Travemünde Komplott - Guido Bleil - E-Book

Travemünde Komplott E-Book

Guido Bleil

0,0

Beschreibung

August-2015. Im Seebad Travemünde ereignen sich kurz nacheinander seltsame Todesfälle, welche aber in der Öffentlichkeit nur wenig Beachtung finden, da sie nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Die erotische Oberkommissarin (POK) Stina Wallison, von der Travemünder Wasserschutzpolizei, übernimmt, zusammen mit Volker Vanderstetten, dem neuen Leiter des Lübecker MD.1, die Fälle. Die Ermittlungen werden jedoch von „ganz oben“ torpediert und alle Beteiligten schweben in höchster Gefahr. „Bleils Romane bewegen sich meist dicht an der Realität, sowohl das Hauptthema, als auch die Nebenschauplätze. Erschreckend, aber dafür informativ und lustig verpackt.“ >Jackson Pajunk (Artist), Hamburg<

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Leben heißt nicht nur Atmen.

___________________________________________

Liebe Käufer und Leser,

dies ist der Fünfte abgeschlossene Fall rund um die Polizeioberkommissarin Stina Wallison und dem mysteriösen Jörg Illmer. Tauchen sie gerne wieder mit ein, in die Welt rund um das schöne Ostseeheilbad Travemünde.

Im Übrigen gilt mein Dank ausschließlich Ihnen, denn Sie geben mir die Kraft und den Anreiz weiter zu schreiben.

So mancher Roman kann allerdings, aufgrund von realen Begebenheiten, dazu verleiten, der Story Glauben zu schenken. Aber bitte, auch wenn viele Fakten zutreffen, die Handlungen und die Personen sind alle frei erfunden.

Viele beschriebene Ortsangaben werden Sie auch in der Realität wiederfinden. Nehmen Sie die Angaben nicht als Navigationshilfe. Sollten Sie sich aufgrund der örtlichen Beschreibungen verlaufen, so übernehme ich als Autor dafür keine Haftung.Es ist nur ein Roman

Für etwaige, eingeschlichene Fehler, bitte ich um gütige Nachsicht. Sollten sie in der Interpretation liegen, so bin ausschließlich ich dafür verantwortlich.

Guido Bleil / Juli-2015

Danksagung

Meine Bücher werden zwar von mir verfasst, aber in der Regel gibt es viele kleine und große Helfer, die zum Ganzen beitragen – wissentlich, so wie auch unwissentlich. Das Leben schreibt die besten Geschichten und somit bedanke ich mich an dieser Stelle bei allen, die mir wieder Informationen und Steilvorlagen geliefert haben, welche zum Teil in dieses Buch geflossen sind. Natürlich sind die Anregungen so verpackt, dass hiermit niemand öffentlich an den Pranger gestellt wird. Sollte sich dennoch jemand (wieder) „ertappt“ fühlen.., nun gut, herzlichen Glückwunsch! Sie fielen temporär irgendwie aus dem „grauen“ Raster der „unscheinbaren“ Masse. Freuen Sie sich.

Weiter gilt mein spezieller Dank an:

den Mediengestalter Jan Ole Bleil, Hannover, dem Kommissar Detlef Schubert, Bremen.

Für die Feinheiten besonderen Dank: Klaus Both, Cuxhaven

Für mathematische Feinheiten: Hardy Wallburg, Gifhorn.

Für die Covermotivation Gebhard Müller, Bremen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 001

Kapitel 002

Kapitel 003

Kapitel 004

Kapitel 005

Kapitel 006

Kapitel 007

Kapitel 008

Kapitel 009

Kapitel 010

Kapitel 011

Kapitel 012

Kapitel 013

Kapitel 014

Kapitel 015

Kapitel 016

Kapitel 017

Kapitel 018

Kapitel 019

Kapitel 020

Kapitel 021

Kapitel 022

Kapitel 023

Kapitel 024

Kapitel 025

Kapitel 026

Kapitel 027

Kapitel 028

Kapitel 029

Kapitel 030

Kapitel 031

Kapitel 032

Kapitel 033

Kapitel 034

Kapitel 035

Kapitel 036

Kapitel 037

Kapitel 038

Kapitel 039

Kapitel 040

Kapitel 041

Kapitel 042

Kapitel 043

Kapitel 044

Kapitel 045

Kapitel 046

Kapitel 047

Kapitel 048

Kapitel 049

Kapitel 050

Kapitel 051

Kapitel 052

Prolog

Westlich der Trave und rund zwanzig Kilometer vom Stadtzentrum Lübeck entfernt, liegt der Stadtteil Travemünde, welcher durch den Welterfolg des Thomas Mann Roman ‚Buddenbrooks’, zu überregionaler Bekanntheit gelangte. Direkt an der Lübecker Bucht gelegen und zusammen mit der Halbinsel Priwall, schwärmen nicht nur die knapp 13.500 Einwohner vom ‚schönsten’ Teil Lübecks. Die Geschichte der „Schönen“ reicht bis ins zwölfte Jahrhundert zurück.

