. Ein hilfreicher Passant erklärte Mark, man müsse das Geld für die Runde einfach in die kleine blaue Kasse legen und könne dann auf dem Grün spielen. Fantastisch simple Lösung. Aber Mark musste ja noch die Ausrüstung dazu mieten, da er als blutiger Anfänger keine mitgebracht hatte. Da wusste der hilfreiche Gentleman leider auch keinen Rat mehr.
Wenn es also nicht bald zu regnen aufhörte, musste ein Alternativprogramm her. Das war in diesem Winkel der schottischen Highlands nicht gerade einfach. Poolewe’s Touristenprogramm bestand im sonntäglichen Gottesdienst und einem Tanzabend mit traditioneller Musik jeweils am Mittwoch. Da Mark und sie an beide Orte bereits hingegangen waren, hatte man einen Drittel der Einwohnerschaft schon kennengelernt. Das half zwar, wenn man sich im einzigen Pub des Ortes zu einem kleinen Schwatz traf, aber man konnte ja auch nicht den ganzen Tag dort herumhängen. Sonst gab es hier keine andere Zerstreuung. Ruhe und Erholung, rief sich Christina in Erinnerung, waren für sie der wichtigste Grund für die Auswahl des Ferienortes gewesen. Die Landschaft war, sogar mit einem grauen Regenschleier verhüllt, grandios, die Luft sauber und unglaublich weich auf der Haut und das Meer mit den schönen langen Stränden in unmittelbarer Nähe sicher ein Gewinn. Nur leider war die ganze Schönheit an zwei Teenager, die nur an Vergnügen und Online-Games dachten, vollkommen verschwendet. Ein Rundgang durch die exotischen Gärten von Inverewe mit ihren Palmen und Riesenfarnen kam einer Wanderung schon so gefährlich nahe, dass Christina ihn bisher noch nicht vorzuschlagen gewagt hatte.
Ein Geräusch veranlasste sie, sich umzudrehen. Ihr Mann kam die Treppe heruntergeschlurft. Das Haar stand ihm wirr vom Kopf ab, das Gesicht war vom Schlaf noch rosarot angehaucht. Der Dreitagebart verlieh ihm einen rebellischen Anstrich. Eigentlich sah er mit seinen bald fünfundvierzig Jahren immer noch sehr gut aus.
„Wenigstens schläft sich hier gut!“, brummte er anstelle eines Morgengrusses und verschwand in der Küche. Eine Minute später war das Pfeifen des Wasserkessels zu hören, und eine weitere Minute darauf erschien Mark wieder mit der Kaffeekanne und einer Tasse im Wohnzimmer.
„Willst du auch einen?“
Christina deutete auf ihre Teetasse und schüttelte den Kopf.
„Regnet’s immer noch?“
Da diese Frage keiner Antwort bedurfte, dehnte sich das Schweigen zwischen ihnen. Christina holte tief Luft. „Sollen wir heute mal einen Ausflug machen? Wir könnten uns ins Auto setzen und ein Schloss besuchen. Bis Eileen Donan ist es nicht einmal zwei Stunden Fahrt.“
Christina hatte schon von Anfang an klar gemacht, dass sie Angst davor hatte, ein ihr unbekanntes Mietauto und dann noch auf der linken Strassenseite zu lenken. So war die Fahrerei an Mark hängen geblieben. Er blickte zum Fenster hinaus und legte die Stirn in Falten. „Gute Idee“, meinte er zustimmend zur grossen Erleichterung von Christina. „Sind die Jungs schon aufgestanden?“
Das war nun so offensichtlich nicht der Fall, dass Christina nur lachen und hilflos mit den Schultern zucken konnte. Immerhin war es erst neun Uhr, und bis jetzt hatte sich vor Mittag in diesem Hause noch nie was geregt.
In diesem Moment krachte eine Tür auf, und ihr jüngerer Sohn erschien, finsteres Gesicht unter ungekämmtem Rastalook. „Ihr macht einen Heidenkrach!“, maulte er und verschwand im Badezimmer.
„Gut!“, rief Christina. „In einer halben Stunde gibt’s Frühstück, dann fahren wir los.“
„Wohin denn?“, kam es aus dem Badezimmer. Dies gab Anlass zur Hoffnung, dass wenigstens Stefan möglicherweise für einen Ausflug zu haben sein würde. Paul dagegen hatte schon zu Beginn der Reise kundgetan, Schlösser besichtigen sei nur etwas für hobbylose Nerds, die nichts mit sich anzufangen wüssten.
