Totentanz am Strand - Klaus-Peter Wolf - E-Book
Beschreibung

Der gefährlichste Mann der Republik heißt Dr.Bernhard Sommerfeldt. Er ist aus Ostfriesland geflohen. Aber Ostfriesland hat auch sie: Ann Kathrin Klaasen, die beste Zielfahnderin in ganz Deutschland. Sie heftet sich an seine Fersen. Lesen Sie jetzt nach „Totenstille im Watt“ den zweiten Band der neuen Serie von Nummer 1-Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf. „Das ganze Leben ist ein Spiel. Man muss nicht in ein Casino gehen, um daran teilzunehmen. Ich spiele volles Risiko, mit höchstem Einsatz. Aber was kann ich gewinnen? Die Freiheit? Meine Beate? Bekomme ich dann mein altes Leben zurück? Alles würde ich dafür tun! Ja, ich habe Heimweh nach Ostfriesland. Ich möchte mein Leben als Dr. Bernhard Sommerfeldt zurück, zusammen mit meiner Beate. Am liebsten würde ich meine Praxis wieder eröffnen. Menschen behandeln. Den neuen Lover von Beate entsorgen. Am Meer spazieren gehen, der Nordsee lauschen und mich dem Wind aussetzen. Aber dort, wo ich mich am wohlsten fühle, dort, wo ich jetzt am liebsten wäre, ist auch die Gefahr am größten, verhaftet und von Ann Kathrin Klaasen einkassiert zu werden. Und doch: Ich bin ein Mann mit Prinzipien. Es stehen noch einige auf meiner Liste…“

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EPUB

Seitenzahl:478


Klaus-Peter Wolf

Totentanz am Strand

Sommerfeldt kehrt zurück

FISCHER E-Books

Inhalt

1234567891011121314151617181920212223242526272829303132333435363738Leseprobe zu Band 3Seit mich Kommissarin Ann [...]

1

Im Ruhrgebiet unterzutauchen ist ganz einfach. Im Grunde ist das eine einzige Stadt mit zig Millionen Einwohnern. Von wegen Kohlenpott! Hier ist es grün. Die alten Zechen sind Museen geworden oder Industrieruinen.

Hier leben viele, die verlorengegangen sind. Gestrandete. Vergessene. Gestrauchelte. Geflohene.

Wo es viele Entwurzelte gibt, da gedeiht der Wildwuchs besonders prächtig. Literatur und Kunst. Vielleicht wird das Ruhrgebiet einst das sein, was Paris in den Zwanzigern war. Ich spüre diese unbefriedigte Gier nach Freiheit und Glück. Sie kriecht aus den Gullys und frisst sich durch die Häuserschluchten.

Die Gier ist wie ein Monster. Es sucht seine Chance. Es durchstreift die Stadt nach Nahrung.

Hier muss man nicht mal die Sprache sprechen, um dazuzugehören. Wohnraum ist vielerorts billig. Es gibt Stadtteile, da traut sich die Polizei nur noch unter Polizeischutz rein. Schrottimmobilien. Eigentlich unbewohnbar und doch vollgestopft mit Menschen.

Ich will aber nicht in den sogenannten rechtsfreien Räumen untertauchen.

No-go-Areas wird der Staat nicht lange akzeptieren, dann räumen die da auf, und dabei könnte ich zwischen die Räder geraten.

Das Revier ist ein wunderbarer Ort für gescheiterte Künstler. Für Schriftsteller, die nicht gedruckt, und Maler, die nicht ausgestellt werden. Oder für Schauspieler ohne Engagement. Hier kann sogar ich mich als Schriftsteller niederlassen.

Viele Menschen sind hier »eigentlich«.

Der Taxifahrer ist eigentlich Bildhauer.

Der Junge hinterm Dönerstand, der so klasse Locken hat, wäre eigentlich Staatspräsident in Kurdistan. Ja, wenn die Kurden denn einen eigenen Staat hätten …

Die Frau im Büdchen an der Ecke macht Sprachübungen mit dem kleinen Hey. Sie wäre eigentlich ein Popstar, wenn sie nicht so lispeln würde.

Hier wohnen zukünftige Nobelpreisträger und bekommen Hartz IV. Hier weiß jeder, dass wir eine gute Fußballmannschaft haben, aber eine verdammt bräsige Regierung. Die verwalten das Elend nur. Davon lässt man sich aber weder in Dortmund noch in Bochum, Bottrop oder Gelsenkirchen die Stimmung verderben.

Hier akzeptiert auch jeder den in sich gekehrten Schriftsteller, für den sich kein Verlag interessiert, der aber später ganz bestimmt einmal sehr berühmt werden wird, weil er fleißig in Cafés und Kneipen sitzt und schreibt. Geld hat hier eh keiner. Warum auch? Ist ja doch nur bedrucktes Papier.

Hier ist der ideale Rückzugsort für mich. Meine neue Operationsbasis.

Im Weißen Riesen, einem Hochhaus an der Overwegstraße in Gelsenkirchen, wurde eine Wohnung frei. Für mich ein wunderbarer Ort.

Ich habe einen weiten Blick über die Stadt und bin in Spuckweite von Theater, Volkshochschule und Stadtbibliothek.

Im Musiktheater im Revier schaue ich mir alles an, egal, ob Die Fledermaus oder The Rocky Horror Picture Show. Und ich muss nicht alle Bücher im eigenen Regal haben. Der Bestand der Stadtbibliothek reicht mir völlig aus.

In der Volkshochschule treten manchmal ganz interessante Schriftsteller auf. Theater, Autoren, eine Bibliothek, dazu jede Menge Kneipen … Preiswert und gut essen kann man an vielen Orten. Wenn aus diesem Multikultisumpf irgendetwas Gutes entsteht, dann ein reichhaltiges Speisenangebot.

Ich habe hier alles, was ich brauche. Nein, das stimmt nicht. Ich vermisse die Nordsee. Den Wind in Ostfriesland. Den Wechsel der Gezeiten. Ebbe und Flut.

Und vor allen Dingen meine Beate.

2

Sie rechnen mir nicht alle Morde zu. Nur sechs. Da erkennen sie ein klares Tatmuster. Stich ins Herz mit einem Einhandmesser, geschwärzte 440er Stahlklinge.

Sie haben nicht herausgefunden, warum ich es getan habe. Oder sie spielen bewusst die Unwissenden.

Die Aufregung in der Presse hat sich längst gelegt.

Am Anfang nannten sie mich den Schlitzer oder den Chirurgen. Später nur noch Dr. Sommerfeldt. Sie sprachen im Fernsehen und Radio meinen Namen aus wie Dr. Frankenstein.

Mit einer Mischung aus Grusel, Unglauben und Grinsen.

Grusel, weil ich so schlimme Dinge getan habe.

Unglauben, weil es unfassbar ist, wie lange ich als falscher Arzt unentdeckt blieb.

Grinsen, weil sie genau wissen, hätte ich nicht nachts Menschen umgebracht, besäße ich heute noch eine gutlaufende Praxis in Norddeich.

Die Nachrichten sind jetzt voll mit anderen Gräueltaten. Amokläufer, die plötzlich zuschlagen, so viele Menschen wie möglich töten oder verletzen und sich selbst richten, beherrschen die Medien.

Verglichen mit diesen von Hass getriebenen Irren, die wahllos töten, bin ich doch ein Pfadfinder. Ich habe nicht nur ein Motiv, nein, ich habe handfeste Gründe, und ich töte sehr gezielt. Niemals einen Unschuldigen.

Es ist gut, dass Gras über die Geschichten wächst. Ich brauche es für mein Selbstbewusstsein nicht, dass mein Foto ständig gedruckt wird. Im Gegenteil. Ich habe kein Interesse daran, auf der Straße erkannt zu werden.

Diese Fahndungsfotos haben allerdings einen Vorteil. Sie prägen die Vorstellung der Menschen von mir. Es war dann ganz leicht für mich, einen völlig anderen Typ aus mir zu machen. Ich weiß ja, was die Leute erwarten. Ich versuche natürlich, diesen Vorstellungen genau nicht zu entsprechen.

Ich sehe jetzt aus wie der flämische Maler van Dyck, mit Spitzbärtchen und schulterlangen Haaren.

Ich bin noch jung. Ich habe noch gut das halbe Leben vor mir. Ich muss aus den Geschehnissen lernen. Ich will einen Neuanfang, und ich will nicht noch einmal so grauenhaft scheitern.

Ich habe Männer getötet, aber Frauen sind meine schwache Stelle. Ihnen kann ich nichts tun. Frauen gegenüber bin ich merkwürdig hilflos, ja, willenlos. Männer räume ich aus dem Weg, wenn sie mir auf den Keks gehen. Frauen gegenüber bin ich wehrlos.

Ich weiß, dass ich ein verkorkster Kerl bin, aber wo soll ich mir Hilfe holen?

Andere Männer stehen mit ihren Kumpels an der Theke, erzählen ihnen ihre Sorgen, oder sie sitzen beim Angeln zusammen und reden. Aber ich kann schlecht einer Kneipenbekanntschaft mit meinen Problemen ein Ohr abkauen, wie man hier im Kohlenpott sagt, wo schon lange keine Kohle mehr gefördert wird.

