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Schon seit jeher verlassen Menschen ihre Heimat, um vor Krieg, Gewalt und Zerstörung zu fliehen. Im Moment sind weltweit weit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht, weil sie zu Hause von Gewalt, Misshandlung und Tod bedroht sind. Ein Teil dieser Flüchtlinge erreicht auf ihrer Suche nach Sicherheit und Würde Europa und stellt die Aufnahmegesellschaften vor große Herausforderungen. Flüchtlinge werden dabei einer komplizierten Rechtsprozedur, dem Asylverfahren, unterworfen, sollen möglichst rasch die Sprache des Aufnahmelandes erlernen, sich beruflich und kulturell integrieren und einen Beitrag an die Gesellschaft leisten. Ein grosser Teil der Asylsuchenden ist indes schwer traumatisiert und leidet unter psychischen und körperlichen Folgen der erlebten Gewalt.Das vorliegende Buch vermittelt umfassendes aktuelles und praktisches Wissen zur Tätigkeit im Asyl- und Flüchtlingswesen. Themen wie Psychotherapie für traumatisierte Flüchtlinge im engeren Sinn, weitere Therapieverfahren, medizinische Betreuung, Abklärung/Früherkennung, Dolmetschen, Kulturvermittlung oder Rechtsberatung werden von ausgewiesenen Experten für das jeweilige Gebiet dargestellt und mit Fallbeispielen illustriert. Auch Fragen der Begutachtung, der Sekundärtraumatisierung von Helfenden, Auswirkungen auf Schule und Ausbildung oder das Vorgehen bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen werden behandelt.
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Seitenzahl: 1027
Veröffentlichungsjahr: 2019
Trauma – Flucht – Asyl
Thomas Maier, Naser Morina, Matthis Schick, Ulrich Schnyder (Hrsg.)
Thomas Maier, Naser Morina, Matthis Schick, Ulrich Schnyder (Hrsg.)
Trauma – Flucht – Asyl
Ein interdisziplinäres Handbuch für Beratung, Betreuung und Behandlung
unter Mitarbeit von
Therese Bachmann
Jochen Binder
Maria Böttche
Martina Caroni
Brigitte Fiechter Lienert
Patricia Ganter
Maria-Luisa Gerber
Iris Tatjana Graef-Calliess
Christina Gunsch
Samuel Häberli
Ferdinand Haenel
Tobias Hecker
Katharin Hermenau
Hildegard Hungerbühler
Beatrice Imholz
Heinrich Kläui
Christine Knaevelsrud
Irène Koch
Vanessa Koenig
Christina Kohli
Andrea Lanfranchi
Alexandra Liedl
Brigitte Lueger-Schuster
Wielant Machleidt
Markus Mader
Regula Manz
Veronika Müller-Bamouh
Sandra Passardi
Martina Ruf-Leuschner
Nicole Scheiber
Jürgen Soyer
Nadine Stammel
Jana Stein
Lutz Wittmann
Rahel Zürrer
PD Dr. med. Thomas Maier
Psychiatrie St. Gallen Nord
Zürcherstrasse 30
9501 Wil
Schweiz
Dr. phil. Naser Morina
Klinik für Konsiliarpsychiatrie
und Psychosomatik
UniversitätsSpital Zürich
Culmannstrasse 8
8091 Zürich
Schweiz
PD Dr. med. Matthis Schick
Klinik für Konsiliarpsychiatrie
und Psychosomatik
UniversitätsSpital Zürich
Culmannstrasse 8
8091 Zürich
Schweiz
Prof. em. Dr. med. Ulrich Schnyder
Universität Zürich
Niederdorfstrasse 18
8001 Zürich
Schweiz
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Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Bearbeitung: Edeltraud Schönfeldt, Berlin
Herstellung: René Tschirren
Umschlagabbildung: iStock/Joel Carillet
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Satz: Claudia Wild, Konstanz
Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín
Printed in Czech Republic
1. Auflage 2019
© 2019 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95829-3)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75829-9)
ISBN 978-3-456-85829-6
http://doi.org/10.1024/85829-000
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Die psychische Gesundheit von Flüchtlingen – eine Angelegenheit von globaler Bedeutung und eine globale Verantwortung
Ein breites Spektrum von psychischen Gesundheitsproblemen bei Flüchtlingen
Europa beherbergt eine große Zahl von Asylsuchenden und Flüchtlingen, die Krieg und Gewalt entkommen sind und hier Schutz suchen. Psychische Gesundheitsprobleme sind in jeder Bevölkerungsgruppe weit verbreitet. Bei Flüchtlingen und Asylsuchenden ist dies aber noch ausgeprägter, denn sie sind für die spezifischen psychischen Gesundheitsprobleme anfälliger, welche mit der von vielen erlebten Gewalt und Not zusammenhängen sowie mit kumulativen täglichen Stressfaktoren, die ihr Leben als Flüchtling und Asylsuchender mit sich bringt (Fazel, Wheeler & Danesh, 2005; Georgiadou, Zbidat, Schmitt & Erim, 2018; Tinghög et al., 2017). Es ist folglich unerlässlich, dass europäische Spezialisten für psychische Gesundheit ein vertieftes Verständnis für die Bedürfnisse und Herausforderungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden entwickeln. Nur so können sie ihnen wirksam helfen.
Die psychische Gesundheit von Flüchtlingen und Asylsuchenden kann in sehr unterschiedlichem Ausmaß und aus verschiedenen Gründen beeinträchtigt sein. Das Spektrum reicht von kurzen Reaktionen auf Stress verursachende oder schwierige Situationen bis hin zu chronischen und invalidisierenden psychischen Krankheiten. Allerdings – und dies wird im professionellen psychiatrischen Diskurs oft übersehen – haben die meisten Flüchtlinge und Asylsuchenden keine klinisch relevanten psychischen Gesundheitsprobleme (Silove, Ventevogel & Rees, 2017). Es ist aber auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass bei Flüchtlingen gehäuft schwere psychische Krankheiten wie Psychosen und bipolare Störungen auftreten (Barghadouch, 2018; Dapunt, Kluge & Heinz, 2017; Hollander et al., 2016). Flüchtlinge und Asylsuchende mit schweren psychischen Erkrankungen sind besonders gefährdet, Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt zu sein, sowohl in ihrem Herkunftsland als auch auf der Flucht und im Aufnahmeland, da sie häufig nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen, und leicht Opfer von Missbrauch und Vernachlässigung werden können (Silove, Ekblad & Mollica, 2000; Weissbecker, Ventevogel, Hanna & Pathare, in press). Zu den weiteren klinisch wichtigen Themen, die bei Flüchtlingen und Asylsuchenden genauso vorkommen wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe, gehören Alkohol- und Substanzkonsum sowie Intelligenz- und Entwicklungsstörungen (Kane & Greene, 2018; Kane et al., 2014).
