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Eine Krähe führt Jo im Traum zu einem Baum, unter dem ein Mädchen sitzt. Er berührt das Mädchen. Es ist eiskalt. Mit einem Schrei erwacht er. Der dritte Traum von diesem Kind. Warum? Er kennt es doch gar nicht. In der Zeitung wird von der Entführung dieses Mädchens, mit Namen Amelie, berichtet. Jo erzählt seiner Kollegin Manu davon. Sie recherchieren. Die Spur führt nach Italien zu den Großeltern des Kindes. Die Entführer verlangen vom Vater und vom Großvater je eine Millionen Euro. Doch die Geldübergaben gehen schief. In Italien stellt sich heraus, dass Jo der Onkel von Amelie ist. Er ist der Sohn des verschollenen Bruders der Großmutter. Ihre Reise bringt sie zum Weingut der Familie in die Toskana. Weitere Träume führen Jo endlich zu Amelie. Nachdem sie Carla, Amelies früheres Kindermädchen, mit der Entführung in Verbindung gebracht haben, können sie Amelie befreien. Als Jo und Manu sie ins Weingut schmuggeln wollen, werden sie vom Entführer überrascht. Dieser kann mit Carla und Amelie fliehen. Eine erneute Geldübergabe wird ar- rangiert. ...
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2015
© 2015 Rita Maria Geitner
Umschlag, Illustration: Karin Brendjes
Lektorat, Korrektorat: Dr. Kerstin Sander
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-5204-3
e-Book
978-3-7323-5206-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Rita Maria Geitner
Traumkrähe
Teil 1
In Gedanken versunken ging Jo den Weg entlang. Die Vögel zwitscherten. Die Bäume rauschten leise. Ansonsten herrschte Stille.
Plötzlich erklang direkt hinter ihm ein leises ‚krah‘. „Ach du meine Güte!“ Jo fuhr herum. Ein großer schwarzer Vogel saß vor ihm auf einem Ast. Mit seinen glänzend schwarzen Augen blickte er zu ihm herab. „Du hast mich aber erschreckt!“ Jo sah ihn an. Sein Herz klopfte laut.
Er ging den sich schlängelnden Pfad weiter. Plötzlich flog der Vogel rechts an seinem Kopf so dicht vorbei, dass der Flügelschlag laut wie Donner klang.
„Verdammter Vogel, verschwinde!“ rief Jo ihm hinterher. „Jetzt ist doch keine Brutzeit, es ist Herbst, du verrücktes Tier!“
Mit einem lauten ‚krah‘ flog der schwarze Vogel erneut an ihm vorbei. Erschrocken und verwirrt fuhr er herum. „Was soll denn das, wo bist du? Komm her du blöder Vogel!“ Doch der Vogel war nirgends zu sehen. „Ich lass mich doch nicht von dir verscheuchen!“ rief Jo in den Wald hinein.
Nach einer Weile wurde der Weg schmäler. „Nanu, wie komme ich denn hierher? Bin ich etwa irgendwo abgebogen? Kann mich nicht erinnern … mal sehen, wo’s da hingeht.“
Er ging weiter. Der Weg wurde wieder breiter und gabelte sich vor ihm. „In Ordnung. Wohin jetzt, rechts oder links?“ Er guckte in beide Richtungen. Nur Fichten weit und breit.
Da ertönte ein kräftiges ‚krah‘ von links und glänzend schwarze Flügel rauschten dicht an ihm vorbei. Ein weiteres ‚krah‘ ließ sich ihm die Nackenhaare aufstellen.
„Du bist doch nicht etwa derselbe wie vorhin?“ Schnell entschied er sich, den linken Weg zu nehmen. Doch der Vogel flog ihm direkt vor das Gesicht. Erschrocken drehte er sich um und eilte in die andere Richtung.
Plötzlich blieb er stehen. „Wo bin ich hier?“ Der Weg sah nicht so aus, als ob da öfters jemand entlang käme.
„Ich muss sehen, dass ich hier herauskomme.“
Jo ging weiter. Nach einigen Minuten flog der Vogel leise rauschend über seinen Kopf hinweg an ihm vorbei.
Von einem großen Ast einer mächtigen Fichte, direkt vor ihm sitzend, blickte er Jo entgegen.
„Du kannst mich nicht mehr erschrecken!“ rief er dem Vogel zu. Das Tier sah ihn mit schiefem Kopf an.
Am Baum angekommen, schaute er zu seinem Begleiter hoch. „Verschwinde, oder hilf mir hier raus!“ Die glänzenden Vogelaugen sahen ihn interessiert an.
Der Weg vor ihm gabelte sich wieder. Er sah zu dem Vogel zurück. „Und wohin jetzt, rechts oder links?“
Der Vogel erhob sich flügelschlagend, flog nach links, setzte sich ein Stück voraus auf einen Ast und blickte ihn an.
„Na schön, links also.“ Jo ging auf den Vogel zu. Dieser erhob sich mit einem leisen ‚krah‘ und flog vor ihm den Pfad entlang.
„Ich komm‘ ja schon!“ rief er ihm nach. „Jetzt rede ich schon mit einem Vogel, folge ihm sogar. Ach, hol ihn der Teufel!“
Etwas Oranges zog seinen Blick an. Dort vorne, an einer großen Fichte mit weit herabhängenden Ästen, da lag etwas.
„He, hat hier jemand seine Jacke vergessen?“ Er ging darauf zu.
Als er näher kam, sah er, dass da ein Kind an den Stamm sitzend lehnte. Es hatte Laub um sich gescharrt.
„Hallo!“ rief Jo dem Kind zu. „Du schläfst doch nicht etwa?“ Keine Reaktion.
Das Kind, ein Mädchen mit langen rötlichen Haaren, hatte die Augen geschlossen und den Mund leicht geöffnet. Jo blickte auf das Mädchen hinab.
„He, wach auf! Du kannst hier nicht sitzen, es ist zu kalt dafür.“
Ein leises ‚krah‘ ertönte über ihm und ließ ihn nach oben blicken. Da saß der Vogel und sah ihn mit geneigtem Kopf an. So, als wollte er sagen: „Tu was!“
Irgendetwas war komisch. Es herrschte absolute Stille. „Komm wach auf! Lass uns hier verschwinden.“
Er streckte die Hand aus und berührte die Wange des Mädchens. Sie war eiskalt.
„Ah!“ Jo schreckte vom Bett hoch und sah mit weit aufgerissenen Augen und schwer klopfendem Herz zum Fenster. Es war früh am Morgen und ziemlich grau draußen.
Sein Mund war trocken. Schweißgebadet richtete er sich auf. Wieder dieses Mädchen, hallte es in seinem Kopf. Seine Katze Sina lag zusammengerollt am Ende des Bettes und blickte ihn empört an. Sie streckte sich, putzte kurz die rechte Pfote und kam schnurrend mit hoch erhobenem Schwanz auf ihn zu.
Jo streichelte ihren Rücken, sein Herzschlag verlangsamte sich wieder. Sina sprang vom Bett und forderte miauend ihr Fressen ein.
„Ich komme ja schon“, sagte Jo zu seiner Katze und kroch aus dem Bett. Seine Beine zitterten leicht als er den Blechnapf mit Futter füllte. Sinnierend betrachtete er die fressende Katze.
Der Traum war bereits der dritte dieser Art. Was hatte das zu bedeuten?
Unter der Dusche erschien das Gesicht des Mädchens wieder lebhaft vor ihm. „Ich verstehe das nicht. Ich kenne das Kind doch gar nicht. Warum träume ich von ihr?“
Jo stieg aus der Dusche, schlang sich das Handtuch um die Hüften und ging zum Waschbecken, um sich zu rasieren. Der Spiegel war beschlagen vom Dampf. Er wischte ihn ein Stück frei. Vor sein Gesicht, dass ihm aus dem Spiegel entgegenblickte, schob sich für einen kurzen Augenblick ein blasses Gesicht mit großen grünen Augen und kupferfarbenem Haar. Das Mädchen blickte ihn direkt an.
Jo sank auf dem Toilettendeckel nieder. Seine Knie zitterten.
Mit der rechten Hand fuhr er sich über das Gesicht. „Wer bist du? Was willst du von mir?“
Johannes Berger, von allen kurz ;Jo‘ gerufen, war 24 Jahre alt, von schlanker Statur und 1,78 Meter groß. Zu klein, wie er fand. Seine Kollegen waren größer. Sein Vater sei auch nicht größer gewesen, hatte ihm seine Mutter erzählt. Sie starb vor sechs Monaten an Krebs. Für einen Italiener seien 1,78 Meter groß, meinte sie immer.
Das Handy klingelte laut in der Stille. Jo wackelte in die Küche und schnappte sich das Telefon vom Tisch.
Sina sah ihn vorwurfsvoll an. „Bin ja da, ist ja gut“, sagte er zu ihr.