Freunde, denen ich mich wirklich anvertrauen kann, habe ich nicht. Werde ich auch vermutlich nie im Leben wieder bekommen, wenn ich in Freiheit bleiben will.

Neulich träumte ich, Kommissarin Ann Kathrin Klaasen hätte mich bei Kenkenberg an der Theke verhaftet. Es lief ganz unspektakulär ab. Sie kam rein, und ich sagte: »Ach du Scheiße.«

Sie korrigierte mich gleich: »Bei uns heißt das: Moin. Und hier wohl: Tach. Oder: Schön, dich zu sehen.«

Ich fragte brav, ob ich mein Bier noch austrinken dürfe. Sie war gnädig einverstanden.

Ich zog mir den Rest rein, und sie sagte: »Genieß es. Es könnte das letzte Bier in deinem Leben gewesen sein.«

Ich trank aus, knallte mein Glas auf die Theke, nickte der Wirtin zu und ging mit der Kommissarin nach draußen auf die Gildenstraße.

Gegenüber der Kneipe standen zwei Polizeifahrzeuge. In eins stieg ich mit Ann Kathrin Klaasen ein. Sie hat mir im Traum nicht einmal Handschellen angelegt. Der Killer war zum Schoßhündchen mutiert.

Ich sah mich dann sogar im Knast. Erinnerungen aus der Lektüre von Hans Falladas Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst mischten sich in meinem Traum mit meinen Ängsten. Ich wurde zu Willi Kufalt. Der traurigen Fallada-Figur, der es unmöglich gemacht wird, sich wieder in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren. Er ist ausgestoßen. Dreck. Gebrandmarkt. Und so fühle ich mich auch. Die Gesellschaft wird mir nie verzeihen, was ich getan habe. Nie.

Im Gefängnis fühlte ich mich im Traum auf verrückte Weise geborgen. Da alles raus war und ich jede Schandtat gestanden hatte, war ich frei. Konnte mit Mitgefangenen über alles sprechen, konnte schreiben, was ich wollte, ja, es sogar veröffentlichen. Warum sollte ich auch kein Buch über meine Sicht der Dinge herausbringen?

Ist einer wie ich nur noch im Gefängnis frei?

Vielleicht lese ich zu viel Fallada. Jedenfalls nenne ich mich, seit ich in Gelsenkirchen im Weißen Riesen wohne, Dietzen. Rudolf Dietzen. Rufname Rudi.

So hieß Hans Fallada wirklich. Aber wer weiß das schon?

Er hat ein paar Jahre in Gefängnissen, Entziehungskliniken und Psychiatrien verbracht. Er starb morphinsüchtig kurz nach Kriegsende. Er hat seinen literarischen Erfolg nicht genießen können. Erst Gefängnis, dann die Nazis und schließlich der Tod.

Mit seinen Romanen hat er Weltruhm erlangt, und er wird noch heute in vielen Sprachen gelesen. Ich fühle mich ihm tief verbunden. Ein Teil von mir, so spüre ich, ist wie er. Haltlos.

Nein, ich will nicht enden wie er. Ich will mich weder durch Drogen frei fühlen noch im Gefängnis heimisch.

Ich will in Freiheit frei sein, und das ist verdammt schwer …

Um ohne Drogen runterzukommen, habe ich einen Entspannungskurs gebucht. Klappt hervorragend. Autogenes Training.

Mein rechter Arm ist schwer …

Ja, tatsächlich – es funktioniert bei mir. Ich kann geistig durch meinen Körper reisen, kann ihn beeinflussen und Verkrampfungen lösen.

Die Entspannungstherapeutin hat eine sehr warme, beruhigende Stimme. Es tut schon gut, wenn sie nur »Guten Abend« sagt.

Während einer Rückenmassage hat meine Masseurin mir die Gruppe empfohlen. Einmal die Woche entspannt jetzt also der gesuchte Serienkiller auf einer Isomatte in der Volkshochschule. Wenn ich es aufschreibe, ist es zum Grinsen. Wenn ich es lebe, schnöde Wirklichkeit.

Die Entspannungstherapeutin heißt Bärbel. Nachnamen spielen für sie irgendwie keine Rolle.

Sie sieht aus wie Ende zwanzig, ist aber vermutlich Ende dreißig. Sie hat eine Praxis für Gesprächs-, Körper und Gestalttherapie. Sie ist als Therapeutin nicht für Krankenkassen zugelassen. Ihr scheint das irgendwie peinlich zu sein. Sie erwähnt es in jedem Gespräch wie einen Makel.

Mir gefällt das. Ich möchte nicht, dass Berichte über meine Fortschritte irgendwo eingereicht werden. Ich zahle lieber bar.

Heute habe ich meine erste Stunde bei ihr. Aber, verdammt, was soll ich ihr erzählen?

Kann man eine Therapie machen und der Therapeutin die Wahrheit über sich verschweigen?

Es wird ein Spagat werden.

Ich brauche Hilfe, um mit mir selbst besser klarzukommen. Ich muss begreifen, wie ich selbst funktioniere. Wie ich in Fallen tappe und mir selbst ein Bein stelle. Mich abhängig mache.

Ach … ich könnte die Liste endlos fortsetzen.

Ich kann es kaum sortieren, so viel ist es, das mich quält und drückt.

Das Schreiben hilft mir, mich zu verstehen. Ich frage mich: warum habe ich einige Männer umgebracht, weil sie anderen etwas angetan haben, meist ihren Frauen oder Kindern? Und warum habe ich das gesamte Dreckspack, das sich meine Familie nannte und mich von Anfang bis Ende betrogen, gegängelt und beschissen hat, am Leben gelassen?

Nun gut. Diese Frage kann ich meiner Therapeutin schlecht stellen. Ich bin unterwegs zu ihrer Praxis in der Bismarckstraße.

Das Radfahren kann ich nicht lassen. Seit ich in Norddeich meine Praxis hatte, brauche ich das. Es macht mich innerlich locker. Ich baue so Stress ab.

Unterwegs kommen mir Bedenken, und ich würde am liebsten wieder umkehren. Warum tue ich es nicht? Weil ich Angst habe, sie zu kränken oder sie zu enttäuschen? Damit bin ich wohl schon mitten drin in meiner Problematik.

3

Und nun bin ich in Bärbels Praxis. Sie sitzt locker, völlig entspannt, in einem Ohrensessel, der mich an meinen erinnert, den ich in Norddeich zurücklassen musste.

Sie hat lange, glatte schwarze Haare. Vielleicht ein bisschen nachgefärbt. Sie ist garantiert Vegetarierin, wenn sie nicht sogar vegan lebt. Sie macht viel Sport oder zumindest Yoga. Aber ihr fehlt dieser verkniffene Zug um die Lippen, der solchen Menschen sonst manchmal zu eigen ist. Stattdessen wirkt sie auf mich wie jemand, dem es Spaß macht, zu feiern und das Leben zu genießen. Nur eben anders als andere. Undenkbar, dass sie mit einem Kater wach wird.

Sie trägt eine bunte Strickjacke, darunter ein weißes T-Shirt und einen dunklen, knielangen Rock. Sie schlägt die Beine übereinander und lächelt mich an.

Ich habe ihr gegenüber im Sessel Platz genommen. Er ist ganz anders als ihrer, aber auch sehr bequem. Der Sessel ist alt. Bestimmt ein Erbstück. Klobig.

Darauf liegt – vielleicht, um die durchgesessenen Stellen zu verbergen – eine gehäkelte Decke, als hätte jemand viele Topflappen zusammengenäht.

Neben jedem der zwei Sessel steht ein Tischchen aus Kirschholz. Darauf ein Glas und eine Karaffe mit Wasser. In der Karaffe eine Glasphiole, in der bernsteinfarbene Steine liegen. Es sieht schön aus, originell, bunt. Aber ich glaube, es ist keine reine Dekoration, sondern möglicherweise irgendetwas Esoterisches, das das Wasser beeinflussen soll.

Auf meinem Tischchen eine geöffnete Packung Papiertaschentücher. Glaubt sie, dass ich gleich heule, oder was soll das?

Außer den genannten Möbelstücken ist der Raum leer. Die Wände in Sand- und Erdfarben gestrichen. Raufasertapete, vermutlich selbst angepinselt. Zwischen uns kein Schreibtisch, sondern nur ein kleiner, dicker Teppich mit Sonnen drauf, die wie Blumen aussehen.

Alles irgendwie voll die Achtziger, denke ich, aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, auf diesem bequemen Sessel gegrillt zu werden wie eine Rostbratwurst.

»Wie geht es dir?«, fragt sie lächelnd.

In der Entspannungsgruppe haben sich alle von Anfang an geduzt. Überhaupt glaube ich, in Gelsenkirchen siezt man nur Leute, die man nicht leiden kann.

Warum macht mich die Frage, wie es mir geht, so nervös?

»Gut«, lüge ich.

Sie legt den Kopf schräg und schaut mich so an, dass ganz klar wird: Sie glaubt mir nicht.