Die verschiedenen Kapitel im Buch zeigen, dass traumabedingte Störungen weit über die posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) im engeren Sinne hinausreichen und unter anderem auch Depression, komplizierte Trauer, Angst und Dissoziation umfassen (Tay, Rees, Chan, Kareth & Silove, 2015). Die Berichte von drei Flüchtlingen in Kapitel 2 illustrieren anschaulich, dass nicht alle traumabezogenen psychischen Störungen notwendigerweise direkt mit Kriegs- oder Verfolgungserlebnissen zusammenhängen. Sie können ihren Ursprung auch in sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, Armut sowie Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit im Herkunftsland oder während der oft langen, anstrengenden und gefährlichen Reise nach Westeuropa haben.
UNHCR empfiehlt mit Nachdruck einen ganzheitlichen Ansatz beim Umgang mit psychischen Störungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden, bei dem neben dem Gesundheitswesen auch Sozialarbeit, Bildung und Kindesschutz eine Rolle spielen (UNHCR, 2013). Im Kontext von humanitären Einsätzen wird daher meist der Doppelbegriff „psychische und psychosoziale Unterstützung“ benutzt, um das volle Spektrum zu verdeutlichen. Viele Flüchtlinge und Asylsuchende leiden vor allem unter den belastenden sozioökonomischen Bedingungen, unter denen sie leben. Matthis Schick unterstreicht in Kapitel 6 zu Recht, wie sehr sich postmigratorische Belastungsfaktoren und psychische Gesundheit gegenseitig beeinflussen. Die durch lang dauernde Asylverfahren verursachte Unsicherheit und der beschränkte Zugang zu Arbeit und Bildung verstärken bei Asylsuchenden psychische Probleme (Laban, Gernaat, Komproe, Schreuders & de Jong, 2005; Melamed, 2018). Das wird nirgends so klar wie bei Menschen, die noch auf der Flucht sind oder in Durchgangslagern festsitzen (Human Rights Watch, 2017; Jones, 2017; Ventevogel, 2015).
Flüchtlinge und Asylsuchende sind mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, wenn sie Zugang zu angemessener psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung suchen, nicht nur aufgrund sprachlicher Barrieren, sondern weil sie auch durch die starke Stigmatisierung psychiatrischer Behandlungen mit derartigen Therapien zu wenig vertraut sind (Cavallera, 2016; Colucci, 2015; Hassan et al., 2015; Kuhn, 2018; Tay et al., 2018).
Erfahrungen in der weltweiten Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen
UNHCR und seine Partnerorganisationen arbeiten oft in Situationen, wo es nicht genügend Ressourcen für die psychische Gesundheitsversorgung gibt. Hier ist die Entwicklung neuer Methoden gefragt, um „mit weniger mehr zu tun“. Die Erkenntnisse, die aus solchen Ansätzen gewonnen werden, sind auch für die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in hoch entwickelten Ländern wie Österreich, Deutschland und der Schweiz wertvoll. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis daraus ist die große Bedeutung eines partizipativen Ansatzes, der Flüchtlinge und Asylsuchende als aktiv Beteiligte mit einbezieht (UNHCR, 2008, 2014). Einige der wirkungsvollsten Interventionen zur Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit von Flüchtlingen sind in ihrem Kern von sozialer Natur und beruhen auf einer Verbesserung des sozialen Zusammenhalts innerhalb von Flüchtlingsgemeinschaften sowie auf einer Förderung von Selbsthilfe und Eigenaktivität (Inter-Agency Standing Committee, 2007; UNHCR, 2017). Die Stärkung ihrer Eigenständigkeit hilft Flüchtlingen, das Leben neu zu beginnen, anstatt nur zu überleben, und kann die Entwicklung von schweren psychischen Problemen verhindern.
Eine weitere wichtige Erkenntnis besteht darin, dass nicht alle Probleme aus dem Bereich der psychischen Gesundheit vom Gesundheitswesen alleine bewältigt werden können. Die Förderung der psychischen Gesundheit bedarf der Unterstützung durch Bereiche wie Sozialarbeit, Bildung und Maßnahmen zur Sicherstellung des Lebensunterhaltes (INEE, 2008; UNHCR, 2017; Weissbecker, Hanna, El Shazly, Gao & Ventevogel, 2019). Psychiater und Psychotherapeuten können nicht die Einzigen sein, die für die Förderung der psychischen Gesundheit zuständig sind. In den letzten Jahren ist eine Reihe von aufeinander aufbauenden psychologischen Interventionen entstanden, die folgende Gemeinsamkeiten aufweisen:
Sie sind transdiagnostisch (oder a-diagnostisch) und daher bei unterschiedlichen Störungen wirksam wie z.B. Depression, PTBS, Ängsten oder Notsituationen, sie sind zeitlich begrenzt (üblicherweise auf fünf bis acht Sitzungen), sie beruhen auf Daten, die im Wesentlichen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gesammelt wurden, sie sind einfach zu handhaben und an kulturelle und sprachliche Besonderheiten angepasst, sie können von Personen angewendet werden, die keine Experten sind, wenn diese gut geschult und beaufsichtigt werden.Die Forschung zu solchen skalierbaren Interventionen bei Flüchtlingen hat vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Schon nach einem kurzen kompetenzorientierten Training und mit Unterstützung durch eine intensive klinische Supervision können solche Interventionen signifikante Effekte erzielen (Bolton et al., 2003; Bolton et al., 2014; Rahman et al., 2016; Tol, 2018). Derartige Kurzinterventionen lösen natürlich nicht alle Probleme im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit, aber sie können ein wichtiger Bestandteil im Rahmen eines mehrstufigen Unterstützungssystems sein. Zunehmend wird eine solche aufgabenteilige Herangehensweise als Element der humanitären psychischen Gesundheitsversorgung akzeptiert. Einer dieser Ansätze ist „Problem Management Plus” (PM+) – eine psychologische Intervention über fünf Sitzungen zur Behandlung häufiger psychischer Probleme. „PM+“ basiert auf Verhaltensaktivierung und Problemlösungsstrategien und kann von geschulten Laien einschließlich Flüchtlingen selber durchgeführt werden. Dieser Ansatz wird inzwischen auch in verschiedenen entwickelten Ländern eingeführt (Sijbrandij, 2017). Interessanterweise ist in entwickelten Ländern der Einsatz von Flüchtlingen als Laienberater viel komplizierter, weil Arbeitsbeschränkungen für Asylsuchende und Standesregeln verhindern, dass Laien als Berater oder Therapeuten arbeiten können. Ich glaube, dass die westeuropäischen Systeme der psychosozialen Gesundheitsversorgung wertvolle Lehren aus der Arbeit in humanitären Einsätzen ziehen können, wo Flüchtlinge stark in die Verbesserung ihres eigenen Wohlergehens als auch das ihrer Familien und ihrer Gemeinschaften einbezogen werden (Kieft, Jordans, de Jong & Kamperman, 2008; Slobodin 2018; Wessells, 2009).
