15,99 €
Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Menschheit ist durch ein Bakterium bedroht, das alle Infizierten in blutrünstige Bestien verwandelt, die Tierwelt mutieren und die Pflanzenwelt sterben lässt. Ein brutaler Überlebenskampf entbrennt. Mittendrin steht die schwangere Gina, die das Heilmittel in sich trägt und zum Spielball unterschiedlichster Interessensgruppen wird. Wem kann sie noch trauen? Verfolgt von Söldnern des Heliosolex-Konzerns und Guerillatruppen kämpft sie um ihr Leben und das ihres ungeborenen Kindes...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 590
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-502-5
ISBN e-book: 978-3-99131-503-2
Lektorat: Dagmar Heißler
Umschlagfotos: Tavidom, Eugenesergeev, Pavel Chagochkin | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Prolog – 2045. Frankfurt am Main
„Die Stadt ist unter ihrer eisernen Hand. Das kannst du unmöglich ernst meinen, Lennard“, sagte Emilia. Er schwieg. „Ich glaube es nicht. Mit der Rettung der Kinder hast du unseren ganzen Plan gefährdet.“ Sie starrte ihn an. „Was ist nur los mit dir?!“ Er schaute sie verärgert an. „Diese Bastarde müssen sterben“, gab Emilia von sich. „Mann, Emilia. Da draußen ist die Welt zusammengebrochen, überall rennen Mutanten herum, und ihr wollt immer noch alle töten. Unsere Kampftruppe hat jegliches Maß verloren!“ Lennard blickte zu einer Aufschrift an der Wand:„Der Erste Weg formt die Zukunft!“„Hörst du dir eigentlich zu?! Was ist nur in dich gefahren?“ Emilia umschloss ihre Pistole. „Was? Willst du mich jetzt erschießen?“, fragte er sie. Er erkannte seine Partnerin nicht wieder. Sie hatten so viele Dinge gemeinsam durchgestanden. Zusammen hatten sie Menschen aus der Stadt geschmuggelt und Attentate verübt.
„Wann hast du dich gegen uns gestellt, Lennard?“ Sie hob die Augenbrauen und richtete die Waffe auf ihn. „Das kannst du nicht tun! Nach alldem, was wir zusammen durchgemacht haben!“ Lennard hob seine Waffe.
Die Frau schaute zu der Aufschrift. „Jetzt gehörst du also zu denen!“ Mit einer Kopfbewegung zeigte sie zur Wand. Ihre Augen waren glasig.
„Nein! Ich gehöre zu niemandem. Und ich will auch zu keinem mehr gehören!“, rief er.
„Und deswegen hast du uns verraten?!“ Emilia wurde lauter. Ihr Finger krümmte sich um den Abzug.
„Du wirst mich nicht erschießen. Nicht nach all den Jahren“, sagte Lennard, drehte sich um und entfernte sich langsam. Emilia kniff die Augen zusammen und kämpfte dagegen an. Sie wollte auf ihn schießen, aber irgendetwas in ihr weigerte sich. Deshalb streckte sie ihren Arm seitlich in die Luft und schoss. „Bleib stehen!“ Ihre Stimme hallte von den engen Wänden wider.
Lennard blieb stehen. Er wagte sich nicht umzudrehen.
Irgendwie fasste er Mut und ging weiter. Emilia schoss ein zweites Mal.
„Du erschießt mich nicht“, sagte er abermals.
Plötzlich traf ihn die Kugel in den Rücken. Lennard stürzte. Blut quoll aus seinem Mund. „Was? Ahhh!“, stöhnte er.
„Was ist nur aus dir geworden?!“, während er das sagte, sprudelte das Blut nur so heraus.
„Ich musste es tun. Du hättest uns sonst verraten.“ Mit diesen Worten schoss Emilia ihm in den Kopf.
Die Pistole verstaute sie zwischen ihrer Jeans und dem Top. Dann zog sie ihre Jacke darüber und machte sich auf den Rückweg.
„Sie hat ihn einfach erschossen!“ Gina schaute zu Jana herüber. „Wir müssen schleunigst nach draußen“, erwiderte diese.„Aus Sicherheitsgründen wird die Stadt jetzt abgeriegelt! Begeben Sie sich unverzüglich in Ihre Häuser! Sicherheitsstufe eins!“Der ganze Bereich rund um die Hauptwache wurde abgeriegelt. Heliosolex hatte den Eisernen Steg gesprengt, um zu verhindern, dass man über ihn den Bezirk verlassen konnte. Die Firma besaß fünf Distrikte, die sie streng kontrollierte, in denen die Menschen lebten. Der erste Distrikt reichte vom alten Hauptbahnhof bis zur Hauptwache.
Die anderen vier grenzten dicht an Distrikt eins. Die Residenz der Firma war eines der großen Hochhäuser, die sich zum Himmel streckten. Panzerwagen der Forsaken fuhren vor. Die Elitesoldaten schwärmten aus. „Findet sie! Sucht die Flüchtigen!“, kam das Kommando von einem Truppführer. Die Männer begannen mit ihrer Suche. In Dreierformation suchten sie langsam Winkel für Winkel ab. Gina und Jana schwangen sich über die Brüstung, um unter die Hauptwache zu gelangen.
„Sie müssen hier irgendwo sein! Vorwärts!“ Die Soldaten würden sie bald finden.
Die beiden Frauen eilten weiter unter die Erde. Durch die alten S-Bahn-Tunnel bewegten sie sich vorwärts. Jana ging voraus. Ihr Rucksack war schwer, denn sie hatte ihre wichtigsten Utensilien und ihre Ausrüstung darin verstaut. Sie hielt ihre Pistole in der Hand, wodurch sie jederzeit auf einen Kampf vorbereitet war, während sie versuchten, schnell weiterzukommen. „Bald kommen die überfluteten Bereiche. Da halten sich gerne die Streuner auf!“, rief Gina von hinten. „Ich weiß. Aber das ist nun mal der einzige Weg aus der Stadt, ohne von denen erschossen zu werden“, entgegnete Jana. „Wissen die eigentlich, dass du hier bist?!“ Gina schaute sie fragend an. „Nein! Das soll auch so bleiben. Je weniger Aufmerksamkeit wir erregen, desto besser.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass du Leo erschießt!“, sagte Gina von hinten. „Es war erschreckend leicht“, antwortete sie. „Bereust du es?“, wollte Gina wissen. „Ich bereue vieles. Aber nicht das, was ich tun musste“, erwiderte Jana.
Die beiden Frauen setzten ihren Weg fort. Sie näherten sich den überfluteten Bereichen. Schon von hier konnten sie das Kreischen der Slims hören.
Jana nahm ihr Jagdgewehr von der Schulter und verstaute ihre Neunmillimeterpistole. An ihrem großen Camouflage-Rucksack hing eine Axt, die sie für Nahkämpfe verwendete. Ein militärisches Jagdmesser zierte ihren Gürtel, und wie Gina sie einschätzte, hatte sie auch in ihren Stiefeln, die sie immer trug, ein Messer versteckt. Jana war mit vielen Waffen ausgerüstet, was einfach an der Zeit lag, als sie noch Felicitas’ Kampftruppe angehörte. Sie nannte sich der Zweite Weg. Eine Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Heliosolex zu vernichten. Vor einiger Zeit hatte Jana noch zu ihr gehört. Dann begegnete Jana Gina. Und dann geschah etwas Schlimmes. Etwas, was sie ausführte. Diese Tat löste eine Kettenreaktion aus, weshalb sie heute hier in dieser stinkenden Brühe hinter einem Zugwaggon knieten. Jana sah Gina an und nickte. „Los, gehen wir“, stimmte Gina zu. Schnell und leise setzten sich die beiden Frauen in Bewegung. Sie ließen die überfluteten Tunnel hinter sich und kamen in die äußeren Bezirke der Stadt. Sie mussten Emilia finden.
„Ich hätte nicht gedacht, dich jemals wiederzusehen, Jana!“, tönte es auf einmal hinter ihnen. Jana wirbelte herum und zielte mit ihrer Pistole auf Emilia. So standen sich die beiden Frauen gegenüber auf einem alten Parkplatz, dessen Boden rissig geworden war. Gina stand hinter ihr. „Du hast dich vor einiger Zeit abgewandt. Was willst du also hier?“, fragte Emilia unwirsch. „Ich brauche eure Hilfe.“ „Mhmm!“ brummte sie, „es liegt nicht in meiner Hand, das zu entscheiden.“ Emilia senkte ihre Waffe. „Immer noch die treue Kämpferin!“, Jana schüttelte den Kopf. „Du warst auch einmal so. Schon vergessen?!“, Emilia drehte ihren Kopf. „So etwas vergesse ich nicht“, raunte Jana. Gina folgte ihrer Freundin.
Sie erreichten eine alte Wohnsiedlung mit mehreren aneinandergereihten Häusern. Die Fassade war aus rotem oder grauem Stein. Der obere Teil war aus Holz.
Hier schlenderten Menschen durch die Gassen. Die meisten von ihnen waren Überlebende, die sich mit dem, was sie hatten, irgendwie ein neues Leben aufzubauen versuchten. Jana und Gina folgten Emilia zu einem Haus. Sie öffnete die Tür und trat ein.
Das alte Wohnzimmer war umgeräumt worden und wurde jetzt anscheinend für Besprechungen verwendet. Gerade fand eine solche statt, als die drei Frauen eintraten. Georg erhob sich, hatte jedoch seine Waffe in der Hand. Er war ein älterer Mann und stützte sich auf eine Krücke. „Sie hat ihn erschossen. Jetzt braucht sie unsere Hilfe“, brachte Emilia das Anliegen ihrer Begleiterinnen vor.