„Wir gehen zum Eilean Donan Castle. Das hat als Kulisse für viele Filme gedient.“
„Was für Filme?“
Christina suchte krampfhaft nach einem Filmtitel, der auch ihrem Sohn bekannt wäre. „Highlander zum Beispiel.“
„Nie gehört. Um was geht’s da?“
Christina warf Mark einen hilflosen Blick zu und konstatierte, dass dieser breit grinste. Highlander war einer seiner Lieblingsfilme gewesen, einer der wenigen Actionfilme, die sie zusammen im Kino gesehen hatten. Er dachte aber gar nicht daran, am frühen Morgen seinem übelgelaunten Sprössling die komplizierten Gedankengänge Hollywoods zu erklären und tippte sich nur an die Stirn. Wirklich eine tolle Unterstützung, vielen Dank! Christina seufzte erneut. Wenigstens liess Mark sich herbei, Paul aufzuwecken. Der Siebzehnjährige schien seit Ferienbeginn unglaublich viel Schlaf zu brauchen, allerdings durchwegs am Morgen und nie in der Nacht, wo normale Menschen ihre Nachtruhe hielten. Christina hörte, wie sich im Zimmer eine halblaute Diskussion zwischen Vater und Sohn entspann, an deren Ende Paul mit noch düsterer Miene als vorhin sein Bruder und noch im Bademantel in die Küche schlurfte, um die vorfabrizierten Pfannkuchen in den Toaster zu stecken, die er zur Wiederherstellung seiner Kräfte zu verputzen gedachte.
Trotz Protesten der Jungs bestand Christina darauf, dass sich die Familie wenigstens in den Ferien gemeinsam an den Frühstückstisch setzte.
Die Ausflugspläne wurden zur Sprache gebracht. Wider Erwarten konnten sich beide Jungs für den Plan erwärmen. „Dieses Schloss kommt in einem James Bond vor!“, wusste Paul. „Das wird sicher cool. Wenigstens etwas, was ich den Kumpels dann erzählen kann.“ Stefan nickte zustimmend. James Bond war eindeutig was anderes als Highlander, das sicher irgendein Historienschinken war, die ihre Mutter so gerne schaute und von denen keiner in seiner Klasse je etwas gehört hatte.
Christina staunte über die plötzliche Begeisterung ihrer Söhne. Offenbar hatten sie und Mark wider Erwarten einen erfolgsversprechenden Weg gefunden, den Tag zu verbringen. Sie atmete auf. Vielleicht wurden diese Familienferien ja doch noch zu einem Erfolg.
Mittwochnachmittag
Der Anruf ging um 13.40 Uhr bei der Polizeistelle in Gairloch ein. Police Sergeant Dan Gilchrist nahm den Hörer ab und vernahm die aufgeregte Stimme einer älteren Lady, die etwas von einer Leiche in Poolewe faselte.
PS Gilchrist war an Verkehrsunfälle, verlorengegangene Hunde und unangenehme Zwischenfälle, die Touristen und Verstauchungen am Strand involvierten, gewohnt. Leichen fielen nicht in sein Ressort. Da er aber schon fünfundzwanzig Dienstjahre auf dem Buckel hatte, konnte ihn so leicht nichts aus der Fassung bringen. Er beruhigte die aufgeregte Dame, so gut er konnte, und nach zehn Minuten hatte er nicht nur ihren Namen, ihre Adresse und ihre Beschäftigung – Putzfrau -, sondern auch den Fundort der Leiche in Erfahrung gebracht.
Offensichtlich war Penelope McKay wie jeden Mittwochnachmittag, um Punkt ein Uhr im Heather Cottage von Ruaridh McDougal eingetroffen, um dort sauber zu machen. Sie hatte sich noch gewundert, dass die Türe zum Cottage nicht abgeschlossen war, obwohl Mr. Ruaridh doch am Vormittag zur Destillerie gefahren war. Als sie jedoch ins Haus eintrat und wie gewohnt direkt in die Küche ging, stiess sie mit dem Fuss an etwas Weiches, Schweres, das auf dem Küchenfussboden lag. Als sie sich bückte um nachzusehen – sie war etwas kurzsichtig -, erblickte sie den Hausherrn, offensichtlich ohnmächtig zusammengebrochen, vor dem Küchentisch. Nun war Penelope McKay keineswegs eine Zimperlise, sie hatte ihr Leben lang gearbeitet und war sich nicht zu schade anzupacken und sich die Hände schmutzig zu machen. Sie kniete sich also neben Ruaridh McDougal nieder und drehte ihn mit einiger Kraftanstrengung, auf den Rücken, um zu sehen, wie sie ihm helfen konnte. Und da sah sie, dass anstelle seines Gesichts – an dieser Stelle kippte Mrs. McKays Stimme wieder ins Falsett, und Dan Gilchrist beeilte sich, beruhigend auf sie einzureden und sie zu ermahnen, sich nicht so aufzuregen. Schliesslich hatte sie schon gut siebzig Lenze auf dem Buckel, und er wollte nicht, dass ihr Herz Schaden nahm.