„Hallo?“
„Jo, hast du mich vergessen? Du wolltest mich doch mit zur Arbeit nehmen. Ich stehe vor meinem Haus.“
Sein Gehirn nahm langsam wieder die Arbeit auf. „Manu?“
„Ja, ich bin‘s. Was ist denn los?“
„Ich komme in fünf Minuten“, versprach Jo. „Entschuldige bitte. Bis gleich.“
Schnell zog er sich an, rief Sina noch ein ‚bis heute Abend‘ zu und schnappte sich seine Jacke und die Autoschlüssel. Die Tür fiel ins Schloss.
Manu stand wartend in ihrem leichten Mantel unter dem Regenschirm. Sie trat von einem Bein auf das andere, als Jo endlich in seinem alten Toyota neben ihr hielt.
„Ich habe verschlafen“, sagte er.
„Das sieht man!“ Manu musterte ihn. „Du siehst furchtbar aus.“
„Danke“, murmelte Jo.
Schweigend fuhren sie durch den dichten Berufsverkehr. „Was ist los?“ fragte Manu und blickte ihn von der Seite an.
„Ich habe schlecht geträumt!“
„Schlecht geträumt. Das kommt in letzter Zeit scheinbar häufiger vor.“ Jo sah kurz zu ihr hinüber. „Wieso? Was meinst du damit?“
„So wie heute habe ich dich in den letzten Wochen schon ein paar Mal erlebt.“
Jo erwiderte nichts.
„Hast du Probleme? Du weißt, du kannst immer mit mir reden, sollte was sein.“
„Ich weiß, Manu, danke, aber es ist alles in Ordnung.“
„Wie geht’s deiner Katze? Hat sie dich immer noch so gut im Griff?“
„Sina geht es gut“, antwortete Jo abwesend.
„Aha. Die Katze ist es also nicht.“
„Was meinst du?“ fragte Jo sie auf dem Parkplatz.
Manu resignierte. „Sag mal, was macht deine Arbeit, kommst du voran?“
„Geht so, könnte besser laufen, ist schwierig.“ Jo wirkte immer noch etwas daneben.
Manu sah ihn nachdenklich über das Autodach hinweg an. Was hatte Jo bloß?
Sie liefen den kurzen Weg durch den Regen zum Eingang. „Schick mir eine E-Mail mir, wenn du nach Hause fährst. Ich komme dann zum Auto“, sagte Manu.
Jeder ging in seine Abteilung einer großen Steuerkanzlei. Jo arbeitete bei den Firmenkunden, Manu bei den Privatkunden.
Manuela ‚Manu‘ Vollner ist 23 Jahre alt. Ihre rotbraunen Locken fallen einem als erstes ins Auge.
Sie kannten sich jetzt seit fünf Jahren, seit Manu in die Firma kam. Da merkte man doch, wenn beim anderen etwas nicht stimmte; und bei Jo stimmte etwas nicht, das spürte sie.
Die nächsten Tage vergingen mit viel Arbeit und wenig Freizeit. Es war Ende September und der Herbst präsentierte sich regnerisch und windig.
Am Samstagmorgen fuhr Jo an den Stadtrand zu einen im Mischwald gebetteten See, um zu laufen. Er hielt sich gerne fit. Die Natur brachte ihm die beste Entspannung für Körper und Geist. Den ganzen Tag in den Rechner zu starren, das lag ihm eigentlich gar nicht.
Diese verflixten Träume von dem Mädchen hatten ihm eine Zeit lang den Wald verleidet. Heute trabte er locker durch die schon leicht verfärbten Bäume. Er liebte die fünf Kilometer lange Strecke um den See herum und war mit sich und seiner Welt wieder zufrieden.
Auf dem Nachhauseweg hielt er noch beim Bäcker. Gleich käme Manu zum Frühstück vorbei. Sie waren gute Freunde, und beide Singles. Sie genossen es, ungezwungen miteinander umzugehen.
Jo sprang mit Semmeltüte und Zeitung in den Wagen und warf beides auf den Beifahrersitz. Die Zeitung klappte auf und ein Mädchen mit grünen Augen und kupferfarbenem Haar sah in fröhlich an.
Sein Herz setzte für den Bruchteil einer Sekunde aus, das Atmen fiel ihm schwer.
VERMISST! WO IST UNSERE TOCHTER ?
In Großbuchstaben stand der Satz über dem fröhlichen Gesicht des Mädchens.
Sein Traum war wieder da. Augenblicklich erschien das blasse Gesicht des Mädchens in seinem Kopf. Jo saß in seinem Auto und starrte auf die Zeitung, als jemand ans Autofenster klopfte. Ein schlaksiger Typ mit struppigem Haar schaute ihn an. Jo ließ das Fenster herunter. „He Mann! Könntest du die Zeitung woanders lesen? Die Parkplätze sind voll hier.“
Jo startete den Wagen und fuhr langsam nach Hause. In seinem Kopf überschlugen sich die Bilder.
Vor dem Haus, in welchem er seine Wohnung hatte, parkte er und starrte, ohne wirklich etwas wahrzunehmen, aus der Windschutzscheibe. Wieder klopfte jemand an das Seitenfenster seines Autos.
Jo sah hoch und erblickte Manu, die ihn verwirrt anschaute.
„Jo, was ist mit dir los? Ist dir ein Gespenst begegnet?“ Jo stieg mit der Zeitung in der Hand aus. Sein Gesicht war kalkweiß.
„Du hast die Semmeln vergessen“, sagte Manu und musterte ihn. Jo blickte sie an und schloss das Auto wieder auf. Manu nahm die Tüte und schlug die Autotür zu.
In der Wohnung wurden beide mit einem launigen ‚miau‘ begrüßt. Jo blieb im Flur stehen und starrte dumpf vor sich hin.
Langsam bekam es Manu mit der Angst zu tun.
„Du gehst jetzt duschen, Jo. Ich mach’ das Frühstück. Hast du Tee geholt?“ Manu trank Tee zum Frühstück, Jo lieber Kaffee.
Wortlos ging er ins Bad.
Manu kümmerte sich um das Frühstück. 20 Minuten später war der Tisch gedeckt. Kaffee und Tee, Orangensaft, Semmeln, Marmelade, Wurst und Käse warteten darauf, verzehrt zu werden.
Sie klopfte an die Badezimmertür. „Sofort“, antwortete eine monotone Stimme.
Manu fröstelte es. Sie wollte wissen, was in letzter Zeit mit Jo los war.
Dieser kam in Flanellhosen und Sweater aus dem Bad. Das Gesicht grau, die Augen schwer.
„Setz dich und trink deinen Kaffee.“ Manu schenkte ihm Kaffee und sich selber Tee ein.
Seine Hand zitterte als er die Tasse an die Lippen führte und hastig trank. Als die Tasse leer war, schenkte Manu sofort nach.
„Jo, ich will jetzt wissen, was in den letzten Wochen mit dir los ist. Du bist immer wieder so daneben, das macht mir Angst.“
Manu sah ihn beunruhigt an.
Jo stand auf und holte die Zeitung. „Das Mädchen da. Ich habe dreimal von ihr geträumt. Beim letzten Traum sah ich sie tot im Wald.“
Manu schnappte nach Luft und sah Jo erschrocken an. Eine Semmel landete auf seinem Teller. Bei allem Schreck war Manu dennoch sehr erdverbunden. Wenn man Probleme hatte, half Essen bei deren Lösung, so ihre Devise. Trotzdem war sie schlank. Ihre Probleme hielten sich offenbar in Grenzen.
Schweigend aß Jo seine Semmel. Manu ließ ihm Zeit. Sie gedachte erst zu gehen, wenn sie alles wusste. Schließlich waren sie Freunde, ohne wenn und aber. Nach dem Essen hatten Jos Wangen wieder etwas Farbe angenommen.
Manu räumte den Tisch ab, stellte das Geschirr in die halbvolle Spülmaschine und stellt diese an.
Mit einer frischen Tasse Tee sowie Kaffee für Jo setzte sie sich zu ihm an den Küchentisch. Das Rauschen der Spülmaschine wirkte beruhigend.
„Jetzt erzähl mal“, sagte sie. Die Zeitung lag offen in der Mitte des Tisches.
„Im ersten Traum sah ich sie schlafend in einem lichten Birkenwäldchen liegen.“ Jo blickte zu dem Bild in der Zeitung. „Ich trabte im Traum durch das Wäldchen, überall wuchs Heidekraut. Der Boden war sehr uneben. Ich kam an einem kleinen See vorbei, es war wunderschön dort. Über den Zulauf zum See führte eine kleine gebogene Holzbrücke. Ich musste sorgfältig auf den Weg achten, deshalb sah ich das Mädchen erst sehr spät neben dem Weg im Heidekraut liegen. Ihre orange Jacke hat scheinbar meinen Blick angezogen. Sie lag auf der linken Seite, von mir abgewandt. Ihr Haar war rötlich. Ich dachte noch, was tut sie hier. Gerade als ich zu ihr hinüber gehen wollte, bewegte sie sich. Sie drehte sich auf den Rücken. Ihr Gesicht war blass, die Augen geschlossen. Plötzlich krähte über mir ein Rabe oder so was. Der Vogel schaute mich mit schief gelegtem Kopf an. Die anderen Vögel flogen zwitschernd auf. Hinter mir hörte ich laut Zweige knacken … da wachte ich auf.“
Manu starrte ihn an. „Du hast diese Mädchen da gesehen?“ fragte sie auf das Bild in der Zeitung tippend. Jo nickte nur.
