Traumfänger Scherben - Nott Darka - E-Book

Traumfänger Scherben E-Book

Nott Darka

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Beschreibung

"Nicht denken!", sagt Duncan gern zu Emily. Im Moment täte sie nichts lieber, als diesen Rat zu befolgen. Denn ihre Knochenbrüche heilen, aber Immo, der Traumfänger, ist fort - und ein Herz heilt schlechter als ein paar gebrochene Knochen. Vor vier Monaten war Emily nichts weiter als eine wütende junge Frau, die sich Entennamen ausdachte. Heute weiß sie, dass in ihr eine uralte Seele lebt. Sie hat einen kleinen Drachen hinter den Ohren gekrault und sich von einem großen in den Weltraum fliegen lassen. Sie hat mitbekommen, wie der Traumfänger Albuin den Heiler ins Stadium eines Säuglings zurückgeschickt hat. Und sie weiß, dass ihre eigene Geschichte eine Lüge ist. Aber ist wirklich alles verloren - oder gibt es eine Chance, Immo zurückzuholen? Noch während Emily versucht, nicht nachzudenken, ordnet sich der Lauf der Zeit neu und der Sieg der Unsterblichen steht mit einem Mal in Frage.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Nott Darka

TRAUMFÄNGER

Scherben

Band 2

Band 1: Abbadons Ruf

© 2021 Nott Darka

Autorin: Nott Darka

Lektorat: Elyseo da Silva

Umschlaggestaltung: Emilia Detering

Illustrationen gemeinfrei von pixabay.com, bearbeitet von der Autorin

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-42868-3 (Paperback)

 

978-3-347-42869-0 (Hardcover)

 

978-3-347-42870-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

„Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichensich tiefer und tiefer ins Herz hinein,und während die Jahre verstreichen,werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,sie scheinen zerronnen wie Schaum.

Doch du spürst ihre lastende Schwerebis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,die Welt wird ein Blütenmeer.

Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,da blüht nichts mehr.“

(Ricarda Huch, 1864-1947)

Hi!

Du bist meinem Weg bis hierhin gefolgt, oder Du gesellst Dich erst jetzt zu uns. Auf der nächsten Etappe meiner Geschichte gibt es ein paar Dinge, die ich selbst nur schwer verdauen konnte. Sie sind Vergangenheit, aber sie haben mir gezeigt, wie grausam Menschen sein können – sogar zu ihren eigenen Kindern. Nott hat versucht, es so behutsam wie möglich zu erzählen, aber eine wirkliche Schonung ist manchmal einfach nicht möglich. Schließlich sollt auch Ihr wissen, was ich erfahren habe.

Davon abgesehen: Willkommen zurück! Bekannte Gesichter tun gut.

Und für alle, die meine Geschichte noch nicht kennen (Achtung Spoiler!): In mir lebt die älteste Seele des Universums. Ich habe eine schon verlorene Schlacht gegen den Dämon Balor und seine Heere in einen Sieg verwandelt, indem ich von einem kilometerhohen Plateau gesprungen und zur Sonne geworden bin. Meine menschlichen Knochen haben es mir nicht gedankt.

Jene Schlacht fand an der schwarzen Festung statt, tief im Jenseits.

Und das sind die Personen und Welten, deren Namen Ihr Euch merken solltet:

Robert. Mein Exfreund, der laut Immo stinkt wie eine Jauchegrube. Er lebt im Diesseits – der Welt, die auch Eure ist.

Meine Welt ist jetzt die Zwischenwelt. Sie ist der Übergang vom Diesseits in alle Welten, die aus dem Unbewussten – dem Selbst –, aus den Mythen und der Fantasie von Menschen zur Realität werden. Wer in der Zwischenwelt lebt, kann nicht mehr durch Alter oder Krankheit sterben. Düfte und Farben sind dort stärker, Telepathie ist normal.

Immo. Der Traumfänger. Nach mir die älteste Seele, in seiner jetzigen Gestalt 2400 Jahre alt. In seinem Inneren lebt Ama, eine mal junge, mal alte Frau, die auf besondere Art mit Immo verschmelzen kann. Auch habe ich in seinem Selbst ein Mädchen in einem roten Kleid gesehen. Und ihn als Vogel, als Frau, als Kind und als Wolf. Immo lässt die Träume zu den Träumenden, doch vor einigen Jahrzehnten drehte er durch. Weil er nicht mehr ertrug, dass Menschen Böses tun, hat er die Regeln gebrochen und Mörder mithilfe von Träumen in den Wahnsinn und den Tod getrieben. Damals zerstritten er und Duncan sich.

In Immo vereinen sich die Gene aller Völker der Erde.

Duncan. Der Mann mit der Kriegerseele. Geboren vor rund 1800 Jahren in Japan als Sun Dèng Kén, leiblicher Vater Brite, Mutter Japanerin. Sein Stiefvater hat ihn misshandelt, dann haben sie Duncan in ein Kloster abgeschoben. In seinem Inneren leben Dalong, ein kleiner Drache, Tian Shi, ein kleines Mädchen, und Dämonen, die seine Ängste verkörpern. Zum Beispiel die, dass er eines Tages Immo verletzen oder töten könnte. Immo nennt ihn Sun, manchmal Saiai – Geliebte.

Ambrosia. Hüterin des Gleichgewichts, mehrere 1000 Jahre alt. Ihr menschlicher Ursprung muss irgendwo in Australien oder dem südafrikanischen Kontinent liegen.

Brenda. Hüterin der Feuerseele, Verbündete der Drachen, Kriegerin. Rund 3000 Jahre alt, und ihrem Äußeren nach eine keltische Walküre. Ich liebe sie!

Patricius. Hüter der Wasserseele, 500 Jahre alt. Für sein junges Alter ein ziemlich arroganter Wicht, wenn Ihr mich fragt. Er gibt sich als spanischer Adel, der einst die Welt eroberte.

Malaika. Hüterin der Luftseele, mehrere 1000 Jahre alt. Ihr Volk ist ausgestorben.

Albuin. Hüter der Erdseele, Heiler, Exempath (seine Gestalt wandelt sich, je nachdem, wie er sich fühlt). Älter als Malaika, jünger als Ambrosia. Er hat sich mit der dunklen Seite verbündet, wollte mich angreifen und ist dafür von Immo in die Gestalt eines Säuglings gezwungen worden. Das bleibt er jetzt erstmal. Auch er ist der letzte seiner Art.