Zu diesem Buch
Dieses Buch ist eine unabhängige Publikation, die nicht unbedingt die Ansichten des UNHCR oder die im internationalen Flüchtlingsrecht verwendete Terminologie widerspiegelt. Dennoch ist es eine Schatztruhe, gefüllt mit wichtigen Einsichten und praktischen Empfehlungen, die den Fachleuten in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland bei ihrer Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen und Asylsuchenden weiterhelfen wird. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Fachliteratur im deutschsprachigen Raum. Obwohl im Vergleich dazu der Kontext in Ländern der Zweiten und Dritten Welt ein ganz anderer ist, gibt es doch auch große Ähnlichkeiten. Ich hoffe, dass dieses Buch dazu beiträgt, den Fachpersonen für psychische Gesundheit in Europa bewusst zu machen, dass sie Teil einer weltweiten Wissens- und Erfahrungsgemeinschaft sind.
Peter Ventevogel
Senior Mental Health Officer, Public Health Section, Division of Programme Management and Support, United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), Geneva
Referenzen
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Thomas Maier, Naser Morina, Matthis Schick und Ulrich Schnyder
Krieg und Gewalt sind Schattenseiten der menschlichen Existenz, die uns seit Urzeiten verfolgen. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – hoffen die Menschen mit unverminderter Sehnsucht auf Frieden, Gerechtigkeit und Glück. Manche glauben, die moderne Zivilisation könnte zumindest die roheste Gewalt und die ärgste Barbarei überwinden. Bis heute gibt es jedoch wenig Grund, auf eine solche Besserung zu hoffen. Im Gegenteil: Die jüngere und jüngste Weltgeschichte führt uns fortlaufend vor Augen, dass auch Zivilisation und Kultur jene unheimlichen Schattenseiten des Menschseins nicht zu bannen vermögen und dass der Rückfall in die Barbarei jederzeit und überall möglich ist.
Ebenfalls seit Urzeiten verlassen Menschen ihre Heimat, um vor Krieg, Gewalt und Zerstörung zu fliehen. In jüngerer Zeit haben solche Fluchtbewegungen stark zugenommen und beschäftigen die Weltgemeinschaft in hohem Maße. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg sind nach Angaben des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge zurzeit weltweit wieder über 65 Millionen Menschen auf der Flucht, weil sie dort, wo sie leben, von Krieg, Gewalt, Misshandlung und Tod bedroht sind (United Nations High Commissioner for Refugees, 2017). Rund zwei Drittel dieser Geflüchteten sind sogenannte intern Vertriebene, das heißt, sie überschreiten die Grenzen ihrer Heimat nicht, sondern suchen innerhalb ihres Heimatlandes Schutz. Rund 22 Millionen Menschen – die Hälfte davon Kinder und Jugendliche – haben hingegen die Grenzen überschritten und suchen ihr Heil in angrenzenden oder gar weiter entfernten Ländern. Nur ein kleiner Teil dieser Flüchtenden erreicht auf der Suche nach Sicherheit und Würde Europa und versucht, hier zur Ruhe zu kommen.
Bis vor wenigen Jahrzehnten nahmen weder die allgemeine Öffentlichkeit noch die professionellen Helferinnen und Helfer so recht wahr, dass als Folge von Kriegs- und Gewalterlebnissen anhaltende und krankmachende Symptome auftreten können. Erst die Beschäftigung mit Überlebenden des Holocaust sowie mit traumatisierten (US-amerikanischen) Veteranen des Vietnamkrieges war es, die im Verlauf der 1970er-Jahre zu einem Umdenken in der Fachwelt und später auch in der Allgemeinbevölkerung führte. Inzwischen hat das Pendel, wie es manchmal scheint, beinahe etwas zu weit in die andere Richtung ausgeschlagen: Begriffe wie „Trauma“, „Traumaopfer“ oder „posttraumatische Belastungsstörung“ sind in die Umgangssprache eingegangen und wurden mittlerweile fast bis zur Inhaltslosigkeit ausgedünnt. Es gibt heute eine regelrechte „Opfer-Industrie“, die von Medien, Selbsthilfeorganisationen, Therapeuten und Anwälten betrieben wird und das Opfer-Sein nachgerade zur erstrebenswerten Rolle hochstilisiert (Reemtsma, 1999; Stoffels & Ernst, 2002). Angesichts dieser Inflation von „Opfern“ und „Traumata“ droht indes aus dem Blickfeld zu geraten, dass infolge weltweiter Fluchtbewegungen auch in westlichen Industrieländern Hunderttausende von Menschen leben, die schwerster Gewalt und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt waren (Fazel, Wheeler & Danesh, 2005; United Nations High Commissioner for Refugees, 2017). Waren es in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch einige wenige politische Geflüchtete aus vorwiegend südamerikanischen Ländern, die das Thema Gewalt und Folter in hiesigen Psychotherapiekreisen einführten, so sind es heute Geflüchtete aus nahezu der ganzen Welt, die in großer Zahl unter uns leben. Dass es sich bei diesen Menschen teilweise um schwer und sequenziell traumatisierte Menschen handelt und dass bei ihnen ein beträchtlicher Leidensdruck besteht, bleibt häufig unerkannt. Sprachschwierigkeiten, aber auch die soziale und rechtliche Marginalisierung führen oft dazu, dass die bio-psycho-sozialen Folgen sequenzieller Traumatisierung bei Asylsuchenden und Geflüchteten nicht diagnostiziert und adäquat behandelt werden. Da derzeit viele die Einwanderung und Integration von Migranten als Problem, ja als Ärgernis empfinden, fehlen zumindest in gewissen Kreisen der politische Wille und teilweise auch die Mittel, um eine professionelle Abklärung, Behandlung und Betreuung zu gewährleisten.
Dennoch sind in den meisten wichtigen Zielländern von Asylsuchenden Einrichtungen entstanden, die spezifisches Know-how entwickelten und bereitstellen, damit zumindest einem Teil der Betroffenen eine ausreichende Abklärung und Behandlung geboten werden kann. Erkenntnisse aus der Forschung zeigen, dass mit angemessenen Behandlungsstrategien vielen Patientinnen und Patienten sehr wohl zu helfen ist und dass auch schwer traumatisierte Menschen wieder eine befriedigende Lebensqualität zurückgewinnen können (Nickerson, Bryant, Silove & Steel, 2011). Die meisten spezialisierten Institutionen für traumatisierte Geflüchtete beruhen jedoch auf privaten Trägerschaften von Hilfswerken und Menschenrechts-Organisationen, während sich das öffentliche Gesundheitswesen für diese Patientengruppe bisher noch zu wenig engagiert. Diese Strategie ist vermutlich auch in ökonomischer Hinsicht verfehlt, denn Opfer von Krieg und Gewalt tauchen unter anderen Titeln im Gesundheitswesen auf und erhalten nicht selten eine Vielzahl von vermeidbaren Abklärungen und wirkungslosen Behandlungen. Wenn man die Beschwerden dieser Patientinnen und Patienten nicht als Folgen von Folter und Krieg erkennt, kommt es zu Fehldiagnosen und inadäquater Behandlung (Maier, Schmidt & Mueller, 2010).
