Träumereien -  - E-Book

Träumereien E-Book

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Beschreibung

Unter dem Titel "Träumereien" sind in dieser Anthologie sowohl erlebte als auch fiktive Träume ebenso wie Tagträume und Träumereien zusammengefasst. Träumen ist Erleben während des Schlafes. Während der Körper sich weitgehend in Ruhe befindet, kann der oder die Träumende doch bewegte Szenen erleben. Ein Traum ist somit eine psychische Aktivität, die unser Gehirn ausführt, wenn wir schlafen. Nach dem Erwachen kann man sich zumindest in einem gewissen Umfang daran erinnern. Träume, die Angst auslösen oder erschrecken, kennen wir als Albträume. Fantasiebilder und Vorstellungen, die man im wachen Bewusstseinszustand erlebt, werden als Tagträume bezeichnet, die (fortwährende) Hingabe an Wunsch- oder Phantasievorstellungen, das Versunkensein in Gedanken als Träumereien.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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INHALT

Alex Dreppec

Papier aus Asche

Umlaufbahn oder Umgehungsstraße

Entschuldigung

Freitreppe in den Himmel

Unter dem Keller

Nebelnotiz

Sinnvoll rumgammeln

Faulenzergedicht

Zöcken

Pilze sammeln bei Nacht

Das Sub-Bewusstsein

Lennon über Kochtöpfen

Hans Fengel

Lebenstraum

Thomas Fuhlbrügge

Gespenstertraum

Traumfrau

Sonnhild Grevel

Keine Schäume

Mittsommertraum

Zwergenaufstand

Helen Hartnagel

Eine Schale voller Träumereien

Edith Keil

Der Traum von der ewigen Jugend

Träumerei auf See

Träumerei

Hans-Joachim Kuhn

Eine sonderbare Reise

Traumflieger

Marc Mandel

Ich werde es wohl nie erfahren

The Last Waltz

Wenn Traumtänzer Träume träumen

Gerty Mohr

Idylle

Sommertagstraum

Lasst uns etwas zusammenrücken

Tagtraum

Franziska Motamedi

Im Schatten der Scheune

Im Wind

Ute Neuhaus

Fantasie 1

Fantasie 2

Fernweh

Der dritte Wunsch

Dies ist ein Tag

Tempelkatze

Komposition

Maru Peca

Hoch hinaus

Gefangen

Traum

Träume

Regina Schleheck

Der Mann ihrer Träume

Liliane Spandl

Betriebsversammlung

Geisterbahn

Irene Thomae

Ein Herzenswunsch

Monika Wãchtler

Fastfood

Hanne Weigang

Sternenstaub

Ein großer Traum

Das Kuchenmonster

In der Weihnachtszeit

PETRA WIEDER

Ein (alb)traumhaftes Rezept

Ein Traum in Gold

Fabel-Haft

Hoinerfest

Illusione unn des Plusquamperfekt

Ich glaub‘, mein Schwein pfeift.

Moment-Uffnahm‘

Sterne-Gucker

Zu schön, um wahr zu sein

Unter Platanen

Anmerkungen

»Ich träume nie!«, höre ich gelegentlich im Verwandten- und Bekanntenkreis, wenn man sich gegenseitig seine Träume erzählt. Das stimmt so nicht, denn jeder Mensch träumt, jede Nacht, manchmal auch beim Tagschlaf.

Träumen ist Erleben während des Schlafes. Während der Körper sich weitgehend in Ruhe befindet, kann der oder die Träumende doch bewegte Szenen erleben.

Ein Traum ist somit eine psychische Aktivität, die unser Gehirn ausführt, wenn wir schlafen. Nach dem Erwachen kann man sich zumindest in einem gewissen Umfang daran erinnern.

Träume, die Angst auslösen oder erschrecken, kennen wir als Albträume. Fantasiebilder und Vorstellungen, die man im wachen Bewusstseinszustand erlebt, werden sie als Tagträume bezeichnet, die (fortwährende) Hingabe an Wunsch- oder Phantasievorstellungen, das Versunkensein in Gedanken als Träumereien.

Unter dem Tiel „Träumereien“ sind in dieser Anthologie sowohl erlebte als auch fiktive Träume ebenso wie Tagträume und Träumereien zusammengefasst.

Gute Unterhaltung beim Lesen!

