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Trauma und Bindung zwischen den Generationen E-Book

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Beschreibung

Den transgenerationalen Teufelskreis durchbrechen Neue beeindruckende Forschungsergebnisse belegen die gravierenden Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen bis in die nachfolgenden Generationen. Doch wie überträgt sich traumatische Angst der Eltern auf die Kinder- und Enkelkindergeneration? Welche Rolle spielen dabei epigenetische Mechanismen? Warum leiden manche Menschen kaum unter »vererbten psychischen Wunden« und andere sehr? Welche Schutzfaktoren gibt es und wie können sie in der Therapie und Prävention eingesetzt werden? Diese und weitere spannende Fragen beantworten renommierte, internationale Experten in dem vorliegenden Band zu generationsübergreifenden Traumata.

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Trauma und Bindung zwischen den Generationen

Vererbte Wunden und Resilienz in Therapie, Beratung und Prävention

Herausgegeben von Karl Heinz Brisch

Klett-Cotta

Impressum

Die Beiträge von Teresa W. Ngigi, Abraham Sagi-Schwartz sowie von Suchithra Varadarajan, Anja M. Gumpp und Iris-Tatjana Kolassa wurden von Ulrike Stopfel aus dem Englischen übersetzt.

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Bettina Hermann, Stuttgart,

unter Verwendung einer Abbildung von DN6/Adobe Stock

Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Altusried-Krugzell

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

Lektorat: Thomas Reichert

ISBN 978-3-608-96588-9 

E-Book ISBN 978-3-608-11961-9

PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20598-5

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Wolf Ritscher

Transgenerationale Vermächtnisse

Transgenerationale Vermächtnisse, Geheimnisse und Tabus: Ein Drei-Ebenen-Modell

Vermächtnisse

Geheimnisse

Tabus

Schuld- und Schamgefühle als psychischer Hintergrund von Tabus und Geheimnissen

Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf basierenden Loyalitätsbindungen als existentielle Ressourcen des Systems

Die kommunikative Vermittlung von Vermächtnissen in Familien

Die Familie Loewenthal-Ritscher: Fünf Generationen im Genogramm (siehe auch )

Die 1. Generation

Die 2. Generation

Die 3. Generation

Die 4. Generation

Die 5. Generation

Trauma und Resilienz in der Familie Loewenthal-Ritscher

Zum Abschluss

Literatur

Katharina Drexler

Ererbte Wunden erkennen und heilen

Warum sind ererbte Wunden mein Herzensthema?

Wie können Wunden ererbt werden?

Wie lassen sich ererbte Wunden heilen?

Was tun, wenn Kontraindikationen gegen eine traumatherapeutische Arbeit mit dem verinnerlichten traumatisierten Anteil bestehen?

Wie können wir ererbte von eigenen Wunden unterscheiden?

Literatur

Sabine Bode

Deutsche Kriegsenkel durchbrechen die Mauer des Schweigens

Nachkriegskinder

Deutsche Geschichte

Was der Krieg in deutschen Familien angerichtet hat

Emotionale Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und Empathie

Die Kriegskinder

Die Kriegsenkel

Die Schneiders: Eine »Burgfamilie«. Typisch – nicht nur für Deutschland

»Hafenfamilien«

Das Schweigen in den Familien

Jiajia Wu und Alexander Korittko

Trauma-Narrative zwischen politischer Einflussnahme und transgenerativen Effekten

Sozio-politische Traumata

Beispiel 1: Der Übergang in Ostdeutschland zur Bundesrepublik und die Zeit danach

Geschichte

Politische Einflussnahme

Konsequenzen der politischen Entscheidung

Psychische Reaktionen

Beispiel 2: Ein-Kind-Politik in China

Geschichte

Politische Einflussnahme

Konsequenzen der politischen Entscheidung

Psychische Reaktionen

Ein-Kind-Politik in China und der Vereinigungsprozess in Ost‑Deutschland. Drei vergleichende Hypothesen

Ausblick

Literatur

Suchithra Varadarajan, Anja M. Gumpp und Iris-Tatjana Kolassa

Biomolekulare Spuren von traumatischem Stress

Eine höhere Traumalast (oder Misshandlungslast) führt zu einem erhöhten Risiko für physische und psychische Erkrankungen

Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sowie traumatische Stresserfahrungen der Mutter und epigenetische Veränderungen in Genen der HPA-Achse und des Oxytocin-Systems des Kindes

Chronische niederschwellige Entzündung im Zusammenhang mit Kindesmisshandlung oder traumatischem Stress

Veränderungen in der mitochondrialen Bioenergetik aufgrund von Kindesmisshandlung oder traumatischem Stress und deren generationsübergreifende Folgen

Erhöhter oxidativer Stress in Verbindung mit traumatischem Stress

Telomerverkürzung nach Kindesmisshandlung oder traumatischem Stress

Stressbedingte Veränderungen der Darmflora und ihre Implikationen für die generationsübergreifende Transmission mütterlicher Traumafolgen

Innovative therapeutische Ansätze zur Verbesserung der Stress-Resilienz

Schlussbemerkung und Ausblick

Literatur

Sonja Entringer

Frühe Stresserfahrungen und Programmierung von Gesundheit und Krankheit

Konzept der frühen Programmierung von Gesundheit und Krankheit

Pränatale Stress-Exposition und fetale Programmierung von Gesundheit und Krankheit

Molekularbiologische Mechanismen der fetalen Programmierung

Präkonzeptionelle Erfahrungen und fetale Programmierung von Gesundheit und Krankheit

Implikationen für Risikoscreening und Interventionen

Literatur

Teresa W. Ngigi

Entwicklungstraumata und das Durchbrechen des Zyklus

Die langfristigen Folgen eines Entwicklungstraumas

Entwicklungstraumata heilen

Aversive Kindheitserfahrungen (»adverse childhood experiences«, ACE)

Die Folgen unbewältigter aversiver Kindheitserfahrungen

Prävention und Eindämmung

Literatur

Ali Jawaid und Isabelle M. Mansuy

Generationsübergreifende Auswirkungen von Traumata

Einführung in die Epigenetik

DNA-Methylierung

Histon-Modifikationen

RNA

Epigenetische Mechanismen in der Keimbahn

Vererbung von Traumafolgen in Tiermodellen und beim Menschen

Nagetiermodelle

Humanstudien

Die Rolle des Blutes bei der Übertragung der Auswirkungen von Traumaexposition und Krankheitsanfälligkeit

Zur Bedeutung der epigenetischen Vererbungsforschung für die Gesellschaft

Günstige Zeitfenster

Schlussfolgerungen und Ausblick

Literatur

Egon Garstick

Transgenerative Weitergabe der Traumatisierung und des Zornes

Einleitung

Die Beziehung zwischen der Psychoanalyse und der neurobiologischen Forschung

Die Bedeutung des Berührtwerdens

Was lernen wir aus der Affektforschung?

Fokussierte psychotherapeutische Väterarbeit in der »Stiftung Mütterhilfe« ab 2000 und ab 2018 in der »Arche Für Familien« (Verein Arche Zürich)

Das Auffangen und Abholen der verwirrten Väter im Sinne einer konstruktiven Vaterschaft – Fallbeispiele aus der Väterarbeit

Umgang mit Schamgefühl – Bedeutung der Schamgefühlregulation

Schlussfolgerungen für Behandlung und Prävention

Literatur

Abraham Sagi-Schwartz

Kann ein extremes Trauma weitergegeben werden?

Einführung

Bindung, Bindungssicherheit und -unsicherheit und Traumatransmission

Unsere Drei-Generationen-Studie

Die Methode

Erste Phase

Zweite Phase

Meta-Analysen

»Unter die Haut gehende« Auswirkungen

Posttraumatisches Wachstum

Schlussbemerkung und Ausblick

Literatur

Christiane Ziegler, Miriam A. Schiele und Katharina Domschke

Patho- und Therapieepigenetik psychischer Erkrankungen

Epigenetik: Definition und Basisbegriffe

DNA-Methylierung

Histonmodifikationen

Nichtkodierende RNAs

Epigenetische Mechanismen in der Krankheitsentstehung

(Epi)Gen-Umwelt-Interaktionen im Risiko-Resilienz-Spektrum

Epigenetische Marker und Mechanismen der Therapie

Fazit, Fortschritte und Fallstricke

Fazit für die Praxis

Literatur

Flavia-Elvira Bogorin und Christian Grünhaus

Prävention bringt’s

Prävention im Kontext Früher Hilfen

Was sind Frühe Hilfen und welche Ziele verfolgen diese?