Bevor Sie mich einer Lüge überführen kann, füge ich hinzu: »Das sagt man so …«

»Wen meinst du mit«, sie malt mit den Fingern Anführungsstriche in die Luft, »m a n?«

»Ja, schon klar. Also, es geht m i r nicht so gut. Sonst wäre ich ja wohl nicht hier.«

Sie lobt mich. »Herzlichen Glückwunsch. Die meisten Menschen leiden still vor sich hin und genieren sich für ihre Probleme. Sie würden sich lieber operieren lassen, als darüber zu reden. Sie nehmen lieber Medikamente, als therapeutische Hilfe zu suchen.«

»Ich nicht.«

Mein Satz lässt sie strahlen. »Also, worum geht es? Wir sollten in einem Erstgespräch die Ziele der Therapie festlegen.«

»Ziele festlegen?«

»Ja. Genau. Ich glaube nicht an diese Fragebogen-Psychologie. Ich rede lieber mit den Menschen. Wo stehst du jetzt? Wo willst du hin?«

Ich merke, dass ich, ganz gegen meine Gewohnheit, mit den Händen ringe und mit den Fingern knacke.

Ich denke an den jungen Mann, der in Norddeich mit einem schlimmen Sonnenbrand in meine Praxis kam. Er trug ein lockeres T-Shirt mit der Aufschrift: Ich brauche keine Therapie, ich muss nur ans Meer.

Ich sage einfach, was mir gerade durch den Kopf schießt, und erzähle von ihm.

Bärbel setzt sich anders hin. »Du wärst jetzt also lieber am Meer, als hier zu sitzen?«

»Ja«, sage ich, »ich glaube schon.«

»Was hindert dich? Warum bist du dann hier und nicht am Meer?«

Weil ich ein paar Leute umgelegt habe und rasch verschwinden musste, um keine gesiebte Luft zu atmen. Ich heiße auch nicht Dietzen, ja, nicht mal Sommerfeldt ist mein richtiger Name. Ich bin jemand, der ich nicht mehr sein will: Johannes Theissen. Und ich bin jemand, der ich nicht mehr sein kann: Dr. Bernhard Sommerfeldt. Ich möchte ein freier, besserer Mensch werden, und ich plane gleichzeitig einen mörderischen Rachefeldzug nach Oberfranken. Aber sonst geht es mir ausgezeichnet.

Das alles sage ich natürlich nicht. Ich hoffe, sie kann keine Gedanken lesen.

Wir schweigen eine Weile, dann sagt sie: »Ich kann deinen Leidensdruck spüren, Rudi. Es ist manchmal, als würde dich eine dunkle Wolke umgeben, und du sitzt mittendrin und grinst.«

»Ja«, sage ich, »damit kann ich etwas anfangen.«

»Du hast vom Meer gesprochen, als sei es für dich das Symbol einer großen, unterdrückten Sehnsucht.«

»Ja, verdammt, da ist etwas dran.«

»Ist es die Sehnsucht nach dem Meer, der Freiheit, der Weite oder nach einer Person?«

Ich schiele zu dem Wasser, nehme aber nichts.

»Alles. Es ist alles.«

Mein Hals wird trocken, als wäre ich durch die Wüste marschiert. Ich nehme jetzt doch einen Schluck Wasser.

»Hat sie dich verlassen?«

»Nein. Ich sie.«

»Warum?«

»Weil ich … ich habe Scheiße gebaut.«

»Und statt um Verzeihung zu bitten, bist du geflohen?«

Schon während es passiert, tut es mir leid. Enorme Wut steigt hoch, und ich brause auf. »Um Verzeihung bitten kann man, wenn man Mist gebaut hat. Ich habe richtigen Bockmist gebaut!«

»Du hast etwas Unverzeihliches getan?«

»Hm.« Ich wische mit der Hand durch die Luft. »Ich will nicht darüber reden.«

»Warum nicht?«

Weil ich dich dann töten müsste, um mich selbst zu schützen.

Ich stehe auf. »Diese ganze Therapie ist keine gute Idee. Ich gehe jetzt besser.«

»Was berührt dich so stark? Habe ich etwas gesagt, das dich wütend macht?«

Meine Hände werden eiskalt. Meine Füße werden in den Schuhen zu Eisklumpen.

»Bitte nimm das jetzt nicht persönlich, Bärbel. Aber ich … Also, ich zahle selbstverständlich, was ich dir schuldig bin … Immerhin habe ich deine Zeit in Anspruch genommen …«

Sie sieht mich staunend an. »Du sprichst plötzlich wie ein kleiner Junge, Rudi.«

Ihre Aussage verwirrt mich schlagartig.

»Wie ein kleiner Junge?« Ich fühle mich ertappt.

»Ja, wie ein kleiner Junge, der Angst hat, dass seine Mama oder seine Lehrerin wütend auf ihn ist.«

Ihre Worte treffen mich wie eine heiße Nadel einen Luftballon. Ich beginne zu schrumpfen, sacke zusammen.

»Genauso fühle ich mich auch … Ich will dich nicht verletzen und nicht traurig machen …«

»Du versuchst«, erklärt sie, »in vorauseilendem Gehorsam alles zu tun, damit ich nicht böse auf dich werde?«

Ich nicke und kann mich nur mit Mühe daran hindern, an den Fingernägeln zu kauen.

»Woher kennst du dieses Gefühl, dich entschuldigen zu müssen und einem anderen alles recht machen zu wollen?«

Ich muss nicht nachdenken. Es platzt aus mir heraus: »Aus meiner Kindheit! Ich habe immer versucht, es meinen Eltern recht zu machen. Besonders meiner Mutter. Es ist, als wäre sie jetzt hier im Raum anwesend, und ich habe das Gefühl, zu schrumpfen und alles falsch zu machen.«

Bärbel schweigt eine Weile. Sie sieht mich sehr mitfühlend an. »Jetzt, während wir miteinander reden, ist also praktisch eine dritte Person mit im Raum? Deine Mutter?«

Es fällt mir schwer, es zu sagen. Es kommt mir vor wie Verrat, aber ich tue es trotzdem: »Ja, verdammt, genauso ist es!«

Der Rest der Stunde rauscht an mir vorbei. Eine Bilderflut aus meiner Kindheit steigt in mir auf.

Wie meine Mutter mich mit Blicken fertigmachen konnte … Da fiel kein böses Wort. Das war gar nicht nötig. Sie konnte ein Spielzimmer in eine Schlangengrube verwandeln. Einen Sommergarten in eine Raubtierhöhle.

Aus mir machte sie mühelos einen dressierten Tanzbären, der, sobald die Musik erklingt, herumhopst, aus Angst, die Tatzen könnten auf den glühenden Kohlen verbrennen.

Ich verlasse meine erste Therapiestunde mit dem Wissen, wie sehr ich meine Mutter immer noch hasse und dass ich mich genau deswegen schäme. Weil es ein Tabu ist. Man darf alles hassen. Politiker. Raucher. Fußballer. Lehrer. Dosenbier. Fastfood. Aber seine Eltern, die muss man lieben und ehren, egal was sie einem angetan haben.

Ich radle rasch zurück in den Weißen Riesen. Hier, in meiner Burg, meinem Aussichtsturm, fühle ich mich sicher.

Ich will das Erlebte sofort aufschreiben. Mit schwarzer Tinte und einem Kolbenfüller. Das ist für mich sehr stimmig. Die Tinte hat die Farbe meiner Seele, und dieses alte Schreibutensil ist mir näher als jeder Computer.

Natürlich benutze ich die moderne Technik. Aber nicht, um zu mir selbst zu finden und mich zu verstehen, sondern um zu sehen, was mit meinen Feinden los ist.

Meine Frau in Franken, von der ich nach meinem Wissen nie geschieden wurde, ist ja jetzt praktisch meine Exfrau. Ich vermute, sie hat mich für tot erklären lassen. Jedenfalls ist sie neu verheiratet. Sie heißt jetzt Miriam von Rosenberg. Nun ist sie nicht nur reich, sondern auch noch adlig.

Eigentlich müsste sie ja jetzt, da ich von der Polizei gejagt werde, als Bigamistin angeklagt werden, denn niemand zweifelt daran, dass ich lebe.

Ich denke mal, dass ich ohne mein Zutun geschieden wurde. Vielleicht wurde unsere Ehe auch für null und nichtig erklärt. Keine Ahnung, wie sie das gedreht haben. Die Kontakte meiner Eltern waren schon immer großartig. Offensichtlich gelingt es meiner Exfrau immer noch, sich als mein Opfer darzustellen.

Ja, sie macht mich öffentlich zum Täter. Von meiner Mutter erhält sie dabei Unterstützung.

Die Modefirma, die ich angeblich ruiniert und um Millionen betrogen habe, ist gar nicht mehr pleite. Mein Schwiegervater, Karl-Heinz Lorenz, die intrigante Socke, hat den Namen ersteigert und damit auch die Kundenkartei. Er spielt den selbstlosen Retter von Hunderten Arbeitsplätzen im In- und Ausland. Auch die Nähfabrik in Marokko arbeitet wieder.

Eigentlich ist alles beim Alten geblieben, nur ich bin raus aus dem Laden, und mit mir sind die Millionen Schulden verschwunden.

Hinter mir ist nicht nur die Mordkommission her, sondern auch die Steuerfahndung und natürlich einige Gläubiger.

