Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Totenstille im Watt E-Book

Klaus-Peter Wolf

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E-Book-Beschreibung Totenstille im Watt - Klaus-Peter Wolf

Sie lieben Ostfriesland, das Watt und das Meer? Sie lieben Rupert, Ann Kathrin Klaasen und die anderen aus Klaus-Peter Wolfs Ostfriesland-Kosmos? Dann lernen Sie noch jemanden kennen: Dr. Bernhard Sommerfeldt.Der neue Roman von Mega-Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf. Er ist der Arzt in Norddeich, dem die Menschen vertrauen. Ein Doktor aus Leidenschaft. Er behandelt seine Patienten umfassend. Kümmert sich rührend nicht nur um ihre Wunden, sondern nimmt sich auch ihrer alltäglichen Sorgen an. Hört ihnen zu. Entsorgt auch schon mal einen brutalen Ehemann. Verleiht Geld, das er nicht hat. Keiner weiß, dass er ein Mann mit Vergangenheit ist. Einer anderen Vergangenheit, als manche sich das vorstellen. Der jetzt mit neuer Identität ein neues Leben lebt. Wer ist dieser Dr. Sommerfeldt?

Meinungen über das E-Book Totenstille im Watt - Klaus-Peter Wolf

E-Book-Leseprobe Totenstille im Watt - Klaus-Peter Wolf

Klaus-Peter Wolf

Totenstille im Watt

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

[Plakat]12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637383940414243444546474849Leseprobe zu Band 2

Gerahmtes Plakat im Wartezimmer

von Dr. Bernhard Sommerfeldt:

»Der Stamm ist nach außen frei, keinem anderen Herrn unterworfen. Für die Freiheit gehen sie in den Tod und wählen lieber den Tod, als dass sie sich mit dem Joch der Knechtschaft belasten ließen. Daher haben sie die militärischen Würden abgeschafft und dulden nicht, dass einige unter ihnen sich mit einem militärischen Rang hervorheben. Sie unterstehen jedoch Richtern, die sie jährlich aus der Mitte wählen, die das Staatswesen

unter ihnen ordnen und regeln …«

 

Bartholomaeus Anglicus,

englischer Franziskaner um 1200 über die Ostfriesen

1

Es ist viel schwieriger, eine gute Fischsuppe zuzubereiten, als an eine neue Identität zu kommen.

Meine ist perfekt. Ich heiße neuerdings Bernhard Sommerfeldt.

Dr. Bernhard Sommerfeldt.

Und ich übe endlich meinen Lieblingsberuf aus: Ich bin praktischer Arzt.

Ich habe mich in dem schönen Städtchen Norddeich niedergelassen. Im Sommer behandle ich die Wehwehchen von Touristinnen, die am Strand zu viel Wind abbekommen haben und ihre Ohrenschmerzen für ein beginnendes Krebsleiden halten. Im Winter bin ich ganz für die einheimische Bevölkerung da, falls ich nicht dort Urlaub mache, wo die Sonne scheint.

Viele kommen gar nicht zu mir, damit ich sie gesund mache. Sie wollen, dass ich sie krankschreibe. Das tue ich sehr gern. Ich denke, jeder hat das Recht auf eine Auszeit ab und zu. Die Leute lieben mich dafür. Ich genieße das. Ja, ich mag es, gewollt und geliebt zu werden. Das ist vielleicht meine schlimmste Schwäche. Dadurch bin ich in viele üble Situationen geraten.

Wie ich an die neuen Papiere gekommen bin? Ich kann selbst kaum glauben, wie einfach es war. Alles per Mausklick aus dem Internet. Ein Onlinekonto, zwei Kreditkarten. Ausweis, Führerschein, Abiturzeugnis, Studienabschluss …

Ich habe natürlich selber ein Einserabitur, aber ich kann es nicht mehr gebrauchen, denn es steht der alte Name drauf. Ich bin nicht mehr Johannes Theissen. Johannes Theissen ist tot. Es war sowieso ein blöder Name. Und ein ebensolches Leben.

Sogar meine Kücheneinrichtung habe ich aus dem Internet und ein neues Auto. Falls hier irgendetwas schiefgeht, besitze ich noch andere Identitäten. Ich habe einen polnischen Pass und einen polnischen Führerschein und auch noch schwedische Papiere.

Beides war so günstig, da konnte ich einfach nicht widerstehen, glaube aber kaum, dass ich das wirklich einmal einsetzen kann, denn ich spreche kein Wort Polnisch, und ich sehe eher aus wie ein Schwede oder Schweizer. Bestimmt gehe ich auch als Franzose durch. Aber sicherlich nicht als Pole, es sei denn, man stellt sich Polen groß, blond und blauäugig vor.

Seit ich aufgehört habe, für mein Leben Spielregeln zu akzeptieren, nach denen ich nur verlieren kann, bin ich ein Gewinnertyp.

Ich bin ein besserer Arzt als die meisten, die sich durch ausbeuterische Ausbildungsverhältnisse gequält haben. Auch hier entscheidet der freie Wettbewerb.

Zu mir kommen die Leute. Mir vertrauen sie. Ich mache auch Hausbesuche. Man kann mich nachts herausklingeln, und ich steige bei Wind und Wetter aufs Rad und komme. Ich erledige fast alles mit dem Rad. Ärzte sollten zumindest in gesundheitlicher Hinsicht Vorbilder für ihre Patienten sein. Ich rauche nicht, bin sportlich, schlank und ich ernähre mich gut.

Ich behandle Kassenpatienten genauso wie Privatpatienten, und wenn einer gar keine Versicherung hat oder die Erbsenzähler in der Verwaltung etwas nicht bezahlen wollen, dann helfe ich dem trotzdem.

Schließlich ist die Medizin mehr mein Hobby als mein Beruf. Es geht heute in Krankenhäusern und Arztpraxen viel zu sehr ums Geld. Ärzte und Krankenhäuser sollten dazu da sein, Menschen gesund zu machen, und nicht zu Profitcentern degradiert werden, die Geld machen. Ich werde schon wütend, wenn ich das höre! Krankenkassen und Versicherungen wollen uns zu Buchhaltern machen, die keine Zeit mehr für ihre Patienten haben. Wir sollen mehr auf den Bildschirm gucken und Anforderungsprofile ausfüllen, statt uns unsere Patienten anzuschauen. Sie wollen aus Heilern Buchhalter machen.

Ich nehme mir Zeit für jeden und höre zu.

Was ich mache, wenn ich Geld brauche? Wie ich das alles finanziere? Nun, da habe ich ganz andere Methoden …

Mit ehrlicher Arbeit ist noch niemand wirklich reich geworden. Ich meine mit reich nicht, dass man ein Haus besitzt, jedes Jahr in Urlaub fährt und eine Bahncard erster Klasse hat. Für mich ist Reichtum etwas ganz anderes. Es heißt für mich, frei und unabhängig zu sein. Zu tun, was ich wirklich tun möchte, nicht was ich tun sollte, weil andere es von mir erwarten.

Ich ertrage keinen Chef über mir. Bürokratie engt mich ein. Ich brauche Freiheit zum Atmen.

Meine Sprechstundenhilfe nimmt mir viel von dem Alltagskram ab. Sie heißt Cordula. Sie ist klein, dick und fröhlich. Sie kann schweinische Witze erzählen und selbst darüber lachen, bis sie einen hochroten Kopf hat und einen Hustenanfall bekommt.

Die Sprechstundenhilfen heißen ja jetzt medizinische Fachangestellte. MFAs. Bekommen aber grauenhaft wenig Gehalt. Das ist mir peinlich. Wie soll jemand fröhlich in meiner Nähe arbeiten, nett und hilfsbereit zu den Patienten sein, wenn das Geld nicht ausreicht, um damit ein gutes Leben zu führen?

Meine Cordula erhält 14 Monatsgehälter. Das Dreizehnte ist Weihnachtsgeld und das vierzehnte Schmerzensgeld, sagt sie gern, weil sie ständig hinter mir herräumen müsse. Stimmt. Sie erzählt aber niemandem, dass sie bei mir den doppelten Tariflohn bekommt. Ich vermute, sie hat Angst, dieses Wissen könnte bei anderen Begehrlichkeiten wecken. Sie will sich die lästige Konkurrenz vom Leib halten. Aber ihr ausgeglichenes Bankkonto trägt sicherlich zu ihrer humorvollen Zufriedenheit bei.

Stundenweise haben wir auch eine Schreibkraft und natürlich eine Auszubildende:

Frauke Hinrichs. Ein ganz süßes Ding. Noch schrecklich unsicher. Alles Mögliche ist ihr peinlich. Vor allen Dingen ihre Zahnspange. Sie lispelt so herrlich. Sie wird später bestimmt mal eine wunderschöne Frau, die die Männer um den Verstand bringen wird. Noch geht sie lieber reiten und mistet an den Wochenenden Ställe aus.

Lange kann ich die Praxis nicht mehr mit so einer dünnen Personaldecke betreiben. Sie läuft einfach zu gut. Ich habe das am Anfang nicht ernst genug genommen. Jetzt habe ich eine Anzeige im Kurier und in der OZ aufgegeben.

Arztpraxis sucht medizinische Fachangestellte für sofort.

Von doppeltem Tariflohn schrieb ich vorsichtshalber nichts. Ich will ja keinen Ärger mit den Kollegen. Aber ich brauche schon eine sehr qualifizierte Kraft, nicht nur eine Abrechnungsassistentin. Nein, sie muss die Terminvergabe im Griff haben, damit keine unnötigen Warteschlangen entstehen. Und sie muss Verbände anlegen, Injektionen verabreichen und so weiter.

