Träum weiter! - Stefan Rehberger - E-Book

Träum weiter! E-Book

Stefan Rehberger

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Beschreibung

Roman Walter, Taugenichts, bekennender Erotiker und Hobby-Biertrinker, ist noch nicht lange mit Patrizia zusammen. Neben dieser Klassefrau, die schön ist, älter als er, erfolgreicher sowieso, sieht er verdächtig nach Verlierer aus. Als Patrizia jedoch schwanger wird, scheint seine Chance gekommen. Jetzt will er es der Welt und sich beweisen; er hat es drauf. Aber das Schicksal hat noch einiges an Prüfungen auf Lager: Romans Vater erleidet einen Schlaganfall, just zum Zeitpunkt der Geburt, die Roman eigentlich gemeinsam mit Patrizia durchstehen wollte. Ein Baby auf dem Schoß, den hilfsbedürftigen Vater am Ärmel und eine Freundin im Nacken, die so schnell wie möglich wieder arbeiten will und eine für Romans Geschmack viel zu enge Beziehung zu ihrem Exfreund pflegt – das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für ein Leben auf der Überholspur. Aber mit nie gekannter Gelassenheit und Coolness lernt Roman, den Laden zu schmeißen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Es gibt sprichwörtliche Babytragetuch-Verwicklungen, herzzerreißende Liebesszenen, nervenaufreibenden Streit. Und nebenbei zeigt noch eine Rentnercombo um Romans Vater dem jungen Mann, wo es langgeht im Leben, und führt einen spektakulären Showdown im Park von Sanssouci herbei. Mit warmherzigem Humor erzählt Stefan Rehberger von der Überforderung der Mittdreißiger, die sich mit dem Erwachsenwerden Zeit gelassen haben .Ein urkomischer Familienroman – und eine berührende Vater-Sohn-Geschichte über drei Generationen.

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Stefan Rehberger

Träum weiter!

Roman

Für meinen Vater

I don’t always do the things I should,

in the meantime I try to be good.

(Money Mark, All the People)

Teil eins

1

«Ich bin schwanger!», rief Patrizia.

«Was?», fragte ich.

«Schwan-ger!»

Ich horchte. «Patrizia?»

«Roman… ich…»

«Schatz, ich kann dich wirklich schlecht verstehen.»

«Roman? – Hallo?» Ein Pfeifen.

«Hallo?»

«Ja, hallo? Hörst du mich?»

«Ja, ja, jetzt. Wie geht’s dir?» Ich blinzelte in die Sonne und wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

«Gut, Roman, hör zu…» Jetzt war sie wieder weg.

«Patrizia?»

«Roman, lass den Quatsch. Wo steckst du überhaupt?»

«Am See, ich bin draußen am See, mit Olli und Ben.» Keine Ahnung, warum ich mich dafür entschuldigen musste, aber Patrizia schien irgendwie angespannt. «Und was machst du Schönes bei dem Wetter?»

«Ich bin schwanger!», schrie sie erneut.

Ich horchte einen Moment angestrengt, doch ein Reinigungsfahrzeug der BSR schien eben die Leitung zu säubern. «Wie läuft’s in Köln? Wie war eure Präsentation?», versuchte ich es. «Habt ihr den Auftrag?»

«Eck… sch… prrrr… krr… tsss…», folgte die Antwort im Stakkato. Ben sah mich fragend an, während Olli die Zunge in einer anzüglichen Geste von innen gegen die Backe schob.

«Schatz, die Verbindung ist schlecht, ich kann dich wirklich nicht verstehen», beteuerte ich.

«Roman, ruf mich, sobald du kannst, vom Festnetz zurück, okay?»

«Ich ruf dich später an, wenn wir wieder am Zeltplatz sind, heute Abend, ja?» Ich kniff die Augen zusammen in Erwartung eines neuerlichen Silbenmassakers. «Also gut, dann…»

«Es ist wichtig!»

Ein spitzes Zischen schoss mir direkt ins Hirn. Ich hielt das Handy vom Ohr weg, «tschü-hüs, ich drück dich», und steckte es ein. Olli und Ben sahen mich mitfühlend an.

«Alter, das klang nicht gut», meinte Olli.

«Die Verbindung war schlecht.»

Ben klopfte mir auf die Schulter. «Stress?»

Ich zuckte die Achseln. «Keine Ahnung, was sie jetzt wieder hat.»

«Wahrscheinlich ihre Tage», schlug Olli vor. «Oder es ist Schluss.» Die beiden lachten.

«Nee, aber im Ernst», sagte Ben, «dafür, dass ihr erst vier Monate zusammen seid, habt ihr ganz schön oft Ärger.»

«Fünf», korrigierte ich. «Ich weiß ja auch nicht, warum sie in letzter Zeit so rumzickt.»

«Frauen», seufzte Ben und fischte drei Bier aus der Tüte, die neben dem Boot im Wasser hing.

«Frauen Ende dreißig», meinte Olli.

«Patrizia ist achtunddreißig, okay?», relativierte ich.

«Sag ich doch, Ende dreißig.»

«Hey, wir sind auch Ende dreißig.»

«Mitte dreißig. Ich würde sagen, fünfunddreißig ist so ziemlich genau Mitte dreißig.»

«Ja, aber ich werde bald sechsunddreißig», beharrte ich.

«Was auch noch näher bei der Mitte liegt.»

«Das ist doch völlig egal.»

«Dir vielleicht. Aber für eine Frau macht das einen ziemlichen Unterschied.» Olli ließ sich nicht davon abbringen.

«Du musst es ja wissen. Wie alt ist deine Christine nochmal? Siebzehn?»

«Einundzwanzig, du Sack», raunzte Olli und warf Ben sein nasses Handtuch ins Gesicht. «Aber ich war ja vielleicht auch mit Andrea zusammen, und die war siebenunddreißig.»

«Stimmt, wie lange gleich? Vier Wochen?»

«Genau, weil sie nach drei Wochen anfing von wegen, sie hätte gern mal Kinder.»

«Und?»

«Ich sag’s dir. In dem Alter musst du aufpassen mit den Frauen.»

«O Mann, du klingst echt wie mein Vater.»

«Kapierst du’s nicht? Die sind doch total auf Trip, das sind die Hormone. Kinder irgendwann, okay. Aber ich bin doch keine Zeugungsmaschine, die man so kurz mal anzapft.»

«Wer will denn von dir Kinder?», fragte ich.

«Gar nicht so wenige», behauptete Olli.

«Dann pack deinen Zapfhahn schon mal aus», meinte ich, «was kost’n der Liter?» Wir lachten.

«Ihr Nieten», rief Olli und spritzte mit der Hand Wasser auf uns beide. «Ihr seid ja nur neidisch.»

«Weil wir Samstag nachts keine Hausarbeiten aus dem zweiten Semester Korrektur lesen müssen?»

«Das war ein Mal.»

«Was studiert sie? Soziologie? Romanistik?», stichelte Ben.

«Du hast doch selbst Romanistik studiert!», gab Olli zurück.

«Das war in den Neunzigern!», verteidigte sich Ben.

«Ich gehe jedenfalls abends noch weg und hänge nicht bescheuert pärchenmäßig auf irgendwelchen Essen rum, wo man sich abwechselnd bekocht und sich einen runterholt von wegen, wie viel geiler frisches Pesto ist als das aus dem Glas.»

