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Schottland-Krimi. Charlotte McKenzie, Polizeiinspektorin von Gairloch, die sich nach ihrem ersten gelösten Mordfall von der anstrengenden Arbeit auf der malerischen Hebrideninsel Skye erholen will, wird stattdessen unversehens in einen mysteriösen Todesfall verwickelt. Sie, die sich nur für schnulzige Romane und kurze Spaziergänge am Strand interessiert, muss sich plötzlich mit Rugbyspielregeln und Wettintrigen herumschlagen. Wer hat den beliebten Jungstar der schottischen Nationalmannschaft auf dem Gewissen? Ein Konkurrent im Team? Seine Familie? Oder hatte doch ein undurchsichtiges WM-Wettsyndikat seine Hand im Spiel? Zum Glück steht ihr ihr bewährtes Team zur Seite: Sergeant Gilchrist und Constable Purdy, ganz zu schweigen von Scott McTavish, einem Taucher aus Gairloch, der ihr (mehr als nur) freundschaftlich verbunden ist.
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Simone Häberli Mlinar
Impressum
Texte: © Copyright by Simone Häberli Mlinar
Coverbild: © Copyright by Simone Häberli Mlinar
Lektorat: www.asada.ch
Verlag: epubli.de
O Blüte Schottlands,
Wann treffen wir
Auf euresgleich,
Gekämpft und gestorben
Fürs eigne bisschen Land,
Die ihr getrotzt habt
Stolz Edwards Streitmacht
Und ihn nach Haus gejagt,
Dass er's bereut.
Nun ist's Geschichte,
Soll einzig noch Legende sein,
Doch können wir aufsteh'n,
Zu sein die starke Nation,
Die einst getrotzt hat
Stolz Edwards Streitmacht
Und ihn nach Haus gejagt,
Dass er's bereut.
* Flower of Scotland, ursprünglich von «The Corries» (1967), heute inoffizielle SchottischeNationalhymne bei Fussball- und Rugby-Spielen. Die deutsche Übersetzung stammt aus der Feder der Autorin.
Die Nationalhymnen waren verklungen, der Anpfiff erfolgt. Das Spiel geriet für die Schotten zum absoluten Desaster.
Kaum eine Minute nach Spielbeginn war es dem rechten englischen Aussendreiviertel gelungen, die gesamte Verteidigung der Gäste auszuhebeln und den Ball ins gegnerische Malfeld abzulegen. Der erste Versuch, beim allerersten Angriff. Über das Gesicht des Mannes im weissen Dress zog ein breites Grinsen, das sich tausendfach widerspiegelte in den rotbemalten Antlitzen auf den Rängen. Einen solch schnellen Erfolg hatten nicht einmal die grössten Optimisten zu erhoffen gewagt, nach der letztjährigen Niederlage im Norden.
Das Twickenham-Stadion in London war bis unters Dach vollgepackt, die Stimmung ausgelassen, die Fangesänge erfüllten die Luft. Die schottischen Zuschauer, viele mit blauweiss angemalten Gesichtern und im Kilt, waren durchaus guter Laune und zuversichtlich angereist. Nun hatten sie gerade eine eiskalte Dusche erwischt. Sie starrten ungläubig auf das Feld und sahen zu, wie der englische Kicker den Ball auf das T setzte. Die Distanz zum Tor war machbar.
Respektvolle Stille senkte sich über das riesige Stadion. Der Kicker pendelte mit den Armen hin und her, mass die Distanz mit den Augen und liess sich viel Zeit. Konzentriert ignorierte er die einzelnen Pfiffe, die ob seines Zögerns von den Rängen ertönten. Er kniff die Augen zusammen, holte mit dem rechten Fuss aus und versenkte den Ball kaltblütig zwischen den hoch aufragenden Pfosten. Damit stand es sieben zu null für die englische Nationalmannschaft. Jubel bei den Einheimischen, leeres Schlucken bei den sichtlich schockierten schottischen Fans.
Das Spiel nahm seinen Lauf. Auf schottischer Seite demonstrierte man Entschlossenheit und Zuversicht. Es würde ein bisschen schwieriger werden als gedacht, hier in London, aber man hatte ja erst gerade begonnen. Nur Mut! Schliesslich war es nicht das erste Mal in ihrer Geschichte, dass die Mannschaft einem Rückstand hinterherrannte.
Scott McTavish quetschte sich zwischen den Sitzreihen durch und kehrte mit zwei Flaschen Bier zu seiner Begleitung zurück. Die hübsche junge Frau mit den Andreas-Kreuzen auf beiden Wangen, das dunkle Haar im Nacken zusammengebunden, warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, als er sich auf den Sitz neben ihr plumpsen liess.
„Du hast die Nationalhymnen verpasst.”
„Ich habe vor dem Tresen mitgesungen.” Er grinste breit. „Da waren drei Engländer vor mir, die fanden das gar nicht witzig und haben sich fast an ihrem Bier verschluckt.”
Er reichte ihr eine Flasche und warf einen kurzen Blick auf die Tafel. Die blauen Augen weiteten sich ungläubig. Die Frau, die das Mienenspiel verfolgt hatte, lachte laut auf. „Warum hast du dich nicht beeilt! Wo warst du denn so lange?”
McTavish knirschte mit den Zähnen. „Ich musste Schlange stehen. Sieht so aus, als hätte ich mehr als nur die Hymnen verpasst. Was ist denn hier passiert? Sind unsere Jungs noch nicht aufgewärmt?”
Die Frau blickte leicht zweifelnd aufs Spielfeld, wo sich gerade ein Gedränge gebildet hatte. „Sie haben noch fast achtzig Minuten Zeit. Das werden sie schon schaffen.”
McTavish nickte halbwegs zustimmend und nahm einen Schluck aus seiner Flasche. In seinem blonden Bart blieb Bierschaum hängen, den er achtlos mit dem Handrücken wegwischte.
Das Spiel ging weiter. Wenn er gehofft hatte, die Schotten würden eine rasche Reaktion zeigen und den Ausgleich erzielen, hatte er sich schwer getäuscht. Nach kaum ein paar weiteren Minuten sicherten sich die Engländer in einer Gasse den tieffliegenden Ball, und der folgende entschlossene Teamangriff brachte ihn die wenigen Meter über die Mallinie.
„Was zum Teufel…!”, fluchte McTavish vor sich hin. Sein vorhin noch offen zur Schau gestellter Optimismus hatte eine empfindliche Delle erlitten. „Wir haben sicher nicht den ganzen weiten Weg im Nachtzug von Inverness hierher genommen, um zuzuschauen, wie unsere Jungs schmählich untergehen! Das kann doch einfach nicht wahr sein.”