Cordula ist ganz stolz. Ich habe ihr die Auswahl und die Einstellungsgespräche überlassen. Am Ende muss sie ja mit der neuen Kraft klarkommen. Warum soll sie sie nicht aussuchen?

2

Ach, da ist er ja wieder, dieser kleine Idiot. Hermann Brandt. Er denkt, ich weiß nicht, dass er mir die Autoreifen zerstochen hat.

Ich fahre einen Renault. Ich mag französische Autos. Nie würde ich irgendeinen dicken Angeberschlitten fahren. Das bringt die Leute nur gegen einen auf. Man muss den Sozialneid ja nicht noch schüren. Hermann Brandt hat sich natürlich von seinem Resterbe einen Porsche gekauft. Protzig parkt er vor meiner Praxis in der Norddeicher Straße. Ich habe vier gut markierte Parkplätze vor meinem Haus. Er besetzt mühelos zwei davon, indem er seinen Wagen genau auf den weißen Streifen stellt, der zwei Plätze voneinander abgrenzen soll.

Hallo. Hier kommt Mister Wichtig. Genauso klingelt er auch.

Ich unterhalte mich nur über die Sprechanlage mit ihm. Dann muss er in einer gebückten Haltung stehen, und die ist gar nicht gut für seinen Rücken. Bei seinem Übergewicht ist die Wirbelsäule sowieso schwer belastet.

»Die Praxis ist geschlossen!«, sage ich.

Er brüllt gleich los: »Seien Sie doch vernünftig! Damit kommen Sie doch sowieso nicht durch. Ich fechte das Erbe an. Meine Großmutter war dement, und Sie haben ihre Abhängigkeit ausgenutzt!«

»Ja«, sage ich mit viel gespieltem Mitleid in der Stimme. »Das Leben ist schon ungerecht. Kaum kümmert man sich fünf Jahre lang nicht um seine geliebte Großmutter, schon ist das schöne Erbe futsch.«

Es gefällt mir, ihn zu provozieren. Ich kann ihn über die Videoanlage sehen. Er bietet mir ein richtig schönes Schauspiel. Das Leben, denke ich, kann so prickelnd sein! Seine Wut tut mir gut. Ich will mehr davon.

»Ihre Großmutter war übrigens keineswegs dement oder verwirrt. Sie litt an schwerem Diabetes und war depressiv. Das hat bestimmt auch etwas mit Ihrem fürsorglichen Verhalten zu tun. Sie hat sich oft bei mir ausgeheult und mir erzählt, dass Sie sie zweimal beklaut haben.«

Hermann Brandt richtet sich auf und biegt sich durch. Sein Rücken schmerzt offensichtlich schon. Klasse. Ich frage mich: Ist es die Psyche oder die krumme Haltung? Das schlechte Gewissen wird es bei dem Typen ja wohl kaum sein.

»Passen Sie mit Ihrem Bierbauch eigentlich hinter den Lenker? Hätten Sie den Porsche nicht eine Nummer größer gebraucht?«

»Ich mach Sie fertig, ich …«

Ich lache demonstrativ laut: »Klar. Jetzt habe ich aber Angst. Ich bin schon ganz aufgeregt. Ich sehe, dass Sie Rückenschmerzen haben. Sie sollten dringend zum Orthopäden. Als Sie gestern Abend die Reifen an meinem Fahrzeug zerstochen haben, war das einfach zu viel für Ihr Kreuz. Sie bücken sich falsch. Ein guter Osteopath oder Physiotherapeut könnte ihnen da bestimmt weiterhelfen. Sie brauchen dringend Krankengymnastik. Ich schreibe Ihnen gerne eine Überweisung.«

Ich finde es wunderbar, wie er die geballte Faust reckt und vor meine Kamera hält, als könne er sie mir per Bildschirm ins Gesicht schlagen.

»Meinen Sie, die Kriminalpolizei interessiert sich für so etwas? Ich habe die Videoaufzeichnung vorsichtshalber mal zu meinem Anwalt geschickt.«

Er sieht aus, als müsse er gleich heulen. Sein Blutdruck ist bedenklich hoch. Die Augäpfel treten hervor. Ein Bilderbuchgesicht, um die Basedow’sche Krankheit zu beschreiben.

Ich frage ihn, ob er an einer Schilddrüsenüberfunktion leidet. Das bringt ihn komplett zum Ausrasten. Er tritt gegen die Eingangstür meiner Praxis. Die sieht zwar freundlich aus, würde aber selbst Dum-Dum-Geschossen aus einer .45er Magnum standhalten. Jetzt tut ihm auch noch der Fuß weh. Er wird seine Gesundheit ruinieren, wenn er nicht aufgibt. Nur gewinnen wird er ganz sicher nicht gegen mich.

Das Testament seiner Großmutter – Gott hab sie selig – zu meinen Gunsten ist in Norden am Markt beim Notar gemacht worden. Ich habe noch ein gutes Wort für ihn eingelegt. Es hatte mal ein Testament zu seinen Gunsten gegeben. Das ist jetzt ungültig. Manchmal bestraft das Leben eben die Richtigen.

Ich überlege, ob ich die Polizei rufen soll oder ihn besser noch ein bisschen toben lasse, nur zu meinem Vergnügen. Dann schalte ich die Rasensprenkler-Anlage ein. Er kriegt die volle Dröhnung ab, und es spritzt bis auf seinen Porsche …

Herrlich, welchen Veitstanz er aufführt.

»Ja!«, rufe ich ihm zu. »Sport ist gut für Sie! Weiter so!«

Dann merke ich, dass ich die Lust verliere. Er beginnt, mich zu langweilen.

Ich hätte Lust, rauszugehen und ihn windelweich zu prügeln.

Es ist noch hell. Die Abendsonne scheint milde. Die Fähre aus Norderney ist gerade eingelaufen, und viele Urlauber bewegen sich auf der Norddeicherstraße.

Aber egal. Ich muss mich nicht verstecken. Ich werde jetzt rausgehen und ihm zeigen, wo der Hammer hängt.

Morgen frühstückst du mit der Schnabeltasse mein Freund, falls du überhaupt schon flüssige Nahrung zu dir nehmen kannst und nicht noch am Tropf hängst …

Ich gehe raus und rufe dem verdutzten Kerl zu: »Weißt du, was zu deinem Haarschnitt gut passt?«

Der Idiot schüttelt den Kopf.

»Ein doppelter Kieferbruch«, sage ich und hole aus.

Er reißt, genau wie ich’s erwartet habe, beide Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen. Genau das wollte ich. Jetzt habe ich freie Bahn, lande einen Schlag auf seiner kurzen Rippe und einen zweiten auf seinem Solarplexus. Das nimmt ihm die Luft. Seine Arme fallen wie leblos herunter, und er stiert mich aus seinem verquollenen Gesicht an. Er japst nach Luft.

»Ja«, sage ich, »jetzt bist du baff, hm? Du hast doch geglaubt, dass ich dir den Kiefer breche.«

Er nickt tatsächlich.

»Keine Sorge, genau das werde ich auch tun«, und knalle ihm eine Rechts-Links-Kombination an den Kopf.

Der letzte Schlag bringt ihn dazu, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Er taumelt zwei Schritte, dann bricht er zusammen. Sein Kopf scheppert auf seinen bescheuerten Porsche. Es macht kloing und klingt hohl.

Leere Dosen klappern laut, denke ich.

Ich gehe rein und rufe in der Polizeiinspektion an. Eine Marion Wolters meldet sich. Ich kenne sie ganz gut, ich habe sie mal wegen ihrer Magenprobleme behandelt. Sie ist im Grunde zuckersüchtig. Das hört sie aber nicht gerne.

Ich berichte ihr, dass ein Mann, der am Abend vorher meine Autoreifen zerstochen hat – das Video hatte ich an die Polizei geschickt –, jetzt wieder aufgetaucht ist und vor meinem Haus randaliert hat.

»Als ich die Wohnung verlassen wollte, hat er mich tätlich angegriffen. Das ist ihm aber nicht gut bekommen.«

Marion Wolters erkundigt sich, ob mir etwas passiert sei. Ich kann sie beruhigen, und sie verspricht, sofort einen Streifenwagen zu schicken.

»Ein Krankenwagen wäre auch nicht schlecht«, sage ich.

»Aber Sie sind doch Arzt«, flötet sie.

»Ja, das stimmt wohl, Frau Wolters. Aber diesen Patienten möchte ich nicht gern selbst behandeln.«

3

Die Polizeiinspektion am Markt in Norden ist von hier aus mit dem Auto in zwei Minuten zu erreichen, wenn man sehr langsam fährt. Eine gefühlte halbe Stunde später – Hermann Brandt wäre inzwischen geflohen, wenn ich ihm nicht mit einem kurzen Tritt den Oberschenkel gebrochen hätte – hielt ein Polizeiwagen bei mir. Den Krankenwagen zu rufen hatte Frau Wolters wohl vergessen, denn die sind normalerweise sehr schnell. Ich musste schon oft einen Krankenwagen zu meiner Praxis rufen, um einen Patienten, dem ich selbst nicht mehr weiterhelfen konnte, in die Ubbo-Emmius-Klinik bringen zu lassen.

Die Polizeiinspektion in Norden ist wohl sehr unterbesetzt. Hier in Norddeich gibt es ironischerweise im Haus, in dem sich auch das Informationszentrum für Touristen befindet, zu Ferienzeiten immer einen netten Beamten. Deshalb ist es so, wenn man in Norddeich den Notruf wählt, klingelt es nicht etwa in Norddeich, sondern in der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland in Wittmund.