„Immer mit der Ruhe, immer mit der Ruhe! Ich schlage vor, Sie rühren im Haus nichts mehr an, setzen sich draussen irgendwo hin an einen ruhigen Ort und warten, bis die Polizei eintrifft. Das kann etwa eine Viertelstunde dauern, sie rückt von Gairloch aus an. Ich rate Ihnen, den Toten, äh, ich meine Mr. McDougal, nicht mehr anzusehen, vor allem nichts zu berühren – Sie können ihm sowieso nicht mehr helfen. Seien Sie vorsichtig, vielleicht ist der Mörder noch in der Nähe…“
Im Hörer quietschte es. Penelope McKay war nicht auf den Kopf gefallen und protestierte, sie werde sich keinesfalls auf eine Bank vor dem Cottage setzen, sichtbar für alle Mörder und Verbrecher, die noch in der Nähe herumlungerten. Sie würde sich jetzt ins Pub ins Dorf begeben und sich dort einen Whisky genehmigen. Die Polizei wüsste ja, wo sie zu finden sei, und im Übrigen schliesse sie die Türe zum Cottage ab. Die Einsatztruppe könne den Schlüssel bei ihr im Pub abholen.
Gilchrist kratzte sich am Kopf. Dieser Vorschlag stimmte nicht mit dem vorgeschriebenen Prozedere überein, wie es der Leitfaden zur Polizeiarbeit in so einem Fall vorsah, und der Gedanke, sich anschliessend mit einer heillos betrunkenen Zeugin herumschlagen zu müssen, war auch nicht gerade berauschend. Aber er sah nicht, wie er Mrs. McKay an der Ausführung ihres Vorhabens hindern konnte, ohne selbst vor Ort zu sein. Also musste es halt das Pub sein.
Er legte den Hörer auf und wählte die interne Nummer von Charlotte McKenzie. Die Polizeiwache war zurzeit unterbesetzt – schliesslich waren es Sommerferien, und die Hälfte der Besatzung war dem tristen schottischen Wetter entflohen und sonnte sich irgendwo an der Costa del Sol oder sonstwo, wo nichts an keltische Mystik und kalte Füsse erinnerte. Aber er hatte Glück, seine Chefin war in ihrem Büro. Sie war erst seit einem halben Jahr auf ihrer neuen Position, nach der Beförderung zum Detective Inspector, die sie der Tatsache zu verdanken hatte, dass sie an der Küste einige illegale Whiskybrennereien ausgehoben und den Kollegen von Lochalsh einen Tipp zur Festnahme zweier prominenter Mitglieder eines Mafia-Spielclubs gegeben hatte.
DI McKenzie war klein, blond, mit einem lustigen Pferdeschwanz, sie war immer sehr höflich zu ihren Untergebenen und hatte meist ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Die beiden letzten Merkmale hatten zur Folge, dass einige der Uniformen sie unterschätzt hatten. Einer hatte sich sogar zu einer anzüglichen Bemerkung hinreissen lassen, für die er postwendend die Quittung in Form einer Versetzung nach Thurso erhalten hatte. Noch weiter ins Niemandsland ging’s nun wirklich nicht, dachte Gilchrist mit nicht geringer Schadenfreude, ausser man rechnete noch die Shetlands dazu. Aber die Polizeiwache in Lerwick wurde meist mit Einheimischen besetzt, denen das Inselleben im Blut lag. Die Episode hatte aber allen klar gemacht, dass Inspector McKenzie nicht lange fackelte, wenn es um die Umsetzung von Gleichstellungsmassnahmen und die Ahndung von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ging. Seither hatte keiner der Truppe sie jemals wieder blöd angemacht.
Ein Mord war aber ebenfalls etwas Neues für sie.