„Du kehrst uns den Rücken und verlangst unsere Hilfe?!“, ungläubig fuchtelte er mit der Waffe in der Luft.
Jana schwieg.
„Na gut. Wobei sollen wir dir helfen?“, wollte Carolin wissen.
„Wir müssen irgendwie aus der Stadt kommen“, antwortete Gina für sie.
„Ah ja. Aus der Stadt? Die Forsaken haben alles abgeriegelt. Die Routen aus der Stadt sind zu.“ „Die alten nicht.“ Sie sah in die Runde. „Warum ist es so wichtig, aus der Stadt zu kommen?“, wollte der Alte wissen. „Es ist dringend, Georg.“ Jana schaute wieder in die Runde.
„Die alten Routen sind verdammt gefährlich.“ Luisa sah sie lange an. Wieder schwieg sie.
„In Ordnung. Einen letzten Gefallen erweisen wir dir“, sagte Felicitas. Mürrisch wandte sich Georg ab. „Noel, Fero! Ihr bringt sie durch die alten Routen.“ Ein großer Mann mit kastanienbraunem Haar trat ein. Der Bart, den Noel trug, musste nun schon mehrere Wochen alt sein. Fero stammte ursprünglich aus Albanien, doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Sein rabenschwarzes Haar war lang und ungepflegt. Er trug einen Vollbart, der ein wenig über sein Kinn hinausreichte.
„Bringen wir es hinter uns“, sagte Jana und strich ihren grauen Anorak glatt. Fero zog sich seine gefütterte Jeansjacke über, während Noel seinen dunkelblauen Anorak überstreifte.
Die alten Routen führten durch die Häuser hinab unter die Erde zu den verlassenen Zugtunneln und von dort durch die zerstörten Stadtteile bis nach draußen. Diese Routen wurden nur von den Streunern genutzt. Sie kamen immer bei Neumond und hielten sich darüber hinaus vermehrt auch in den Tunneln oder in den zerstörten Häusern auf. Diese Routen waren keine Wege, die man freiwillig einschlagen würde. Doch Jana und Gina mussten. Sie hatten keine Wahl. Sie mussten schnellstens aus der Stadt kommen.
2045. Flughafen Frankfurt. Ein paar Monate zuvor.
„Pass auf! Es ist ganz einfach! Du sagst uns, an welchem Ort er sich versteckt hält, und wir lassen dich laufen!“ Leo ging vor dem Mann, der an einen Stuhl gefesselt war, in die Hocke. Sie hatten ihn stundenlang gefoltert, und er war von Blut überströmt.
Als er nicht antwortete, erhob sich Leo genervt.
„Hör mir zu!“, sagte Tristan und setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Gefangenen stand.
„Er wird gleich die Nerven verlieren, und das willst du nicht. Du weißt, wie es ist, wenn ihn die Geduld verlässt.“ Er schaute ihn an. Der Mann röchelte. „Wir wissen, dass du zu seiner Gruppe gehörst. Wo versteckt er sich?“ Tristan lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Leo, der weiter hinten an einem Tisch lehnte, schaute an die Decke.
„Okay! Du willst nicht reden!“ Er stieß sich von dem Tisch ab.
„Bitte, bitte! Ich rede!“, Panisch versuchte der Mann zu entkommen.
„Dann rede!“ Leo trat eine Schüssel, die in dem heruntergekommenen Büro stand, zur Seite. „Er hat die Stadt verlassen. Er will nach Köln.“ Der Mann zuckte zusammen, als Leo sich näherte. „Welchen Weg hat er genommen?“, fragte Tristan. „Erst die Autobahn und dann durch die Wälder“, stammelte er.
Ohne länger Zeit zu verschwenden, erschoss Leo den Mann. Die beiden Forsaken schulterten ihre Rucksäcke. „Dann begeben wir uns mal auf die Suche!“, meinte Tristan. Sie erreichten ein altes Parkhaus, das früher einmal voll von Autos gewesen sein musste. Heute waren es lediglich eine Handvoll. Leo und Tristan stiegen in den Wagen ein und verließen das Parkhaus. Sie entschieden sich, für ein Stück des Weges die Autobahn zu nutzen, auch wenn diese perfekt für Hinterhalte war. Doch nach kurzer Zeit verließen sie die Schnellstraße bereits und fuhren in den Taunus. Durch dieses Gebirge bewegte er sich wahrscheinlich. Sie mussten ihn finden, bevor er nach Köln gelangen konnte.
Tristan schaute aus dem Fenster. Am Straßenrand lag ein zerfleddertes Reh. Darüber hatten sich Streuner hergemacht, keine Frage. Es war tot.
Sie passierten ein paar verlassene Häuser. Die Menschen, die einst hier gelebt hatten, waren heute mit großer Wahrscheinlichkeit selbst zu Streunern geworden. Sie hatten eine Infektion mit dem gefährlichen Bakterium nicht verhindern können. Das Impfserum war ursprünglich von Heliosolex zur Bekämpfung des Robigo-Virus entwickelt worden. Nach einiger Zeit hatte sich jedoch herausgestellt, dass die Geimpften von einem Fäulnisbakterium mit dem Namen Putor befallen wurden, der bei ihnen Mutationen hervorrief. Diese Impfmutanten wurden binnen weniger Stunden zu wilden Bestien, die mit einem Biss das Putorbakterium übertragen konnten. Da sie höchst aggressiv und von Rastlosigkeit geprägt waren, nannten die Menschen sie Streuner. Sie erschienen jeweils zu Neumond in Scharen und hielten sich primär in Tunneln, dunklen Gebäuden oder auch im Wald auf. Die Mutation verlief in vier Phasen. Slims befanden sich in der ersten Phase und waren durch großen Gewichtsverlust stark abgemagert und ihre Haut hing schlaff herab. Das zweite Stadium ließ die Slims zu Melos werden, aufgedunsene Wesen, deren Gliedmaßen sich stark verformten und am Ende kaum noch zu erkennen waren. In der dritten Mutationsphase wurden die Impfmutanten zu Flüsterern, die sich auf allen Vieren bewegten und in der Lage waren, Stimmen und Geräusche perfekt nachzuahmen und auf diese Weise Menschen in ihre Nähe zu locken, um dann über sie herzufallen. Das vierte und letzte Stadium, das ein Streuner durchlief, war das Putor-Endstadium. Die sogenannten Veitzer konnten ihre Bewegungen nicht mehr kontrollieren und waren durch extreme Aggressivität gekennzeichnet.
Es gab jedoch viele Menschen, die sich nicht haben impfen lassen und daraufhin mit dem Robigo-Virus infiziert wurden. Im Verlauf der Erkrankung durchlitten sie massive Magen-Darm-Beschwerden mit rostfarbenen Ausscheidungen sowie Blutungen, Schwindel und Schweißausbrüche. Weiterhin bildeten sich rostfarbene Flechten auf der Hautoberfläche.
Bei zahlreichen Robigo-Patienten führte die Erkrankung zu massiven Organschädigungen und alsbald zum Tod.
Zwei namhaften pharmazeutischen Labors, Heliosolex und F.A.U.N.A., gelang es innerhalb kurzer Zeit einen Impfstoff für eine Lebendimpfung zu entwickeln. Bei der Entwicklung eines weiteren Impfstoffes, eines MRNA-Impfstoffs gab es jedoch einen Zwischenfall, bei dem ein Bakterium namens Putor in das Impfserum gelangte. Die auf diese Weise zunächst unbemerkt kontaminierten Impfseren gelangten versehentlich in Umlauf.
Manche Patienten konnten noch kurz nach der Infektion mit einer Lebendimpfung von Heliosolex oder F.A.U.N.A. versorgt werden, die sie vor dem Schlimmsten bewahrte. Da die abgeschwächte Variante des Robigo-Virus sich bei diesen Patienten nach erfolgter Impfung noch für eine Weile im Organismus befindet und als Nebeneffekt auch eindringende Bakterien bekämpft, sind Geimpfte teilimmun gegen verschiedene Bakterien, darunter das Putor-Bakterium, geworden.
Im Vorbeifahren sahen sie in einem Waldstück ein paar Slims, die kreischten, da sie ein Tier rochen.
Leo überfuhr einen von ihnen, der auf der Straße stand. Wieder fuhren sie an ein paar verlassenen Häusern vorbei.
Je weiter sie der Straße folgten, desto höher kamen sie in den Taunus.
„Dort ist sein Wagen!“ Tristan wies auf einen weißen Jeep.
Die beiden stoppten und verließen ihr Auto.
„Sprit war alle“, sagte Leo, nachdem er in den Jeep geschaut hatte.
„Finden wir ihn!“ Tristan entsicherte sein Gewehr.
Gemeinsam begaben sie sich auf die Suche. In diesen Gebieten musste man auf Streuner und Putors aufpassen. Diese liebten es, sich in den dichten Wäldern aufzuhalten. Die Melos hasste Leo wie die Pest. Sie quollen auf wie ein Schwamm, nahmen an Gewicht zu, und man erkannte kaum, dass sie einmal Menschen gewesen waren. Vor allem hatten sie eine ungeheuerliche Kraft.
„Pst! Flüsterer!“, raunte Tristan. Aus einiger Entfernung klang eine flüsternde Stimme, die sich anhörte, als würde sich dort ein Mensch aufhalten. Immer wieder verstummte das Flüstern. Dieser Mutant war ein Jäger. Er konnte sehr gut hören und lockte mit dem Flüstern seine Opfer. Sie waren vor allem schnell. Die beiden Forsaken setzten ihren Weg fort. Gott alleine wusste, wie viele Streuner-Mutationen es noch gab.