Bewertung des Nutzens von Programmen mit Präventivcharakter. Einblicke in die Fachliteratur

Social Return on Investment (SROI) als Form der umfassenden Wirkungsanalyse

Gesamtgesellschaftlicher Mehrwert von frühkindlichen Interventionen mit Präventivcharakter: Drei Fallbeispiele von SROI-Analysen

SROI-Analyse des Programms »SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern«

SROI-Analyse von »Grow Together – Für einen guten Start ins Leben«

SROI-Analyse der Mutter-Kind-Einrichtungen des Kolpingwerks

Conclusio und Diskussion

Literatur

Karl Heinz Brisch

Trauma-Resilienz zwischen den Generationen

Einleitung

Geschichte der Resilienz

Individuelle Resilienz

Kollektive Resilienz

Zusammenfassend: Trauma-Resilienz

Folgen aus der Trauma-Resilienz

Sinn in der Trauma-Resilienz

Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Vom 10. bis 12. September 2021 wurde von INTERPLAN Congress, Meeting & Event Management AG in München unter meiner wissenschaftlichen Leitung eine internationale Konferenz mit dem Titel »Trauma und Bindung zwischen den Generationen. Vererbte Wunden und Resilienz in Therapie, Beratung und Prävention« (»Trauma and Attachment between Generations«). durchgeführt. Aufgrund des großen Interesses an dieser Konferenz und der positiven Rückmeldungen macht der Veranstalter die Beiträge dieser Konferenz mit der Herausgabe dieses Buches einer größeren Leserschaft zugänglich.

Neue und beeindruckende Forschungsergebnisse belegen die Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen bis in die nachfolgenden Generationen. Stressvolle Erfahrungen können schon während der Schwangerschaft sowohl bei der Mutter als auch beim Fetus die Aktivierung oder Blockierung von Genen beeinflussen (Epigenetik). Traumatische Erfahrungen werdender Väter spielen hierbei offenbar ebenso eine große Rolle. Es gibt Hinweise, dass epigenetische Veränderungen auch über die männlichen Keimzellen weitergegeben werden.

Manche Menschen entwickeln selbst nach extrem traumatischen Erlebnissen langfristig kaum oder keine Symptome. Welche Faktoren tragen zu dieser »psychische Widerstandskraft« (Resilienz) bei und wie könnte sie gezielt gefördert werden? Können Beratung und Psychotherapie zur »Korrektur« epigenetischer Veränderungen beitragen? Wann müsste eine frühzeitige Form der Prävention ansetzen und wie müsste sie aussehen, damit wir ein »traumatisches Erbe« wirklich hinter uns lassen könnten? Diese Fragen sind angesichts der vergangenen und der gegenwärtigen kriegerischen Auseinandersetzungen und aktueller Katastrophen von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung!

Die Konferenz – wegen der Corona-Pandemie als digitale Webkonferenz abgehalten – hat sich umfassend mit Ursachen sowie Behandlungsmöglichkeiten im Kontext von Trauma und Bindung und transgenerationaler Perspektive auseinandergesetzt. Hierzu haben international renommierte Fachleute, Forscherinnen und Forscher, Klinikerinnen und Kliniker aus ihren Studien und von ihren Erfahrungen berichtet sowie Wege zur Prävention aufgezeigt. Sie gaben Antworten auf Fragen im Rahmen der skizzierten Thematiken und berichteten über die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse, die uns für die Problematik sensibilisieren sowie aktuelle Entwicklungen, auch in Therapie und Prävention, aufzeigen sollen.

Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes haben ihre Vorträge aus der Konferenz niedergeschrieben und ausgearbeitet und für die Publikation zur Verfügung gestellt – dafür gilt ihnen ein großer Dank. Herzlich danke ich Frau Ulrike Stopfel, die, wie in den vergangenen Jahren, die englischsprachigen Beiträge in exzellenter Qualität übersetzt hat. Ein besonderer Dank gilt auch der hervorragenden Arbeit von Herrn Thomas Reichert, der die einzelnen Manuskripte rasch und sorgfältig editiert hat. Ich danke sehr Herrn Dr. Heinz Beyer sowie Frau Katharina Colagrossi und Frau Ulrike Wollenberg vom Verlag Klett-Cotta, die mit großem Engagement die Herausgabe dieses Buches beim Verlag ermöglicht und die rasche Herstellung gewährleistet haben.

Das Buch richtet sich an Ärzte und Ärztinnen aller Fachrichtungen sowie an Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Pädagogen und Pädagoginnen, an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendhilfe, Richterinnen und Richter, Umgangspflegerinnen und Umgangspfleger, zudem an alle, die mit psychischen Störungen in Begleitung, Beratung, Diagnostik und Therapie befasst sind. Ihr Engagement ist insbesondere dann gefragt, wenn auf dem Hintergrund von frühen traumatischen Erfahrung entsprechende Dynamiken entstehen, die eine Gefahr der Weitergabe an die nächsten Generationen beinhalten.

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch allen hilft, die im Kontext traumatischer Erfahrungen mit Blick auf mehrere Generationen durch Begleitung, Beratung und Therapie sowie soziale Arbeit für Familien, Paare, Kinder, Jugendliche und Erwachsene tätig sind. Es soll auch denjenigen wichtige Anregungen geben, die mit der Prävention in Bezug auf Störungen in diesem Zusammenhang befasst sind, die Präventionsprogramme entwickeln bzw. entwickelt haben. Auf diese Weise könnten Störungen, die aus Problemen in der Bindungsentwicklung und traumatische Erfahrungen entstanden sind, zeitig erkannt und eine primäre Prävention möglich werden. Solche frühen Hilfestellungen sind besonders dann notwendig und wichtig, wenn es zu Gewalt, Misshandlungen und Missbrauch gegenüber schon sehr kleinen Kindern durch Erwachsene, aber auch zwischen den Bindungspersonen kommt.

Der Band gibt durch die Vielfalt seiner Beiträge aus Forschung, Klinik und Praxis einen guten Überblick über die Thematik und sorgt für zahlreiche Anregungen.

Karl Heinz Brisch

Einleitung

Das vorliegende Buch enthält eine Reihe von Beiträgen aus den Bereichen »Forschung«, »Klinik«, »Prävention« und »Gesellschaft«, die sich aus den verschiedensten Perspektiven mit dem Thema der Konferenz, »Trauma und Bindung zwischen den Generationen. Vererbte Wunden und Resilienz in Therapie, Beratung und Prävention«, auseinandersetzen. Entsprechend werden gesellschaftlich-historische Zusammenhänge beschrieben und sowohl Ergebnisse aus der Forschung vorgestellt als auch Erfahrungen aus der klinischen und therapeutischen Arbeit vermittelt, um die Möglichkeiten und die Voraussetzungen einer erfolgreichen Beratung und Therapie von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aufzuzeigen, welche mit Problemen konfrontiert sind, die sich im Kontext von Trauma und Bindung unter der transgenerationalen Perspektive entwickelt haben.

In einem sehr persönlichen Beitrag widmet sich Wolf Ritscher der Frage der transgenerationalen Vermächtnisse und Delegationen sowie auch der Tabuisierungen, die sich als Folge des Nationalsozialismus für Familien entwickelt haben (»Transgenerationale Vermächtnisse. Die Folgen des nationalsozialistischen Terror- und Mordsystems für meine deutsch-jüdische Familie«). Katharina Drexler (»Ererbte Wunden erkennen und heilen. Therapie der transgenerationalen Traumatisierung«) stellt sehr eindrücklich dar, wie ihre eigene Familiengeschichte sie zu einer besonderen psychotherapeutischen Behandlungsmethode inspiriert und angeleitet hat, um ihren Patientinnen und Patienten eine Hilfestellung dabei zu geben, transgenerational verinnerlichte, ererbte Traumatisierungen im Rahmen der Psychotherapie zu verarbeiten. Wie Sabine Bode in ihrem Beitrag »Deutsche Kriegsenkel durchbrechen die Mauer des Schweigens« aufzeigt, ist die Thematik der transgenerationalen Weitergabe von den Großeltern bis zu den Kriegsenkeln kein individuelles, sondern ein großes gesellschaftliches Problem, das lange Zeit dem kollektiven Schweigen anheimfiel, bis, auch durch Bodes Veröffentlichungen ab 2004 (Die vergessene Generation), die Mauer des Schweigens zunehmend durchbrochen werden konnte.

In ihrem Beitrag »Trauma-Narrative zwischen politischer Einflussnahme und transgenerativen Effekten« beschreiben Jiajia Wu und Alexander Korittko sozio-politische Traumata, Traumatisierungen durch staatliche Vorgaben: einmal als Folge der Wiedervereinigung zwischen DDR und BRD (Korittko), wo unterschiedliche Vermächtnisse in einem schmerzlichen Prozess integriert werden mussten, zum anderen im Hinblick auf die Ein-Kind-Politik der Volksrepublik China (Jiajia Wu).