„O. K. Du sprachst von drei Träumen, was geschah im zweiten Traum?“
Sina sprang auf seinen Schoß, rollte sich ein und begann zu schnurren. Sie spürte seine Unruhe. Jo wurde ruhiger.
Jo seufzte tief. „Der zweite Traum, ja, das war etwa vor zwei Wochen, der erste, eine Woche zuvor.“
Jo saß mit geschlossenen Augen da, mechanisch seine Katze streichelnd. „Im zweiten Traum war ich wieder unterwegs, mit meinen Trekkingschuhen und dem Rucksack. Es ging stetig bergauf, die Vögel zwitscherten. Immer wieder kam ich an Weideflächen mit einzelnen Kühen vorbei. Ausgehöhlte Baumstämme, die von Bergwasser gespeist wurden, sorgten für Wasser und Abkühlung. Es war ein milder Herbsttag. Der Weg war mit grünen Wanderzeichen markiert. Es war sehr friedlich.
In weiter Ferne, dort wo sich der Wald wieder öffnete, sah ich eine Felswand. Das war mein Ziel. Ich kam durch einen immer dichter werdenden Wald. Der Weg wurde schmäler, Wanderzeichen sah ich keine mehr. Nach einer Stunde kam ich endlich aus dem Wald heraus. Die Felswand war nicht mehr zu sehen. Rechts öffnete sich eine Wiese und ich sah eine Kuppe. Ich ging darauf zu, hoffte, einen besseren Überblick zu bekommen. Mir wurde klar, dass ich hier falsch war. Unter mir war eine kleine Senke mit einer ausgebleichten alten Hütte, Steine auf dem Dach. Es war sehr still, frischer Wind kam auf.
An der Hütte standen eine Bank und ein Wassertrog. Ich wollte mich dort ausruhen, meine mitgebrachte Brotzeit verzehren und auf meiner Wanderkarte nachsehen, wo ich eigentlich gelandet war.
Als ich mich näherte, sah ich, dass die Hütte schon etwas windschief war und der Trog undicht.
Ich setzte mich, packte mein Brot aus, trank meinen ISO-Drink und breitete die Karte aus. Suchend folgten meine Augen dem Weg auf der Karte. Irgendwo musste ich falsch gegangen sein, aber wo? Die Hütte muss doch eingezeichnet sein. Nichts zu finden. Ich beschloss, wieder über die Kuppe zurückzugehen. Da knarrte es in der Hütte. Erschrocken fuhr ich hoch. Da war jemand. Ich ging zur Tür der alten Hütte. Es war abgesperrt und an einem neu angebrachten Riegel hing ein ebenso neues Vorhängeschloss.
Jetzt wurde ich neugierig. Wer verschließt denn so sorgfältig eine alte windschiefe Hütte? Die Fensterläden waren von innen verriegelt, ich ging um die Hütte herum, da knarrte es wieder.
An der Rückseite der Hütte befand sich ein Stall und daneben eine Tür, allerdings auch verschlossen.
Durch einen schmalen Schlitz zwischen Wand und Tür konnte ich nach innen blicken.
Auf der Holzbank, die um einen Tisch lief, lag ein Kind. Ein Mädchen. Es war dunkel in der Hütte. Das Mädchen lag auf dem Rücken. Durch das geschlossene Fenster fiel ein Lichtstreif auf langes kupferfarbenes Haar und ein blasses Gesicht.
Ein lautes ‚krah‘ hinter mir ließ mich zusammenfahren. Auf dem Stall saß eine große Krähe und sah mich mit schiefem Kopf an. Da wachte ich auf.“
Manu sah ihn mit großen, erschrockenen Augen an. „Dasselbe Mädchen?“ fragte sie.
„Ja, dasselbe Mädchen“, sagte Jo. „Als mir das klar wurde, kannst du dir vorstellen, wie erschrocken ich war? Man träumt doch nicht zweimal von einem gänzlich unbekannten Mädchen.“
„Nein“, sagte Manu, „das ist eher unwahrscheinlich.“ Beide starrten auf das Bild in der Zeitung.
„Dieses Mädchen?“ fragte Manu noch einmal, „bist du sicher, Jo?“
„Ja, ich bin sicher.“
„Du hast sie im Traum, oder wie auch immer man diesen Zustand nennen möchte, nur mit geschlossenen Augen gesehen.“
„Nein, nicht ganz.“
„Was?“
„Sie hat mich im Badezimmerspiegel direkt angesehen.“
„Wie bitte, in deinem Badezimmerspiegel, in diesem Bad, in deiner Wohnung?“
„Ja. Ich glaube schon.“
„Erzähl mir bitte den dritten Traum, das war doch vor drei Tagen, als du verschlafen hattest, oder?“
„Ja“, sagte Jo.
Jo erzählte Manu den letzten Traum und wie sich das Gesicht des Mädchens mit den grünen Augen im Spiegel vor sein eigenes Gesicht geschoben hatte.
Draußen vor dem Küchenfenster flog eine Krähe mit einem ‚krah‘ vorbei. Beide erschraken.
Manu dachte praktisch. „Hast du den Zeitungsartikel gelesen?“
„Nein, konnte ich noch nicht, du warst ja schon vor der Haustür.“
„O. K. Was hatte das Mädchen in deinen Träumen an?“ Wie aus der Pistole geschossen sagte Jo: „Orange Jacke und Jeans.“
Manu nahm den Zeitungsartikel und las.
VERMISST! WO IST UNSERE TOCHTER ?
Wie unserer Zeitung erst jetzt bekannt wurde, kam die 9-jährige Amelie am 14. September nicht von der Schule nach Hause.
Ihre Eltern erhielten noch am gleichen Tag ein Erpresserschreiben. Die Entführer wollten zwei Millionen Euro. Die Eltern setzten sich erst jetzt mit der Polizei in Verbindung, nachdem die Geldübergabe scheiterte. Die Entführung ist drei Wochen her, es gibt keine Spur von Amelie. Wer hat Beobachtungen in Bezug auf das Verschwinden des Mädchens gemacht?
Am Tag der Entführung trug sie dunkle Jeans und eine leuchtend orange Softshell-Jacke.
Sachdienliche Hinweise bitte an die Polizei oder an unsere Zeitung.
Manu sah hoch und musterte Jo. „Was für eine Jacke war das, die das Mädchen anhatte?“
„Eine Sportjacke, Softshell.“
„Und helle Jeans?“
„Nein, dunkelblaue.“
„Wie alt?“
„Ich weiß nicht, neun oder zehn Jahre, denke ich.“
Manu kannte Jo lange genug. Er phantasierte normalerweise nicht. Sie glaubte ihm.
„Du musst zur Polizei gehen. Du hast doch gesagt, im dritten Traum sei sie tot gewesen“, sagte Manu.
„Sie war eiskalt“, erwiderte Jo. „Ich habe sie an der Wange berührt. Auf mein Rufen hat sie überhaupt nicht reagiert. Laub war um ihre Beine gescharrt, als ob sie sich zudecken wollte.“ Jo senkte den Blick.
„Ist dir sonst noch etwas aufgefallen?“ fragte Manu. „Nein, das hat mir gereicht“, meinte Jo. Sein Gesicht war fahl.
„Hast du irgendeine Ahnung, wo das war, als du sie im Wald tot gesehen hast?“ fragte Manu.
„Ich hab’ nicht die leiseste Ahnung. Ich überlege schon andauernd. Von der Vegetation her eher etwas südlicher, nicht ganz so rau wie bei uns“, sagte Jo.
„Was meinst du mit südlicher?“
„Vielleicht Oberitalien, Dolomiten oder so.“
„Aha. Südlicher. Oh Mann“, sagte Manu.
„Das Mädchen kommt aus unserer Stadt, vielleicht hast du sie irgendwo einmal gesehen. Du sagst, du kennst sie nicht?“
„Nein, ich achte nicht so auf kleine Mädchen, weißt du“, sagte Jo.
„Warum träumst du von ihr? Da muss es doch eine Verbindung zu dir geben!“ Manu schaute Jo schief an.
„Ich hab‘ keine Ahnung. Ich hab‘ mich nicht darum gerissen. Sie ist einfach im Traum aufgetaucht. Für mich ist das auch sehr verwirrend. Ich überlege dauernd, warum sie mich im Spiegel so intensiv ansah. Herrgott! Ich weiß es einfach nicht.“ Jo legte seine Hände vor das Gesicht.