Geflüchtete Menschen sind über ihre traumatischen Erfahrungen hinaus mit einer Vielzahl von Herausforderungen und Problemen konfrontiert, etwa einem langwierigen, schwer durchschaubaren Asylverfahren, das sich häufig über Jahre hinzieht, mit sprachlichen Verständigungsproblemen, finanzieller Knappheit, prekären Wohnverhältnissen, Sorgen um die Angehörigen im Herkunftsland. Oft stehen diese sogenannten postmigratorischen Lebensschwierigkeiten im Vordergrund der psychischen Belastung und behindern Gesundung und damit Integration (Schick et al., 2016). Posttraumatischer und postmigratorischer Stress gehen oftmals mit vielfältigen somatischen und psychischen Beschwerden einher, die auf den ersten Blick wenig spezifisch oder charakteristisch sind. Dies kann es für nicht spezialisierte Mitarbeitende des Gesundheitswesens schwierig machen, traumatisierte Menschen als solche zu erkennen, zumal die Betroffenen oft nicht spontan von ihren Erlebnissen sprechen und manchmal ihre Beschwerden auch selbst nicht ohne weiteres als Traumafolgen erkennen. In der Regel zeigen sich polysymptomatische Krankheitsbilder, zum Beispiel mit chronischen Schmerzen, Depressivität, Reizbarkeit und Schlafstörungen. Oft beschreiben die Betroffenen ein Gefühl der Fremdheit und der Sinnlosigkeit des Lebens oder sogar einen allgemeinen Lebensüberdruss, was viele zu sozialem Rückzug veranlasst. Je nach erlebter Traumatisierung können auch spezifische körperliche Schäden und Narben vorhanden sein. Das umschriebene klinische Bild der posttraumatischen Belastungsstörung, nach welchem geschulte Fachleute in erster Linie suchen, ist häufig anzutreffen. Entsprechend sind die Psychotraumatologie und die dazugehörigen Behandlungsstrategien zwar wichtige Grundlagen, können aber bei weitem nicht das ganze Spektrum der auftretenden Störungsbilder und anzuwendenden Behandlungsverfahren abdecken. Dissoziation, Depression, Suizidalität, Substanzabhängigkeit, Persönlichkeitspathologien, somatoforme Störungen und überdies interaktionelle und systemische Probleme wie sozialer Rückzug, Reizbarkeit und Aggressivität sind weitere wichtige Problembereiche, die bei der Behandlung von Kriegs- und Folteropfern eine Rolle spielen können.
Gleichwohl stellt letztlich nicht die konkrete Symptomatik die eigentliche Herausforderung für die Behandlung dar, zumal die Symptomatik über die Zeit in Qualität und Intensität auch ohne Therapie beträchtlich variiert. Vielmehr besteht das zentrale Problem darin, dass diese Menschen eine totale Negierung von Humanität und Sozietät erfahren haben. Insofern ist das Fatum der Folter- und Kriegserfahrung nicht durch behandlungstechnisches Know-how aus der Welt zu schaffen, sondern muss – von Therapeut und Patient – als Teil der Existenz anerkannt und akzeptiert werden. Die Psychotherapie mit Folter- und Kriegsopfern greift daher weit über das Feld der psychotherapeutischen Techniken und Praktiken hinaus und bezieht politische, historische, soziale, philosophische, religiöse und spirituelle Zusammenhänge mit ein.
Die Tatsache, dass die Geflüchteten manchmal Monate auf eine Abklärung oder einen Therapieplatz warten und zu einem großen Teil als sozial und rechtlich diskriminierte Asylbewerberinnen und -bewerber „draußen vor der Tür“ bleiben müssen, steht einer erfolgreichen Behandlung oft im Weg. Es kann vorkommen, dass für Überlebende unmenschlicher Grausamkeit und unvorstellbarer Gewalt die Probleme ihres aktuellen realen Lebens subjektiv belastender und schwerer aushaltbar sind als ihre traumatischen Erinnerungen (Laban, Gernaat, Komproe, Schreuders & De Jong, 2004; Silove, 1999; Silove, Steel, McGorry & Mohan, 1998). Sich in diesem Kontext beraterisch und psychotherapeutisch zu betätigen, bedeutet also nicht nur, sich auf Berichte aus den Grenzbereichen und Abgründen des Menschseins einzulassen, sondern ebenso sehr, sich mit den alltäglichen Schwierigkeiten von Asylverfahren, Sozialhilfeabhängigkeit und Arbeitslosigkeit auseinanderzusetzen. Aus diesen Rahmenbedingungen resultieren Begrenzungen für die beraterische und therapeutische Arbeit, die man wahrnehmen und akzeptieren muss. Meist kann nur ein interdisziplinäres Behandlungskonzept einer solchen Situation gerecht werden, weil neben psychotherapeutischen Interventionen im engeren Sinne auch sozialarbeiterische, sozialpsychiatrische, somatische und physiotherapeutische Behandlungselemente von großer Bedeutung sind. Diese verschiedenen Interventionsebenen sorgfältig aufeinander abzustimmen und die erzeugten Effekte, Reaktionen und Entwicklungen zu reflektieren, erfordert einen hohen Aufwand an Koordination und Kommunikation.
Die Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten ist somit als ein interdisziplinäres Unterfangen zu verstehen, bei dem nicht nur verschiedene psychotherapeutische Theorieelemente zusammenzufügen, sondern darüber hinaus und parallel meist noch weitere Probleme zu lösen sind: körperliche Krankheiten und Behinderungen, Rechtsfragen, Integration und Schule, sprachliche und nichtsprachliche Kommunikationsprobleme, um nur einige zu nennen.
Die Arbeit mit schwer traumatisierten Geflüchteten wird manchmal mit dem Nimbus des Heroischen umgeben. Angesichts der unvorstellbaren Grausamkeit, welche diese Menschen erduldet haben, und ihrer totalen Ohnmacht diesem Unrecht gegenüber erhält die Behandlung und Beratung der Opfer in den Augen des Publikums und auch mancher Therapeut/-innen einen besonderen Wert. Nicht nur Hilfe und Heilung für die Patientinnen und Patienten gelten als Inhalt und Zweck der Behandlung, sondern auch der Kampf gegen Unrecht und Menschenrechtsverletzungen. Darin liegt ein Spannungsfeld.
