Traumfänger Abbadons Ruf - Nott Darka - E-Book

Traumfänger Abbadons Ruf E-Book

Nott Darka

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Beschreibung

In der Traumfänger-Saga öffnet sich eine Welt in Realitäten, die sich verändern können. Sie entstehen aus unserem Inneren oder aus der bloßen Möglichkeit, dass es sie geben könnte. Wir treffen uralte Seelen, Archetypen, Unsterbliche und Drachen. Emilys Geschichte ist der Weg hin zu einem finalen Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit. Klappentext: Welches ist der größte Kampf im Universum? Bislang war Emily sich sicher: Es ist der mit der eigenen Vergangenheit. Allein lebt sie in ihrem Wohnwagen am See und meidet Menschen, wo immer es möglich ist. Doch alles ändert sich schlagartig, als sie eines Nachts in einen Fremden läuft. In einer Welt zwischen den Welten, in der das Innerste sich nach außen kehrt und Tote nicht so tot sind, wie sie es sein sollten, warten große Aufgaben auf Emily. Ihre Vergangenheit gewinnt mit einem Mal eine gänzlich neue Bedeutung. Und sie versteht, dass der größte Kampf eine Suche ist: Die nach sich selbst. Abbadons Ruf ist der Auftakt der Traumfänger-Saga. Komm mit in eine seelenvolle Welt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Dich.

Nott Darka

TRAUMFÄNGER

Abbadons Ruf

© 2021 Nott Darka

Autorin: Nott Darka

Lektorat: Elyseo da Silva

Umschlaggestaltung: Emilia Detering

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-32495-4 (Paperback)

 

978-3-347-32496-1 (Hardcover)

 

978-3-347-35659-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

„Schließe die Tür zur Rede

und öffne das Fenster zur Liebe.

Der Mond benutzt nie die Tür,

nur das Fenster.“

(Maulana Rumi, 1207- 1273)

Eine Geschichte beginnt, wenn eine Geschichte beginnt.

Ist das so? Gibt es ihn, diesen einen Funken, der aus dem Nichts ein Universum erschafft?

Oder ist das, was sie alle machen – alle Geschichtenerzähler der Welt –, nur die Illusion eines Anfangs? „Es war einmal“? Und abseits davon?

Vielleicht ist das, was du siehst – hier, zu Beginn – nur Licht, das vom Ende eines Tunnels einen Punkt beleuchtet. Der Punkt könnte ein Eingang sein.

Und das Universum, das sich vor dir aufbaut, hat Wände.

Aber du gehst trotzdem los. Du siehst zu, wie Schleier um Schleier fallen und der Weg immer bunter und heller wird.

Denn du glaubst an den Funken.

Die Wände des Tunnels sind grün, zumindest an dieser Stelle.

Wenn du näherkommst, siehst du, dass sie aus Blättern bestehen. Nicht aus irgendwelchen Blättern, sondern aus den Blättern der Lotosblume.

Manche schätzen hauptsächlich die Lotosblätter, weil sie vollkommen schmutzabweisend sind. An ihnen bleibt nichts haften – eine ideale Eigenschaft für Oberflächen, die leicht zu reinigen sein sollen.

Im Buddhismus ist es die Lotosblüte, die als heilig gilt. Sie wächst in der Trübseligkeit eines Sumpfes, stößt aus seinem Schmutz durch die Oberfläche des Wassers und entfaltet ihre Schönheit.

Ob es möglich ist, diese beiden Eigenschaften zusammenzuführen?

Dies Universum ist für dich.

In jener Nacht eilte Emily durch die Dunkelheit und dachte sich Entennamen aus.

„Stellt euch vor, ihr seid ein Lotosblatt.“

„Aducktus“, murmelte sie. „Bente, Centera, Duckmar.“

„Lasst alles von euch abperlen!“

Emily sammelte ihre Spucke im Mund und rotzte sie auf den Gehweg. Es funktionierte nicht! Sie lief jetzt seit einer Stunde ziellos durch die Gegend, aber ihren Kopf bekam sie nicht frei.

„Also, wenn ich das mal so sagen darf, bei mir kommst du einfach ziemlich eingebildet rüber.“

Ja, Tusse, same to you! Wenn schon jemand anfängt mit, ‚wenn ich das mal so sagen darf‘! Fuck, sie hätte sich gewehrt, aber zu dem Zeitpunkt saß sie auf dem verdammten Stuhl in der Mitte!

„Du tickst doch schon aus, wenn dir die Leute nicht gleich die Füße küssen.“

Ich ticke vor allem aus, wenn mir Leute die Füße küssen! Steh ich gar nicht drauf, Günther oder wie auch immer du heißt.

„Entera.“ Schade, sie konnte sich an die meisten Kreationen nicht erinnern.

„Hast du eigentlich auch wirkliche Probleme?“

„Du hast doch gar keine Ahnung, was es bedeutet, echt im Arsch zu sein!“

Das war der Augenblick gewesen, an dem sie gesagt hatte, dass sie nicht an den Sinn dieser Veranstaltung glaubte, wenn man einander eh nicht zuhörte. Keine wirklichen Probleme? Alle dort kannten ihre Geschichte. Alle wussten, wieso sie das Bett angezündet und irgendwann Tabletten geschluckt hatte – leider nicht genug. Wieso sie sich geprügelt und Dinge zerstört hatte, bis keine Pflegefamilie der Stadt sie mehr aufnehmen wollte.

„Du kannst echt nur direkt zuschlagen oder passiv aggressiv …“

„Friduck.“

Das Treffen der Anti-Aggressions-Therapiegruppe endete wie so viele davor: mit schlechter Laune, die durch den Abschlusskreis gedeckelt wurde. „Alles bleibt hier“, pflegte Henning zu sagen. „Ihr tragt euch nichts nach. Denkt an das Lotosblatt …“

Nein! Sie war kein Lotosblatt. Sie war das Wasser, das sich nicht halten konnte und hinuntertropfte in den Sumpf.

