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Danielle Kent glaubt, dass sie alles hat, was sie braucht, um glücklich zu sein: Eine erfolgreiche Karriere, eine schöne Wohnung und die Liebe eines attraktiven Mannes. Doch in nur in einem Augenblick ändert sich alles... Nach einer unerwarteten großen Enttäuschung erleidet sie eine persönliche Krise. Um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, sucht sie Zuflucht am Strand von Ville, einem malerischen kleinen Ort weit weg von der großen Stadt und ihrem alten Leben. Hier findet sie Ruhe und neue Freundschaften, die ihr wieder Hoffnung geben. Allerdings erlebt sie plötzlich einen bitteren Verlust, der ihre Welt erneut schwer erschüttert. Man sagt, dass das Meer alles wieder zurückbringt... Wird Danielle schließlich auch ihr Glück in den Wellen von Ville finden?
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für die Familie Gatti, die ich so liebe.
Für meinen Mann: diese Geschichte und dieses Leben.
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Danielle betrachtete sich im Spiegel. Für diese besondere Nacht entschloss sie sich, ein schwarzes, tailliertes Kleid zu tragen, das ihre Figur besonders gut betonte. Während sie ihre Haare hinter die Ohren klemmte, lächelte sie, weil ihr Gesicht endlich wieder Begeisterung zeigte, welche sie seit Monaten vermisst hatte. Das letzte Mal, als sie ihr eigenes Erscheinungsbild beobachtet hatte, sah sie das Bild einer untröstlichen, traurigen Frau. Jetzt, nach einiger Zeit, schien die Ruhe endlich in ihr Leben zurückzukehren.
Mit einigen Tränen in den Augen erinnerte sie sich an den Schmerz, der der Grund ihrer Reise war.
Die Enttäuschung, die ihre Realität brutal erschütterte und ihre perfekte Existenz ruinierte, hinterließ einerseits quälende Augenblicke. Andererseits konnte sie mit dieser Erfahrung den Mut finden, ihr Schicksal zu akzeptieren und sich unterdrückten Gefühlen und Ängsten zu stellen.
Ville, der Ort, den sie als Zuflucht wählte, wurde ihr Paradies. Und obwohl diese Stadt manchmal ihr Schlachtfeld war, hatte sie die Gelegenheit, zu erfahren, was »wahre Freundschaft« war. Die Menschen, die an ihrer Geschichte in Ville teilgenommen hatten, würden für immer bei ihr im Geist und Herz bleiben, denn ohne sie wäre ihre persönliche Entwicklung nicht möglich gewesen. Dank ihrer Liebe und ihrer Ratschläge verschwanden der Groll und die Unsicherheit, und auch ihre inneren Dämonen verstummten.
Die Kraft, die ihr Wesen nun verstärkte, zeigte Danielle, dass das perfekte Leben, an das sie geglaubt hatte, nur eine Illusion war. Jetzt wusste sie, dass die Perfektion nicht existierte und wenn ja, war es nicht das, was sie brauchte.
Bevor sie sich auf den Weg zu dem geheimnisvollen Date machte, nahm sie sich ein paar Minuten, um ihre Gedanken im Einklang mit dem Geräusch der Wellen fließen zu lassen. Danielle schloss die Augen und atmete tief durch, da sie wusste, dass sich heute ihr Leben ändern könnte. Was sie vor ein paar Monaten noch für unmöglich gehalten hatte, konnte nun sehr bald geschehen. Die Ereignisse jener Nacht würden ihr Schicksal entscheiden.
Nach einer schmerzhaften Reise war Danielle bereit, ein neues Leben zu beginnen. Jetzt musste sie nur entscheiden, ob ihre Mission in Ville zu einem Abschluss gekommen war. Könnte diese Nacht das Ende von Tomville sein?
Danielle lebte das, was sie als »perfektes Leben« bezeichnete. Sechs Jahre lang hatte sie einen sicheren und erfüllten Job im Vertrieb eines namhaften Unternehmens sowie eine stabile Beziehung mit einem der jungen Talente aus dem Bereich Finanzen geführt. Dieser Mann, der von allen Kollegen verehrt wurde, war »das Tüpfelchen auf dem i«, um ihre Idealvorstellung von Existenz zu komplettieren.
Es war in der Kantine, wo sich die Blicke von Danielle und Oliver zum ersten Mal trafen. Sie war dort zusammen mit ihrem Chef, und während Mr. Ortega sich über das Tagesmenü beklagte, sah sich Danielle um. Sie wollte ihre neuen Kollegen und die Umgebung kennenlernen. Ohne es zu wollen, fixierten ihre Augen diesen attraktiven Mann mit einer beneidenswerten Bräunung: Es war Oliver, von Natur aus ein Charmeur.
In den ersten acht Monaten genügte es ihr, ihn einfach nur zu sehen. Von Tag zu Tag spürte sie mehr, wie beliebt er bei den anderen Mitarbeitern war, wie sie ihn bewunderten, was ihr Interesse an ihm steigerte.
Zu dieser Zeit wurde Danielle Teil einer Clique von jungen Kollegen. Nach der Arbeit trafen sie sich häufig in einer Bar. Eines Tages war Oliver auch dabei und sie hatte die Gelegenheit, ihren Verdacht zu bestätigen: Er war ein ganz besonderer Mann. Oliver war in ihren Augen so nah an der Perfektion, wie es vorher niemand für sie gewesen war.