Ihr habt euch den ganzen Laden unter den Nagel gerissen, und ich war euer Bauernopfer.

Es ist niemand da, der mich verteidigt. Sollte ich jemals Freunde gehabt haben, so schweigen sie nun alle verbissen. Niemand ergreift Partei für mich.

Der neue Mann meiner Frau – mit dem sie seit Jahren ein Verhältnis hatte – sieht aus wie Karl Theodor zu Guttenberg, nur etwas feister. Aber genauso glatt. Ein fränkisches Urgestein wie er.

Er – beziehungsweise seine Familie – besitzt viel Wald und einen kleinen See im Landkreis Haßberge in Unterfranken, nicht zu verwechseln mit Haßbergen an der Weser. Vielleicht ist der See auch nur ein Teich, jedenfalls lässt er sich vor dem Hintergrund gern fotografieren. Hier züchtet er Forellen und Karpfen. Die Yellow Press ist voll mit Berichten darüber.

Meine Ex Miriam, die inzwischen Wert darauf legt, eine von Rosenberg zu sein, tritt mit ihrem neuen Gatten zusammen in Talkshows auf und spricht über ihr Leben an der Seite eines Serienkillers. Ich sehe sie bei 3nach9. Mit in der Runde die Moderatorin Sandra Maischberger und der Fernsehkoch Horst Lichter mit seinem beeindruckenden Schnurrbart.

Judith Rakers hat die blonden Haare zum Zopf geflochten, der lässig auf ihrer rechten Schulter liegt. Sie wirkt fröhlich und locker. Das passt meiner Ex gar nicht, denn verglichen mit Judith wirkt sie steif, ja, verkrampft. Sie begibt sich sofort in Konkurrenz zu ihr. Ich sehe es an den Blicken.

Giovanni di Lorenzo fragt, ob sie denn nie gemerkt habe, dass ich ein Mann mit zwei Gesichtern sei. Sie unterstreicht ihr falsches Lachen mit großen, abwehrenden Gesten und sagt über mich: »Er ist kein Mann mit zwei Gesichtern. Er ist einer mit vier …« Dann macht sie eine Handbewegung, als müsse sie noch mal nachdenken. »Nein, fünf Gesichtern. Und wer weiß, wie viele Abgründe er noch hat, die wir nicht kennen. Ich habe immer gespürt, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Man sagt, stille Wasser sind tief. Er hatte Monster in sich. Er ruiniert alles, was er anfasst. Er zerstört Menschen, Dinge, Beziehungen. Alles um sich herum. Sie müssen ihn sich vorstellen wie eine Abrissbirne, nur eben gebildet und charmant.«

Jetzt hak nach, Giovanni! Lass sie nicht so einfach davonkommen! Würg ihr ein paar kritische Fragen rein! Das kannst du doch, Mensch. Ich sehe es dir an, du durchschaust die falsche Schlange. Warum schonst du sie? Mach sie fertig!

Judith Rakers will wissen, wie die zwei sich kennengelernt haben. Moritz von Rosenberg nutzt die Gelegenheit, plustert sich auf und prahlt mit einem Museumsbesuch im Louvre, in Paris, so als könne irgendjemand vielleicht nicht wissen, wo der Louvre sei.

Sie hätten beide vor einem Bild von Dalí gestanden und es angesehen. Dabei sei dann die schöne Frau neben ihm wichtiger geworden als das Bild.

Paris? Verdammt, wann warst du in Paris? Das ist doch kurz nach unserer Hochzeit gewesen. Du bist angeblich mit deinem Vater hingefahren, du falsches Luder! Habt ihr da schon Pläne geschmiedet, mich kaltzustellen? Wie lange habt ihr mich an der Nase herumgeführt? Wart ihr schon vor unserer Ehe ein Paar? Folgte das, was dann geschah, eurem perfiden Plan?

Die Sendung ist auf YouTube. Ich habe sie mir immer wieder angeschaut. Ihre Worte und Bewegungen haben sich in mein Gehirn eingebrannt. Manchmal werde ich nachts wach, weil ich träume, dass ich im Studio dabeisitze, unerkannt im Zuschauerraum, und ich springe auf und schreie: »Nein! Nein, verdammt, das stimmt nicht!«

Dann holen Judith und Giovanni mich in die Gesprächsrunde.

Meine Ex protestiert dagegen, sie schreit, ich würde polizeilich gesucht und man könne doch hier keinen Verbrecher reden lassen. Judith Rakers erklärt ganz gelassen, das spiele für die Sendung erst mal keine Rolle. Manchmal müsse man auch ein Auge zudrücken.

Rosenberg hat nur Angst um sein Leben, glaubt, ich sei nur gekommen, um ihn zu holen.

Giovanni di Lorenzo bittet mich, Platz zu nehmen und meine Version der Geschichte zu erzählen.

Ich denke immer noch: Ihr kommt mir nicht ungeschoren davon. Ihr Saubande! Dann werde ich regelmäßig wach.

Ich stelle mir vor, wie ich Rosenberg zum Geständnis zwinge. Wie er um sein Leben winselnd alles zugibt. Wie er sich an meine Frau herangemacht hat. Wie er sie verführt hat. Wie der Plan reifte, Millionen abzuzweigen und mich dafür verantwortlich zu machen. Wahrscheinlich brauchte er die Kohle für seine Scheiß-Forellenzucht.

Und ich fühlte mich damals tatsächlich auch noch schuldig, so als hätte ich alles vergeigt. Wie blind bin ich gewesen! Wie hab ich mich reinlegen lassen!

Ich recherchiere im Netz alles über ihn. Er nennt sich Moritz von Rosenberg und betont auf seiner Website, dass es keine Beweise dafür gebe, dass seine Familie und Albrecht von Rosenberg miteinander verwandt seien. Ahnenforschung sei aber inzwischen sein Hobby, und es gebe deutliche Hinweise darauf, dass Kirchenbücher im 16. Jahrhundert gefälscht worden seien.

Angeblich starb Albrecht von Rosenberg in Wien in der Haft, und es gab keine Nachfolger, sprich Erben.

Albrecht von Rosenberg hatte dem Kaiser zur Flucht in die Niederlande verholfen, als der Kurfürst anrückte, um den Kaiser zu erledigen. Dafür war von Rosenberg mit reichlichen Ländereien beschenkt worden.

Meldet hier einer durch die Blume Erbrechte an?

Reicht euch meine Modefirma nicht?

Wollt ihr euch nun auch noch Schlösser, Burgen und Ländereien ergaunern?

Ihr Drecksbande!

Ich sitze hier in meiner Gelsenkirchener Operationsbasis und fühle mich zerrissen. Wie in der Mitte gespalten. Einerseits möchte ich zurück nach Ostfriesland. Ich will zu meiner Beate, und ich will ans Meer. Wenigstens einmal möchte ich nach dem Rechten sehen.

Wie geht es ihr? Leidet sie noch?

Der Gedanke an sie schmerzt mich. Was habe ich dieser guten Frau angetan?

Ja, verdammt, ich will zurück nach Ostfriesland, aber gleichzeitig zieht es mich nach Oberfranken. Nur zu gern würde ich dort aufräumen oder besser gesagt, wüten.

Komisch. Auch wenn ich an diese ganze Bande in Bamberg denke, kommt es mir nicht in den Sinn, mich an den Frauen zu rächen. Nein, ich will die Männer leiden und am liebsten sterben sehen. Sie sollen bezahlen. Mit ihrem Leben.

4

Da ich Beates Passwort kenne, lese ich ihre E-Mails mit. Das ist meine Art, Verbindung zu ihr zu halten. Ich weiß also über vieles Bescheid. Ich kenne ihre Sorgen und Nöte.

Der Stress in der Schule nimmt zu. Dieser Tido Lüpkes, der neue Elternsprecher, bombardiert meine Beate mit seinen religiösen Traktätchen. Er boykottiert im Grunde Beates Konzept der Leseförderung. Sie will Autoren an die Schule holen. Autorenbegegnungen zu organisieren ist ihr eine Herzensangelegenheit. Er ist vehement dagegen, dass Bettina Göschl, Simak Büchel oder Jens Schumacher in ihrer Grundschule »eine Plattform bekommen«.

Die Liedermacherin Bettina Göschl, die nur ein paar Straßen weiter in Norden wohnt und überall in Ostfriesland mit ihren Liedern und Geschichten auftritt, hat Songs über Hexen und Piraten geschrieben. Beides findet er pädagogisch völlig verantwortungslos. Die Hexen sind bei ihr auch noch witzig und lustig, und das geht für ihn gar nicht.

Piraten seien üble, gottlose Gesellen gewesen und keineswegs Helden, hat er geschrieben.

Der Autor Jens Schumacher, der viele Fantasy-Geschichten geschrieben hat, ist für ihn einfach nur ein Schwarzmagier, der die Seelen der Kinder verwirren will.

Simak Büchel fällt für ihn in die gleiche Kategorie.

Er hat diese E-Mails gleich an zig Leute weitergeleitet. Erstens an Mitglieder seiner Glaubensgemeinschaft nebst Schulleitung und Schulamt. Außerdem an verschiedene Eltern, die er für sich gewinnen will.