„Ok, ich gehe mit zweien vom Team hin und fordere die Spurensicherung an. Vermutlich müssen wir die Special Unit in Inverness alarmieren, aber ich werde mir zuerst mal selber ein Bild machen. Wahrscheinlich gibt es eine ganz einfache Erklärung für den Mord, ein schiefgelaufener Einbruch oder so. Kennen Sie diesen McDougal-Typen, Dan?“
„Nein, das ist ein unbeschriebenes Blatt. Am besten hören Sie sich an Ort und Stelle einfach mal um. Die Putzfrau, diese Mrs. McKay, scheint nicht auf den Mund gefallen zu sein. Vermutlich weiss sie einiges über ihren Arbeitgeber. Der scheint da ganz allein in diesem abgelegenen Cottage gehaust zu haben. Offenbar hatte er eine Stelle in der Lochewe Distillery, das ist da oben bei Aultbea – bei diesem komischen Kauz, der die Kunst des Whiskymachens neu erfindet, für die Touristen! Grauenhaftes Gesöff.“
McKenzie liess die letzte empörte Bemerkung, die den erfahrenen Whiskytrinker erkennen liess, unkommentiert, machte sich ein paar Notizen von dem Gesagten und klappte ihren Laptop zu. Auf zu einem kleinen Trip nach Poolewe. Das kam ihr gerade recht, schliesslich war es noch nicht lange her, dass ein wochenlanger Dauerregen einem die Laune gründlich verdorben hatte. Obwohl sie selbst aus Achnasheen stammte und sie seit ihrer Kindheit an das raue Highland-Klima gewöhnt war, hatten die kalten Temperaturen und die Feuchtigkeit in diesem Sommer auch ihre fröhliche Laune beeinträchtigt. Eine kleine Ausfahrt in ihrem Fiat, und wenn es auch nur zur Besichtigung einer Leiche ging, konnte da nicht schaden.
Sie ging nach draussen, wo zwei Uniformierte sie bereits erwarteten. PC Smith und PC Purdy freuten sich ebenfalls auf die Fahrt, auch wenn einer von ihnen hinten auf dem Rücksitz Platz nehmen musste, weil die Chefin selbst fahren wollte. Aber die Besichtigung eines Mordschauplatzes versprach interessant zu werden, und im Übrigen erlöste es sie davon, einen Bericht über eine Schlägerei zu verfassen, welche vor drei Tagen im örtlichen Pub stattgefunden hatte. Den Tathergang aufzunehmen und die verschiedenen Aussagen zu bündeln, war geradezu sensationell langweilig.
McKenzie war eine gute Autofahrerin, und sie genoss den Weg von Gairloch bis in das kleinere Poolewe durch die menschenleere hügelige Landschaft in vollen Zügen. Wobei – menschenleer war die Landschaft nicht. Auf der Passhöhe hatten sich ein paar Camper häuslich in ihren Zelten eingerichtet.
„Ganz schön mutig von denen, wenn man bedenkt, dass sie in der letzten Woche zu ertrinken drohten!“, bemerkte sie. „Ich glaube nicht, dass das meine Vorstellung von erholsamen Ferien wäre, bei Wind, Regen und Nebel mitten im Sommer da oben zu übernachten. Hoffentlich haben sie wenigstens warme Sachen dabei.“
„Sind wahrscheinlich vom Kontinent, oder es sind Engländer.“ Das war Smith. Er hatte nichts übrig für Romantiker und Touristen, meist in Personalunion. Das eine war so schlimm wie das andere. Er ging mit seiner Maud jedenfalls immer an die Costa Brava, wo sie in der Sonne am Strand liegen und würzigen spanischen Wein trinken konnten.
Purdy auf dem Rücksitz hatte noch andere Bedenken. „Meinen Sie, die haben etwas mit dem Mord zu tun?“ Bei all den Fremden im Sommer konnte man ja nie wissen, ob sich nicht das eine oder andere merkwürdige Subjekt darunter befand. PC Purdy war das konservativste Teammitglied und hatte all die Veränderungen, die das Hochland in den letzten Jahren durchgemacht hatte, mit Zurückhaltung aufgenommen.
„Ich glaube kaum, dass sie dann noch hier wären, Michèle“, meinte McKenzie. „Oder denken Sie, sie würden seelenruhig beim Fischen auf uns warten?“
Purdy schwieg beleidigt und nahm sich vor, die Camper trotz allem zu überprüfen. Vielleicht waren es die Schläger vom Pub. Aber sicher hatten sie mindestens keine Fischerlizenz, so gab’s vielleicht da etwas zu holen. Das Bussensoll für diesen Monat war noch nicht erfüllt.
In Poolewe bog McKenzie vor der Brücke links auf die Dorfstrasse ab. Sie mussten ja noch im Pub vorbei, um den Schlüssel von Heather Cottage abzuholen und zudem mussten sie die Zeugin, die die Leiche gefunden hatte, vernehmen.
Mrs. McKay hatte trotz der kurzen Zeit, die seit ihrem Anruf bei der Polizei verstrichen war, schon wesentlich mehr als nur einen Whisky intus, als die drei Polizisten das Pub betraten und sich nach ihr umblickten. Aber sie erhob sich ohne zu schwanken und trat den Hütern des Gesetzes mit sicheren Schritten entgegen.