Huang Lung. Der König der Drachen und der erste seiner Art. Er kennt mich schon seit Ewigkeiten. Ich ihn auch – nur kann ich mich nicht erinnern. Dafür hat meine alte Seele gesorgt.

Haiowatha. Der alte Heiler und Hüter der Geschichten, die sonst verloren wären. Er lebt im Exil in einer anderen Dimension, die bislang nur Huang Lung erreichen kann. Sein Äußeres erinnert an das der nordamerikanischen Urvölker.

Byamee. Der erste Traumfänger und einst Körper der vereinten Seelen von Traumfänger und Krieger. Er musste sich selbst opfern, damit diese Doppelseele sich spalten konnte. So wurde ein Krieg gegen Dämonen gewonnen. Die Geschichte war vergessen, bis Huang Lung mich zu Haiowatha brachte. Anschließend konnten (und mussten) Duncan und Immo sich versöhnen, um die Schlacht an der schwarzen Festung gewinnen zu können.

Seitdem sind sie wieder ein Paar.

Die letzten beiden Namen, die ich Euch nenne, bereiten mir Bauchschmerzen, denn es sind die Namen meiner Eltern. Helena Spring, meine Mutter, und Jeremy Spring, mein – Erzeuger.

Helena stahl Ambrosia einen Teil ihres Wissens, das in kugelförmigen Sphären verwahrt wird. Deshalb – weil sie meine Mutter ist und die Verbindung zwischen uns besonders stark – haben mich die anderen überhaupt erst in die Zwischenwelt geholt. Inzwischen weiß ich, dass meine alte Seele diesen Weg selbst gewählt hat und alle anderen nur ihre Handlanger sind.

Und schließlich Jeremy. Ich habe keine Ahnung, wie genau er zu dem wurde, was er … war? Ist? Etwas abgrundtief Böses. Er ist es, der beim Kampf an der schwarzen Festung Bilder in Immos Kopf gejagt hat, die ihn vernichtet haben. Wegen Jeremy ist Immo – mein Geliebter, der Vater meines ungeborenen Kindes – in erstarrte Zeit geflohen.

Für die gesamte übrige Welt ist dieser Traumfänger Geschichte.

In mir lebt Hani, ein Derwisch. Er kann aus mir heraustreten und unabhängig von mir handeln.

Ach, und ich bin Emily. Mein Zuhause ist ein Wohnwagen am See.

Die Geschichte geht weiter …

Der Tod hatte verloren.

Im Notfallzimmer der psychiatrischen Klinik beruhigte sich das Blinken und Piepen der Apparate.

Doktor Chang sah weiter auf die Monitore, streifte Gummihandschuhe und Gesichtsmaske ab und pfefferte sie auf den Boden. „Sie haben ihre Leute nicht im Griff, Conrad! Ich will wissen, wer hierfür verantwortlich ist!“

Die Ärztin rauschte aus dem Zimmer und schmetterte die Tür hinter sich zu. Der Pfleger, dem der Anpfiff galt, zuckte zusammen. Auch Conrads Nerven waren bis aufs Äußerste gespannt, doch sein Job hier war noch nicht beendet. Mit Changs Kritik würde er sich später beschäftigen.

„Hau ab, ich mach‘ das alleine fertig“, sagte er. Sein junger Kollege zitterte und versuchte seit Minuten, den Infusionsständer aus dem Kabelsalat der Technik zu befreien. „Danke dir“, stammelte er und eilte davon.

Während Conrad den geschwächten Körper auf dem Bett reinigte, ihm frische Infusionen legte und sich anschließend um die Ordnung des Zimmers kümmerte, kehrte der Schmerz zurück in Misos Bewusstsein.

Wann gibt eine Seele auf?

„Du bist schwanger, Emily …“

„Was soll das heißen, schwanger? Wie kann ich denn schwanger sein?“

„Oh bitte.“ Duncan zog eine Augenbraue in die Höhe.

Emily schnaubte. „Du weißt genau, was ich meine! Ich bin zur Sonne geworden und habe mich selbst verbrannt. Das muss real gewesen sein, weil anschließend offenbar alle Dämonen tot waren. Meine Erinnerung mag ja getrübt sein, aber ich weiß, dass ich verflucht tief gefallen bin. Ich sollte also entweder Asche sein oder vollkommen zerschmettert. Und du willst mir erzählen, dass eine Schwangerschaft das überstehen würde?“

Eine uralte Erinnerung legte sich über Duncans Blick – Trauer? –, doch er blinzelte sie fort, beugte sich zu Emily und küsste sie auf die Stirn. „Du würdest staunen. Ich lüge dich nicht an, wieso sollte ich das tun? Haiowatha kennt sich aus mit diesen Dingen. Er sagt, du bist schwanger, und dann stimmt das auch.“

„Aber wenn Immo weg ist …“

„Was auch immer geschieht“, unterbrach er sie, „du bist nicht alleine. Ich bin für dich da, und die anderen werden es auch sein. Patricius wird dir zumindest nicht auf die Nerven gehen, dafür sorge ich.“

Du bist nicht alleine. Keinen Trost brachten die Worte, auch füllten sie die Leere nicht. Aber es ging hier nicht nur um sie!

„Sind denn alle okay? Brenda …“

„Ist längst wieder auf den Beinen.“ Duncan zog sich ein wenig von ihr zurück. „Ich bin froh drüber, ehrlich gesagt. Die letzten Wochen haben Kraft gekostet. Ohne Brenda hätte ich die ganze Aufräumarbeit nicht so gut weggesteckt.“

Es dauerte einen Moment, bis bei Emily der Groschen fiel. „Die letzten Wochen? Was meinst du mit, ‚die letzten Wochen‘?“

„Flipp jetzt nicht aus, ja?“

„Duncan! Wie lange liege ich schon hier?“

„Fast drei Monate.“ Er wartete einen Moment. „Haiowatha sagt, dass das Bewusstsein des Babys allmählich erwacht. Deshalb will er auch, dass du jetzt wach bist. Dein Körper hätte noch den ein oder anderen Tag Schlaf gebrauchen können.“

„Schlaf? Du meinst wohl Koma! Drei Monate?“

Das Bewusstsein des Babys … Das Baby …

„Genau“, sagte er leise und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Darum geht es hier. Um dich und dein Baby. Wir werden uns um Immo kümmern. Aber du passt auf dieses Kind auf, hörst du mich? Von heute an passt du auf dieses Kind auf!“

Aus heiterem Himmel beugte er sich vor und küsste sie auf den Mund. Was zum …?