«Woran holst du dir denn einen runter?»

«Pfff, ich hab so schon genug zu tun.»

«Mit Korrekturlesen?»

«Können wir jetzt vielleicht mal anstoßen?», fragte ich.

«Sack», meinte Ben zu Olli.

«Selber», blaffte Olli. «Alle beide.»

«Auf die Frauen!», rief Ben.

«Auf uns.» Olli streckte energisch seine Flasche vor.

Olli, Ben und ich waren alte Mitbewohner. Olli und ich kannten uns von der Schule, Olli und Ben hatten sich auf einer Zivi-Fortbildung in Lublin kennengelernt. Mitte der Neunziger waren wir nach Berlin gekommen und zusammen in eine verranzte Drei-Raum-Wohnung in Friedrichshain gezogen, mit Durchgangszimmer und Badeofen. Nach drei Jahren wurde die Wohnung selbst uns zu schmutzig. Zum Glück war das Haus gerade verkauft worden und sollte saniert werden, und so konnten wir da raus, ohne renovieren zu müssen. Wir waren weitergezogen nach Mitte und danach wieder zurück nach Friedrichshain, schon fast eine Schicksalsgemeinschaft. Bis Ben Miriam kennenlernte und mit ihr zusammenzog und auch ich mir etwas Eigenes suchte. Olli war als notorischer Single und Hauptmieter in unserer letzten WG geblieben, vermietete aber nur noch eines der Zimmer unter, vorzugsweise an hübsche Austauschstudentinnen. Seit ich mit Patrizia zusammen war, wohnte ich die meiste Zeit bei ihr, das heißt, mein Computer stand in ihrem Wohnzimmer. Anfangs war ich noch jeden Morgen nach Mitte zurückgefahren und abends wieder hoch zu ihr in den Prenzlauer Berg. «Was ist das denn eigentlich für ein Hin und Her?», hatte Patrizia dann einmal morgens gefragt, als sie sich noch dämmerig im Bett streckte und ich meine Sachen packen wollte. «Ob du jetzt hier oder bei dir am Laptop sitzt, ist doch egal.»

Sie hatte recht. Ihre Wohnung war riesig im Vergleich zu meiner, und natürlich war es so praktischer, zumal sie wegen ihres Jobs viel reisen musste und die wenige freie Zeit in Berlin dann am liebsten bei sich zu Hause verbrachte. Trotzdem zögerte ich, quasi offiziell bei ihr einzuziehen. Aber was sollte ich sagen? «Ich habe noch nie mit einer Frau zusammengewohnt, und mit der einzigen, mit der ich mal fast zusammengezogen wäre, habe ich seit Jahren keinen Kontakt mehr.» Oder: «Wir kennen uns erst sechs Wochen, und das ist länger, als die Mehrzahl meiner Beziehungen gehalten hat.» Oder: «Ich weiß nicht, ob ich hier arbeiten kann, ich brauche meine vertraute Umgebung, um auf Ideen zu kommen, da bin ich sehr sensibel.» Das hörte sich alles ziemlich blöd an, irgendwie unreif. Zum Glück schlug Patrizia da schon die Decke beiseite, und ein Hauch schwüler Bettluft wehte mich an. Später stellte ich meinen Laptop auf ihren Sekretär und fing an zu arbeiten.

Das mit uns war recht unerwartet gekommen. Patrizia war Management Supervisor in einer der größten Werbeagenturen Deutschlands, und Ben und ich hatten uns vergangenes Frühjahr an einem Pitch für eine Windelkampagne beteiligt, den sie nach außen geben wollten. Seit ein paar Jahren arbeiteten wir frei als Autoren. Wir machten alles: Texte für Ausstellungskataloge, redaktionelle Beiträge für Internetseiten, Werbesachen, Namensfindung für neue Produkte, Zeitungsartikel.

Am Abend, bevor wir den Pitch abgeben mussten, einem Sonntagabend, ging ich zu Patrizia nach Hause. Wir hatten uns schon ein paarmal in der Agentur getroffen und gut verstanden. Sie sah toll aus, war schnell, konzentriert und sehr nett, auch wenn ich vermutete, dass sie ihr Lächeln nur bei der Arbeit angeknipst hielt, es nach Feierabend aber aus Gründen des Energiesparens ausgeschaltet ließ. Nun hatte sie angeboten, vorab einen Blick auf unseren Pitch zu werfen. Die Grundidee gefiele ihr und sie hätte es bei der Kampagne lieber mit uns als mit einem der anderen Teams zu tun, sagte sie, eben nett. Bens Tochter Maria war krank, und so musste ich alleine zu ihr.

Es war Ende April. Am Tag lag alles still bei beinah 30Grad, dem neuerlichen Durcheinander der Jahreszeiten sei Dank, doch Abend für Abend rotteten sich draußen in Brandenburg die Wolken zusammen und zogen donnernd gegen die Stadt. Im Tiergarten hatten die Gewitter etliche Bäume entwurzelt, und in Schöneberg stand eine ganze Straße unter Wasser. Ohne den allabendlichen Sturm wäre die Hitze aber vollends unerträglich gewesen, und so hatte man sich bereits gewöhnt. Auf den Balkons saßen die Leute beim Wein und warteten, dass es losging, als käme unten auf der Straße gleich der Karnevalszug vorbei. Die Feuerwehrleute in der Oderberger Straße lehnten schon lässig rauchend an ihren Wagen und blickten mit Kennermiene in den Himmel. Schwalben stürzten sich kreischend in die Straßen hinab, während der Wind hier halbstark einen Sonnenschirm wegrempelte, da ein Fenster schlagen ließ und einem Mädchen, das gerade mit Freund, Picknickkorb und Decke vom See kam, grob den Rock hochwehte. Ich hörte sie spitz aufkreischen, woraufhin ihr Freund sich mit herausgestrecktem Brustkorb umsah. Als ich in die Winsstraße einbog, lag über dem Friedhof noch rot der Sonnenuntergang, der Abspann eines Frühlingstags, derweil sich von Norden schwarz das Nachtprogramm heranschob. Ein Auto holperte auf der Suche nach einem Parkplatz nervös blinkend an mir vorbei. Ich schloss mein Fahrrad ab und hatte eben geklingelt, als mir eine ältere Dame auffiel. Ein Kopftuch über dem Haar und in einen schweren Mantel gekleidet, in jeder Hand eine prallgefüllte Plastiktüte, verharrte sie reglos abseits des Eingangs.

«Wollen Sie auch rein?», fragte ich, als der Öffner surrte.

Die Frau sah mich an, sagte aber nichts, sondern schien nur eine immer gleiche Silbe zwischen den Kiefern zu mahlen, als wiederholte sie stumm ein Mantra.

«Es wird gleich gewittern», rief ich. «Wissen Sie, wo Sie zu Hause sind?»

Die Frau nickte ausweichend, drehte sich dann abrupt weg und kniff den Kopf zwischen die Schultern. Eine Windbö hieb von vorn in ihren Mantel. Der Türöffner surrte noch einmal, und ein Schwung erster Tropfen klatschte eine Batterie dunkler Punkte auf meine Hose.

Im zweiten Stock stand die Tür offen.

«Hallo», sagte ich. «Schuhe ausziehen?»