„Guten Tag.“ McKenzie blickte auf ihren Notizzettel. „Penelope McKay, nicht wahr? Sie haben die Leiche gefunden?“
„Jawohl. Und ich habe zu Malcolm hier gesagt, nie im Leben hab’ ich was ähnlich Schreckliches gesehen, hab ich gesagt. Jawohl. Der arme Mr. Ruaridh! Und sein Gesicht! Oder was davon übrig ist! Einfach schrecklich. Ganz blutig war’s, und ein Auge…“
„Wann haben Sie die Leiche gefunden?“ McKenzie unterbrach die Litanei, bevor Mrs. McKay noch weitere deftige Einzelheiten zum Besten geben konnte.
„Ja, um 13 Uhr. Ich bin wie immer um diese Zeit am Mittwoch beim Cottage eingetroffen. Ich habe jetzt zwölf Jahre bei Mr. Ruaridh gearbeitet, und nicht ein einziges Mal bin ich unpünktlich gewesen! Diese jungen Dinger von heutzutage – Raumpflegerinnen nennen sie sich ja wohl –, die wissen überhaupt nicht, was Verlässlichkeit bedeutet! Mr. Ruaridh hatte nie Anlass, sich über mich zu beklagen, ich bin immer pünktlich gekommen, ob’s nun geregnet oder geschneit hat. Sogar wenn’s eisig war…“
„Aber den Anruf haben Sie erst –“, ein weitere Blick auf den Notizzettel –, „um 13.40 Uhr getätigt. Was haben Sie so lange am Tatort gemacht?“
Mrs. McKay schnappte nach Luft. „Na hören Sie mal, Inspektor, ich hatte einen Schock! Zuerst bin ich ja reingekommen, das dauerte wohl zwei Minuten. Dann bin ich in die Küche gegangen und habe meinen Mantel und die Tasche auf den Tisch gelegt. Dann habe ich mich umgedreht, und da habe ich ihn gesehen.“
„PS Gilchrist haben Sie gesagt, Sie seien mit dem Fuss gegen die Leiche gestossen, als Sie in die Küche gegangen sind.“
“Ja, das stimmt. Aber erst habe ich den Mantel ausgezogen und die Tasche auf den Tisch gelegt, wie ich gesagt habe. Und dann bin ich um die Theke gebogen – Sie müssen wissen, Mr. Ruaridh hat da so eine neumodische Einrichtung. Nicht wie wir, wir haben den Tisch direkt vor dem Herd. Aber Mr. Ruaridh hat eine halbhohe Wand vor seinen Kochherd gebaut – Frühstückstheke sagt er dem wohl. Und da hat er gelegen – zwischen der Wand und dem Herd.“
„Also konnten Sie ihn gar nicht sehen, als Sie vom Flur in die Küche gegangen sind?“
„Nein, sag ich ja. Erst als ich um diese Wand rumgegangen bin und mit dem Fuss gegen den Körper gestossen bin…“ An dieser Stelle zitterte Mrs. McKays Stimme leicht.
McKenzie kam auf die Zeitfrage zurück. „Sie haben also die Leiche gefunden, oder sagen wir, Sie haben geglaubt, den ohnmächtigen Mr. McDougal vor sich zu haben. Was haben Sie dann gemacht?“
„Ja also, wissen Sie. Ich bin ja kurzsichtig. Ich hab gedacht, er wäre wohl ohnmächtig geworden. Ich hab ihn etwas geschüttelt, aber als er sich nicht bewegt hat, hab ich meine Brille geholt…“
„Sie haben was?“ McKenzie hoffte, ihre Stimme töne nicht so entgeistert, wie sie sie selber gerade empfand.
„Ich bin zum Tisch und meiner Tasche gegangen und habe meine Brille geholt. Ich sehe sonst nicht so gut. Und als ich sie dann aufgesetzt hatte und zurückgegangen bin, da habe ich ihn umgedreht und da habe ich, nun ja, gesehen, dass er kein Gesicht mehr hatte. Da wurde mir ein bisschen schlecht, und ich musste mich setzen.“
Als die drei Polizeibeamten wieder im Auto sassen, holte Smith als erster Luft. „Das alte Mädchen ist ja nicht ganz dicht. Holt die Brille, um sich die Leiche zu begutachten! Und ich wette, sie hat danach den Alkoholvorrat von Ruaridh McDougal geplündert, bevor sie zum Telefonhörer gegriffen hat.“
„Ja, über diese halbe Stunde mache ich mir auch Gedanken. Wer setzt sich schon an den Küchentisch und wartet mindestens zwanzig Minuten, bevor er die Polizei ruft, wenn er einen Mord entdeckt?“
„Denken Sie, sie könnte vor Schreck ohnmächtig geworden sein?“ Mrs. McKay war immerhin eine Einheimische, und Purdy hielt ihr das zugute. Eine Lady von über siebzig Jahren! Sie konnte sich gut vorstellen, dass die Putzfrau den Schreck ihres Lebens erhalten hatte, als sie ihren Arbeitgeber so daliegen sah. Vielleicht hatte sie sich wirklich zuerst erholen müssen, bevor sie ihre Bürgerpflicht erfüllen konnte.