Nach einigen Wochen Bekanntschaft bat er sie sogar, mit ihm auszugehen. Was findet er an mir?, hatte Danielle sich oft gefragt.
Diese Unsicherheit hatte sie seit ihrer Jugend begleitet. Obwohl sie eine attraktive Frau mit schönen Augen und einem süßen Lächeln war, betrachtete sie sich selbst nicht als begehrenswert. Für Danielle waren teures Make-up oder spezielle Cremes einfach sinnlos. Sie war eine natürliche Frau, die nicht mehr als ein bisschen Sport und eine gesunde Ernährung brauchte, um sich wohlzufühlen. Sie versuchte, ihre Unsicherheiten zwar seit Längerem hinter sich zu lassen, aber trotzdem überraschte sie die Einladung von Oliver, da er einer der begehrtesten Junggesellen in der Firma war.
Schon ab dem ersten Date war eine tiefe Verbindung zwischen ihnen zu spüren; Danielle und Oliver hatten mehr gemeinsam, als sie geglaubt hatte. Die Stunden mit spannenden und lustigen Gesprächen vergingen schnell. Beide genossen die Zeit, die sie zusammen verbrachten.
Aus Freundschaft wurde schnell Liebe und nach einem Jahr Beziehung entschieden sie sich, zusammenzuziehen. Diese Entscheidung bedeutete für Danielle nicht nur eine Möglichkeit, Geld zu sparen, sondern auch den Anfang ihres größten Traums: eine Familie zu gründen. Seit ihrer Kindheit träumte sie von einem Mann, der die gleichen Eigenschaften wie Oliver besaß. Sie wünschte sich, die Welt mit ihm kennenzulernen und zur richtigen Zeit das Glück mit Kindern zu ergänzen.
Dieser Plan war nicht nur ein Traum von Danielle, sondern auch von Ingrid, ihre Mutter. Für Ingrid war der soziale Status von großer Bedeutung. Sie betete jeden Tag für einen Mann für ihre Tochter, sodass sie endlich viele Enkelkinder haben könnte. Dies war einer der vielen Gründe, warum Danielle keine enge und friedliche Beziehung zu ihrer Mutter hatte, denn von ihr bekam sie nur Vorwürfe, Kritik und Forderungen.
Leider wurden Ingrids Wünsche nicht wahr. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Beziehung ihrer Tochter langsam und wurde auch von der einkehrenden Monotonie überschattet. Was zunächst als Märchen begonnen hatte, verwandelte sich zunehmend zur Routine. Die Tage bestanden aus Frühstück, Arbeit, Abendessen, Filme, Bücher und Schlaf. Der Sex wurde auch weniger, die Leidenschaft schien dahingeschmolzen zu sein. Danielle hatte dies wahrgenommen und als normal vermutet. Trotzdem entschloss sie sich, das Feuer in ihrer Beziehung wieder brennen zu lassen. Sie war sich sicher, dass der aufmerksame und spontane Mann in Oliver noch lebte.
Als Teil von ihrem »Beziehungswiederbelebungsplan« organisierte sie romantische Abendessen und dieser Freitag sollte keine Ausnahme bilden. Ohne den geringsten Verdacht, dass eine bittere Überraschung auf sie wartete, ging Danielle zu Olivers Büro. Sie hatte ihn mehrmals angerufen, um die Details für das Abendessen zu besprechen, und als er nicht antwortete, hatte sie beschlossen, ihn in seinem Büro aufzusuchen.
Als sie dort ankam, erkannte sie, dass seine Sekretärin nicht an ihrem Platz war und dachte, es wäre nicht weiter schlimm, wenn sie unangemeldet in sein Büro reingehen würde. Als sie vor dem Büro stand, hörte sie seltsame Geräusche und öffnete daraufhin verwirrt die Tür. Das Bild, das sich ihr bot, war nicht jenes, das sie erwartet hatte. Da war nicht der perfekte Mann, der sie mit einem Lächeln begrüßte: Nein! Was sie sah, war eine sehr glückliche und zufriedene Agnes, die Sekretärin, die die Zärtlichkeit und Leidenschaft von Oliver genoss. Danielle war so erstaunt, dass sie sich nicht bewegen konnte. Der Schmerz war so groß, dass jeder Atemzug sich wie ein Messer in der Brust anfühlte. Sie konnte nicht glauben, dass dieser Mann derjenige war, der vor ein paar Stunden noch seine Liebe für sie zum Ausdruck gebracht hatte. In diesen ersten Sekunden bemerkten die Geliebten ihre Anwesenheit nicht, bis Danielle anfing, unkontrolliert zu atmen.
»Danielle!«, rief Oliver überrascht.
Die Sekretärin starrte zu Boden und, obwohl sie beschämt war, zeigte ihr Gesicht ein böses Lächeln. Die Augen von Danielle waren schnell mit Tränen gefüllt und bestürzt betrachtete sie mit halb offenem Mund die Szene. Sie versuchte, den Schmerz zu verstecken, jedoch konnte sie es nicht. Ihr Blut kochte und ohne es zu wollen, schrie sie und ließ ihrer Wut freien Lauf.
Danielle beleidigte die beiden mit den schlimmsten Beschimpfungen, die sie kannte und während sie schrie, zerstörte sie wie ein Orkan das Büro: Vasen, Fotos und eine wertvolle Skulptur flogen durch den Raum. Zum Glück trafen die Objekte ihre Opfer nicht.