Seine Freundin schien die Sache nicht so tragisch zu sehen. Sie war zum ersten Mal im Stadion, und der Kampf auf dem Feld begann sie langsam zu faszinieren. Das Spiel hatte etwas Archaisches an sich. Rohe Kraft, Taktik und Tempo mischten sich mit einer Fairness der Spieler, die sie sonst bei Mannschaftssportarten vermisste. Wie lautete das allbekannte Bonmot, das Scott zitiert hatte? Rugby ist ein Spiel für Hooligans, gespielt von Gentlemen. Als Grundwerte des Spiels, so hatte er sie belehrt, galten Integrität, Leidenschaft, Solidarität, Disziplin und Respekt, so wie sie in der Charta des Welt-Rugby-Verbands von 2009 definiert waren. Nun, er musste es ja wissen. Er hatte das Spiel in seiner Collegezeit selbst gespielt.
Die Finessen der einzelnen Spielzüge entgingen ihr noch. Warum waren die Spielregeln auch so schwer zu verstehen? Jetzt hatte der Schiedsrichter das Spiel schon wieder unterbrochen. Sie blickte Scott von der Seite her an, getraute sich aber nicht, ihn nach einer Erklärung zu fragen. Seiner finsteren Miene nach lief es für seine Mannschaft gerade nicht so gut.
Sie blickte zurück auf das Feld, wo sich wieder ein Gedränge gebildet hatte. Acht Kerle auf jeder Seite griffen sich an den Schultern, senkten die Köpfe und begannen eng aneinandergedrückt gegeneinander zu schieben. Ob sich da nicht der eine oder andere eine arge Beule holte? Sie fand, dass es ein paar stattliche Burschen unter den Spielern hatte. Die brachten zusammen ein beachtliches Kampfgewicht auf die Waage - viele waren mehr als einen Meter neunzig gross und wogen an die hundert Kilo oder sogar darüber. Diesen Eindruck vom Spiel, oder vielmehr von den Spielern, würde sie Scott vielleicht lieber nicht direkt auf die Nase binden.
Ihr Lächeln fror ein, je länger das Spiel andauerte. Die Sache war sehr einseitig. Während den Weissen jeder Spielzug nach Wunsch gelang, sie fantastischen Angriff um fantastischen Angriff starteten und durch die Reihen der Gegner brachen wie durch Butter, hielten die Blauen kaum mehr den anfänglichen Widerstand aufrecht. Nach einer halben Stunde hatten sich die Engländer den Bonuspunkt gesichert, und das Spiel stand einunddreissig zu null. Zu null! Die schottische Mannschaft ging sang- und klanglos unter wie die Titanic.
Die Stimmung bei den angereisten Fans war so düster geworden wie der Nachthimmel. Die anfänglich nur leise geknurrte Kritik an der Spielweise des eigenen Teams und an den taktischen Vorgaben des Trainers wurde lauter. Inzwischen wusste jeder genau, was die Jungs auf dem Feld besser machen müssten.
Die englischen Kreuzritter mit den rotgefärbten Gesichtern auf den Zuschauertribünen schickten jede Menge höhnischer Kommentare und Seitenhiebe in Richtung ihrer blaugefärbten nördlichen Nachbarn. Wo war denn die stolze Blüte Schottlands?
McTavishs Gesicht hatte sich vollends verfinstert. Er schien die kolossale Blamage persönlich zu nehmen. Immerhin hatten die Tickets für dieses Match über hundert Pfund gekostet, und die Zugfahrt im Erstklassabteil samt Übernachtung in London nach dem Spiel war auch nicht ganz billig gewesen. Er hatte sich seinen ersten Wochenend-Ausflug mit Moira anders vorgestellt. Verwöhnen hatte er sie wollen, ihr London zeigen und sie einführen in die spezielle Faszination dieses einzigartigen Spiels. Und jetzt liess ihn seine Mannschaft so fürchterlich im Stich?
Moira Watson zupfte ihn am Ärmel. „Ist doch nicht so schlimm, Scott. Das ist doch nur ein Spiel. Lass uns einfach unseren Aufenthalt hier geniessen.”
Scott verschluckte sich beinahe. Sein Husten dauerte aber nur genau so kurz wie das Passspiel zwischen den Blauen unten auf dem Feld.
„Das ist keineswegs nur ein Spiel, Moira”, brachte er nach ein paar Sekunden heiser hervor. „Das ist der Calcutta-Cup!”
Wie erklärt man diesen elementaren Unterschied einem Neuling? Er hustete noch einmal und unternahm einen neuen Anlauf: „Dies ist das älteste Rugbytreffen überhaupt, fast einhundertfünfzig Jahre alt, und für uns das wichtigste. Es ist unseren Jungs in dieser Zeit erst viermal gelungen, hier in London zu gewinnen, und dabei haben wir heute eine echte Chance, den Engländern in ihrem eigenen Stadion den Pokal wegzuschnappen und ihn wieder mit nach Hause zu nehmen!” Er machte eine ungeduldige Bewegung zum Spielfeld hin. „Ausserdem sind das da unten unsere Erzrivalen. Gegen die müssen wir einfach gewinnen, oder wenigstens kämpfen bis zum Umfallen. Und jetzt schau dir diese Katastrophe an!”
Er hatte die Worte noch nicht zu Ende gesprochen, als der schottische Verbindungshalb, der sich bisher hauptsächlich durch Fehlwürfe ausgezeichnet hatte, von einem missglückten Pass der Weissen mitten im Niemandsland profitierte und in einem für alle unerwarteten Energieanfall losstürmte. Verfolgt von vier englischen Verteidigern sprintete er über die ganze Länge des Spielfelds. Vollkommen ausgepumpt, gelang es ihm mit letztem Einsatz, den Ball hinter die Linie ins Malfeld der Gegner abzulegen. Die schottischen Zuschauer auf den Rängen applaudierten erfreut. Damit hatte man nun wirklich nicht rechnen dürfen. Aber einem geschenkten Gaul schaute man nicht ins Maul, stattdessen warf man sich Blicke voll aufkeimender Hoffnung zu. Endlich ein geglückter Spielzug, der erste für die schottische Mannschaft in diesem Kampf.
McTavish war ebenfalls von seinem Sitz aufgesprungen, sein Gesicht strahlte. „Na, wer sagt's denn? Das ist Robert McIntyre! Ich war immer sicher, dass der Mann Talent in sich hat. Absolut fabelhaft! Nur weiter so, jetzt packen wir sie!”