Weit konnte er nicht mehr sein. Leo suchte die Umgebung ab. Nichts. „Er muss tiefer in die Wälder gegangen sein“, meinte Tristan und sah den Pfad entlang. „Es wird dunkel. Suchen wir uns einen Unterschlupf“, schlug er vor. „Gute Idee“, erwiderte sein Kamerad. Sie fanden eine alte verlassene Scheune, in die sie für die Nacht einzogen. Sie verschlossen die Tür fest, um zu verhindern, dass Streuner oder Putors eindrangen.
„Strom gibt es auch nicht mehr! So eine Scheiße!“, fluchte Tristan.
„Dann musst du dich eben wärmer zudecken“, entgegnete Leo. Sein Kamerad brummte. „Ich übernehme die erste Wache.“ Er stand auf, ging nach oben. Leo ruhte ein wenig.
Mitten in der Nacht erwachte er, da er einen entfernten Schrei gehört hatte. Tristan kam von oben herunter. „Da draußen versammelt sich ein Haufen Slims. Irgendwas zieht sie an.“ „Na hoffentlich nicht Aaron“, Leo stand auf und warf sich seine Militärjacke über. Sie traten aus der Scheune. „Mach zu!“, forderte Leo. Tristan schob die Scheunentür zu. Mit dem Gewehr im Anschlag machten sich die beiden Forsaken auf den Weg. Sie redeten nicht. Worte konnten sie in dieser Nacht ihr Leben kosten.
Leise gingen sie den Pfad hinab. Fünf Slims kreuzten in einiger Entfernung den Weg. Sie knurrten, zogen jedoch weiter. „Was machen die da unten?!“ Ungläubig schauten sie einander an. „Finden wir es heraus.“ Leo rückte lautlos vor.
Der Pfad schlängelte sich mehrere steile Hügel hinab und führte durch dicht bewaldetes Gebiet. Die beiden begannen den Abstieg. Bald vernahmen sie das Rauschen eines Wildwasserbaches.
Ohne Worte benutzen zu müssen, entschieden sie sich, den Weg zu verlassen und querfeldein zu laufen. Der rauschende Wildwasserbach stürzte von dem nächsten Hügel in die Tiefe. Von dem Hügel aus konnten sie immer noch nicht nach unten schauen. Gerade torkelte ein Putor nach unten.
Die beiden Forsaken rutschten den Hügel hinab. Es waren nichts weiter als drei große Wildschweine. Die beiden schüttelten den Kopf und machten sich auf den Rückweg.
„Sie haben ihn nicht erwischt. Was ein Glück“, sagte Tristan, nachdem sie die Scheune erreicht hatten. „Die sind über das Wild hergefallen“, fügte Leo hinzu. „Dann müssen wir ihn wohl weitersuchen“, meinte Tristan. „Ja“, sein Kamerad nickte. „Jetzt leg du dich hin.“ Leo stand auf und ging nach oben. Tristan legte sich zur Ruhe.
Am nächsten Morgen gingen sie wieder zu dem Ort, an dem die Mutanten über das Wild hergefallen waren. Die Streuner und Putors waren schon längst weitergezogen.
Sie folgten anschließend dem Wildbach, der von dort aus weiterfloss. „Was meinst du? Wie weit ist er gekommen?“ „Keine Ahnung.“ Der Pfad führte von hier aus hinter einem großen massiven Stein entlang und dann gerade nach oben auf einen Hügel. Die beiden Männer stiegen hinauf. Oben angekommen sahen sie in der Mitte des Hügels einen kaputten Strommast, der in der Hälfte gebrochen war. Die abgebrochene Hälfte lag auf der Wiese, die sich hier oben erstreckte.
Der Pfad stieg weiter an. „Es wird Zeit, dass wir ihn finden“, murrte Tristan. Leo nickte. Sie setzten ihren Weg fort und stiegen weiter auf.
Plötzlich blieb Leo stehen und sah durch das Zielfernrohr seines Gewehrs. „Wir haben ihn! Da oben ist er!“ Er deutete mit seinem Finger den steilen Hang hinauf. Auch Tristan sah ihn. Er kämpfte sich auf allen vieren nach oben. Die beiden Forsaken eilten hinter ihm her.
Oben an einem alten Wartungshäuschen, das neben einem rostigen alten Strommast stand, lehnte er. Aaron zitterte. Eine große Bisswunde klaffte an seiner Schulter. Die Mutanten hatten sein T-Shirt zerrissen und ihn gebissen.
„Ahh!“, stöhnte er. Leo hob die Waffe. „Bitte! Ich werde sowieso sterben. Lasst mich noch etwas sagen“, brachte er hervor.
„Was willst du sagen?“, fragte Tristan.
„Ihr müsst sie retten. Heliosolex wird sie sonst töten.“ Er atmete schwer.
„Wen sollen wir retten?“ Leo starrte ihn an. „Gina“, stammelte er. „Wir müssen ihn erschießen, bevor er dich anfällt!“ Tristan hob die Waffe. „Warte!“, mahnte Leo. „Wieso tötet Heliosolex sie?“, hakte er nach. „Sie ist im Sanktuarium. Dort sterben alle.“ Blut quoll aus seinem Mund. Tristan schoss. Sein Kamerad drehte sich um und sah ihn an. „Er hätte sich verwandelt“, verteidigte er sich. „Schon gut“, antwortete Leo. Die beiden machten sich auf den Rückweg. Doch auf dem ganzen Weg war Leo nachdenklich. „Du glaubst doch nicht ernsthaft diesen Schwachsinn, oder?!“ Sein Kamerad sah ihn an. „Was ist, wenn er die Wahrheit sagt?“, stellte Leo die Gegenfrage.
„Was hätten sie für einen Grund, uns so etwas vorzuenthalten?“, wollte er wissen.
„Keine Ahnung. Hast du von diesem Sanktuarium schon mal etwas gehört?“ Leo schaute ihn an. „Tristan! Hast du von diesem Ort schon mal gehört!“, wurde er etwas lauter, als sein Kamerad nicht reagierte. Dieser schüttelte den Kopf. Die beiden Forsaken machten sich auf den Rückweg in Richtung Frankfurt. Leo war die ganze Fahrt über in Gedanken. Sie passierten die erste Kontaminationsschleuse. Hier wurde ihr Wagen dekontaminiert. In der zweiten Schleuse geschah dasselbe mit ihnen. Erst danach durften sie weiterfahren. In der dritten Schleuse wurden sie auf Infektionen aller Art geprüft, Fieber wurde gemessen und nach Bisswunden gesucht. Bei der Sicherheitsschleuse wurden ihre Ausweise überprüft und zusätzlich ihre Körper nach Waffen abgetastet. Anschließend wurde das Tor geöffnet, und sie durften einfahren.
Sie befanden sich im zweiten Sicherheitsbereich. Der Bereich, in dem die Forsaken und Heliosolex zu Hause waren. Überall standen Panzerwagen. Meterhohe Zäune schotteten sie von den anderen Bezirken ab. Auf einem Hochhaus war das Bild von Kassandra abgebildet. Sie war die Frau des Firmeninhabers und somit auch die Chefin. Unter ihrem Bild hing ein Banner, auf dem dick und fett geschrieben stand:„Der Erste Weg formt unser Bestehen!“
Leo fragte sich, an welchem Ort sich dieses Sanktuarium befand. Es musste hier irgendwo in der Stadt sein.
Die beiden Forsaken mussten Meldung machen. Immer wenn ein Team von einer Patrouille oder dergleichen zurückkehrte, musste es in der Kommandozentrale Bericht erstatten. Dies garantierte, dass alle immer zurückkamen und die, die verschollen waren, gesucht werden konnten.
Tristan stieß die Tür zu dem Haus auf, in dem sich die Zentrale für alle militärischen Operationen befand. Das Haus musste früher einmal einer Familie gehört haben, denn an den Wänden, an dem der Putz noch nicht abgeblättert war, waren Gemälde von kleinen Kindern zu erkennen.
„Leo, Tristan. Euer Bericht“, forderte Marius, der Anführer der Forsaken. „Wir haben ihn gefunden. Er wurde von Streunern angegriffen und infiziert. Wir haben ihn erschossen“, berichtete Tristan. „Gute Arbeit. Hat er irgendetwas über den Verbleib seiner Gruppe erzählt?“, wollte der Kommandant wissen. „Nein“, entgegnete Leo. „Hat er sonst noch etwas von Bedeutung erzählt?“ Marius sah die beiden an. Tristan drehte seinen Kopf und schaute Leo an. Lange sahen sie einander an. „Gab es da noch was?“, bohrte der Anführer der Forsaken nach. „Aaron hat sonst nichts gesagt“, verneinte Tristan. Marius nickte. „Okay. Wegtreten!“, befahl er. Die beiden entfernten sich aus der Kommandozentrale. „Hey! Ich habe für dich gelogen, Buddy. Aber jetzt musst du es gut sein lassen“, forderte er. Leo nickte. Doch seine Gedanken waren bei dieser Frau. Gina. Was passierte dort in diesem Sanktuarium mit den Frauen? Wer war Gina? Diese Gedanken ließen Leo nicht los. Er machte sich auf den Weg zu ihrem Lager.
Die meisten, die in Bezirk zwei lebten, lebten in der alten Taunusanlage. Das riesige Einkaufszentrum bot Platz für alle. Heliosolex hatte es umgebaut. Leo, Tristan und ihre Kameraden wohnten in einem ehemaligen Kleidungsgeschäft, das für sie zu einer Art Kasernenzimmer umgebaut worden war. Die Führung von Heliosolex lebte in den Hochhäusern, die in der Nähe der Taunusanlage standen.
Die alten Rolltreppen funktionierten schon lange nicht mehr. Sie machten sich auf den Weg in die untere Etage des ehemaligen Einkaufstempels. Tristan grüßte Cedric, der mit seiner Truppe wahrscheinlich die Stadt verließ, mit erhobener Hand.