Und einmal mehr war es ihr egal, ob sie ihr Uni-Stipendium verlor, wenn sie nicht mehr zu den Treffen ginge. Sie war fix und fertig danach, und meistens reichte eine Nacht nicht, um sich zu beruhigen.

Ein misstrauischer Blick traf sie von einer anderen Spaziergängerin. Sie lief in dem Moment an ihr vorbei, bekleidet mit einem Leinenanzug, begleitet von zwei winzigen Hunden. Beim Herumschwänzeln verhedderten sie sich in den Leinen.

Emilys Augen verengten sich zu Schlitzen. „Was glotzt du so? Friduck ist ein sehr schöner Name!“

*

„Hoppla!“

Der Typ stand ihr einfach im Weg – wie auch immer er da hingekommen war. Emily lief direkt in ihn hinein. Er schwankte, während sie schon nach einem passenden Fluch suchte.

Grüne Augen sahen sie an, belustigt und frei von Groll. Die Verwünschung blieb ihr im Halse stecken.

„Hier steh ich doch schon“, sagte der Typ.

Er war barfuß und trug schwarze Hosen. Lange schwarze Haare fielen auf ein schwarzes T-Shirt hinunter. Eine schmale Nase stach aus dem kantigen Gesicht hervor wie der Schnabel eines Raubvogels, und seine goldbraune Haut schimmerte.

„Ja, wieso auch immer!“, sagte Emily. Ein Lächeln zeichnete die Gesichtszüge des Mannes weich. Um seine Augen bildeten sich Lachfältchen.

Und sie – sie lächelte tatsächlich zurück! Sie trug ein T-Shirt, auf dem eine Bulldogge abgebildet war und der Spruch Mrs. Ochmonek is watching you. Aber sie lächelte.

„Ich schaue mir die Sterne an“, sprach der Mund unter den grünen Augen.

„Ist es dafür nicht ein bisschen zu hell hier?“

„Mitten in der Stadt ist es halt so.“

Emily sah ebenfalls in den Himmel. Tatsächlich waren trotz der Straßenbeleuchtung ein paar Sterne zu sehen. Die Nacht war klar und wolkenlos.

„Draußen am See siehst du mehr“, sagte sie. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie sein Nicken.

„Eigentlich will ich mich in einen Werwolf verwandeln.“

„Vollmond ist erst in zwei Wochen.“

„Kein Vollmond?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Das erklärt einiges.“

Ein Prickeln glitt über Emilys Haut. Seit wann ließ sie sich einfach so in eine Unterhaltung verwickeln?

„Hattest du einen schlechten Tag?“

Ging ihn das irgendetwas an? Doch in seinem Blick lag nichts als aufrichtiges Interesse.

„Ich habe heute viele Namen für Enten gefunden, aber fast alle wieder vergessen. Also ein ganz normaler Tag in einem beschissenen Leben.“

„Das tut mir leid“, sagte er. „Wieso ausgerechnet Enten?“

Emily zuckte mit den Schultern. „Ich gehe alphabetisch vor, und bei ihnen ist das Q kein Problem.“

„Verstehe.“ Er schien nachzudenken. „Viele Enten sind sehr nett.“

Diesmal lachte Emily laut. „Das kommt hinzu. Nicht so wie die ganzen Arschlöcher, mit denen ich mich heute rumschlagen durfte.“

„Was denn für Arschlöcher, wenn ich fragen darf?“

Durfte er? Die Therapiesitzung war an diesem Tag nicht das einzige Ärgernis gewesen. Zuvor hatte schon Roberts Studiengruppe sie runtergezogen. Er schleppte sie ständig mit, obwohl sie neben seinen High Potentials aus den hohen Semestern verblasste wie eine Schneeflocke im Nebel. Sie könne nur von ihnen lernen – bla bla bla. Aber sie spürte die Herablassung der anderen, und heute war klar geworden, dass sie nicht etwa Emilys Leistungen schätzten, sondern allesamt dachten, dass Robert nur wieder mit ihr ins Bett wollte.

„Alles klar mit dir?“

Ihre Aufmerksamkeit kehrte in die Gegenwart zurück. Nach wie vor sah der Fremde sie an. „Entschuldige, wenn ich dir zu nahegetreten bin.“

„Schon gut.“ Sie winkte ab. „Ich bin bloß schlecht drauf. Für heute ist mein Pensum Mensch mehr als erfüllt.“

„Das geht mir auch oft genug so.“ Er zögerte. „Wollen wir uns vielleicht wann anders mal treffen?“

Wann anders? Emily wurde heiß. „Wie kommst du darauf, dass ich das wollen würde?“

„Gute Frage. Du magst Enten, das gefällt mir. Du riechst gut und ich habe das Gefühl, wir sind uns nicht fremd.“

„Wie bitte?“

Emilys Hals schnürte sich zu. Das war wirklich nichts, was sie heute noch ertragen konnte! „Soll das eine blöde Anmache sein?“ Sie trat einen Schritt zurück.

„Nein!“, erwiderte er, seine Hände zuckten abwehrend nach oben. „Nein, das ist keine Anmache. Es ist lediglich … mein Gefühl.“

Er beugte sich vor und berührte sie leicht am Arm.

„Verzeih mir“, sagte er leise. „Das war zu schnell. Du wirst bald klarer sehen, Emily.“

Sie starrte ihn an. „Woher …?“

Hinter ihr knallte es. Emily fuhr herum. Sie sah nichts als die unbelebte Fußgängerzone. Als sie sich wieder umdrehte, lag die Straße vor ihr da wie ausgestorben.