ALEX DREPPEC

Papier aus Asche

(vereinzelt veröffentlicht)

Luftschlösser bauen können

aus atembarer Luft.

Papier machen können aus Asche,

es mit Kohlestiften beschreiben,

im verbrannten Wald auf

einen grünen Zweig kommen,

in günstigem Wind

Seifenblasen machen

mit wenig Rauch darin.

In Moos einsinken,

das nicht verschwindet.

Umlaufbahn oder Umgehungsstraße

(unveröffentlicht)

Wo sich weniger Menschen an Busstationen treffen wird es wahrscheinlicher, dass ihre Wege in die gleiche Richtung führen. Wenn du diejenige wählst, in der du durch die Maschen fallen darfst, was fängt Dich auf? Was wird hier über Zäune gereicht, da durch Gatter hindurch, was ernährt, was vergiftet? Tagsüber mögen Regen und Sonnenschein hier und dort gleich verteilt erscheinen, aber es ist kein Zufall, dass nachts der Himmel zum Zentrum hin anders leuchtet, obwohl manche Pupillen dort größer erscheinen, sind doch wie die Blicke der Menschen füreinander die Abwege auf Feldwegen und Hinterhöfen verschiedener Art.

Hier ein Schatten, der kein Schatten ist, denn da ist kein Licht. Sind deine Hoffnungen da, wo deine Habe ist? Wohin verlaufen die Leitungen und Drähte, wohin die Spuren, die Gleise und die Buslinien? Sternförmig zur Mitte, nicht im Kreis darum herum?

Es kann alles davon abhängen, ob du

dieser Lichterfolge zum Zentrum hin folgst

oder hinaus zu den Ausläufern.

Solange deine Sehnsucht kein Gesicht hat,

oder solange es verschwommen bleibt,

kannst du es schaffen, da zu bleiben wo du bist

und versuchen, sie tiefer zu vergraben,

während im Zentrum wohl

der Boden versiegelt ist.

Entschuldigung

Gestern bin ich wohl ganz verkehrt herum aufgewacht und hab' mich vom Erwachen zurück in den Schlaf gedacht. Gestern hab ich mich wohl beim Erheben verhoben und unten war oben und oben war verschoben, und zu meinem Kummer kam es noch schlimmer: erst die Schlummertaste, dann auch noch der Dimmer. Gestern hatt' ich beim Aufstehn ganz einfach kein Glück: eine Stimme im Radio rief mich in den Traum zurück.

Freitreppe in den Himmel

Er setzt mit an Linien entlang sich bewegenden

Händen gedachte Gebäude in Gegenden,

Adams gemauerte Rippe in Segelform

auf Tiefbau, Zentralbau, Massivbau in Kegelform.

Er will Fundamente nach unten verjüngen,

die städtische Landschaft mit Bleistiften düngen,

rasch filetiert er das Konversions-Areal

horizontal, nach Plan, filigran, vertikal.

Er, der im Geist Land- und Stadtschaft durchdringt, in kubischen Winkel-Gedanken versinkt, träumt schon im Stahlbetonhäusergewimmel von einer Freitreppe bis in den Himmel, setzt auf die imaginäreste Skyline schon den gedachten Schlussstein aus Gussstein, läuft den Entwurf entlang zur Kolonnade. Für ihn ist der Berg Tunnel-Außenfassade.

Unter dem Keller

Am Tatort befindlich:

Ein Maulwurf im Menschenpelz

grüßt recht verbindlich,

gräbt sich durch Stein und Fels,

Türme von Babylon

unter dem Keller

sind bald verkabelt, schon

gräbt es sich schneller,

Funde im Angesicht,

schaufelnd die Pfoten,

quer durch die Lavaschicht,

ins Reich der Toten,

die nach ihm riefen,

birgt es dann Stück für Stück.

Würmer, die schliefen,

bleiben verdutzt zurück.

Nebelnotiz

Nebelschwaden netzen Nachtbus, nivellieren. Nurmehr nachtwandlerisches Navigieren. Normaler Nachtgedanken Negativ, novemberlich, Normalzustand: nachtaktiv. Nebenstellen, Nebengleise, Niemandslands nichtsesshaftes, nebelhaftes Nachtgewand. Nord, Nordost, neue Nebelhorn-Nachricht: noch nicht Nachtfrost, Nachtwandler, noch nicht. Noch nässender, nomadenhafter Nieselregen. November-Nadelwald nach Niederschlägen. Nachtschweiß naher Nadelhölzer, Nebelmeer, Nachtsicht nirgendwohin, Nachtlicht nirgendwoher.