„War schön beim letzten Mal, Jasmin!“, rief Tristan nach drüben.
„Fand ich auch“, erwiderte die Forsakin. „Hast du mit Tristan auch Sex gehabt?“, wollte einer ihrer Kameraden wissen.
Cedric lachte.
„Haut rein!“, rief Leo ihnen hinterher. „Hattest du sie auch schon gehabt?“, wollte er danach wissen.
„Ja. Ich mag sie“, erwiderte sein Buddy. „Also wird da jetzt was Ernstes draus?“, fragte er. „Vielleicht“, entgegnete Tristan.
„Du bist eine männliche Hure.“ Leo schaute zu ihm herüber. „Das solltest du auch mal probieren. Bist schon sehr einsam“, antwortete Tristan. „Was? Von Tür zu Tür gehen und mit den Frauen schlafen? Nein“, Leo lächelte.
„Hey! So extrem ist es auch nicht. Ich hatte nur was mit Valentina, Sarah und … Jasmin“, gestand er ehrlich.
„Reicht doch aus!“ Sein Kumpel drückte die Klinke ihrer Unterkunft herunter. Sie waren angekommen.
Nacheinander betraten sie ihr Lager. Drinnen saß Lars auf einem Stuhl und las in einer altenPlayboy-Zeitschrift. Camilla lag auf ihrem Feldbett und hatte die Augen geschlossen.
Die anderen waren offensichtlich nicht da.
„Siehst du das!“ Tristan deutete auf die Zeitschrift. „Ja, ich sehe es. Wenigstens ist Camilla bei mir, und ich bin ich nicht der Einzige, der so denkt.“ Er wies auf seine schlafende Kameradin. „Das stimmt nicht. Camilla und ich hatten gerade vorhin noch Sex!“, brachte Lars hervor. „Schwachsinn!“, die Frau drehte sich um und trat nach Lars. Der sprang auf und eilte davon. Dafür, dass sie alle Mitte dreißig oder Ende dreißig waren, verhielten sie sich ganz schön kindisch, fand Leo.
„Ich gehe nochmals an die Luft“, sagte er schließlich. Er verließ das Lager und machte sich auf den Weg raus aus der Taunusanlage. Auf dem großen, alten, rissigen Parkplatz davor blieb er stehen und atmete die frische Luft ein. Die Tore, die man passieren musste, um den Bezirk zu verlassen, waren verschlossen und von Soldaten bewacht. Im kompletten Heliosolex-Bereich herrschte jetzt Ausgangssperre, die aber nicht für sie galt.
Leo dachte an die Frau aus Aarons Erzählung. Gina. Wer war sie? Woher stammte sie? Was war dieses seltsame Gebäude Sanktuarium? Er rieb sich das Gesicht und starrte in die Ferne. Dort hatten sich einst prächtige Hochhäuser erhoben, die heute brüchig waren und einzustürzen drohten. Manche waren auch schon zusammengestürzt, und nur noch die Überreste standen. Irgendwo da draußen musste dieses Sanktuarium sein. Wenn er doch nur wüsste, in welchem Bezirk. Auch wenn Leo sich gegen die Gedanken wehrte, ließen sie ihn nicht los. Er musste herausfinden, was sich hinter dem Sanktuarium verbarg. Er musste diese Frau finden.
Was wurde dort gemacht? Aaron hatte von schlimmen Dingen gesprochen.
Er musste herausfinden, was da vor sich ging.
„Was ist los?“, fragte Tristan, der sich von hinten näherte.
„Nichts. Gar nichts“, erwiderte Leo.
„Das, was Aaron gesagt hat, beschäftigt dich, oder?“ Lange sahen sie einander an.
„Weißt du noch, als wir vor dem Breakdown der Eliteeinheit Forsaken beigetreten sind? Wir hatten gerade das Auswahlverfahren hinter uns und gaben uns ein Versprechen. Kannst du dich noch daran erinnern, wie es lautete?!“ Tristan stellte sich in seinen Blick.
„Ja. Wir teilen alles miteinander. Jeder ist für den anderen da, und jeder zieht den anderen aus der Scheiße, falls notwendig“, wiederholte Leo das Versprechen.
„Wieso hältst du dich nicht daran? Warum erzählst du mir nicht, was dich bedrückt? Weshalb lässt du mich im Dunkeln?“ Tristan sah ihn an.
„Na gut. Aaron hat mich ins Grübeln gebracht.“ „Okay. Er hat dir wahrscheinlich nur Unsinn erzählt“, Tristan legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Was ist, wenn er die Wahrheit gesagt hat. Wer ist zum Beispiel Gina? Was ist das Sanktuarium?“ Leo rieb sich im Gesicht. „Aaron hat um sein Leben gefürchtet und hat uns irgendeinen Scheiß erzählt. Dimitri hat sich damals auch irgendetwas überlegt, damit er nicht sterben muss.“ „Dimitri war ein Verräter. Das ist etwas anderes. Aaron verbrachte seine letzten Minuten damit, uns etwas Schreckliches mitzuteilen, was er mit seinen eigenen Augen gesehen hat. Ich weiß, dass er es nicht umschrieben hat, ich habe in seinem Blick Angst und Verzweiflung gesehen“, beendete Leo seine kurze Ansprache. „Okay. Ich verstehe. Es lässt dich nicht los.“ Tristan legte beide Hände auf seinen Kopf. „In Ordnung. Morgen Früh verlassen wir den Bezirk über die Ostrouten und suchen dieses Sanktuarium.“ Er ging auf ihn zu.
„Ich mach das lieber alleine, Buddy“, sagte Leo.
„Das kannst du vergessen. Wenn wir zugrunde gehen, dann zusammen“, erwiderte Tristan. „Am besten erzählen wir das niemandem.“
„Schon klar“, entgegnete Leo.
Sie kehrten zurück zu ihrem Lager. Die anderen hatten anscheinend ein bisschen getrunken, denn Justus torkelte leicht.
Die Nacht, die ruhig verlief, dauerte ewig. Früh am nächsten Morgen konnte Leo nicht mehr schlafen und stand auf. Leise verließ er den Raum.
Einige Zeit später kam Tristan, bereit zu gehen, nach draußen und reichte ihm seinen Rucksack. „Sollen wir?“, fragte er. „Ja, je früher wir gehen, desto weniger fallen wir auf“, meinte Leo.
Gemeinsam gingen sie zu der Waffenausgabe. Martin händigte ihnen ihre Waffen aus. Tristan trug sie auf der Liste der Abwesenden ein.
„Vanessa und Samir sind auch draußen“, stellte er fest. „Ja, die sind circa eine Stunde vor euch raus“, sagte Martin.
Sie verließen den Bereich von Heliosolex und machten sich auf den Weg in Richtung des alten Bankenviertels. „Seltsam! Auf der Einsatzkarte ist kein Ort namens Sanktuarium verzeichnet“, bemerkte Leo. „Das bedeutet, wenn dieser Ort tatsächlich existiert, dann wurde er uns vorenthalten.“ Tristan schaute durch das Zielfernrohr seines Gewehres in die Ferne.
„Hier sind nicht einmal Streuner“, gab er von sich. Mit der Zeit näherten sie sich dem Main. Der Fluss war verdreckt, und allerlei leblose Körper schwammen auf diesem Abschnitt darin. Die Boote, die vertäut worden waren, wurden seit Jahren nicht mehr bewegt. Auch die Schleuse wurde seit Langem nicht mehr geöffnet, weswegen das Wasser jetzt so verschmutzt und verunreinigt war.
Die meisten Brücken, an denen sie vorbeikamen, waren gesprengt worden. An irgendeiner Stelle mussten sie jedoch den Main überqueren.
„Die Straßen sind ja gesäubert!“ Entgeistert wies Tristan auf die mit Holz zugenagelten Türen und Fenster der Häuser. „Hier stimmt was nicht.“ Leo sah zu der anderen Seite. Weiter vorne sahen sie dann eine große Absperrung.
„Die haben das zu einem Quarantänegebiet der Stufe drei ausgeschrieben!“, sagte Leo und deutete auf das Graffiti. „Jetzt wissen wir auch, was hier nicht stimmt“, fügte Tristan hinzu. „Gehen wir weiter.“ Leo schwang sich über die Absperrung. Auch diese Brücke war gesprengt worden. Lediglich das steinerne Brückengeländer hatte die Sprengung überdauert. Tristan zog sich auf das Geländer und balancierte vorsichtig darüber. Es war nicht stabil, denn hinter Leo brach es herunter. „Darüber kommen wir nicht mehr zurück“, bemerkte er.
Auf dieser Seite waren die Häuser von Schimmelpilzen befallen, die den Verfall der Gebäude beschleunigt hatten. Tristan und Leo setzten sofort ihre Gasmasken auf, als sie tote Ratten und Mäuse sowie befallene Pflanzen entdeckten. Die Pflanzen, die befallen waren, waren welk und sahen so aus, als wären sie vertrocknet. Hinzu kam eine leichte graue Verfärbung, die je nach Stadium intensiver wurde. Menschen und Tiere mutierten, Pflanzen nicht. Sie starben langsam.
„Die haben nicht zu viel versprochen“, scherzte Tristan.
Über eine Notfalltreppe stiegen sie auf ein Gebäude hoch, das von Efeu und wildem Wein bewachsen war, der schon lange von dem Putor-Bakterium befallen war. Die dunkle graue Farbe hatte die ursprüngliche Farbe komplett verdeckt.
„Wo willst du hin? Was hast du vor?“, fragte Leo. „Wir nehmen eine Abkürzung“, sagte Tristan. „Du willst doch nicht etwa über die Gerüste?!“ Er blieb stehen.