Parteilichkeit im Hinblick auf die erlittenen Menschenrechtsverletzungen und offene Stellungnahme für Gerechtigkeit und gegen Folter und Krieg sind im Rahmen der Therapie selbstverständlich. Der Begriff der „technischen Neutralität“ darf in der Behandlung von Folter- und Kriegsopfern nicht im Sinne analytischer Abstinenz aufgefasst werden (Allodi, 1991; Graessner, Gurris & Pross, 1996). Das gesellschaftspolitische Engagement der Therapeutin, des Therapeuten soll aber nicht mit den Bedürfnissen des Patienten konkurrieren. Die Patient/-innen wollen ja im Rahmen ihrer Therapie nicht in erster Linie einen Beitrag zu politischem Engagement und zum Kampf für die Menschenrechte leisten, auch wenn sie die entsprechenden Ziele sehr wohl teilen und unterstützen mögen. Sie möchten vielmehr, dass ihnen in ihrer aktuellen und individuellen Situation geholfen wird und dass sie ihre innere Realität besser verstehen und bewältigen können. Im Mittelpunkt der Therapie sollen die Bedürfnisse und Veränderungswünsche der Patient/-innen stehen, nicht die Anliegen der Therapeuten.
Überhaupt sind die moralische Überhöhung der Therapie von traumatisierten Geflüchteten und ihre Instrumentalisierung im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen ein heikles Feld. Die wie erwähnt meist privaten Trägerschaften von Behandlungszentren neigen aus Marketing- und Fundraising-Gründen zur Emotionalisierung und zur moralischen Aufladung des Themas. Dies hilft aber den Betroffenen konkret nicht, weil herablassendes Mitleid oder ehrfürchtige Heroisierung die Folgen sind. Beides vergrößert die Distanz zur Normalität und zu natürlichem zwischenmenschlichem Kontakt, anstatt sie zu verkleinern. Dies ist ein Grund mehr, die Behandlung von traumatisierten Geflüchteten als Aufgabe im öffentlichen Gesundheitswesen zu verankern und damit zu versachlichen. Aus psychotherapeutischer Sicht ist die Behandlung solcher Patientinnen und Patienten zwar anspruchsvoll und komplex, aber sie erfordert keinen übermenschlichen Einsatz oder selbstlose Opferbereitschaft. Gerade Letzteres darf nicht der Fall sein, denn wenn die Therapeut/-innen sich selbst nicht abgrenzen und gesund erhalten können, sind sie auch nicht in der Lage, ihre Patient/-innen dies zu lehren.
Weshalb dieses Buch? Vor etwas mehr als zehn Jahren haben wir ein Handbuch zur Psychotherapie mit Folter- und Kriegsopfern herausgegeben (Maier & Schnyder, 2007). Schon in diesem Band versuchten wir, über den Tellerrand hinauszuschauen und verschiedene andere Aspekte zu beleuchten, die uns bei der Arbeit mit Folter- und Kriegsopfern wichtig schienen. Beispielsweise wurden bereits damals auch Themen wie Transkulturalität, Dolmetscher, hausärztliche Betreuung oder die Bedeutung der medizinisch-psychiatrischen Begutachtung angesprochen. Dennoch war dieses erste Buch stark auf die Psychotherapie fokussiert, nicht zuletzt deshalb, weil die Psychotherapie auch die Kernkompetenz der Herausgeber darstellt. Heute, ein Jahrzehnt später, scheint es uns an der Zeit, die Thematik umfassender abzuhandeln und neue Entwicklungen aufzunehmen, um dem anspruchsvollen Feld der Arbeit mit Asylsuchenden und Geflüchteten gerechter zu werden. So haben wir diesmal eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren gewinnen können, die das Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.
Die Beiträge zum vorliegenden Buch wurden von anerkannten Expertinnen und Experten aus dem deutschsprachigen Raum, aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, verfasst. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen gebeten, zwar aus ihrer jeweiligen länderspezifischen Perspektive zu schreiben, wenn möglich aber auch Unterschiede zwischen den drei Ländern anzusprechen und herauszuarbeiten. Diese Diversität ist gewollt, bringt allerdings mit sich, dass nicht alle nationalen Besonderheiten in jedem Kapitel gleichberechtigt dargestellt sind. So sind im einen Kapitel die Schweizer Besonderheiten gewichtiger, im anderen die Spezifika in Deutschland oder Österreich. Dafür bitten wir um Nachsicht. Hinsichtlich des Gebrauchs genderspezifischer Formulierungen oder themenspezifischer Begriffe haben wir den Autorinnen und Autoren freie Hand gelassen. Beispielsweise haben wir uns entschlossen, in den von uns verfassten Texten nicht mehr von „Flüchtlingen“ zu sprechen, sondern die neuerdings gebräuchlichere Variante „Geflüchtete“ zu verwenden. Wir haben jedoch darauf verzichtet, den Kapitelautorinnen und -autoren in dieser Hinsicht eine „unité de doctrine“ aufzuerlegen.
Das Buch ist in drei Teile unterteilt: Teil 1: Grundlagen Trauma – Flucht – Asyl; Teil 2: Gesundheit, Versorgung und Integration; Teil 3: Behandlung von Traumafolgestörungen.
Teil 1: Grundlagen Trauma – Flucht – Asyl
Im Anschluss an diese Einleitung, sozusagen als Einstimmung auf die Thematik, kommen im Kapitel 2 Betroffene selber zu Wort und berichten aus erster Hand von ihren eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, davon, was sie in ihrer Heimat, auf der Flucht und in der postmigratorischen Phase im Aufnahmeland erlebt haben.
Kapitel 3 gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der Psychotraumatologie. Von den Kriegszitterern des Ersten Weltkriegs über die Holocaustüberlebenden zu den Vietnamveteranen ist der Bogen zu spannen, um den aktuellen Stand der psychotraumatologischen Forschung und Therapie darzustellen. Die geschichtliche Herleitung der theoretischen Vorstellungen erleichtert das Verständnis der heutigen Behandlungskonzepte und Versorgungsstrukturen.
Kapitel 4 beschreibt den rechtlichen Kontext von Flucht und Asyl und beleuchtet überblicksartig die Flüchtlingseigenschaft und das Asylverfahren in Deutschland, der Schweiz und Österreich.
Im Kapitel 5 wird das psychopathologische Spektrum dargestellt und aufgefächert, das bei Flüchtlingen und Asylsuchenden anzutreffen ist. Die psychopathologischen Folgen schwerer sequenzieller Traumatisierungen reichen von der Beschädigung des Kerns der Persönlichkeit über die klassischen Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung bis hin zu vielfältigen sekundären Symptomen und Verhaltensänderungen.
Kapitel 6 widmet sich einem hochaktuellen Thema, nämlich den postmigratorischen Lebensschwierigkeiten, mit denen Geflüchtete nach erfolgreicher Migration konfrontiert sind, und den Zusammenhängen zwischen diesen Alltagsbelastungen, psychischen Beeinträchtigungen und dem Integrationsprozess, den die Geflüchteten im Aufnahmeland durchlaufen.
Im Kapitel 7 wird eines der wichtigen praktischen Probleme der Zusammenarbeit mit traumatisierten Geflüchteten behandelt: die sprachliche Kommunikation und Übersetzung. Da in der Mehrzahl der Fälle keine direkte sprachliche Verständigung zwischen Patient und Therapeut oder Berater möglich ist, braucht es Dolmetscher/-innen. Die Anforderungen an diese „Dritten im Bunde“ sind hoch, der Einfluss auf den Therapieverlauf komplex und vielschichtig. Das Kapitel liefert hierzu Modelle und Anleitungen.