Moira wollte etwas bemerken, aber ihre Worte gingen im fortwährenden fröhlichen Jubel der Schotten unter, die durch den unerwarteten Versuch Auftrieb erhalten hatten. Offensichtlich spielte es für echte Fans des Spiels keine Rolle, dass man immer noch hoffnungslos hinten lag. Wichtig war nur, dass der Spielstand auf der Tafel nicht mehr bei null stand.
Einen Augenblick später pfiff der Schiedsrichter die erste Halbzeit ab, und die Leute erhoben sich zufrieden von ihren Sitzen, um das verdiente Pausenbier zu organisieren. Das Spiel war nach menschlichem Ermessen entschieden. Die einheimischen Fans waren gut gelaunt und gewillt, die Gäste höflich zu foppen. Die zweite Halbzeit würde für die Platzherren entspannt werden.
McTavish erhob sich, um für sich und Moira etwas zu essen zu holen. Wenn man schon verlor, dann wenigstens mit Stil und sicher nicht hungrig. Ob Moira wohl bereute, dass sie zum Spiel mitgekommen war? Sie hatte ihm auf der langen Fahrt im Caledonian Sleeper gestanden, dass sie noch nie ein Rugbymatch angeschaut hätte und dass die Regeln ihr absolut unverständlich waren. Nun, wenigstens in dieser Hinsicht hatte er ihr ein bisschen imponieren können. Er hatte selbst als Flügelstürmer gespielt und konnte jetzt mit seinem Wissen glänzen. Er hatte überzeugend darlegen können, warum der Schiedsrichter das Spiel zuweilen unterbrach und es anschliessend zu einem Gedränge kam. Trotzdem, dachte er, hätten sich die Jungs ein bisschen mehr anstrengen können. Das Zu-schauen hatte ihn richtig geschmerzt.
Gedankenverloren bezahlte McTavish die Pizza beim Imbissstand draussen und kehrte ins Stadion an seinen Platz zurück, gerade rechtzeitig, um den Anpfiff zur zweiten Halbzeit mitzuerleben. Das Spiel ging weiter.
In die träge Zufriedenheit der englischen Fans auf den Rängen, die sich auf eine vorentschiedene zweite Halbzeit gefreut hatten, schlich sich ein langsam anschwellendes Raunen. Verwunderung zeigte sich auf der einen oder anderen Stirn. Was ging da unten auf dem Feld bloss vor?
Was immer der schottische Trainer in der Kabine vor dem Seitenwechsel seinen Spielern eingebläut hatte, sie waren nicht wiederzuerkennen. Als hätten sie in der Pause einen Zaubertrank getrunken, sprühten sie nun vor Kampfgeist. Körper prallten auf Körper, ein gelungenes Tackling nach dem anderen riss die gegnerischen Spieler von den Füssen, der Ball flog endlich präzise von Hand zu Hand. Das Spiel verlagerte sich plötzlich in den englischen Abwehrraum. Mit hartnäckiger Arbeit und sturer Willenskraft kamen die Schotten immer näher an das englische Malfeld heran. Sieben Minuten nach Wiederanpfiff angelte sich McIntyre an der linken Seitenlinie erneut den Ball, sprintete los und legte seinen zweiten Versuch in Folge.
Die rotgefärbten Gesichter blickten verdutzt auf das Spielfeld, während auf den blauweissen begeisterte Hoffnung aufkeimte. Die Fans klatschten sich gegenseitig ab, und ein Chor aus tausend Kehlen fiel mit der ,Blüte Schottlandsʼein: „Wann treffen wir auf euresgleich…”Das Lied schwappte in einer von Fanchören angestimmten gewaltigen Welle rund um das ganze Stadion, und Moira sang den Refrain begeistert mit:„…die ihn nach Haus gejagt, dass er's bereut.”Der eine oder andere Dudelsack hatte es auch ins Publikum geschafft und trug die Melodie mit. Moira atmete tief ein. Sie war keine Nationalistin, doch sie liebte das Lied, das ursprünglich ein Folksong gewesen war. Einige ihrer Landsleute lehnten den Text als anti-englisch ab, aber Moira fand, dass er das Wesen ihres Heimatlands ziemlich gut erfasste, ohne dass sie deswegen ihre Nachbarn als Feinde betrachten musste. Und die Atmosphäre im Stadion hatte sie gepackt, sie war ein Teil dieser Fangemeinschaft, die überschäumende Freude um sie herum ergriff auch sie. Was war schon unmöglich bei diesen Kerlen, wenn sie sich auf ihre Stärken besannen?
Auf englischer Seite überwog noch nachsichtiger Spott. Schliesslich war es bisher keiner Mannschaft im internationalen Rugby gelungen, von einem solchen Rückstand zurück ins Spiel zu kommen, kein Grund also, sich grössere Sorgen zu machen.
Aber die Schleusen waren geöffnet. Völlig entfesselt legten die Schotten sämtliche Hemmungen ab, griffen die Gegner von hinten an und legten in der nächsten halben Stunde vier weitere Versuche zur magischen, kaum mehr für möglich gehaltenen Führung. Achtunddreissig zu einunddreissig.
Das Twickenham-Stadion versank in Schockstarre. Zum ersten Mal seit zwei Generationen stand England zu Hause kurz vor einer Niederlage gegen Schottland. Prinz Edwards Streitmacht auf dem Rasen kam gewaltig ins Wanken. Die blauen Spieler dagegen gewannen mit jedem gelungenen Spielzug an Selbstbewusstsein und jagten den Gegner in die heimische Platzhälfte, auf dass er seine Nachlässigkeit in der zweiten Spielhälfte bereue.
Moira blickte McTavish von der Seite her an. Sie kannte ihn noch nicht lange genug, um mit allen seinen Interessen vertraut zu sein, und so entdeckte sie jeden Tag neue liebenswerte Seiten an ihm. Im Moment wirkte er wie ein kleiner Junge, der ein unerwartetes Geschenk erhalten hatte. Das Glück leuchtete ihm aus dem Gesicht, er feuerte seine Mannschaft aus voller Kehle an.
Die Stadionuhr wechselte ins Rot. Eigentlich war das Spiel jetzt zu Ende. Die Schotten brauchten den Ball nur noch für sich zu erobern und ins Aus zu kicken, um sich den Sieg endgültig zu sichern.