„Doch will ich. Komm“, forderte Tristan. „In Ordnung.“ Die beiden kämpften sich durch das Gebäude, das mit Möbeln zugestellt war, nach oben. Die Menschen hatten in den Häusern alles mit Einrichtungsgegenständen versperrt, um ein Eindringen der Streuner zu verhindern. In den wenigsten Fällen war die Maßnahme erfolgreich. Man musste wissen, wie man ein Gebäude verbarrikadierte, und über dieses Wissen hatten die meisten nicht verfügt. Leo kletterte auf einen Balkon, vor dem sich das Gerüst in die Höhe hob. Tristan war schon weiter oben. Schnell folgte er ihm. Nach einiger Zeit befanden sie sich ganz oben. Das Gerüst deckte eine Reihe von Häusern ab und ermöglichte ihnen, einige Straßenzüge zu überspringen und somit schneller voranzukommen. Irgendwo unten hörten beide plötzlich Kreischen. Ein Slim. „Diese Viecher sind also auch hier!“, knurrte Leo. „Komm. Wir gehen besser weiter“, meinte sein Freund. Zügig setzten sie ihren Weg fort. Teilweise führte der Weg auch über das Dach, auf dem Gerüstabschnitte aufgebaut worden waren.
Für einen kurzen Moment blieben beide stehen und schauten zu den großen Hochhäusern, hinter denen die strahlende Sonne nur teilweise zu sehen war.
Leo beugte sich über die Brüstung und blickte auf die leeren Straßen. Seit ewigen Zeiten standen dort die Autos. Die Straße und die umliegenden Häuser waren mittlerweile von Pflanzen bewachsen.
Der Ausblick über die Stadt war das Schönste. Er gefiel ihnen beiden.
„Lass uns weitergehen“, sagte Leo und ging voraus. Tristan folgte ihm. Irgendwann mussten sie absteigen, um nach unten zu kommen. Leiter für Leiter kletterten sie hinab.
Auf der Höhe des dritten Stocks gingen sie in Deckung, als ein Slim auf der Innenseite an einem zersplitterten Fenster vorbeiging. Wieder gab er schrille Schreie von sich. Diese Infizierten waren schon lange nicht mehr Herr ihrer Sinne. Und all das nur wegen eines Versprechens, das Heliosolex nicht halten konnte. „Wir werden schnellstmöglich einen Impfstoff gegen dieses verheerende Robigo-Virus entwickeln“ waren die Worte des Firmeninhabers damals. Leo konnte sich noch gut daran erinnern. Dann hatten sie einen entwickelt. Und bekamen von der Regierung eine Notfallgenehmigung. Sie übergingen wichtige notwendige Testphasen, und die Lage eskalierte. Die ersten geimpften Menschen mutierten durch den Impfstoff. Sie entwickelten eine besonders hohe Sensibilität auf das Putor-Bakterium, mit dem sie sich daraufhin infizierten. Wieso hatte die Regierung dies nicht verhindert und veranlasst, dass der Impfstoff getestet wurde? Leo konnte das nicht begreifen. Jetzt gab es keine Regierung mehr. Sie fiel direkt nach dem Breakdown.
Tristan klappte leise die Leiter herunter, um zu verhindern, dass sie gleich gegen Streuner kämpfen mussten, die sich in dem Stockwerk aufhielten. Zurzeit war die Neumondphase. Überall waren diese Mutanten zu finden. Sie kamen wie Ratten aus ihren Löchern. Gerade torkelten fünf Slims unten über die zugewachsene Straße. Sie stiegen weiter hinab. Das Gebäude hatte acht Stockwerke. Also mussten sie acht Mal nach unten steigen. Kaum hatten sie Boden unter ihren Füßen, setzten sie ihren Weg fort. Sie folgten Spuren, die Heliosolex auf dem Weg zu diesem Ort Sanktuarium gemacht haben könnte. Bisher waren sie noch nicht fündig geworden. Aber wenn sie etwas verheimlichten, dann hier in den äußeren Bezirken.
Leo drückte ein Hoftor auf. Mit erhobenen Waffen betraten sie den Hof. Nichts war zu hören. Kein Streuner war zu sehen. Das musste nichts bedeuten. Die Straße war blockiert, weshalb sie durch dieses Haus kommen mussten.
In dem Haus war es dunkel. Es war ein altes Restaurant. Die Läden waren verschlossen. Es roch modrig. Und dann standen sie bis zum Knöchel im Wasser. Dieses Gebäude war geflutet, denn je weiter sie in die anderen Räume vordrangen, desto tiefer wurde das Wasser. Tristan zielte in die Vorratskammer. „Gesichert!“, gab er von sich. „Es scheint, als müssen wir hierdurch.“ Leo wies auf den Keller, der voll mit Wasser stand. Sein Kamerad nickte, als er zu den Überresten der Holztreppe schaute, die eigentlich als ihr Übergang zur anderen Straße hätte dienen sollen.
„Dann hol mal tief Luft!“, witzelte er. „Los, mach schon!“, sagte Leo barsch.
Tristan holte tief Luft und tauchte ab. Sein Kamerad und Freund folgte ihm. Es war dunkel, und Licht kam nur matt von draußen herein.
Es dauerte einen Augenblick, bis sie ihre Taschenlampen eingeschaltet hatten. Der Keller bestand aus einem Flur und vier Räumen. Der eine war ein Abstellraum. Möbel trieben durch den Raum. Die nächsten zwei hatten früher als Kühlkammern gedient. Der vierte Raum war ihr Ausgang. In der Wand klaffte ein großes Loch, durch das sie nach draußen gelangen konnten. Auch dieser war einmal eine Abstellkammer gewesen. Eine alte Waschmaschine trieb Leo entgegen, sodass er ausweichen musste. Nacheinander tauchten sie nach draußen und dann an die Oberfläche. Auf dieser Seite des Hauses erstreckte sich ein großer See über die einstige Straße, in dem auch Autos schwammen.
Teile des Sees waren mit Wasserpflanzen bewachsen.
„Pass auf!“, sagte Leo und zeigte auf die Pflanzen hinter seinem Kameraden. „Danke“, erwiderte der, als er die welken und grauen Pflanzen sah.
Sie schwammen auf die andere Seite, auf der sie wieder festen Grund unter die Füße bekamen.
„Eigentlich hatte ich nicht nass werden wollen“, murrte Tristan. „Oh Gott!“, antworte Leo grinsend. Beide lachten kurz, ehe sie weiterzogen. Die folgenden Straßenzüge waren von der Natur fast vollständig eingenommen worden. Leo ging vorneweg, und sein Kamerad folgte ihm.
„Halt mal an! Sieh dir das mal an!“, er wies auf ein Graffiti an der Wand. Sein Freund drehte sich um und folgte ihm zu der Wand. Dort war der Satz an die Wand geschrieben, mit der sie die Katastrophe bekämpften:„Der Erste Weg formt unser Bestehen!“„Das bedeutet, dass sie hier gewesen sind“, bemerkte Leo. „Ja. Allerdings vor langer Zeit“, stimmte Tristan zu.
„Hat nichts zu heißen. Ich weiß“, sagte sein Kamerad. „Los, gehen wir weiter.“ Tristan setzte sich in Bewegung. Sie kämpften sich durch enges Gestrüpp. Dazu benutzten sie ihre Macheten.
Dahinter erhoben sich die Hochhäuser des alten Bankenviertels. Erst nachdem sie sich durch die Pflanzen gekämpft hatten, konnten sie die Wolkenkratzer in ihrer vollen Größe sehen. Manch eines war sehr instabil und drohte einzustürzen.
„Wenn es das Sanktuarium gibt, dann ist es ein Krankenhaus“, sagte Leo. „Was macht dich so sicher?“, wollte sein Kamerad wissen. „Na ja. Heliosolex hat, seit wir zu ihrer Spezialeinheit gehören, den Menschen immer helfen wollen und hat ihnen auch geholfen. Sie hatten sogar eigene Ärzte“, sagte er. „Womöglich hast du Recht. Sie werden nicht mehr viele Ärzte haben, wahrscheinlich nur noch ein paar“, fügte er hinzu. Leo schwieg.
„Hast du eigentlich schon einmal daran gedacht, dass das Sanktuarium außerhalb von Frankfurt sein könnte?“, wollte Tristan wissen.
„Daran habe ich noch nicht gedacht“, gestand sein Freund ehrlich.
Sie gingen weiter.
„Sehen wir uns doch mal in dem Krankenhaus um.“ Er deutete auf den Eingang eines Hospitals, das sich am Ende der Straße befand.
„Gut. Vielleicht finden wir ja was“, stimmte Leo zu.
Vorsichtig betraten sie das Krankenhaus. Drinnen war es still. Nichts war zu hören.
Erst im zweiten Stock konnten sie eine flüsternde Stimme vernehmen. „Scheiße! Das kann ich ja jetzt gar nicht brauchen!“ Tristan zielte in alle Richtungen. „Er ist wahrscheinlich hinter der Tür“, mutmaßte Leo.
„Vielleicht. Vielleicht sitzt er auch im Luftschacht über uns.“ Tristan wies auf den dicken Entlüftungsschacht über ihnen. Gerade als sie weiter nach oben gehen wollten, passierte es. Plötzlich krachte es, und ein Flüsterer fiel Leo an. Mit vielen schnappenden Kieferbewegungen versuchte er, ihn zu beißen. Tristan schoss drei Mal. Schreiend flüchtete der Streuner in die Gänge. Er bewegte sich auf allen vieren fort. „Verdammte Scheiße! Du hattest Recht!“, sagte Leo zu seinem Freund, der ihn gerade gerettet hatte.
„Lass uns ein wenig vorsichtiger sein“, meinte Tristan. „Ja, was den Flüsterer angeht, ist es jetzt zu spät. Den müssen wir jetzt töten, bevor er einen von uns infiziert“, erwiderte Leo.