Der Fremde war verschwunden.

*

Emilys Weg führte sie aus dem Einkaufsviertel hinaus, an Wohnblöcken vorbei durch einen Park, in dem vereinzelte Laternen kleine Lichtoasen bildeten. Eine Holzbrücke spannte sich über einen schwarzen Abgrund. Dort unten plätscherte ein Bach.

An der Uferböschung nach unten klettern … Die Füße ins Wasser halten … Die Nacht war lau. Doch Emily gähnte. Sie war einfach nur fertig, verwirrt obendrein und das Wasser vermutlich saukalt. Ab nach Hause!

Hinter dem Park lag ein Campingplatz, der sich fast um das ganze Ufer eines Sees erstreckte. Die Rezeption an der Einfahrt war unbesetzt. Für heute würde Emily endlich ihre Ruhe haben.

Sie lief im Zickzack über die Wege, um die bewohnten Parzellen zu vermeiden. Schließlich erreichte sie das Gebiet, wo für Caravan-Urlauber das Ende der Welt begann. Für Emily jedoch waren die Brombeerhecken nur der Grund dafür, dass sie meistens lange Hosen trug.

Hinter dem Gestrüpp lagen die Brutgebiete der Wasservögel. Es wurde darauf geachtet, dass sich keine Touristen zum Campen auf diese Seite des Sees verirrten. Nur nach der Brutsaison waren die Plätze freigegeben. Meist waren es jugendliche Reisende, die sich über die Abgeschiedenheit freuten. Mit ihnen hatten Emily und die Enten keine Probleme. So hatte Emily ja selbst ihren kleinen Platz gefunden: während eines Zeltwochenendes mit Robert vor zwei Jahren. Er hatte sie beeindruckt mit seiner Art, andere Menschen nicht mit Fragen zu belästigen.

Alles, was er von ihr wissen wollte, war, ob sie wirklich das Abitur nachholen würde, um dann einen der Stipendienplätze der Uni zu erhalten. Er war Mitglied in dem Gremium, das darüber entschied.

Natürlich hatte sie es ernstgemeint. Vor allem deshalb, weil sie dann endlich die staatliche Betreuung hinter sich lassen konnte, in die sie seit ihrer Zeit im Jugendknast geraten war.

Roberts Interesse hatte ihr einen seltenen Energieschub verschafft.

Zwei Wochen nach dem Zeltausflug stand sie mit Heckenschere und Putzeimer vor einem verlassenen Holzwohnwagen, der eher eine Wohnung auf Rädern war. Sie hatte ihn gekauft und sich die Erlaubnis geholt, ihn das ganze Jahr nutzen zu dürfen. Als sie den Wagen von wuchernden Ranken befreite, schwor sie sich, dass dies der Beginn eines neuen Lebens sein würde.

*

Emily erreichte einen Hügel, hinter dem sich der See schwarz in die Nacht erstreckte. Sie kannte hier jeden Zentimeter. Neun Schritte den Hügel hinunter, fünf weitere ebenerdig, dann stieß sie an die Rückseite ihres Wohnwagens, der von acht großen, hölzernen Speichenrädern getragen wurde. Drei Stufen führten hinauf zur Eingangstür.

Als Emily den Schlüssel ins Schloss steckte, zitterten ihre Finger. Mal wieder war alles zu viel gewesen heute.

Achtlos warf sie die Schlüssel auf eine Ablage, die Jacke auf den Boden, ging die paar Schritte im Dunkeln zu ihrem Schreibtisch direkt hinter dem kleinen Bad und zündete eine Kerze an. Im aufflackernden Licht ließ sie sich in einen alten Ohrensessel fallen und starrte eine Weile vor sich hin.

Wieso hatte dieser Typ ihren Namen gekannt?

Egal. Es war die einzige erträgliche Begegnung an diesem Tag gewesen. Vielleicht hatte sie ihm ihren Namen ja auch gesagt und es nur vergessen. Oder sie hatte mal wieder etwas gehört, was überhaupt nicht gesagt worden war. Manchmal spielte ihre Fantasie ihr Streiche.

Werwolf …

Ihr Blick glitt zu einem gerahmten Foto neben der Kerze. Es zeigte eine Frau, die aussah wie sie, nur älter. Ihre Locken waren genauso durcheinander, die Augen genauso grau und leicht schräg stehend. Nur das Lachen – das Lachen der Frau auf dem Foto erschien Emily tausendmal ungezwungener und fröhlicher, als sie selbst jemals gelacht hatte.

Das Bild stammte aus der Zeit, als ihr Vater noch nicht verschwunden war. Ein paar Monate später hatte ihre Mutter nicht mehr gelacht, ein weiteres Jahr später war sie tot. Gestorben bei einem Autounfall, der Emilys Kindheit – falsch, ihr ganzes Leben – mit einem Schlag zerstört hatte.

Das alles lag so weit zurück, als würde sie sich lediglich an einen Film erinnern.

Das Bild ihres Vaters lag in der obersten Schreibtischschublade. Irgendwann wollte sie es neben das ihrer Mutter stellen, doch noch hielt ein merkwürdiges Gefühl der Rache Emily davon ab. Er hatte sie im Stich gelassen! Jeremy Spring war auf einem seiner Trips verschwunden, irgendwo in der Ödnis Australiens. Seit drei Jahren galt er offiziell als tot, sodass Emily eine komplette Waisenrente erhielt. Immerhin waren beide, Helena Spring und er, Beamte gewesen: sie als Staatsanwältin und Jeremy, der Einwanderer, als Diplomat im Auswärtigen Amt.