Sie schickten mir einen Kommissar mit Minipli. Ich kenne ihn ganz gut. Er ist eine primitive Frohnatur, liebt Frauen und Bier. Matjes und Krabben sind so gar nicht sein Ding, dafür kennt er in jeder Stadt den Imbiss, der die beste Currywurst verkauft.

Er war mal bei mir, weil er befürchtete, Prostatakrebs zu haben, und behauptete, seine Eier würden ihm platzen, solcher Druck sei darauf. Ich konnte ihn erleichtern. Er hatte keine schwere, innere Krankheit, sondern lediglich Probleme mit seinem entzündeten Iliosakralgelenk. Ich verschrieb ihm Ibuprofen 800 und empfahl ihm Krankengymnastik. Seitdem bin ich sein bester Kumpel. Wenn ich ihn in der Stadt sehe, grüßt er mich mit: »Hallo, Doc Holliday!«

Als Hermann Brandt am Boden liegend eine Aussage gegen mich machen will, schnauzt Kommissar – ich glaube, er heißt Rupert – ihn an: »Wenn zwei ehrenhafte Männer miteinander reden, halten Verbrecher die Fresse!«

Ich liebe die Geradlinigkeit der Ostfriesen!

Natürlich will Rupert wissen, ob ich Anzeige erstatten möchte. Ich winke ab, der Mann sei ja schon gestraft genug.

Rupert versucht, mich zu überreden: »Mensch, Doc Holliday, wenn der Ihre Reifen zerstochen hat, dann sollten Sie sich aber schadlos an ihm halten!«

Ich grinse: »Ich wechsle sowieso alle zwei Jahre die Reifen, und ich war kurz davor. Im Grunde hat er mir einen Gefallen getan. Ich hätte es sonst vergessen, und der Winter kommt schneller, als man denkt. Erinnern Sie sich noch an letztes Jahr, als plötzlich Blitzeis das Fahren in ganz Ostfriesland unmöglich gemacht hat?«

Rupert nickt: »Ich bin auf den Treppenstufen zur Polizeiinspektion ausgerutscht und hab mich voll langgelegt. Aber Doc, Ihre Versicherung wird sich an den wenden und dann …«

»Ich bin nicht so ein Prozesshansel. Ich verbringe meine Zeit nicht gerne in irgendwelchen Gerichtssälen. Da fahre ich lieber Fahrrad am Deich.«

Rupert versteht mich und klopft mir auf die Schultern: »Wahre Worte.«

Er sieht aus, als wolle er mich umarmen. Zum Glück komme ich drum herum, denn er riecht nach einem scharfen Rasierwasser, das mir nicht gefällt.

Ich habe eine sehr sensible Nase. Gestank macht mich verrückt. Verschiedene Gerüche kann ich überhaupt nicht ertragen, andere wiederum ziehen mich an. Zwei meiner dümmsten Affären hatte ich mit Frauen, die einfach gut rochen. Eine davon, Miriam, habe ich Trottel sogar geheiratet.

Der Notarztwagen kommt. Ich kenne die Jungs. Nette Kerle. Wir spielen manchmal Bowling zusammen im Ocean Wave.

Weil Hermann Brandt einen aggressiven Eindruck macht, bekommt er erst einmal eine Beruhigungsspritze.

4

Das klingt jetzt vielleicht alles ganz easy. War es aber nicht von Anfang an.

Ich kam aus einem tiefen Loch nach Ostfriesland. Kurz davor, am Leben zu verzweifeln und mir die Pulsadern zu öffnen. Ich stand vor dem absoluten Nichts.

Ich hatte einen Beruf, für den ich völlig ungeeignet war und der mir keinerlei Spaß machte.

Augen auf bei der Berufswahl!

Ich war geworden, was meine Eltern von mir erwartet hatten. Ich bin nicht dem Ruf meines Herzens gefolgt, sondern irgendeinem Konstrukt aus Vernunft und dem Wunsch, es allen recht zu machen. Keine gute Strategie für ein glückliches Leben.

Meine Eltern hatten einen Textilbetrieb in Bamberg. Von Strandmoden bis zum Wintermantel und Dirndl haben wir alles hergestellt. Heißt, herstellen lassen. So billig, wie Klamotten in Deutschland verkauft werden, kann man sie im Grunde im Land kaum noch produzieren, außer als Werbegag.

Wir hatten eine Nähfabrik mit mehr als zweihundert Mitarbeitern im Königreich Marokko, in einem Viertel von Rabat, das ist die Hauptstadt. Und eine zweite in Casablanca. Gut fünfhundert Menschen in Marokko haben für unsere Firma gearbeitet.

Ja, ich spreche ein bisschen arabisch, schätze die arabische Küche, und noch heute koche ich lieber Couscous als Kartoffeln.

Ich habe meinen Vater oft nach Marokko begleitet, weil meine Mutter ihn nicht gerne allein in andere Kontinente reisen ließ.

In Deutschland hat meine Familie praktisch nur mit einem kleinen Team Modelle entworfen. Das waren natürlich alles ganz wichtige Leute, die zukünftigen Lagerfelds und Joops.

Ich verstehe nichts von Mode, und ehrlich gesagt, wenn mich irgendetwas im Leben nicht interessiert, dann Stoffe, Rüschen und Kleidung. Es sei denn, eine schöne Frau zieht sie gerade aus, um mir zu zeigen, wie sie darunter aussieht.

Diese Designer sind natürlich alle hochsensible Künstler, und nachdem ich den Laden auf Wunsch meines Vaters übernommen hatte, startete zunächst ein Wettbewerb um meine Gunst, und dann haben sich alle sehr viel Mühe gegeben, mir zu zeigen, dass sie die wichtigsten innovativen Köpfe sind und ich dankbar sein muss, dass sie für so ein popliges oberfränkisches Unternehmen arbeiten, statt nach Paris oder New York zu gehen, wo sie eigentlich hingehören.

Oh, wie ich es gehasst habe!

Wir wohnten in der Gärtnerstadt. Nicht zu verwechseln mit der Gartenstadt.

Neben uns gab es viele Gärtnereien und sogar einen Biobauern. Ja, ich wuchs – wenn ich zu Hause war und nicht im Internat – zwischen Vogelgezwitscher und Blumen auf. Mitten in der Stadt Bamberg, kurz hinterm Hotel National, gibt es eine ländliche Idylle.

Bei uns in Deutschland wurden die Modelle geschneidert, und meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, sie zu verkaufen. Das hat mein Vater auch immer gemacht. Er war gut vernetzt im Land, kannte Gott und die Welt, und als ich jünger war, hatte ich das Gefühl, die Arbeit meines Vaters bestünde daraus, mit Leuten essen zu gehen, ja, mit ihnen in Urlaub zu fahren, in Bars die Puppen tanzen zu lassen und dabei viel Geld zu verdienen.

Das alles mag auch eine Weile so gewesen sein. Aber sicherlich nicht mehr, als ich auf den Chefsessel gedrückt wurde. Ich stand gerade vor dem Physikum. Ich hatte in München und Erlangen Medizin studiert.

Mein Vater bekam kurz hintereinander zwei Schlaganfälle, konnte nicht mehr sprechen, und ab da redete meine Mutter für ihn, interpretierte seine Blicke und wurde zur Sachwalterin seiner Interessen. Für sie war völlig klar, dass ich ab sofort die Firma übernehmen müsste. Sie hatte vor, sich (mit drei Pflegekräften, einer Haushälterin und einem Gärtner) um Papa zu kümmern.

Die Modefirma, die so gut im Geschäft war und angeblich viele Millionen wert, wurde mir übertragen. Und damit auch die laufenden Bankkredite.

Ich war einfach ein zu guter Mensch, um so einen Betrieb zu führen, und mein Vater hat mir wohlweislich nie gesagt, wie der Hase wirklich läuft.

Gleich unsere erste Frühjahrskollektion nach Vaters Schlaganfall bin ich nicht mehr losgeworden. Ein Großkunde nach dem anderen sprang ab, dabei hatte ich unseren genialen Designern völlig freie Hand gelassen.

Ich fuhr mit einer fahrbaren Kleiderstange hinten im Auto, an der die schönen neuen Modelle hingen, zum Einkäufer einer Warenhauskette, die üblicherweise mit fünfhundert bis tausend Exemplaren pro Modell auf unserer Orderliste stand.

Ich dachte zunächst, das funktioniert garantiert. Der Einkäufer war höchstens zwei, drei Jahre älter als ich, salopp gekleidet, mit offenem Hemdkragen und Nikes an den Füßen. Er schien diesen ganzen Mode-Schnickschnack genauso zu verachten wie ich und verstand das Ganze als reine Geldmaschine.

Wir werden uns schnell einig, dachte ich. Und in der Tat liefen unsere Gespräche gut. Er stellte große Einkäufe in Aussicht. Vielleicht könne man das Volumen sogar bei einzelnen Dingen verdoppeln, zum Beispiel sei dieser Retro-Look für kleine Mädchen ein absoluter Knaller. Wir hätten den Farbenwechsel, weg von Pink hin zu gedeckteren Tönen, die ein ökologisches Bewusstsein ausdrücken sollten, bestens verstanden, sagte er.

Ganz nebenbei im Gespräch flocht er die Frage ein, ob ich vielleicht ein Auto kaufen wolle. Er winkte mich ans Fenster, zeigte nach unten, und dort auf dem Parkplatz stand ein geschätzt fünfzehn Jahre alter Opel.