Traumatische Erfahrungen hinterlassen nicht nur ihre Spuren in der Seele, sondern können auch auf biomolekularer Ebene ein Pendant finden, wie die Forschungen von Iris-Tatjana Kolassa verdeutlichen, die besondere Auswirkungen für die therapeutische Arbeit haben; in ihrem Beitrag »Biomolekulare Spuren von traumatischem Stress: Eine intergenerationale Perspektive und innovative therapeutische Ansätze« zeigt sie zusammen mit ihren Co-Autorinnen Suchithra Varadarajan und Anja M. Gumpp solche Zusammenhänge auf. Dass Stress und dramatische Erfahrungen schon während der Schwangerschaft im Sinne der fetalen Programmierung ihre Spuren hinterlassen und zu Krankheitsrisiken führen können, belegt die Forschungsarbeit von Sonja Entringer (»Frühe Stresserfahrungen und Programmierung von Gesundheit und Krankheit«).

Kollektive Traumatisierungen, wie sie von Kindern erlebt wurden, die in SOS-Kinderdörfern weltweit leben und dort betreut werden, und welche Möglichkeiten der Behandlung in der Pflege dieser Kinder sowie der Prävention bestehen, vermag Teresa Ngigi (»Entwicklungstraumata und das Durchbrechen des Zyklus«) aufgrund ihrer sehr großen Erfahrung als Traumapsychotherapeutin eindrücklich zu schildern.

Die bahnbrechenden Tier-Forschungen von Isabelle Mansuy (Ali Jawaid und Isabelle M. Mansuy: »Generationsübergreifende Auswirkungen von Traumata«) machen uns darauf aufmerksam, wie traumatische Erfahrungen, auch über die männlichen Keimzellen, weitergegeben werden können und über mehrere Generationen bei den Nachkommen epigenetische Spuren im Verhalten zu hinterlassen vermögen.

Dass solche Erfahrungen besonders auch auf der psychischen Ebene bei Vätern einen Widerhall finden und wie diese mit ihren affektiven Problemen nach der Geburt eines Babys umgehen und therapeutisch begleitet werden können, um eine transgenerationale Weitergabe zu verhindern, dies schildert Egon Garstick (»Transgenerative Weitergabe der Traumatisierung und des Zornes«) auf der Basis seiner therapeutischen Erfahrung.

Schon lange beschäftigt die Forschung, ob die extrem traumatischen Erfahrungen des Holocausts von Überlebenden an ihre Kinder und von diesen wiederum an ihre Kinder weitergegeben werden und wie hier Erfahrungen von Trauma und Resilienz in nachfolgenden Generationen wieder aufscheinen. Hierzu berichtet Abraham Sagi-Schwartz aus seinen Forschungen mit sehr überraschenden Ergebnissen (»Kann ein extremes Trauma weitergegeben werden? Eine Drei-Generationen-Studie mit Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen«).

Christiane Ziegler, Miriam Schiele und Katharina Domschke gehen in ihrem Beitrag auf epigenetische Mechanismen ein, wie sie besonders bei Angsterkrankungen von Bedeutung sind, und darauf, wie diese Veränderungen der Epigenetik durch psychotherapeutische Prozesse verändert werden können.

Es wäre ein Goldstandard, könnten solche transgenerationalen Prozesse der Weitergabe von traumatischen Erfahrungen durch präventive Programme möglichst verhindert werden. Dass dies möglich ist und welcher gesellschaftliche Mehrwert daraus erwachsen könnte, zeigt die Forschung von Christian Grünhaus und Flavia-Elvira Bogorin vom Kompetenzzentrum für Nonprofit-Organisationen und Social Entrepreneurship der Wirtschaftsuniversität Wien.

Aus individuellen und kollektiven traumatischen Erfahrungen können auch Ressourcen erwachsen und damit bei einem Individuum und ganzen Gesellschaften zur Entwicklung von Resilienz beitragen, wie Karl Heinz Brisch im abschließenden Beitrag des Bandes darlegt.

Alle Beiträge dieses Bandes – egal, ob sie aus den Bereichen der Klinik, der Forschung, der Prävention stammen oder gesellschaftliche Zusammenhänge zum Thema haben – geben einen eindrücklichen Überblick, welche große Bedeutung traumatische Erfahrungen für die Bindungsentwicklungen in Nachfolgegenerationen haben können. Sie zeigen, wie sehr hierdurch die Persönlichkeit von Menschen auch in den nächsten Generationen beeinflusst werden kann, auch wenn in diesen unter Umständen keine traumatischen Erfahrungen gemacht werden.

Der »Königsweg der Prävention« ist allerdings noch weiterzuentwickeln und breit in der Gesellschaft zu verankern, um vielen Eltern möglichst früh zu helfen, die Wege der Weitergabe von traumatischen Bindungserfahrungen von einer Generation zur nächsten zu unterbrechen. Forschungen zeigen, dass dies – sogar mit einem finanziellen Mehrwert für die Gesellschaft – möglich ist und zu einer gesünderen, bindungssicheren Entwicklung von Eltern-Kind-Beziehungen führen kann.

Wolf Ritscher

Transgenerationale Vermächtnisse

Die Folgen des nationalsozialistischen Terror- und Mordsystems für meine deutsch-jüdische Familie

Transgenerationale Vermächtnisse, Geheimnisse und Tabus: Ein Drei-Ebenen-Modell

Im Folgenden werden, ausgehend von dem in Abbildung 1 gezeigten Modell, transgenerationale Vermächtnisse und Weitergaben detaillierter beschrieben und in einen theoretischen Zusammenhang gebracht.

Abb. 1: Transgenerationale Vermächtnisse, Geheimnisse und Tabus: Ein Drei-Ebenen-Modell

Vermächtnisse

Vermächtnisse, die erste Ebene des darzustellenden Modells, sind eine grundlegende Struktur der transgenerationalen Familiendynamik. Sie sind neben den Beziehungsmustern, Rollen, Regeln und Statusbestimmungen der Familienmitglieder die Mitorganisatoren der aktuellen familiären Kommunikation. Sie lassen das Gestern im Heute wirken, d. h. durch sie finden Einstellungen, Glaubenssätze, Taten früherer Generationen Eingang in die gegenwärtige familiäre Beziehungsdynamik. Durch Vermächtnisse können auch Tabus, Geheimnisse, Loyalitätsforderungen und Fragen der Gerechtigkeit und die damit verbundenen Herausforderungen zum Thema der familiären Kommunikation werden.

Vermächtnisse lassen sich als generationenübergreifende Botschaften definieren, die in die familiäre Kommunikation eingewoben sind. Sie werden bewusst, vorbewusst oder unbewusst kommuniziert und können im Prozess der Weitergabe (»Narration«) verbalisiert, verändert und aufgelöst werden (Willi 1985). Sie enthalten Geheimnisse, Mythen, Skripte, Grundwerte, Delegationen, Loyalitätsverpflichtungen, Aufträge, Rollenzuschreibungen, Visionen, Wünsche und Grundregeln der Interaktion. Sie werden manipulativ oder transparent, mit Zwang/Gewalt oder Liebe, offen oder verdeckt, über Dominanz oder Kooperation, im Kontext von Harmonie oder permanentem Streit kommuniziert.

Vermächtnisse können Entwicklungen des Familiensystems blockieren, fördern, neutralisieren, z. B. hinsichtlich der inneren Differenzierung und Integration (Ritscher 2013), seiner »funktionalen« Grenzen (Minuchin 1977) und Handlungsspielräume (v. Foerster 1999), der (hoffentlich) durch »positive Gegenseitigkeit« (Stierlin 1971) geprägten Beziehungen und der »bezogenen Individuation« (Stierlin 1994), die Autonomie und Gebundenheit im Lebenslauf der Familienmitglieder verbindet.

In der Weitergabe der Vermächtnisse zwischen den Generationen verknüpfen sich Risiko und Chance. Das Risiko der Entwicklungsblockierung ist das eine, die Chance liegt darin, dass jede Generation die Möglichkeit hat, sich ihren Ressourcen entsprechend der Bewältigung von Vermächtnissen zuzuwenden. Dieses Konzept findet sich z. B. bei Jürg Willi unter dem Titel »Die Familiengeschichte als Evolution des familiären Ideengutes« (Willi 1985). Das, was die eine Generation an Bewältigung nicht leisten kann, wird als Herausforderung und Aufgabe an die nächste und von dieser an die ihr folgende Generation weitergegeben. Willi nannte das »die transgenerationelle Korrektur des fehlentwickelten ›Familienerbes‹« (Willi 1985, S. 177).