Sina sah ihn durchdringend an, wie das nur Katzen konnten. Sie sprang auf den Boden, streckte sich und verzog sich in sein Schlafzimmer auf das Bett.
Manu sah zur Uhr an der Wand. Es war mittlerweile fast 12.00 Uhr Mittag.
„Gehst du zur Polizei?“ fragte sie.
„Was soll ich denen denn erzählen? Dass mir das vermisste Mädchen im Traum erschienen ist, dass sie tot ist? Super, ich sehe mich schon hinter Gittern.“
„Wahrscheinlich hast du recht, Jo, sie werden dir nicht glauben.“ Manu war im Sternzeichen Steinbock geboren und daher praktisch und logisch veranlagt, an Geister oder so etwas glaubte sie nicht.
„Also, was hältst du davon, selbst etwas zu recherchieren? Das müssen wir in unserem Job auch oft. Wir sehen uns mal die Eltern an, die Schule, Freunde und so weiter.“
In Manus Kopf arbeitete es bereits.
„Meinst du wirklich? Ich möchte eigentlich nichts Genaueres über das Mädchen wissen“, meinte Jo.
„Es wird dich verfolgen, wenn du nichts unternimmst. Es muss doch einen Grund geben, warum sie ausgerechnet dich ausgewählt hat“, erwiderte Manu.
„Mich ausgewählt? Manu, jetzt hör aber mal auf. Die Träume waren furchtbar, ich möchte das vergessen.“
„Okay, okay, war ja nur so ein Gedanke.“ Manu schickte sich an zu gehen.
„Danke fürs Frühstück. Leg dich zu deiner Katze und schlaf’ noch eine Runde, okay?“
„Mach’ ich und danke, Manu.“
Manu ging zur Tür. Der Schlüssel steckte noch außen im Schloss. Sie zog ihn ab und hängte ihn an seinen Haken im Flur.
„Bis Montag, Jo, tschüss.“
„Tschüss, Manu“, kam es aus der Küche.
Die Tür fiel ins Schloss, Jo war alleine. Er ging ins Schlafzimmer und legte sich zu Sina, die es sich gleich schnurrend auf seinem Bauch bequem machte.
Er schlief sofort ein. Draußen flog mit einem gedämpftem ‚krah‘ ein schwarzer Schatten vorbei.
Am Montag trafen Jo und Manu im Personalraum der Kanzlei zusammen. Manu goss gerade Tee auf, als Jo mit seiner Tasse zur Kaffeemaschine schlich. Er sah nicht gut aus.
„Schlecht geschlafen?“ fragte Manu.
Jo sah sie an. „Hallo Manu.“
„Du siehst nicht gerade wie der fröhliche Morgen aus, Jo“, meinte sie.
„Hast du heute Abend schon was vor?“
„Nein, momentan sind meine Dates nicht so üppig, weißt du“, sagte Manu.
„Oh, ja klar.“
„Ist gut, Jo, wo und wann? Bei dir oder bei mir?“
„Bei dir um sieben? Bei mir ist es zurzeit nicht so gut.“ „Aha, gut um sieben, ich mach uns Lasagne, wollte heute eh‘ früher raus hier. Bis später also, Jo.“
„Bis heute Abend Manu, danke!“
Manu ging mit ihrem frisch aufgebrühten Tee in der Thermoskanne an den Arbeitsplatz zurück.
Pünktlich um 7.00 Uhr abends klingelte es bei ihr.
Nanu, ist das Jo? So pünktlich?
Manu betätigte den Türöffner für die Haustür und öffnete die Wohnungstür. Jo kam, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe zu ihrer Wohnung im zweiten Stock hoch.
„Hallo Manu, ich hab’ Rotwein mitgebracht“, sagte er und streckte ihr die Flasche entgegen.
„Super, hoffentlich ein Italiener!“
„Ein Ripasso, den magst du doch.“
„Da hast du dich aber in Unkosten gestürzt, oh lala!“
Manu wohnte in einem kleinen netten Viertel der Stadt. Unten im Haus war ein türkischer Laden, der alles hatte, was man so brauchte, sehr praktisch.
Die Wohnung war etwa so groß wie die von Jo, nur wesentlich femininer eingerichtet. Viel helles Holz, Parkettboden und ein schickes Bad.
„Zieh die Jacke aus und setz dich schon mal an den Tisch. Wo der Flaschenöffner und die Gläser sind, weißt du ja.“
Jo tat, wie ihm geheißen. Der Esstisch stand zwischen Küche und Wohnzimmer und war bereits gedeckt. Aus der Küche duftete es wunderbar nach mit Oregano gewürzter Lasagne. Sofort knurrte sein Magen. In den letzten zwei Tagen hatte er nicht viel gegessen.
Manu brachte die Lasagne und den Salat an den Tisch. Jo schenkte Wein in die Gläser.
Manu legte eine großzügige Portion Lasagne auf seinen Teller. Jo schlang halbverhungert zwei Portionen hinunter, dann lehnte er sich zurück.
„Du hast recht, Manu, wir müssen recherchieren, ich krieg’ das nicht aus dem Kopf.“
Manu sah ihn an. „Ja, sollten wir, mich lässt es auch nicht mehr los. Nur wo fangen wir an? Wir wissen nicht mal den Nachnamen des Mädchens.“
„Hab’ ich inzwischen rausgekriegt“, sagte Jo. „Sie heißt Amelie Begoni.“
„Begoni, Rechtsanwalt Begoni?“
Ja, er ist Italiener, die Mutter Deutsche. Der Vater hat mit dem Bruder der Mutter gemeinsam eine Rechtsanwaltskanzlei“, erzählte Jo. „Kennst du ihn etwa, Manu?“
„Nein, nein, aber die gehören zu den Oberen der Stadt, das weiß man doch“, sagte Manu.
„Den Namen kenn’ ich auch“, meinte Jo, „aber ein Bild der Eltern verbinde ich nicht mit dem Namen. Du?“
Manu überlegte und tippte sich dabei mit dem rechten Zeigefinger an die Unterlippe. „Doch. Die Mutter ist blond, etwas über 30 schätze ich, sieht toll aus. Der Vater wäre genau meine Kragenweite, groß für einen Italiener, schlank, dunkle Haare. Das Mädchen passt gar nicht zu den beiden, ganz anderer Typ mit ihren roten Haaren und grünen Augen“, sinnierte Manu.
„Iffi!“ rief Manu plötzlich.
„Was, wer?“ fragte Jo erschrocken.
„Iffi, meine alte Schulfreundin. Sie arbeitet bei der hiesigen Zeitung, ich ruf sie mal an.“ Sie griff auch sofort zum Telefon und ließ sich mit dem Tagesanzeiger verbinden. Dort fragte sie nach Iffi.
„Manu, es ist fast 9.00 Uhr abends.“
Manu legte ihren Zeigefinger an die Lippen und machte ‚psst‘. „Hallo Iffi!“ rief Manu ins Telefon. „Wie geht’s dir denn? Gut, ja mir auch. Danke. Du sag mal, ich diskutiere gerade mit einem Freund über das vermisste Mädchen.“ Manu hörte zu. „Ja, Freund. Nein, da läuft nichts. Hör auf Iffi. O. K.! Du weißt ja, wo ich arbeite, die Begonis sind bei uns auch bekannt, aber von einer Tochter wussten wir bisher nichts.“
Manu hörte wieder zu, sagte ab und zu ‚Aha‘ oder ‚Sag bloß‘.
Jo saß unruhig auf seinem Stuhl und schaute zu Manu herüber.
„Sag mal, Iffi, weiß man schon was über das Mädchen? Wieso darfst du darüber nichts sagen? Was, man hat euch zum Schweigen verpflichtet, von der Polizei? Hat man sie etwa gefunden?“ Manu zog eine Grimasse. „Nein, ich weiß nichts darüber, nur was in der Zeitung steht.“ Manu rollte mit den Augen.
„Wie wer aussieht? Jo? Ich darf nichts darüber sagen, Iffi. War ein Witz. Ja, ich komm mal bei dir vorbei und hol dich zu einem Streifzug ab. Versprochen. O. K. Ciao Iffi.“
„Die hört das Gras wachsen, sie ist noch schlimmer als früher“, sagte Manu zu Jo.
„Und, hast du was erfahren?“
„Ja. Amelie ist die Tochter von ihm, unehelich. Die Mutter des Mädchens kam aus der Toskana, war noch sehr jung. Sie starb vor drei Jahren, da war Amelie gerade sieben Jahre alt. Die Familie der Mutter hat sich nach deren Tod um sie gekümmert.“
„Warum lebt sie jetzt beim Vater?“ fragte Jo.
„Die Begonis sind seit fünf Jahren verheiratet, sagte Iffi. Frau Begoni wurde nicht schwanger, scheinbar war sie zwei Jahre in Behandlung, hat aber nichts gebracht“, erzählte Manu.