Doch da war es. Ein Hauch in der Leere. Ein Stein, der aus dem Magen in die Tiefe fiel und seine Schwere verlor. Duncans Stirn ruhte an ihrer, dann setzte er sich wieder aufrecht und wechselte das Thema. „Ohne deinen Derwisch hätte ich vermutlich gar nicht überlebt. Als ich in diesem Feuer lag und du fielst und Immo zerbrach unter dem, was er aushalten musste …“ Er stockte. „Es tut mir leid.“

„Nein, nein!“ Hör nicht auf! „Erzähl mir alles! Oder glaubst du, es geht mir besser, wenn ich nur so darüber grüble?“

Er fixierte sie mit einem unergründlichen Blick, nickte dann.

„Ich bin in Balor hineingesprungen, weil ich mit Immo ausgemacht hatte, dass er seinen letzten Lichtangriff über mich lenken soll. Dadurch ist nichts verschwendet worden, denn diese Dämonen haben keine Schilde, die sie von innen schützen. Vermutlich hätte es gereicht, Balor zu zerstören, aber Immo hat abgebrochen. Irgendetwas muss ihn aus einer anderen Richtung getroffen haben. Etwas, das ihn überrascht hat – er konnte sich nicht schützen. Wir hatten schon verloren, dann hast du deine Kamikaze-Aktion gestartet. Du hast alles zu Asche verbrannt, was zur dunklen Seite gehörte. Leider bist du aber nach wie vor nicht wirklich eine Superheldin, von daher …“ Er verstummte.

„Es war Jeremy“, sagte Emily, und als er sie fragend ansah, fuhr sie fort. „Mein Vater. Er ist derjenige, der Immo abgelenkt hat. Er stand bei ihm und hatte ein Messer. Dann stoppte die Zeit. Hört sich verrückt an, aber es war so! Mein V… Jeremy war plötzlich mit mir auf dem Plateau und hat mich vollgequatscht. Dass es einen Plan gäbe, die Menschheit zu vernichten, etwas in der Art. Albuin hatte sowas ja auch schon gesagt, bevor er mich angegriffen hat.“

Duncan wirkte alarmiert. „Ich habe keine Spur von jemandem wie Jeremy gefunden. Die Zeit hat angehalten? Glaub mir, soviel Macht sollte Spuren hinterlassen. Verdammt, ich muss damit anfangen, im Gedächtnis ohnmächtiger Leute rumzuwühlen! Diese Infos hätte ich viel früher gebraucht! Wie zum Moros soll ich darauf kommen, dass die Zeit angehalten hat? Ich muss dem nachgehen, vielleicht habe ich doch noch was übersehen!“

Niemals hast du das, dachte Emily, hielt aber den Mund. „Kannst du mir was zu trinken organisieren, bitte?“, bat sie stattdessen.

„Natürlich, entschuldige!“ Er sprang auf. Als er ihr kurz darauf einen Becher in die Hand drückte, trank sie gierig und Duncans Gelassenheit schien zurück.

„Auf ein bisschen Zeit mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an. Du warst zwischendurch immer mal wach, um Nahrung für das Baby zu dir zu nehmen und dich zu bewegen. Dieser Haiowatha beherrscht Heilkünste, die ich bei Albuin nie gesehen habe. Er hat dein Bewusstsein nicht in deinen Körper gelassen, weil er sagte, es würde zu viel Schmerz mitbringen.“

„Ich kann mich beinahe an nichts erinnern. Bewegt habe ich mich?“

Der Krieger verengte die Augen zu Schlitzen. „Deine Ohren sind auch nicht besser als vorher. Es war der Sinn der Sache, dass du dich nicht erinnerst. Aber ja, du hast dich bewegt. Sobald deine Knochen wieder einigermaßen verheilt waren, hat er dich täglich aus dem Bett geholt. Damit du schneller regenerierst, sagte er.“

Emily starrte an die Decke. Ein schwieliger Finger streichelte ihre Hand.

„An dir war so ziemlich alles gebrochen, was brechen konnte. Sogar Huang Lung war sich nicht sicher, ob er dich in einem Stück zu Haiowatha bringen kann. Aber dein Derwisch hatte gesagt, dass du lebst, deshalb mussten wir es versuchen.“

„Hani.“ Sie wandte sich wieder Duncan zu. „Wo ist er eigentlich?“

„Da wo er hingehört, nehme ich an. In dir drin, in deiner Tiefe. Im Moment ist es die Aufgabe von Emily, wieder ins Leben zurückzufinden. Wir müssen alle manchmal einfach Mensch sein. Egal, wie viel Anstrengung und Gefühle damit verbunden sind.“

Es war, als habe er ihr die Erlaubnis gegeben, endlich ihre Schwäche zu zeigen. Sie hielt ihre Tränen nicht mehr zurück.

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll“, sagte sie.

Kurz schloss er die Augen, dann küsste er sie noch einmal auf die Wange. „Wir schaffen das, hörst du?“ Er zögerte. „Darf ich dich alleine lassen? Haiowatha ist draußen, er wird nach dir sehen. Aber was du mir von Jeremy erzählt hast, lässt mir keine Ruhe. Außerdem muss ich den anderen erzählen, dass du aufgewacht bist. Brenda würde mich sonst vierteilen!“

Emily lächelte. „Das kann ich keinesfalls zulassen.“

Im Grunde war sie froh, dass sie mit ihren Gedanken allein sein konnte.

Sie bekam ein Baby.

Herrschaftszeiten! Einmal nicht verhütet, das konnte doch nicht wahr sein! Sie fand wirklich immer den falschen Zeitpunkt für alles. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn Immo … Aber so?

Würde es seinen Vater überhaupt kennenlernen? Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu.

Eine Hand auf der Schulter und eine freundliche Stimme weckten sie.

„Emily … es ist Zeit für deine Medizin.“

Sie war verkatert vom Weinen, die Haut in ihrem Gesicht spannte unangenehm.