Die Zuschauer an den Bildschirmen auf der ganzen Welt hörten, wie sich die Rugby-Experten in den Studios gegenseitig mit begeisterten Kommentaren überboten. Im Stadion versuchten die Weissen, die sich in einem letzten verzweifelten Aufbäumen den Ball gesichert hatten, auf dem Feld doch noch das Unmögliche zu schaffen. Die Blauen verteidigten nach Kräften ihre Mallinie. Beide Mannschaften waren am Rande der totalen Erschöpfung. In den Zuschauerreihen sass kaum noch jemand, alle standen und starrten gebannt auf das Spielfeld, wo der Schiedsrichter sicherlich gleich abpfeifen würde.
Ein gewaltiger kollektiver Aufschrei ging durch die 82'000 Zuschauer, als der englische Einwechselspieler, Ellbogen eng am Körper, in letzter Sekunde durch die bereits am Boden liegenden schottischen Verteidigungslinien brach und den Ball zwischen den Pfosten ins schottische Malfeld ablegte. Die Erhöhung des Kickers war nur noch Formsache. England hatte sich in diesem historischen Spiel ins Unentschieden gerettet.
McKenzie schlürfte mit Genuss ihren Kaffee. Schön, dass man einmal nicht früh aufstehen musste, in Ruhe zu Ende frühstücken und sich danach wieder mit einem Buch ins Bett legen konnte. Sollte sie später der Fitness zuliebe einen leichten Spaziergang über die Hügel unternehmen?Eilean a’Cheò– die Nebelinsel, wie Skye in der gälischen Sprache hiess – strafte ihren Namen heute Lügen. Das Wetter versprach Sonne und warme Temperaturen. Sie würde ein Picknick einpacken und gemächlich bis an die Südküste wandern.
Der Frühstücksraum in der kleinen Pension in Ardvasar gefiel ihr gut: Teppich im Tartanmuster verhinderte bei Regenwetter kalte Füsse, weisse Spitzenvorhänge zierten die alten Schiebefenster, und auf der Terrasse draussen standen Töpfe mit üppig wuchernden roten Fuchsien. Durch die Scheiben sah sie im Garten dahinter Rhododendronbüsche, die in dem milden Inselklima verschwenderisch gediehen und deren Blüten im schwachen Wind in einem Meer aus Violett und Rosa auf und ab wogten. Das Ganze erinnerte sie ein wenig an das Haus ihrer Grossmutter drüben auf dem Festland.
Ihre Wirtin war bereits in den Siebzigern. Als McKenzie vor ein paar Tagen mit ihren Koffern vor der Tür gestanden hatte, war sie mit einer grossen Umarmung und einem Haufen Hausregeln empfangen worden. Keine Herrenbesuche, keine lauten Telefonate auf dem Zimmer und nach Verlassen des Badezimmers bitte immer den Heizstrahler ausschalten. Auch das hatte sie an ihre Grossmutter erinnert.
McKenzie lächelte ironisch. Herrenbesuch! Sie hätte nichts gegen eine männliche Begleitung gehabt, aber leider tat sich bei ihr zurzeit nicht viel auf dem Gebiet. Ihre Arbeit liess ihr kaum Zeit für irgendwelche Hobbys, geschweige denn, um private Kontakte zu pflegen. Ein flüchtiger Gedanke an die kleine Affäre von letztem Jahr brachte ein versonnenes Lächeln auf ihr Gesicht. Ein romantischer junger Italiener, der seine Ferien an der Westküste Schottlands dazu genutzt hatte, mit ihr schöne Sonnenuntergänge an verlassenen Sandstränden zu geniessen. Leider hatte er sich als völlig ungeeignet herausgestellt, ein Feuer in den feuchten Dünen zustande zu bringen. Die Grillwürste blieben roh, und sie hatte ihn nach ein paar Tagen freundlich, aber bestimmt verabschiedet. Giorgio war wohl längst wieder in Neapel und versuchte, den Heiratsplänen zu entfliehen, die seine Mamma für ihn hegte.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie auch mit dem Gedanken gespielt, eine Beziehung mit McTavish vom Marine Life Centre in Gairloch einzugehen, aber der hatte sich ja inzwischen in seine Moira verliebt und bewegte sich auf Wolke sieben. McKenzie lächelte erneut. Zu sehen, wie McTavish zu Wachs in den Händen einer Frau wurde, war sehr amüsant gewesen. Sie mochte Moira Watson ganz gerne. Und so war es bei der Freundschaft mit McTavish geblieben. Was allerdings hiess, dass sie ihre Ferien hier auf der Insel alleine verbringen musste, womit sie, wie es den Anschein hatte, wenigstens die Pensionsinhaberin zufriedenstellte.
Die Tür ging auf und ihre Wirtin kam herein. „Nun, Charlotte, haben Sie alles, was Sie brauchen? Darf ich Ihnen vielleicht noch ein gekochtes Frühstück bringen? Wir haben ausgezeichneten Speck hereinbekommen, und der Haggis von gestern ist noch ganz frisch.”
McKenzie schauderte. „Nein, vielen Dank, Màiri, ich habe alles, was ich brauche. Vielleicht noch ein Tässchen Kaffee, das wäre nett. Dann bin ich wirklich ganz satt.” Sie blickte zum Fenster hinaus. „Haben Sie keine anderen Gäste? Die Saison hat wohl noch nicht richtig begonnen.”
Màiri MacLeod goss aus einer grossen Kaffeekanne McKenzies Tasse voll und setzte sich wie selbstverständlich zu ihrem Gast an den Tisch. „Ich nehme nicht mehr so viele Leute auf wie früher. Ich bekomme jetzt meine Rente, und mein Mann hat mir auch ein bisschen was hinterlassen. Aber es ist nett, mal mit jemandem zu plaudern. Ich nehme nur weibliche Gäste auf und auch nur solche, die mir sympathisch sind.”
McKenzie hütete sich wohlweislich zu fragen, ob sie diese hohen Erwartungen erfüllte. Sie schob ihren Teller zur Seite. „Ich gehe dann mal auf mein Zimmer. Den Kaffee nehme ich mit. Muss mich fertigmachen. Es ist ja heute ein so schöner Tag. Sagen Sie, ist der Weg zum Point of Sleat im Moment trocken genug, damit ich auf meinem Spaziergang am Nachmittag nicht im Moor versinke?”
„Ja, meine Liebe. Der Weg ist einfach zu gehen und sehr hübsch. Erwarten Sie sich bloss nicht zu viel vom Leuchtturm am Ende. Das ist nur ein kleines Gebäude ohne Charme. Die Sandy Bay ist dagegen sehr malerisch, wenn es am Strand keine Quallen hat.”