Am liebsten würde ich ihr schreiben, aber das könnte mich verraten. Ich lese einfach nur alles mit. Dieser Tido Lüpkes macht mich rasend. Er ist ein Albtraum für meine Beate! Sie schafft es nicht, sich von ihm hart abzugrenzen. Sie versucht, es ihm recht zu machen, was natürlich überhaupt nicht geht, und jeder kleine Schritt, den sie ihm entgegengeht, führt nur zu einer größeren Forderung seinerseits. Es ist, als wolle diese christliche Sekte die Schule komplett übernehmen, und dabei machen sie meine Beate zu ihrer nützlichen Idiotin.

Manchmal denke ich, sie ist einfach zu gut für diese Welt, glaubt, mit Freundlichkeit und Argumenten weiterzukommen. Sie sucht die Diskussion, das Gespräch, will überzeugen, aber hier hat sie es mit so verbohrten Menschen zu tun, die sind Argumenten nicht zugänglich.

Immer wieder schreibt sie ihrer Freundin Susanne Kaminski, der sie ihr Herz ausschüttet. Ich lese diese E-Mails fast wie Briefe an mich. Susanne gegenüber ist Beate offen. Da Susanne in Dinslaken wohnt, sehen die beiden sich zum Glück nicht oft. Sie tauschen sich per E-Mail aus. Wie gut für mich, so weiß ich wirklich, wie es ihr geht.

Susanne hat kapiert, dass Ratschläge oft auch nur Schläge sind, und deswegen hält sie sich mit so etwas zurück, ist aber als Gesprächspartnerin für meine Beate unersetzlich geworden. Wenn ihre E-Mails mit Sätzen enden wie Lass uns lieber fonen oder Den Rest mündlich, dann werde ich traurig, fühle mich ausgeschlossen. Mithören kann ich ja nicht …

Beate schreibt, zu den Elternabenden kämen immer weniger Leute. Es sei ja auch nicht zumutbar, sich ständig diese Vorträge von Lüpkes anzuhören, die immer mehr zu einer Predigt würden. Gleichzeitig könne sie ihm aber auch nicht den Mund verbieten. Sobald sie etwas dagegen sage oder ihn bitte, sich kurz zu fassen, werde sie attackiert, dass sie seine »religiösen Grundrechte« verletze und ihn in der freien Ausübung seiner Religion behindere.

Es ist unerträglich für mich. Meine Beate, dieser freie, fröhliche Geist, wird bedrängt und eingeengt.

Jedes Mal, wenn ich etwas von oder über Tido Lüpkes lese, wird in meinem Kopf ein nervtötendes Geräusch immer lauter, als würde eine Glasscherbe über eine Schiefertafel kratzen. Ich sehne mich dann nach der Stille im Watt und bekomme große Lust, diesem Tido Lüpkes seine Grenzen aufzuzeigen.

In meiner Phantasie habe ich ihn schon mehrfach besucht, habe ihm Angst gemacht und ihn ultimativ aufgefordert, Beate in Ruhe zu lassen. Ich habe ihm mit meinem Einhandmesser ein kleines Kreuz in den Hals geritzt, direkt über der Schlagader. In meinen Träumen schwört er dann, das nie wieder zu tun, sein Kind von der Schule abzumelden und in Zukunft Beate aus dem Weg zu gehen.

Ja, in meinen Träumen gelingt das.

Was mich genauso zornig macht – ja, ich gestehe es mir kaum zu – eigentlich macht es mich sogar noch wütender – ist ein junger Vater, der seine E-Mails nur mit »Lars« unterschreibt. Er unterstützt Beate, ist praktisch der Einzige aus der Elterngruppe, der sich hinter sie stellt. Er findet, dieser Lüpkes sei einfach nur »ein krankes Arschloch«, und er könne überhaupt nicht verstehen, warum die anderen Eltern ihn gewählt haben. Vielleicht, so orakelt er, weil sie hofften, dass er dann beschäftigt sei.

Ich weiß, eigentlich müsste ich froh sein, dass es jemanden gibt, der zu Beate steht. Aber es wurmt mich, dass er so viel über sein Privatleben erzählt. Mit seiner Ehe steht es nicht zum Besten. Er und seine Frau, so schreibt er, hätten sich im Laufe der Jahre auseinandergelebt. Im Grunde hätten sie sowieso nur geheiratet, weil sie schwanger geworden sei, und dann hätten sie eben dem Druck der Familie nicht länger standgehalten. Er fühlt sich unverstanden und – wieso schreibt er das meiner Beate? – hat angeblich seit zwei Jahren keinen Sex mehr mit seiner Frau gehabt.

Wollte Beate das so genau wissen?

Der Typ ist scharf auf meine Frau. Steht er nur deshalb zu ihr? Hofft er, dass sie sich in seine Arme flüchtet, wenn sie ihren Kopf mal anlehnen will?

Läuft da schon mehr zwischen den beiden, als ich ahne?

Vielleicht sollte ich mit meiner Therapeutin darüber reden. Kann ich das? Wieso ist meine Wut auf diesen Lars größer oder genauso groß wie die auf diesen Tido? Warum kümmere ich mich nicht um meine eigenen Sachen? Warum räume ich nicht in Bamberg auf? Warum schneide ich Miriam, meiner Ex, dieser Hexe, nicht den Hals durch? Und warum nicht ihrem neuen adeligen Macker oder dem Dreckskerl von Schwiegervater, den ich mal hatte? Warum scheue ich immer noch die Auseinandersetzung mit meiner Mutter?

Der Gedanke, dass sie vielleicht gar die planende Hand im Hintergrund war, würgt mich.

Es ist ganz merkwürdig. Es kommt mir so vor, als könne ich mich meinen ureigenen Problemen erst widmen, wenn ich Beate in Sicherheit weiß. Sie soll ihre Leseförderung machen können und in Ruhe als Lehrerin ihre Klasse unterrichten dürfen.

Sie kriegt das alleine nicht in den Griff, das ist mir klar. Der Lärm in meinem Kopf wird schlimmer. Wenn ich Ruhe finden will, muss ich hin. Ich will Meeresluft atmen, den Wind spüren und in Norddeich für Ordnung sorgen.

Nein, ich werde mir diesen Lars nicht vorknöpfen. Aber bevor er meine Beate zu liebevoll tröstet, schaffe ich lieber das Problem aus der Welt.

Ich höre die letzte Cohen-CD: You want it darker. Immer wieder spiele ich Leaving the table:

I’m leaving the table

I’m out of the game.

Ja, verdammt. Es kommt mir vor, als würde er über mich singen. Aber ich lebe, und ich habe vor, noch lange zu leben. Ja, ich habe den Tisch verlassen, aber ich bin noch lange nicht aus dem Spiel!

Ich komme, Beate! Das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Vielleicht kann ich dich nicht zurückbekommen. Aber ich werde dich beschützen. Immer!

5

Ich nehme mir einen Leihwagen. Ich brauche ein unauffälliges Fahrzeug. Ich könnte einen weißen Mercedes-Benz der C-Klasse für 240 Euro bekommen oder einen Porsche Macan für 358. Aber ich nehme einen Ford Transit für 78 Euro.

Nein, das Geld interessiert mich nicht. So einen Kleintransporter übersehen die Menschen, und genau das will ich.

Das Dieselfahrzeug hat hinten abgedunkelte Scheiben, ideal für meine Zwecke. Ich könnte da drin sitzend Leute beobachten. Ja, das ist genau die richtige Kiste für mich.

Die Liebe ist gerade viel stärker als der Hass in mir. Ich will nach Ostfriesland.

Ich versorge mich mit einer Thermoskanne Kaffee, und ich mache mir belegte Brötchen mit Höhlenkäse, Gurkenscheiben und dünn geschnittenen Tomaten. Dazu eine Fleischwurst, zwei Frikadellen und Senf aus der Fleischerei Ferdi Pütz.

Ich will vermeiden, unterwegs anzuhalten. Für einen gesuchten Serienmörder ist es nicht unbedingt ratsam, an Autobahnraststätten Kaffee zu trinken. Ich sehe zwar inzwischen völlig anders aus als der Typ, nach dem sie fahnden, aber warum soll ich das Schicksal herausfordern?

Mein Arztköfferchen lege ich auf den Rücksitz.

Ich fahre vorsichtig. Hundert Stundenkilometer, höchstens hundertzwanzig. Erst einmal raus aus dem Ruhrgebiet. Dann auf den Ostfriesenspieß. Ein paar Baustellen auf der A31 verlangsamen die Tour. Mehr als sechzig geht nicht.

Unterwegs höre ich Tom Waits und Leonard Cohen. Ja, ich bin sentimental drauf. Die Stimmung der Cohen-Songs passt am besten zu meinen augenblicklichen Gefühlen.

The Partisan summe ich mit:

I have changed my name so often

I’ve lost my wife and children

But I have many friends

Nur stimmt es nicht, auch wenn es mich sehr bewegt. Auch wenn ich mich so gern identifizieren würde. Ich befinde mich wie er in einem Krieg, einem Krieg gegen mich selbst und gegen den Rest der Welt. Ich wäre so gerne ein Partisan, der für eine gerechte Sache kämpft. Der Freunde hat. Kampfesgefährten und die Gewissheit, für eine gute Sache einzustehen. Bin ich aber leider nicht.