Haiowatha hielt einen Becher in der Hand.

„Es ist wichtig, dass du das regelmäßig trinkst.“

Mühsam richtete sie sich auf. Der Alte machte keine Anstalten, ihr zu helfen. Stattdessen nickte er zufrieden. „Wie es scheint, sind deine Knochen endgültig verheilt. Du bist sehr stark, mein Kind.“

Haiowatha setzte sich zu ihr und strich ihr durchs Haar. Wieder stiegen Tränen in ihr auf, auch wenn sie nicht wusste, wo die noch herkommen sollten. „Es ist schwer, ich weiß. Dein Körper stellt sich noch auf die Schwangerschaft ein. Du warst fast tot und bist immer noch geschwächt. Außerdem leidest du unter Sehnsucht, der schmerzhaftesten aller Krankheiten. Aber auch sie wird heilen, Emily.“

„Wird sie das? Ich habe Immo doch grade erst kennengelernt! Als dieser Mensch hier, meine ich. Und jetzt frage ich mich, wie ich weiterleben soll ohne ihn!“

„Aber das wirst du. So wie immer. Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, Tag für Tag. Es gibt kein Versprechen auf Trost – aber Hoffnung, die gibt es immer. Vergiss das nie! Du“, er legte ihr sanft die Hand auf den Bauch, „trägst sie sogar in dir. Und nun darfst du mit mir nach draußen kommen. Ich will sehen, wie es um deine Kondition steht.“

Ausbaufähig, das merkte sie rasch. Ihr Körper war verheilt – aber sie war erschreckend schnell außer Puste und ihre Beine fühlten sich an wie Gummi.

Ein paar Tage später sank sie nach einem langen Spaziergang erschöpft auf einen Baumstamm bei den Zelten.

Mit einem ohrenbetäubenden Knall erschien Huang Lung, der König der Drachen. Zur Begrüßung donnerte ein Feuerstrahl aus seinem Maul, der alles Brennbare auf dem Platz millimetergenau verschonte. Dann schüttelte er sich, als wollte er ein lästiges Insekt loswerden. Mit einem Satz sprang der Krieger auf die Erde und Emilys Herz sprang ebenfalls.

„ICH BIN ES LEID, EUER MAULTIER ZU SEIN!“

Sie hielt sich die Ohren zu und winkte dem Drachen zu.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, mein Freund. Danke, dass du ihn hergetragen hast! Duncan ist sehr wichtig für mich.“

Huang Lung pustete ihr ins Gesicht. Sie konnte sehen, dass er sich ebenfalls freute. Nur in seinen Augen glühte kaum Kraft.

„Was ist los mit dir?“ Sie legte ihm die Hand auf eine Schuppe.

„Ich brauche Schlaf“, sagte er grimmig. „Ich hatte geplant, zu warten, bis du wieder wach bist, aber herkommen wollte ich eigentlich nicht. Dein wichtiger Freund hat so lange genervt, bis ich es nicht mehr ertragen habe.“

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand.

„Ich bin wichtig für dich?“ Duncan kam zu ihr.

„Natürlich bist du das.“ Emily griff nach seinem Arm, um sich hochzuziehen. „Wenn Haiowatha gerade nicht guckt, könntest du mich zum Beispiel zurück ins Zelt tragen.“

„Haiowatha guckt aber.“ Lächelnd trat der Heiler zu ihnen und reichte Duncan einen Beutel. „Sie muss selbst laufen. Sie will es auch, nur vergisst sie das nach ein paar Schritten wieder. Hier, du kannst stattdessen Tee kochen.“

Der Krieger runzelte die Stirn. „Ich hoffe, du verdächtigst mich nicht, ihr diese Disziplinlosigkeit durchgehen zu lassen. Von mir aus scheuche sie noch einmal um den ganzen See.“

„Ich kann dich hören“, stöhnte Emily und presste ihre Hände in den Rücken. „Schön, dich zu sehen – sagte ich das schon?“

Duncan gab die Kräuter aus dem Beutel des Heilers ins Wasser.

„Du wirkst nicht mehr so traurig“, sagte er, als er sich zu ihr setzte.

„Hm“, machte Emily unverbindlich und schüttelte ihr Kopfkissen auf. Sollte sie ihm sagen, dass ihre Traurigkeit in der Sekunde verschwunden war, als er von dem Drachen gesprungen war? Endlich strömte die Luft wieder leichter in ihre Lungen.

„Er war bei mir!“, stieß sie hervor. Sie musste einfach loswerden, was ihr auf der Seele brannte.

„Was?“

„Immo. Als ich fiel, war er bei mir. Er war so … Ich glaube fast, er wollte sich verabschieden. Ich habe ihn so nah gespürt …“ Ihre Stimme brach. „Und seitdem spüre ich ihn gar nicht mehr. Ich suche und suche, aber er ist fort. Es ist, als hätte er selbst die Erinnerung an ihn mitgenommen. Aber ich weiß doch, dass es ihn gab! Dass es ihn gibt. Wie kann er denn so weg sein?“

Die ganze Zeit war sie alleine gewesen mit dieser Frage. Doch jetzt zog Duncan sie in seine Arme und drückte sie an sich.

Er war da.

Emily löste sich von ihm, als das Zittern verschwand. „Erzähl mir, was du herausgefunden hast“, sagte sie.

„Ah. Wie gesagt habe ich nachgeschaut, ob es nicht doch eine Spur von deinem Vater gibt. Ich habe nichts gefunden, jedenfalls in keiner Dimension, die ich kenne. Im Moment kann ich mir das nur so erklären, dass er keinesfalls so stark war, wie er versucht hat dir weißzumachen.“

„Er hatte einen Plan, um die Menschheit zu vernichten.“

„Eine Lüge“, sagte Duncan. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand die Menschen dermaßen unterschätzen könnte. Sie sind wie Unkraut, frag Huang Lung.“

Emily runzelte die Stirn. „Der Vergleich hinkt. Unkraut kann ziemlich wirksam vernichtet werden. Zur Not betonierst du es einfach zu.“

„Ich denke, du weißt, was ich meine.“

„Ich bin mir sicher, dass Jeremy gelogen hat, als er mir erzählte, dass wir den Kampf längst verloren hätten. Aber von der Sache an sich wirkte er sehr überzeugt.“

„Er wollte deinen Geist vergiften. Das war die stärkste Waffe deines Vaters, so hat er auch Albuin auf seine Seite gezogen.“

„Nenn ihn nicht ständig meinen Vater, ja? Ich will nichts mit ihm zu tun haben! “

„Entschuldige. Das kann ich gut verstehen.“

Sie kam sich vor wie eine Idiotin. Immo hatte ihr erzählt, dass Duncan als Kind von seinem Vater misshandelt worden war. Zwar von seinem Stiefvater, aber als Verständnisgrundlage reichte das vermutlich aus.