Mrs MacLeod suchte nach einem Weg, ihren Gast noch ein wenig festzuhalten: „Was machen Sie denn so? Sind Sie Lehrerin?”
„Nein, wie kommen Sie denn auf diese Idee?”
„Nun, Sie haben so eine energische Ader. Sie scheinen viel zu lesen, jedenfalls haben Sie eine Menge Bücher mitgebracht.” Offensichtlich hatte sich die Wirtin etwas in McKenzies Zimmer umgeschaut.
„Nun, ich bin nicht Lehrerin. Ich arbeite für die Polizei Schottlands, drüben an der Westküste, in Gairloch.”
„Das ist sicher sehr interessant, meine Liebe. Da treffen Sie wohl auf viele verschiedene Leute, Mörder, Diebe und Betrüger. Ich habe ja auch so meine Erfahrungen gemacht. Diese Pension führe ich nun schon über dreissig Jahre, und da hatte es manchmal ganz merkwürdige und sogar unehrliche Leute unter den Besuchern.”
McKenzie erhob sich resolut. Sie hatte keine Lust, in ihren Ferien über Verbrecher und ihre Missetaten zu sprechen. Der Sinn ihres jetzigen Aufenthalts auf der Insel war ja gerade, dass sie Zeit für sich selbst hatte und sich entspannt ihrer Lektüre widmen konnte. So verabschiedete sie sich freundlich von Mrs MacLeod und verzog sich auf ihr Zimmer.
Sie musste eingeschlafen sein. Langsam drang das Klingeln ihres Handys in ihr Bewusstsein. Sie war versucht, das lästige Geräusch zu ignorieren, streckte schon die Hand aus, um den Anruf wegzudrücken. Aber eine verinnerlichte, jahrelange Disziplin zwang sie schliesslich, sich aufzusetzen und sich zu melden.
„Hier Shona McKinnon. Bist du das, Charlotte?”
McKenzie fuhr sich mit der Hand durchs wirre Haar. Sie war schlagartig hellwach. Sergeant McKinnon würde sie nie aus Inverness auf ihr Handy anrufen, wenn es sich nicht um etwas wirklich Wichtiges gehandelt hätte.
Wie sich herausstellte, hatte ein Fischer auf Skye am Strand eine Leiche gefunden.
McKenzie versuchte, ihre immer noch schläfrig verharrenden Gehirnzellen zu sammeln. „Was hat das mit mir zu tun? Ich bin nicht im Dienst, und die Insel gehört nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.”
Sergeant McKinnon klang leicht zerknirscht. „Ich weiss, Dan Gilchrist hat mir gesagt, du hättest Urlaub.” Sie hüstelte. „Eigentlich wäre die Wache in Portree für die Sache zuständig. Aber Inspektor Craig hat sich letzte Woche das Bein gebrochen und ist krankgeschrieben.”
„Ist das Alice Craig? Ich kenne sie noch von der Polizeischule. Tut mir leid für ihr Bein. Was ist mit den Kollegen aus Lochalsh? Oder kann nicht einfach ein Constable aus Portree die Sache angehen?”
McKinnon pustete hörbar durch die Leitung. „Charlotte. Du weisst, dass die Wache in Lochalsh mit anderen Aufgaben ausgelastet ist. Und jemand Subalternes von Skye abzukommandieren, ist nun wirklich keine Option, wenn wir eine Expertin sozusagen vor Ort haben.”
McKenzie griff sich an die Stirn. Dass die Wache in Lochalsh sich in letzter Zeit nicht mit Ruhm bekleckert hatte, während sie selbst vor ein paar Jahren quasi im Alleingang einen mysteriösen Mordfall aufgeklärt hatte, mochte die Anfrage aus Inverness vielleicht erklären. Aber sie war nun mal im Urlaub und hatte nicht die geringste Lust, sich um eine Leiche zu kümmern. Sie wollte dies McKinnon gerade auseinandersetzen, als diese, ohne ihr Gelegenheit für Einwände zu geben, die Einzelheiten des unglücklichen Funds darlegte.
„Dieser Tote, männlich, jung, wurde heute Morgen am Strand am Point of Sleat gefunden, vermutlich ertrunken. Es geht ja nur darum, dass du da rasch hinfährst und nachschaust, ob an dem Todesfall etwas Verdächtiges ist. Die Person, die ihn gefunden hat – ein Fischer namens Patrick McDonald – ist noch vor Ort. Aber die Flut soll im Steigen begriffen sein, und die Leiche muss wohl möglichst rasch vom Strand weggebracht werden. Bis wir jemanden von Inverness schicken können, sind die meisten Spuren und auch der Tote weg. Der Helikopter ist unterwegs in der Nähe von Dingwall, zu irgendeiner Evakuierung. Das kann noch eine Stunde oder mehr dauern, bis wir den kriegen können. Du wärst schneller vor Ort - du bist doch schon irgendwo in der Nähe, hat mir Gilchrist gesagt.”
McKenzie resignierte. Sie würde mit Dan Gilchrist noch ein ernstes Wörtchen sprechen. Wie konnte er einfach so ihre privaten Angelegenheiten in die Welt hinausposaunen. Aber wahrscheinlich hatte er keine andere Wahl gehabt, wenn die Vorgesetzten Auskunft verlangten.
„Na schön. Point of Sleat, sagst du? Da wollte ich sowieso hin, allerdings erst am Nachmittag und zu Fuss. Ich nehme nicht an, dass ihr von irgendwoher ein Gefährt besorgen könnt, das mich dahin bringt? Ich habe meinen kleinen Fiat in Gairloch gelassen.”
McKinnon lachte, empfahl ihr, ihre Pflicht zu tun und – Urlaub hin oder her – sich selbst zu organisieren. „Und wenn du da angekommen bist, vergiss nicht, uns über deine Erkenntnisse zu informieren, und zwar zeitnah!”
„Nur die Wache in Inverness, oder darf ich mich wieder mit DCI Huckley rumschlagen?”
McKinnon lachte noch einmal. Die Fehde zwischen McKenzie und dem Geheimdienst-Mann war bei der schottischen Polizei in den Highlands wohlbekannt. Mit guten Wünschen legte sie frohgemut auf, im Wissen, dass die Sache bei McKenzie in den besten Händen war.
McKenzie beeilte sich, aufzustehen und sich frisch zu machen. Sie ging auf die Suche nach ihrer Wirtin und fand diese in der Küche, wo sie mit aufgerollten Ärmeln eine Pastete mit geheimen Zutaten für das Abendessen vorbereitete.