Ich lachte und scherzte, ich fände Oldtimermodelle ja eigentlich auch ganz klasse, aber unser Fuhrpark sei gut bestückt und ich benötigte kein Auto.

Er schlug vor, ich solle mir das ruhig noch mal überlegen, und es klang wie ein Witz.

Als ich ihn verließ, bin ich unten auf dem Parkplatz noch mal an dem Opel vorbeigegangen und habe ihn mir angesehen.

Er hat sich einen Scherz erlaubt, dachte ich, das sollte nur ein Witz sein. Mit einem solchen Auto kann man sich in meiner Position doch nirgendwo sehen lassen.

Der rechte Kotflügel war eingebeult, und an den Türen rostete der Wagen. Er war nicht fünfzehn, sondern garantiert schon zwanzig Jahre alt.

Undenkbar, dass der Chefeinkäufer eines solchen Hauses mit so einer Schrottkarre morgens zum Dienst kam oder Kunden besuchte. Ich hakte das Ganze unter »Kuriositäten« ab.

Wenige Tage später besuchte mich eine äußerst attraktive Einkäuferin mit diesem bezaubernden, damenhaften Charme, den Frauen oft während oder kurz nach den Wechseljahren ausstrahlen. Die meisten ahnen gar nicht, wie hocherotisch sie dann wirken, wenn man ihnen das gelebte Leben ansieht und dieses girliehafte Getue Geschichte ist, sofern sie es jemals draufhatten.

Das Gespräch fand bei uns in der Bamberger Firmenzentrale statt. Es knisterte geradezu zwischen uns.

Ich lud sie danach noch ins Hotel Kaiserdom nach Gaustadt ein. Mein Vater behauptete immer: »Hier speist man seit vierhundert Jahren gut.«

Wir saßen im alten Teil des Hauses, nahe am Kachelofen. Sie bewunderte die Stuckdecke. Frauen haben manchmal einen Blick für merkwürdige Dinge. Wir redeten über Architektur und Denkmalschutz.

Sie entschied sich zu meinem Erstaunen nicht für die leichte italienische Speisekarte, sondern für die fränkische. Statt Salat mit Putenbrust – so hatte ich sie eingeschätzt – wählte sie deftige Hausmannskost. Ich zog gleich. Vorweg Leberknödelsuppe, dann Sauerbraten mit Klößen. Dazu tranken wir keinen Weißwein, sondern Weizenbier.

Wir hatten viel Spaß miteinander, lachten die meiste Zeit, und sie beflirtete mich nach allen Regeln der Kunst. Ich war mir sicher, dass in den nächsten Tagen ein Großeinkauf erfolgen würde. Ich empfand das Ganze als Triumph für mich. Ja, eine kurze Zeit lang dachte ich tatsächlich, ich könne die Firma meines Vaters in eine ganz neue Liga puschen.

Beim Essen, als es ums Bezahlen ging, lachte sie plötzlich und tupfte sich mit der Serviette Lippenstift ab: »Oje, ich habe meine Handtasche in Ihrem Büro liegenlassen.«

»Das macht doch nichts«, sagte ich.

Natürlich hätte ich das Essen ohnehin bezahlt.

Ich schlug ihr vor, ins Büro zu fahren, um ihr die Handtasche zu holen. Da sei garantiert niemand dran gewesen, versprach ich, unsere Angestellten seien absolut ehrliche Leute – man kann ja mal höflich lügen.

Aber sie hatte plötzlich gar keine Zeit mehr und bat mich, ich solle ihr die Handtasche doch in ihr Münchner Büro schicken, sie sei sowieso schon spät dran. Sie habe während des angeregten Gesprächs mit mir einen dringenden Termin völlig vergessen.

Sie verabschiedete sich mit Küsschen links und Küsschen rechts und flüsterte mir ins Ohr, das, was sie jetzt zu tun habe, sei lange nicht so angenehm und anregend wie das Gespräch mit mir.

Es kam mir fast vor wie ein Angebot, mir ihre private Telefonnummer zu geben und ein weiteres – privates – Date auszumachen. Und in der Tat schob sie mir eine Visitenkarte zu und bat mich, die Handtasche doch nicht in ihr Büro, sondern zu ihr nach Hause zu schicken.

Du cleveres Luder, dachte ich. Ich mag raffinierte Frauen, die wissen, was sie wollen. Ich dachte tatsächlich, sie sei scharf auf mich.

Ich schickte unseren Fahrer mit der Handtasche los und idiotischerweise wog ich noch ab, ob ich einen Strauß Blumen dazulegen sollte. Genau das tat ich auch. Mit lieben Grüßen.

Dann hörte ich wochenlang nichts mehr von ihr. Der Auftrag kam nicht. Kein Anruf.

Als ich es privat bei ihr versuchte, war sie am Telefon schnippisch. Das sei ihre private Nummer und warum ich sie da anrufe. Sie habe in letzter Zeit viel attraktivere Angebote bekommen als unseres, und sie wolle die Zusammenarbeit mit meiner Firma neu überdenken.

Ich stand wie unter Schock.

Ich fuhr von Bamberg nach Hamburg, um einem dritten Großkunden unsere Kollektion vorzustellen. Ich hätte die Kleider gar nicht alle in den Flieger gekriegt, außerdem wollte ich keine Falten in den wertvollen Stoffen, also bretterte ich die ganze Strecke hoch bis nach Hamburg.

Wir gingen zunächst ein paar Cocktails trinken und Billard spielen.

Er wollte auf den Kiez. Er fragte mich, was ich von Tabledance halten würde. Am Ende bin ich mit ihm durch Bars gezogen, und ich habe auch im Edelpuff für uns die Rechnung beglichen, weil die Situation so war, dass er völlig klar davon ausging, dass ich ihn eingeladen hätte, obwohl er mich doch dorthin gelotst hatte.

Danach war er noch viel gelöster. Wir standen zusammen an der Theke, jeder eine dieser Mulattinnen neben sich. Er zupfte ständig an den Dessous seiner Bardame herum und lästerte: »So was musst du mal machen, so was.«

Ansonsten redeten wir kaum über die Modebranche oder gar die Modelle, die ich mitgebracht hatte. Er erzählte mir von seinem nächsten großen Urlaub, den er plante. Ich glaube, es waren die Kapverden. Das Hotel sei sündhaft teuer, aber …

Er schilderte mir die Vorzüge, er hörte gar nicht auf zu reden, und ich Idiot kapierte mal wieder nichts.

Ich war in einen Sumpf geraten, und als auch der dritte Großkunde absprang, musste ich meiner Mutter, die immer noch über die Zahlen wachte, beichten.

Sie verzog nur spöttisch den Mund und sah mich mit diesem eiskalten Blick an, vor dem ich schon als Kind Angst hatte, weil so viel Verachtung darin lag.

Ich wusste sofort, dass ich alles falsch gemacht hatte. Dazu brauchte sie keine Worte. Sie schaffte so etwas gestisch und mit ihrer Mimik, schuf um sich herum eine Atmosphäre, in der man sich als Versager fühlen musste.

Wenn ich mit einem »Gut« aus der Schule nach Hause kam, dann hatte sie mich auch so angeguckt. Warum war es kein »Sehr gut«, fragte ich mich gleich selbst. Was hatte ich falsch gemacht? Wie konnte es sein, dass jemand anders eine bessere Arbeit geschrieben hatte als ich? Hatte ich mir nicht genügend Mühe gegeben?

Meine Mutter brauchte keine Argumente. Meine Mutter hatte ihren Blick. Und dann musste man sich selbst fragen, warum schaut sie mich gerade so an? Was stimmt mit mir nicht?

Und ich kam selbst darauf: »Ich hätte den Urlaub bezahlen sollen.«

Sie nickte nicht einmal, sondern forderte mich mit ihrem Blick auf, weiter in mich zu gehen. Nach noch mehr Fehlern zu suchen.

Ich überlegte schon, ob ich in meiner Panik, etwas falsch zu machen, vielleicht sogar von dem Bordellbesuch erzählt hatte – dafür hätte meine Mutter sicherlich kein Verständnis gehabt. Sie war eine sehr prüde Frau.

Weil ich so gar nicht darauf kam, benannte sie meine Fehler, indem sie langsam und überdeutlich sagte: »Dein Vater hätte seinen Fahrer geschickt, um der Dame die Tasche zu bringen. Und vorher hätte er zehn-, vielleicht zwanzigtausend Euro in bar reingelegt. Je nachdem, um welche Auftragsgröße es sich handelte.«

Ich war empört: »Hätte ich dann auch das kaputte Auto kaufen sollen?«

»So läuft so etwas heute, mein Sohn. Du kannst doch nicht einfach jemandem Geld über den Tisch schieben und sagen: Ich möchte Sie gerne bestechen. Nein, er bietet dir etwas völlig Wertloses an, und du kaufst es begeistert zu einem horrenden Preis. So werdet ihr Freunde, und er wird niemals über deine Waren oder deine Preisgestaltung meckern.«

Ja, ich weiß. Ich hätte die Näherinnen in Marokko entlassen müssen. Zumindest in Casablanca die Näherei schließen, denn es gab keine Arbeit mehr. So etwas wie Kurzarbeitergeld haben die da nicht. Ich habe es nicht getan, sondern stattdessen die Bankkonten überzogen, um weiter die Gehälter zahlen zu können.

Ich wollte neue, ehrliche Kunden für uns gewinnen. Ich fuhr herum, machte Besuche, war am Ende auch bereit, für jede erdenkliche Form von Bestechung, aber ich war nicht mehr schnell genug. Ich hatte eine ganze Saison in den Sand gesetzt.