Patrizia winkte kaum merklich ab und wandte sich in den Flur. «Es ist nicht aufgeräumt.» Barfuß ging sie vor mir her ins Wohnzimmer. Sie trug eine verwaschene und am Saum ausgetretene Jeans und ein dunkelgraues Spaghettitop. «Hast es ja gerade noch geschafft», sagte sie und schloss die Balkontür.

«Ja», antwortete ich in die plötzliche Doppelglasstille hinein.

«Eistee?»

Ich nickte.

Patrizia verschwand und kam kurz darauf mit zwei Gläsern zurück. Draußen detonierte ein Donner. Sie stellte den Tee unbeeindruckt vor uns auf den Couchtisch, ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander. Ihre Fußnägel waren frisch lackiert, und zwar, wie ich bemerkte, exakt in der Farbe ihres Lippenstifts.

«Sonntag ist bei mir Schlunztag.» Sie lächelte.

«Danke umso mehr», meinte ich und griff in meine Tasche mit den Unterlagen. Als ich wieder aufsah, lächelte sie immer noch. Ich kannte dieses Lippenstiftlächeln zwar schon, doch schien mir, dass sein entschlossenes Rot, das sich im warmen Licht der Leselampe und gegen das Grau ihres Oberteils viel besser ausnahm als bei Tag und gegen die strengere Kleidung, die sie in der Agentur trug, in Kombination mit dem Ergebnis ihrer Sonntagspediküre, diesen Feierabendfüßen, deren einer sich mir in einem aufgeschlossenen 20-Grad-Winkel entgegenstreckte, eine gänzlich neue Bedeutung erhielt. Ich lächelte zurück. Mit einem Schlag wurde mir die Möglichkeit bewusst, dass Patrizia mit mir flirtete. Bens spontane Unabkömmlichkeit hin oder her – vielleicht hatte sie dieses Treffen überhaupt nur angeboten, um mich in ihre Wohnung zu bekommen? Der Gedanke überraschte mich zwar positiv, aber er verwirrte mich auch. Unwillkürlich jagte ich einen Blick ihre festen Beine hinauf. Die dezent sich abzeichnenden Hüftknochen, der schlanke Bauch und die wohlwollend bemessenen Brüste, das feinmodellierte Schlüsselbein und das Spiel der Halsmuskeln, als sie einen Schluck aus ihrem Glas nahm und dabei einen roten Abdruck an dessen Rand hinterließ. Jetzt pustete sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Eigentlich war sie ganz schön sexy. Sie war älter als ich, ziemlich sicher. Sie wäre wohl eins der Mädchen gewesen, die wir, frisch auf dem Gymnasium, in der Pause anschmachteten, wie sie zusammenstanden mit ihren Röcken und Busen und die Köpfe so komisch schräg legten, wenn die großen Jungs mit ihnen sprachen. Davon wurde man immer ganz hibbelig. Bei uns machten sie das mit dem Kopf nie. Basti hatte es einmal versucht und einer von ihnen ein Glas Marmelade von seiner Mutter mitgebracht. Fehlanzeige. «Danke», das war alles, und im Abgehen kicherten sie. Als Basti wieder bei uns ankam, hatte er Tränen der Wut in den Augen. Wir anderen standen hilflos um ihn herum und ließen die Arme hängen. Endlich klingelte es, und wir mussten zurück in die Klasse. Seit damals hatte sie die eine oder andere Falte bekommen, und in ihrem dicken braunen Haar kräuselten sich ungeniert einige Silberfäden. Ich stellte es erleichtert fest, als hätte sie zugegeben, auch seit längerem mit dem Rauchen aufhören zu wollen und es einfach nicht zu schaffen.

«Wollen wir dann anfangen?», fragte Patrizia. Mir kam es vor, als hätte sie meine Gedanken gelesen, aber beschlossen, deren Inhalt diskret zu ignorieren.

Während ich ihr unser Konzept auseinandersetzte, ging draußen die Welt unter. Patrizia aß Trauben. Sie lächelte, aber sie lachte nicht, und je weiter ich voranschritt, ab und zu von heftigem Donner unterbrochen, umso klarer wurde mir, dass unsere Idee zwar irgendwie ganz lustig war, aber nicht mainstreamig genug und als nationale Kampagne nichts taugen würde. Wieso war uns das vorher nicht aufgefallen?

«Na ja», sagte ich, als ich geendet hatte.

Patrizia zuckte die Schultern. «Manchmal muss man sich mit den Details mühen, um zu sehen, dass es im Großen nicht klappt. Tut mir leid, aber du hast es ja selbst gemerkt.» Sie stand auf und öffnete die Balkontür. In der Ferne rumpelte es noch, aber für heute war die Show vorbei. Als Patrizia zurückkam, hatte sie eine Gänsehaut und ihre Brustwarzen pieksten gegen den dünnen Stoff ihres Oberteils. Sie nahm ein Plaid vom Sofa und warf es sich über.

«Trotzdem vielen Dank», meinte ich und stand auf.

«Du kannst ruhig noch abwarten, bis der Regen aufhört.»

Ich sah an Patrizia vorbei gegen die schwarze Platte des Fensters, in der ich mich spiegelte. Ich kam mir ziemlich doof vor. Draußen auf der Straße hörte ich jemanden durch die Pfützen patschen, und ein Kind lachte übermütig.

«Mh», brummte ich.

«Was?»

«Wir dachten halt, die Idee ist gut.»

«Dachte ich ja auch», meinte sie, «aber das ist doch kein Grund, jetzt in den Regen rauszurennen.»

«Um die Schmach abzuwaschen?», versuchte ich zu scherzen.

«Männer.» Patrizia rollte die Augen.

Bevor ich etwas entgegnen konnte, sagte sie: «Ich hol uns ein paar Äpfel», und verschwand in der Küche. In einem Comic hätte sich jetzt über meinem Kopf eine Gedankenblase gebildet und darin das leicht verschwommen gezeichnete Wort «Seufz». Das Gewitter war ohne Ergebnis über uns hinweggezogen, der Pitch war vergeigt, und ich saß immer noch hier, wahrscheinlich um mich über meinen bisherigen Werdegang ausfragen oder mir tolle Tipps fürs nächste Mal geben zu lassen. Patrizia kam zurück. Richtig: Und um Äpfel zu essen. Ich aß nie Äpfel. Nicht alleine und auch nicht abends auf der Couch neben einer Frau, deren Fußnägel in der Farbe ihres Lippenstifts lackiert waren. Äpfel waren das langweiligste Obst, das es gab, die Kartoffel unter den Früchten, und dass es ausgerechnet Äpfel waren, die Patrizia mir anbot, unterstrich für mich nur, wie weit ich mit meiner Flirttheorie von vorhin danebenlag. Aber ich hatte das dringende Bedürfnis, eine zu rauchen, und jedes Objekt, das man sowohl in der Hand halten als auch in den Mund stecken konnte, wäre eine Abhilfe. Zu meiner Erleichterung berührte Patrizia das Thema Arbeit oder Karriere in keiner Weise, wie ein krankes Kind, das man nicht unnötig stört. Vielmehr verbreitete sie sich über die Kopie eines Gemäldes, die noch ungerahmt an der Wand lehnte. Ein Künstler hatte sie auf ihre Bestellung hin angefertigt und dafür eigens eine Woche in Frankfurt verbracht, denn das Original hing im Städel. Ich musste zugeben, dass ich das Bild nicht kannte, ja, dass ich, obwohl ich aus der Gegend stammte, nur ein einziges Mal im Städel gewesen war, und zwar auf einem Schulausflug in der achten Klasse.