„Kennen Sie einen Patrick McDonald, Fischer, hier in Sleat?”
„Aidh. Der gute altePàdraig. Warum?”
„Ich soll ihn am Point of Sleat treffen. Wie komme ich schnellstmöglich dahin? Gibt es eine Strasse? Kann man mit dem Wagen hinfahren?”
„Nun ja. Die Strasse hört bei dem Parkplatz vonAn Àirdauf. Ein Weideweg für landwirtschaftliche Fahrzeuge führt weiter, ist aber für den Publikumsverkehr gesperrt. – Woher kennen Sie dennPàdraig?”
„Ich habe soeben einen Anruf von unserer vorgesetzten Stelle in Inverness erhalten. Offenbar hat Mr McDonald einen Verunglückten am Strand gefunden, und da Inspektor Craig von der Wache in Portree im Moment verhindert ist, ich dagegen passenderweise vor Ort bin, hat man mich für die Sache eingeteilt.”
„Aha. Wer ist denn verunglückt?”
McKenzie wurde ungeduldig. „Ich habe keine Ahnung. Wie komme ich jetzt so schnell wie möglich dahin? Kennen Sie jemanden, der mich dahinfahren könnte? Ich möchte vor der Flut am Fundort ankommen.”
Màiri MacLeod nickte eifrig. „Da müssen Sie sich wirklich beeilen. Lassen Sie mich nur rasch die Hände waschen, dann ruf ich meinen Patensohn Seumas an. Er kann Sie in seinem Jeep hinfahren. Es sind kaum zehn Meilen bis dahin.”
Während sich Mrs MacLeod endlich in Bewegung setzte, klappte McKenzie am Tisch den mitgebrachten Laptop auf. Sie suchte die Telefonnummer der Polizeistation in Portree raus und rief von ihrem Handy aus die Wache an. Inspektor Craig war nicht in ihrem Büro, aber der diensthabende Beamte versicherte ihr, die Nachricht umgehend weiterzuleiten, und wünschte ihr viel Glück. Offenbar hatte ihm McKinnon aus Inverness bereits gemeldet, dass die Kollegin aus Gairloch aushilfsweise den Fall übernehmen würde.
McKenzie packte eine kleine Tasche zusammen. In weiser Voraussicht hatte sie auch Handschuhe, Taschenlampe und Absperrband in den Urlaub mitgenommen, man wollte ja auf alle Eventualitäten vorbereitet sein, und in ihrem Beruf war man nie ausser Dienst. Sie ging nach draussen, wo schon ein junger, wetterfest angezogener, dunkelhaariger Mann vor einem Geländewagen auf sie wartete. „Sie sind die Polizistin vom Festland?”
„Inspektor Charlotte McKenzie. Von Gairloch. Sind Sie Seumas?”
Als er nickte, ging sie zur Beifahrertür und stieg in den Wagen ein. „Sie fahren. Beeilen Sie sich.”
Der junge Mann machte nicht viel Federlesens, setzte sich hinters Steuer und röhrte los. Jedenfalls solange der Weg einigermassen breit war. Bald jedoch wurde die Strasse enger und unübersichtlich. Seumas schien allerdings der Aufgabe gewachsen zu sein, die vielen Kurven störten ihn nicht. McKenzie dagegen brach der Schweiss in den Achselhöhlen aus, wenn der Junge wieder flott aufs Gaspedal drückte. Gerade fuhr der Wagen eine Steigung hinauf, man sah über die Motorhaube direkt in den Himmel. Wenn jetzt Gegenverkehr kam… Der Wagen brauste auf der anderen Seite wieder hinunter, vor ihr erschienen neue Kurven. Das war gerade noch einmal gut gegangen.
McKenzie gab sich einen Ruck. Sie wollte sich vor dem Mann keine Blösse geben. „Wie heissen Sie eigentlich mit vollem Namen? Und was machen Sie so im Leben?”
„Ich bin Seumas McDonald. Màiri ist meine Patentante.”
„Das hat sie mir gesagt.” McKenzie blickte angestrengt nach vorn. Ganz konnte sie sich doch nicht entspannen. „Sie leben in Ardvasar?”
„Ja, ich arbeite in den Gärten von Schloss Armadale.”
McKenzie zuckte leicht zusammen. Der letzte Gärtner, mit dem sie es näher zu tun bekommen hatte, hatte sich als kaltblütiger Mörder entpuppt. Ein Omen? Quatsch! Sie durfte keine Vorurteile haben, schliesslich stand noch gar nicht fest, dass es sich beim Toten am Strand um das Opfer eines Kapitalverbrechens handelte. Womöglich war es nur ein Unfall.
„Sie sind auch ein McDonald? Sind Sie etwa mit Patrick McDonald verwandt? Dem Fischer?”
Seumas zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Das ist mein alter Herr.”
„Aha.” Da hatte sie wieder einmal Glück gehabt. Leute, die Leichen fanden, rückten meist schnell ins Zentrum der Ermittlungen, und nun sass sie ausgerechnet mit dem Sohn im Wagen. „Was hat Ihr Vater denn heute am Point of Sleat gemacht?”
Sie hielt erschrocken die Luft an. Seumas hatte den Wagen abrupt abgebremst, sodass sie in ihren Gurten nach vorne geschleudert wurde. Eine Herde Schafe überquerte gemütlich die Strasse. Der Hirte, der ihr samt Hund folgte, hatte es nicht eilig.
„Zur Hölle mit den Viechern”, fluchte McKenzie grob und bekam von der Seite her mit, dass Seumas bei diesem Ausbruch zusammengezuckt war. Sie hatte vergessen, dass auf den Inseln ein strenger Protestantismus vorherrschte. Fluchen galt da wohl als Todsünde und kam gleich nach Mord und Ehebruch.
„Kommen wir noch rechtzeitig? Kennen Sie sich mit den Gezeiten hier aus?”
„Beruhigen Sie sich. Die Flut kommt erst in einer Stunde. Was ist denn eigentlich passiert?”