Wenigstens Geldsorgen würde sie lange nicht haben.

„Was für ein beknackter Tag, Mama“, sagte Emily. Sie stand auf, um den Wasserkocher anzustellen. Ein paar Minuten später setzte sie sich mit einer Tasse Tee auf die Stufen vor ihrem Wohnwagen. Als sie den Blick hob, sah sie ein Meer aus Sternen.

*

Emily lief durch eine Unterführung. Über ihren Schultern und in den Ellenbeugen hingen schwere Taschen. Vier weitere trug sie in den Händen. Ständig fiel etwas zu Boden und sie musste anhalten, um es aufzuheben.

Dann trat sie in die riesige Eingangshalle eines Bahnhofs. Sie war vollkommen leer – bis auf eine einzige Gestalt, die regungslos dastand. Ein Gesicht war nicht zu erkennen, doch in der Hand hielt sie Blumen.

Die gesamte Umgebung war schwarz-weiß. Nur eine einzelne Rose leuchtete tiefrot aus dem Strauß hervor. Emily eilte zu der Gestalt hinüber. Sie wollte diese Rose unbedingt kaufen! Umständlich stellte sie ihr Gepäck ab, bevor sie ein paar Münzen hervorholen konnte.

In dem Moment jedoch, als sie sie in den Händen hielt, verlor die Rose alle Farbe und gefror zu Eis. Sie fiel hinunter und zerbarst. Als Emily den Blick erneut hob, sah sie eine verzerrte Fratze, die mit weit geöffnetem Schlund auf sie zuraste.

*

Aufrecht saß sie im Bett, ihr Herz pochte wild, sie schnappte nach Luft.

Es war alles in Ordnung, sie war in ihrem Wagen, niemand war bei ihr, sie hatte nur geträumt!

Ihr Wecker zeigte drei Uhr. Vor zwei Stunden erst hatte sie sich hingelegt. Emily legte sich auf den Rücken und versuchte, die Bilder des Traums zurückzuholen.

Als sie sicher war, jedes Detail im Kopf zu haben, stand sie auf, setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete ein Notizbuch und begann zu schreiben.

*

Zwei Wochen später saß Emily am Ufer des Sees und lauschte der Stille. Am Himmel gegenüber ging der Vollmond auf. Ab und zu raschelte und platschte es leise. Kröten, Mäuse, Grillen … Emily fühlte sich mit diesen Wesen verbunden, seit sie ein Kind war. Sie bewunderte, wie ihre Sinne durch das Zwielicht geschärft waren.

„Atme in mich hinein!“

Hatte sie das wirklich gehört? Eine Stimme war es, deutlich in ihrem Kopf. Aber außer ihr war hier niemand.

„Atme in mich hinein!“

Ihre Muskeln spannten sich.

„Was für ein schöner Zufall!“

Sie fuhr herum. Der Fremde von neulich stand direkt hinter ihr.

„Spinnst du? Du hast mich fast zu Tode erschreckt! Was willst du hier? Wieso schleichst du dich so an? Spionierst du mir nach?“

Belustigt, unschuldig und abermals ganz in schwarz sah er auf sie hinunter.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. – Ich heiße übrigens Immo“, fügte er hinzu, als Emily nicht reagierte.

„Das ist ja fantastisch“, sagte sie. „Und was zum Teufel willst du hier? Immo?“

„Du sprachst von einem See“, sagte er. „Heute ist Vollmond. Und wo wir schon mal beide hier sind …“

Er zog eine Flasche und ein Glas hinter dem Rücken hervor. „Ich hatte erst an Entenfutter gedacht, aber davon hast du ja nicht wirklich was.“ Wie selbstverständlich setzte er sich neben sie ins Gras, entkorkte die Flasche und füllte das Glas. Mit offenem Blick hielt er es ihr hin.

„Für dich.“

Als sie nicht reagierte, wiederholte er die einladende Geste.

„Ganz offiziell: Entschuldige bitte.“

Wie uncool war es, einfach jemanden zu überfallen! Emily konnte nicht glauben, dass sie ihn gewähren ließ. Wir sind uns nicht fremd … Fing sie jetzt auch an zu spinnen? Dann könnte sie das genauso gut genießen. Sie nahm das Glas entgegen und drehte es im Licht des Mondes.

„Zum Wohl!“ Immo führte die Flasche zum Mund.

„Halt! Was machst du denn da?“

Sie riss ihm die Flasche aus der Hand. Das Etikett sah alt aus und tatsächlich stand dort eine Jahreszahl: 1897.

„Ist das eine Fälschung?“

Immo schmunzelte nur und schüttelte den Kopf. „Keineswegs, davon gibt es noch einige.“

„Dieser Wein muss ein Vermögen wert sein und du willst ihn aus der Flasche trinken?“

„Ich trinke immer aus der Flasche.“

Sekundenlang fixierte sie sein unschuldiges Gesicht, dann sog sie den schweren Duft des Weines ein und probierte schließlich.

„Der Hammer!“

Immo lächelte. „Freut mich.“

„Willst du jetzt doch nichts?“

„Sag mir, wenn ich falsch liege, aber ich hatte den Eindruck, du magst es nicht, wenn ich aus der Flasche trinke.“

„Stimmt. Sehr nett von dir. Von mir aus kannst du … Wobei … Warte – ich hole dir ein Glas.“

*

„Cheers.“ Immo prostete ihr zu und behielt den ersten Schluck eine Weile im Mund. Emily betrachtete sein Gesicht genauer. Es gab kein Anzeichen für Bartwuchs. Seine Haut wirkte makellos, bis auf jene Fältchen rund um die Augen, aber die machten ihn nur noch attraktiver. Immo streifte Emily mit einem Blick, als sei es ihm unangenehm, dass sie ihn anstarrte. Er legte sich auf den Rücken und sah in den Himmel. „Ich hätte gedacht, dass du mehr Fragen stellst.“

„Wieso sollte ich dir Fragen stellen?“

„Immerhin habe ich neulich behauptet, ich würde bei Vollmond zum Werwolf.“

Emily bemerkte den Spott in seiner Stimme.