Das ist eine tröstliche Botschaft für die heutigen Generationen: Sie müssen nicht alle Probleme lösen, aber sie können sie der Lösung näher bringen und damit vermeiden, der nächsten Generation alles auf die Schultern zu packen. An einem Bürgerkriegstrauma werden sich mehrere Generationen abarbeiten müssen, bis es, wenn die politischen und gesellschaftlichen Randbedingungen diesbezüglich hilfreich sind, in der dritten und vierten Generation seine affektive Kraft verliert und in den Hintergrund treten kann. Indem Willi in diesem Zusammenhang »mehrgenerational« durch »transgenerational« (bzw. transgenerationell) ersetzt, will er diese im intergenerationalen Prozess erfolgende Kombination von Weitergabe und Bearbeitung betonen.

Geheimnisse

Geheimnisse sind Informationen über die Familie bzw. einzelne Familienmitglieder, die nicht bekannt werden dürfen. Solche Geheimnisse sind manchmal niemandem bekannt, vielmehr für alle nur mehr oder weniger diffus spürbar. Häufiger kennt ein Familienmitglied das Geheimnis und »hütet« es, entgegen allen Risiken, dass es durch andere innerhalb und/oder außerhalb der Familie öffentlich gemacht werden könnte. Manchmal ist das Geheimnis auch mehreren Personen in der Familie bekannt (z. B. den Eltern) und wird dann etwa gegenüber den Kindern im Dunkeln gehalten. Manchmal dienen Geheimnisse der Machtausübung und Bündnissicherung – es schließt die zusammen, die es kennen, und ermöglicht durch den Informationsvorsprung auch Macht.

Es gibt familieninterne Geheimnisse, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie nicht gewusst werden dürfen; manchmal dürfen sie von allen Familienmitgliedern gewusst werden, aber nicht von der familiären Umwelt.

In der Bewahrung eines Geheimnisses finden wir (ironischerweise) die »konstruktivistische« Idee wieder, dass Ungesagtes für die im System verbundenen Personen nicht existent sei und erst das Gesagte durch den Akt des Sprechens zur Realität wird. Dass das Geheimnis aber doch für alle jenseits des Gesagten eine Realität ist, zeigen z. B. die eventuell auftretenden kommunikativen Verstörungen im familiären System.

Wie bei den Vermächtnissen, so gilt auch bei den Geheimnissen, dass ihre Funktion und ihre Konsequenzen für die familiäre Kommunikation darüber entscheiden, ob sie als entwicklungsfördernd oder -hemmend verstanden werden können. Geheimnisse sollen vor sozialer Beschämung schützen, vor Beschuldigungen durch soziale Andere, vor Gesichts- bzw. Ehrverlust, Ausgrenzung, Marginalisierung und einem durch die Umwelt induzierten Schuldgefühl. Insofern kann ihnen manchmal auch eine positive Funktion im System und der Beziehung zwischen System und Umwelt zugesprochen werden.

Geheimnisse können auch identitätsstiftend sein, wenn sie Selbstvertrauen und Sicherheitsgefühle erzeugen. Sie können »eine schützende Burg sein oder ein Gefängnis werden« (Reich 2001, S. 7). Deshalb gilt auch für sie: Ob sie schädlich oder sinnvoll, entwicklungsfördernd oder -hemmend sind, lässt sich nur im Einzelfall und diskursiv herausfinden. Wenn ein Geheimnis gelüftet werden sollte, ist immer an die Folgen für alle Beteiligten zu denken.

Evan Imber-Black (1999) hat vier Typen von Familiengeheimnissen herausgearbeitet: süße, essentielle, vergiftende und gefährliche:

»Süße« Geheimnisse sind zeitlich begrenzt. Es geht bei ihnen um Spaß und die gemeinsame und bindungsfördernde Freude an Überraschungen, z. B. einen unverhofften Besuch. Wenn »süße Geheimnisse« enthüllt werden, sehen wir den Anderen bzw. unsere Beziehung nicht selten in einem neuen und freundlichen Licht. Entwicklungspsychologisch beginnen die »süßen Geheimnisse« schon im Babyalter, mit dem offenen Guck-Guck-Versteckspiel: wo ist denn der/die …? Auch die Tagebücher, in denen man sein Herz ausschütten kann, unsere heimlichen Träume und versteckten Wünsche, eine geheime Verlobung und vieles mehr lassen sich hier verorten.

»Essentielle« Geheimnisse ziehen Grenzen zwischen mir bzw. uns und den nahen sozialen Anderen. Paare pflegen solche Geheimnisse, mit denen sie ihre gemeinsame Beziehungsidentität und Intimität sichern, z. B. wenn sie die Situation, Ort und Zeitpunkt ihres ersten Zusammentreffens niemandem verraten wollen oder wenn sie ganz bewusst auch mit engsten Freundinnen und Freunden nicht über ihre Sexualität sprechen. Aber auch der einzelne Partner bzw. die einzelne Partnerin kann ein essentielles Geheimnis gegenüber dem Anderen hüten, um sich oder die gemeinsame Beziehung zu schützen. Wenn er oder sie sich dann nach langer Zeit entscheidet, das Geheimnis zu offenbaren, kann gerade das zu einem Wachstumsschub in der Beziehung beitragen.

»Ich habe gesehen, wie sich Feindseligkeit in Zärtlichkeit verwandelte, als ein Mann den Entschluß faßte, seiner Frau endlich mitzuteilen, daß der Arzt bei ihm Diabetes festgestellt hatte. Daher seine Unfähigkeit zur Erektion und seine Weigerung, mit seiner Frau zu schlafen« (Imber-Black 1999, S. 35). Im Gegensatz zu süßen Geheimnissen sind »essentielle Geheimnisse« langlebig und sollen der eigenen psychischen Entwicklung und der Beziehung selbst dienen. Jugendliche haben Geheimnisse vor ihren Eltern und vertrauen sie ihrem Tagebuch an. Auch das dient der eigenen Entwicklung und Autonomisierung. Manchmal schützen geheime Botschaften auch vor Strafen und Verfolgungen. »So verschlüsselten afroamerikanische Sklaven Fluchtpläne in den Texten von Spirituals. ›Wade in the water‹, ›wate durchs Wasser‹, beispielsweise bezeichnete eine Zusammenkunft am Fluß« (Imber-Black 1999, S. 37).

Rituale können ebenfalls »essentielle Geheimnisse« beinhalten und schützen, z. B. die Eingangsrituale bei antiken Mysterienspielen oder Ordensgemeinschaften.

»Vergiftende« Geheimnisse wirken destruktiv in Beziehungen – wie der Name schon sagt: Sie vergiften oft schleichend und langfristig. Auch sie dienen dem Schutz, aber um den Preis von Symptomen oder des Nicht-zur-Rechenschaft-Ziehens von Tätern und Täterinnen, die dann weiter ihr Unwesen treiben können. Solche Geheimnisse lassen eine Atmosphäre der Kälte, des Misstrauens, der Unzuverlässigkeit entstehen, sie sind in eine Beziehung eingeflochten wie ein Stacheldraht. Wenn sie dann irgendwann offenbart werden, können sie ein Akt der Befreiung sein, aber auch die Initialzündung zum Abbruch einer langjährigen Beziehung. »Ich erkannte, daß vergiftende Geheimnisse, die unbekümmert gelüftet werden, schwerer verarbeitet werden als andere, deren Preisgabe sorgfältig geplant wird« (Imber-Black 1999, S. 39).

Beispiele für »vergiftende Geheimnisse« sind u. a. anonyme Adoption, nicht thematisierte Trennungen, Abtreibung, Krankheiten, schwere psychische Belastungen, Sucht, Drogen, Therapie, weil man in den Augen der Anderen »verrückt« wäre, wenn es öffentlich würde, Lebenslügen, identitätsbedrohende transgenerationale Vermächtnisse, Geheimnisse und Tabus, Täter- und Opferverstrickungen, Suizide in der Familie, kriminelle Akte.

»Gefährliche« Geheimnisse bringen Menschen in eine unmittelbare körperliche Gefahr oder verursachen einen so heftigen Gefühlsausbruch, dass die Lebensfähigkeit dieser Menschen beeinträchtigt ist. »Dazu gehören Geheimnisse wie körperliche Mißhandlung, Mißbrauch von Kindern, Gewalt in der Ehe, Alkohol oder Mißbrauch anderer Drogen, Selbstmordpläne und Verbrechen. Juristisch gesehen macht die Enthüllung ›gefährlicher Geheimnisse‹ häufig sofortiges Einschreiten erforderlich. […] Im Gegensatz zu vergiftenden Geheimnissen, bei denen Zeit bleibt, abzuwägen, welche Folgen die Offenlegung oder die weitere Geheimhaltung für das Wechselspiel der Beziehungen hat, machen gefährliche Geheimnisse oft rasches sofortiges Handeln erforderlich, um das Leben [oder die körperlich-psychische Integrität] anderer zu schützen. […] Häufig lebt die wehrlose Person, welche ein gefährliches Geheimnis hütet, in einer Situation äußerster körperlicher und seelischer Bedrohung und hat das Gefühl, daß alles noch gefährlicher wird, wenn sie das Geheimnis offen legt« (ebd., S. 40).