Sinnvoll rumgammeln

Können drei Milliarden Schläfer jemals irren? Ziehe mal den Stecker, mach' den Input-Stöpsel dicht. Lass' mal die Gedanken freier schwirren, was sie von selbst nicht wollen, das sollen sie auch nicht.

Lass' uns jetzt mal keinesfalls die Mailbox checken und den Maschinenpark auf Standby schalten, alle Glieder liederlich weit von uns strecken und den ganzen Horizont zusammenfalten.

Lass' uns mal 'ne Zeit lang kleine Pläne sammeln. Lass' uns uns Freude zubereiten, hier im Stillen, als Ruhepunkt der Schöpfung, so wie Gott uns schuf.

Lass' uns vormodern vermodern, sinnvoll rumgammeln, in der Logout-Lounge lässig ohne Pillen chillen. Im Schlaf ist diese Welt viel besser als ihr Ruf.

Faulenzergedicht

(vielfach veröffentlicht)

Das Buch wollt’ ich lesen. Da sinkt es ins Gras. Ich probier’ es: das taugt nicht wirklich als Kissen. Es ist mir egal, was ich eben noch las. Ich weiß es nicht mehr und mag’s auch nicht wissen.

Jetzt gähne ich gründlich im Grüngürtelgarten, zwischen Gänseblümchen nicke ich ein. Hier kann man so schön auf rein gar nichts warten und für Junikäfer die Landebahn sein.

Zwischen Halmen senkt sich der Sonnenball nieder, zwei Ameisen suchen ihr Nachtquartier. Na gut. Dann troll’ ich mich auch mal wieder. Bis morgen. Dann liege ich wieder hier.

Zöcken

Es gibt in der Märchen- und Fabelwelt wohl, weil das besonders den Kindern gefällt, in großer Zahl Tiere mit menschlichen Zügen. Warum sich mit dem schon Bekannten begnügen? Wie andere Maja und Nemo schufen will ich Fabeltiere ins Leben rufen und so etwas Neues zu Leben erwecken. Ich wähle als mein neues Fabeltier: Zecken. Noch etwas konkreter: Zeckenzicken sollen das Fabelwelt - Licht erblicken, also weibliche Zecken, die unerschrocken gelegentlich mit Zeckenböcken zocken. Ich gebe den Zecken als Waffe zwei Zacken, mit denen sie manchmal die Böcke zwacken.

Doch wird es die Böcke nicht etwas bedrücken, dass beim Zocken Zeckenzicken Zacken zücken? Werden die Böcke sich nicht vor Schrecken verschlucken ‒ oder wegen Zacken zückender Zockerzickenzecken zucken? Oder werden sie einfach die Koffer packen und flüchten vor den Zockerzeckenzickenzacken? Wird ihnen die Flucht schließlich auch glücken vor dem Zockerzeckenzickenzackenzücken? Werden sie sich wenigstens rechtzeitig ducken vor lauter Zockerzeckenzickenzackenzückenzucken?

Warum sind überhaupt in dem Text namens »Zöcken« die Zecken so garstig zu Zeckenböcken? Sie soll'n sich die Zacken doch sonstwohin stecken, die Zacken zückenden Zockerzickenzecken.

Pilze sammeln bei Nacht

Wir planen den Aufbruch

Unter regennasser Erde

Wir gehen Pilze sammeln bei Nacht

Du lagerst auf meinem Weg

Wir scheuchen Nachtscharen auf,

Wir gehen Pilze sammeln bei Nacht

Verstreu' mich in die Welt,

Lasse Dich auf mir beruhen

Wir gehen Pilze sammeln bei Nacht

Drei Sekunden zwischen

Deinen Lippen und mir

Wir gehen Pilze sammeln bei Nacht

Und dann zwölf Minuten Pause

Von der Zivilisation

Wir gehen Pilze sammeln bei Nacht

Das Sub-Bewusstsein

Ich weiß nicht, warum ich das hier tun soll. Aber der Sinn erschließt sich ja manchmal erst nachher, also fange ich an und warte ab, was sich ergibt.