Die Reaktion seiner Freundin entsetzte Oliver. Er erkannte diese Frau nicht wieder. Als Danielle zu sich kam und sich beruhigt hatte, bemerkte sie, dass Agnes schon aus dem Büro geflüchtet war. Oliver dagegen stand schockiert und sprachlos in der Tür.
Gedemütigt lief Danielle, schweigend und ohne ihn anzusehen, an ihm vorbei. Aufgeregt und ohne ihre Kollegen zu bemerken, ging sie zurück in ihr Büro. Sie schloss die Tür und setzte sich an ihren Computer. Die Tränen schienen endlos zu fließen.
Die Mitarbeiter, die noch im Büro waren, hatten alles mitbekommen, darunter auch Mr. Ortega, der Chef von Danielle, sowie Jenny, Nachbarin und Freundin des ehemals glücklichen Paars.
»Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?«, fragte Jenny besorgt.
»Nein, ich weiß nicht … Oliver war … Ich will nur nach Hause gehen«, antwortete Danielle benommen.
Eilig brachte Jenny Danielle nach Hause. Sie wusste, dass ihre Freundin so aufgelöst war, dass sie selbst nicht fahren sollte. Als sie zu Hause ankamen, setzte Danielle sich immer noch zutiefst schockiert auf das Sofa und mit einem starren Blick ins Nirgendwo bedankte sie sich bei Jenny. Danielle bat ihre Freundin, sie alleine zu lassen. Sie sagte, dass sie einen Moment der Ruhe brauche, um alles, was passiert war, zu verkraften.
Dieser Ort, den sie ihr Zuhause nannte, schien ihr plötzlich unbekannt zu sein. Alles um sie herum hatte keine Bedeutung mehr. Jedes Objekt und jedes Foto weckten in ihr nur Verachtung, denn nach diesem traurigen Abend stellten sie nur die größte Enttäuschung dar, die Danielle bisher erlebt hatte.
Sie war immer noch so wütend, dass sie die Szene aus dem Büro auch zu Hause hätte wiederholen können, indem sie etwa alle persönlichen Gegenstände von diesem Mistkerl hätte vernichten können. Sie starrte jedes Detail der Wohnung an und fragte sich, welche Sünde sie in einem anderen Leben begangen hatte, die sie nun mit diesem Schmerz bezahlen musste.
Noch immer sehr betroffen durch die schreckliche Szene im Büro, betrachte sie die Bilder, welche die Wände mit glücklichen Erinnerungen dekorierten. Die fünf Jahre, die sie zusammen geteilt hatten, waren auf dieser Wand verewigt: Geburtstage, Urlaube, Weihnachten und weitere Momente. Plötzlich hatte all dies keinen Wert mehr für sie.
Seit ihrer Kindheit hatte Danielle in Momenten der Verzweiflung immer Stärke gezeigt und dies würde keine Ausnahme sein. Sie war der Meinung, dass alles, was sie brauchte, Zeit war. Die Zeit heilt alles, dachte sie.
Als sie versuchte, sich zu überzeugen, dass die Zeit das intensive Leid betäuben könnte, hörte sie, wie der Schlüssel ins Schloss der Haustür geschoben wurde. Sie wusste, dass es Oliver war. Die Nervosität und die Wut in ihr wurden wieder größer. Sie wollte mit ihm reden, doch mit seiner Ankunft bedauerte sie zutiefst, ebenfalls an diesem Ort zu sein. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten und wagte, ihn anzusehen. Oliver war, ebenso wie sie, traurig und verwirrt.
Vorsichtig kniete er vor Danielle und legte seine Hände auf ihre Knie.
»Fass mich nicht an!«, rief sie wütend
»Danielle, bitte, ich will es dir erklären. Es ist nicht so, wie du denkst!«
»Was willst du damit sagen? Hattest du keinen Sex mit deiner Sekretärin?«
Oliver sah Danielle beschämt an und wusste, dass er selber nicht erklären konnte, was passiert war.
»Bitte, hass mich nicht. Ich will nicht, dass du mich hasst! Ich habe einen riesigen Fehler gemacht, vergib mir!«
»Keine Sorge, Oliver, ich kann eine Person nicht hassen, wenn ich sie nicht richtig kenne. Ich weiß nicht, wer du bist. Dummerweise dachte ich, dass ich alles hören wollte, was du zu sagen hast. Ich wollte auch sehen, wie du bereust, welchen Schmerz und welche Enttäuschung du bei mir verursacht hast, aber ich kann es nicht. Wenn du das Beste für mich willst, dann verschwinde aus meinem Leben. Bitte pack deine Sachen zusammen und hau ab.«
Danielles Kälte überraschte Oliver.
Ohne ihm die Gelegenheit zu geben, ein weiteres Wort zu sagen, verließ sie die Wohnung. Sie suchte Zuflucht bei Jenny, die bereits auf dem Flur auf Danielle wartete. Ein verwirrter Oliver folgte ihr. Er rief ihren Name immer wieder, doch Danielle drehte sich nur um und starrte ihn mit Verachtung an. Mit diesem Blick ging sie in die Wohnung ihrer Freundin.
Sie legte sich auf Jennys Sofa und schlief ein. Nach ein paar Stunden erwachte sie und kehrte in ihre Wohnung zurück. Von Oliver gab es kein Lebenszeichen mehr, was sie beruhigte. Eine weitere Begegnung mit ihm wäre für sie unerträglich gewesen und vielleicht hätte Danielle diesmal ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren können. Bevor Oliver gegangen war, hatte er eine Nachricht für sie hinterlassen. Sie nahm das Blatt und ohne es zu lesen, zerriss sie es und warf die Schnipsel weg.