Tabus

Unser Tabubegriff entstammt der Sprache Polynesiens. »Tabu« bedeutet dort »unberührbar«, »verboten« und »heilig«.

Familien können bestimmte Themen mit Tabus belegen. Im Gegensatz zu Familiengeheimnissen richtet sich bei einem Tabu das Verbot nicht gegen deren Existenz, sondern dessen öffentliche Benennung. Nicht das Wissen ist verpönt, sondern seine Einführung in den Raum der öffentlichen Sprache – die öffentliche Berührung des Signifikats durch den ihm zugehörigen Signifikanten. In der Regel geht es um Themen, die Scham, Ekel oder Angst hervorrufen, wie Sexualität, Tod, Krankheiten, Geld oder kriminelle Handlungen von Familienmitgliedern.

Im Grunde verhalten sich die das Tabu einhaltenden Familienmitglieder wie radikale Konstruktivisten: Das einen unerwünschten Sachverhalt benennende Wort erzeugt diesen; also muss dessen Nennung vermieden werden. Das Problem liegt in der Paradoxie dieser Technik: Die Aufforderung: »Denke nicht an blau«, provoziert geradezu die Vorstellung von blau, denn ohne die Unterschiedsbeziehung zu dem positiv gesetzten Begriff kann dieser nicht negiert werden. Im Sinne dieser dialektischen Logik ruft das Tabu gerade den Gedanken an den »unberührbaren« Sachverhalt hervor. Es wird zu einem »Totempfahl«, um den die Familie ihren rituellen Tanz inszeniert: Wie kann die Nennung des Namens verhindert werden; was tun, wenn es nicht gelingt; wem fällt dann welche Aufgabe zu; welche Strafe droht der Person, die das Tabu bricht?

Beispielsweise kann die Straftat eines Familienmitgliedes zum Tabuthema erklärt werden, auf das alle blicken und über das sie zugleich schweigen. Das kann den Abbruch oder zumindest das Einfrieren der Beziehungen zum sozialen Umfeld nach sich ziehen. Denn überall droht die Gefahr, auf das angesprochen zu werden, dessen Benennung verboten ist. Auch mit dem Tabu verwandte Themen sind dem Sprechverbot unterworfen, denn von diesen könnte man über eine assoziative Brücke zum problematischen Kernthema gelangen. Die Entwicklung des Systems bleibt durch diese negative Bindung der Aufmerksamkeit blockiert. Letztlich ist man ihr ausgeliefert wie die Menschen der Antike den Launen ihrer Götter.

Sprechverbote weiten sich also aus, wie die durch den Steinwurf im Wasser erzeugten konzentrischen Kreise.

Es gibt auch Tabus, die dem konstruktiven Erhalt und Wachstum des Systems dienen.

Das deutlichste Beispiel hierfür ist das Inzesttabu. Durch das Verbot der sexuellen Intimität zwischen Eltern und Kindern erhalten Letztere einen Schutzraum für die langsame Annäherung an das Lebensthema »Sexualität«. Das Tabu kompensiert das Machtungleichgewicht, durch welches ein erwachsenes Familienmitglied sexuelle Kontakte mit dem schwächeren Kind erzwingen könnte; deshalb wirkt es entwicklungsfördernd.

Schuld- und Schamgefühle als psychischer Hintergrund von Tabus und Geheimnissen

Familientabus und -geheimnisse werden erforderlich, wenn die betreffenden Themen mit extremen Scham- und Schuldgefühlen verknüpft sind. Erhielten die Tabus und Geheimnisse einen Platz im öffentlichen Sprachraum, würde man wegen eigener Verfehlungen bzw. der Identifikation mit dem Täter/der Täterin  – als Zuschreibung der Umwelt an den Delinquenten: Du bist wie der – an den Pranger gestellt. Soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung wären die Folge. Würde man durch ein Familienmitglied mit einem schwerwiegenden Vergehen gegen familiäre Werte, denen man selber auch zustimmt, konfrontiert, könnte man sich in eine Spirale persönlicher Schuldgefühle verstricken.

Schamgefühle (siehe Marks 2011, Stierlin 2001, Kap. 10) beziehen sich auf eine soziale Bloßstellung, metaphorisch gesprochen: die Angst davor, vor den sozialen Anderen nackt, bloß da zu stehen und damit äußerst verletzlich und verletzbar zu sein. Dann verfügen die Anderen über meinen Körper, meine Psyche, mein psycho-soziales Leben und ich habe keine Kontrolle mehr darüber, wie sie über mich denken und was sie in Bezug auf mich tun werden.

Schuldgefühle (Stierlin 2001, Kap. 10) entstehen, wenn eine Person sich selbst als Ursache für eine Verfehlung versteht bzw. die Schuldzuweisung der Umwelt übernimmt und sie zur eigenen macht. Das Schuldgefühl ist deshalb an die Idee der persönlichen Verantwortung für unangemessenes soziales Handeln geknüpft. Als solches ist es Teil der sich seit der Renaissance entwickelnden bürgerlichen Kultur. In den meisten Fällen kann man die Verantwortung für eine eigene Schuld übernehmen, weil es sozial geregelte Möglichkeiten der Kompensation, Korrektur, Ent-schuldung und Ent-schuldigung gibt.

Wenn ich mein Handeln als von äußeren Mächten, z. B. Göttern, gesteuert oder zumindest beeinflusst ansehe, muss ich keine persönliche Schuld übernehmen und in Bezug auf es keine Schuldgefühle entwickeln.

Bei radikalen politischen und/oder religiösen Gruppen finden wir noch eine andere Ent-schuldungsstrategie. Sie vertreten, dass auch Gewalt moralisch gerechtfertigt sei, weil man sich gegen ein System wehren müsse, das an der Misere des eigenen Volkes, der eigenen Lebenswelt, Familie, Person schuld sei.

Eine Person, die ein Tabu oder ein Geheimnis bricht, ist ebenfalls mit dem Thema der Schuldgefühle konfrontiert. Diejenigen Familienmitglieder, die an dem Tabu oder Geheimnis festhalten wollen, werden den Bruch des Tabus oder Geheimnisses als Verrat bzw. Illoyalität deuten und keine Ent-schuldung gewähren. Dann bleibt der »Täter«/die »Täterin« auf den eigenen Schuldgefühlen sitzen und wird zugleich in der Familie geächtet. So entstehen z.B. Ausstoßungsdynamiken, und manches »Schwarze Schaf« einer Familie war ein solcher Missachter des Tabu- bzw. Geheimnisgebotes. Manchmal konnte er/sie die eigenen Schuld- und Schamgefühle dadurch kompensieren, dass er/sie in die positiv gedeutete Identität eines Revolutionärs, Regelbrechers, Wahrheitssuchers oder Gurus schlüpfte. Manchmal gelang das auch nicht – mit durchaus schwerwiegenden psychosozialen Folgen.

Es ist sehr einsichtig, warum das Durchbrechen eines Geheimnisses oder Tabus so oft gemieden wird. Denn die Verweigerung sozialer Anerkennung ist für uns alle ein Problem, da wir als soziale Wesen auf diese angewiesen sind.

Freud (1933) hatte die Scham- und Schuldgefühle mit den Funktionen des Über-Ichs verbunden. Dieses besteht einerseits aus einem Set gesellschaftlicher Normen, Werte, Regeln, Gebote, Verbote, Rollenvorschriften, die im Laufe der Sozialisation internalisiert, d. h. zu meinen eigenen werden. Zugleich ist es mit den Bildern der Eltern verbunden. Diese gestalten als die zumeist wichtigsten Bezugspersonen den ersten sozialen Nahraum des Kindes. In diesem verwandeln sie die soziokulturellen Standards in dem Kind gegenüber vertretene Familienstandards. Schuld- und Schamgefühle entstehen durch die interpersonelle Verletzung gesellschaftlicher Normen und die dabei entstehende intrapsychische Aktivierung der wichtigen, als innere Bilder psychisch präsenten Bezugspersonen, die mein Tun missbilligen. Das Über-Ich ist in diesem Sinne ein Beziehungskonstrukt.

Freud hatte dem Über-Ich drei Funktionen zuerkannt: Selbstbeobachtung, Ich-Ideal und das Gewissen. Tabus und ihre Missachtung, Geheimnisse und ihr Verrat sind letztlich Fragen des Gewissens.

Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf basierenden Loyalitätsbindungen als existentielle Ressourcen des Systems

Im Wechselspiel von Geben und Nehmen, Schuldigkeiten und Verdiensten entsteht das Band der Loyalität (Boszormenyi-Nagy & Spark 1981). Ivan Boszormenyi-Nagy hat in diesem Zusammenhang die Metapher der »transgenerationalen familiären Buchführung« geprägt, denn für ihn entsteht Loyalität durch eine familiäre Gerechtigkeitsbilanz, in der über mehrere Generationen hinweg Schuldigkeiten und Verdienste sich einigermaßen die Waage halten. Dadurch wird die »Gerechtigkeitsbilanz« (siehe auch Stierlin 2005) innerhalb der Familie und zwischen Familie und Umwelt ausgeglichen. Im »Hauptbuch« der Familie sind – vieles davon bleibt unbewusst – die Verdienste und Schulden aller Familienmitglieder über mehrere Generationen hinweg eingezeichnet. Wenn es nicht gelingt, ein immer wieder neu auszutarierendes Gleichgewicht herzustellen, dann stimmt irgendwann die familiäre Gerechtigkeitsbilanz nicht mehr. Daraus entstehen kommunikative Verzerrungen, Tabus, fehlgeleitete Delegationen und Ähnliches, die sich auch in Symptomen einzelner Familienmitglieder zeigen können – oft der Kinder.

Ein Familienmitglied, nennen wir es P., war z. B. während des »Dritten Reiches« SS-Mitglied und an Mordaktionen beteiligt. In der nächstfolgenden Generation versucht seine besonders sensible, loyale und mit einem großen Gerechtigkeitsgefühl ausgestattete Tochter R., diese Schuld durch eigenes soziales und politisches Engagement »wiedergutzumachen«. Das wird aber immer wieder durch andere Familienmitglieder sowohl in der Generation des Täters P. als auch der nachfolgenden Generation blockiert und führt zu heftigen Konflikten. Das Thema von Schuld und Wiedergutmachung wird tabuisiert, die Verstrickung des SS-Mannes in das NS-System zur »Selbstverteidigung des deutschen Volkes« umgedeutet und um seine Taten der Mantel des Schweigena gelegt.

R.s Tochter B. ergreift in diesen Konflikten Partei für die Mutter, die Tochter des Täters, kann sich aber nicht aus der Konfliktdynamik befreien, weil sie den Großvater P. auch liebt – denn zu ihr war er immer bezogen und nah. Die Tochter (B.) entwickelt nun Symptome, die aber nicht familiendynamisch interpretiert, sondern als ihr individuelles Problem betrachtet werden. Die Gerechtigkeitsbilanz der Familie bleibt in der Schieflage.

Nun ergreift ein anderes Familienmitglied offen Partei für Mutter und Tochter und engagiert sich wie die beiden für die Sinti und Roma, eine von den Nationalsozialisten ebenfalls verfemte Minderheit. Das entlastet Mutter und Kind, weil in der Familie ein neues soziales Unterstützungssystem entsteht, das sich der Wiedergutmachung und damit der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.

Die kommunikative Vermittlung von Vermächtnissen in Familien

In dem interaktiven Wechselspiel zwischen den Generationen werden Geschichten erzählt, gehört und weitererzählt. Sinnstiftende, die eigene Identität begründende und legitimierende Geschichten lassen sich auch als Mythen bezeichnen. Es entstehen bei den kommunikativ Beteiligten, die durch das Wechselspiel zugleich Sprecher(innen) und Zuhörer(innen) sind, Bilder, Töne, Gerüche, Körperempfindungen, die den Text der Erzählungen ver-sinnlichen, indem sie ver-sinn-bildlichen.

Die Geschichten anderer werden zu eigenen Geschichten, und dabei bleiben sie nicht die gleichen. Lücken werden durch Worte und Bilder eigen-sinnig und eigen-sinnlich geschlossen. Unklarheiten werden durch Reduzierung der Komplexität in den eigensinnlichen Text eingebürgert und verlieren dadurch ihre beunruhigende Wirkung. Unausgesprochenes, aber nonverbal Mitkommuniziertes kann die Zuhörer(innen) dazu bringen, einen eigenen Textteil der Geschichte zu entwerfen, ihm eigene Bilder und Gefühle zuzuordnen, die sich als Fragezeichen, Stachel, innerer Wirbelsturm in der eigenen Psyche einnisten. Auf bestimmte, besonders beeindruckende, aber noch nicht genügend verständliche Teile der Geschichten werden ähnliche Symbole – Texte, Worte, Bilder, Töne – »draufgepackt«. Dadurch entsteht ein Zusammenhang, in dem sich die Teile wechselseitig interpretieren. Man sieht, aus Geschichten werden weitere Geschichten, die den Faden aufnehmen und weiterspinnen.

Von besonderer Bedeutung für diese Prozesse der Rekonstruktion ist es, wer welche Geschichte zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Zweck erzählt. Im Kontext von Vertrauen und Zuneigung erzählte und gehörte Geschichten dienen der Festigung einer Beziehung, lassen Nachfragen zu, erleichtern Identifikationen, locken wenig Widerspruch und Ambivalenz hervor. Ich erinnere mich z. B. gern an die Geschichten meiner Großeltern mütterlicherseits über ihre »rendez-vous« im Berlin der frühen 20er Jahre. Das war gleichzeitig eine immer neue Bekräftigung ihrer Liebe, die sie füreinander hegten, und die Festigung des emotionalen Bandes zwischen ihnen und mir.

Es gibt Geschichten mit erklärendem und sinnstiftendem Charakter, die zugleich einen Anschluss an historische Konstellationen ermöglichen. Hier denke ich an die Geschichten meiner Tante und meines Vaters über die Verfolgung des jüdischen und – in der Naziterminologie ausgedrückt – »halbjüdischen« Teils meiner Herkunftsfamilie. Wichtig sind bei meiner Rekonstruktion dieser Geschichten die Personen, die sie erzählten. Im Kontext ihrer Erzählungen wurden sie für mich Vorbilder für einen Lebensentwurf des »aufrechten Gangs«. Das sicherte die Kontinuität und Zuneigung in unseren Beziehungen, auch in den konflikthaften Zeiten der Ablösung. (Die bei mir, wie bei vielen Kindern der 2. Generation, ziemlich lange dauerte.)

Andere Geschichten leben von ihrer Funktion, Handlungsforderungen zu legitimieren. Sie rufen vielleicht besondere Gefolgschaftstreue oder gerade Ablehnung, Unbehagen, Kritik hervor. Im zweiten Fall könnten wir beispielhaft an die rebellische 68er Generationeneinheit und ihren Umgang mit den Geschichten der Eltern über die Nazizeit denken. Deren Motto hieß meistens: Wir wussten nichts von all den Verbrechen, wir haben nur unsere Pflicht getan oder uns in die äußeren Umstände gefügt. Dieser Entschuldungsstrategie folgte meistens noch eine zweite: Auch wir haben im Krieg durch die Bomben, den Hunger, die Vergewaltigungen so sehr gelitten, nicht nur die anderen. Eine dritte Erzählung begann mit der Nachkriegszeit: Ihr Motto hieß: Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen und nur an die Zukunft, nicht an die Vergangenheit denken.

Die Familie Loewenthal-Ritscher: Fünf Generationen im Genogramm (siehe auch Ritscher 2013)

Die 1. Generation

Wolff Wilhelm und Clara Loewenthal verstanden sich dem Judentum als Kulturgemeinschaft zugehörig, waren aber nicht mehr Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft. Wahrscheinlich waren sie als Erwachsene zur Glaubensgemeinschaft der Altkatholiken übergetreten. Beide verstanden sich als weltoffen und tolerant, was sich auch in ihrem Erziehungsstil zeigte, der für die damalige Zeit erstaunlich liberal war.

Wolff Wilhelm, geb. 1850 im damals preußischen Rybnik, Sohn eines Lehrers und Rabbis, war ein hochbegabter und vielfältig gebildeter Intellektueller mit einem weiten Horizont. Er hatte Medizin studiert und war als Hygieniker und Bakteriologe zeitweise Assistent bei Robert Koch in Berlin, später auch zwischen 1883 und 1886 Mitarbeiter von Victor André Cornil in Paris. Später lehrte und forschte er selbst als Professor für Hygiene, Mikrobiologie, Immunologie und Bakteriologie, vor allem über die Entstehung und Behandlung der Cholera. Er war in verschiedenen Ländern und Universitäten (Deutschland, Frankreich, Schweiz, Georgien, Argentinien) tätig. Darüber hinaus betrieb er mit seinem Bruder Salo einen eigenen Verlag mit Druckerei, für den er z. B. Bücher aus dem Französischen ins Deutsche übersetzte. Selbst Autor, war er Mitglied im »Comitée executif du Bureau de l’Association litteraire et artistique internationale« und setzte sich in diesem Rahmen besonders für die Rechte der Autoren ein. Im Auftrag des jüdischen Philantropen Baron v. Hirsch gründete er 1890 in Argentinien Kolonien für jüdische Familien, die vor den Pogromen in Russland geflüchtet waren. Er starb 1894 vierundvierzigjährig an Herzversagen in Berlin.