Das Bild hieß «Der Jagdaufseher» und stammte von Fernand Khnopff, von dem ich noch nie gehört hatte. Das großformatige Bild zeigte eine einzige Figur, eben besagten Jagdaufseher, wie er im Profil auf einer Wiese stand, das Gewehr über der Schulter, den Blick geradeaus, den rechten Arm auf den Rücken gelegt und eine Pfeife im Mund, regungslos. Hier gab es nichts zu beobachten, kein Tier, niemand sonst war zu sehen, selbst die Natur war in einen frühimpressionistischen Weichzeichner hinein aufgelöst. Und doch stand er da und blickte vor sich hin. Vielleicht war auch nur deshalb alles ruhig, weil er da stand. Das konnte man nicht wissen.

«Der tut einem irgendwie leid», sagte ich.

Patrizia sah mich an.

«Du hast wohl gern Mitleid», meinte sie. Ich schwieg, ein wenig eingeschnappt. Sie schnitt einen Apfel auf. Dazu benutzte sie ein Opinel, die Klinge schwarz und abgestoßen, das sie mit der Behändigkeit eines alten Gauchos führte. Ohne hinzusehen, teilte sie mit zwei raschen Schnitten den Apfel in Viertel, schnickste mit einer knappen Bewegung des Handgelenks das Kerngehäuse heraus und hielt mir die Schnitze hin. «Lernt man bei der Landjugend.»

Wir steckten uns beide ein Stück in den Mund, dann noch eins, und dann schnitt Patrizia den nächsten Apfel auf. Ritsch, ratsch, tschuck, tschuck. Schon lagen zwei neue Schnitze vor mir auf dem Tisch. Patrizia warf mir einen kurzen Blick zu, und wir aßen weiter. Das Ganze hatte etwas von Koksen, nur in gesund.

«Hast du Geschwister?» Patrizia schlug die Beine übereinander. Schlüge ich ebenfalls die Beine übereinander, könnte es passieren, dass sich ihr Fuß und meiner zufällig berührten, dachte ich.

«Einzelkind», sagte ich nach einem Moment. «Und du?»

«Ein Bruder, jünger.»

«Aha.»

«Wahrscheinlich so in deinem Alter.»

«Der hat bestimmt eine ganze Menge Äpfel gekriegt.»

«Ich bin Taufpatin von seinem ersten Kind.»

«Wie viele hat er denn?», fragte ich.

«Drei Buben. Der älteste geht schon aufs Gymnasium. Das gleiche, wo wir auch waren.»

«Und dein Bruder? Was macht der?»

«Den Hof vom Vater. Der ist Bauer», fügte sie hinzu, «steht morgens um vier auf und arbeitet bis abends um acht. Ich bin eigentlich auch ein ziemliches Provinzei.»

«Ich war Messdiener», bemerkte ich. «An Ostern durfte ich sogar den Weihrauch schwenken, dafür gab es eine ziemlich lange Liste mit Anwärtern.»

Sie lachte. «Ich war mal Maikönigin.»

«Nur einmal?», fragte ich.

«Man konnte nur einmal gewählt werden.»

Patrizia ließ den Fuß wippen. Sie hatte die Hände sorgfältig ineinander verschränkt und wie zwei feine Instrumente auf ihrem Bauch abgelegt, der sich gleichmäßig hob und senkte. Ich beobachtete, wie sich mit jedem Einatmen zwischen Hosenbund und Oberteil ein schmaler Spalt auftat, der einen Streifen Bauch und eine Reihe sehr feiner Härchen sehen ließ und mit dem Ausatmen wieder verschwand. Zwei Wiederholungen lang kaute ich gedankenverloren auf meinem Apfel herum, bis ich bemerkte, dass ich einen Harten bekam. Plötzlich verärgert, riss ich mich los. Ich war ja völlig übererotisiert. Diese lackierten Nägel, diese Lippen, Hände, Haare, Brüste, die mich ganz wuschig machten, diese attraktiven Einzelteile änderten doch nichts daran, dass ich Patrizia in der Summe gar nicht kannte und nichts von ihr wollte – so hübsch und spannend und intelligent sie auch war, sie gefiel mir ja doch ziemlich gut – und sie auch nichts von mir. Beziehungsweise, vielleicht wollte sie ja, dass ich etwas von ihr wollte. Aber das hieß noch lange nicht, dass ich auch musste. Schließlich waren wir beide Mitte dreißig, sie wohl sogar noch älter, und da konnte man sich derartige Spielchen langsam mal sparen. Und diese dämliche Apfelesserei schlug mir aufs Gemüt. Sauer sah ich sie an.

«Ich glaub, ich hol dir mal einen runter», sagte sie unvermittelt und setzte sich neben mich.

«Du bist schwanger?!» Zwei Camper, die vom Angeln zurückkamen, schleppten ihren Fang an meiner Telefonsäule vorbei. Der eine wandte sich um und gab mir ein Thumbsup.

«Das hab ich doch vorhin die ganze Zeit versucht, dir zu erklären.»

Ich blies die Backen auf und ließ langsam die Luft entweichen.

«Roman?»

«Ja?»

«Ich hab dir doch gleich nach dem Telefonat eine SMS geschickt.»

«Ach so.»

«Warum hast du denn nicht zurückgerufen?»

«Hab ich nicht gelesen.»

«Was?»

«Ich dachte halt, ich ruf lieber gleich an, bevor wir uns irgendwie über SMS anzicken.»

«Wieso sollen wir uns denn anzicken?»

«Keine Ahnung, du klangst vorhin irgendwie gereizt am Telefon», entschuldigte ich mich.

«Gereizt? Ich bin schwanger.»

«Ja, ja, ich hab’s ja verstanden.»

Ich sah rüber zu Olli und Ben am Grill. Olli hielt eine Wurst in der einen und ein Steak in der anderen Hand und hob fragend die Brauen. Ich nickte, und er legte beides aufs Feuer.

«Was soll das denn jetzt bedeuten?»

«Nichts. Ich meine, ja, okay, ich weiß, was das heißt.»

Einen Moment war es still in der Leitung.

«Hallo?», rief ich. «Patrizia?»

«Ja, ja!», kam es zurück, dann leiser: «Und was heißt das?»

«Na ja, dass wir dann wohl in neun Monaten Eltern sind.»

«Siebeneinhalb», schniefte es am anderen Ende. Auch mir schossen plötzlich die Tränen in die Augen, wie wenn man beim Sushi diesen grünen Meerrettich überdosiert hat und es erst beim Schlucken merkt.

«Dann haben wir die ersten sechs Wochen ja schon geschafft», sagte ich heiser.

Patrizia lachte und zog die Nase hoch. «Ich liebe dich, Roman», sagte sie und schnäuzte sich. Ich rieb mir das Ohr.

«Ich dich auch. Alles wird gut.»