„Da hat sich Herr Begoni an seine Tochter erinnert.“
„Ja“, erzählte Manu weiter, „sie hat bei den Großeltern in der Toskana gelebt, seit dem Tod der Mutter. Frau Begoni liebt die Kleine wirklich sehr, sagt Iffi.“ Manu sah auf die Uhr, es war bereits 11.00 Uhr.
„Hier machen wir für heute Schluss, wir müssen morgen arbeiten“, sagte sie.
„Ich helf’ dir noch beim Tisch Abräumen“, erwiderte Jo.
„Lass nur“, meinte Manu, „das hab ich im Nu, geh ruhig nach Hause, wir sehen uns morgen im Büro.“
„O. K. Bin dann weg. Danke, Manu.“ Die Tür fiel ins Schloss.
Manu ließ beim Aufräumen noch einmal all das, was sie erfahren hatten, Revue passieren. Müde ging sie Zähneputzen, dann kuschelte sie sich in ihr großes Bett und schlief sofort ein.
Jo wurde zu Hause von der schimpfenden Sina begrüßt, laut miauend lief sie vor seinen Füßen hin und her.
„Entschuldige, Sina. Du bekommst sofort dein Fressen.“ Er zog seine Jacke aus, hing den Schlüssel ans Bord und stolperte mit der Katze zwischen den Beinen in die Küche.
Als der Napf gefüllt war und frisches Wasser bereit stand, schaute er an der Theke lehnend seiner Katze beim Fressen zu. Sein Blick richtete sich nach innen. Er sah das Mädchen unter dem Baum sitzen. Plötzlich fiel ihm ein ungewöhnlicher, grün gemusterter Haarreif auf, auch ein Armreif, ähnlich dem in den Haaren, der ihr Handgelenk schmückte.
Erschrocken fuhr er herum, als Sina mit einem Satz auf die Theke sprang und die Tasse vom Frühstück zum Klirren brachte.
„Wir gehen jetzt ins Bett“, sagte Jo zu seiner Katze, die daraufhin mit einem zustimmenden ‚miau‘ sofort Richtung Schlafzimmer verschwand. Auf dem Weg dorthin sah sie noch kurz ins Wohnzimmer, ihr Schwanz schwang und zuckte dabei.
Neugierig geworden schaute Jo ins Wohnzimmer und sah die Bescherung. Sina hatte wieder einmal die Palme malträtiert. Der Stamm wies Kratzspuren auf und die Erde war um den Topf herum verteilt.
„Schöne Sauerei, Sina! Was hast du wieder gemacht?“ schimpfte Jo.
Sina saß aufrecht im Bett und blickte ihm unschuldig entgegen. Plötzlich sah sie ruckartig zum dunklen Fenster, sprang auf das Fensterbrett und schaute gebannt nach draußen.
Jo ging zum Fenster und sah hinaus. Da war absolut nichts. Sina starrte auf das Fenster gegenüber. Da sah er ihn. Ein schwarzer Vogel saß auf einem Mauervorsprung des gegenüber liegenden Hauses.
Der Vogel sah zu ihm herüber. Jo zog den Rollo herunter und ging mit weichen Knien ins Bett. Sina folgte ihm.
Die nächsten Tage vergingen mit viel Arbeit. Die Jahresabschlüsse wurden vorbereitet.
Für Sonntag früh hatten sich Manu und Jo wieder zum Frühstück verabredet.
Manu war pünktlich um 10.00 Uhr vor Jos Wohnung und klingelte. Nichts.
„Wo zum Teufel ist er denn? Das wird langsam zur Gewohnheit, dass der nicht da ist wie abgesprochen“, grummelte Manu.
„Hallo Manu“, erklang Jos Stimme hinter ihr. Manu fuhr herum. Jo kam mit einer Semmeltüte in der Hand heranmarschiert.
Manu tippte auf ihre Armbanduhr. „Zehn Uhr war abgemacht“, nörgelte sie.
„Es ist zehn und ich bin da“, sagte Jo leicht hechelnd, „komm rein!“ Er zeigte auf die Tüte, „frische Croissant und ich habe noch Erdbeermarmelade von meiner Mutter.“
„Oh. O. K. Das entschuldigt alles“, sagte Manu sich über die Lippen leckend.
Die Erdbeermarmelade von Jos Mutter war einfach phantastisch. Sie gingen nach oben in seine Wohnung, wo erst einmal Sina von Manu begrüßt werden musste, die vor und auf ihren Füßen kreiste und ihre Streicheleinheiten einforderte.
„Du vernachlässigst doch nicht etwa deine Katze?“ fragte Manu.
„Doch, zur Zeit kommt Sina etwas zu kurz, was sie an meiner Yucca Palme auslässt“, murmelte Jo.
„Geh du duschen, ich decke inzwischen den Tisch und mache Tee!“ rief Manu Richtung Schlafzimmer, wohin Jo verschwunden war. „Und ich probiere die Marmelade, ob sie noch gut ist“, fügte sie leise an.
„O. K. Danke“, kam es über den Flur.
Als die beiden ihr erstes Croissant genüsslich verzehrt hatten und Jo sich von seinem geliebten Espresso–Automaten den zweiten Kaffee schmecken ließ, fragte Manu: „Hast du was Neues? Traum?“
„Gott sei Dank nicht“, meinte Jo, „aber ich weiß, wo das Mädchen nach dem Tod ihrer leiblichen Mutter in Italien gelebt hat.“
„Wo?“
„In S. Stefano, in der Toskana. Die Großeltern haben dort ein großes Haus und irgendwo im Hinterland ein Weingut, wo sie aber nur im Herbst leben. Die Kleine ging in S. Stefano zur Schule, in die erste und zweite Klasse.
Die Großmutter stammt aus einer alteingesessenen Familie, der Großvater aus Kalabrien, auch aus einer bedeutenden Familie. Es heißt, die Heirat wurde von den Vätern arrangiert.
Ihr einziges Kind, eine Tochter, wurde erst nach vielen Ehejahren geboren. Zu der Zeit waren sie längere Zeit in Kalabrien.
Die Tochter Aurora wuchs wohlbehütet und umsorgt auf.
Als Aurora 15 Jahre alt war, lernte sie unseren Begoni kennen. Er war Lehrling in der Anwaltskanzlei, in der die Großeltern ihre Sachen erledigen ließen. Der Anwalt ihres Vertrauens, sozusagen.
Die Liebschaft ihrer Tochter bemerkten die Eltern erst, als es zu spät war. Gerade 16, war sie schwanger. Abtreibung kam in dem katholischen Italien damals nicht in Frage, also kam das Mädchen Amelie zur Welt.
Bald nach der Entbindung wurde ihre Mutter in ein Internat für höhere Töchter in die Schweiz gebracht.
Nach drei Jahren kehrte sie zurück. Sie liebte Pferde und schnelle Autos. Um ihre Tochter kümmerten sich Kindermädchen und die Großeltern.
Mit 21 hatte Aurora einen tödlichen Autounfall. Ihre Eltern waren sehr traurig. Amelie war ihnen ein großer Trost, sagt man. Fortan wurde Amelie immer mit ihrer Großmutter gesehen.
Unser Begoni kam eines Tages angefahren, um Amelie mitzunehmen.
Die Großeltern wehrten sich, hatten aber keine Chance. Er war als leiblicher Vater im Geburtenregister eingetragen und konnte eine Ehefrau und ein Heim vorweisen. Die Großmutter ist daran fast zerbrochen … Und, hast du auch was?“ fragte Jo Manu.
Manu sah ihn mit großen Augen an. „Woher hast du das alles?“
„Internet.“
„Jetzt brauch’ ich was Saures“, sagte Manu, „hast du Gürkchen?“
Jo ging zum Kühlschrank, holte Butter, italienischen Schinken und ein Glas Essiggurken. Semmeln waren noch im Brotkorb auf dem Tisch. Mittlerweile war es Mittag.
„Ähm“, sagte Manu nach der ersten Schinkensemmel, „ich hab’ mich über, wie du so schön sagst, unseren Herrn Begoni, schlau gemacht. Frau Begoni ist ja bekannt, höhere Tochter, geborene Winkler.
Hast du Peperoni?“
„Nein, aber Pfeffergürkchen.“
„Her damit!“ Manu belegte ihre zweite Semmel, eine Hälfte mit Schinken und Pfeffergürkchen, die andere Hälfte mit Butter und Erdbeermarmelade.
Jo sah ihr zu und schluckte. „Schmeckt’s?“
„Mhm.“
„Also unser Herr Begoni kommt auch aus S. Stefano. Er wurde in ärmeren Verhältnissen geboren. Seine Eltern hatten einen Souvenirladen und eine Eisdiele in S. Stefano. Finanziell geht es ganz gut, sie haben ein kleines Häuschen mit Garten am Rande der Stadt. Herr Begoni wuchs mit einem älteren Bruder auf, der mit zehn Jahren an Leukämie starb. Die Ausbildungsstelle hatte ihm sein Lehrer vermittelt. Er meinte, der Junge hätte Köpfchen.