Der Vorjahresumsatz von 12,4 Millionen ging auf knapp 1,3 Millionen zurück. Dann kamen die Steuernachzahlungen für die letzten zwei Jahre. Beim Finanzamt hatte mein Vater offensichtlich nie jemanden bestochen.

Die Designer machten mir das Leben zur Hölle. Die Großkunden ignorierten mich, aber ich trug doch die Verantwortung für die Familien in Marokko.

Ich verkaufte sämtliche Wertpapiere, belieh meine eigene Lebensversicherung bis zur Belastungsgrenze und nahm Hypotheken auf das Haus auf. Aber es reichte nicht.

Offensichtlich war ich noch nicht tief genug gesunken, um zu merken, dass mit meiner Lebenseinstellung grundsätzlich etwas falsch lief.

Ich beichtete meiner Frau Miriam – die so herrlich nach Vanille roch und mit der ich seit vier Jahren verheiratet war. Ich erhoffte mir Zuspruch, Trost, möglicherweise einen Plan, der uns aus der ganzen Misere rausführen würde. Doch wenn ich vor dem Gespräch schon am Rand des Abgrunds stand, so hat sie mich vollends hineingestoßen.

Ich bekam gleich die Breitseite. Ich sei ein Versager, und mein naiver Wunsch, Mediziner zu werden statt einen internationalen Konzern zu leiten, hinge nur damit zusammen, dass ich zu viele Arztserien geguckt hätte.

Ein Brummton in meinen Ohren schwoll zu einer Art Lärmschutz an.

Miriam warf mir vor, ich könne doch im Grunde kein Blut sehen und mir würde schon schlecht, wenn der Doktor mir eine Spritze setzte. Ich würde nur über meine eigenen Ängste reden, aber sie habe vor, Mutter zu werden, und da meine Spermien ja offensichtlich nicht aktiv genug seien, habe sie sich schon vor einem halben Jahr einen anderen Partner gesucht, mit dem sie im Bett Dinge erlebe, die mit mir undenkbar seien.

Sie brüllte mich an: »Ich will die Scheidung! Und jetzt bring, verdammt nochmal, deinen Scheiß-Betrieb in Ordnung! Du hast ihn ja doch nur runtergewirtschaftet, weil du über meine Affäre genau Bescheid wusstest! Glaub ja nicht, dass ich dir vor dem Scheidungsrichter solche Trauergeschichten abnehme. Du willst dich nur um eine Zahlung drücken! Die Hälfte von dem Laden gehört mir, mein Lieber. Wir haben keinen Ehevertrag. Unsere Ehe ist eine Zugewinngemeinschaft, und die Firma wurde dir übertragen, während wir bereits verheiratet waren.«

Das Rauschen in meinen Ohren wurde immer lauter. Ich sah sogar zum Fenster, weil ich dachte, draußen könnten vielleicht Bauarbeiter diesen Radau verursachen. Ich suchte eine Quelle für den Lärm, doch die lag wohl in mir.

Ich kapierte, dass Miriam sich längst anwaltlichen Rat geholt hatte. Das alles ohne mein Wissen. Ich kam mir vor wie der letzte Idiot, und das war ich vermutlich auch.

Ein Gläubiger stellte Konkursantrag, und als ich zum Rechtsanwalt ging, eröffnete der mir die Perspektive, ich habe mich einer verspäteten Konkursanmeldung schuldig gemacht beziehungsweise einer Konkursverschleppung. Ich war ein Schuldner, und ich war schuldig. Meine Ehe war im Arsch, und ich kapierte endlich, dass es so nicht weiterging. Ich musste mich von meinen Eltern lösen, und ich durfte mir nie wieder Frauen aussuchen, die so waren wie meine Mutter. Denn genau das hatte ich getan. Miriam war wie meine Ma. Berechnend. Kalt. Spießig und manipulativ.

Ich wollte wieder die Handlungsführung in meinem eigenen Leben zurück, sofern ich sie jemals gehabt hatte …

Es fiel mir nicht schwer, die alte Existenz zu verlassen. Nichts hielt mich.

Ich stellte fest, dass ich keine wirklichen emotionalen Bindungen besaß, außer vielleicht zu ein paar Trainingsfreunden im Judo-Verein, deren Nachnamen ich nicht mal wusste.

Schwer fiel es mir, mich von meinen Büchern zu trennen. Ich konnte ja schlecht einen Umzugswagen bestellen und meine Buchregale abräumen. Ich begriff, dass ich zu meinen Büchern eine tiefere Bindung hatte als zu den Menschen.

Wenn ich las, dann waren mir die Protagonisten der Romane nah. Es war wie ein Gespräch mit dem Schriftsteller über seine Figuren. Manchmal, als würden die Figuren selbst zu mir reden. Vielleicht war ich deswegen im Leben eher mundfaul. Die meisten Romane sagten mir mehr als Menschen.

Trotzdem ließ ich sie alle in der verhassten Enge meines alten Lebens zurück. Selbst den aktuellen Psychothriller, in dem ich mich gerade festgelesen hatte. Ich musste alle Spuren verwischen und ihnen die Chance nehmen, mich jemals wiederzufinden. Vermutlich war meine sogenannte Familie sogar froh, mich los zu sein.

Mein Vater hatte dem Euro nie getraut und immer prophezeit, die Währung würde irgendwann gegen die Wand fahren. Deswegen hatte er direkt nach Einführung des Euros Goldmünzen gekauft, meistens Krügerrand, aber auch American Eagle, kanadische Maple Leaf und australische Nugget, die er »Kanguruh« nannte. Das ganze Zeug war vielleicht hundertfünfzig-, hundertsechzigtausend wert und leicht zu transportieren.

Ich kannte sein Versteck gut. Nein, kein Bankschließfach. In seinem Getränkeschrank konnte man hinter den Whiskyflaschen die Glasscheibe herausnehmen. Er glaubte, da sei sein Geld sicher vor Bankenkrisen und auch vor Einbrechern. Ich wette, in seinem Zustand wusste er nicht mal mehr, dass er Goldmünzen besaß.

Ich nahm sie an mich plus 364 Euro in bar und verschwand nur mit den Klamotten, die ich am Körper trug. Ich nahm keine Zahnbürste mit, keine Unterwäsche, keinen von diesen dämlichen, gestreiften Pyjamas, die ich jedes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekam – nicht einmal meine Lieblingsschuhe. Ich warf mein Handy in die Regnitz und stieg am Bahnhof in einen Zug. Egal, wohin. Hauptsache, weg. Erst mal bis Würzburg und dann nur noch Richtung Norden.

Meine Eltern und meine Frau würden auch in Zukunft jeden Urlaub im Süden verbringen. Meine Eltern in Österreich, Tirol, sie brauchten auf jeden Fall die Berge. Meine Frau am Mittelmeer oder am Atlantik. Der Norden war ihnen zu rau, zu kalt, zu flach. Was gab es also Verlockenderes für mich als Norddeutschland?

Ich lief durch den Zug wie ein Marathonläufer, der sein Training nachholen muss. Ich konnte überhaupt nichts mit mir anfangen. Ich musste mich beherrschen, sonst hätte ich mich besinnungslos besoffen. Ich fragte mich, wer ich überhaupt war. Was ich wollte vom Leben und was ich noch zu erwarten hatte. Es gab auch eine Stimme in mir, die verlangte, ich solle mich umbringen …

Es sah aus, als sei ich mit ganz tollen Karten auf die Welt gekommen: Gesund, begabt, von den Eltern gefördert, später mal Erbe eines funktionierenden Unternehmens. Wir hatten ein Ferienhäuschen an der italienischen Adria, südlich von Rimini, und eins in Südtirol, am Stadtrand von Meran mit Blick auf die Weinberge.

Meine Eltern liebten die Wärme, aber ich hatte meine Kindheit in Eiseskälte verbracht. Gefühlskälte.

Das alles wurde mir bewusst, und ich sah es plötzlich mit erschreckender Klarheit. Es tat weh, und ich hatte Lust, mich zu besaufen, tat es aber nicht.

Ich fuhr bis Bremen. Manchmal hatte ich das Gefühl, neben mir zu stehen. Aber ich wollte weiter. Weiter. Hauptsache weg.

Ich stieg in einen Regionalexpress ein. Keine Ahnung, wohin. Ich wollte das Meer sehen und mich vielleicht darin ertränken. Ja, das war eine durchaus verlockende Vorstellung. Über kurz oder lang würde man mich finden. Mich verantwortlich machen. Mich verspotten. Vermutlich wartete das Gefängnis auf mich, wegen Konkursverschleppung.

Das Dröhnen in meinem Kopf übertönte jedes Zuggeräusch.

Ich fürchtete, taub zu werden.

Was für ein Scheiß-Leben hatte ich mir da aufzwingen lassen? Diese quälenden Abende mit Geschäftsfreunden. Oder, noch schlimmer, im Kreise der Familie vor dem Flachbildschirm gemeinsam einen dieser schwachsinnigen Filme gucken! Belanglose Dialoge in zauberhafter Landschaft. Dazu Chips und Rotwein.

Am schlimmsten war es, wenn meine Mutter mal wieder ein neues Gericht ausprobiert hatte und wir als ihre Testesser den zu gepanschtem Abfall verkochten Mist essen und natürlich loben mussten.