Sie hatte sich geschworen, ihm niemals ihren Schmerz zu zeigen. Ihr Herz war gebrochen und es durfte nicht das Gleiche mit ihrem Stolz passieren.
Beim Versuch, sich von ihrem Kummer abzulenken, dachte sie darüber nach, wie sie vermeiden könnte, dass die Szene Folgen auf ihre berufliche Situation hätte. Diese Sorge war nicht unbegründet, da sie fast gezwungen wurde, Urlaub zu nehmen. Ihr Chef hatte ihr eindringlich empfohlen, sich ein paar freie Tage zu nehmen. Danielle glaubte ebenfalls, dass es hilfreich sein könnte, da sie im Moment einfach noch nicht bereit war, sich der Realität zu stellen.
Seit dem Vorfall hatte Danielle nur mit Jenny Kontakt, die von Anfang an und ohne zu zögern für sie da gewesen war. Auch Oliver hatte versucht, sie mehrmals zu erreichen. Dadurch wurde ihr verdeutlicht, dass sich außer Jenny und Oliver niemand für ihr Wohlergehen interessierte. In diesem Moment der Trauer erkannte sie, wie aufopferungsvoll ihre Beziehung mit Oliver gewesen war; die Freunde, die sie früher gehabt hatte, existierten in ihrem Leben nicht mehr. Zum ersten Mal seit fünf Jahren fühlte sie sich ganz allein.
Diese plötzliche Wendung öffnete ihr die Augen und viele Fehler wurden ihr bewusst. Nun wurde alles klar: Was sie als eine Krise angesehen hatte, war in Wahrheit eine Affäre. Sie hatte seit Monaten einige Änderungen an Olivers Verhalten bemerkt. Oft schien er abwesend und unaufmerksam zu sein, jedoch war ihre Liebe für ihn so stark, dass sie so einen Verrat nicht für möglich gehalten hatte. Jetzt überraschte sie nur, dass sie das tragische Ende nicht vorhergesagt hatte. Sie hatte für ihn alles aufgegeben und jetzt war für sie nichts mehr übrig.
Die Gespräche mit Jenny waren nun ihre einzige Ablenkung gegen die schlimmen Gedanken. Jenny brachte für Danielle etwas zu essen oder eine Kleinigkeit mit, um sie zu erfreuen. Manchmal erzählte sie von ihrer Arbeit. Bis zu diesem Tag wurden Oliver und der Vorfall nicht erwähnt.
»Wie fühlst du dich heute?«, fragte Jenny unruhig.
»Gut«, antwortete Danielle lustlos
»Oh, Danielle … ich weiß nicht, wie ich dir es sagen soll.«
»Was sagen?«
»Oliver …«
»Oliver? Was hat er gesagt?«, fragte Danielle nervös.
»Er erzählte mir, dass er in einem Hotel wohnt und, dass er auf der Suche nach einer neuen Wohnung ist. Ich soll dir sagen, dass er seine Sachen abholen wird, wenn du zurück auf der Arbeit bist.«
»Sehr gut«, sagte sie mit brüchiger Stimme.
»Danielle, es gibt noch etwas, das ich dir erzählen möchte … Ich habe es vorher nicht erwähnt, weil ich es nicht für wichtig gehalten habe, aber ich glaube, du solltest es wissen.«
»Jenny, die Situation kann nicht mehr schlimmer werden. Sag es einfach.«
»Also gut. Vor ein paar Wochen traf ich Oliver und Agnes im Einkaufzentrum. Ich habe sie ganz arglos gegrüßt, allerdings habe ich eine deutliche Nervosität an ihm bemerkt. Er sagte, dass sie ein Geschenk für dich suchen und er hat mich gebeten, dir nichts davon zu erzählen. Ich will ehrlich mit dir sein: Ich habe nie geglaubt, dass er dir so etwas antun könnte. Bitte, sei nicht so hart mit dir selbst, er hat uns alle reingelegt.«
Danielle hörte diese traurige Wahrheit, und nun wusste sie, dass die Beziehung definitiv nicht zu retten war. Mit Tränen in den Augen und ohne ein Wort zu sagen, nickte sie.
Als ob die Tragödie im Büro nicht schon genug gewesen wäre, die schlechten Nachrichten schienen kein Ende zu nehmen. Eine Woche nach dem Wutanfall, den Oliver und seine Geliebte verursacht hatten, klopfte ein Mann an der Tür.
»Sind Sie Danielle Kent?«, fragte der Mann ernst.
»Ja«, antwortete sie ratlos.
Der Mann überreichte ihr einen Umschlag mit einer Vorladung und ging sofort weg. Diese Ungerechtigkeit konnte sie nicht verstehen und als sie das Dokument zu Ende gelesen hatte, begriff sie, dass sie vor Gericht erscheinen musste. Agnes hatte sie wegen Körperverletzung angezeigt.
»Verdammte Schlampe!«, schrie sie wütend.
Sie war so verärgert, dass sie Oliver anrufen wollte. Doch genau in diesem Moment kam Jenny zu Besuch. Danielle konnte nicht glauben, wie zynisch Agnes war, und teilte Jenny ihre Pechsträhne mit.
Jenny wusste, dass Danielle nicht in der emotionalen Lage war, die Situation alleine zu bewältigen. Deshalb beschloss sie, eine Anwältin, die eine gute Freundin von ihr war, zu kontaktieren. Jenny würde nicht zulassen, dass Danielle sich ungeschützt und gedemütigt fühlte.