Kapitel 8 ist den kulturellen Kompetenzen und der Transkulturalität in der Arbeit mit Migrant/-innen und traumatisierten Geflüchteten gewidmet. Die üblichen therapeutischen Konzepte, die schon einheimischen Patient/-innen manchmal befremdlich vorkommen, stoßen bei vielen unserer Patient/-innen auf Unverständnis. Dies kann mit abweichenden Krankheitsmodellen und Therapieerwartungen zu tun haben, die allerdings nicht einfach mit dem Hinweis auf die fremde Kultur zu erklären sind. Kultur wird als ein Merkmal unter vielen weiteren Faktoren verstanden, das Einstellungen, Erwartungen, Coping-Stil und Resilienz eines Menschen determiniert und einen Einfluss darauf hat, wie sie oder er beispielsweise ein Trauma verarbeitet. Kultur ist dynamisch und vielerlei Einflüssen unterworfen. Genauso wenig, wie es eine schicht- oder geschlechtsspezifische Therapie gibt, existiert daher eine kulturspezifische oder eine transkulturelle Therapie.
Teil 2: Versorgung, Bildung und Integration
Kapitel 9 widmet sich den Rollen und Aufgaben, die von Hilfswerken wahrgenommen werden. Am Beispiel des Schweizerischen Roten Kreuzes wird aufgezeigt, wie diese Rollen definiert sind und wie die praktische Umsetzung erfolgt.
In Ergänzung dazu werden im Kapitel 10 die Herausforderungen und Gestaltungmöglichkeiten für die institutionelle Unterbringung und Betreuung von Geflüchteten beschrieben. Anhand konkreter Beispiele erhält der Leser, die Leserin einen Einblick, wie die Unterbringung traumatisierter Geflüchteter organisiert werden kann und worauf dabei geachtet werden muss.
Die jüngste Entwicklung im Asylbereich mit vorwiegend jungen Menschen, die nach Europa flüchten und deren Bildung und berufliche Qualifikationen oft nicht den Anforderungen des hiesigen Arbeitsmarktes entsprechen, stellt die Aufnahmegesellschaft bei der beruflichen Integration vor große Herausforderungen. Kapitel 11 beschreibt Erfordernisse und Wege der Arbeitsmarktintegration anerkannter Geflüchteter.
Wie eingangs erwähnt, sind ungefähr die Hälfte der Menschen auf der Flucht Kinder und Jugendliche. Viele von ihnen sind sozial und psychisch stark belastet und stellen dementsprechend die Schule vor schwierige Integrationsaufgaben. Kapitel 12 zeigt auf, wie die Schule Sicherheit und Struktur bieten und somit eine Chance für Flüchtlingskinder sein kann. Integration lässt sich dank Schule und Bildung erleichtern.
Bei vielen Geflüchteten sind Hausärzte die ersten Fachpersonen, denen sie im Gesundheitswesen begegnen. Daher nimmt die hausärztliche Betreuung bei der Abklärung und Behandlung von Flüchtlingen und Asylsuchenden wichtige Funktionen wahr. Kapitel 13 widmet sich diesem Thema.
Kapitel 14 behandelt die ärztlichen und psychologischen Stellungnahmen und Gutachten in aufenthaltsrechtlichen Verfahren. Dies ist eines der schwierigen Begleitprobleme für all jene, die sich therapeutisch mit Asylsuchenden befassen. Im Dilemma zwischen Engagement und distanzierter Objektivität fällt es oft schwer, sich gegenüber den Asylbehörden angemessen zu positionieren. Die im Kapitel 14 dargestellten Richtlinien sollen helfen, sich in diesem Spannungsfeld zurechtzufinden.
Gute soziale Arbeit mit Geflüchteten erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen in andere kulturelle und Lebenskontexte und gleichzeitig die ausgeprägte Fähigkeit, sich abzugrenzen und belastende Situationen auszuhalten. Im Kapitel 15 werden Ansätze, Ziele und Leitlinien einer erfolgreichen sozialen Arbeit mit Geflüchteten, aber auch Fallstricke dieser Arbeit dargelegt.
Geflüchtete Kinder und Jugendliche stellen eine besonders schützenswerte Population dar. Insbesondere unbegleitete Minderjährige sind in jeglicher Hinsicht extrem vulnerabel. Unsere Gesundheits- und Erziehungssysteme sind jedoch gerade auf diese Menschen noch nicht optimal eingestellt, nicht zuletzt, weil das Phänomen der unbegleiteten minderjährigen Flüchtenden erst seit wenigen Jahren in diesem Ausmaß zu beobachten ist. Kapitel 16 vermittelt einen Überblick und einschlägige Anleitungen.
Kapitel 17 gewährt einen Einblick in die Anforderungen und Schwierigkeiten, die mit der asylrechtlichen Beratung verbunden sind. Der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung, Umgang mit eigenen Emotionen und hohe Erwartungen seitens der Asylsuchenden sind einige Stichworte, die in diesem Kapitel erörtert werden.
Teil 3: Behandlung von Traumafolgestörungen
Im Teil 3 unseres Buches liegt der Fokus auf der Behandlung von Traumafolgestörungen. Zunächst formulieren die Herausgeber eine Reihe von Prinzipien des professionellen, nach Möglichkeit evidenzbasierten Vorgehens bei der diagnostischen und therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten (Kapitel 18). Im anschliessenden Kapitel 19 geht es um psychodiagnostische Verfahrensweisen. Darauf folgt eine Reihe spezifischer Kapitel:
traumafokussierte kognitiv-verhaltenstherapeutische (Kapitel 20) und psychodynamische Aspekte der Therapie bei Geflüchteten (Kapitel 21),Behandlung chronischer Schmerzen (Kapitel 22),körperorientierte Verfahren wie Physiotherapie und Bewegungstherapie (Kapitel 23),Religion und Spiritualität (Kapitel 24),stationäre psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung (Kapitel 25),Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen im Kindes- und Jugendalter (Kapitel 26) unddigitale Medien in der Behandlung traumatisierter Geflüchteter (Kapitel 27).Diese Kapitel beleuchten das konkrete therapeutische Vorgehen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln von der Diagnostik bis zur Behandlung und bilden jedes einen Teil des interdisziplinären Behandlungsspektrums ab. Aus ihrer jeweiligen Perspektive setzen die Verfasserinnen und Verfasser der einzelnen Kapitel sehr unterschiedliche Akzente; alle schöpfen sie bei ihren Darstellungen aus reicher praktischer Erfahrung im Umgang mit traumatisierten Geflüchteten und illustrieren die theoretischen Überlegungen mit zahlreichen Fallbeispielen.