Beide luden ihre Waffen durch und bewegten sich durch den Gang.
„Pst! Leise! Ich höre seine Stimme!“, flüsterte Tristan. Beide hielten inne. Ganz schwach, ganz leise konnten sie ihn hören. Sie konnten jedoch nicht die Richtung ausmachen, aus der die Laute kamen.
Vorsichtig bewegten sie sich vorwärts. Plötzlich griff der Flüsterer wieder an. Erneut sprang er aus dem Luftschacht. Dieses Mal schnappte er wild nach Tristan. Leo schoss ihm in den Kopf. Der Streuner war tot.
„Die Flüsterer bewegen sich gerne durch die Entlüftungssysteme. Das können wir melden. Ist wichtig für uns alle“, sagte Tristan. Sein Kamerad schwieg. Die Gänge waren leer oder zugestellt. Die beiden Forsaken schwangen sich über Krankenbetten, die zur Blockade in den Weg gestellt worden waren. Die Tür zu den Operationssälen stand offen.
„Hier ist niemand mehr! Alles leer!“, stellte er fest. Tristan nickte.
„Schauen wir, ob sie hier waren“, sagte er und machte sich auf den Weg zur Treppe.
Leo folgte ihm. Gemeinsam stiegen sie hinab. „Ich denke, wir treffen da unten auf Streuner“, murmelte Leo. „Glaube ich auch.“ Sein Kamerad steckte seine Pistole in das Halfter und nahm das Gewehr von seiner Schulter.
Ein Schimmelpilz hatte die Wand befallen und war gerade dabei, sich auszubreiten. Ein Rohr hing von der Decke herab und tropfte. Der Pilz sonderte noch keine Sporen ab, weshalb sie noch keine Gasmasken benötigten. Diese Pilze infizierten sie nicht mit dem Putor-Bakterium, allerdings konnten sie Atemwegsbeschwerden und andere gefährliche Dinge im menschlichen Körper auslösen.
Das erste Untergeschoss war die alte Aufnahme. Hier wurden früher die Patienten ins Krankenhaus aufgenommen.
Die Räume waren geplündert worden. Auch zwei Tote lagen inmitten des Raumes. Offenbar waren sie bei Gefechten mit Plünderern ums Leben gekommen. Tristan stieß die Tür zu dem Anfahrtsplatz auf, auf dem die Krankenwagen standen. Schon lange waren sie nicht mehr bewegt worden. Viele von ihnen waren zum Teil schon verrostet oder mit Pflanzen bewachsen.
„Gehen wir weiter“, sagte er, nachdem er die Tür geschlossen hatte.
Die beiden stiegen die Treppen in das zweite Untergeschoss hinab.
Auf dieser Ebene befand sich die ehemalige Radiologie.
Hier waren seltsamerweise keine Streuner. Obwohl Neumond war, hatten sie in diesen Etagen, in denen es sonst von ihnen gewimmelt hätte, keinen gesehen.
Leo öffnete die große Tür zum Flur. Einen Moment lauschten die beiden Forsaken. Es herrschte Stille.
„Irgendwas stimmt nicht.“ Tristan sah sich um. Leo ging weiter. Das Treppenhaus ging auf der anderen Seite weiter herunter.
Die Räume der Radiologie waren leer. Wenn sich Gegenstände darin befanden, dann waren sie meist nutzlos.
Tristan dehnte seinen Nacken, wodurch er knackte. In dem dritten Untergeschoss war die Pathologie. Dort war es dunkel. Im Schein ihrer Taschenlampen konnte sie massive Blutspuren an dem Glas der Tür erkennen. „Ziehen wir lieber die Masken auf“, sagte Leo. Die beiden Forsaken setzten ihre Gasmasken auf und betraten leise die Pathologie. Sie hatten Recht behalten. Die Konzentration des Putor-Bakteriums war hier richtig hoch. Die Topfpflanzen waren dunkelgrau verfärbt, und inmitten des Saals lagen unzählige tote Streuner. Sie waren erschossen worden. Auch Hunde lagen dort.
Teile dieses Geschosses waren zusammengestürzt. An manchen Stellen hatte sich der Schimmelpilz durch den Boden oder durch die Wand gefressen, wodurch große Löcher entstanden waren. Leo ging neben einem dieser Löcher in die Hocke und schaute nach unten.
„Da kamen wohl die Patienten von Heliosolex hin, die tot waren“, mutmaßte er und wies auf einige Betten, in denen leblose Körper festgebunden waren.
„Sie sind tatsächlich hier gewesen“, sagte Tristan und wies auf die Aufschrift an der Wand der Pathologie. Es war dieselbe, die sie auch zuvor gesehen hatten.
Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung.
„Hörst du das?“, fragte Tristan plötzlich. Es war ein Schnaufen, das von irgendwoher stammte. Leo spähte um die Ecke.
„Scheiße! Die Hunde waren nicht tot!“, rief er. „Lauf!“, schrie Tristan. Beide rasten los, als die drei mutierten Hunde ihnen nachrannten. Ihre Gesichter waren aufgequollen und erinnerten an einen Schwamm. Blut und Sabber triefte aus ihren Mäulern. Vor ihnen war der Gang eingestürzt. „Spring!“, schrie Leo und ließ sich in eines der Löcher fallen. Sein Kamerad tat es ihm nach. Die Hunde folgten ihnen nicht. Sie konnten nur das Knurren und Bellen von oben vernehmen. Die Landung war hart. Beide rollten sich ab, um den Fallschaden so gut wie möglich zu minimieren.
„Das war haarscharf!“, befand Leo. Tristan nickte schwer atmend. Er schaltete seine Taschenlampe ein.
„Komm, wir versuchen, wieder nach drinnen, raus aus dieser Halle zu kommen“, schlug Leo vor und zeigte auf die Tür. Mit voller Kraft stemmten sie sich gegen die Tür und brachen sie schließlich auf.
Auch hier lagen unzählige erschossene Streuner. Ansonsten war es still.
„Sie sind definitiv hier gewesen“, sagte Leo wieder. „Sie haben die Streuer erledigt“, erwiderte sein Kamerad.
„Wir sollten uns nur bald auf den Rückweg machen, bevor die Nacht einbricht“, meinte Tristan und schaute zur Decke. „Ist gut. Wir durchkämmen diese Etage noch, und dann verschwinden wir.“
Gemeinsam durchsuchten sie noch den Stock, wurden aber nicht mehr fündig. Mehr an Beweisen als das, was sie gesehen hatten, war in diesem Krankenhaus nicht vorhanden.
Die beiden Forsaken begaben sich auf den Rückweg. Es dämmerte bereits. „Wir müssen uns beeilen“, sagte Tristan. „Ich weiß“, entgegnete Leo. Sie wollten denselben Rückweg nehmen, mussten sich schließlich jedoch dagegen entscheiden, da es auf den Straßen dorthin nur so von Slims wimmelte.
Aus diesem Grund wählten sie einen Umweg. Es war zwar ein längerer Weg, aber er war sicherer. Er führte um den Bezirk herum.
Die Sonne war bereits untergegangen, als sie den zweiten Sicherheitsbereich wieder erreichten. Den Bezirk von Heliosolex.
Zuerst wurden sie dekontaminiert, dann wurden sie akribisch auf Infektionen geprüft, und schließlich wurden ihre Ausweise genaustens inspiziert. Nach der ganzen Prozedur konnten sie endlich eintreten. Erleichtert und ein wenig erschöpft kehrten sie zu ihrem Lager zurück. „Wo wart ihr?“, fragte Camilla die beiden. „Wir waren draußen unterwegs“, erwiderte Tristan. „Ist was passiert?“, fragte sie weiter. „Nein, alles gut. Wir haben uns nur auf die Suche nach diesen Plünderern gemacht, die hin und wieder Teile unserer Bezirke überfallen“, fuhr er fort. „Ah, okay“, erwiderte sie. Leo setzte sich auf sein Feldbett. Den Schlafsack hatte er ordentlich zusammengelegt. Lars trat ein, gefolgt von Justus. „Servus. Ihr seid wieder zurück“, begrüßte Justus sie. „Hi. Ja, wir sind wieder zurück“, stellte Leo fest.
Mark und Theo traten ein und brachten ein paar Flaschen Bier mit.
„Wer will eins?“, fragte Mark.
„Für mich keins“, entgegnete Leo. „Was, kein gekühltes Bier?“, hakte Theo nach. „Nein. Gerade nicht.“ „Okay.“ Die beiden öffneten sich ein Bier und tranken. Tristan trank mit ihnen. Die Truppe verbrachte den Abend miteinander. Irgendwann raffte sich Leo auf und trank ein paar Bier mit.
2043. Frankfurt am Main. Vierter Bezirk
Der vierte Bezirk gehörte zu den äußeren Bezirken von Heliosolex. Sie schenkten ihm nicht viel Beachtung. Dort lebten die Menschen, die sich ein Leben hinter dem Großen Zaun nicht leisten konnten. Es hatte auch seine Vorteile, dass die Soldaten von Heliosolex nicht in diesem Bezirk standen. Sie konnten hier in Ruhe operieren. Der Zweite Weg nutzte die äußeren Bezirke, um seine Leute zu verstecken, während er immer wieder aus dem Schatten heraus gegen Heliosolex agierte. Jana war eine von ihnen. Man beauftragte sie mit gezielten Attentaten und gezielten Anschlägen. Sie bekam einen Namen genannt und schaltete die entsprechende Person aus. Die alten Fachwerkhäuser dienten als Unterschlupf für sie. Jana war auf dem Weg zu Noel.