McKenzie äusserte sich nicht weiter dazu, sondern wendete den Wagen und fuhr zurück zur Hauptstrasse. Heather Cottage befand sich etwa eine Meile am rechten Ufer des Ewe entlang. Rund hundert Schritte von der geschotterten Strasse auf der linken Seite glitzerte das Wasser zwischen den Bäumen hindurch im Sonnenlicht. Eine richtige Idylle!, dachte McKenzie, bevor sie auf den Parkplatz vor dem Cottage einbog und den Motor ausschaltete.
Das Cottage machte einen hübschen Eindruck. Von einer Rhododendronhecke eingesäumt, weiss gestrichen, gepflegt, mit Geranien auf dem Fensterbrett neben der blau gestrichenen Eingangstür.
McKenzie beorderte Smith auf einen Rundgang rund ums Haus, streifte sich die Latexhandschuhe über und schloss mit Mrs. McKays Schlüssel die Tür auf. Purdy folgte ihr ins Haus.
Vom düsteren Flur ging die Treppe ins Obergeschoss weg. Links befand sich die Tür ins Wohnzimmer und geradeaus ging’s zur Küche. McKenzie konstatierte, dass Mrs. McKay die Küchentür sorgfältig geschlossen hatte, bevor sie das Cottage verlassen hatte. Ein weiteres Element, was sie an diesem Fall merkwürdig berührte. Sie drückte die Klinke herunter und stiess die Tür vorsichtig auf.
Tatsächlich konnte man von der Küchentür nicht direkt zum Herd sehen, der hinter der Frühstückstheke, die den Raum zweiteilte, versteckt war. Über die Theke hin waren nur der Küchentisch mit vier Stühlen und das Fenster, welches zum Fluss hinausging, zu sehen.
„Sie scheint die Wahrheit gesagt zu haben“, brummte Purdy mit sichtlicher Genugtuung. „Sie kann die Leiche unmöglich sofort bemerkt haben.“
„Ja, scheint so.“ McKenzie bog um die Theke herum und hielt erschrocken den Atem an. Eine Leiche war kein schöner Anblick, und das Opfer hier war ein besonders unerfreuliches Beispiel dafür. In ihrer Ausbildung und der kurzen Laufbahn hatte McKenzie zwar schon einige Toten zu begutachten gehabt – in der Mehrheit waren die Betroffenen entweder bei einem Unfall oder eines natürlichen Todes gestorben. Hier aber war klar, dass Ruaridh McDougal brutal umgebracht worden war. „Rühren Sie bloss nichts an, Michèle. Hier muss die SpuSi ran. Offensichtlich war hier enormer Hass und Wut am Werk. Sehen Sie die Waffe irgendwo?“
Aber die Waffe war nirgends zu finden. Ruaridh McDougal war offensichtlich entweder aus dem Bett gekommen oder gerade auf dem Weg dahin gewesen, jedenfalls trug er einen dunkelblauen, getüpfelten Pyjama und am linken Fuss hing noch der Filzpantoffel. Den anderen Hausschuh fand Purdy unter dem Küchentisch.
„Michèle, gehen Sie nach oben und schauen Sie, ob das Bett benutzt worden ist. Ich rufe mal in Inverness an. Die sollen ein Team herschicken. Ich glaube, das ist zu gross für uns.“
McKenzie wartete die Antwort nicht ab, sondern wählte die Nummer ihres Vorgesetzten in der Hauptstadt der Highlands, erstattete Bericht und erhielt die Versicherung, dass sich so rasch als möglich ein Spezialistenteam auf den Weg an die Küste machen würde.