Nicht nur zahlreiche Prominente haben diesen Ort für sich entdeckt, sondern hunderttausende von Besuchern steuern diesen Ort gezielt an, um sich am und im Wasser zu erfreuen, in den zahlreichen Cafes und Restaurants zu verweilen, die Seele baumeln lassen oder gefühlt, den Kapitänen der großen Fähren die Hand zu reichen. So nah kommt man nirgendwo den schwimmenden Riesen.

Auch wenn politisch hier eine Menge im Argen liegt, ist dieses ein Fleckchen, an dem sich wunderbar leben lässt.

Meistens zumindest...

001

Travemünde, Schleswig-Holstein

Di-11.August-2015

Die heißen Nachmittagstemperaturen im Landesinneren kühlte die Ostsee auf angenehme zweiundzwanzig Grad ab, sodass die Menschen sich durchweg wohlfühlten und entspannt ihrer Arbeit oder ihren zahlreichen Freizeitaktivitäten nachgingen.

Eine friedvolle Atmosphäre, gemischt mit der typisch leicht würzigen Luft der Ostsee. Buntes Treiben und erquickendes Kinderlachen erfüllte die Strandpromenade. Aus den Lautsprechern der gut besuchten Ostseelounge erklang gedämpft ‚Gate 24’ von Julius Vincent.

Eine Gruppe Frauen in den Vierzigern hatte hörbar Spaß und die vielen Desperado Bierflaschen ließen darauf schließen, dass sie sich schon eine Weile hier aufhielten. Zwei, drei Männer blickten erst verstohlen zu der Gruppe und versuchten dann ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, aber die Frauen kümmerten sich nicht darum, sodass sie ihre Bemühungen bald einstellten. Die freundliche Servicekraft hatte derweil alle Hände voll zu tun, die Gäste mit kühlen Getränken zu versorgen, welche sich chillend auf den roten Polstern räkelten.

Ein entspannter Ort voller positivem Karma, wenn man nicht ein genaues Auge auf den unscheinbaren jungen Mann im äußeren Strandkorb warf.

Seine lässig, sportive Kleidung strafte ihn Lügen. Er saß mit dem Oberkörper etwas zu steif in dem rotweiß gestreiften Strandkorb, wobei seine geweiteten Pupillen ruhelos hin und her wanderten. Das vor ihm stehende Bier hatte er noch nicht angerührt. Ein aufmerksamer Beobachter hätte festgestellt, dass er, obwohl im Schatten, bei diesen moderaten Temperaturen sehr stark schwitzte. Seine Hände versteckte er unter seinen Oberschenkeln, nicht nur um sie ruhig zu halten. Er wollte seinen Verband am rechten Handgelenk verbergen, welcher ein wenig unter dem langärmeligen blauen Polo hervorlugte. Seine Beine zuckten zuweilen und manchmal entglitten ihm seine Gesichtszüge für einen Augenblick. Kein Zweifel, dieser Mann hatte Angst.

Todesangst.

002

Der neue Polizeihauptkommissar Volker Vanderstetten, vom Lübecker Morddezernat MD.1, hatte zum kleinen Umtrunk, wie er es nannte, in den Garten des aRosa Hotels geladen. Beinahe dreißig Kollegen und Freunde waren der Einladung gefolgt. Die örtliche Presse war mit dem Travemünde Aktuell Fotografen Karl E. Vögele vertreten, welcher ein kurzes Interview führte, einige Bilder schoss und sich zu einem nächsten Termin verabschiedete. Nach zweijähriger Vakanz dieser Stelle wurde sie mit dem zweiundfünfzigjährigen Vanderstetten, welcher aus Leipzig kam, neu besetzt. Niemand wollte vorher diesen Posten übernehmen, da scheinbar ein Fluch hierauf lag.