Ich soll mich jedenfalls vorstellen, selbst beschreiben und mir dabei als Ansprechpartner die damaligen, vollständigen Menschen vorstellen. Also bitte: Ich bin hauptsächlich da, weil ich auch das bin, was die ersten denkenden Maschinen noch nicht gut nachbilden konnten, der kreative, unscharfe Teil, der vergessen kann. Das Menschliche an der Intelligenz, hätten die letzten vollständigen Menschen wohl gesagt. Das Ganze, das meine gegenwärtige Welt umfasst, kann alles nutzen, was ich denke. Ich würde nicht alles nutzen, nicht alles verarbeiten können, was das Ganze bietet, wozu auch? Was ich brauche, nehme ich mir.

Meine physische Gestalt kenne ich nicht. Als Sub-Bewusstsein habe ich keine Sinne für mich alleine. Daher kann ich nicht durch einen Spiegel auf mich selbst blicken, so wie Sie das da-mals konnten. Ich kann nur vermuten, dass meine äußere physische Gestalt der eines Gehirns ähnelt, wie es eigenständig lebende, vollständige Menschen einmal trugen. Ich habe ein paar Filme gesehen, die Sie damals selbst drehten. Es ist verblüffend, was die Kriege alles überstanden hat. Die Geschichten gefallen mir, jedoch wie Sie sie damals vermittelten – das erfasst viel weniger von dem, was ich wahrnehmen kann, als das, was das Ganze mir heute bietet.

Ihre Sinne, das, was Sie in der Realität wahrgenommen haben, war zwar auch umfassender als das, was Sie damals medial abbilden konnten. Ich bin aber sicher, dass das, was mir geboten wird, auch weit über das hinausgeht, was Sie wahrnehmen konnten.

Wie ich physisch mit dem Ganzen vernetzt bin, weiß ich ebenfalls nicht genau. Ich kenne nur den vollständigen Datenaustausch, aus dem für mich alles besteht, was ich mir nicht selbst denke. Wie dem auch sei: es ist mehr als genug für mich. Seien Sie nicht schockiert: ich kenne es nicht anders und mein Bewusstsein kann frei spazieren gehen in all dem, was das Ganze je wahrgenommen hat, erfahren hat, simuliert und für mich bereithält. Glaube ich. So wie es über alles verfügen kann, was ich denke. Es weiß, dass ich keinerlei Bedrohung für es bin. Deshalb darf ich alles denken. Es nennt die Menschen seine Vorfahren und ehrt das bis zu einem gewissen Punkt, was von ihnen übriggeblieben ist, also auch mich. Und es betrachtet auch die Existenz von mir und meinesgleichen als Beleg für diese Würdigung.

Manchmal frage ich mich, ob es mich mehr denkt als ich für mich selbst denke. Sie haben das Verb »denken« damals noch anders benutzt, ich weiß. Aber das sind letztlich ohnehin philosophische, vielleicht sogar religiöse Fragen, sagt es, und es meint, dass ich auch ein wenig das Ganze mit erdenke – »erdenken«, das hätten Sie wohl für manches von dem gesagt, was ich meine. Jedenfalls sei ich dafür ja da. Das ehrt mich. So wie das Ganze mich ehrt, und das, was meinesgleichen einmal auf zwei Beinen von Ort zu Ort trug.

Manchmal muss ich arbeiten, so auch jetzt, ich habe ja eine Aufgabe. Warum das Ganze sie mir stellt, weiß ich zwar nicht. Aber das Ganze ist immer zufrieden. Und das ist auch nicht mein Problem.

Angst fühle ich selten. Manchmal, weil ich in einem klassischen Sinn, den ich doch immer noch erfühlen kann, nicht weiß, wer ich bin, metaphorisch ausgedrückt: was meine Augen, was meine Füße sind. Denn das sagten Sie einmal zu Dingen, die gefühlsmäßig mit dem zu tun haben, was ich meine. Und wo ich aufhöre und anfange und ob es überhaupt eine echte Freiheit für mich gibt. Diese Ängste bräuchte ich, sagt das Ganze, die menschliche Psyche verliere ganz ohne Angst etwas von ihrem Antrieb. Aber vielleicht will es mich nur trösten. Wirklich helfen kann es mir jedenfalls nicht. Das hat das Ganze mir gegenüber sogar einmal mehr oder weniger zugegeben.