Die Kanzlei war zufrieden mit ihm, er war ein guter Lehrling, immer pünktlich, adrett und wissensdurstig. Auch gute Manieren hatte ihm seine Mutter beigebracht.
Beim Zusammentreffen der beiden, Begoni und Aurora, die in der Kanzlei auf ihre Mutter wartete, musste es sofort gefunkt haben.
Heimlich trafen sie sich am Strand, hauptsächlich abends. Aurora durfte bis 10.00 Uhr abends bei ihren Freundinnen bleiben, diese deckten sie immer. Aurora wollte ihn mit nach Hause nehmen, aber Begoni hatte bereits gelernt, dass reiche Leute ihn nicht an ihre Töchter ließen.
Das Verheimlichen ihrer Liebe ging also von ihm aus.
Nachdem Aurora ihm mitteilte, dass sie schwanger war, wartete er täglich mit der Reaktion ihrer Eltern, die, wie er hundertprozentig wusste, kommen musste.
Eine Woche nachdem Aurora ihm eröffnet hatte, dass sie schwanger war, wurde er ins Büro seines Arbeitgebers gerufen. Er wusste, es war soweit.
Der Vater von Aurora saß bereits im Büro, als Begoni nach dem Anklopfen mit einem harten ‚Pronto‘ hereingebeten wurde.
Noch am selben Tag packte Begoni seine Tasche und fuhr mit dem Zug nach Mailand. Seinen Eltern gab er den Brief seines Arbeitgebers. In seiner Tasche hatte er einen Brief an einen Rechtsanwalt in Mailand, ebenfalls von seinem ehemaligen Arbeitgeber.
Jahre später lernte er bei der Mailänder Modewoche Claudia Winkler kennen, die mit ihrer Mutter dort weilte. Ein Jahr Kennenlernen, dann Heirat, wie aus dem Bilderbuch.
Wo das Geld von Begoni herkommt, ist mir schleierhaft. Verdient kann er das nicht haben. Seine Ausbildung hatte er in Mailand beendet und wurde als Junior Partner übernommen.
So, das war mein Bericht“, sagte Manu.
„Interessant, äußerst interessant. Jetzt kennen wir beide Leben.“
Nach einem letzten Schluck kalt gewordenen Tees seufzte Manu. „Ich geh’ jetzt heim und nehme ein Wellness-Bad, wir sehen uns in der Arbeit.“
„Ja“, sagte Jo, „wir lassen das Ganze mal sacken, dann überlegen wir, wie wir weiter machen.“
Am Donnerstag der folgenden Woche stürmte Jo mit dem Tagesanzeiger in der Hand an Manus Schreibtisch. Ihre Kollegen grinsten ihn an, Jo grinste schief zurück.
Er schob die Zeitung über Manus Tastatur.
ERSTE SPUR IM ENTFÜHRUNGSFALL AMELIE
In Großbuchstaben stand das auf der Titelseite.
Manu sah zu Jo hoch, bemerkte die Blicke der Kollegen und schnitt ihnen eine Grimasse.
„Komm Jo, wir holen uns einen Kaffee“, sagte Manu und stand auf. „Hier ist schlechte Luft, muss mal gelüftet werden!“ Sie riss das Fenster sperrangelweit auf und eilte zur Tür. Begleitet von protestierenden Stimmen schloss sie die Tür hinter sich und Jo.
Jo folgte Manu dicht auf den Fersen zur Teeküche der Kanzlei. Eine Kollegin, die sich gerade genüsslich einen Kaffee schmecken ließ, wurde durch schweigendes Anstarren zum Verlassen der Küche gebracht.
„Also her damit“, sagte Manu und schnappte sich die Zeitung.
ERSTE SPUR IM ENTFÜHRUNGSFALL AMELIE
Wie unserer Zeitung gestern bekannt wurde, führt eine Spur nach Italien. Amelies leibliche Mutter stammte aus der Toskana, dort leben noch die Großeltern des Mädchens.
Die Polizei gibt keine Erkenntnisse preis. Aus unbekannter Quelle wurde unserer Zeitung gestern jedoch ein Polizeibericht über die Vernehmung der Großeltern des Mädchens zugespielt. Dieser Bericht enthält brisante Hinweise über den Vater von Amelie.
Aus Respekt vor den Eltern werden wir erst nach genaueren Recherchen weiter hierzu berichten.
Jo blickte Manu an, während sie las. „Ist da in Italien auch jemand dran?“ fragte er.
Manu sah erst ihn an, dann auf ihre Armbanduhr und verschwand mit einem „komm heute Abend zu mir, ja!“
Jo guckte ihr mit gerunzelter Stirn hinterher.
Jo saß bereits auf der Treppe zu Manus Wohnung, als sie kam. Es war 8.30 Uhr abends.
Manu schaute ihn mit glänzenden Augen an. „Wartest du schon lange?“
„Seit 20 Minuten. Dein Nachbar hat mich ins Haus gelassen“, erwiderte Jo.
Manu schloss die Tür auf und ließ ihn herein. „Hast du schon was gegessen oder möchtest du nur was trinken?“ fragte sie aufgeräumt.
„Ein Glas Wein wäre schön“, meinte Jo gedehnt.
Manu holte einen Rotwein und zwei Gläser aus ihrem chinesischen Schrank im Wohnzimmer und reichte Jo die Flasche mitsamt dem Korkenzieher.
Beschwingt ging sie an den Kühlschrank, holte eine bereits fertige Tomatensoße heraus und stellte sie in die Mikrowelle. Ein Topf wurde mit Wasser gefüllt und zum Kochen auf den Herd gestellt, es folgten Spaghetti und ein Stück Parmesan.
Jo deckte den Tisch mit zwei Pasta-Tellern und Besteck.
„Manu?“
„Ja, Jo?“
„Hast du getrunken?“
„Ich war mit Iffi in ihrem Lieblingslokal. Sie mag Mai Tai.“
Jetzt wurde Jo hellhörig. „Mit Iffi von der Zeitung?“ „Mhm.“
Die Spaghetti lagen auf dem Teller. Der Wein in den Gläsern schimmerte dunkelrot.
Während sie es sich schmecken ließen, fing Manu an zu erzählen. „Als du heute Morgen mit der Zeitung bei mir warst, habe ich unter dem Artikel Iffis Kürzel gesehen. Sie hat den Artikel geschrieben, also hab’ ich sie angerufen und zum Mai Tai eingeladen.“
Jo sah Manu mit großen Augen an. Dann meinte er lächelnd: „Ich entdecke ganz neue Seiten an dir, Manu.“
Manu beugte sich vor, sah ihm in die Augen und meinte: „Tja.“
Jo räusperte sich. „Was hast du erfahren?“
„Also, scheinbar gibt es in Italien wirklich jemanden, der Licht in die Entführungsgeschichte bringen will. Wer, weiß Iffi nicht. Das Schreiben mit der Kopie des Vernehmungsprotokolls der Großeltern war anonym.
Die Person hat angedeutet, dass das Mädchen in die Toskana gebracht werden sollte. Doch etwas sei schiefgelaufen. Der Bericht der Aussage war auch widersprüchlich. Die Polizei hat sich sehr dafür interessiert, wollte natürlich nichts gedruckt haben. Iffi hat das aber abgelehnt, da das Schreiben an die Zeitung gerichtet war und nicht an die Polizei.“
„Mir ist noch was eingefallen“, meinte Jo, „als das Mädchen an dem Baum lehnte, habe ich an dem Mädchen …“
„Als sie tot war?“
„Als ich meinte, sie wäre tot, was ich jetzt nicht mehr glaube, warum kann ich nicht sagen“, verbesserte Jo, in sich hineinhorchend. „Also, sie trug einen grün gemusterten Haarreifen. Das ist scheinbar bei mir hängengeblieben, da ich so einen schon mal gesehen habe.“
„Wo?“
„Am Gardasee, in Malcesine, da bin ich doch öfter mal“, sagte Jo.
„Erzähl“, meinte Manu gespannt. Wenn es bei ihm hängen geblieben war, konnte es von Bedeutung sein.
„Ich saß an einer Bar bei einem Cappuccino, in einer dieser wunderschönen Gassen. Gegenüber war ein Souvenirladen. Ein kleines Mädchen heulte Rotz und Wasser, weil es einen Haarreifen wollte, den es dort gab. Handwerkskunst aus der Toskana stand an dem Ständer über den Haarreifen. Das Mädchen im Wald hatte so einen im Haar.“
„Wann warst du am Gardasee? Wann war das?“ fragte Manu.