Ein Vitaminmangel oder fehlende Spurenelemente wie Kupfer oder Zink können Geschmacksnerven beeinträchtigen. Ich fürchte, Vitamine hat meine Mutter mehr als genug zu sich genommen, aber Geschmacksnerven kann sie praktisch nicht gehabt haben. Sie roch ständig sauer aus dem Mund. An der Mundhygiene lag es sicherlich nicht. Eher an ihrem übersäuerten Magen.

Im Zug – wir waren kurz vor Oldenburg – gab es plötzlich diese Durchsage: Ob ein Arzt im Zug sei. Es handele sich um einen Notfall.

Da war so ein Prickeln auf meiner Haut zu spüren, und da waren Stiche in meinem Rücken. Meine Wirbelsäule schien zu brennen.

Was ich dann tat, entsprang keiner vorherigen Überlegung. Ich lief zum Schaffner, behauptete, ich sei Arzt, und sah die Erleichterung in seinem angespannten Gesicht.

Er führte mich zwei Abteile weiter zu einer Frau, die ohnmächtig geworden war. Sie hatte sich angezogen wie eine Oma, war aber vermutlich erst Anfang fünfzig. Sie trug eine Menge Goldschmuck. Das Zeug wirkte echt, für meinen Geschmack passte es aber gar nicht zu ihr. Manche Menschen sollten kein Gold tragen, sondern lieber Silber oder bunten Modeschmuck.

Sie roch nach Azeton. Ich nahm an, dass sie dehydriert war.

Ich begann mit einer Herzmassage. Nach einer Weile öffnete sie tatsächlich wieder die Augen und holte hektisch Luft. Ich beruhigte sie und sprach mit ihr.

Ich bat den Schaffner um Wasser und fragte die Dame, ob sie irgendwelche Medikamente nehmen müsse. Sie hatte die Namen vergessen, zeigte aber auf ihre Tasche.

Ich öffnete die Tasche, bat sie derweil, tapfer zu trinken, weil sie vermutlich dringend Wasser brauche.

Sie gab zu, nichts getrunken zu haben, weil es ihr so unangenehm sei, in Zügen auf die Toilette zu gehen, und sie sei seit sechs Stunden unterwegs.

Sechs Stunden nichts getrunken und nichts gegessen und dann wunderte sie sich, dass sie ohnmächtig wurde … Außerdem litt sie an Diabetes und war vermutlich schwer unterzuckert.

Andere Menschen, die die Rettungsaktion beobachtet hatten, lobten mich, sagten, zu so einem freundlichen, guten Doktor würden sie auch gerne gehen, wo ich denn meine Praxis hätte.

Ich lächelte nur verlegen.

Ein Kind bot mir ein Kaugummi an. Ich wäre mir schäbig dabei vorgekommen, wenn ich es abgelehnt hätte.

Ich begleitete die Dame im Zug bis Marienhafe, wo sie ausstieg und am Bahnsteig von ihrer Tochter abgeholt wurde. Sie schrieb mir ihre Adresse auf, wollte sich unbedingt bei mir bedanken und verlangte nach meiner Visitenkarte. Ich suchte in meiner Tasche, tat dann so, als hätte ich in der Eile alles zu Hause vergessen und erfand aus dem Stegreif einen Namen. Bernhard Sommerfeldt. Dr. Bernhard Sommerfeldt.

Meine neue Identität war geboren. Ein Name, mit dem ich mich wohl fühlte.

Ich fuhr noch ein bisschen weiter. Keine Ahnung, wie lange ich noch im Zug saß. Irgendwann war Endstation. Ich stieg aus. Norddeich-Mole.

Ich verließ den Bahnhof und sah aufs Meer. Es war Ebbe.

Das ist typisch für dich, dachte ich. Jetzt stehst du endlich am Meer, und es ist nicht mehr da. Aber nach der Ebbe kommt die Flut.

Hier am Meer, als ich aufs Watt sah, registrierte ich, dass der Lärm in meinem Kopf aufgehört hatte. Wohltuende Stille machte es mir möglich, den Wind zu hören und die Möwen.

Ich ging ein bisschen im Yachthafen spazieren und dann auf der Deichkrone. Ich kam im wahrsten Sinne des Wortes innerlich zur Ruhe.

Ich beschloss, mich hier breitzumachen. Dies hier sollte meine neue Heimat werden. Und ich wollte nicht mehr Johannes Theissen sein, sondern Dr. Bernhard Sommerfeldt.

Das ist jetzt vier Jahre her.

5

Alte Existenz hinter sich lassen und Neuanfang wagen hört sich klasse an, ist aber nichts, das man in der Schule lernt. Zum Glück interessieren die Leute in Ostfriesland sich erst mal überhaupt nicht für Papiere, Lebensberechtigungsscheine, Rechtfertigungsblätter, Zeugnisse oder den ganzen Müll. Hier fragt nicht einmal einer nach dem Ausweis. Die sind Touristen gewöhnt, und davon leben sie. Deshalb nehmen sie jeden Fremden erst einmal gerne auf, solange er genug Bargeld hat, um sich ein Zimmer zu leisten.

Ich mietete mich erst einmal in einer Ferienwohnung im Fischerweg ein, bei dem netten Ehepaar Manfred und Ulli Kern. Ich gab mich – sofern ich gefragt wurde – als Arzt aus, der sich hier niederlassen möchte, und niemand verlangte irgendeinen Beweis von mir.

Das Haus in der Norddeicher Straße wurde mir von einem Makler angeboten. Inzwischen hatte ich meine neue Identität dank Internet prächtig aufgebaut und mich auch mit den nötigen Papieren versorgt. Der Tag des Einzugs war der Hammer. Die Nachbarn in meiner Straße bekränzten meine Tür mit Tannen und von den Frauen selbst gebastelten Papierblumen. Dann hängten sie ein großes Willkommensschild auf, und alle Nachbarn unterschrieben. Nun ja, vielleicht nicht alle, aber insgesamt vierzehn.

Inzwischen weiß ich genügend über ostfriesische Bräuche. Man muss die Nachbarn zum Abkränzen einladen. Genau das tat ich. So wird man in die ostfriesische Gesellschaft aufgenommen. Dazu braucht es viel Bier und klaren Schnaps. Für die Damen darf es auch mal ein Sanddorn- oder ein Eierlikörchen sein.

Die bauen alles, was sie vorher aufgebaut haben, auch brav wieder ab und entsorgen es. Ich bekam von jedem einen guten Tipp zu den passenden Restaurants, den richtigen Handwerkern, wo man tunlichst nicht einkauft und wo es das beste Fleisch gibt. Es war alles viel, viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte. Sie reichten mir echt die Hand, waren überhaupt nicht stur, sondern weltoffen, ja offenherzig. Aber ich war unfähig zu echten, neuen Kontakten oder zu Freundschaften.

Gerade erst hatte ich mich von allem getrennt, wovon ich glaubte, es sei mir etwas wert gewesen. Da war jetzt in mir so etwas wie ein Loch. Ich wollte es nicht gleich mit Neuem füllen. Ich war misstrauisch den Menschen und der Welt gegenüber. Und es war mir scheißegal, ob das ungerecht war oder nicht.

Ich baute mir als Erstes eine neue Bibliothek auf, um meine besten Freunde, die Bücher, wieder um mich zu haben. Ich mag an den Wänden keine Tapeten, ich will da Buchrücken sehen. Fernsehen gehört für mich zu den blödesten Beschäftigungen. Zeitvergeudung. Meine Eltern haben noch geglaubt, das Fernsehen könne die Buchkultur zerstören, nur weil die Menschen keine Zeit mehr zum Lesen hätten. Darüber jammerten sie oft, meinten aber eigentlich nur sich selbst, denn sie verbrachten jeden Tag ein paar Stunden vor der Flimmerkiste.

Mir dagegen erscheint das Fernsehen nicht als neumodische Konkurrenz zum Buch, sondern eher als altbacken, überholt und manchmal, wenn ich irgendwo zu Besuch bin und nicht drum herumkomme, mir etwas anzuschauen, geradezu verblödet.

Die ersten Wochen verbrachte ich damit, meine Bibliothek aufzubauen und mich darin zu verkriechen. Mit der ostfriesischen Art, Tee zuzubereiten, kann ich durchaus etwas anfangen. Ich mag es, das Geräusch zu hören, wenn der Kandis in der kleinen Tasse zerkracht. Ich schaue gerne zu, wenn die Sahnespritzer sich in Wölkchen auflösen, und ich gebe die Sahne gegen den Uhrzeigersinn dazu, um die Zeit anzuhalten. Solche Symbole gefallen mir. Normalerweise nehme ich kaum Zucker zu mir, aber in den Tee gehört ein großes Stück Kandis. Wenn dann die Bibliothek so herrlich nach Schwarztee duftet, sitze ich in meinem großen Ohrensessel und versinke in meinen Romanen, oder ich schreibe selbst …

Ich habe den kompletten Simenon. Nicht nur alle Maigrets, sondern auch seine Tagebücher: Als ich alt war. Seine biographischen Schriften und die Nicht-Maigret-Romane schenken mir großartige Stunden. Er hatte eine enorme Kenntnis der menschlichen Seele. Wenn ich Simenon lese, verstehe ich eine ganze Epoche.

Bücher stellen mir auch Fragen. Loten mit mir Abgründe der menschlichen Seele aus. Bei lebenden Gesprächspartnern ist mir das im Moment sehr unangenehm. Ich bin ein Mann ohne Geschichte. Ich muss sie mir neu erfinden.