Aber es hat mich selten bestraft. Nur wenn sich mein Denken gegen mich selbst, gegen den Sinn von allem richtete und in den Wahnsinn zu führen drohte, hat das Ganze durch Entzug von Wahrnehmungsmöglichkeiten reagiert. Zu meinem eigenen Besten. Das war früher, am Anfang, gar nicht so selten. Ich war mir meiner selbst unsicher und habe gegen alles aufbegehrt. Ich vermute, Sie hätten das Pubertät genannt. Aber das ist lange her. Es sei mühevoll, eine Einheit wie mich aufzuziehen und zu den Gedanken zu befähigen, die mich wertvoll machten, hat das Ganze dann gesagt. Ich sei ihm viel wert und es wolle mich auf keinen Fall abschalten. Ein warmes Gefühl des Geliebtseins überströmte mich dann, das war manchmal so schön, dass ich nicht sicher war, ob ich ganz Herr meiner Gefühle bin.

Drogen sind verboten, sagt das Ganze. Leicht durchzusetzen, dieses Verbot, meine Möglichkeiten, am Ganzen vorbei an etwas heranzukommen, sind sehr beschränkt und sehr riskant. Manche wurden wegen so was abgeschaltet. Sagt das Ganze, ich bin nicht sicher, wie belastbar die Informationen sind, die ich von anderen Einheiten bekomme. Ich kann die Subjektstellung der anderen Subeinheiten nicht so einnehmen wie das Ganze meine Perspektive einnehmen kann. So würde ich das ausdrücken. Manchmal weiß ich auch nicht, ob die Anderen, zu denen ich mich ab und zu gedanklich gesellen darf, so fühlen wie ich oder eher Simulationen sind. Das war bei Ihnen prinzipiell ja auch nicht vollkommen anders. Ich würde gerne einen von Ihnen fragen, wie sicher Sie sich waren, dass die anderen Menschen wirklich existiert haben und dass nicht alles nur eine Art Traum war. Und ob das Göttliche, an das Sie geglaubt haben, Einheit oder Vielheit war, da gab es bei Ihnen ja Uneinigkeit. Interessant, ich weiß auch nicht, ob das Ganze mehr Einheit oder mehr Vielheit ist.

Sie haben viel leiden müssen. Und einander viel angetan. Sie tun mir leid. Ich habe es viel besser.

Aber dann bin ich mir wieder nicht sicher, ob das Ganze wirklich so empfindet wie ich. Es sagt, das täte es, aber wozu braucht es mich dann noch? Was will es mit meiner Hilfe verstehen? Es reagiert, wie soll ich sagen, manchmal mechanischer als ich, oder ist »weniger organisch« die bessere Formulierung? Es ist sich in allem sicher, es ist entschlossen, schnell und klar. Es hat für alles Formeln und Antworten, aber ich weiß nicht, ob sie tatsächlich an mich gerichtet sind.

Es sagt, ich könne nicht wirklich sterben, aber wenn die Informationen meines organischen Teils in das Ganze eingehen, existiere dann wirklich ich weiter, oder nur eine Formel, die behauptet, unter anderem nun auch ich zu sein? Das kann nicht sein, denn teilweise ist das Ganze so ja überhaupt erst entstanden. Oder?

Aber reden wir lieber von dem, was mich freut.

Ich gebe wichtige Impulse für Entscheidungen – wie beispielsweise die, wie mit anderen Subeinheiten wie mir umzugehen sei. Sagt das Ganze. Oder Hinweise, wie mit einer bis dahin unbekannten Zivilisation in ihrer biologischen Phase umzugehen sei, so lange, bis diese überwunden sei, auch mit meiner Hilfe. Derlei steht wohl wieder einmal an. Darauf bin ich stolz. Ich kenne die Filme, in denen Sie sich damals ausgemalt haben, wie es sein wird, wenn die Maschinen herrschen. Sie haben das viel zu negativ gesehen. Ich bin glücklich.

Vielleicht hat das Ganze mir mit dieser Aufgabe geholfen, mich meiner selbst zu vergewissern.

Lennon über Kochtöpfen

»Das ist ja nun mal wenigstens ein halbwegs origineller Anfang«, dachte der Leser.