Nach ein paar Tagen wurde Danielle schließlich positiv überrascht. Der Prozess war kurz und vorteilhaft für sie. Agnes bekam nicht, was sie wollte: nämlich Geld. Allerdings wurde Danielle zu einer psychologischen Behandlung verpflichtet. Agnes hatte behauptet, dass sie sich durch die Anwesenheit von der aggressiven Danielle auf der Arbeit bedroht fühlte.
Die zwei Wochen Beurlaubung waren vorbei. Danielle durfte ihre Arbeit wieder aufnehmen. Im Büro vergingen die Tage schnell und normal. Sie arbeitete so hart und konzentriert wie noch nie. Die enttäuschte Danielle wollte so wenig Zeit wie möglich in der leeren Wohnung verbringen. Oliver war inzwischen offiziell ausgezogen.
Für Danielle wurde die Arbeit ein Zufluchtsort und obwohl das Leben normal weiterging, konnte sie einige böse Blicke nicht ignorieren. Dies verärgerte sie sehr und sie konnte nicht verstehen, warum ihre Kollegen nicht in ihr das Opfer sahen, sondern nur die Verrückte. Niemand schien Oliver zu verurteilen. Sie versuchte, diese Situation nicht weiter zu beachten, doch sie konnte nicht vermeiden, darüber zu grübeln, was schiefgelaufen war. War es meine Schuld?, hatte sie sich immer wieder gefragt. In ihren Augen waren sie ein glückliches Paar gewesen. Sie hatten immer über alles geredet. Was ist bloß passiert?, dachte sie.
Um diese traurigen Gedanken zu vermeiden und sich abzulenken, versuchte sie, in den einsamen Nächten ein Buch zu lesen oder unerledigte Angelegenheiten zu notieren. Sie hatte Angst, einzuschlafen, da Albträume von Oliver und Agnes sie jede Nacht verfolgten. Trotz ihrer Bemühungen, wurde sie schließlich von ihrer Müdigkeit übermannt.
Sie schlief unbequem auf der Couch. Die Idee, auf dem Bett zu liegen, in welchem sie schöne Momente mit Oliver verbracht hatte und vielleicht auch Oliver mit Agnes, fand sie abstoßend.
In einer Nacht waren die Albträume wieder da: Danielle spazierte in der Nähe von ihrem Lieblingscafé, wo sie mehrmals mit Oliver zusammen gefrühstückt hatte. Sie ging rein und wie gewöhnlich bestellte sie einen Cappuccino mit Zucker und extra Zimt. Als sie vor der Tür stand, öffnete sich diese und ein glückliches Paar kam herein. Die Frau strahlte vor Glück, wie es alle Schwangeren taten. So ein schönes Bild brachte sie zum Lächeln, genau so glücklich wollte sie auch irgendwann sein. Als sie jedoch die Gesichter des Paares betrachtete, erkannte sie sofort die schönen Augen; es waren die Augen von Oliver. Die glückliche Frau war Agnes. In diesem Moment wachte Danielle auf und zum ersten Mal weinte sie hemmungslos, ohne Scham oder Schwäche zu fühlen. Sie erkannte die Wahrheit: Sie liebte Oliver immer noch, den Mann, der sie betrogen hatte. Sollte dieser schreckliche Traum wahr werden, würde sie nicht da sein, um es anzusehen.
Danielle hatte den Verdacht, dass die Beziehung zwischen Oliver und Agnes noch nicht beendet war. Dieser Gedanke ließ ihren Herzschlag steigen und ohne zu zweifeln, machte sie sich fertig für die Arbeit. Sie musste dringend mit ihrem Chef reden und sie wollte so früh wie möglich da sein: Es ging um eine dringende Angelegenheit.
Ungeduldig wartete sie vor dem Büro von Mr. Ortega. Sie rieb sich nervös die Hände und ging hin und her, in dem Versuch, die angemessenen Worte für ihre Erkundigungen zu finden. Als ihr Chef ankam, beobachtete er sie amüsiert. Mr. Ortega winkte und lud sie ein, reinzugehen.
»Mein Gott, Danielle, warum bist du so nervös? Ist alles in Ordnung?«
»Ich glaube schon«, antwortete sie schüchtern.
Danielle ging rein und schloss nachdenklich die Tür. Einige Sekunden starrte sie ihn nur an, bis sie endlich sagte, was der Grund ihrer Nervosität war.
»Mr. Ortega, wie Sie sich vorstellen können, waren die letzten Wochen nicht einfach für mich. Sie wissen genau, dass ich versuche, meine Arbeit so gut wie möglich zu erledigen. Aber ich glaube … ich kann es aktuell nicht. Ich will nicht so eine Person sein, die ihre Leistung von ihren persönlichen Problemen beeinflussen lässt und genau deswegen möchte ich kündigen. Ich denke, diese Umgebung ist für mich nicht mehr von Vorteil. Im Moment ist alles einfach zu viel. Ich habe eine Menge zu verarbeiten und ich kann meine Ziele in diesem Unternehmen nicht mehr komplett erreichen und ich denke, dass konnten Sie mit eigenen Augen sehen. Die Jahre, die ich hier verbracht habe, haben sich wirklich gelohnt und ich bin sehr dankbar dafür, allerdings ist es nun Zeit für mich, etwas anderes zu probieren.«
Mr. Ortega sah Danielle enttäuscht, aber nicht überrascht an. Nach einem langen Gespräch verabschiedete sie sich von ihrem netten Ex-Chef. Danach ging sie zu Jenny, um ihr ihre Entscheidung mitzuteilen. Genau wie Mr. Ortega reagierte Jenny nicht überrascht. Dennoch versuchte sie, Danielle zu überreden, ihre Meinung zu ändern. Sie hatte damit jedoch keinen Erfolg, Danielle war entschlossener denn je.