„Nein. Du hast gehofft, dass du zum Werwolf wirst. Außerdem brauche ich dich nicht zu fragen, wenn ich Antworten will.“

Er runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Wer wirklich was sagen will, tut das auch ohne Fragen. Wer nichts sagen will, beantwortet auch keine Fragen. Es ist also sinnlos, dir Fragen zu stellen. Du bist hier aufgetaucht, ob zufällig oder nicht. Entweder, weil du reden willst, oder, weil du schweigen willst.“

Immo nickte. „Da ist was dran.“ Er richtete seinen Blick wieder zum Mond. Emily trank einen Schluck.

„Der Wein ist wirklich sehr gut.“

„Freut mich immer noch.“

Sie verstummten, bis Emily es nicht mehr aushielt. Vorsichtig strich sie am Rand ihres Glases entlang. Ein singender Ton erklang.

„Alkohol steigert übrigens die Gesprächigkeit, wusstest du das?“

Immo lachte. Es klang warm und lebendig. „Ich wusste, dass du mir Spaß machen würdest, Emily Spring.“

„Oha. Das ist zum Beispiel ein Punkt, über den du sehr gerne sprechen darfst. Warum kennst du meinen Namen und warum verfolgst du mich?“

„Natürlich.“ Er runzelte die Stirn. „Das wäre zu erklären, ja. Ich verfolge dich nicht in dem Sinne, auch wenn ich tatsächlich nicht zufällig hier bin. Vielleicht hört sich das merkwürdig an für dich? Ich mache sowas nicht jeden Tag.“ Sein Gesicht zuckte kurz. „Nein, es ist nicht das, was du denkst!“

Emily kniff die Augen zusammen. „Was denke ich denn?“

„Na, ob dies weiterhin nur eine blöde Anmache sein soll.“ Mit einem Zug trank er sein Glas leer und schenkte sich nach. „Ich will nichts in dieser Hinsicht von dir. Was ich will, geht eher in Richtung geistiger Austausch.“

Emily fühlte sich ertappt.

„Wollen wir zusammen philosophieren? Oder bist du einfach nur schwul?“.

„Denkst du in solchen Schubladen?“

„Natürlich nicht, wer tut das schon.“

Wieder lachte er. „Darum geht es hier nicht, Ehrenwort.“

Er sah sie an und die Wärme, die sie spürte, hatte nichts mit dem Wein zu tun. Immos Miene wurde ernst. „Was glaubst du, wer du bist, Emily?“, fragte er leise. „Ich bin mir nämlich nicht sicher.“ Im nächsten Moment blinzelte er und stellte sein Glas auf den Boden. „Vielleicht war es ein Fehler, heute herzukommen.“

Vom See erklangen leise Geräusche. Hunderte und aberhunderte Blasen stiegen auf, ruhten an der Oberfläche und zerplatzten schließlich im Mondlicht. Das Wasser funkelte.

Emily hielt den Atem an. „Das ist wunderschön!“

Immo berührte sie nicht, doch seine Nähe webte sich wie ein Kokon um sie. So leise klang seine Stimme wie Samt.

„Atme in mich hinein! Schließe die Tür zur Rede und öffne das Fenster zur Liebe. Der Mond benutzt nie die Tür, nur das Fenster.“

Emilys spürte ihr Herz in der Brust schlagen.

„Nur Wörter, geschickt zusammengefügt. Und die Blasen kommen aus dem Schlamm. Wir sehen uns wieder, Emily.“

Dann war er fort. Sie wusste es, ohne sich umzudrehen.

Der See lag so still da wie zuvor. Die angebrochene Flasche Wein und sein Glas hatte Immo zurückgelassen.

Und wieder schien der Mond, doch diesmal wirkte die Stille bedrohlich. Emily hastete durch eine Straße. Sie suchte Schutz.

Etwas Schwarzes türmte sich hinter dem Mond auf, ein Schatten …

Auf einmal wurde sie am Arm gepackt und in ein Gebäude gezogen. Eine Stimme, dicht an ihrem Ohr. „Hier rein, schnell!“

Jemand ohne Gesicht zog Emily mit sich. War das ihr Vater? Er führte sie durch einen schmalen Flur Richtung Dunkelheit.

„Halt!“

Diese Stimme hätte Emily unter tausenden erkannt. Hinter ihr stand ihre Mutter. Sie sah verzweifelt aus. „Geh nicht da lang! Geh nicht mit ihm!“ Sie streckte die Hand aus, doch Emily wich zurück. Ihr würde sie auf keinen Fall folgen!

Dann stand sie in einem großen Raum mit einer gläsernen Kuppel. Bis auf ein Teleskop auf einem Stativ war er leer.

„Schau durch!“, drängte die Stimme ihres Vaters.

Der Schatten war eine tiefschwarze Kreatur, die sich anschickte, den Mond zu verschlingen.

„Hol dein Blut aus dem Keller, sonst ist hier alles verloren!“

Drei Eimer mit einer roten Flüssigkeit standen neben dem Teleskop. Emily bückte sich, um sie umzukippen.

„Nein!“

Der Schrei hallte von überall her. Finsternis stürzte auf Emily hinab und presste ihr alle Luft aus den Lungen. Sie würde sterben.