„Es tut mir leid“, sagte sie, doch er wischte ihre Sorge mit einem Handstreich weg.

„Das gehört längst der Vergangenheit an“, sagte er. „Ich habe meine richtige Familie inzwischen gefunden.“

Eine Weile schwiegen sie. Emily versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

„Hast du eine Ahnung, wieso … wie Jeremy es geschafft hat, in meine Träume zu gelangen? Wie er sie verändert hat? Wenn es stimmen sollte, dass er eigentlich gar nicht so mächtig gewesen ist …“

Duncans Miene verschloss sich. „Ich bin kein Experte für Träume.“

„Aber du musst doch irgendeine Ahnung haben? Du bist Immo so nah, er hat dir doch bestimmt eine Menge erzählt in all der Zeit?“

„Hat er nicht, in Ordnung?“ Duncans Blick flackerte. „Stell ihm all diese verfluchten Fragen, okay? Halt dich an diesem Gedanken fest! Ich halte den Faden fest, der ihn noch mit uns verbindet. Ich habe keine Zeit, mit dir über Träume zu sprechen!“

Sie vermieden das Thema Immo, bis Haiowatha Emily ein paar Tage später das Okay gab, aufzubrechen.

„Du bist fit genug“, sagte er. „Trotzdem musst du dich schonen, soviel es geht. Gewöhne dich daran, dass du für zwei denken musst!“

„Ja, alter Mann.“ Sie bemühte ein Lächeln.

Haiowatha wiegte missbilligend den Kopf. „Du hast fast drei Monate verloren. Der Gedanke, schwanger zu sein, muss sich erst noch festigen. Normalerweise passiert das nebenher. Du solltest es ein wenig bewusster angehen!“

„Ich bin bewusst!“ Sie unterdrückte ihren Ärger und seufzte. „Diese Ratschläge von Männern sind irgendwie seltsam, kannst du das verstehen? Glaubst du wirklich, du solltest mir erklären, wie es sich anfühlt, schwanger zu sein?“

Er stutzte, dann lachte er sein zahnarmes Lachen. „Du hättest recht, wenn ich nur so alt wäre, wie ich aussehe. Aber wenn es dich stört, bin ich still. Es ist wahr – ich rede manchmal zu viel. Zu lange habe nur ich selbst mir zugehört.“

„Das wird sich in Zukunft ändern.“ Emily umarmte den Heiler. „Ich komme zu dir, sobald Huang Lung wieder wach ist! Und die anderen bringe ich mit. Du musst alle kennenlernen!“

Er sagte nichts, aber seine Augen strahlten.

„Fertig?“

Duncan kam ins Zelt und betrachtete kritisch, was sie auf dem Boden ausgebreitet hatte. „Meine Güte“, brummte er. „Der alte Mann denkt an alles, oder?“

„Es ist sogar was für dich dabei“, feixte Emily und streckte ihm eine kleine Flasche entgegen. „Falls du bei der Geburt dabei sein willst. Hilft gegen Ohnmacht.“

„Sei nicht so frech“, erwiderte er. „Ich werde das nicht brauchen. Weil ich ganz sicher nicht bei der Geburt dabei sein werde!“ Er knuffte sie in die Seite. „Es sei denn, du fragst lieb und ich habe nichts Besseres zu tun.“

„Blödmann.“ Emily bückte sich, um all die kleinen Beutelchen und Fläschchen in einem Rucksack zu verstauen. Haiowatha hatte ihr zu allem eine ausführliche Gebrauchsanweisung gegeben. Sie hatte pflichtschuldig zugehört, dachte aber nicht daran, irgendetwas von dem Zeug zu verwenden.

Sie war schwanger, nicht krank!

„Na dann …“ Sie hatte einen Kloß im Hals, als sie sich dem Heiler zuwandte, um sich zu verabschieden. Er sagte nichts, schloss sie einfach in die Arme, schob sie dann ein Stück von sich und betrachtete sie von oben bis unten. Zufrieden nickte er, ließ sie los, drehte sich um und verließ das Zelt.

„Das war schmerzfrei“, kommentierte Emily verblüfft.

„Was hast du denn erwartet?“, sagte Duncan. „Er lebt seit Jahrtausenden alleine hier. Er wird kaum merken, dass wir überhaupt weg waren.“

„Auch wieder wahr.“ Emily wollte sich den Rucksack über die Schulter werfen, doch ihre Hände zitterten so sehr, dass Duncan ihn ihr schweigend abnahm. Sie atmete tief durch.

„Bring mich zu ihm“, sagte sie.

Duncan nickte und schüttelte seine Hand, sodass ein goldener Faden sichtbar wurde. Er schlang ihn auch um Emilys Arm.

„Halt dich dran fest“, sagte er.

Und so verließen sie Haiowathas Welt.

… und landeten vor einem Loch in einer Felswand, hinter dem sich leerer Raum dehnte.

Stockdunkler Raum.

Die Landschaft rund herum kam Emily bekannt vor. Hier hatte die Schlacht stattgefunden.

Das goldene Band verschwand in der Dunkelheit hinter der Felsöffnung. Dort! Irgendwo in dieser Dunkelheit war Immo! Emily wollte schon hineinklettern, doch Duncan hielt sie zurück.

„Warte. Ich muss dir noch etwas sagen.“ Seine Stimme klang seltsam belegt. „Etwas, von dem Ambrosia mir sehr eindringlich zu verstehen gegeben hat, dass es wichtig ist.“

In dem Moment, als Emily in seine Augen sah, wusste sie, dass sie nicht hören wollte, was das war.