McKenzie gab keine Antwort. Ungeduldig verfolgte sie, wie das letzte Schaf in die Heide abbog und die Strasse wieder freigab. Allerdings war die asphaltierte Strecke bald darauf zu Ende. Ein kleines, kaum lesbares Schild am Strassenrand kündigte die OrtschaftAn Àirdan, und sie kamen unverhofft auf einem Parkplatz vor einem Bauernhof zu stehen, der fast völlig von Autos verschiedenster Bauart zugestellt war. Ein Gatter versperrte den Zugang zu dem, was allem Anschein nach der Anfang des Weidewegs war. Nach Auskunft von Mrs McLeod für den Privatverkehr gesperrt. McKenzie blickte sich in dieser Wildnis um. Ausser einem halb zerfallenen Stall gab es nicht viel zu sehen. Auf dem Weideweg entfernte sich in einiger Distanz eine Gruppe von Wanderern Richtung Horizont.
„Können wir da einfach durchfahren?”
Seumas nickte kurz. Wahrscheinlich war es nicht das erste Mal, dass er den Zugang verbotenerweise passierte.
„Steigen Sie bitte aus und öffnen Sie mir das Tor, dann geht's schneller.”
McKenzie tat wie geheissen. Wenn sie nicht die restlichen Meilen zu Fuss laufen wollte, blieb ihr sowieso nichts anderes übrig.
Die Weiterfahrt auf dem Schotterweg gestaltete sich recht holprig, es ging leicht bergauf. Sie hatten die Gruppe Wanderer bald überholt und rumpelten auf der anderen Seite der Steigung wieder hinunter. Schon wieder ein Gatter. McKenzie seufzte. Wenn das so weiterging, würde sie den Tag damit verbringen, aus dem Auto aus- und wieder einzusteigen.
Sie hätte sich keine grossen Gedanken machen müssen. Der Feldweg endete nämlich unvermittelt im Niemandsland. Seumas zuckte nicht mit der Wimper und fuhr einfach auf der Heide weiter, wobei er darauf achtete, nicht in eines der vielen Moorlöcher zu geraten, mit denen der Boden übersät war. McKenzie wurde auf ihrem Sitz hin- und hergeschleudert. Wenigstens hatte sie den Haggis von Mrs McLeod nicht zum Frühstück gegessen, dachte sie zynisch, sonst hätte dieser Ausflug in einer mittleren Katastrophe geendet. Endlich hielt der Wagen an, der Motor wurde abgestellt, und Seumas drehte sich zu ihr um. „Von hier aus geht's nur noch zu Fuss.”
McKenzie hatte sich schlauerweise ihre Bergschuhe angezogen. Wie Mrs McLeod gesagt hatte, war der Weg zwar trocken, aber uneben, ging mal durchs Moor, mal durch die Heide, mal über angesammelte Felsen steil nach oben. Seumas ging ihr voraus. Er schien gut zu Fuss zu sein, und McKenzie musste sich anstrengen, um mit ihm Schritt zu halten. Endlich hatten sie den höchsten Punkt erreicht, und vor ihren Augen tat sich das ganze Panorama auf – ein wunderschöner Blick auf das blaue Meer und auf die vorgelagerten Inseln.
„Das da vorn istEigeund die grössere Insel rechts istRùm”, erklärte Seumas, der sich neben sie gestellt hatte und sich verstohlen den Schweiss von der Stirn wischte. „Wo sollten Sie denn meinen Vater treffen? Am Leuchtturm?”
McKenzie riss sich von der grandiosen Aussicht los. Wenn auch offiziell im Urlaub, war sie jetzt doch zum Arbeiten hier. „Nein. Wir sollen ihn an einem Ort namensCamas Daraichtreffen, offenbar eine kleine Bucht. Die muss irgendwo da links unten sein.”
McKenzie ging ein paar Schritte weiter und blickte über die Grasklippe nach unten. Sie sah türkisblaues Wasser und ein kleines Oval mit weissem Sand. „Das muss es sein.”
Von oben konnte man erkennen, dass am weiter entfernten Ufer der Bucht ein Boot vertäut lag. Dagegen war kein Mensch zu sehen, auch keine Leiche. McKenzie machte sich an den kurzen Abstieg, und Seumas folgte ihr. Unten bogen sie fast gleichzeitig um einen grossen Felsen, und da lag der Strand vor ihnen, glänzend im Licht der Sonne, umgeben von funkelndem Wasser und eingesäumt von Felsenklippen. „Wow!”, entfuhr es ihr wider Willen. „Was für ein idyllischer Badestrand!”
Seumas schien nicht beeindruckt. Er zeigte mit ausgestrecktem Finger auf einen Felsblock, auf dem ein Mann sass und auf sie wartete. „Da ist mein Vater. Bitte seien Sie nachsichtig, er ist sich soziale Kontakte nicht wirklich gewohnt.”
McKenzie dachte nicht weiter über diese merkwürdige Bitte nach, sondern machte, dass sie über die Felsen nach vorne kam.
Der Mann, ein finsterer Geselle mit langem Bart und stechenden Augen, angezogen in Ölzeug, das den Fischer auswies, darunter trotz der angenehmen Frühlingswärme ein dickes Wollvlies, machte keinerlei Anstalten aufzustehen.
„Sind Sie Patrick McDonald? Ich bin Inspektor McKenzie, Polizei Schottland.” McKenzie versuchte es zuerst mit Freundlichkeit.
Der Mann nickte. „Aidh, Pàdraig MacDhòmhnaill a th' orm.”
McKenzies Herz sank. Ihr Gälisch war schon sehr eingerostet. Obwohl sie es wie alle an der Westküste in der Schule gelernt hatte, brauchte sie es kaum im Alltag. Sie war nicht darauf gefasst gewesen, jetzt wieder Schulkenntnisse hervorkramen zu müssen. Aber sie wollte es sich nicht gleich zu Beginn mit dem Alten verscherzen. Die Warnung von Seumas kam ihr wieder in den Sinn. Sie blickte zurück und sah, dass ein leichtes Lachen über dessen Gesicht huschte.
„Madainn mhath!”, brachte sie hervor. „Ciamar a tha sibh? 'S mise Charlotte NicCoinnich. 'S e neach-sgrùdaidh a' phoileis a th' annam, à Geàrrloch.Càit a bheil an duine marbh?”
Der Alte hatte sie nicht aus den Augen gelassen. Jetzt nickte er langsam, wie wenn sie eine geheime Prüfung bestanden hätte. „Sie kommen den ganzen weiten Weg von Gairloch her, um die Leiche zu besichtigen, Inspektor McKenzie?”