Purdy war verschwunden und statt ihrer tauchte Smith in der Küchentür auf. „Draussen ist nichts zu sehen. Keine Spuren an den Scheiben, einfach nichts, nicht mal ein Zigarettenstummel auf dem Kies, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Vermutlich ist der Täter auf demselben Weg hergekommen wie wir, und entweder hatte er einen Schlüssel oder McDougal hat ihm selber die Tür geöffnet. Jedenfalls deutet nichts auf einen Einbruch hin.“
„Wie sieht’s mit Fussspuren zum Fluss hinunter aus?“
„Nichts zu sehen. Aber es gibt da einen gekiesten Fussweg, der zu einem Bootshaus zu führen scheint. Da hätte der Täter keine Fussabdrücke hinterlassen. Vielleicht könnte ein Spürhund…wenn wir so einen hätten. Denken Sie, der Täter hat die Waffe im Wasser versenkt?“
„Würde jedenfalls naheliegen, nicht? Aber wir haben keine Mittel, den ganzen Fluss abzusuchen. Vielleicht können die Herren in Inverness einige Taucher abstellen, wenn man sie lieb bittet. Den Spürhund bringen sie vielleicht aus eigenem Antrieb mit.“ McKenzie lächelte zynisch. „Wenn sie sich überhaupt für diesen Fall hier interessieren. Sie erschienen mir am Telefon nicht gerade übereifrig. Glauben wohl, was hier oben passiert, interessiert ohnehin keinen im Parlament. – Was wissen wir vom Opfer?“
„Nun, ich habe kurz im Netz und bei der Gemeinde recherchiert. Offensichtlich lebte er allein, hatte keine Familie und nur die Putzfrau kam regelmässig her, um reinezumachen. Ansonsten führte er ein völlig unauffälliges Leben. Er hatte einen Job als Barkeeper in Aultbea.“
„Ich dachte, er hätte in einer Whiskydestillerie gearbeitet? Jedenfalls hat Gilchrist das gesagt.“
„Ja, wenn man da von Destillerie sprechen will. Es ist der komische Kerl, Amerikaner, ha!, da oben in Drumchork. Der destilliert selber Whisky, angeblich basierend auf alten Geheimrezepten von der Küstenregion. Bietet für Ausländer Kurse an. Ich kann nicht verstehen, wie man von so etwas leben kann, aber Amerikaner haben die merkwürdigsten Ideen, und die Kunden vom Kontinent – na ja. Jedenfalls hat Bothwell, so heisst der Besitzer, noch ein anderes Standbein – er betreibt ein Hotel mit einer Bar, in der er Whiskydegustationen anbietet. Und McDougal scheint da hinter der Bar gestanden zu haben.“ Und mit düsterer Stimme fügte er hinzu: „Vermutlich hat er nebenbei auch noch was gepanscht.“
„Na, Bothwell nehmen wir dann mal unter die Lupe.“ McKenzie blickte sich aufmerksam um. „Jedenfalls scheint sein Angestellter ziemlich pedantisch gewesen zu sein. Bis auf die schrecklichen Spritzer da an der Wand ist alles sauber aufgeräumt hier, sogar die Küchenzeile ist blitzblank. Ich nehme nicht an, dass Mrs. McKay noch geputzt hat, bevor sie uns angerufen hat.“
„Wer weiss? Ich würde der alles zutrauen.“ Smith mochte keine forschen alten Damen, und Mrs. McKay hatte nicht den besten Eindruck auf ihn gemacht.
Purdy erschien wieder in der Küche. „Das Bett ist benutzt worden, ein Glas Wasser steht auf dem Nachttisch. Der Wecker ist auf halb Neun gestellt, aber ich kann nicht sehen, ob er geläutet hat oder nicht. Im Bad ist alles sauber, die Zahnbürste steht im Zahnglas, und die Badetücher sind am Trockner aufgehängt. Scheint, als ob er schon im Bett gewesen wäre, als der Mörder eintraf.“
„Hm, das würde auf eine Todeszeit mitten in der Nacht bis zum frühen Morgen hindeuten. Hat Gilchrist den Arzt schon verständigt?“
„Ja, aber der ist irgendwo zu einem Notfall unterwegs und kann erst in einer Stunde eintreffen. Bis dahin ist schon fast die Spurensicherung mit dem Pathologen hier.“
„Nun gut, wir sperren hier alles ab. Sie können beide zurück nach Gairloch. Brian, Sie können meinen Wagen nehmen. Ich warte hier auf das Eintreffen der Spezialisten. Überprüfen Sie McDougal, jeden seiner Schritte seit dem letzten Monat. Ich lass mich dann auf dem Rückweg in Poolewe absetzen und nehme mir noch einmal Mrs. McKay vor.“ Mit diesen Worten griff McKenzie zu ihrer Tasche und nahm das Absperrband heraus. „Ich vermisse übrigens die Presse? Ist es möglich, dass noch nichts durchgesickert ist?“
Smith verzog das Gesicht. „Ich tippe darauf, dass sich die Pressefritzen schnellstens im Pub versammelt haben. Aber Sie haben recht, vermutlich dauert’s nicht lange, bis sie hier aufkreuzen. Wir sollten uns lieber beeilen.“
„Na, dann los.“ McKenzie scheuchte die andern hinaus. Zusammen sperrten sie die Zufahrt zum Cottage ab. Sie waren gerade fertig, als der erste Pressefritze eintraf.