*

Sie erwachte von ihrem eigenen Schrei. Ihr Schlafhemd war klatschnass. Sie sah nicht auf den Wecker, machte kein Licht. Irgendwann kühlte der Schweiß auf ihrer Haut ab und trocknete.

Emily holte sich jede Szene des Traumes zurück ins Gedächtnis. Ihre Augen waren schwer, doch ihr wurde klar, dass sie an Schlaf vorerst nicht zu denken brauchte. Also setzte sie sich an ihren Schreibtisch und machte Licht. Als sie die Schublade öffnete, um ihr Traumtagebuch herauszuholen, zögerte sie. Ein zerknittertes Foto lag dort: das Portrait eines nicht mehr ganz jungen Mannes, ihres Vaters.

Jeremy Spring sah gut aus mit seinen blonden Haaren und der braungebrannten Haut. Im Gegensatz zu seiner Frau lächelte er nicht, sondern sah aus stahlblauen Augen in die Kamera, als wolle er den Betrachter sezieren. Als Kind hatte dieses Foto Emily Angst gemacht.

„So ein Unsinn“, hatte ihre Mutter dazu gesagt. „Soll ich es wegen dir etwa verschwinden lassen?“

Erst kurz zuvor war Jeremy zu seiner Australienreise aufgebrochen, ein dienstlicher Auftrag, den er mit einem privaten Trip ins Outback verknüpfen wollte. Tags darauf kam die Nachricht, dass er vermisst wurde.

Wieso erschien er auf einmal in so einem Traum? Nach einem Abend, den sie genossen hatte wie lange keinen mehr.

Mit einer Reißzwecke befestigte Emily das Bild auf der großen Weltkarte über dem Schreibtisch. Australien war jetzt fast komplett bedeckt. Sie schrieb ihren Traum auf und schlüpfte dann zurück ins noch warme Bett.

*

Ein paar Tage später schreckte Emily abends hoch, als es leise an der Tür klopfte. Sie saß an ihrem Schreibtisch, auf der Nase eine Brille mit roten Rändern. Irritiert schaute sie auf die Uhr. Kurz nach neun. Wer um alles in der Welt war das?

Erneut das Klopfen, diesmal lauter, und eine Stimme: „Emily, hier ist Immo.“

Sein Gesicht wirkte eingefallen und blass, die Augen stumpf. Er blickte an ihr vorbei ins Innere des Wohnwagens.

„Darf ich reinkommen?“

„Nein.“ Emily verschränkte die Arme vor der Brust. „Was willst du?“

Verwirrt sah er sie an. „Du trägst eine Brille.“

Im nächsten Moment hatte Emily sie von ihrer Nase gerissen und verbarg sie hinter dem Rücken.

„Sie steht dir gut“, sagte Immo.

„Es ist bloß ein Gestell“, erwiderte Emily und fügte noch hinzu: „Ich brauche es nur zum Schreiben.“

„Du brauchst ein Brillengestell, um zu schreiben?“

„Ja.“

„Was schreibst du gerade?“

„Nichts Besonderes.“

„Also ein Gedicht.“

Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht schoss, aber Immo schien sich von Sekunde zu Sekunde besser zu fühlen. Versöhnlich streckte er die Hand aus. „Komm, lass uns ein bisschen spazieren gehen!“

Es klang verführerisch. Wieder war es ein warmer Abend. Doch etwas in Emily sträubte sich.

Sie setzte sich auf die Stufen und schaute zu Immo hoch.

„Wer bist du?“, fragte sie. Er nickte, als habe er diese Frage erwartet, und setzte sich ebenfalls. Der Ernst in seiner Miene berührte Emily. Seine Augen lachten heute nicht.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie leise.

„Wie bitte?“ Immo blinzelte. „Entschuldige. Ich habe ja schon gesagt, dass ich so etwas nicht jeden Tag mache.“

„Was meinst du mit so etwas?“

Er hob abwehrend die Hand. „Du hast bereits eine Frage gestellt und die ist schwer genug zu beantworten.“

Sein Blick verlor sich in der jungen Nacht.

„Anscheinend bin ich ein Mensch. Ein Mensch aus Fleisch und Blut“, sagte er schließlich. „Immerhin habe ich ein Herz, das schlägt, und Lungen, die atmen. Du kannst mich berühren und ich kann dich berühren. Aber …“ Er stockte. „Andererseits bin ich nicht nur Mensch, denn ich lebe nicht nur in dieser Welt. Ich bin ein Gast.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Emily. „Meinst du das mystisch oder so? Bist du einer von diesen Esofritzen?“

„Von diesen was? Nein, ich denke nicht. Wie könntest du es verstehen? Wenn ich es dir erklären müsste … Warte.“

Immo sprang auf und holte sich einen Stock, der in der Nähe lag.

„Ein Künstler bin ich sicher nicht“, sagte er, „aber es wird wohl reichen. Schau her! Dies“, er zog einen Kreis in den Sand vor ihrer Tür, „ist der Teil des Universums, der nicht lebendig ist. Quanten, Atome, Kristalle, Steine, Planeten. Kannst du mir folgen?“

„Bis jetzt schon.“ Emily runzelte die Stirn.

„Dieser Teil“, Immo zog einen zweiten Kreis, der den ersten umschloss. „schließt alles ein, was lebt. Zellen, Bakterien, Pflanzen, Tiere – und damit natürlich auch Menschen. Sie alle bestehen genau genommen auch nur aus dem, was sich schon im ersten Kreis finden lässt, aber sie sind mehr als das, sie leben, sie pflanzen sich fort, all das.“

„Soweit klar.“ Emily beugte sich vor.