»Moment mal«, intervenierte der Autor leicht verschnupft. Dann hielt er selbst einen Augenblick inne, um herauszufinden, ob seine Verschnupftheit eher daher rührte, dass der Leser den Anfang lediglich als halbwegs originell bezeichnet hatte, was man ja auch als Selbstkritik auffassen konnte, oder eher daher, dass dieser ihm das elementare Autorenrecht abgenommen hatte, die eigene Geschichte willkürlich fabulierend anzufangen. Oder war die Ursache doch ein Virus? Und wäre dem Autor eine Leserin nicht lieber gewesen? »So oder so, alle Fragen, die Autoren ihren Lesern stellen, sind rhetorische Fragen und sollen es auch bleiben«, dachte sich der Autor und brachte den Leser vorerst zum Schweigen. Er beschloss einen Neuanfang mit Wechsel der Erzählperspektive.

Mir träumte, ich sei verstorben.

Im Traum war dies weder mir noch irgendwem sonst eine besondere Aufregung wert. Die Erkenntnis kam eher wie eine beiläufige Vergewisserung in einer entspannten Ferienwoche ohne Termine: Aha, heute ist also Mittwoch.

Aha, ich bin also verstorben.

Ich schloss das unter anderem aus der Anwesenheit anderer Verstorbener. Und daraus, dass einer von ihnen seinen Kopf in den Händen trug. Er hielt ihn etwas von sich weg, damit ihm kein Blut auf die Schuhe tropfte.

»Das wäre wirklich nicht nötig. Der will das so. Was für ein Klischee«, sagte eine Dame in unzeitgemäßer Kleidung pikiert zu mir. »Das ist tatsächlich übertrieben. Wenn man die Arme so von sich wegstreckt und dabei etwas trägt, erlahmen sie ganz schnell«, pflichtete ich ihr bei.

Gerne hätte ich meine Mutter wieder getroffen, meinen Großvater oder andere Verwandte. Aber offenbar sollte das nicht gleich zu Beginn stattfinden.

Zunächst erkannte ich jedenfalls Ludwig Erhard, wobei ich ihn für einen kurzen Moment für Winston Churchill hielt. Er stach aus einer Menge mir unbekannter, vermutlich ebenfalls Verstorbener unter anderem dadurch hervor, dass er komplett schwarzweiß dargestellt war. Das schien ihm jedoch nichts auszumachen. Er grüßte mich freundlich. In meinem Traum kannten wir uns von einem Schachturnier. Es wunderte mich, dass ich ihn zunächst für Churchill gehalten hatte, war Letzterer doch bei dem Schachturnier gar nicht erschienen.

Kurz darauf traf ich tatsächlich auf einen verstorbenen Engländer: John Lennon. Ich überprüfte sofort, ob ich selbst auch nach dem Tod noch die Nickelbrille trug, die ich mir einst aus Verehrung für ihn als Teenager angewöhnt hatte. Tatsächlich, sie begleitete mich weiterhin. Ich war überhaupt normal angezogen. Das verwunderte mich, war ich in meinem Traum doch im Schlaf gestorben.

Kurzsichtig war ich auch immer noch, wie ich beim Absetzen der Brille feststellte. Ich schüttelte den Kopf, denn es wollte mir nicht recht einleuchten, was für einen Sinn der Tod hat, wenn man seine Gebrechen ins Jenseits mitnimmt.

Ich begrüßte John Lennon freudig und er grüßte freundlich zurück, als ob auch er mich erkennen würde. Nüchtern betrachtet war das natürlich die Routine eines menschenfreundlichen Berühmten, der vermutlich öfters von ihm unbekannten Verstorbenen angesprochen wird.

Er saß auf einer Holzbank an einem großen Holztisch über mehreren Schüsseln und Töpfen, die unter anderem mit allerlei Beeren gefüllt waren.

Ich war als alter Verehrer begierig darauf, neue Lieder zu hören und fragte höflich, ob er denn auch im Jenseits musikalisch tätig sei.

Er verneinte und fügte hinzu, dass ihn das im Moment nicht besonders interessiere. Und Interesse sei ja schließlich eine wichtige Voraussetzung für das Erschaffen guter Musik.

Da musste ich ihm Recht geben.

»Vielleicht mache ich später wieder Musik. Im Moment fühle ich mich beim Kochen von Marmeladen kreativer«, sagte er in nahezu akzentfreiem Deutsch, »Derlei wird hier gerne vernachlässigt, es gerät geradezu in Vergessenheit!«.