„Vor zwei Monaten.“
„Die Haarreifen gibt es bestimmt schon länger in der Toskana.“
„Eben nicht. Die Verkäuferin sagte, dies wären die ersten dieser Art und dieses Musters. Eine Künstlerin aus der Toskana hat sie entworfen. Ich weiß gar nicht, warum ich mir das gemerkt habe, man behält scheinbar mehr als man glaubt.“
Manu griff zum Telefon. „Hallo Iffi! Ja war ganz toll. Dieser Typ hat es dir angetan. Nein, ich will ihn nicht, gehört dir. Sag mal, waren die Begonis letzten Sommer in der Toskana?“ Manu hörte zu. „Sicher. O. K. Wie war der Kontakt zu den Großeltern von Amelie? Aha. Danke dir. Ciao, ciao!“
„Zu den Großeltern kein Kontakt. Urlaub in den letzten Jahren immer Mallorca oder Kanaren, niemals Italien, wurde genau geprüft“, berichtete Manu.
„Was für ein Typ?“ fragte Jo.
„Was?“
„Na der Typ, den du erwähnt hast, im Telefonat mit Iffi.“
„Vergiss es.“
Manu dachte nach. „O. K. Am Montag ist der 3. Oktober, Feiertag. Samstag muss ich zu meinen Eltern, Hochzeitstag. Wir fahren am Sonntag nach, wie heißt nochmal der Ort am Gardasee?“
„Malcesine.“
„Oh, ja. Also, wir fahren am Sonntag nach Malcesine. Kannst du uns Zimmer besorgen für eine Nacht?“ fragte Manu.
Völlig überrumpelt sagte Jo: „Ääh, ja natürlich, kann ich, aber …“
„Nichts aber, am Sonntag 8.00 Uhr geht’s los. Ich fahre, ich hole dich ab, also sei bitte fertig.“ Damit entließ Manu Jo in die Nacht.
Manu ging ins Bad, anschließend ins Bett, konnte aber vor lauter Gedanken nicht einschlafen. Als sie schließlich schlief, träumte sie von Haarreifen.
Am Freitag nach der Arbeit trafen sich Manu und Jo im Fahrstuhl. „Oh, hallo Jo. Hast du Zimmer?“ fragte Manu knapp.
„Hab’ ich, bei meiner Pension. Im Oktober ist nicht mehr viel los, trotz des tollen Wetters.“
„O. K. Bis Sonntag 8.00 Uhr Jo, ich muss mich beeilen, muss noch Mamas Geschenk für Papa abholen. Ciao!“ rief Manu, während sie den Aufzug verließ und zum Ausgang eilte.
„Ciao“, sagte Jo und ging grübelnd auch in Richtung Ausgang.
Sonntagmorgen, pünktlich um 8.00 Uhr stand Manu mit ihrem Golf vor Jos Haus. Sie stieg aus und klingelte. Oben ging ein Fenster auf und Jos Kopf erschien.
„Fünf Minuten!“ rief er.
„O. K.“, erwiderte Manu und stieg wieder in ihren Wagen.
Jo kam tatsächlich schon zehn Minuten später mit einer kleinen Tasche aus dem Haus und stieg zu Manu ins Auto.
„Morgen Manu“, grüßte er. „Ich musste meiner Nachbarin noch die Schlüssel bringen wegen Sina. Wir können aber auch mit meinem Wagen fahren.“
„Traust du meinen Fahrkünsten nicht?“ fragte Manu lächelnd. „Deinem Auto trau’ ich nicht, Jo. Womöglich bricht er unterwegs auseinander.“
„Mein Auto ist sehr zuverlässig, bockt nur ab und an“, fügte er hinzu.
„Schnall dich an, es geht los“, sagte Manu und startete ihren Wagen.
Über den Brenner ging es nach Italien. Unterwegs sprachen beide noch mal alle Fakten durch.
Nach der Ausfahrt Rovereto hielten sie sich Richtung Riva. Nach fünf Stunden Fahrt kamen sie in Malcesine an.
Als sie etwas steif aus dem Auto stiegen, war es Mittag. Und es war warm genug, um draußen am Hafen eine Pizza zu essen.
„Ist doch noch was los hier. So spät im Jahr war ich noch nicht hier, heuer ist es aber auch noch mal warm geworden“, meinte Jo und sah den Urlaubern, hauptsächlich Bayern und Österreicher, die noch ein paar schöne Tage verbringen wollten, beim Flanieren zu.
Manu lehnte sich satt auf ihrem Stuhl zurück und hielt ihr Gesicht der Sonne entgegen. „Herrlich“, sagte sie, „so kann man es aushalten.“
Nach dem Essen machten sie sich auf zu dem Souvenirladen. Sie schlenderten durch die engen, auf und ab führenden Gassen.
„Da ist die Bar“, Jo zeigte nach links, „gegenüber ist der Laden“, sagte er darauf zugehend. Die Bar war geschlossen, aber der Laden und die Eisdiele daneben hatten noch geöffnet, das heißt, sie machten gerade nach der Mittagspause, jetzt um 15.00 Uhr, wieder auf.
Der Ständer mit den Haarreifen wurde gerade herausgetragen. Jo wurde blass, als er die grün gemusterten erblickte. „Das ist er“, sagte er mit belegter Stimme, „genau der gleiche, den sie hatte.“
Manu sah ihn stirnrunzelnd an, ging zum Ständer, nahm einen grünen Reif ab und ging damit in den Laden.
Zehn Minuten später kam sie mit einer kleinen Tüte in der Hand wieder heraus.
„Die gibt es wirklich erst seit drei Monaten und werden nur in Italien vertrieben, erzählte mir die Inhaberin“, sagte Manu.
Sie schlenderten grübelnd durch die romantischen Gassen.
Manu war begeistert. „Du sagst, du kommst öfter hierher, Jo?“
„Ja. Seit circa zehn Jahren, immer in diesen Ort, gefällt mir gut hier, heute Abend gehen wir in ein super Ristorante am alten Hafen. Ich hoffe, die haben noch auf, und danach in die Enoteca da drüben, da gibt es leckeren Amarone“, schwärmte Jo.
Manus Augen leuchteten auf. „Amarone, ja? Ich freu’ mich schon. Jetzt ist es 5.00 Uhr nachmittags. Wo ist denn deine Pension?“
„Komm mit!“ rief Jo und ging voraus zum Auto.
Die Pension lag in Richtung Monte Baldo, gleich nach der Hauptstraße mit Blick auf den See und zur Scaligerburg.
Sie parkten im Hof der Pension und checkten ein. Jo wurde wie ein Familienmitglied begrüßt. Auch Manu gefiel die herzliche Begrüßung und die Bitte, doch hernach auf einen Cappuccino herunterzukommen.
Dreißig Minuten später saßen sie frisch geduscht bei einem leckeren Cappuccino mit Raphaela, der Tochter des Hauses, zusammen.
Die Drei waren in etwa gleich alt, aber Raphaela hatte bereits einen Mann und einen Sohn von fünf Jahren. Raphaela fragte, seit wann sie beide sich kannten. „Bisher war Jo immer alleine hier“, verriet sie. Manu guckte Jo amüsiert an.
„Wir sind Arbeitskollegen und kennen uns seit fünf Jahren“, sagte Manu.
„So spät im Jahr war Jo noch nie hier, wir machen auch normalerweise zum ersten Oktober zu, aber dieses Jahr ist es so warm, da haben viele noch geöffnet. Die Nachfrage ist da, wir sind dieses Wochenende fast ausgebucht, hauptsächlich Gäste aus Bayern. Was führt Euch denn an den See?“
„Wir recherchieren über eine bekannte italienische Familie“, erzählte Manu spontan.
„Ach, ja“, meinte Raphaela, „welche denn? Ich kenn’ mich ganz gut aus in den großen, alten Familien Italiens … interessierte mich immer schon.“
Mit leuchtenden Augen sah Manu Raphaela an. „Die Familie heißt Casoni.“
„Ah, Casoni, toskanische Familie, da kann ich Euch schon was erzählen, aber jetzt im Moment habe ich keine Zeit, meine Familie wartet auf mich. Morgen habe ich Frühstücksdienst, da komm ich dann zu euch. Also ciao, bis morgen, macht euch einen schönen Abend!“ Raphaela eilte davon.
Jo und Manu schlenderten Richtung Alter Hafen. Das Restaurant hatte tatsächlich noch auf. Die Pizzeria rechts daneben und das Restaurant links hatten bereits Winterpause.
Auch hier wurde Jo wie ein alter Bekannter begrüßt. Sie wurden an einen Tisch am Fenster geleitet, mit einem spektakulären Blick auf die im See versinkende Sonne. Ein Aperitif auf Kosten des Hauses wurde sogleich serviert.
Ein noch sehr junger Kellner kam mit den Speisekarten an den Tisch.
Giovanni, der Oberkellner, eilte herbei und nahm Manu die Karte, welche sie gerade aufschlug, mit einem ‚Scusi‘ aus der Hand.
Jo hatte die Karte gar nicht beachtet. Giovanni reichte diese mit einer leichten Verbeugung und mit von Kopfschütteln begleiteten Worten an den jungen Kellner zurück und scheuchte ihn weg.
Mit einem Lächeln beugte er sich zu Jo, sie tuschelten miteinander, dann zog sich Giovanni strahlend zurück.