Clara stammte aus einer begüterten Hamburger Kaufmannfamilie, und der Familienmythos besagt, dass die Ehe zwischen ihr und Wolff Wilhelm eine Liebesheirat war. Sie war für die Familie zuständig, deren intellektuelles Zentrum aber der Vater war. Es ist zu vermuten, dass sie nach dem unerwarteten und frühen Tode ihres Mannes eine schwere depressive Krise durchlebte. Sie galt im Familienmythos als »wenig alltagstauglich«, was man aber auch auf den dabei entstandenen traumatischen Schock und den vier Jahre später erfolgenden Suizid ihrer zweitältesten Tochter Gertrud zurückführen könnte. Sie starb 1927 in Oerlinghausen, wo sie bei ihrer Tochter Hedwig wohnte.

Wolff und Clara verstanden sich als sozial integrierte Juden in Deutschland – Menschen, die sich einerseits zu ihrer jüdischen Herkunft und Kultur bekannten, zugleich aber auch als Teil der insgesamt christlichen, noch monarchisch geprägten Umwelt sahen, hier vor allem identifiziert mit den auf die bürgerliche Aufklärung zurückgehenden Werten.

Die 2. Generation

Käthe, geb. 1878, war die älteste der 5 Schwestern. Früh selbständig und mit ihrem Vater identifiziert, ließ sie sich als 14-Jährige in Bern, wo die Familie damals wohnte, protestantisch konfirmieren und blieb dort, als die Familie nach Berlin übersiedelte. Sie lernte Malerei u. a. bei Ferdinand Hodler, Leo v. König und Adolf Hölzel, lebte ab 1909 in Stuttgart und wurde eine in Württemberg durchaus bekannte Malerin, die heute dem »Expressiven Realismus« zugerechnet wird. Bekannt ist sie für ihre Portraits, aber auch ihre Landschaftsbilder, die besonders im Berner Oberland und auf der Ostseeinsel Hiddensee entstanden.

Die Kunst der Malerei war für sie vor allem eine Huldigung der göttlichen Schöpfung. Der Mensch ist deren Teil, und nicht der wichtigste. Sie war mit der Tiermalerin Erna Raabe befreundet, wahrscheinlich verband die beiden auch eine Liebesbeziehung. Sie wurde 1934 mit Mal- und Ausstellungsverbot belegt, 1942 in das Transitghetto Izbica im von den Deutschen besetzten Polen deportiert und wurde entweder dort oder in einem der naheliegenden Vernichtungslager ermordet.

Gertrud, geb. 1880, galt als literarisches Talent und war ein hochsensibler Mensch. Sie beging mit 18 Jahren 1898 Suizid, wahrscheinlich als Folge einer durch den Tod des Vaters ausgelösten, immer wiederkehrenden depressiven Krise.

Agnes, geb. 1882, galt in der Familie als die zweite Mutter der jüngeren Schwestern. Sie war eine der ersten Schülerinnen des Mädchengymnasiums von Helene Lange. 1905 heiratete sie Walter Schaefer und lebte mit ihm einige Zeit auf Samoa. Ihre zwei Kinder waren Gertraudt, geb. 1905, und Wulf, 1907; 1915 erfolgte die Scheidung. Befreundet mit Erna Lendvai-Dirksen, einer schon damals bekannten Fotografin, begann sie, ihren eigenen Stil einer künstlerischen Fotografie zu entwickeln. 1923 wanderte sie nach Griechenland aus, um dort als Fotografin zu arbeiten und das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. Im Oktober 1933 kehrte sie von einer Wanderung in den Bergen Griechenlands nicht zurück. Man kann einen Suizid vermuten, um als Jüdin für ihre beiden Kinder keine Belastung im nationalsozialistischen Deutschland zu sein.

Hedwig geb. 1883, galt im Familienmythos als skurril. Dennoch absolvierte sie eine Ausbildung an der Fachschule für Frauen in Berlin, an der auch Alice Salomon, eine der Pionierinnen der Sozialarbeit, lehrte. Sie zog sich 1912 nach Oerlinghausen zurück und war dort Mitglied einer christlichen Gruppe außerhalb der offiziellen evangelischen Kirche. In der Hoffnung auf Unterstützung verkaufte sie ihr Haus an eine Familie aus ihrer christlichen Gruppe, die sie aber vorwiegend schikanierte. Im Dezember 1941 wurde sie nach Riga deportiert und dort ermordet.

Susanne, die jüngste Schwester und meine Großmutter, wurde 1886 wie Hedwig in Neully-sur-Seine geboren. Sie hatte von allen Schwestern das engste Verhältnis zu Käthe. Als Malerin war sie schon über diesen Weg mit ihr verbunden, und sie besuchten gemeinsam Malkurse an der Münchner Kunstakademie. 1912 erwarb Susanne eine Fischhaushälfte auf der Ostseeinsel Hiddensee. Dort malte sie in den Sommermonaten zusammen mit ihrer Schwester. Sie war zusammen mit Käthe Mitglied des »Hiddensoer Künstlerinnenbundes« (»die Malweiber von der Ostseeküste«), der in der »Blauen Scheune« in Vitte immer wieder Ausstellungen seiner Mitglieder organisierte.

1915 heiratete sie den Kapitän Alfred Ritscher und hatte mit ihm zwei Kinder, meinen Vater Dietrich und meine Tante Ingeborg. Diese »interkulturelle« Ehe wurde immer schwieriger und 1934 geschieden. Die Scheidung erfolgte ihrer Tochter Ingeborg zufolge einvernehmlich, um ihm eine Beamtenstelle im Reichsmarineministerium zu sichern, und damit den Unterhalt der Familie. 1928 erwarb sie ein Haus in Schöneiche bei Berlin, in dem sie zunächst mit der ganzen Familie und nach der Scheidung mit ihren beiden »halbjüdischen« Kindern wohnte. Durch den Status der »privilegierten Mischehe« war sie bis 1944 vor der Deportation geschützt. Im Januar 1944 warnte der Dorfpolizist von Schöneiche, Max Dittrich, die Familie vor der bevorstehenden Deportation. Die beiden Kinder täuschten einen Suizid der Mutter am Berliner Müggelsee vor und Susanne schlug sich nach Stuttgart zu der mit ihr und Käthe befreundeten Familie Donndorf durch. Diese versteckte sie bis Herbst 1944 in ihrem Ferienhaus in Gauingen (bei Zwiefalten) auf der schwäbischen Alb. Dann wurde sie nach München »weitergereicht« und dort noch im Januar 1945 verhaftet. Da sie perfekt Französisch sprach, konnte sie sich als französische »Fremdarbeiterin« ausgeben und wurde in das Lager »Berg am Laim« eingewiesen, wo sie im April 1945 von US-Truppen befreit wurde. Sie lebte dann mit ihrer Tochter Ingeborg und später auch mit deren Mann Karl-Heinz in München zusammen und starb als einzige der fünf Loewenthal-Töchter 1975 eines natürlichen Todes.

Die 3. Generation

Dietrich, geb. 1916, und Ingeborg, geb. 1918, lebten bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 31. Januar 1933 das Leben einer privilegierten bürgerlichen Familie, allerdings begleitet durch erhebliche eheliche Krisen und eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung. Die nun einsetzenden Restriktionen begrenzten auch zunehmend die Lebensmöglichkeiten der Kinder. Dietrich wurde noch 1936 das Notabitur zugestanden, seine Schwester musste allerdings schon das Gymnasium verlassen. Dietrich machte eine kaufmännische Lehre in einem damals noch jüdischen Betrieb, Ingeborg eine Ausbildung zur Krankenschwester und zu medizinisch-technischen Assistentin. Beide lebten bis Anfang 1944 mit der Mutter zusammen und wurden nach deren »Untertauchen« verhaftet. Ingeborg wurde in ein Arbeitslager eingewiesen und im Herbst 1944 wieder entlassen – auf Intervention ihres Vaters, der über gute Beziehungen innerhalb des NS-Systems verfügte. Für seinen Sohn ließ er diese Beziehungen nicht spielen, so dass dieser bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Zuchthaus Moabit inhaftiert war und dort auf seinen Prozess wartete. Der fand aber nicht mehr statt, u. a. weil der zuständige »Volksgerichtshof« mit den Prozessen gegen die Widerstandsbewegung um den Grafen Stauffenberg »beschäftigt« war.