„Hat das nicht Zeit bis später? Wenn es so wichtig wäre, hättest du es mir auch früher erzählen können.“

„Es muss sein.“ Er sah müde aus und viel älter als sonst. „Und ich hätte es dir früher erzählen können, ja. Ich wollte es aber nicht. Man sollte Hoffnung immer bis zum letzten Moment auskosten.“

„Bist du wahnsinnig?“ Am liebsten hätte sie ihn stehen lassen, aber er hielt das goldene Band und damit auch sie fest in seiner Hand.

Wie an einer Leine.

„Hörst du mir zu?“

„Leck mich, ja.“

„Es gefällt mir auch nicht, das kannst du mir glauben.“

„Spuck’s endlich aus!“, fuhr sie ihn an. Kurz starrte er vor sich hin.

„Du weißt, dass Immo das nicht aus Versehen gemacht hat. Wenn du es schaffst, ihn zurückzuholen, wird er nicht erfreut sein. Ich weiß, dass er dir von seiner Todessehnsucht erzählt hat.“

Konnte das wahr sein? In ihrer Fantasie hatte er nur deshalb aufgeben wollen, weil er dachte, dass sie, Emily, tot sei.

„Du hast ihm viel gegeben, was ihm seit Jahrzehnten gefehlt hat“, sagte Duncan sanft. „Aber er will schon lange sterben. Seine Dämonen sind zu mächtig und er hat kein Schwert.“

„Aber er darf nicht sterben.“ Emily räusperte sich. „So hat er es mir erklärt. Wegen der Dämonen. Der Traumfänger darf nicht sterben, solange er in der Dunkelheit weilt.“

Duncan nickte. „Weil dann die Träume vergiftet würden durch diese Dunkelheit. Für diese Form des Todes gälte das aber nicht. Wenn er einfach nur ohne Zeit ist, dann existiert er für das Universum gar nicht. Deshalb spüren wir ihn auch nicht mehr. Er existiert nicht – und seine Dämonen auch nicht. Sie können die Träume nicht vergiften.“

Emilys Finger wurden klamm. „Worauf willst du hinaus?“

„Ambrosia hat sich klar ausgedrückt. Die Seele des Traumfängers darf keinesfalls viel länger ohne Zeit bleiben. Was auch immer geschieht – er wird als Ganzes leben müssen – oder er trennt sich von seiner Seele und bleibt als Mensch ohne Zeit in der Blase zurück. Die Traumfängerseele muss frei sein.“

„So wird er es machen wollen.“ Ein Haufen Geröll begrub Emilys Hoffnung. „Er wäre tot.“

„Ja“, sagte Duncan rau, „aber das Ganze ist nicht so einfach. Genau genommen ist es der Grund, wieso du es bist, die ihn zurückholen muss. Ich habe keinen Schimmer, wie ich es anstellen sollte, ihn zu erreichen, und auch sonst niemand von uns. Bei dir wissen wir noch nicht vollständig, was für Fähigkeiten du mitbringst. Mitbringen musst, verstehst du? Du musst da reingehen und ihm die Möglichkeit eröffnen, seine Existenz zu beenden.“ Bei den nächsten Worten bebte er am ganzen Körper: „Ich will, dass du es tust!“

Vor Emilys Augen brach der mächtigste Krieger aller Zeiten zusammen. „Es tut mir leid! Ich hätte ihn selbst gehen lassen sollen!“ Er sank auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen, während die Erkenntnis ihn schüttelte. „Ich hätte ihn gehen und die Welt zusammenbrechen lassen sollen. Es wäre mir egal! Ich liebe ihn, Emily – wie konnte ich nur dafür sorgen, dass er eine solche Entscheidung treffen muss?“

Diese Endgültigkeit, mit der er sich selbst vor den Richterstuhl zerrte und ein weiteres Urteil sprach, noch mehr Leid verursachte, bewirkte bei Emily das Gegenteil: Nein!

„Du sorgst noch für was anderes.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Rücken. „Du hältst seine Hoffnung lebendig. An seiner statt, weil er es nicht kann zurzeit. Er wird sich für das Leben entscheiden müssen, ganz einfach. Anschließend kümmern wir uns um seine Dämonen.“

Duncan hörte auf zu zittern und sah sie an.

„Ich glaube, du kennst seinen Dickschädel noch nicht.“

„Ich glaube eher, dass ihr noch nicht richtig wisst, was ihr euch mit mir eingebrockt habt. Junger Mann, ich bin ein paar Millionen Jahre älter als ihr.“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Deine Unverfrorenheit reicht für doppelt so viel.“

„Du gibst zu schnell auf.“

„Ich gebe zu schnell auf?“

„Ja.“

„Verdammt.“

Er zog sie auf seinen Schoß und drückte sie an sich. „Halt bloß den Mund“, brummte er und bettete seinen Kopf an ihre Brust. Sie streichelte seinen kahlen Schädel, und ihre Zuversicht kehrte zurück.

„Lass uns gehen“, sagte sie, als sie sich von ihm löste.

„Du gehst“, erwiderte der Krieger. „Ich passe auf. Wie gesagt, es ist deine Aufgabe, nicht meine. Aber was auch immer geschehen wird – du bist nicht allein.“

Sie hielt sich an diesen Worten fest, während sie sich dem Loch im Felsen zuwandte, durch das sie die goldene Spur führte.

Ihr war, als sollte sie in ein Fass mit schwarzer Tinte tauchen. Den einzigen Halt für die Augen bot die goldene Leine, die wie ein Weg vor ihr schimmerte.

Emily wagte nicht, an ihr zu ziehen. Behutsam löste sie ihren Arm aus der Schlinge und umfasste das Band, ohne es festzuhalten. Sie spürte ein leises Flirren – wie das Echo einer Stimme aus weiter Ferne.

Einmal mehr sah sie weder Decke noch Boden, konnte sich jedoch normal fortbewegen. Ihre bloßen Füße tasteten: nichts.

Wie sehr hatte sie sich inzwischen an dieses merkwürdige Sinneserlebnis gewöhnt! Und wie sehr wünschte, ja hoffte sie in diesem Moment, dass Immo sich daran erinnern würde, welch Genuss es war, barfuß über eine Wiese im Diesseits zu laufen.

Verflucht, reiß dich zusammen!

Sie folgte dem goldenen Band. Alles war vollkommen still. Hinter ihr wurde die Öffnung im Felsen kleiner und kleiner, bis der helle Punkt schließlich ganz verschwand.