Psychohygiene, Sekundärtraumatisierung und Burn-out bei Therapeuten schließlich ist ein oftmals verschwiegenes und unangenehmes Thema. Wer jedoch mit traumatisierten Geflüchteten arbeitet, weiß, dass einen die Geschichten dieser Menschen nicht unberührt lassen, sondern erschüttern, ja unter Umständen sekundär traumatisieren können. Wie der Einzelne und Teams mit solchen Belastungen umgehen können und welche institutionellen und persönlichen Voraussetzungen dabei wichtig sind, stellt Kapitel 28 dar.
Im abschließenden Kapitel 29 markieren wir als Herausgeber nochmals die wichtigsten Aspekte und skizzieren einige Ausblicke.
Unser Buch richtet sich an alle Fachpersonen, die mit der Aufnahme, Betreuung, Behandlung oder Ausbildung von Asylsuchenden und Flüchtlingen zu tun haben. Es stellt den aktuellen Stand der heutigen Best Practice dar. Wir wünschen uns, dass dieses Buch
die Sensibilität für den Themenkreis Trauma – Flucht – Asyl erhöht,die Zusammenhänge dieses hochkomplexen Themas deutlich macht,einen Beitrag zur Verbesserung der psychosozialen Versorgung und sozialen Integration von Geflüchteten leistet undneuen Interessierten mit seinen praxisnahen und fundierten Inhalten den Einstieg in diese Arbeit erleichtert.Das vorliegende Buch ist ein interdisziplinäres Gemeinschaftswerk. Wir möchten uns als Herausgeber herzlich bei allen Beitragenden bedanken. Zuallererst danken wir dem Hogrefe Verlag, der zehn Jahre nach dem ersten Buch mit der Idee einer neuen Auflage an uns herangetreten ist. Frau Dr. Lauri vom Verlag danken wir für die stets angenehme, kompetente und unkomplizierte Zusammenarbeit. Frau Anja Klug, Leiterin des UNHCR-Büros für die Schweiz und Lichtenstein, danken wir für ihre konstruktiven Kommentare und Vorschläge zur Übersetzung des Geleitworts. Wir danken allen Autorinnen und Autoren der einzelnen Buchkapitel, die seit vielen Jahren mit Elan und Engagement mit Geflüchteten arbeiten. Außerdem danken wir unseren Mitarbeitenden des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer der Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des Universitätsspitals Zürich für die Gespräche und Ideen während der Vorbereitung und Planung des Buches. Am meisten haben wir von den Menschen gelernt, mit denen wir bei unserer täglichen klinischen Arbeit zu tun haben und die ihre nicht selten erschütternden Geschichten mit uns teilten. Ihnen gebührt unser größter Dank und Respekt.
Referenzen
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Ulrich Schnyder, Naser Morina, Matthis Schick, Thomas Maier
In diesem Kapitel kommen Menschen zu Wort, um deren Behandlung und Betreuung es in diesem Buch geht. Ganz bewusst stellen wir diese drei Berichte von traumatisierten Geflüchteten an den Anfang unseres Buches: Wir sind überzeugt, dass die Arbeit mit Menschen, die unter den Folgen von Krieg und Folter leiden und in einem Aufnahmeland um Asyl bitten, nicht nur aus einem Buch gelernt werden kann, das von „Experten“ geschrieben wurde. Wenn wir uns auf diese Arbeit einlassen, kommen wir nicht darum herum, uns die Lebens- und Leidensgeschichten geflüchteter Menschen anzuhören, uns davon anrühren, berühren, bewegen lassen. Manchmal werden wir schockiert und erschüttert sein, wenn wir erfahren, welch schlimmen Erlebnissen diese Menschen ausgesetzt waren.
Die folgenden drei Berichte stammen von Menschen, die in die Schweiz geflüchtet sind und hier behandelt wurden. Die drei Geschichten sind exemplarisch, und sie sind es gleichzeitig nicht. Es ist nicht möglich, die Vielfalt menschlichen Erlebens zum Thema Trauma – Flucht – Asyl in drei realen „Testimonials“ einzufangen und umfassend darzustellen. Wir glauben jedoch, dass die sehr persönlichen Berichte eines Jugendlichen, einer Frau und eines Mannes einen Eindruck davon vermitteln, womit Geflüchtete auf ihrem langen und oft beschwerlichen Weg in Richtung Integration konfrontiert sind, was sie beschäftigt, was sie umtreibt, was ihnen Sorgen macht und worüber sie sich freuen.
Das erste Testimonial eines Jugendlichen aus Syrien ist aus einer Zusammenarbeit der zuständigen Psychotherapeutin, Christina Kohli, mit dem Betroffenen entstanden. Karims Geschichte hat er zum Abschluss der Therapie gemeinsam mit seiner Therapeutin als Evaluation verfasst. Die Zwischentitel sind von Christina Kohli und Naser Morina. Den Beitrag der Frau aus Iran hat diese auf Deutsch erzählt, und ihre Therapeutin, Sandra Passardi, hat ihn protokolliert. Die Rohfassung wurde im wechselseitigen Austausch leicht gekürzt und sprachlich ein wenig adaptiert. Das letzte Testimonial stammt von Herrn Cemal Gürsel Kirici aus der Türkei. Ihm ist es ein Anliegen, dass sein richtiger Name hier genannt wird. Er hat den Text in seiner Muttersprache Türkisch verfasst und dann zusammen mit seiner 19-jährigen Tochter Özenç Deniz Kirici ins Deutsche übersetzt. Thomas Maier hat den Text anschließend sprachlich behutsam redigiert und von Herrn Kirici und seiner Tochter autorisieren lassen.
Karim, 18 Jahre alt: Meine Geschichte
Zu Beginn war ich vom Vorschlag meiner Psychotherapeutin, gemeinsam meine Lebensgeschichte aufzuschreiben, nicht besonders begeistert. Wozu?, hatte ich mich gefragt. Speziell ist sie nicht, sie ähnelt der Geschichten vieler meiner Landsleute hier – aufgewachsen in einem Land, das die Bezeichnung „Heimat“ verdient, mit vielen Menschen, die mich verstanden; geflüchtet wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen, aus Angst, gefangengenommen, gefoltert, getötet zu werden; angekommen nach lebensbedrohlicher Flucht in einem Land, das nicht das eigene ist, dessen Bewohner einen nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Bis auf wenige Ausnahmen jedenfalls. Nun, da ich mich aber auf das Abenteuer des Aufschreibens eingelassen hatte, bin ich doch auch ein wenig stolz, wenn ich die Geschichte lese. Ich, Karim, inzwischen 18 Jahre alt, habe nach einem langen, schwierigen Weg vor zwei Wochen meinen Lehrvertrag unterschreiben können. Nun aber von vorne.
Der Prinz kommt zur Welt
„Karim“ ist ein arabischer Name und bedeutet ‚vornehm‘ und ‚großzügig‘. Am 1. Januar 1999 sei ich geboren, steht in meiner Aufenthaltsbewilligung. Das stimmt so nicht, eigentlich kam ich im Oktober 1998 zur Welt. In Homs, als Erstgeborener meiner Eltern. Sie hatten ein Jahr zuvor geheiratet, waren Cousine und Cousin.