Im Film wäre die Szene damit zu Ende. Doch die Realität ist detailversessen, redundant und ohne Sinn für Pointen. Natürlich zog sich das Telefonat über eine halbe Stunde hin. Patrizia weinte noch zweimal, ich einmal und noch einmal, als mir der Rauch vom Grill in die Augen zog. Mein Steak verkohlte. Patrizia fragte, ob ich mir wirklich vorstellen könne, ein Kind zu haben, und ich sagte ja. Und mit ihr? Nochmal ja. Sie sagte, sie sei total durcheinander, besonderen Hunger habe sie aber keinen, und ich gestikulierte rüber zu Ben, der meine Bratwurst aß. Ich bot an, zu ihr nach Köln zu kommen, was sie übertrieben fand. Ob sie schon beim Arzt gewesen sei. Nein, aber einen Schwangerschaftstest habe sie gemacht, zwei sogar, um sicher zu gehen. Ich fragte, warum sie den Schwangerschaftstest ausgerechnet in Köln gemacht habe und nicht schon längst in Berlin. Sie verstand die Frage nicht, was ich nicht verstand, und wir stritten uns kurz. Ich sagte wieder, dass alles gut würde und dass ich sie liebte. Das sagte sie auch. Wir schickten uns viele Küsse hin und her und flüsterten unsere Namen. Ich bekam in meiner Badehose einen Harten, der gegen den Gummizug drückte, und wusste nicht, wo ich mich hindrehen sollte vor der freistehenden Telefonsäule, und Patrizia lachte, als ich ihr das gestand. Dann sagten wir uns noch einmal, dass wir uns liebten. Patrizia wollte versuchen, ihren Termin abzukürzen und schon übermorgen wieder in der Stadt zu sein. Ich versprach, bis dahin die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wir legten auf. Ich wartete ab, bis meine Erektion sich gab. Am Horizont stand noch ein breiter Streifen Orangerot, während über dem See die Farben ausblassten. Ein paar Enten platschten ins Wasser und paddelten in Sternformation davon. Ich schlug mir auf den Hals und erwischte eine Schnake.

«Jetzt fängst du auch noch an», meinte Olli, nachdem ich den beiden die frohe Botschaft offenbart hatte.

«Hast du ihr gesagt, dass alles gut wird?», fragte Ben.

«Ja, natürlich», sagte ich. Zu grillen war nichts mehr da, aber ich kippte trotzdem Kohlen nach und blies das Feuer an.

«Hast du’s gewusst, oder hast du’s gelesen?»

«Was?», hustete ich.

«Dass man das sagen muss.»

«Wovon redest du?»

«Schwangeren Frauen musst du ständig sagen, dass alles gut wird. Das wird für dich in nächster Zeit so was wie ein Mantra.» Olli und ich sahen Ben irritiert an. «Steht in jedem Schwangerschaftsratgeber für Männer.»

«Was heißt hier ‹schwangeren Frauen›, das ist doch bei Frauen generell so», stänkerte Olli.

«Olli…», setzte Ben an, stockte aber. «Na gut, vielleicht. Eine schwangere Frau ist eben eine Art Turbofrau, eine Frau hoch drei.»

Ben war schon Vater. Seine Tochter Maria würde bald zwei, das süßeste Kind, das ich kannte. Bis vor zwei, drei Jahren hätte das nicht viel bedeutet, doch dann war es umgegangen wie die Spanische Grippe. Fast alle Frauen in meinem Bekanntenkreis waren schwanger geworden und die Männer mit ihnen. Wenn man sich traf, kreisten die Gespräche anfangs noch bemüht um Alltägliches. Bald aber gerieten sie in den Bann einer speziellen Gravitationskraft und landeten schließlich da, wo man schon die ganze Zeit kaum verhohlen hatte hinschauen müssen: auf dem prallen, runden Bauch, der einem gegenübersaß, diesem fremden Planeten, den diese alte Freundin hier neuerdings mit sich führte. Dann waren die Kinder gekommen und die Freunde verschwunden. Selten traf man sich noch abends auf ein Bier, sah in tiefumrandete Augen, die doch behaupteten, glücklich zu sein, und schnell müde zufielen.

«Aber dass sie’s kriegt, war keine Frage?», wollte Olli wissen. Wir saßen um den Grill herum und verscheuchten die Schnaken. Ich steckte mir eine Zigarette an und schüttelte den Kopf. «Für sie nicht.»

«Das ist klar. Aber für dich.»

«Wieso ist das klar?», fragte ich.

«Na, ich sag nur neununddreißig.»

«Achtunddreißig.»

Olli schüttelte den Kopf. «Das wollte die doch von Anfang an.»

Ich zuckte mit den Schultern. «Ich find’s ja auch gut.»

«Aber du hättest doch eigentlich noch Zeit.»

«Was für Zeit?», meinte ich.

«Zeit. So wie jetzt hier mit uns.»

«Nee», sagte ich, «hab ich keinen Moment dran gedacht.» «Okay, das Gefühl kenn ich», beschied Ben. «Du bist reif.»

«Hinterher ist doch alles anders. Du kannst nie mehr so richtig einen draufmachen, abends weggehen, abstürzen.» Olli blieb beharrlich.

«Olli, ich bin nicht zu Zwangsarbeit verurteilt», meinte ich, «ich werde Vater.»

«Ich werde Vater!», äffte er mich nach und stöhnte gekünstelt. «Heute Nachmittag hast du noch den Mädels drüben auf den Arsch geglotzt, du weißt es seit einer Stunde, und es kann noch alles Mögliche passieren, aber du redest schon wie einer von den Typen, die das Schlabberhemd über der Hose tragen, weil sie den Knopf oben nicht mehr zukriegen, und in der Videothek mit dem Baby vorm Bauch am Regal mit den romantischen Komödien stehen.»

«Du bist ja eher im Keller bei den Pornos zu finden», mischte sich Ben ein.

«Die sind doch alle von dir ausgeliehen. Oder kannst du mit dem Bauch da noch selbst praktizieren, Papa?»

«Du Sack», schnaubte Ben.

«Wer hat eigentlich meine Wurst gegessen?», stieg ich ein.

«Rauch du mal lieber, solange du noch darfst.»

Einen Moment wurde mir wieder ganz weinerlich zumute. Meine beiden Freunde sahen mich mitfühlend an.

«Patrizia ist eine Spitzenfrau», sagte Ben.

«Und sie sieht höchstens aus wie vierunddreißig», sagte Olli.

«Wenn sie nicht gerade eins von ihren Businesskostümen anhat», relativierte ich.

«Passt sie bald eh nicht mehr rein», meinte Ben, und wir lachten.

«Okay, ihr Softies, wer kommt mit schwimmen?», fragte ich schließlich, und wir stürzten los ins Wasser.

Ich hatte sie wirklich nicht verstanden bei ihrem ersten Anruf. Später war ich dann ganz froh, dass ich alleine an der Telefonsäule stand und nicht draußen im Boot saß mit Olli und Ben. Dabei war ich gar nicht erschrocken. Hatte mir keine Sorgen gemacht, wie jetzt alles würde. Keine plötzliche Euphorie. Keine Panik. Kein Herzflattern oder weiche Knie. Nein, mein erster Gedanke, das, was mir spontan durch den Kopf schoss, als sich dem Wort «schwanger» eine Bedeutung zuordnete, war ganz einfach gewesen: «Jetzt kaufst du dir ein Auto.»