Schnell bewegte sie sich durch die Gassen. Zwar waren hier nicht viele Soldaten von Heliosolex, dennoch musste man höllisch aufpassen. Sie öffnete vorsichtig das Tor zu einer Seitengasse und wartete, bis die zwei Soldaten vorbeigezogen waren, die ihr ein Stück gefolgt waren. Danach machte sie sich zügig auf den Weg. Über ein Gerüst kletterte sie in den dritten Stock des Hauses. Von dort aus ging sie in den Keller.
Unter einem Teppich kam ein Loch zum Vorschein. Da unten befand sich die Kanalisation, die der Zweite Weg vor einiger Zeit ausgebaut hatte. Sie ließ sich hinabgleiten und eilte zu dem Wartungsraum.
Jana öffnete die Tür. Noel saß an einem Tisch. Über ihm spendete eine einzige Glühlampe Licht. Neben ihm stand eine Flasche Rum. In der einen Hand hielt er einen Lötkolben, mit dem er zwei kleine Drähte verlötet hatte. Viele Teile der Bombe waren Schrott von irgendwelchen Müllplätzen in der Nähe. Eine Pistole ruhte in seiner anderen Hand und zielte auf sie. Er hatte seinen Kopf gedreht und schaute sie an. „Ich hatte so früh nicht mit dir gerechnet, Jana“, sagte er knapp. Oftmals versteckten sich einige von ihnen hier unten für ein paar Tage, wenn sie von den Soldaten gesucht wurden. Im rechten Teil des Raumes befand sich eine Hängematte, darin eine Decke und ein Kissen. Noel war anscheinend schon länger hier unten.
Er legte seine Pistole neben sich auf den Tisch und widmete seine Aufmerksamkeit erneut der Bombe.
Jana setzte sich auf den Boden. Die Böden der Verstecke hier unten hatten sie auch ausbessern müssen, sonst wäre hier überall Ungeziefer eingedrungen. Das kroch sowieso schon in vielen Teilen ihrer ausgebauten Kanaltunnel herum, doch zumindest in ihren Unterschlupfen konnten sie es verhindern.
Jana gähnte. Nachdem Noel alles verlötet hatte, schob er den gerollten Sprengstoff vorsichtig in eine kurze Fahnenstange. Am Ende drückte er ein wenig nach und verschloss das Rohr schließlich. Erst jetzt bemerkte sie, dass das keine Kabel waren, sondern eine Zündschnur, die er gebaut hatte.
Den Strom hatte Noel von einem Aggregat bekommen. Drei Aggregate versorgten ihre Tunnel hier unten. Zwei für die Verstecke und eines für die Tunnel.
In einem Zug trank er sein Glas Rum leer und stand auf.
„Ziehen wir es durch“, sagte er und öffnete die Tür. Er nahm seinen dunkelblauen Anorak von einem Haken und zog ihn über sein dunkelgrünes Flanellhemd. Noel schloss die Tür, und sie machten sich auf den Weg in Richtung Westen. Ihr Ziel war der dritte Bezirk. Dort würde die Bombe detonieren.
Der Tunnel führte sie zum Ende des vierten Bezirkes und zum Anfang des dritten. Sie mussten noch ein Stück durch die Straßen gehen, um den Anschlagsort zu erreichen.
Die Straßen waren mit Menschen gefüllt, die alle hilfsbedürftig waren.
Der Platz lag vor einem Checkpoint von Heliosolex. Hier wurden die Menschen auf Fieber und Krankheiten überprüft. Auch ihre Ausweise wurden hier kontrolliert. Eine Reihe von Panzerwagen stand inmitten des Platzes. Jana und Noel sahen sich um. Danach ging er in die Knie und befestigte die gebaute Bombe mit Klebeband unter einem Panzerwagen. Dann entzündete er die Schnur. Als es leise zischte, machten sich Jana und Noel auf in Richtung des vierten Bezirkes.
Plötzlich detonierte die Bombe. Die Explosion war so gewaltig, dass der komplette Checkpoint stark beschädigt wurde. Die Druckwelle riss Soldaten, Bürger und Fahrzeuge mit. Noel und Jana lächelten. „Verschwinden wir. Wir sollten nicht länger als notwendig hier verweilen“, meinte Noel und setzte sich in Bewegung.
Sie nickte und folgte ihm. Sie betraten eine alte U-Bahn-Station. Der Tunnel verbarg sich auf der Gleisstrecke hinter einem Wartungsschild, das sie absichtlich davorgestellt hatten. Durch den kleinen Gang gelangten sie zu einer Wand, vor der ein Kanaldeckel zum Vorschein kam. Noel hebelte ihn mit einem Brecheisen auf. Nacheinander stiegen sie die Leiter hinab. Noel verschloss den Deckel und hatte das Brecheisen mitgenommen, somit konnte niemand unberechtigt in ihre Gänge.
Über eine Strickleiter gelangten sie zu einem Haus, das als Besprechungsraum diente und direkt mit ihren Tunneln verbunden war.
Hinter einem großen Regal verbarg sich der Eingang. Es wurde bereits heftig diskutiert, als sie den Keller betraten.
„Das ging dieses Mal einfach zu weit!“ Felicitas schlug auf den Tisch.
„Nichts geht zu weit. Altes muss Neuem weichen!“, erwiderte Georg erbost. „Da sind wir uns einig. Aber nicht so. Diese verdammte Bombe hat Unschuldige getötet. Das kannst du unmöglich wollen, Georg!“, wurde sie immer lauter.
Jana ging voraus. Noel folgte ihr.
Die Tür zum Wohnzimmer war geschlossen, und dahinter ertönten die lauten Stimmen.
„Beruhigt euch!“, forderte Carolin. „Nein! Wie kannst du Jana und Noel, zwei Attentäter, so etwas tun lassen?!“, rief sie.
„Wenn dein Gewissen dir Probleme bereitet, dann solltest du besser gehen!“, schrie Georg.
Jana öffnete die Tür und trat mit Noel ein. Die Streitgespräche verstummten.
„Auftrag ausgeführt“, gab Noel von sich. Felicitas hatte Tränen in den Augen.
Jana nickte.
„Das ging zu weit“, wiederholte Felicitas erneut. Carolin schwieg. Georg schüttelte den Kopf.
„Sie sind alle tot“, sagte die Anführerin. „Es waren Unschuldige, die gehen mussten. Das haben wir nicht gewollt“, fuhr sie fort. Luisa starrte zu Boden.
„Altes muss Neuem weichen“, widersprach Georg wieder.
„Hörst du dir eigentlich zu? Wie viele müssen noch sterben, damit dein Blutdurst gestillt ist?!“, schrie sie. „Kommt runter!“, ließ sich Luisa vernehmen. Alle hielten inne. „Wir haben es getan. Der Zweite Weg hat diese Tat begangen. Wir haben unser Ziel erreicht. Der Rest war Kollateralschaden. Das nächste Mal werden wir diese Schweine gezielt ausschalten.“ Luisa sah in die Runde. Langsam nickten alle Beteiligten. „Wir verschwinden. Ihr verständigt uns, wenn ihr uns braucht“, sagte Jana. Noel und Jana setzten sich in Bewegung.
„Jana, warte“, sagte Felicitas. Sie stoppte. Noel ging nach unten.
Carolin verschloss die Tür.
„Wir haben einen Verräter unter uns“, begann sie. „Woher wisst ihr das?“, wollte Jana wissen. „Jemand versorgt die Forsaken mit Informationen. Ein paar von uns konnten vor einer Woche nur knapp entkommen, darunter auch Bastiano und Danel“, erzählte Carolin.
Nachdenklich nickte Jana.
„Wer könnte es sein? Noel?“, fragte Felicitas. „Nein. Noel ist es auf keinen Fall. Der würde sich eher selbst erschießen, als uns zu verraten“, verneinte Jana.
„Können es Anouk und Leoie sein? Oder Fero? Oder Patricia?“, fragte Carolin wieder. „Nein, niemals. Ich bürge für sie. Keiner von ihnen würde den Zweiten Weg hintergehen. Alle würden lieber sterben, als ihre Sache zu verraten“, beteuerte Jana. „Bist du dir sicher?“, fragte Georg. „Ja. Ich kann für jeden Einzelnen, nach dem ihr gefragt habt, bezeugen, dass er kein Verräter ist.“ Jana blickte in die Runde.
Georg nickte. „Ich habe auch bezweifelt, dass Noel, Anouk, Leoie, Fero und Patricia die Seiten gewechselt haben.“ Er stützte sich auf seine Krücke.
Jana verließ den Raum und ging in den Keller. „Warte, Jana“, forderte Felicitas, die ihr gefolgt war, erneut. Jana blieb stehen.
„Ich muss mit dir noch über etwas sprechen“, sagte sie. „Okay.“ Sie wartete.
„Aus dem fünften und siebenten Bezirk verschwinden immer wieder Frauen. Sie sollen an einen Ort namens Sanktuarium gebracht werden. Ich muss wissen, was dort mit diesen Frauen geschieht. Finde es heraus“, verlangte Felicitas. Jana nickte. „Ich mache mich unverzüglich auf den Weg. Wissen die anderen davon?“, wollte sie wissen. „Nein. Vorerst soll das auch so bleiben“, erwiderte Felicitas. „Scheiße, Felicitas“, entgegnete Jana. „Bitte“, bettelte diese. „Na gut. Ich suche diesen Ort.“
Kurz darauf brach Jana auf. Sie umging mithilfe ihrer Tunnel die Forsaken und verließ das Gangsystem im sechsten Bezirk. Sie kletterte aus einem großen Abflussrohr, aus dem früher einmal gewaltige Wassermassen herausgeströmt waren, und landete in einem kleinen Fluss, der unter dem Rohr dahinfloss. Vor sich sah sie zwei große alte Hochhäuser. Sie zog die Schultergurte ihres Rucksacks enger und schaute zu den Wolkenkratzern. Sanktuarium? Wo sollte so ein Ort nur sein? Sie entführten Frauen und brachten sie an einen Ort. Aber was sollten Heliosolex diese Frauen bringen?