Niemand versteckt mich. Niemand will für meine Freiheit etwas riskieren. Ich bin kein Partisan, der gegen die faschistischen Besatzer kämpft. Ich bin, verdammt nochmal, nur ein Mörder. Außer mir selbst glaubt niemand, dass ich das Richtige getan habe.

Zwischen Bunde und Weener halte ich an.

Einen Kaffee und ein Brötchen. Einmal austreten.

Als ich in Emden von der Autobahn fahre, rast mein Herz. Ich schalte die Musik aus. Ich schwanke zwischen Vollgas, um schnell da zu sein, und dem Impuls, einfach umzukehren. Aber ich fahre weiter.

Für die ganze Strecke brauche ich knapp dreieinhalb Stunden.

6

Beate wohnt nicht mehr in unserem Haus. Sie ist in den Rosenweg gezogen. Kann ich gut verstehen. Sie hat den Stress mit Reportern und Nachbarn vermutlich nicht länger ausgehalten.

Sie unterrichtet immer noch an der Grundschule, sonst wäre sie garantiert weiter weg gezogen. Aber ich weiß, wie viel ihr die Schüler bedeuten. Sie zu verlassen ist für sie so ähnlich, als sollte eine Mutter ihre Kinder im Stich lassen, um sich selbst zu retten. Für die meisten Mütter undenkbar! Außer für meine vermutlich. Die hat ihren Sohn für ein paar Euro ans Messer geliefert. Sie ist mehr ein Kühlschrank als eine Mutter.

Meine ehemalige Praxis in der Norddeicher Straße zieht mich trotzdem wie magisch an. Ich muss einfach daran vorbeifahren.

Vielleicht ist an der alten Polizeiweisheit wirklich etwas dran: Es zieht den Täter immer zum Tatort zurück.

Mich auch.

Hier war ich eine Weile – vielleicht zum ersten Mal im Leben – frei.

Ich hatte eine glückliche Zeit als geachteter Arzt. Sogar die Hausbesuche bei den ganz kranken, bettlägerigen Patienten haben mir Spaß gemacht.

Allein die Tatsache, dass sie mich in ihre Privatsphäre eindringen ließen, war elektrisierend für mich. Ich sah sie in ihren verschwitzten Betten.

Frauen, die sonst schon morgens herausgeputzt wie Diven zum Bäcker gingen, öffneten mir mit verwurstelten Haaren im Bademantel. Männer, die sonst Macht ausstrahlten, korrekt gebundene Krawatten trugen und versuchten, ihren Angestellten ein Vorbild zu sein, lagen jammernd und hustend vor mir. Mit fiebrigen Augen erwarteten sie meine Diagnose.

Insgeheim befürchteten sie ab einem gewissen Alter alle, es könne etwas Schlimmeres sein. Das böse Wort, das niemand hören will, heißt Krebs.

Einigen war die Erleichterung sofort anzusehen, wenn ich eine Grippe diagnostizierte. Hauptsache, kein Lungenkrebs! Was ist schon eine eitrige Entzündung gegen Hautkrebs?

All das rauscht durch mein Gehirn.

Ja, ich hatte hier eine gute Zeit. Ich war wirklich von Herzen gerne Arzt. Wenn mir diese verdammte Kommissarin Ann Kathrin Klaasen nicht draufgekommen wäre, hätte ich ewig so weitermachen können.

Die Praxis steht leer. Die Fenster sind schon lange nicht mehr geputzt worden. Der einst so gepflegte Garten verwildert. Vorm Haus auf den Parkplätzen im Fahrradständer baumelt windschief ein Vorderrad. Es ist mit einem Zahlenschloss am Fahrradständer befestigt. Der Dieb hat es wohl nicht knacken können und dann nur den Rest des Fahrrads geklaut. Oder – der Gedanke lässt mich grinsen – jemand hat die Zahlenkombination vergessen und um nicht alles zu verlieren, wenigstens noch die beweglichen Teile mitgenommen.

Unser Wohnhaus neben der Praxis hat neue Mieter gefunden. Dort hängen jetzt Gardinen, die vorher nicht da waren. Aber es ist niemand zu sehen.

Wenn dort jemand wohnt, warum kümmert der sich nicht um den Garten?

Eine Familie mit Kindern ist vermutlich nicht eingezogen. Im Garten liegt kein Spielzeug herum. An den Fenstern keine bunten Bilder.

Ich frage mich, warum ich so lange ums Haus schleiche, statt zu Beate zu fahren. Ich muss mir leider die Antwort geben: Weil ich Schiss habe, ihr zu begegnen.

Als mir das klar wird, steige ich sofort in den Kleintransporter. Da kommt mir die Nachbarin entgegengeradelt, die mir so gern heimlich beim Holzhacken zugesehen hat.

Ich umfasse das Lenkrad mit beiden Händen. Ich könnte starten, bevor sie bei mir ist, aber sie wird mein Gesicht ohnehin sehen. Ich habe keine Chance, rasch zu wenden.

Ich atme tief durch, lasse das Seitenfenster sogar herunter und lehne lässig einen Arm heraus wie jemand, der nichts zu verbergen hat, sondern einer schönen Frau beim Radfahren zusieht. Ich gebe ganz den Handwerker oder Berufsfahrer, der gleich Feierabend hat.

Sie grüßt mich freundlich: »Moin.«

Ich sage nichts, nicke aber.

Sie fährt an mir vorbei.

Ich bin mir sicher: Sie hat mich nicht erkannt. Meine Verkleidung ist perfekt.

Außerdem rechnet niemand damit, mich auf der Norddeicher Straße in einem Ford Transit zu sehen. Die Zeitungen haben Spekulationen gedruckt, ich hätte mich mit meinen ergaunerten Millionen ins Ausland abgesetzt. Von Lateinamerika war sogar die Rede.

Ihr Spinner! Was soll ich da? Ich gehöre so sehr zu diesem Land wie Goethe, Mülltrennung, Aldi und Volkswagen.

Ja, irgendwie bin ich genauso. Poetisch wie Goethe. Ich achte auf die Umwelt, hasse Plastiktüten. Bin gespalten wie Aldi Nord und Aldi Süd. Jeder kennt mich wie VW, aber leider hauptsächlich wegen meiner schlechten Taten, und Volkswagen ist ja inzwischen auch mehr wegen seiner Abgasbetrügereien in aller Munde als wegen gutem Fahrkomfort, was ich sehr bedaure. Da haben eitle Manager richtig abkassiert, und nun gefährden ihre Gaunereien Tausende Arbeitsplätze in der Region. Gute Familienpapis müssen jetzt ausbaden, was selbstsüchtige Gangster angerichtet haben. Die einen haben den Schaden, die anderen kassieren Boni und hohe Pensionsansprüche.

Vielleicht hätte ich dort mal aufräumen sollen … Aber ich habe schon genug mit meinem eigenen Leben zu tun.

Die VW-Mitarbeiter kämpfen immerhin noch um ihren guten Ruf. Ich habe das schon aufgegeben und mir wieder einen neuen Namen zugelegt. Aber zumindest bei Beate würde ich mich gern in ein besseres Licht rücken.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich direkt vor ihrer neuen Wohnung im Rosenweg parken soll, oder ob es klüger ist, den Wagen am Bahnhof abzustellen und zu Fuß zu ihr zu gehen. Sie würde mich garantiert erkennen. Auf jeden Fall.

Und was dann? Fallen wir uns in die Arme? Oder läuft sie ängstlich weg? Wird sie vielleicht von der Polizei überwacht, weil die wissen, dass ich – sollte ich jemals wieder auftauchen – garantiert zu ihr kommen werde?

Nein, das alles ist so lange her. So viel Durchhaltevermögen haben die bei ihrer dünnen Personaldecke gar nicht. Vielleicht haben sie Beate fünf, sechs Wochen lang beobachtet. Danach nur noch sporadisch. Und inzwischen haben die längst etwas anderes zu tun und den Fall an Interpol abgegeben.

Ich fahre direkt vor die Haustür. Ich krieche hinten in den Wagen. Hier bin ich so gut wie unsichtbar.

Plötzlich will ich nur noch zum Smutje, einen Lammburger essen. Nein, ermahne ich mich, du hast genug zu essen mitgenommen. Die Frikadellen und die Fleischwurst sind noch unangetastet.

Ich beginne, mit mir selbst zu verhandeln:

Wenigstens ein Bier im Mittelhaus …

Nein!

Oder Apfelkuchen bei ten Cate und ein Tässchen Kaffee …

Da ist sowieso schon zu. – Verdammt, du suchst nur Ausreden. Hast du solche Angst vor Beate?

Nicht vor ihr, aber vor ihrer Reaktion vielleicht oder meiner eigenen …

Ich greife in meine Hosentasche. Es tut mir gut, das Einhandmesser zu berühren. Ja, ich trage das Messer immer bei mir.

Nein. Ich will damit niemanden töten. Und Beate schon mal gar nicht. Aber wenn ich es in der Faust halte, geht es mir besser. Ich atme dann tiefer. Ruhiger.