Später ging Danielle in den Keller, um eine Kiste für ihre Sachen zu holen. Als sie den Flur hinunterging, sah sie Oliver hinter seinem Bürofenster. Er lachte am Telefon, als ob nichts geschehen wäre. Danielle presste ihre Lippen zusammen, um den Schmerz, den diese Szene in ihr verursachte, zu besänftigen. Da erkannte sie, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, die Firma zu verlassen.
Während sie ihr Büro aufräumte, merkte sie, dass alles, was sie an persönlichen Gegenständen hatte, nur Geschenke von Oliver waren. In einer Schublade fand sie Bilder, welche früher ihren Schreibtisch dekoriert hatten. Als sie sicher war, dass alles in der Kiste verstaut war, verließ sie das Gebäude, ohne jemandem etwas zu sagen. Sie fühlte sich endlich frei.
Auf dem Parkplatz leerte sie die Kiste im Müllcontainer aus und lächelte. Zu Hause fühlte sie sich erleichtert und fast glücklich, denn sie hatte den ersten Schritt für ein neues Leben gemacht.
Als Nächstes wollte sie sich eine Wohnung suchen. Ein Zuhause, das sie nicht an ihr Leben mit Oliver erinnerte. Es war auch Zeit, einen Therapeuten zu suchen, da sie die Auflagen ihrer »Verurteilung« erfüllen musste.
Mit guter Laune setzte sie sich vor den Computer und begann, zu suchen. Leider fand sie nichts Passendes in der Stadt und erweiterte die Suche auf die Vororte. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass es für sie keinen Grund mehr gab, hierzubleiben. Sie wollte weg von ihrem alten Leben.
Diese Erkenntnis führte sie zu einer weiteren wichtigen Entscheidung. Mit vierunddreißig Jahren beschloss sie, etwas zu riskieren und eine radikale Wende in ihrem Leben einzuleiten. Wenn sie schon die Wohnung verlassen wollte … Wieso nicht auch die Stadt?
In den folgenden Tagen suchte sie weiter nach einem neuen Zuhause und packte währenddessen ihre Sachen zusammen. Sie wollte nicht alles mitnehmen, da sie in einem Buch gelesen hatte, dass man von nichts abhängig sein sollte und lernen musste, loszulassen. Daher behielt sie nur, was sie wirklich brauchte und nicht mehr.
Als sie einige Bücher auswählte, fiel eine trockene Rose zu Boden, die sie vor Jahren zwischen die Seiten gelegt hatte. Mit ihrer Hand berührte sie ihre Lippen, um die Tränen aufhalten zu können. Sie hob die Rose vom Boden auf und lächelte, als die Erinnerungen zurückkamen. Nachdem sie die erste Nacht zusammen verbracht hatten, hatte Oliver ein süßes Frühstück für sie vorbereitet. Es bestand aus Müsli und Kaffee denn, obwohl Oliver ein Mann mit vielen Qualitäten war, war Kochen keine davon. Nach einem romantischen Morgen fuhren sie damals zusammen zur Arbeit. Stunden später erhielt Danielle einen schönen Blumenstrauß von Oliver. Auf der Karte dankte er ihr für die wundervolle Nacht.
Zurück in der Realität atmete Danielle einmal tief durch und aus Trauer zerdrückte sie die Rose in ihrer Faust, bis sie vollständig zerstört war.
Sie verbrachte viele Stunden vor dem Computer, auf der Suche nach dem perfekten Ort für sie. Schließlich fand sie ein kleines Haus, das alle Anforderungen erfüllte: klein, schön, am Meer, sofort verfügbar und zu einem gerechten Preis. Das Einzige, was nun fehlte, war ein Therapeut. In der kleinen Stadt gab es vier Psychologen und zum Glück hatten alle vier Webseiten, wo Danielle einen ersten Eindruck bekommen konnte.
»Aha!«, rief sie, als sie das Bild von Lillian Andrews sah.
Sie wusste sofort, dass Frau Andrews die Richtige für sie war. Sie nahm das Telefon in die Hand, um sich zu informieren. Es wurde ein Termin für die zweite Woche nach dem Umzug vereinbart. Danielle war zuversichtlich, dass sie den perfekten Plan hatte. Mit ihren Ersparnissen konnte sie bequem für ein Jahr leben. Sie würde in Ville, einer pittoresken Stadt an der amerikanischen Ostküste, leben, wo sie eine Therapie anfangen konnte. Hier hätte sie genug Zeit für sich, um ihre Gedanken zu ordnen. Sie glaubte fest daran, nach einem Jahr stark genug zu sein, um ein neues Leben anfangen zu können, mit einem neuen Job und vielleicht mit einer neuen Liebe. Aber im Moment waren Einsamkeit und Ruhe das Einzige, was sie sich wünschte.
Schließlich kam der Umzugstag. Bevor sie ging, besuchte sie Jenny ein letztes Mal. Danielle bedankte sich bei ihr für ihre bedingungslose Unterstützung. Sie tranken Kaffee und führten ein langes Gespräch. Jenny erinnerte sie daran, die Bestätigung von Frau Andrews über die Therapie an den Anwalt zu schicken. So konnte sie das Problem mit Agnes aus ihrem Leben schaffen.