„Und im vorerst letzten Kreis“, Immo zog ihn um die anderen beiden herum, „kannst du dir das vorstellen, was nur aus dem Geist geboren wird, also auch diese Vorstellung selbst. Fantasie, Sprache, Staaten, Geld, Ethik … Dinge, die nur existieren, weil sie eine Basis haben, aus der sie entstehen können. Ohne das, was ganz im Inneren real ist, hier, bei den Atomen, kann kein Geist werden. Verstehst du das noch?“

Emily nickte langsam. „Interessant, ja. Der äußere Kreis umschließt die inneren Kreise. Aber er wäre ohne das, was er umschließt, nicht möglich. Es gäbe nichts, was nur auf Vorstellung beruht, wenn es die anderen beiden nicht gäbe.“

„Genau!“ Immo sah zufrieden aus. „Umgekehrt ist es für ein Atom nicht wichtig, ob es Musik gibt, Blumen, Sterne oder Gesetze. Es existiert ohne all das. Es ist absolut vollständig, und doch wird es zum Teil von etwas Neuem.“

„Interessant. Aber du wolltest mir was über dich erzählen.“

„Richtig.“ Immo sah auf sein Schaubild hinab. „Es hängt alles zusammen. Wenn etwas Neues aus dem entsteht, was vorher schon da war, dann ist das chaotisch und ziellos, aber nicht beliebig. Es ist ein kreativer Prozess, aber es gibt nicht unendlich viele Möglichkeiten.“ Er stockte. „Es öffnen sich Räume, in denen du dich bewegen könntest, weil du jetzt schon ein Teil von ihnen bist. Sie können dir näher sein, als du dir das jetzt noch vorstellen kannst, und trotzdem würden sie sich völlig fremd anfühlen. Es gibt dort keine Mauern, aber die Räume sind trotzdem getrennt. Du gehst nicht durch Türen – nicht immer. Und es gibt eine Art Pufferzone. Eine Welt, die wie ein Übergang ist. Wie eine Brücke.“ Immo atmete tief ein. „Meine Welt. Die Zwischenwelt. Verstehst du das immer noch?“

„Keine Ahnung. Du hast eine Menge Zeugs gesagt.“

Er strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Das hier …“, vage deutete er auf seine Zeichnung im Sand, „lässt sich eigentlich gar nicht darstellen, schon gar nicht so einfach. Ich fürchte, es reicht nicht. Ich kann nicht gut erklären.“

Eine Weile schwiegen sie beide, dann trat Immo wieder zu ihr und hockte sich vor sie auf die Stufen.

„Wenn du einverstanden bist, werde ich die Bilder für dich hier drin malen.“ Er deutete auf ihre Stirn. Emily blickte in diese unfassbar grünen Augen, und ohne nachzudenken nickte sie. Immo hob seine Hand vor ihr Gesicht, so nah, dass sie ihre Wärme spüren konnte.

„Schließ die Augen.“

*

Zuerst war alles dunkel, doch dann erkannte sie vor sich einen Lichtfleck, der stoßweise größer wurde. Die Enge beklemmte sie.

Sie musste raus hier!

Licht fiel über sie her. Emily presste die Augen zusammen, dennoch traf dieses Licht sie mit der Wucht eines Hammerschlags. Ihr war kalt und die plötzliche Grenzenlosigkeit machte ihr Angst.

Dann hüllte Wärme sie ein. Ein köstlicher Duft stieg ihr in die Nase. Noch spürte sie das Band, das sie fest und sicher mit dem Körper vereinte, den sie gerade verlassen hatte. Noch pulsierte Blut durch die Nabelschnur. Doch gleich würde sie atmen und ein neues Leben beginnen, ihr eigenes.

Emily sah ihr Spiegelbild. Sie ließ sich nach vorne fallen und glitt in den Spiegel hinein, durch ihn hindurch. Gleichzeitig konnte sie sich selbst dabei sehen, wie sie noch immer in den Spiegel schaute.

Sie saß in einem winzigen Boot aus Holz. Vor ihr nichts als Wasser – ein gewaltiger Ozean. Das Boot schaukelte auf und nieder. Schwarze Wolken türmten sich auf, es blitzte und donnerte. Doch das Boot hing an einer Kette aus Stahl, die fest an einem Steg verankert war.

Und dann gab es nur noch Nebel. Kein Geräusch, nichts zu sehen, nur undurchdringlicher weißer Nebel. Einsamkeit ohne jede Berührung. Keine Liebe, keine Wut, kein Schmerz. Sie spürte nur Leere und wusste, dass sie für die Ewigkeit war.

Der Nebel lichtete sich und nun sah sie sich selbst, wie sie auf den Stufen ihres Wohnwagens saß und die Augen geschlossen hielt. Wenn sie die Hand ausstreckte, würde sie sich berühren können.

Kaum hatte sie diesen Gedanken gedacht, da spürte sie Finger auf ihrem Arm und Immos Stimme nah an ihrem Ohr: „Mach jetzt die Augen wieder auf, Emily!“

Er saß dicht bei ihr und musterte sie.

Emily war noch immer gefangen von diesem letzten Eindruck, der Einsamkeit im Nebel.

„Was ist dort draußen?“, fragte sie.

Immo zog seine Hand zurück und schwieg.

„Nicht dort draußen“, sagte er schließlich. „Genau hier.“

Aus seinen Augen war das Funkeln erneut verschwunden. Sie begriff, dass dies alles war, was sie dazu hören würde.

„Ich frage mich immer noch, wer Mrs. Ochmonek ist“, sagte er stattdessen, stand auf und ging rückwärts davon. Mit jedem Schritt und jedem Wort schien er mit seiner Umgebung zu verschmelzen und die Umgebung durch ihn hindurchzuscheinen. Er wurde unsichtbar.