Ich lasse die Klinge herausschnappen. Die Klinge, mit der ich präzise getötet habe. Sie hat mir den Spitznamen Der Chirurg eingebracht oder Der Schlitzer.

Was würde meine Therapeutin Bärbel sagen, wenn ich ihr beichte, dass die Berührung dieses Messers eine Art kribbelnde Energie durch mich strömen lässt?

Sie schießt von der Hand durch den Arm in meine Schultern. Von dort in meinen Kopf. Ich spüre dann sogar meine Haarwurzeln. Es ist, als würden meine Haare zu empfindlichen Antennen. Von meinem Kopf und meinen Schultern tropft diese mörderische Energie in einem warmen Regen in meinen ganzen Körper. Jedes Organ wird berührt.

Ich werde ruhig. Stark. Ein Gefühl der Unsterblichkeit breitet sich aus.

Der Verstand wehrt sich: Alles ist sterblich. Auch du.

Scheiß auf den Verstand. Das Messer wird zu einer Verlängerung, ja zu einer Ergänzung meines Körpers. Es gehört jetzt zu mir. Wie angewachsen. Die Klinge hat meinen Feinden nicht einfach das Leben genommen. O nein. Es ist viel mehr geschehen. Ich habe ihnen damit ihre Kraft, ihre Energie, ihre Erfahrungen, ihr Wissen abgesaugt. Das alles entfaltet sich jetzt in mir. Es macht mich stark. Ich gewinne Lebenskraft.

Ich muss lachen. Bin ich wie ein Vampir im Kino? Nur dass ich keine Zähne benutze, sondern eine Klinge, und ich würde auch niemals Blut trinken. Ich doch nicht!

Trotzdem fühle ich mich wie ein Akku, der sich rasch auflädt an der Lebensenergie seiner Opfer. Meine Batterie war fast leer. Das merke ich erst jetzt. Dieses friedliche, zurückgezogene Leben in Gelsenkirchen hat mich geschwächt. Ich kann nicht lange als Einsiedlerkrebs überleben. Ich spüre mich nur in der Aktivität. Jetzt zum Beispiel.

Beate wohnt oben. In der unteren Etage ein pensioniertes Lehrerehepaar. Ich habe das alles im Internet recherchiert. Sie haben ein Wohnmobil, sind begeisterte Hobbyfotografen und fahren durch ganz Europa, um Tiere und Pflanzen zu fotografieren, die stillgelegte Bahngleise bevölkern. Sie haben eine eigene Homepage zu dem Thema. Bahntrassen seien für Tiere und Pflanzen ganz besondere Lebensadern, die sich quer durch Europa ziehen, behaupten sie.

Ich vermute mal, die beiden werden nicht oft zu Hause sein. Mögen sie ihr Leben genießen!

Oben brennt Licht. Es ist eine warme, indirekte Beleuchtung, wie Beate sie liebt. Kerzen. Stehlampen. Keine Neonröhren an der Decke.

Ich kann Beate nicht direkt sehen, wohl aber ein Schattenspiel. Sie ist nicht allein.

Ich sehe große Gesten. Oder lassen die Schatten an den Wänden nur die Bewegungen heftiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind?

Ich phantasiere, was dort gesprochen wird. Ich stelle mir eine heftige Diskussion vor. Streiten sie etwa? Geht es um mich?

Ich rüge mich selbst: Nein, es geht nicht immer und überall um dich! Sie hat längst ein neues, eigenes Leben. Hauptsache, es geht ihr gut … Leider tut es das aber nicht.

Jetzt sehe ich am Fenster einen Rücken. Das ist ein Mann. Ja, ganz eindeutig ein Männerrücken! Ist das dieser Lars? Gehört ihm das alte Hollandrad vor der Tür? Ich hatte eher gedacht, der fährt ein Sportrad, nicht so ein Omagestell.

Habe ich noch das Recht, eifersüchtig zu sein?

Aber verdammt, ich bin es!

Das Flurlicht geht an. Durch die Milchglasscheiben der Haustür kann ich jemanden die Treppe herunterkommen sehen. Der Typ öffnet die Tür und kommt raus.

Er ist Mitte 40, vielleicht Anfang 50. Er hat ein glattrasiertes Gesicht, das fast bläulich schimmert. Er ist bleich und hat einen steifen Gang. Er trägt einen bräunlichen Straßenanzug und schwarze Lederschuhe. Er wirkt spießig.

In so einen Typen hat sich meine Beate verknallt? Nein, das will ich nicht glauben, und wie ein Polizist sieht er auch nicht aus.

Er macht keinen glücklichen Eindruck. Hat sie ihm eine Abfuhr verpasst?

Er löst das Schloss an seinem Rad. Es ist ein altes Hollandrad mit geschlossenem Kettenschutz. Er legt trotzdem Hosenklammern an. Merkwürdig, denn seine Hosenbeine können mit der Kette ja gar nicht in Berührung kommen. Es ist, als mache er das aus Prinzip, geradezu trotzig.

Und wieder spüre ich diese verdammte Zerrissenheit. Soll ich ihm folgen, um herauszufinden, wo er wohnt, wer er ist, oder bleibe ich in Beates Nähe, in der Hoffnung, sie doch noch einmal am Fenster zu sehen, und sei es nur als Schattenriss?

Traue ich mich zu klingeln? Ich würde so gerne mit ihr reden! So gerne!

Aber ich folge ihrem Besucher. Ich halte Abstand.

Er ist ohne Argwohn. Er radelt aufrecht. Typisch für diese Hollandradfahrer.

Ich könnte ihn einfach mit dem Kleintransporter von hinten überrollen oder neben ihm herfahren und ihn von der Straße drücken. Radfahrer sind so verletzlich. Bieten sich als Opfer praktisch an.

Aber ich bin keiner, der andere einfach nur überfährt. Ich töte mit dem Messer und schaue Leuten in die Augen, wenn ich sie ins Jenseits befördere.

Dieses scharfe Silberfischchen, klug geführt, das die Lücken zwischen den Rippenknochen findet und das pulsierende Herz trifft, ist meine Waffe. Ich steche ins Zentrum unseres Seins.

Für viele Menschen wohnt die Seele im Herzen. Verliebte schicken sich Herzen, ritzen sie in Bäume. Ich habe mal auf der Sandkerwa in Bamberg ein Lebkuchenherz bekommen. Es gefiel mir so sehr, dass ich es nicht gegessen habe. Es hing so lange in meinem Zimmer an der Wand, bis der Zuckerguss abbröckelte, und die Putzfrau hat es dann – vermutlich auf Anweisung meiner Mutter – weggeworfen.

Mein Vater nahm immer Geschäftsfreunde mit zur Sandkerwa. Dieses Volksfest lockte auch Einkäufer aus Hamburg und Bremen nach Oberfranken. Natürlich musste der Bamberger Dom besichtigt werden und die Neue Residenz. Mit den ganz Frommen fuhr mein Vater sogar zur Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen. Dorthin begleitete meine Mutter ihn manchmal, und dann musste ich auch mit.

Zur Sandkerwa ging meine Mutter nicht mit. Dazu war sie eine viel zu feine Dame. Bratwürstchen und Bierseidel sind nichts für sie. So etwas passt nicht in ihr Weltbild.

In Gedanken spiele ich durch, wer dieser Typ auf dem Fahrrad sein könnte. Ich folge ihm bis zur Knyphausenstraße.

Ich habe diesen Tido Lüpkes, der meiner Beate solche Schwierigkeiten macht, nie gesehen, aber das könnte er sein. Altbacken und spießig genug sieht er aus. Er bewegt sich, als hätte er einen Besenstiel im Hintern, der ihm bis zwischen die Ohren reicht.

Hat er Beate zu Hause besucht und bedrängt? Geht er in seinem Wahn so weit?

Beate hat sich in ihren Antworten erklärt. Sie versuchte, sachlich zu bleiben, aber für mich lasen sich ihre E-Mails wie Rechtfertigungen. Entschuldigungsschreiben.

Sie verwies darauf, dass alle Künstler, die sie in die Schule einladen wolle, Mitglieder des Bödecker-Kreises seien, der seit mehr als 60 Jahren Autorenbegegnungen in ganz Deutschland unterstütze. Das Kultusministerium in Niedersachsen fördere die gemeinnützige Arbeit des Vereins, und daher seien die renommierten Autoren auf der Liste des Bödecker-Kreises anerkannte Künstler, die im ganzen Land in Schulen aufträten, um Leseförderung zu betreiben.

Ja, diese drei gehörten zu den besten Pferden im Leseförderungsstall. Ihre Bücher und Lieder seien pädagogisch wertvoll und bei den Kindern, auch ihrer Klasse, sehr beliebt.

Für diesen fanatischen Lüpkes wurde dadurch der ganze Bödecker-Kreis zu einer Art Ausgeburt der Hölle. Die Autoren, die er gut fand, tauchten jedenfalls in diesem verruchten Kreis nicht auf.

Resiliente Menschen hätten darüber wahrscheinlich gelacht und sich über den Spinner lustig gemacht. Nicht so meine Beate. Sie will das Beste für ihre Schüler, aber sie möchte auch von den Eltern geliebt werden und von der Schulleitung, und das alles zusammen geht eben schlecht.