Als ich klein war, war ich sehr klein. Der Kleinste im ganzen Kindergarten und der Schwächste. Nur der Peter sei noch schwächer, hieß es, aber wir hatten nie ausprobiert, ob das stimmte. Kind sein, klein sein war doof, langweilig, einsam. Aber so würde es ja nicht bleiben, davon war ich fest überzeugt. Ich hatte eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie es sein würde, wenn ich einmal groß und erwachsen wäre. An der zweifelte ich keinen Augenblick und genauso wenig meine Eltern. Wahrscheinlich kann man sich einfach nicht vorstellen, was einem noch nicht begegnet ist, und sei es in den Vorstellungen anderer. Nicht nur meine Eltern, meine Onkel und Tanten und die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule später – die womöglich doch auch andere, an einer anderen Realität als der der katholischen Gemeinde St.Nikolaus in Niederhöchstadt geprüfte Vorstellungen hatten, da sie Ende der sechziger Jahre in Frankfurt studiert hatten, mit denen wir aber nicht über solche Dinge sprachen, sondern über Addition und Subtraktion oder den Werdegang einer Stangenbohne–, nicht nur all die eben genannten, sondern auch meine Spielkameraden Basti, Nino und Andi, meine Peer Group, stellte sich gewiss nichts anderes vor, als dass wir alle einmal «groß» sein würden, was in den siebziger Jahren noch etwa 1,85Meter bedeutete, dass wir breite Schultern hätten, muskulöse Arme und einen Bartwuchs, der es nötig machte, sich täglich zu rasieren. Das Größte am Großsein aber war für uns die Vorstellung, ein eigenes Auto zu besitzen. Ein Auto. Mit dem man überall selbst hinfahren konnte, ins Schwimmbad, ins Phantasialand oder auf die IAA nach Frankfurt, und nicht dämlich rumstand und wartete, dass eine Mama einen abholte. Ein Auto, in dem man selbst am Steuer saß, Gas gab und den Blinker setzte. Basti, Andi und ich wollten einen Golf GTI, Nino einen Fiat, aber der war Italiener. Der Golf kostete 4000Mark mehr als der Fiat? Pah! Wir diskutierten Preise wie die Angaben in einem Quartettspiel.

Außerdem würden wir natürlich Kinder haben, etwa drei bis fünf. Man hatte uns bereits, ohne zu sehr in die Details zu gehen, klargemacht, dass es in diesem Zusammenhang ohne Frauen nicht abgehe. Wir rebellierten vehement gegen diese Prämisse und wiegelten gar die anderen Jungs in der Grundschule mit auf. Doch mussten wir einlenken, nachdem Frau Spitz, unsere Klassenlehrerin, den eigenen runden Bauch als Beweis in den Raum geschoben und Basti zur Direktorin geschickt hatte. Basti hatte in einem offenbar blinden Akt des Aufbegehrens Kerstin Scherer das Mäppchen vom Tisch geworfen. Dass Kerstin ihm aber zuerst eine lange Nase gezeigt hatte, wollte niemand gesehen haben.

Ferner würden wir ein Haus haben und eine Arbeit natürlich. Bei mir war es Bankdirektor. Mein Vater wollte gern, dass ich einmal Ingenieur würde, weil er das wegen der Vertreibung und der Nachkriegszeit nicht werden konnte. Andi wollte Forscher werden, Basti Polizist und Nino Bauarbeiter, was meinem Vater gefiel, nicht aber Ninos, der selbst Bauarbeiter war. Als Kleingedrucktes stellten sich meine Eltern außerdem vor, dass ich später in Frankfurt studieren, in dieser Zeit zu Hause wohnen, während des Studiums eine Beziehung mit einem Mädchen aus dem Ort, besser noch aus der Kirchengemeinde, eingehen würde und dieses nach dem Studium heiraten. Die Trauung fände in der Kirche statt. Vielleicht würde sogar der Kirchenchor singen, dem meine Eltern seit über zwanzig Jahren angehörten. Danach ginge man mit der Verwandtschaft in den Pfarrsaal zum Feiern. Freunde und Bekannte dagegen würden vorher zum Polterabend eingeladen, in die Feldscheune vom Bauer Klaus vielleicht, aber das konnte man ja noch sehen. Meine Frau und ich hätten eine Wohnung in der Nachbarschaft meiner Eltern, groß genug für uns und die zwei bis drei Enkel, die sich bald einstellten. Auf die würde meine Frau zu Hause aufpassen, gern unterstützt von meiner Mutter. Bis sie dann, wenn die Kinder einmal in der Schule wären, wieder halbtags arbeiten könnte, beispielsweise als Fremdsprachensekretärin. Später, als Bankdirektor, würde ich genug verdienen, um selbst ein Haus zu bauen. Sonntags wären wir bei meinen Eltern zu Besuch, und meine Frau würde meiner Mutter beim Abwasch helfen, derweil ich mit meinem Vater über die Arbeit sprach. Natürlich sähe man sich auch unter der Woche. Nach Feierabend würde ich im Garten mit anpacken, das Eigentum pflegen und mehren und seine Früchte ernten, die die Frauen dann zusammen verarbeiteten, zu Erdbeermarmelade oder Rhabarberkompott. Wären meine Eltern einmal alt, so wären meine Frau und ich in der Nähe und würden für Pflege sorgen. «Gott gebe uns einen schnellen Tod, aber die Sabine Will hat ihre Schwiegermutter acht Jahre lang gepflegt», sagte meine Mutter einmal, «dafür erbst du dann ja auch alles.» Da war ich sechs.

So weit unsere Vorstellungen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt aber liefen sie auseinander. Das heißt, wahrscheinlich waren es nur meine, die denen meiner Eltern davonliefen, da die sich nie bewegt oder verändert hatten. Nach der Beerdigung meiner Mutter versuchten mein Vater und ich noch einmal, im Guten miteinander zu reden. Wir fingen unsere Vorstellungen ein und zeigten sie einander. Doch sosehr wir uns auch bemühten, zunehmend erbittert, wie Kleinkinder mit ihrem Holzspielzeug, die einen Kubus in eine runde Öffnung schieben wollen – sie waren in keiner Weise kompatibel. Ein Mann Anfang dreißig lebte nicht so wie ich. Weit von zu Hause, als Single, ohne regelmäßiges Einkommen und ohne Auto. Teilweise gab ich meinem Vater recht, hatte ich doch die Einsfünfundachtzig nicht geschafft, und auch ein richtiger Bartwuchs wollte sich nicht einstellen.

Jetzt aber fühlte ich eine neue Kraft, eine archetypischere Art von Männlichkeit, die nach einem Fremdwort verlangte. Ich ließ Ben schnarchen, schälte mich aus meiner Mittelposition im Löffelkasten und stieg über Olli hinweg aus dem Zelt nach draußen. Gerade noch rechtzeitig, denn es begann schon zu dämmern. Dabei hatte der Himmel zur großen Sternengala gerufen, und alle waren sie gekommen, vor seinem Schwarz zu glänzen. Ich setzte mich auf eine Bank und legte den Kopf in den Nacken. Für einen Augenblick dachte ich nichts. Ich fühlte mich seltsam leicht, wie wenn man träumt, man fliegt. Das Gras roch feucht und satt, von der Bank duftete es moosig, der See schwappte schlafend vor sich hin, und die Birken am Ufer raschelten verstohlen. Virilität, fiel es mir jetzt ein, das war das Fremdwort. Vir, viri, viro, virum, viro. Cäsars Kopf auf einer Münze, der Einband des Lateinbuchs. Ich gähnte und rieb mir das Gesicht. Ich brauchte eine Rasur. Ich musste noch die Wohnung aufräumen, putzen und einkaufen, bevor Patrizia kam. Mindestens. Dann waren natürlich Blumen fällig. Ich beschloss, später zu googeln, ob man bei Schwangerschaft irgendeine spezielle Sorte schenkte. Essen? Besser, ich kochte nichts, denn wer konnte wissen, worauf Patrizia Appetit hätte. Schließlich war sie schwanger. Wein? Bäääk, schlechte Idee. Die Aschenbecher konnte ich auch schon mal auf den Balkon stellen. Was noch? Ben hatte diese Schwangerschaftsratgeber erwähnt, so einen würde ich mir besorgen. Ich gähnte und kroch fröstelnd ins Zelt zurück.