„Warum nur trägst du eine Brille, mit der du gar nicht schärfer sehen kannst?“

Emily hatte nichts verstanden, trotzdem glaubte sie ihm. So sehr, dass es schmerzte.

Spielte er mit ihr? War er ein Trickbetrüger? Hatte er ihr etwa Drogen gegeben? Aber wann sollte er das getan haben?

Wer zum Teufel bist du, Immo?

Der Stock lag noch da, die Zeichnung im Sand war nur ein wenig verwischt.

Konzentrische Kreise. Er hatte einen Stein ins Wasser geworfen. Und die ganze Welt veränderte sich. Doch was auch immer passieren würde: Heute Nacht wollte sie nicht alleine bleiben.

*

Robert war in der Kneipe, zuverlässig wie jeden Abend. Er saß im Hintergrund an einem Tisch, neben ihm eine aufgebrezelte Studentin – wahrscheinlich Betriebswirtschaft oder Jura. Als er Emily in der Tür stehen sah, beugte er sich zu seiner Begleiterin und sprach mit ihr. Offensichtlich nicht zu deren Zufriedenheit, denn sie rauschte durchs Lokal und an Emily vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Robert hob entschuldigend die Hände und winkte sie zu sich.

„Hallo Süße, bist du ok? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Seit wann weißt du nicht mehr, wo ich wohne?“, erwiderte Emily spitz und setzte sich zu ihm.

„Seit wann willst du, dass ich bei dir auftauche?“

Sie musterten einander.

„Du hast recht, entschuldige. Ich bin nicht sonderlich gut drauf. Kannst du mich ein bisschen ablenken?“

„Alles, was du willst.“ Er küsste sie auf die Wange. „Wie es der Zufall will, habe ich ein paar neue Spielzeuge zu Hause“, raunte er ihr ins Ohr.

„Quak, quak, quak“, krächzte ein Mann am Nebentisch, der nach zu viel Verbitterung und Alkohol aussah. „Selbst schuld, wenn du dich mit Stinkern abgibst!“

Emily war sprachlos, Robert jedoch sprang auf. „Ho!“

„Lass uns einfach gehen“, zischte Emily und zog ihn zum Ausgang.

*

Roberts Spielzeuge wirkten solange harmlos, bis er ihr zeigte, wie sie funktionierten.

„Diese genoppten Teile können eine Menge“, murmelte Emily irgendwann nach Mitternacht, während er sich Duftöl in die Hände träufelte, um ihr den Schweiß und die Striemen vom Rücken zu massieren.

Noch viel später, als draußen bereits die Vögel zwitscherten, lag sie neben ihm und lauschte seinem zufriedenen Schnarchen. Die Motive für seine Mühen waren durchsichtig, aber dennoch …

Neben ihrem schlechten Gewissen war sie auch dankbar. Er spielte nicht beleidigt, weil sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Er ließ sie in Ruhe und war da, wenn sie ihn brauchte. Aber wenn sie jetzt hierblieb, würde sie einschlafen.

Behutsam stand sie auf, zog sich an und verließ auf Zehenspitzen den Raum. In der Küche saß eine von Roberts Mitbewohnerinnen, deren Namen Emily vergessen hatte. Sie wirkte übernächtigt. Vor ihr auf dem Tisch lagen geöffnete Bücher und verstreute Notizen. Gerade zündete sie sich eine Zigarette an und musterte Emily neugierig.

„Lässt du dich echt von ihm verdreschen? Und jetzt haust du einfach ab? Ich hoffe, du lässt ihm wenigstens einen Zettel da. Bisschen asozial sonst, oder?“

„Das dachte ich vom Rauchen in der Küche auch.“ Emily verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzudrehen.

*

Eine schwarze Katze strich um Emily herum. Mal miaute sie leise, dann wieder fauchte sie. Sie machte einen Buckel, und ihr Schwanz bauschte sich zu einer Flaschenbürste.

Emily wollte sie beruhigen. Behutsam streckte sie die Hand aus, doch die Katze wich zurück. Emily machte einen Schritt nach vorne – im nächsten Augenblick sprang die Katze auf sie zu. Bevor sie ihre Krallen in Emilys ausgestreckte Hand schlug, ließ ein plötzlicher Lichteinfall ihre Augen in einem strahlenden Grün aufleuchten.

*

Mit dem Aufwachen verschwand der Schmerz. Da der Wecker schon fast auf zwölf Uhr mittags stand, sprang Emily aus dem Bett und zog die Vorhänge zurück. Sonntag, und sie hatte nichts vor. Außer duschen.

Ihr Badezimmer war klein, aber komplett. Sie hatte Wasser und Solarstrom. Auf die Idee mit den Solarzellen auf dem Dach hatte Robert sie gebracht, als sie im letzten Sommer gemeinsam im Schwimmbad lagen und er ihre braune Haut bewunderte.

„Wenn du all die Energie, die du aus der Sonne ziehst, in Strom umwandeln könntest, hättest du keine Sorgen mehr, weißt du das?“

„Doch, denn du wärst ja immer noch da“, hatte sie schläfrig zurückgegeben.

Als sie unter dem warmen Duschstrahl stand, lächelte sie bei der Erinnerung. Sie fühlte sich gut! Das knotige Gefühl im Magen, Immo und sein Gerede waren verschwunden. Was auch immer er mit ihr gemacht haben mochte: Es war nicht die Realität.

Emily beschloss, den Tag am See zu verbringen. Und vielleicht würde sie sich später ja noch einmal ins Nachtleben stürzen.

*

Robert tat eingeschnappt, weil sie einfach gegangen war.

„Ich will eine Entschädigung“, maulte er.

„Mach einen Vorschlag.“

Sein Blick ging zu der Treppe, die in den Keller der Kneipe führte.

„Oh nein!“