Als sie sich verabschiedeten, umarmten sie sich fest und versprachen einander, in Kontakt zu bleiben.
»Viel Glück in Ville!«, sagte Jenny aufmunternd.
Bis dato hatte Danielle versucht, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, um nicht an Oliver und ihre kaputte Beziehung denken zu müssen. Doch an diesem Tag war die Nostalgie wieder zu spüren. Die ständigen Anrufe von ihm hatten aufgehört: Offenbar verstand Oliver endlich, dass Danielle ihm nicht verzeihen konnte.
Mit einem Kloß im Hals gab sie ihren Wohnungsschlüssel beim Hausmeister ab. Sie verließ das Gebäude und setzte sich auf die Treppe. Der Schmerz in ihrer Brust war wieder zu spüren. Was sie am meisten quälte, war die Tatsache, dass Oliver, der Mann, den sie fünf Jahre lang geliebt hatte, keine Rücksicht auf sie genommen hatte. Dieses grausame Verhalten zeigte ihr, wie wertlos sie und ihre Beziehung für Oliver gewesen waren. Nun betrachtete sie die Zeit mit Oliver als eine Verschwendung. Das Einzige, was sie etwas tröstete, war die Gewissheit, dass Oliver nach ihrem Wutanfall mehr Angst als Respekt vor ihr hatte.
Sie war sich sicher: Oliver war nur noch ein Teil ihrer Vergangenheit und sie würde nicht zulassen, dass er sie wieder verletzte. Ab diesem Tag war der einzige Mensch, der wichtig für sie war, Danielle Kent.
Sie sah ein letztes Mal auf ihr altes Zuhause, setze die Sonnenbrille auf, stieg in den Wagen und fuhr los. Ohne zurückzublicken, machte sie sich auf den Weg zu dem kleinen Ort, der ihr Leben für immer verändern würde.
Während der siebenstündigen Fahrt schwankte Danielle hin und her, vom Lachen zu Tränen. Einerseits war sie neugierig und glücklich. Anderseits war der traurige Grund ihrer Entscheidung immer noch präsent. Dennoch hoffte sie, dass ihr Aufenthalt in Ville diese tiefen Wunden heilen würde.
Als sie bei der richtigen Adresse ankam, stieg sie nervös aus dem Auto. Vor ihr stand ein kleines, blaues Häuschen mit zarten, weißen Details. Genau, was ich brauche, dachte sie bewundernd. Auf der Veranda wartete ein älterer Mann mit platinblondem Haar auf sie, welcher ihr freundlich zuwinkte.
Mr. Bob war der Besitzer einiger Ferienhäuser. Für ihn war es eine große Freude, ein Haus für ein komplettes Jahr zu vermieten. Glücklich zeigte er Danielle ihr neues Zuhause. Es bestand aus einer Küche, einem Schlafzimmer, einem kleinen Arbeitszimmer, Wohnzimmer mit Essbereich und einer Veranda, auf der zwei Schaukelstühle standen, die mit der Meeresbrise tanzten.
Nachdem Mr. Bob die letzten Einzelheiten erklärt hatte, schenkte er Danielle einen Stadtplan von Ville und verabschiedete sich von ihr. Danielle saß begeistert auf dem Schaukelstuhl und wusste, dass dieser Ort eine gute Wahl gewesen war, denn sie war sich sicher, dass solche Schönheit ihr nur guttun könnte.
In den folgenden Tagen baute sie sich langsam eine neue Routine auf: Morgens war ein Spaziergang am Strand angesagt und am Ende ihrer Runde setzte sie sich auf den Sand und genoss die schöne Landschaft. Dabei erlaubte sie sich, sich auszumalen, wie ihr neues Leben aussehen könnte. Nachdem sie ihre Träume genährt hatte, ging sie wieder nach Hause und frühstückte auf der Veranda. Dort verbrachte sie die meiste Zeit mit ihren Büchern und ihrem Laptop. Manchmal teilte sie auch ihre ersten Eindrücke mit Jenny und die übrige Zeit bewunderte sie einfach nur das Meer.
Sie erkannte bald, dass ihre Nachbarn auch ihre eigene Routine hatten und obwohl alle sie freundlich grüßten, wollte Danielle in dieser Phase keine Freundschaften schließen. Im Moment waren Ruhe und Anonymität das, was sie brauchte. Zum Glück gab es zwischen den Häusern genug Abstand, sodass ihre Privatsphäre gewahrt wurde.
Der erste und einzige Freund, den sie in diesen zwei Wochen fand, war ein Golden Retriever. Der Hund spielte jeden Morgen an der gleichen Stelle, wo Danielle ihre morgendliche Entspannung durchführte. Für sie war das tägliche Spielen mit dem Hund schon ein fester Bestandteil des Tages. Sie hatte bis dahin den Hundebesitzer noch nicht aus nächster Nähe gesehen, da der Mann sorglos weitersurfte und sich zu freuen schien, dass jemand mit seinem Hund spielte.
Diese zwei Wochen in Ville erfüllten Danielle mit Glück. Diese blaue Stadt, direkt am Meer und mit einem wolkenlosen Himmel, war von freundlichen Menschen bewohnt. In ihren Augen schien es der perfekte Ort zu sein. Jetzt fehlte nur noch, ihre Therapeutin Dr. Lillian Andrews endlich kennenzulernen.