Während meiner ersten vier Lebensmonate lebten wir bei meinem Großvater, dem Vater meines Vaters. Das ging aber nicht lange gut, mein Vater und mein Großvater lagen ständig miteinander in Streit. So zogen wir zu meiner Großmutter, der Mutter meiner Mutter. Dort lebte auch meine acht Jahre ältere Tante. Zu ihr pflege ich heute noch eine sehr gute Beziehung; sie lebt mit ihrem Mann etwa eine Zugstunde von uns entfernt. Oft tanzen wir gemeinsam halbe Nächte durch, trinken und rauchen dabei; meine Eltern freut das nicht.
Aber zurück nach Syrien: Alle hatten mich lieb. Ich war das erste Kind meiner Mutter, der erste Enkel meiner Großmutter und der erste Neffe meiner Tante, kurz der Prinz, den alle liebevoll umsorgten. Mein Vater lebte zu jener Zeit im Libanon, er betrieb dort eine Schneiderei. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, wie ich hörte. Mit einigen Angestellten. Alle vier Monate kam er uns besuchen. Diese ersten Jahre lebte ich sehr glücklich.
Hilfe, meine Mutter ist verbrannt
Dann geschah etwas, das mein Leben noch heute prägt. Ich war gerade vier Jahre alt geworden und half wie jeden Tag meiner Mutter in der Küche. Wir kochten über einer offenen Feuerstelle. Mit einem Male wurde das Feuer ganz groß und bedrohlich. Ich bekam panische Angst, begann zu schreien und rannte um mein Leben aus der Küche auf die Straße. Ich schrie den herbeigeeilten Nachbarn zu, dass meine Mutter verbrannt ist. Sie konnten das Feuer rasch unter Kontrolle bringen. Sofort eilte meine Mutter zu mir, nahm mich in die Arme und tröstete mich. „Alles ist gut“, sagte sie. Trotzdem brachte ich während der darauffolgenden Tage kein Wort mehr über die Lippen, so tief saß der Schrecken. Nach vier Tagen begann ich wieder zu sprechen, aber ich stottere bis zum heutigen Tag.
Schlägereien und eine Morddrohung
Im Jahr 2004 wurde mein Bruder geboren. Bald nach seiner Geburt zogen wir zu meinem Vater in den Libanon. Abends im Bett weinte ich oft, ich vermisste meine Großmutter und meine Tante so sehr. Am liebsten wäre ich wieder zu ihnen zurückgekehrt. Im Libanon wohnten wir mit je zwei Brüdern meiner Eltern zusammen, sie alle arbeiteten in der Schneiderei meines Vaters mit. Weil mein Vater viel verdiente, besaß meine Mutter viel Goldschmuck, und oft luden wir Gäste zu uns ein.
Oft kam es aber zwischen den Männern zu Konflikten, die besonders abends in Schlägereien ausarteten. Ich lag dann in meinem Bett und konnte, weil es so laut war, lange nicht einschlafen. Das machte mir Angst, ich mochte sie ja alle, meine Onkel. Einmal kam es wegen einer Geliebten sogar zu Todesdrohungen. Ich geriet in Panik, ich war mir sicher, dass mein Onkel nun seinen Bruder umbringen würde. Zum Glück sprach mein Großvater ein Machtwort und verbot meinem Onkel zu morden.
Chef der Schule
Schließlich zogen wir 2006 wieder nach Homs zurück. Die Freude über das Wiedersehen mit der geliebten Großmutter hielt nicht lange an. Noch in demselben Jahr migrierte sie in die Schweiz. Nun war sie, die für mich wie eine Mutter war, noch weiter von mir entfernt. Ich war überzeugt, sie nie wiederzusehen. Nicht einmal meine Mutter schaffte es damals, mich zu trösten.
Siebenjährig trat ich in die Schule ein. Zunächst hatte ich große Angst vor den mehr als 300 Schülern auf dem Schulareal. Jahr um Jahr aber fühlte ich mich sicherer. Die vierte Klasse war mein glücklichstes Schuljahr. Ich hatte einen neuen Freund gefunden: Fawzi; sein Name bedeutet ‚siegreich‘. ‚Vornehm, großzügig, siegreich‘ – wir ergänzten uns gut. Besonders gerne sangen wir zusammen, am liebsten während des Unterrichtes. Das nervte natürlich meine Lehrer. Mehr und mehr war ich auch in Raufereien mit anderen Kindern verwickelt. Schließlich kannte mich jeder auf dem Pausenplatz, denn ich war der Stärkste der Schule und somit der Ranghöchste, also der Chef. Ein gerechter jedoch, nie ging ich auf jüngere Schüler los. Offensichtlich trieben es Fawzi und ich aber doch zu bunt, schließlich drohte uns der Schulausschluss.
Kriegsausbruch und Flucht
2011 brach in Syrien der Krieg aus. Was mit friedlichen Protesten gegen das Assad-Regime begonnen hatte, wurde schnell sehr bedrohlich. Tag für Tag wurde es schlimmer. Unterwegs auf den Straßen war ich in ständiger Angst, stets hatte ich ein Messer und Schlagstöcke bei mir. Meine Eltern schätzten die Situation zunächst anders ein; sie wollten nicht, dass ich mich bewaffnet draußen bewege.
2012 entschieden sie sich dann aber, das Land zu verlassen. Der Abschied von meinen Freunden war für mich sehr schlimm. Die meisten von ihnen wollten damals in Syrien bleiben. So verließen wir eines Morgens Homs und all das, was wir uns hier aufgebaut hatten.
Anfangs waren wir mit einem Taxi unterwegs. Während der ganzen Fahrt sprachen wir kaum miteinander. Die Traurigkeit über den Abschied und die Angst vor all dem, was uns noch bevorstand, lähmte uns. Später legten wir unser Schicksal in die Hände eines Schleppers. Mit 1000 Euro insgesamt hatte er uns wenigstens einen guten Preis gemacht. Aber ich hatte schreckliche Angst davor, von der Polizei entdeckt zu werden.
Die Überfahrt im Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland war noch viel schrecklicher, als ich mir dies aufgrund der Berichte von früher geflüchteten Bekannten vorgestellt hatte. Jeden Platz hatte man doppelt bis dreifach verkauft. Und ob meine Schwimmweste im Notfall geholfen hätte, daran zweifle ich noch heute. Ich hatte nie schwimmen gelernt. Wäre ich über Bord gefallen, hätte dies das Ende meines noch jungen Lebens bedeutet. Im Meer sah ich Menschen, die es nicht geschafft hatten. Sie tauchten über Monate in meinen Träumen auf, begleitet von meiner panischen Angst, es ebenfalls nicht zu schaffen.
Von Verwandten im Stich gelassen