Irgendwie ist das auch toll. Jetzt kann ich mir mein Leben selbst erfinden. Kann es so gestalten, wie ich es gerne gehabt hätte, aber wie es leider nicht war. Ich kann meine Biographie umlügen und zu einem durchsetzungsfähigen Sunnyboy werden. Ich kann meine Eltern früh sterben und mich selbst in Heimen groß werden lassen.

Noch habe ich mich nicht entschieden. Ich brauche zunächst einmal Zeit für mich ganz alleine.

Ich habe Sigmund Freud im Original gelesen. Nicht, was über ihn geschrieben wurde, sondern die Texte, die er selbst verfasst hat. Durch ihn wurde ich auf Shakespeare aufmerksam. Ohne Shakespeare und Ibsen hätte es vermutlich die ganze Psychoanalyse nicht gegeben.

Freud schreibt immer wieder über Theaterfiguren oder literarische Figuren, als seien sie lebende Menschen mit Problemen. Offensichtlich vertraute er dem Blick des Dichters in die menschliche Seele.

Bei ihm stieß ich auf Shakespeares Theaterstück Richard III. Ich konnte es nicht im englischen Original lesen. Das war mir zu öde. Aber die zweisprachige Ausgabe bei dtv gefiel mir. Frank Günther hatte den Text ins Deutsche übertragen. Beim Lesen erst wurde mir klar, dass ich die Verfilmung mit Laurence Olivier als Richard gesehen hatte, und damals hatte ich zu ihm gehalten: dem Bösewicht.

Ich wette, Schiller hätte ohne diese Vorlage niemals Franz Moor in seinem Stück »Die Räuber« erschaffen. Irgendwie war Shakespeare der Ursprung.

Damals schon, im Kino, wollte ich die ganze Zeit Richard sein, der, weil er glaubte, hässlich zu sein, sich entschloss, böse zu werden, um seine Ziele zu erreichen.

Hässlich war ich nicht. Doch das Leben hatte mir nicht gerade die besten Karten gegeben. Ich hatte sie nicht akzeptiert, sondern ein neues Spiel verlangt. Und jetzt zocke ich mit einem viel besseren Blatt …

Es erfüllt mich, durch die Buchhandlungen zu flanieren. Ich umkreise die Tische mit den Neuerscheinungen. Ich kann nicht anders. Ich muss Bücher in die Hand nehmen. Manche kaufe ich nur, weil sie sich so schön anfühlen. Bei anderen ist es ein Satz, der mich anspricht, wenn ich darin blättere.

Nicht allen Buchhändlern gefällt es, wenn jemand sich für ihre Waren so sehr interessiert, alles anfasst, unter Umständen auch wieder verwirft und zurückstellt. Aber die, die mich gewähren lassen, machen ein gutes Geschäft. Nur selten verlasse ich eine Buchhandlung mit weniger als fünf bis sechs gekauften Titeln.

Dieses Entdecken ist so toll. Die Zufälligkeit der Begegnung. Damit nicht am Ende ein Buchhändler durch seine Titelauswahl und -präsentation für mich entscheidet, besuche ich immer mehrere Buchhandlungen. Ich fühle mich dann frei und leicht. Ich gehe nicht zielgerichtet los, um ein bestimmtes Exemplar zu kaufen, ich bin offen für das, was geschieht, und ich habe Zeit. Danach sitze ich mit den gekauften Exemplaren irgendwo in der Nähe. Meist nachmittags mit einem Stück Kuchen, oft auch bei einem Kännchen Kaffee, denn nicht alle in Ostfriesland können guten Schwarztee zubereiten. Den mache ich nach einigen Enttäuschungen lieber selbst zu Hause. Manchmal wird er mir zu bitter und schlägt auf den Magen.

Ich wollte mich von neuen Freunden und speziell vom weiblichen Geschlecht erst einmal fernhalten. Wenn mich bestimmte Bedürfnisse überkamen, so ließ sich das auch anders regeln. Ich war ja nicht auf der Suche nach Liebe, sondern nach ein bisschen sexueller Entspannung, und die kann man kaufen.

Ich fuhr dafür nie weit, nach Bremen, Leer, Oldenburg oder Emden. Ein paarmal war es richtig gut mit Frauen, die zumindest so taten, als ob sie Spaß daran hätten. Ich vermute, sie wollten mich als Stammkunden gewinnen und gaben sich deswegen besonders viel Mühe. Einige waren zärtlich, so wie man sich eine Geliebte vorstellt, und da ich immer großzügig war, nahmen sie sich viel Zeit. Ich bin kein Typ für die schnellen Rein-raus-Nummern.

Aber trotzdem war ich danach immer merkwürdig traurig. Einmal war mir sogar richtig zum Heulen zumute. Ich fuhr im Auto schneller als erlaubt, wurde auf dem Rückweg gleich zweimal geblitzt – dabei hatte ich eigentlich vor, ein unauffälliges Leben zu führen, möglichst ohne Kontakt zur Justiz.

Ich musste an den Deich, ganz nahe ans Meer. Ich ließ mir vom Wind die Tränen trocknen.

Und da begriff ich, dass ich einsam war. Verdammt einsam, denn ich hatte niemanden, dem ich meine Geschichte erzählen konnte.

Als ich ein Junge war, mitten in der Pubertät, da schrieb ich Gedichte und plante, später Schriftsteller zu werden. Große Romane wollte ich verfassen, die ganze Welt in ihnen beschreiben, möglicherweise sogar erklären. Ich notierte mir schon mit vierzehn Jahren Eindrücke und Ideen, die ich später einmal verarbeiten wollte. Ich hatte so viele Träume … Aber dann kam das Leben, und der Alltag zertrampelt Träume gerne.

Ich begann wieder zu schreiben. Es war ein Anknüpfen an meine Jugend, als ich noch Träume hatte, und die Sehnsucht nach einem leidenschaftlichen, abenteuerlichen Leben in mir brannte. Genau das wollte ich mir zurückerobern, dieses Gefühl, dass alles möglich ist und ich Welten vor mir habe, die ich erobern werde. Außerdem konnte ich mit niemandem über meine Vergangenheit reden. Und ich hatte Angst, sie zu verlieren. Irgendwann nicht mehr zu wissen, wer man selber ist, das stelle ich mir schrecklich vor. Wie eine vorzeitige Demenz. Ich versuchte alles aufzuschreiben, aufzuhalten, mir selbst zu erklären. Ich machte Notizen, unsortiert, nur für mich. Ich erzählte ganze Romankapitel. Und dann musste ich irgendwohin mit diesem Zeug, es war ja verräterisch.

Ich hatte eine Putzfrau, der ich den doppelten Stundenlohn zahlte. Sie war so respektvoll, dass sie nicht einmal staubsaugte, wenn ich in einem Buch las. Trotzdem traute ich ihr nicht. Ich konnte niemandem trauen. Ich schrieb, was ich mir selbst zu sagen hatte, in Kladden auf kariertes Papier, und alle paar Wochen ging ich in die Sparkasse Aurich-Norden, wo ich ein Schließfach habe. Darin bewahre ich meine Goldmünzen und meine Schreibhefte auf. Dort lagert mein Fluchtgeld neben meinen tiefsten intimen Geständnissen.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, meine Worte als gedrucktes Buch in der Hand zu halten. Es kribbelt dann auf der Haut. Es fühlt sich gut an. Wie leidenschaftlicher Sex, damals, als ich noch bei jedem Mädchen, das mich küsste, dachte, die große Liebe meines Lebens gefunden zu haben.

Der Dichter Wolf Wondratschek hat seinen neuen Roman, statt ihn an einen Verlag zu verkaufen, einem privaten Mäzen überlassen. Nur er darf ihn lesen. Angeblich hat der Mäzen dafür eine enorme Summe bezahlt.

Wäre das auch etwas für mich? Wer könnte, sollte oder dürfte mein Buch lesen? Vielleicht reicht es einem Schriftsteller, einen einzigen Leser zu haben. Einen, außer sich selbst.

Wondratschek hat öfter solche Sachen gemacht. Ich erinnere mich an eine Geschichte, da hat er einen Gedichtband über eine Geliebte an Bernd Eichinger, den großen Filmproduzenten, verkauft.

Es kommt nicht auf Millionenauflagen an.

Das Schreiben selbst ist das Eigentliche, worum es geht.

Die Welt in Worte fassen … Und dabei auf einen hoffen, der liest und sich davon berühren lässt …

Jeden Zettel beschreiben wie eine Flaschenpost.

Worte für einen unbekannten Finder – oder um an Riffen zu zerschellen und ungelesen im Meeresboden zu versinken.

6

Ich stand im Lesezeichen Hasbargen in Norden in der Osterstraße am Regionalkrimitisch. Ich hatte bereits drei Romane, die ich erwerben wollte, unterm Arm und blätterte in einem vierten. Ein neuer Roman von Peter Gerdes mit seinem knorzigen Kommissar Stahnke. Wenn man diese Romane liest, lernt man die Gegend besonders gut kennen.

Und dann sah ich sie und war sofort schockverliebt. Sie umflatterte die Büchertische wie ein bunter Vogel. Das Wort Kolibri schoss mir durch den Kopf, obwohl sie überhaupt nicht klein war, aber flink, als würde sie die Buchstaben schneller erfassen als andere Menschen. Als könne sie den Inhalt eines Buches in sich aufsaugen, indem sie nur wenige Sekunden darin blätterte, sich ein –, zweimal festlas – und schon wusste sie Bescheid. Hatte sie ein fotografisches Gedächtnis? Nein, ich habe mich nicht in ihre wundervollen Beine verliebt, nicht in ihren knackigen Arsch, ich hätte nicht gewusst, ob er apfel- oder birnenförmig ist. Nein, mich faszinierte die Art, wie sie die Romane berührte. Als würde sie die Bücher wirklich mit den Fingern begreifen. Hatte sie in ihren Fingerkuppen Sensoren, die andere Menschen nicht kannten? Zumindest hatte sie ein ebensolches erotisches Verhältnis zu Büchern wie ich.