Vor ihr schälte sich eine leuchtende Sphäre aus der Dunkelheit. Dorthin führte sie das Band.

Emilys Herz pochte bis in ihre Kehle hinauf. Die Sphäre war nicht leer. Immo war in ihr.

Er schwebte, starr, noch die letzte Haarsträhne vollkommen bewegungslos. Sein schönes Gesicht war qualverzerrt. Die Fingerknöchel seiner Hände traten weiß hervor. Im Mund hing ein Schrei, doch selbst der war bis in alle Ewigkeit zur Stille verdammt.

Da war es: sein wahres Gesicht. Und wenn die Zeit für Immo weiterliefe, dann würde er nicht zuerst Emily sehen, sondern seinen Schmerz fühlen.

Aber wie sehr sie ihn vermisse! Könnte sie doch einfach zu ihm, hinein in seinen Moment, ihn genau dort in ihre Arme ziehen und ihm sagen, dass alles gut werden würde! Doch als sie ihre Hand Richtung Sphäre bewegte, war es, als würden zwei gleiche Pole eines Magneten versuchen, einander zu berühren. Sie schaffte es nicht, den wachsenden Widerstand zu überwinden.

Sie umrundete die Kugel. Wandte sich ihr immer wieder zu, schrie sie frustriert an, es nützte nichts.

Irgendwann sank sie zu Boden und schloss die Augen. Bislang hatte sie nichts versucht, was nicht auch jeder andere versucht hätte. Genau genommen war das gar nichts. Duncan glaubte, dass sie zu mehr fähig sei.

Die Stille zerrte an ihren Nerven. Sie war hier und konnte Immo trotzdem nicht spüren. Eine grausame Nähe. Sobald sie ihn nicht mehr ansah, war er wie ausgelöscht. Diese falsche Wirklichkeit zischelte um sie herum, ungeduldig, drängend –

„Wir müssen etwas tun.“ Hanis Stimme. Emily schlug die Augen auf. Der Derwisch saß neben ihr.

Sie lehnte sich an ihn, froh, ihn zu sehen. „Aber was nur?“

Statt einer Antwort tätschelte er ihr den Arm und summte vor sich hin. Schließlich ging er um die Sphäre herum. „Es ist merkwürdig mit der Zeit“, sagte er. „Niemand kann sie fassen, niemand kann sie beeinflussen.“

Er trat in die Sphäre hinein. „Niemand außer uns.“

Er duckte sich unter dem Traumfänger hindurch.

„Genießen wir diesen Moment, Emily – wir dürfen uns erinnern!“

„Wie hast du das gemacht?“ Hani stand nun wieder vor ihr.

„Nicht ich – wir. Du. Genauso wie auf dem Plateau, als du die Zeit angehalten hast, weil alles um dich herum zusammenstürzte.“

„Ich war das?“

Hani summte leise vor sich hin. Emily dachte nach.

„Macht das Sinn? Wenn meine Seele die ist, mit der alles angefangen hat … also auch die Zeit selbst …“

„In diese Richtung wird es wohl gehen.“ Hani zuckte mit den Schultern. „Im Grunde genommen ist es aber einfach so, wie es ist. Wozu willst du Erklärungen? Du musst es nur tun.“

Und das war es, oder? Sie musste es einfach tun.

Nicht herumschleichen um das Problem. Nicht versuchen, es kaputtzuschlagen oder zu analysieren.

Das Problem blieb da. Was fehlte, war eine Lösung.

Sie konnte es. Sie musste es nur tun.

Als sie aufstand, kam sie sich vor wie eine Verräterin.

Der Schrei traf sie wie ein Schlag. Seit Wochen wartete er darauf, geschrien zu werden. Echo um Echo erzeugte er, bis er alles ausfüllte und die Hülle der Sphäre heftig vibrieren ließ. Doch die zerbrach nicht.

Immos Körper krümmte sich zusammen und fiel zu Boden. Wild schlug er um sich. Emily wollte zu ihm, doch sie prallte nach wie vor zurück.

„Beruhige dich“, rief sie und hoffte, dass auch er sie hören konnte. „Der Kampf ist vorbei, wir haben gesiegt. Alle leben, hörst du? Duncan lebt, Brenda und all die anderen leben. Ich lebe! Es ist vorbei!“

Tatsächlich hielt er inne. Die Erinnerung dämmerte in seinem Antlitz. Er saugte Luft in seine Lungen, als habe er noch nie einen Atemzug getan.

Da war er. „Immo …“ Er war da!

Endlich sah er sie an.

„Du bist hier!“ Er klang so schwach – viel zu schwach.

„Ja, ich bin hier.“

„Aber eben noch bist du gestorben.“

„Ich lebe. Das alles ist Wochen her.“

„Ich wollte dich halten. Du bist gefallen. Du bist so – lange – gefallen.“ Panik kehrte in seine Miene zurück. Emily schlug mit der Hand Richtung Sphäre, um seine Aufmerksamkeit zurück auf sich zu lenken.

„Ich lebe! Sieh mich an!“

Immo drehte sich von ihr fort und zog die Knie an die Brust.

„Wieso ist so viel Zeit vergangen?“, fragte er matt.

Die erste Hürde war genommen.

„Ich war … Jeremy …“ Sie schluckte. „Mein Vater. Das, was du vermutet hattest. Er ist aufgetaucht und hat dich abgelenkt. Dadurch wäre fast alles schiefgegangen, aber meine Seele hat wohl eingegriffen. Sie kann die Zeit anhalten. Hani und ich haben Jeremy vertrieben, aber schlecht sah es trotzdem aus.“

„Er hat mich abgelenkt?“ Lachte er? Es war ein trauriges, verletztes Lachen, und es endete rasch. „Du bist zur Sonne geworden. Du hast Balor vernichtet.“

„Das hast du noch mitbekommen? Ja, so war es. Aber als Mensch bin ich einfach nur abgestürzt und war ziemlich kaputt. Ich dachte selbst, dass es vorbei wäre. Ich dachte wirklich, dass ich sterbe.“ Meine letzten Worte an dich, und du hast sie geglaubt. „Es tut mir leid.“

Mühsam drehte er sich zu ihr um.