«Ben, du schnarchst, Mann!», schimpfte ich, während ich mich zwischen die beiden zwängte. «Und du machst dich total breit mit deiner Plauze.»

Ben wälzte sich schläfrig zur Seite. «Steht dir auch noch bevor.»

2

Ich hatte Frauen oft gesagt, dass ich sie liebe. Ich hatte sie im Arm gehalten, wir hatten uns in die Augen gesehen, ich hatte es gesagt, und dann hatten wir beide geseufzt vor Glück, berauscht von der Liebe. Ich liebe dich. Das war alles, was es brauchte. Ich liebte es zu lieben. Oder vielleicht eher, verliebt zu sein. Denn aller Feuerzauber, den ich mit meiner Leidenschaft entfachte, verlosch irgendwann, bald.

«Du hast das ganze evolutionäre Procedere nicht verstanden, mein Freund», sagte Ben, als ich wieder einmal eine Beziehung beendet hatte. Sie hieß Frauke, Volkswirtschaftlerin, sehr intelligent, witzig, hübsch, spielte Geige. Drei Monate war es super gelaufen, wir verbrachten ganze Nachmittage im Bett, waren ein Wochenende in Belgrad gewesen, und ich hatte mir beim Nachts-Nackt-Baden im Freibad Pankow den Fuß aufgeschnitten. Aber plötzlich war es aus.

Ich lag bei Ben auf der Couch und starrte an die Decke.

«Die Verliebtheit in den ersten sechs bis acht Wochen, dieser enorme Schub, das ist wie die Startstufe bei einer Rakete», dozierte er, «den brauchst du, um überhaupt vom Boden zu kommen. Aber du stehst an der Seite hinterm Zaun, zählst den Countdown mit runter und guckst zu, wie das Ding abhebt. Dann reibst du dir die Augen und gehst nach Hause.»

«Ben, verschon mich mit deinen Metaphern.»

«So eine Rakete verbraucht 14000Liter Kerosin pro Sekunde. Denk mal drüber nach. Irgendwann musst du dir einen Ruck geben und einfach einsteigen.»

An dem Abend betranken wir uns, und Ben versuchte mir zu erklären, was man weiter macht, wenn man erst mal draußen im Weltraum ist. Dass sich dann alles in der Schwerelosigkeit abspielt und unter ganz anderen Bedingungen als unten auf der Erde. Und dass es eben das A und O sei, diese Bedingungen schon im Voraus zu trainieren.

«Zur Not im Schwimmbad», meinte er noch. Dann kam Miriam nach Hause.

Obwohl sich Ben an jenem Abend ziemlich verstiegen hatte auf dem klapprigen Konstrukt seiner Metapher, hatte ich seither nicht mehr gezündelt. Dem einen oder anderen Freund sah ich beim Abheben zu, aber ich blieb alleine, bald anderthalb Jahre. Alleine unter Pärchen und jungen Familien, alleine mit Olli spätnachts in irgendwelchen Bars, alleine krank und alleine im Urlaub, morgens alleine und abends alleine. Bis ich ganz platt war vor Alleinsein, wie ein ordentlich durchgeklopftes Schnitzel. Dann kam ich mit Patrizia zusammen. Und wenn Verliebtheit sonst ein Crackrausch war, so war sie hier vielleicht ein Essen beim Vietnamesen: Man konnte es jeden Tag haben, ohne dass man pleiteging. Es war lecker und ziemlich abwechslungsreich, und Alkohol passte zwar nicht unbedingt dazu, stand aber auch auf der Karte. Dass ich Patrizia liebte, hatte ich ihr noch nie gesagt. Es hätte komisch geklungen. Aber als ich es ihr sagte, am Telefon auf dem Campingplatz, da schien es das einzig Richtige. Das Einzige, was den Satz «Ich bin schwanger» aufwiegen konnte. Es war das einzig Richtige. Und wann hatte ich das letzte Mal einfach so spontan aus dem Bauch heraus das einzig Richtige gesagt oder getan? Das bedeutete doch was. Noch nie hatte ich mich mit jemandem so unkompliziert verstanden wie mit ihr. Seit ein paar Monaten wohnten wir so gut wie zusammen. Wir hatten tollen Sex. Sie war schwanger, von mir. Sie würde Mutter, ich Vater. Wir beide: Eltern. Wir würden ein Kind haben, und zwar für immer. Immer. Dieses Mal saß ich mit an Bord, die Mission ließ sich nicht mehr aufhalten. Das war jetzt einfach so.

«Rauchst du?» Patrizia rief an, um mir zu sagen, dass sie doch noch einen Tag länger in Köln bleiben müsste.

«Ja», sagte ich, «ich stehe auf dem Balkon.»

«Ach… Ich wünschte, ich wäre in Berlin.»

«Bist du ja bald auch», tröstete ich sie. «Wie geht’s dir denn?»

«Mir ist ziemlich schlecht die ganze Zeit.»

«Hm.»

«Heute Vormittag haben sie in der Pause so Lachscanapés gereicht. Da hätte ich fast gekotzt.» Ich konnte hören, wie sie sich schüttelte. «Mir wird schon wieder schlecht.»

«Denk nicht dran», sagte ich und zog an meiner Zigarette. Unten auf der Straße saßen vor einem Café drei Frauen mit Kinderwagen. Die eine, ein weißes Bündel von Baby auf dem Arm, holte, während sie sich weiter mit ihren Freundinnen unterhielt, mit einer knappen Bewegung eine ungeheure Brust unter der Bluse hervor. Weich und voll lag sie in ihrer Hand. Die Frau führte das Bündel zur Brust. Sie rückte und drückte und versuchte mit der linken Hand dem Baby die Brustwarze in den Mund zu schieben wie etwas, das gar nicht zu ihr gehörte. Dabei redete sie weiter mit ihren Freundinnen, die mit der einen Hand die Kinderwagen schaukelten und mit der anderen Milchschaum aus ihren Kaffeetassen löffelten. Ich wollte eben die Zigarette ausdrücken, als das Baby sich plötzlich streckte und mit einem Ruck den Kopf in den Nacken warf. Jetzt sah es genau in meine Richtung. Winkewinke machte ich und schnitt ihm eine Grimasse. Einen Moment war alles still. Dann riss das Baby den Mund auf und quäkte los.

«Hast du denn überhaupt was gegessen?», fragte ich.

«Roman», Patrizia lachte. «Mach dir mal keine Sorgen.»

«Mach ich nicht.»

«Nein?»