Er ist es tatsächlich: Tido Lüpkes. Ich weiß, wo er wohnt. Ahnt er, dass ich hinter ihm her bin? Er nimmt sein Rad mit in den Hausflur. In dieser teuflischen Welt weiß man ja nie …

Ich bleibe noch eine Weile im Auto. Der letzte Becher Kaffee vertreibt mir die Zeit.

Dann fahre ich zurück zu Beates Wohnung. Wieder sitze ich hinten im Laderaum und schaue zu ihr hoch.

Ich kann sehen, dass sie am Computer sitzt und schreibt. Auf meinem Handy kann ich jede E-Mail lesen, sobald sie sie abschickt.

Liebe Susanne,

ich fühle mich schrecklich. T.L. war heute Abend da. Er hat mir angedroht, dass wenn Bettina Göschl aufträte, drei Kinder unter Protest nicht erscheinen würden. Außerdem will er beantragen, mir das Misstrauen auszusprechen (als sei unsere Schule der Bundestag!). Ich sei sittlich für den Schuldienst nicht geeignet.

Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Die Veranstaltung ist doch schon morgen früh. Soll ich nachgeben und Bettina ausladen? Wie sage ich ihr das? Wie den anderen Schülern? Die freuen sich doch auf sie. Viele kennen sie aus dem Kinderkanal. Da darf sie singen, aber in unserer Schule nicht?

T.L. ist sehr laut und gemein geworden. Er hat mich als Handlangerin böser Mächte bezeichnet. Mein Gott, wenn solche Menschen wieder Macht hätten, die würden mich glatt als Hexe verbrennen! Mir ist angst und bange geworden. Er bekam so einen irren Blick. Da war so viel Hass.

Bei den Elternabenden redet er immer so salbungsvoll, mit sanfter Stimme. Aber in Wirklichkeit ist der eine tickende Bombe.

Während ich lese, beginnt in meinem Kopf ein Klirren und Kratzen, wie Metall auf Metall. Dazu zerbrechendes Glas.

Ich kenne das. O ja, ich kenne das nur zu gut. Dieser Lärm wird immer lauter, und er wird mich wahnsinnig machen, wenn ich nichts dagegen tue.

Die Vorstellung, dass dieser Mann meiner Beate so zusetzt, ist unerträglich für mich. Ich bebe innerlich vor Wut. Ich werde tun, was ich tun muss. Noch heute.

Ein leiser Nieselregen trommelt aufs Autodach.

Ich zögere nicht länger. Ich fahre zurück in die Knyphausenstraße.

Zunächst will ich einfach so, wie ich bin, hoch und ihm sein erbärmliches Leben nehmen. Aber dann erscheint mir der Gedanke, dem frommen Mann mit meiner Teufelsmaske zu begegnen, sehr verlockend.

Ich setze sie auf und klingle bei Lüpkes.

Im Hausflur flackert das Licht. Wackelkontakt. Dazu zirpt es noch laut – oder ist das Geräusch nur in meinem Kopf? Dieses Hämmern kann gar nicht real sein. Dann könnte niemand in dieser Straße schlafen, fernsehen oder sich unterhalten. Die Menschen würden ausziehen, alles tun, damit der Lärm aufhört.

Lüpkes öffnet selbst.

Dachte ich mir! Um diese unchristliche Zeit liegen die Kinder im Bett, und die Frau lässt er auch nicht mehr allein an die Tür.

Ich erwarte Kirchenmusik oder christliche Chöre, aber ich höre eine von RTL bekannte Stimme. Gucken die hier ernsthaft Dschungelcamp?

Tido Lüpkes sieht mich an, als hätte er immer schon gewusst, dass der Teufel ihn eines Tages holen würde. Für ihn ist der Satan eine real existierende Macht. Das Leben findet statt im Krieg zwischen Gott und Teufel. Er glaubt sich dabei auf der richtigen Seite.

Er erkennt nicht, dass ich eine Maske aus billigem Plastik trage. Für ihn erfüllt sich hier etwas, und er sagt ruhig, fast sachlich: »Weiche von mir, Satan.«

Ich klappe die Klinge aus dem Messergriff. Das Geräusch lässt ihn kurz nach unten sehen. Dann beginnt er, laut zu beten. Es ist altlateinisch, glaube ich. Aber obwohl ich das große Latinum habe, verstehe ich ihn nicht. Es hört sich an wie ein Exorzismus.

Versucht der echt, einen Mann mit einem Messer durch lateinische Gebete zu besiegen?

Du mobbst meine Frau nicht länger, du Arsch!

Hinter ihm erscheint jetzt seine Frau. Sie hält sich kurz die Hände vors Gesicht, aber dann läuft sie nicht in die Wohnung zurück. Sie ruft nicht um Hilfe. Sie versucht nicht, sich zu bewaffnen oder die Nummer der Polizei zu wählen. Nein, sie fällt in seinen Singsang mit ein. Beide versuchen wohl eine Art Teufelsaustreibung oder Dämonenbeschwörung. Als hätten sie sich gemeinsam lange auf diesen Moment vorbereitet und wüssten jetzt genau, was zu tun ist.

Sie scheinen erschrocken und erleichtert zugleich, dass es endlich Wirklichkeit wird. Der Endkampf zwischen Gut und Böse. Gott und Teufel. Die Apokalypse.

Ich fürchte, es bringt nichts, dem ein bisschen Angst zu machen. Er wird versuchen, vor seiner Frau den Helden zu spielen oder vor Gott besser dazustehen, indem er mir Widerstand leistet. Nein, hier und jetzt muss ich einen endgültigen Schlussstrich ziehen.

Ich beende das Spiel, bevor die Kinder geweckt werden. Er ist nicht so ein feiger Hund, wie ich dachte. Er bleibt aufrecht stehen, als ich ihm die Klinge in die Brust ramme. Er breitet geradezu freudig die Arme aus. Ich vermute, so will er dem gekreuzigten Jesus ähnlich werden. Lediglich seine Frau stößt einen spitzen Schrei aus.

Er stirbt mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ich ziehe das Messer zurück.

Er bleibt noch stehen. Sieht mich an. Sein Lächeln wird zu einem überheblichen Grinsen, als hätte er gewonnen. Und er schaut mir in die Augen.

»Dein Wille geschehe!«, ruft sie und fällt auf die Knie.

Er knickt jetzt ein und stürzt. Ich denke, er ist tot, bevor er auf dem Boden aufschlägt.

Langsam drehe ich mich um. Auch seine Frau erwartet den Tod. Sie reckt mir ihren Hals entgegen und betet.

Ich verschone sie. Die zuckenden Beine ihres Mannes tun mir gut. Der Lärm in meinem Kopf beruhigt sich. Schon als ich zustieß, war es, als würden Töpfe und Deckel von der Decke auf den Boden regnen. Jetzt ist es still. Nur das leise, jammrige Beten der Frau stört meine Ruhe noch.

Ich bücke mich und wische die Klinge am Hosenbein ihres Mannes ab. Dann ziehe ich mich zurück.

Es geht mir gut. Ich fühle mich durchtrieben, richtig und gesund. Manchmal, nach gutem Sex mit Beate, ging es mir so ähnlich. Wir lagen nebeneinander, und alles war gut.

7

Ruhe. Endlich Ruhe. Es ist still in meinem Kopf.

Ich weiß, ich müsste abhauen, so schnell wie möglich weg hier. Aber der Rosenweg zieht mich magisch an.

Eine Weile bleibe ich mit dem Leihwagen vor Beates neuer Wohnung stehen und sehe zu ihr hoch. Ich kann ihre Anwesenheit wie eine Berührung spüren. Es ist ein Kribbeln auf der Haut.

Ich merke hier im Rosenweg, ganz in ihrer Nähe, wie übermächtig meine Sehnsucht nach ihr noch ist. Am liebsten würde ich bleiben, aber in diesem Auto habe ich zu wenig Platz. Es ist zu eng. Ich kann mich nicht richtig bewegen. Nach so einer Tat, wenn ich einen Schandfleck wie diesen von der Erde radiert habe, brauche ich Bewegungsfreiheit, dann muss ich laufen können …

Als ich noch der beliebte Dr. Bernhard Sommerfeldt in Norddeich war, bin ich danach zum Deich gefahren. Ich habe mich oft nackt ausgezogen und bin bei Ebbe ins Watt gelaufen, bis zu der Stelle, wo die Stille und die Weite sich treffen.

Das erscheint mir jetzt zu riskant, obwohl ich in diesem Zustand eigentlich nichts fürchte. Es klingt übertrieben, ist es aber nicht. Ich fürchte dann wirklich nichts. Nichts!

Es ist noch gar nicht wirklich lange her, aber gefühlt eine Ewigkeit, da bin ich nach so einer Tat zu Beate unter die Bettdecke gekrochen und habe an ihren nussbraunen Haaren geschnuppert. Manchmal hat sie ein Shampoo benutzt, das nach Kokosnuss roch. Aber am besten fand ich es immer, wenn sie nur nach sich selbst duftete. Der unvergessliche Beate-Geruch!

Die Ausdünstungen ihrer Haut! Welch ein Genuss …

Ja, ich weiß, woher der Ausdruck kommt: Ich kann den nicht riechen.