„Dann bin ich ohnmächtig geworden und du,“ Emily atmete tief durch, „du hast diese Sphäre hier erschaffen, in der dich die Zeit nicht mehr erreichen konnte. Du warst abgetrennt von allem. Duncan hat dich an eine Leine gebunden, damit du nicht ganz verschwindest.“

„Sun? Natürlich.“

War er verärgert? Erleichtert?

„Und jetzt bist du hier, um mich zurückzuholen.“ Die Distanz in seinen Worten war wie ein Schlag. „Zurück ins Leben, hm?“

„So ist es“, erwiderte sie kühler als beabsichtigt. Kurz schloss sie die Augen. „Ich habe dich vermisst.“

„Ach Emily!“

Schweigend sahen sie einander an, verbunden in Traurigkeit.

Wie bloß sollte sie ihn vor die Entscheidung stellen, die Ambrosia von ihm forderte?

„Nicht Ambrosia“, sagte er leise. „Diese Verantwortung trage ich allein. Ich kenne meinen Spielraum.“

Sie konnte nichts sagen. Dabei war sie es, die hier stark sein musste!

Er räusperte sich. „Von wie vielen Wochen reden wir eigentlich?“

„Etwa drei Monate“, sagte sie. „Haiowatha musste mich erst zusammenflicken. Es war ziemlich viel kaputt.“

„Autsch. Das tut mir sehr leid. Ich hätte dich da nie reinziehen dürfen. Das alles war es nicht wert.“

„Unsinn. Ich lebe. Mir geht es gut. Das Universum hat eine Sorge weniger. Von den Schmerzen habe ich nicht viel mitbekommen, Haiowatha hat mich im Koma gehalten. Nein …“, sie trat so dicht an die Sphäre wie möglich. „Das alles wäre nur dann nichts wert gewesen, wenn du das hier durchziehst. Wenn ich dich verlieren würde. Und für Duncan spreche ich auch, nur damit du es weißt.“

„Hältst du mich für einen Wurm?“ Immo näherte sich ihr. „Was soll das? Glaubst du, ich mache es mir leicht? Bist du wirklich so … so jung?“

Er winkte ab, als sie den Mund öffnete, und drehte sich wieder fort. „Weißt du wirklich nicht, wie es in mir aussieht?“

Emily versteifte sich, als die Wucht dessen sie traf, was er zu ihr schickte. Ein schwarzes Loch wollte alle Hoffnung aus ihr heraussaugen und dann jedes andere Gefühl, alle Wärme und alles, was sie je mit Leben verbunden hatte. Ihr Impuls war, sich zu wehren.

Und genau das war es, was Immo seit einer halben Ewigkeit tat: um sich selbst kämpfen.

„Ich kann nicht mehr.“

Sie konnte ihn kaum verstehen. Er schloss die Tür zu seinem Inneren wieder. „Es tut mir leid.“

„Entschuldige dich nicht.“

„Ich kann nicht mehr, Emily.“

„Ich weiß. Ich weiß es doch!“

Wo war sie jetzt, die Kraft der Sonne? Die Kraft ihrer alten Seele, die doch für einen Anfang stand und nicht für Abschied?

„Du willst sterben, aber du kannst nicht. Du darfst nicht. Das ist furchtbar!“

„Es gibt Schlimmeres oder habe ich da etwas falsch verstanden?“

„Spar dir deinen Zynismus. Du weißt, dass ich es so meine.“

„Trotzdem wäre es leichter, wenn ich keine Freunde hätte.“

„Und deshalb pampst du mich an, ja? Nett.“

Darauf erwiderte er nichts mehr.

„Kann ich denn gar nichts tun?“, fragte Emily sanfter als zuvor.

Ein Funken kehrte in Immos Augen zurück. „Du kannst meine Seele von mir trennen und dann die Verbindung zu dieser Sphäre lösen, damit ich endlich meine Ruhe habe.“

„Aber … “

„Tu es!“, schrie er heraus. Um ihn herum erschienen Schmetterlinge und verpufften in dem Feld aus zuckenden Blitzen, das den Traumfänger plötzlich umgab.

„Einfach so?“

„Nicht einfach so!“ Er griff einen Felsbrocken aus der Luft und schmetterte ihn zu Boden, wo er zerbarst. „Nichts hast du begriffen. Gar nichts!“

„Hör auf!“, brüllte sie zurück. „Du hattest tausende Jahre mehr Zeit, dich selbst zu bedauern.“

„Ich habe mich nicht …“ Abrupt hielt er inne und schien in sich zusammenzufallen. Sein Zorn brach. „Bitte“, flüsterte er.

„Ich glaube, dass du einen Fehler machst“, sagte sie. „Schau dich doch an, es ist so viel Leben in dir. Du bist so zornig … so verletzt… und so, so viel mehr! Glaub mir, ich kann es beurteilen. Ich habe dich wochenlang gar nicht gespürt. Und jetzt – ernsthaft – du fühlst dich an wie ein Unwetter. Aber Immo … das Unwetter kannst du sterben lassen! Das ist nicht deine Wahrheit, weißt du das denn nicht?“

„Ach? Und du kennst sie, meine Wahrheit, ja?“

Es war ein Zittern hinter seinen Worten, kaum greifbar. Ohne darüber nachzudenken, wie, beschwor Emily Bilder für ihn herauf. Einen blühenden Rosenstock. Duncan, wie er sich zu ihm beugte, um ihn zu küssen. Und schließlich …

„Entscheide dich fürs Leben, dann finden wir es heraus.“

Sie selbst stand neben ihm in seiner Sphäre, hochschwanger.

Immos Atem stockte.

„Ich werde es nicht tun“, sagte Emily. „Es wäre falsch. Wenn du also sterben willst, dann musst du es selbst erledigen. Hier und jetzt – ich werde zusehen.“

Fast glaubte sie, dass er sie nicht gehört hätte. Doch schließlich drehte er sich zu ihr. „Ich kann es nicht selbst tun“, sagte er. „Weil ich nicht weiß, wie. Es ist süß, dass du es glaubst – aber diese Blase hier, die hast du geschaffen, nicht ich. Du bist es, die dieses Mitgefühl in sich trägt. Du wolltest mich davor bewahren, weiterzuleben, wenn du tot bist. Wenn ich also hier und jetzt sterben will, muss ich mir was anderes einfallen lassen.“