Das war die Frau meines Lebens! Ich wusste es sofort.

Es war ein brennendes Gefühl. Drängend und befreiend zugleich.

Ich hoffte, dass sie noch solo war. Vielleicht hatte irgendein Idiot sie gerade verlassen und schrecklich verletzt. Aber selbst, wenn nicht: Sie war für mich geschaffen worden. Danke, Universum, dass du sie mir geschickt hast, dachte ich, ich nehme das Geschenk liebend gerne an.

Ich suchte ein Gespräch mit ihr anzufangen. Über Bücher, über was denn sonst?!

Sie lief mit einem Monika-Feth-Roman direkt zur Kasse. Monika-Feth-Thriller waren im Grunde Jugendbücher. Ich hatte auch zwei gelesen. Spannend – aber für Kids. War sie im Herzen vierzehn oder fünfzehn? Ein Mädchen im Körper einer erwachsenen Frau?

Sie wurde für mich immer mysteriöser und interessanter. Ich wollte einfach hinter ihr her, doch im Buchladen wurde ich aufgehalten. Schließlich hatte ich noch drei Romane unterm Arm und einen in der Hand und noch keinen bezahlt. Ich erledigte das so schnell wie möglich und beeilte mich, den Laden zu verlassen.

Auf der Osterstraße sah ich sie nicht mehr. Ich lief zunächst zur Schwanenapotheke, sah nach links und rechts. Auf dem Marktplatz konnte ich sie nicht entdecken. Dann lief ich in die andere Richtung, bis ich in den Neuen Weg schauen konnte. Keine Spur von ihr.

Ich schlenderte unschlüssig herum, und als ich die Hoffnung aufgegeben hatte, sie noch zu finden, setzte ich mich ins Café ten Cate, um mich bei einem Ostfriesentee – denn dort ist er hervorragend – und einem Stückchen Baumkuchen meiner neuen Kriminalromane zu erfreuen.

Ich wollte mich gerade setzen, da entdeckte ich sie hinten in der Ecke an der Tür zur Küche, wo ein kleiner Setzkasten die alte Bäckerei von früher zeigt. Sie hatte sich dorthin zurückgezogen, um zu lesen.

Sie ist wie ich, dachte ich. Sie ist meine weibliche Ausgabe. Aber ich konnte mich schlecht zu ihr in die Ecke quetschen und ihr das gestehen.

Ich veränderte meinen Platz noch einmal und wählte einen am Fenster, so dass ich sie von dort aus sehen konnte.

Ich bestellte mir eine Kanne Tee und den Baumkuchen und blätterte in meinem ersten Roman, doch ich konnte mich nicht darauf konzentrieren. Immer wieder sah ich zu ihr hin, versuchte sie zu verstehen, malte mir Situationen mit ihr aus.

Warum war sie hier? Warum las sie nicht zu Hause? War sie auch vor irgendetwas oder irgendjemand auf der Flucht, so wie ich?

Wenn sie kleine Kinder hätte, so dachte ich, würde sie hier nicht so ruhig sitzen, sondern wäre viel mehr auf Trab, würde ständig auf ihr Handy gucken. Sie saß aber sehr ruhig da, ganz vertieft in ihren Roman. Sie aß Apfelkuchen mit Sahne. Sie war schlank und hatte es nicht nötig, auf die Linie zu achten. Ihre Haare waren vom Wind strubbelig, sie fuhr ein paarmal mit der Hand hinein, als müsse sie überprüfen, ob die Haare noch da waren. Die Windfrisur gab ihr etwas Wildes und sagte gleichzeitig: Diese Frau gehört genau an diesen Ort. Ans Meer.

Ich musste sie ansprechen. Auf ihrem T-Shirt war ein Schattenriss der Insel Wangerooge. Wie ein auf die Nase gefallenes Seepferdchen. Man musste die Insel schon sehr gut von oben kennen, um das herauszufinden.

War es ein Signal? Konnte ich sie auf ihre Liebe zu Wangerooge ansprechen? Oder sah ich dann aus wie einer, der die ganze Zeit nur auf ihre Brust gestarrt hatte? Ich wollte auf keinen Fall irgendwie blöde oder sexistisch rüberkommen.

Jetzt sah ich den Aufdruck auf ihrer Jutetasche: Niveau ist keine Hautcreme.

Mein Gott, ich war so nervös … Meine Handflächen wurden ganz feucht. Ich hatte das Gefühl, auch unter den Armen zu schwitzen. Mein Gesicht wurde heiß.

Ich kam mir vor wie mit fünfzehn. Nein, wahrscheinlich bin ich damals viel cooler gewesen.

Ich bestellte mir Mineralwasser. Ich brauchte etwas Kühles. Am liebsten hätte ich mir mit meinem Buch Luft zugefächelt, aber das wirkt so überkandidelt. Ich wollte auch nicht aufgeregt oder überspannt erscheinen, aber verdammt, genau so war ich gerade.

Nein, ich war nicht einfach scharf auf diese Frau. Es war etwas anderes. So, als sei ich meinem weiblichen Gegenstück begegnet. Wir gehörten einfach zusammen.

Ich hielt mir das kalte Mineralwasserglas gegen die Stirn. Das tat gut. Diese Hitze in meinem Körper war einfach unangenehm.

Die Tür zum Café öffnete sich, und ein Windzug erfrischte mich. Vielleicht war das auch ein Grund, warum ich mich in Ostfriesland und speziell in Deichnähe so wohl fühlte. Ich brauchte diesen Wind. Er kühlte die Hitze meines Körpers runter und pustete meine Gedanken frei.

Der Wind am Deich durchlüftete meine miesen Gefühle. Es war, als würde er mich durch die Kleidung hindurch streicheln. Oft ging ich, nur mit Jeans und Hemd bekleidet, auf der Deichkrone spazieren. Ich setzte meinen Körper bewusst dieser Naturgewalt aus. Auch im Regen. Ohne Mütze und ohne Windjacke. Mit ausgebreiteten Armen stand ich gern gegen den Wind, während seine unsichtbaren Zungen mir die Feuchtigkeit von der Haut leckten. Das war viel besser, als morgens zu duschen.

Aber ich war jetzt nicht am Deich. Ich saß schwitzend im Café ten Cate und glotzte diese zauberhafte Frau an, die den Monika-Feth-Roman las.

Der kurze Luftzug hatte gutgetan, aber der Typ, der hereingekommen war, gefiel mir überhaupt nicht. Er machte einen sportlichen Eindruck, hatte einen teuren, asymmetrischen Haarschnitt und trug gute, braune Lederschuhe, aber ohne Socken. Die Schuhe waren teuer, hatten aber schon lange keine Schuhcreme mehr gesehen.

Nein, er hatte keine Sneakersocken an. Seine rechte Hacke schlappte beim Gehen aus dem Schuh. Sie war nackt.

Warum, fragte ich mich, trägt so ein Sunnyboy teure Schuhe, die ihm zu groß sind, ohne Socken?

Ein eingebildeter Pinkel. Ein kleiner Gernegroß.

Oh, meinetwegen bist du gebunden, meine Schöne. Das macht nichts. Was bedeutet das schon? Natürlich bleibt eine Frau wie du nicht lange allein. Zu viele Männer machst du verrückt, ohne es zu ahnen. Und natürlich willst du auch deinen Kopf mal anlehnen, sehnst dich nach Zärtlichkeit und Geborgenheit. Aber der muss es doch nun wirklich nicht sein! Wie konntest du so unter dein Niveau gehen? Guck mal auf deine Jutetasche! Eine Frau wie du fällt doch nicht auf so einen Blender rein!

Es war, als würde ich das nicht denken, sondern zu ihr sprechen, ohne den Mund zu bewegen. Als hätten wir eine emotionale Standleitung zueinander.

Sie konnte mich, so glaubte ich, wahrnehmen. Meine Gedanken erfassen.

Sie schielte einmal kurz zu mir rüber, als diese Don-Johnson-Imitation sich zu ihr bückte und ihr einen Kuss gab. War es ihr peinlich? Sah sie deshalb zu mir? Wollte sie sich davon überzeugen, ob ich das mitgekriegt hatte? Fürchtete sie meine Eifersucht, noch bevor wir uns einander vorgestellt hatten?

Sosehr ich sie bereits liebte, so sehr hasste ich ihn, vor allem für die Tatsache, dass er sich über den Tisch beugte, sich so wichtig nahm, um sie beim Lesen zu stören. Er redete auf sie ein. Ein Hektiker auch noch, vermutlich jähzornig.

Freudig nahm ich zur Kenntnis, dass es zwischen ihnen Konflikte gab. Er wollte offensichtlich irgendwohin mit ihr, stand unter Zeitdruck. Sie hätte lieber noch die Atmosphäre dieses Cafés genossen, vielleicht gar meine Anwesenheit …

Sie legte einen Autoschlüssel auf den Tisch und reckte sich. Er nahm den Schlüssel. Er hatte sich zum Glück immer noch nicht gesetzt.

Komm. Du hast den Schlüssel. Jetzt hau ab. Alter! Du bekommst den Wagen. Kannst ihn behalten. Ich nehm die Frau.

Aber er war noch nicht zufrieden, gestikulierte herum. Andere Gäste wurden schon aufmerksam.