«Hm» – sollte ich besser sagen, dass ich mir Sorgen machte?–, «machst du dir Sorgen?»

«Nein», meinte sie. «Vielleicht.» Kurzes Nachdenken. «Schon komisch, oder?»

«Alles wird gut.»

Die Wohnung hatte ich tipptopp aufgeräumt, die Wäsche gewaschen und den Kühlschrank abgetaut. Ich war einkaufen gewesen, und dann hatte ich sogar ein CD-Regal aufgebaut. Die Fenster zu putzen fand ich übertrieben. Eigentlich war jetzt alles getan. Nur Patrizia kam erst morgen. Wenn sie sich bloß nicht so stresste. Ich ging in der Wohnung auf und ab, las ein wenig in dem Schwangerschaftsbuch, das ich mir besorgt hatte, schrubbte noch das Waschbecken im Bad, zupfte ein paar braune Blätter vom Ficus. Ben hatte heute nach seinem freien Wochenende am See Maria und war mit ihr irgendwohin gefahren. Olli war in der Redaktion. Ich sollte eigentlich einen Artikel für die Internetseite eines Haushaltsgeräteherstellers schreiben. Aber schließlich wurde ich Vater. Mein Handy klingelte. Mein Vater.

«Wo bist du denn?», fragte er.

«Na, bei Patrizia.»

«Patrizia?»

«Meine Freundin? Ich hab dir doch erzählt, dass ich jetzt die meiste Zeit hier wohne.»

«Ach so», meinte er, «dann kannst du mir ja auch mal die Festnetznummer von da geben. Das kost’ immer einen Haufen Geld mit dem Handy.»

«Ja, okay», sagte ich. Pause.

«Wie geht’s dir?», fragten wir gleichzeitig. Wieder Pause.

«So weit eigentlich gut», sagte er schließlich. «Heut hab ich angefangen und die Kartoffeln ausgemacht. Ich sag dir, mit den Knien, ich kann mich bald gar net mehr bücken.»

«Na ja», meinte ich.

«Roman», begann er, «ich ruf an, weil du müsstest mal hier runterkommen.»

«Aha», sagte ich etwas distanziert. «Okay.»

«Ich hab dir das doch schon mal erzählt mit der Erbschaftssteuer. Aber alle zehn Jahre kann man einen bestimmten Betrag verschenken, das heißt, das läuft dann schon offiziell auf deinen Namen. Ich hab da mit dem Dr.Luft gesprochen, das ist der Notar, von Königstein der. Der meint, das ist kein Problem, das können wir machen. Aber du musst das auch unterschreiben.»

«Ich weiß nicht», entgegnete ich, «du brauchst mir doch jetzt nichts zu überschreiben. Ich finde das irgendwie komisch.»

«Ei, sei doch net so dumm, Roman», schnaufte mein Vater, «du zahlst doch sonst so viel Steuer, da musst du nachher eine Hypothek auf das Haus aufnehmen.»

«Ich hoffe überhaupt, dass ich nicht so bald erbe.»

«Das kannst du ruhig hoffen», versetzte mein Vater, «aber guck halt, wie es bei der Mutter gegangen ist.»

«Na ja.» Wir schwiegen wieder.

«Sonst alles in Ordnung?», fragte er dann.

«Ja», meinte ich knapp.

«Und mit der… Patrizia?»

«Gut», sagte ich. «Alles gut.»

«Na, dann wünsch ich dir auch weiter alles Gute», erklärte er unbeholfen.

«Ich muss mal schauen, wann ich kommen kann, ich sag Bescheid.»

«Hast du grad viel Arbeit?», fragte er.

«Ja.» Ich zögerte. «Auch. Erzähl ich dir alles dann.»

«Da bin ich ja gespannt, wenn du mal was erzählst.»

Wir verabschiedeten uns und legten auf. Ich beschloss, runterzugehen und Blumen zu besorgen.

Die Frau im Blumenladen kannte mich schon.

«Rosen», sagte ich, «einen großen Strauß.»

«Oho!» Die Frau lächelte. «Rote?»

«Mh, ja.» Ich wurde rot. «Die hier gefallen mir.»

«Die sind wunderschön. Und wie die erst duften. Riechen Se doch ruhig ma», sagte sie. Tatsächlich entströmte den Blüten ein voller Duft, der in seiner Entfaltung aber gar nicht schwülstig war, sondern eher kühl und zurückgenommen. Wie das Himbeersorbet, das Patrizia neulich einmal gemacht hatte.

«Dit is eine Amerriken Bjutie. Wie der Film. Aber wenn Se so richtije rote Rosen wolln, da sind die andern besser für.» Sie wies auf einen Strauß nebenan.

«Nein, ist auch nicht so ganz genau ein Rote-Rosen-Anlass.»

«Aha», sagte die Frau, «wie viele solln’s ’n sein?»

«Fünfundzwanzig?» Ich sah zu, wie sie die Stiele mit spitzen Fingern aus dem Eimer zog und mit einem Messer die Stacheln entfernte.

«Jeburtstag?», fragte sie.

«Nein.» Ich räusperte mich. Die Frau zog leicht die Nase hoch und rieb sich das Kinn an der Schulter.

«Echt toller Duft», sagte sie, «heiratet jemand?»

Ich musste grinsen. «Kalt.»

«Ooch nich?» Sie hielt mir die fertig gebundenen Blumen hin.

Ich zahlte. Der Strauß lag voll und wuchtig in meiner Hand. Draußen ging eine Frau mit ihrem kleinen Kind vorbei. Als es mich sah, blieb es stehen und zeigte mit dem Finger auf mich. Die Mutter beugte sich zu dem Kind hinab und lächelte.

«Ich werde nämlich Vater», sagte ich, plötzlich ganz stolz.

«Na», die Blumenverkäuferin musterte mich, «da hätt ick ja ewig raten könn’.»

Patrizia kam erst am nächsten Abend. Ich hörte ihre Schritte schon im Treppenhaus und machte ihr die Tür auf. Sie sah gar nicht anders aus als sonst. Wir umarmten uns lange und fest. Sie roch fremd nach Hotel und Flugzeug.

«Jetzt bist du erst mal zu Hause.» Ich küsste ihr Gesicht, während sie die Augen geschlossen hielt. Barfuß war ich fast kleiner als sie mit ihren hohen Absätzen. Ich ließ meine flache Hand auf ihren Bauch wandern.

«Roman, es ist jetzt noch nicht mal so groß wie eine Erbse.»

«Hab ich schon gelesen.»

«Du darfst mich auch nicht die ganze Zeit so drücken, dann wird mir gleich wieder schlecht», sagte sie.

«Entschuldigung.»

«Hier riecht’s komisch.» Sie küsste mich auf den Mund. «Du bist echt ein Lieber. Aber kannst du mir eins versprechen?»

«Was immer du willst.»

«Bitte werd nicht so ein werdender Vater, der sich mit weiblicher Biologie besser auskennt als ich.»

«Kennst du dich denn gut aus?»

«So mittel.»

«Dann okay.»

Ich sah zu, wie Patrizia ihre schmutzige Wäsche in die Maschine stopfte. «Donnerstag muss ich schon wieder weg. Hamburg. Aber Freitagabend bin ich wieder da.»

«Gehst du vorher noch zum Arzt?»

«Einen Termin krieg ich so schnell nicht.»