McKenzie atmete auf. Sie war erleichtert, dass der Mann mit ihr Englisch zu sprechen gewillt war. Sie hatte sich nie wirklich für den Sprachenstreit interessiert, der in den letzten Jahrzehnten auf der politischen Agenda immer mehr in den Fokus gerückt war. Seit dem geänderten Gesetz im Jahr 2005 galt Gälisch zwar offiziell als zweite Sprache Schottlands, aber nur ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung bezeichnete sie als Muttersprache. Sie hatte allerdings auch gehört, dass es gerade auf den westlichen Inseln eine starke Bewegung gab, die sich für die Gleichstellung der alten Kultur einsetzte. Glücklicherweise hatte sie es im Moment nicht mit einem besonders eifrigen Bewohner derGàidhealtachdzu tun, welcher sich womöglich kurzerhand weigern würde, Englisch zu sprechen. Es schien, dass der Fischer mit ihrem mühsam gestotterten Gruss zufrieden war und bereit, Auskunft zu erteilen.
„Ich war gerade in der Gegend. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Wo ist denn diese Leiche? Ich hatte verstanden, dass wir uns beeilen müssten, damit wir der Flut zuvorkommen.”
McDonald stand auf und ging schweigend ein paar Meter zur Seite. Im Schatten der Felsen lag ein dunkles Bündel auf dem weissen Sand. Beim Näherkommen entpuppte es sich als menschliche Gestalt. McKenzie bedeutete Vater und Sohn zurückzubleiben und blickte sich um. Auf dem Sand gab es nur ein Paar Fussspuren, die zur Leiche hin- und wieder von ihr wegführten.
„Sind diese Fussabdrücke von Ihnen?”
McDonald nickte. „Hab ihn da so liegen sehen und hab nachgesehen, ob man noch etwas machen kann. Aber der ist mausetot, wohl ertrunken. Danach hab ich die Polizei angerufen.”
„Wie? Haben Sie ein Handy? Gibt es hier Empfang?”
Der Fischer zog anstelle einer Antwort ein vorsintflutliches Modell eines Mobiltelefons aus der Hosentasche und hielt es hoch. McKenzie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Toten zu, seinem Körperbau nach gewiss ein Mann, obwohl sein Kopf von langen, vom Salzwasser verklebten Haaren bedeckt war. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Sand, eine grosse, kräftige Gestalt. Von hinten sah man keine sichtbare Verletzung. Gekleidet war er in Jeans und einen dunklen, schweren Pullover, der mit Wasser vollgesogen und grünklebrigem Seetang behaftet war.
„Haben Sie den Körper angefasst?”
Kopfschütteln. „Hab nur den Puls gefühlt am Handgelenk. Da war nichts. Man sieht auf den ersten Blick, dass der hinüber ist.”
Wenn sie es auch nicht so pietätlos formuliert hätte, musste McKenzie zugeben, dass der Alte recht hatte. Ihr Blick wanderte weiter zu den Schuhen des Toten. Es waren halbhohe, schwarze Lederstiefel, vom Wasser aufgequollen. Nicht gerade das passende Schuhwerk für einen Strandausflug. Eher ein Stadtmensch, der sich als Rocker verkleidet hatte. Eine Jacke oder eine Mütze fehlten. Auch war kein Rucksack und keine Tasche in der Umgebung zu sehen. McKenzie streifte sich Latexhandschuhe über und griff dem Toten vorsichtig in beide Hosentaschen. Kein Ausweis, kein Geld, nichts. Merkwürdig. Sie knipste mit ihrem Handy erst einmal ein paar Fotos und drehte sich dann zu Seumas um.
„Kommen Sie und helfen Sie mir, den Toten umzudrehen.” Sie reichte ihm ebenfalls ein Paar Handschuhe. „Seien Sie vorsichtig. Berühren Sie ihn nur soweit, als unbedingt nötig.”
Seumas kam mit sichtbarem Eifer her, zog sich die Handschuhe kommentarlos über und packte die Leiche an der linken Schulter, während McKenzie am linken Bein zog. Gemeinsam schafften sie es, die starre Leiche auf den Rücken zu drehen.
Ein scharfes Einatmen kam von Seumas. McKenzie blickte von ihm zu dem Toten.
„Lange kann er nicht im Wasser gelegen haben”, meinte sie nachdenklich. Das Gesicht, rundlich mit einer Hakennase, zeigte eine leicht rötliche Färbung, war aber nicht aufgedunsen, wie es der Fall hätte sein müssen, wenn die Leiche längere Zeit im Wasser gelegen hätte. Sie beugte sich vor und schnupperte leicht. Keine Geruchsemission, abgesehen von dem Gestank der Algen. Es schienen sich in den Eingeweiden noch nicht viele Gase gebildet zu haben, auch dies ein Hinweis, dass der Todeszeitpunkt noch nicht lange zurückliegen konnte. Auf der Vorderseite des muskulösen Körpers war keine Verletzung sichtbar. Sicherlich kam das bei den vielen Felsen an der Küste hier einem kleinen Wunder gleich. Und die Kleidung schien intakt, wenn man vom Zustand der Schuhe absah. Vielleicht war der Mann unmittelbar nach seinem Tod von der einsetzenden Flut angeschwemmt worden. Sie blickte zu Seumas, der sich seinerseits interessiert über den Toten gebeugt hatte.
„Kennen Sie den Mann?”
Seumas antwortete nicht sogleich, sondern winkte seinen Vater zu sich. Bevor McKenzie es verhindern konnte, war Patrick McDonald daneben getreten und schaute selber auf das wächserne Antlitz. „Aidh”, verfiel er wieder in sein gälisches Kauderwelsch. „Tha mi a' smaoineachadh gur e Raibeart Mac an t-Saoir a tha sin.”
„Was?”
„Er denkt, dass das Robert McIntyre ist”, übersetzte Seumas für seinen Vater und nickte wie zur Bestätigung. Aus seiner Stimme sprach Hochachtung, und etwas anderes – Schrecken, Unglauben, Trauer?
„Ja, ja, das habe ich schon verstanden. Wer soll das sein? Ein Einheimischer?”
Seumas schaute sie entgeistert an. „Sie kennen Robert McIntyre nicht?”
„Treten Sie bitte zurück, Mr McDonald. Sie zerstören sonst möglicherweise wichtige Spuren. Und Ihnen, Seumas”, wandte sie sich ungeduldig an den Sohn, nachdem der Vater gehorsam ein paar Schritte zurück gemacht hatte, „wäre ich sehr verbunden, wenn Sie mich, statt Gegenfragen zu stellen, umgehend aufklären, wer der Tote hier ist. Ich möchte nicht lange raten müssen. Sollte ich den Mann denn kennen?”
„Er spielt bei den Glasgow Warriors. Stammt von hier, hat noch Familie in der Nähe von Portree, soviel ich weiss.”