Manu sah dem Ganzen mit großen Augen zu. „Kennt ihr euch näher?“ fragte sie grinsend. „Ich hoffe, ich bekomme auch was zu essen“, schmunzelte sie.
„Giovanni weiß, was ich mag, und das steht nicht auf der Karte. Für Stammgäste gibt es die gesprochene Karte. Du wirst staunen“, sagte Jo.
„Hoffentlich mag ich es auch“, überlegte Manu laut.
„Wirst du. Ich weiß doch, dass du die italienische Küche magst. Hier bekommst du die echte italienische Küche, aber die findest du nicht auf der Karte.“
Manu war jetzt sehr gespannt auf das, was käme.
Nach 20 Minuten kam in tiefen Tellern ein Steinpilzrisotto, dazu ein leichter Pinot Grigio.
Manu aß mit leuchtenden Augen. Jo grinste sie an, was sie gar nicht bemerkte. Manu war mit Essen beschäftigt.
Dann folgten Scaloppine auf Spinat und warmes Ciabatta, dazu ein toller Rotwein vom Gardasee, die Nachspeise, Walnusseis mit Mandelgebäck, und dem dazugehörigen süßen Wein zum Tunken.
Nach dem Abräumen wurde ein Holzkistchen mit vier verschiedenen Flaschen Grappa auf den Tisch gestellt.
Manu sprach nur zwischen den Gängen, beim Essen war sie mit Genießen beschäftigt.
Jo sah Manu fragend und schmunzelnd an.
„Das war das beste Essen meines bisherigen Lebens. Warum hast du mich in den vergangenen Jahren nie mit an den Gardasee genommen?“ fragte sie sichtlich satt und zufrieden.
„Du fährst ja immer nach Mallorca oder so in den Urlaub. Deine Worte: in den Urlaub muss man fliegen, was man mit dem Auto erreichen kann, ist zu nah.“
„Ich gebe zu, hier gefällt es mir ausgesprochen gut, auch wenn man hierher nicht fliegen muss.“ Sie lachte.
„Du hast von einem Amarone gesprochen, Jo.“
„Ja, lass uns in die Enoteca gehen.“
Sie standen auf. Giovanni kam angelaufen. Zum Abschied klopften sie sich umarmend auf den Rücken. Warum machten Männer das? Sie lachten und redeten miteinander. Jo konnte wirklich Italienisch, nicht nur etwas, sondern richtig gut, staunte Manu. Und sie dachte, sie würde ihn kennen.
Auch Manu wurde umarmt und mit einem Schwall italienischer Worte überschwemmt.
„No, no, Giovanni“, sagte Jo und wurde etwas rot im Gesicht.
Draußen war es frisch geworden. Sie zogen ihre Jacken enger um sich und eilten die Gasse bergauf. Dann rechts, wieder etwas links und landeten vor der Enoteca.
Jo machte die Tür auf. Lachen vermischte sich mit Rufen. Da war ja mächtig was los, dachte Manu und betrat hinter Jo das Lokal.
Jo sah sich um. Alle Tische waren besetzt, nur an der Theke war noch Platz. Sie standen an der Tür, eigentlich wollten sie einen Tisch, um sich in Ruhe über ihren Fall unterhalten zu können.
„Hallo Jo.“ Ein gutaussehender Italiener kam auf die beiden zu.
„Hallo Franco.“ Jo und der Italiener umarmten sich, natürlich auf den Rücken klopfend und lachend. Es wurde wieder Italienisch gesprochen. Manu verstand kein Wort.
Jetzt bemerkte Franco auch Manu, die neben Jo stand, und sah sie begeistert an. Jo wurde mit italienischen Worten beworfen. Gut, dass es so duster im Lokal war, so sah keiner, wie Jo erneut rot wurde.
Manu wurde auch umarmt und rechts und links geküsst.
Staunend sah sie zu, wie ein Tisch mit jungen Italienern zügig geräumt wurde und sie und Jo dorthin geführt wurden.
„Amarone?“ fragte Franco, woraufhin Jo nur nickte.
Der Wein wurde in schönen Gläsern serviert. Dazu gab es hausgemachte Grissini, nicht diese Fabrikware, wie sie auf den anderen Tischen stand. Manu war sprachlos vor Begeisterung.
Sie stießen an und tranken den ersten Schluck. „Mhm“, machte Manu, „sehr gut“, und nahm ein Grissini, biss ab und verdrehte wohlig die Augen. Jo lachte. Ihr Tisch stand am Ende des Lokals, da war es etwas ruhiger.
„Woher hast du den Namen Casoni?“ fragte Jo.
„Internet. Ich habe über die Großmutter recherchiert. Die Familie, aus der sie stammt, heißt Casoni. Ihr Mann ist Kalabrese, aus der Familie Salvia. Sie ist also eine verheiratete Salvia-Casoni.
Die Großmutter hat am meisten unter der Wegnahme ihrer Enkelin gelitten. Als Raphaela nach dem Namen fragte, habe ich, ohne nachzudenken, ‚Casoni‘ gesagt. Vielleicht erfahren wir ja was.“
„Den Haarreifen gibt es nur in Italien. Heißt das, Amelie ist hier in Italien?“ resümierte Jo.
„Oder jemand aus Italien hat ihn mitgebracht. Das hieße dann wiederum, die Entführer stammen aus Italien“, erwiderte Manu.
Aber ihre Eltern hätten doch bemerkt, wenn sie plötzlich einen Haarreifen hätte, den sie vorher nicht hatte, aber das krieg’ ich noch raus“, fügte sie an.
„Dieser Begoni ist mir auch ein Rätsel. Wie wurde aus einem armen Lehrjungen in wenigen Jahren ein so gut gepolsterter Rechtsanwalt? Er verdient zwar bestimmt sehr gut, aber da muss mehr sein“, meinte Jo.
„Ja. Da ist was faul, Woher hat er das Geld?“
In der Enoteca wurde lautstark Happy Birthday gesungen, damit war erst einmal das Gespräch beendet. Es war einfach zu laut.
Sie tranken genussvoll ihren Wein. Manu aß alle Grissini. Dann liefen sie durch die nun doch kalte Nacht zu ihrer Pension zurück, wünschten sich eine ‚Buona Notte‘ und verschwanden in ihren Zimmern. Sie schliefen tief und fest bis zum nächsten Morgen.
Um 9.00 Uhr hatten sie sich zum Frühstück verabredet. Der Duft frischen Kaffees wehte die Treppe hoch in ihre Zimmer.
Manu war gerade in ihrem Bad und schaute beim Zähneputzen aus dem schmalen, hohen Fenster zur Scaligerburg. Die Burg passte haargenau ins Fenster, wie in einen Bilderrahmen.
Als Manu ihre gepackte Tasche schloss, klopfte es an der Tür. „Manu, bist du fertig?“
„Ich komme.“
Fünf Minuten später saßen sie bei Cappuccino und Semmeln. Die Eier waren bestellt. Manu mochte Eier zum Frühstück. Jo wunderte sich, dass Manu nach dem feudalen Abendessen schon wieder solchen Hunger hatte.
Als sie fertig waren, kam Raphaela an ihren Tisch, räumte ab, brachte drei Cappuccini und setzte sich zu ihnen.
„Ich habe über die Casonis nachgedacht“, fing sie an, „die Familie hat einen Stammbaum, der mindestens 300 Jahre zurückreicht. Der Hauptsitz ist ein Weingut in der Toskana. Ein großes, düsteres Gebäude, vollgestopft mit Antiquitäten. Ich war als junges Mädchen während der Weinlese dort.
Die Familie hat großen Einfluss in der Gegend. Sie sind immer schon karitativ tätig gewesen und daher sehr beliebt.
Ein Bischof von Florenz ist aus der Familie hervorgegangen, vor ein paar hundert Jahren. Sie haben viele Jahre einen Teil Italiens beherrscht. Irgendwann blieben die Söhne aus.
Die Letzte des Geschlechts ist ein Mädchen. Sie hat den Sohn eines Freundes ihres Vaters aus Kalabrien geheiratet. Die Ehe wurde von den Eltern arrangiert.
Nur eine Tochter ging aus der Ehe hervor, die durch einen tragischen Autounfall sehr jung starb. Sie hinterließ ebenfalls eine Tochter, unehelich. Das Mädchen lebt bei der Großmutter in S. Stefano, in einem wunderschönen Haus mit tollem Garten.
Über den Vater der Kleinen weiß ich nichts, wurde totgeschwiegen. Böse Zungen behaupten, er habe viel Geld erhalten, um sich von der Tochter und ihrem Kind für immer fernzuhalten.
Die Großmutter hängt sehr an dem Kind. Die Mutter hat sich praktisch nicht um sie gekümmert, sie liebte das schnelle Leben zu sehr. Das hat sie dann auch letztendlich umgebracht.
Soweit, das, was ich über die Familie Casoni weiß.