Ingeborg schlug sich noch im Frühjahr 1945 nach München durch und fand dort ihre Mutter wieder, mit der sie dann zusammenlebte. Dietrich blieb in Schöneiche, heiratete seine große Liebe Irmgard, meine Mutter, die er 1943 kennengelernt hatte und die trotz seines Status als »Halbjude« und ab 1944 als Häftling zu ihm gehalten hatte. Aus einigen wenigen Andeutungen kann man entnehmen, dass sie und Ingeborg kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee in ihrem Haus in Schöneiche vergewaltigt wurden. Dietrich und Irmgard flohen mit ihren beiden Kindern 1950 nach Westberlin, um einer Verurteilung durch die DDR-Justiz zu entgehen, und dann weiter in die BRD, wo sie Teil des deutschen »Wiederaufbaus« und »Wirtschaftswunders« wurden. Dessen Motto hieß: »Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen«, und möglichst nicht an die Jahre 1933–45 denken, geschweige denn darüber zu sprechen.

Ingeborg studierte Medizin in München und wurde Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin. In dieser Funktion war sie in München eine bekannte Gutachterin bei den »Wiedergutmachungsverfahren« und betreute auch therapeutisch Überlebende des Holocaust. Seit den 70er Jahren engagierte sie sich für Ausstellungen mit den Werken ihrer Tante Käthe Loewenthal und verhalf ihr dazu, posthum wieder als Malerin und NS-Opfer anerkannt zu werden.

Dass Dietrich und Ingeborg trotz so vieler Belastungen gut durch ihr Leben kamen, verdanken sie sicherlich der engen Beziehung zwischen ihnen beiden und zwischen ihnen und ihrer Mutter Susanne.

Die 4. Generation

Meine Schwester Gabriele und ich durchlebten eine schwierige Kindheit und Jugend, von der sich manches auch auf die Geschichte der Familie während des »Dritten Reiches« zurückführen lasst: Wir sollten funktionieren, die Eltern nicht bei ihrer beruflichen und sozialen Integration in die Nachkriegsgesellschaft stören, unangenehme Fragen unterlassen und uns mit dem, was an Zuwendung für uns möglich war, zufrieden geben. Dennoch waren wir Teil einer Familie, in der es auch Bindungs-, Beziehungs- und Unterstützungspotentiale gab, vor allem durch Max und Elsa, unsere Großeltern mütterlicherseits, und die in München zusammenlebende lebende Triade aus unserer Großmutter Susanne, ihrer Tochter Ingeborg (unserer Tante) und deren Mann Karl-Heinz Leuchs. Bei ihnen lebten wir nach dem Unfalltod unserer Mutter und erlebten u. a. unsere Großmutter Susanne als einen Sicherheit und Struktur gebenden, aber auch disziplinierenden Haltepunkt. Bildung, Vernunft, Arbeit und Disziplin waren hier wichtige und uns erdende Faktoren. Die Eltern unserer Mutter waren dagegen für uns Kinder der emotionale und regressive Fluchtpunkt; hier durften wir einfach Kind sein und fühlten uns bedingungslos angenommen. So gab es genügend Resilienzfaktoren, um unseren eigenen Weg zu finden.

Gabriele und ihr Mann Jürgen wurden Lehrer im Bereich der Behindertenpädagogik, sie hat sich einen Namen als »Filzkünstlerin« gemacht. Damit trat sie in die Fußstapfen ihrer Großmutter Susanne und ihrer Großtante Käthe, allerdings statt mit Papier und Farbe nun mit Wolle und Farbe. Gabriele ist auch im Vorstand des »Vereins Lebenswerk Käthe Loewenthal e. V.«, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, das künstlerische Werk von Käthe Loewenthal und im weiteren Verlauf auch ihrer Schwestern und dessen Einbettung in den zeitgeschichtlichen Kontext wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Mein Schwager Jürgen ist Vorsitzender des Vereins und engagiert sich ebenfalls, im Sinne von Ingeborg Leuchs, für das Weiterwirken des Werkes von Käthe Loewenthal und zunehmend auch der Werke ihrer Schwestern Agnes Schaefer und Susanne Ritscher.

Ich (Wolf) wurde Psychologe, Familientherapeut und Hochschullehrer. In diesen Rollen habe ich mich neben der persönlichen Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der eigenen Familienbiographie auch wissenschaftlich, praktisch-pädagogisch und therapeutisch mit den Folgen des Nationalsozialismus in Familien und Gesellschaft beschäftigt (Ritscher 2001, 2017). Wichtig waren hier, als ich erwachsen war, die Gespräche mit meiner Tante Ingeborg. Mein Vater war auch zu dieser Zeit noch eher verschlossen. Aber es gab einen Wendepunkt, als ich ihn eines Abends während eines Gespräch über Politik auch zu seinen Erfahrungen im »Dritten Reich« fragte und er dann die halbe Nacht erzählte und ich vor allem zuhörte. Hätte ich früher den Mut dazu gehabt, hätte es sicherlich mehr solcher Situationen gegeben. Dieses Gespräch war ein Wendepunkt in unserer Beziehung: wir versöhnten uns auf einer tiefen emotionalen Ebene und wir konnten einander nun liebevoll und respektvoll begegnen.

Als Geschäftsführer des »Vereins Lebenswerk Käthe Loewenthal« habe ich mich auch öffentlich für die Biographie meiner Familie und vor allem das künstlerische Werk meiner Großtante und Großmutter engagiert. Als Vater von heute drei erwachsenen Kindern kann ich vorbehaltlos der familiendynamischen These zustimmen, dass jede Familiengeneration die Chance hat, an der transgenerationalen Lösung schwieriger Familienthemen mitzuwirken. Auch für meine therapeutische Praxis war die Auseinandersetzung mit diesem Thema enorm wichtig.

Die 5. Generation

Unsere Kinder Anemone, Nicolai und Leonie kennen die Familiengeschichte Loewenthal-Ritscher schon seit ihrer Kindheit. Aber sie war keine Belastung mehr für sie, sondern eher ein Anstoß für Gespräche und Reflexionsprozesse. Die von Jürg Willi beschriebene Korrektur des Familienerbes über die Generationen hinweg hat stattgefunden. Dafür können wir der Generation der überlebenden Familienmitglieder sehr dankbar sein, vor allem unserer Großmutter Susanne, unserem Vater Dietrich und unserer Tante Ingeborg. Sie haben geschwiegen, und dennoch war es zu guter Letzt vor allem Ingeborg, die das Tabu über diesem Teil unserer Familiengeschichte auflöste.

Trauma und Resilienz in der Familie Loewenthal-Ritscher

Traumata, die eine Generation erlitten hat, müssen nicht zwangsläufig zu einer Traumatisierung der nächstfolgenden Generationen führen. Ob das so ist, wird durch viele Faktoren und ihr Zusammenwirken bestimmt. Hier geht es um Resilienzfaktoren der Familienmitglieder und des Familiensystems (siehe Welter-Enderlin & Hildenbrand 2006), die Bindungsqualität, die Diskurs- und Reflexionsbereitschaft, einen eher offenen vs. tabuisierten Umgang mit den Traumata in der Familie, um die aktuellen politischen Verhältnisse, die Wertorientierungen der Familie, die finanzielle Situation, soziale Unterstützung, einen Toleranz und Moral verknüpfenden familiären Wertehorizont und eine Familienstruktur, die das konstruktive Zusammenspiel von Familie und Umwelt ermöglicht.

In meiner Familie gab es eine Fülle von Leitsätzen und Überzeugungen, die von unterschiedlichen Familienmitgliedern unterschiedlich stark vertreten wurden, in vielen Handlungssituationen und Erzählungen präsent waren und mich sehr geprägt haben:

Wissen, Bildung und Netzwerke ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben > das Motto aller assimilierten Juden spätestens seit Moses Mendelssohn > Wolff Wilhelm

Kunst und im erweiterten Sinne Kultur sind Möglichkeiten der Selbstfindung und kreativen Lebensbewältigung > Wolff Wilhelm, Käthe, Susanne

Gedenken und Erinnerung ist wichtig, … > Ingeborg, Wolf, Gabriele, Jürgen

…, aber Tabus sind es auch > Susanne und Dietrich

Nicht jammern und resignieren, sondern anpacken > Dietrich, Ingeborg, Susanne

Trotz aller Beschwernisse gibt es die Möglichkeit des existentiellen Vertrauens und der existentiellen Zuversicht > Käthe,