Sie rieb sich die Stirn. Sie hatte keine Anhaltspunkte. Das war typisch Felicitas. Irgendetwas bedrückte sie. Sie wollte darüber mehr Informationen haben und entsandte einfach ohne die Zustimmung aller jemanden von ihren Leuten. In diesem Fall sie. Und jetzt suchte Jana einen Ort, von dem sie nichts wusste.
Sie schüttelte den Kopf und hielt inne. Sie warf ihren Rucksack von den Schultern und holte ihr Fernglas heraus. Es war ein kleiner, handlicher Feldstecher.
Als sie hindurchschaute, entdeckte sie bei den Wolkenkratzern zwei Panzerwagen. Die Forsaken waren ausgestiegen. Was taten sie da nur? Jana verstaute das Fernglas wieder und schulterte ihren Rucksack. Dann setzte sie sich in Bewegung. Ohne aufzufallen näherte sie sich den Soldaten.
„Mann, Maximilian ist unglaublich! Was denkt der sich eigentlich? Jetzt jagen wir schon seit mehreren Tagen diese Frau. Was bringt die eigentlich?!“ Einer der Soldaten zielte mit dem Sturmgewehr in Richtung der Gebäude. „Beschwer dich nicht dauernd! Das nervt! Führe einfach deinen Auftrag aus!“, rief ein anderer. Es waren vier an der Zahl. Der zweite Wagen stand weiter vorne, und in seiner Nähe durchsuchten ebenfalls vier Soldaten das Gebäude. Wen suchten diese Männer? Jana kroch unter das Panzerfahrzeug.
„Sie ist nicht hier! Fahren wir weiter!“, befahl einer der Männer. Er hatte wahrscheinlich das Sagen. Jana hängte sich einfach an das Fahrgestell des Panzerwagens. Sie schlang sich mit ihren Beinen und Armen um die Stangen, sodass ihr Rucksack nicht auf der Straße schleifte. Die Soldaten brachten sie näher zu dem Sanktuarium.
Die Fahrt war holprig. Die meisten Straßen waren kaputt, oder die Natur hatte sie sich zurückgeholt. Jetzt hatte sie es wesentlich leichter. Zufrieden lächelte sie.
2043. Sanktuarium. An einem unbekannten Ort in der Nähe von Frankfurt am Main
Sie schreckte hoch. Sie sah sich panisch um. Sie lag in einem Krankenhaus. Die Tür war verschlossen. Sie drehte sich um. Weiße Wände, kein Fenster. Sie sah an sich herab. Eine Kanüle, durch die stetig irgendeine milchige Flüssigkeit lief, war an ihrer Armbeuge gelegt worden. Sie zog sich langsam die Nadel heraus, was schmerzhaft war. Sie konnte den Arm kaum bewegen, so lange war die Kanüle schon an ihrem Arm. Sie versuchte aufzustehen, fiel aber zu Boden.
Sie rappelte sich auf und schwankte zu der Tür, in die ein rundes Fenster eingelassen worden war. Der Korridor war lang, und sie konnte nicht bis zu seinem Ende sehen.
Ihr gegenüber waren viele weitere Räume. Sie blickte durch das Fenster des ihr unmittelbar gegenüberliegenden Raumes. Da drinnen lag eine Frau, ungefähr in ihrem Alter. Sie war bewusstlos. Auch sie war an diese Geräte angeschlossen. Kameras gab es nicht. Sie rüttelte an der Tür. Nichts geschah.
Sie war fest verschlossen. Die Frau schlug gegen das Fenster. Doch es brach nicht. Es gab kein Entkommen.
Sie griff die Akte, die auf dem Beistelltisch lag, und blätterte darin. Sie schluckte. In dieser Mappe fanden sich alle ihre wichtigen Daten. Heliosolex wusste alles über sie. Auch wenn sie immer mehr verloren durch die Streuner und andere Gruppen, hielten sie dennoch an ihren Vorhaben und Plänen fest.
Gina stand auf. Es musste doch irgendeinen Weg aus diesem Zimmer geben. Sie sah sich um. Nur Wände. Die einzige Hoffnung war dieses runde Fenster. Sie warf die Utensilien vom Tisch und hob ihn hoch. Es war ein leichter Tisch aus Holz. Mit ihm schlug sie gegen das Glas. Nichts passierte. Es war zwecklos.
Ihr Magen knurrte. Sie hatte Durst. Gina musste hier raus. Sie blieb am Fenster stehen und schaute in den Gang, denn dort war das Licht angegangen.
Jemand näherte sich, sie hörte Schritte. Sie trat zurück, als jemand die Tür aufschloss.
Es war ein Arzt.
„Hallo, Gina. Ich habe dir etwas zum Essen und Trinken mitgebracht“, sagte er. Draußen standen zwei Soldaten. „Wie viele Frauen sind noch hier?“, wollte sie wissen.
„Zwanzig“, sagte er. „Und was wollen sie von uns?“, bohrte sie weiter. „Wir haben den Auftrag, Sie im Namen von Heliosolex zu untersuchen. Sie dürfen bald wieder gehen“, versprach der Arzt und verließ den Raum. Vor Kurzem hatte Heliosolex den achten Bezirk an die Streuner verloren. Langsam, aber stetig zerfielen die Forsaken und Heliosolex. Irgendwann würden die Mauern und die Checkpoints alle fallen. Nichts würde mehr stehen, und sie mussten fliehen und weiterziehen.
Gina saß auf der Kante des Bettes. Abermals wurde die Tür aufgeschlossen.
„Bitte folgen Sie mir!“, forderte ein Soldat. Mit mulmigem Gefühl trat sie nach draußen und folgte ihm. Sie trug lediglich einen Krankenhauskittel. Schuhe hatte sie auch nicht. An ihrer Tür waren ihr Vor- und Nachname niedergeschrieben: Gina Veith.
Gegenüber war Marie Sommer. Sie war immer noch nicht bei Bewusstsein. „Weiterlaufen! Die anderen Frauen sind nicht ihr Problem!“ Der Soldat wies auf den Flur. Ihr Unbehagen wuchs. Was wollten diese Leute von ihr?
„Da vorne sehen Sie eine große Flügeltür. Gehen Sie durch sie hindurch. Danach gehen Sie in den dritten Stock und passieren erneut die Flügeltür. Hinter der dritten Tür von rechts werden Sie erwartet. Haben Sie das verstanden?“, fragte der Soldat. Sie nickte.
„Gut. Dann vorwärts!“, rief der Mann. Gina ging voraus. Mit beiden Händen drückte sie die Flügeltür auf und begann die Treppen nach oben zu steigen. Stufe um Stufe. Die nächsten Flügeltüren waren wesentlich schwergängiger als die unteren. Der dritte Stock war weitgehend dunkel. Anscheinend wurden nur die nötigsten Stockwerke von Heliosolex betrieben.
Vor der dritten Tür von rechts blieb sie stehen. Mit einer Hand drückte sie die Klinke nach unten und öffnete die Tür. Drinnen saß der Arzt, der sie auch vorhin besucht hatte.
Er machte nicht den Eindruck, als würde er auf sie warten. Stattdessen war er in seine Unterlagen vertieft und schien auch gar nicht gemerkt zu haben, dass sie im Raum stand.
„Doktor. Patientin ist anwesend“, rapportierte der Soldat und schloss die Tür hinter sich.
„Nehmen Sie Platz“, meinte der Arzt freundlich. Zögerlich nahm sie auf einem Stuhl Platz.
Sie schluckte, als er ihr näher kam. „Wir haben Sie die letzten Tage intensiv untersucht. Ich möchte Ihnen nun die Ergebnisse der Untersuchungen mitteilen“, erklärte er. Sie nickte. Die Fenster, durch die man hatte früher hinausblicken können, waren mit Holz zugenagelt.
„Laut unseren Untersuchungen sind Sie von größerem Interesse für uns. Sie tragen die nötigen Stammzellen in sich, die wir für eine Spende benötigen“, fuhr er fort. Gina wusste nicht, was sie antworten sollte. „Ich möchte einfach nur zurück in mein Haus“, sagte sie deshalb. „Ja, das können Sie auch demnächst, Frau Veith. Wir werden Ihnen nur noch ein bisschen Blut abnehmen, und dann können Sie auch schon gehen“, säuselte er freundlich.
„Lukas!“, rief er. Die Tür schwang auf, und der Soldat trat ein. „Bringen Sie Frau Veith zurück auf ihr Zimmer.“ Der Mann nickte und packte sie sanft am Arm und führte sie nach draußen.
Gemeinsam kehrten sie zu ihrem Zimmer zurück.
Kaum war sie eingetreten, verschloss der Soldat die Tür und entfernte sich. Der Korridor wurde dunkel. Das Licht erlosch.
Sie hatten sie entführt. Ihr hätte klar sein müssen, dass man sie nicht so leicht gehen lassen würde. Sie konnte nicht schlafen. Sie war unruhig und fühlte sich unbehaglich. Wieso wollten sie ihr Blut abnehmen? Was hatten diese Untersuchungen alle zu bedeuten? Weshalb wollte Heliosolex eine Überlebende aus den äußeren Bezirken überhaupt untersuchen?
Sie achteten zwar sehr auf ihrer aller Sicherheit, aber nie zuvor wurden aufgrund solcher Untersuchungen Frauen von Soldaten geholt. Und jetzt saß sie hier. Gehen gelassen wurde sie auch nicht. Gina ging auf und ab.
Irgendetwas passierte hier mit ihr. Was waren das für Medikamente, die sie vorhin intravenös verabreicht bekommen hatte? Sie schluckte wieder.