Mittwochmorgen
Christina erwachte. Etwas war anders als sonst. Durch die zugezogenen Vorhänge schimmerte das erste Morgenlicht, und es war vollkommen still im Cottage. Christina drehte sich zu ihrem Mann um, der noch ganz ruhig schlief. Wieder hatte sie das Gefühl, es sei etwas nicht wie sonst. Und plötzlich fiel ihr auf: es regnete nicht mehr!
Nichts hielt sie mehr im Bett. Leise, um Mark nicht aufzuwecken, schlug sie die Bettdecke auf ihrer Seite zurück und stand auf.
Mit blossen Füssen tappte sie die Treppe hinunter und ging ins Wohnzimmer. Da waren alle Vorhänge noch zugezogen und verbreiteten ein diffuses blaues Licht. Energisch zog Christina eine der schweren Stoffbahnen zurück und liess das Licht herein. Der Himmel über dem Fluss und den Hügeln war rosa gefärbt. Es musste noch ganz früh am Morgen sein, die Sonne war noch nicht aufgegangen.
Christina schlüpfte in die Schuhe, zog sich ein Strickjäckchen über das Nachthemd und trat zur Tür hinaus.
Welche Wohltat! Der lange Regen hatte die Luft gereinigt – oder vielleicht roch die Luft hier auch immer so frisch und leicht salzig? Das Meer war ja nicht weit. Jenseits der Strasse floss das Wasser gemächlich im breiten Flussbett vorbei, die Vögel zwitscherten und es war noch kein Mensch zu sehen. Das ganze Tal atmete Frieden und versprach einen wunderschönen sonnigen Tag.
Es stand nicht erwarten, dass sich der Rest der Familie für die nächsten paar Stunden regte. Der gestrige Ausflug zum Schloss hatte ihre Söhne wohl unglaublich erschöpft. Trotzdem war der Besuch tatsächlich ein Erfolg geworden. Das Schloss selbst war wunderschön und auf vielen Plakaten abgebildet. Es von Nahem zu besichtigen, hatte alle beeindruckt. Zum Erfolg beigetragen hatte nicht nur die interaktive Ausstellung, die die langweiligen historischen Details auch für Teenies einigermassen erträglich gemacht hatte, sondern auch die vorzüglichen Scones, die man sich anschliessend an die Schlossbesichtigung mit Konfitüre und einer Unmenge Rahm im Schlosscafé gegönnt hatte.
Christina fasste einen spontanen Entschluss. Sie kehrte ins Haus zurück, zog sich hastig an, machte oberflächlich Toilette und schnappte sich Handtasche und Jacke. Im letzten Moment kehrte sie noch einmal um, steckte ihre Kamera ein und hinterliess eine kurze Nachricht – bin spazieren gegangen, komme gleich zurück. Sie lachte auf – vermutlich wäre sie längst wieder zurück, bevor ein Mitglied ihrer Familie diese Nachricht zu Gesicht bekam.
Vor der Tür wandte sie sich nach links. Auf der Karte, die sie schon vor Tagen ausgiebig studiert hatte, war ein Wanderweg eingezeichnet, der rund um einen kleinen Loch im Hinterland führte. Der erste Teil war bequem geteert und verlief in kleinen Serpentinen dem Fluss entlang. Christina hielt ihren Fotoapparat griffbereit. Wenn sie zu Hause mit ihren Fotos Eindruck schinden wollte, so war jetzt der Zeitpunkt, bei dem langersehnten guten Wetter und in der Morgendämmerung ein paar schöne Aufnahmen zu schiessen. Farne, Erika, ein Birkenwäldchen – Christina konnte gar nicht genug auf den Auslöser drücken. Das gab tolle Sujets, vielleicht könnte sie zu Hause sogar ein Poster von einigen der Bilder machen.
Beim Schlendern blickte sie sich aufmerksam um. Das Gefühl, ganz allein in der Schönheit der Natur unterwegs zu sein, füllte sie völlig aus. Was schimmerte da über dem Fluss weiss durch die Bäume? Sie trat drei Schritte zur Seite und sah, dass am anderen Ufer ein ausgesprochen hübsches Cottage lag, mit Reet gedeckt, mit Geranien in den Fenstern und einem kleinen eingezäunten Garten davor. Zwischen diesem und dem Fluss grasten Schafe. Idyllisch! Sie würde die Foto Stefan zeigen – er hatte erst vorgestern gefragt, was eigentlich ein Cottage sei. Dieses hier war ein Prachtexemplar.
Sie ging weiter. Der Weg stieg ein bisschen an, und sie begann warm zu werden. Wie lange war sie denn schon unterwegs? Sie beschloss, noch eine halbe Meile weiterzugehen, bis dahin, wo der Weg sich gabelte. Dann war es sicherlich Zeit umzukehren.