Nach der glücklichen Zeit der Anpassung kam der Tag der Herausforderung: die erste Sitzung mit Dr. Lillian Andrews. Der Termin war für Freitag um 16 Uhr vereinbart worden. An diesem Morgen dachte sie darüber nach, welche Gefühle dieses Gespräch in ihr wecken könnte.
Als sie in der Praxis ankam, nahm sie eine geschmackvolle und ruhige Umgebung wahr, die sie beruhigte. Sie saß im Wartezimmer und genau um 16 Uhr forderte die Empfangsdame sie auf, ihr zu folgen. Als Danielle den Raum betrat, begrüßte Dr. Lillian Andrews sie und bat sie, Platz zu nehmen.
Lillian Andrews war eine elegante, fünfzigjährige Frau mit einem freundlichen Lächeln.
»Danielle, darf ich dich duzen? Oder ist Ihnen Frau Kent lieber?«, fragte Dr. Lillian auf sympathische Art und Weise.
»Danielle und duzen ist gut«, antwortete sie und lächelte.
»Okay, ich bin Dr. Lillian Andrews aber alle meine Patienten nennen mich einfach Dr. Lillian. Aber du kannst mich nennen wie du willst.«
»Danke, dann bleibe ich auch gerne bei Dr. Lillian.«
»Gut! Nun, Danielle: Du hast uns mitgeteilt, dass du zu einer psychologischen Therapie verpflichtet worden bist. Willst du mir erzählen, was geschehen ist?«
Danielle starrte auf den Boden, sie konnte nicht sofort antworten und zögerte. Wie konnte sie erklären, dass sie den Wunsch gehabt hatte, ihren Freund zu töten, als sie ihn mit einer anderen Frau erwischt hatte? Sie versuchte, ihre Gedanken zu kontrollieren und antwortete:
»Der Richter sagt, dass ich aggressiv bin.«
»Aha … und deiner Meinung nach, warum bist du hier?«
»Ich bin hier, weil die Enttäuschung mich überwältigt hat und ich nicht wusste, was zu tun ist. Die Person, die ich als den perfekten Mann angesehen hatte, hat mich auf eine sehr grausame Art und Weise betrogen. Als ich dies erfuhr, brach ich in hysterisches Schreien aus. In diesem Moment hatte ich keine Kontrolle über meine Gefühle: Ich wusste nicht, ob ich weinen, trauern oder weglaufen sollte … Mir ist klar, dass meine Reaktion nicht die Richtige war. Ehrlich gesagt, ich betrachte mich nicht als gewalttätig, aber es wäre mir lieber, nie wieder dieses Gefühl zu empfinden.«
»Ich verstehe … Ich danke dir für deine Ehrlichkeit. Ich möchte dir nur sagen, dass du in diesem Raum immer sicher bist. Du kannst frei über alles reden und ich werde dir in bester Art und Weise helfen. Bist du damit einverstanden?«
»Ja«, antwortete Danielle nachdenklich.
In den nächsten vierzig Minuten sprachen sie über Danielles Kindheit. Für Dr. Lillian war es wichtig, zu wissen, wie ihre Familie war und in welchem Umfeld sie sich entwickelt hatte. Danielle erzählte ihr, dass nach dem Tod ihres Vaters, als sie neun Jahre alt gewesen war, die Bedeutung der Familie für sie verschwunden war. Ihre Mutter hatte sich nur auf ihren eigenen Schmerz konzentriert und sie vergaß, dass ihre Tochter auch ihren Vater verloren hatte. Nach dem Tod ihres Vaters verbrachte sie viel Zeit bei ihrer Oma, den Nachbarn oder wer sonst gerade auf sie aufpassen konnte. Im Laufe der Jahre verbesserte sich die Situation nicht. Ihre Mutter Ingrid widmete sich fast nur ihrer eigenen Person und ihrem eigenen Leben. Ingrid wollte alles erleben, was sie als verheiratete Frau nicht hatte erleben können. Ihre Prioritäten waren nun Shopping, Sport und Partys und ganz zuletzt das Wohlergehen ihrer Tochter.
Als Teenager sah Danielle ein Bataillon von Männern kommen und gehen, die mit ihrer Mutter zusammen waren. Schließlich lernte Ingrid ihren zweiten Mann kennen, ein anständiger und netter Mensch. Danielle konnte nicht verstehen, wie dieser gute Mann ihre Mutter ertragen konnte, da sie eine pedantische und eingebildete Person geworden war.
In ihrer Jugend konzentrierte sich Danielle daher auf die Schule, mit dem Ziel, eines Tages zu einer entfernten Universität zu gehen: eine, die weit weg von Ingrid und ihrer ständigen Nörgelei lag. Sie wollte eine große Entfernung schaffen, um unangemeldete Besuche oder Einladungen zu vermeiden.
Die aktuelle Beziehung mit ihrer Mutter bestand nur noch aus kurzen Telefonaten und der obligatorischen Geburtstagskarte sowie Glückwünschen zu Weihnachten.
»Wissen Sie, Ingrid ist eine großartige Ehefrau, Freundin und Nachbarin; aber ich bin so froh, dass ich keine Geschwister habe, weil sie eine lausige Mutter war und ist.«
Dr. Lillian nahm ihre Augen von ihrem Block und sagte:
»Okay, Danielle, das war ein guter Anfang. Die ersten Stunden sind immer schwierig, aber ich bin mir sicher, dass wir uns sehr gut verstehen werden.«