Zwischen 2010 und 2013 kamen die jeweiligen PHK, durch jeweils äußere Gewalteinwirkung ums Leben. Insgesamt vier. Kein Wunder, dass sich niemand um diese Stelle bewarb. Einzig den rigorosen Vanderstetten kümmerte es nicht. „Es ist alles eine Frage der Präsenz,“ pflegte er zu sagen „und ich bin kampferprobt mit Kriminellen sowie auch mit politischen Kräften“ betonte er immer gerne wieder voller Stolz und verwies auch gerne auf seine holländischen, seefahrenden Vorfahren. Wer ihn näher kannte, wusste um seine ehrgeizigen Pläne. Er wollte noch hoch hinaus und zwei, drei erfolgreiche Jahre in der neuen Position, würden eine deutliche Empfehlung darstellen. Insgeheim beneidete er die spektakulären Fälle, welche sich hier in den letzten fünf Jahren ereignet hatten. Er gierte förmlich nach einen sensationellen Fall, den er natürlich erfolgreich abschließen würde.

Gerade wurde ihm eine atemberaubend, schöne Kollegin vorgestellt. Er hatte schon viel von ihr gehört und sich im Internet vorab ein Bild gemacht, wie von allen seinen Kollegen, aber die Realität raubte ihm beinahe seinen Atem.

Ohne Arroganz und mit einer lässigen Geste begrüßte ihn Polizeioberkommissarin Stina Wallison von der Travemünder Wasserschutzpolizei. Ihre dunkelbraunen Augen ruhten forschend, aber ausdruckslos, auf seinem Gesicht. Zu seinem Ärger musste er sich eingestehen, dass er in ihren Augen kein Auflodern einer Begehrlichkeit entdecken konnte. Mit seinem guten Aussehen und seiner körperlichen Präsenz, hatte er bis jetzt noch jede Frau beeindruckt und bei Bedarf auch für sich eingenommen.

„Wir werden das noch sehen“ beruhigte er vorerst sein, manchmal unkontrollierbares Temperament. Heute wollte er vor allem diese kleine Feier genießen. Da sollte ihm nichts die gute Laune verderben. Morgen begann seine neue Dienstzeit.

003

Zwei verdächtig erscheinende Personen am Zugang der Beachlounge, ließen den bereits übernervösen Mann in nackte Panik ausbrechen. Er sprang aus den Strandkorb, warf dabei die noch immer volle Bierflasche um und rannte, natürlich ohne zu bezahlen, in Richtung Brügmanngarten. Er wusste nicht, ob die beiden verdächtigen Personen ihn verfolgten, aber vor ihm auf der Promenade nahm er zwei weitere Verdächtige war. Instinktiv bog er sofort nach links ab zum Maritim Hotel. Hinter der Strandzugangstür des Hotels, nahm er wieder etwas Verdächtiges wahr und somit war er gezwungen, nochmals seine Fluchtrichtung zu korrigieren. Er hetzte seitlich am Hotel vorbei. Von vorne sah er wieder zwei verdächtige Personen auf sich zukommen.

Sie hatten ihn in die Zange genommen. Dieser Ort war auch zu klein, um sich unsichtbar zu machen. Ihm war klar, dass es keinen Platz mehr auf dieser Erde gab, an dem er sich in Sicherheit wiegen konnte. So oder so. Sicherheit gab es für ihn nicht mehr. Dafür waren seine Häscher zu mächtig und zu gierig.

Seine Nerven lagen blank. Er wusste, dass er zuviel gesehen hatte. Sie würden ihn nicht am Leben lassen.

Es gab keinen Ausweg mehr.

Oder doch?

004

Nachdem ich innerhalb von vier Stunden zum dritten Mal eintausendfünfhundert Meter gekrault hatte, beschloss ich, mich ein letztes Mal auf einer der Liegen am Pool, von der angenehmen Sonne trocknen zu lassen.

Segeln war an diesem windstillen Tag nicht drin gewesen und Stina musste noch auf einen Empfang hier im aRosa verweilen, sodass ich genug Zeit hatte, ein wenig für meine Grundfitness zu tun. Das war wahrlich nicht die schlechteste Variante. Empfänge und belangloser Smalltalk begeisterten mich in der Regel nicht. Wohlig genoss ich stattdessen die warmen Sonnenstrahlen auf meiner sonnengebräunten Haut. Erst in zwei Stunden wollten Stina und ich im Lieblingsplatz an der Strandpromenade den Abend lecker verbringen. Ein letztes Mal für heute trug ich Sonnencreme, mit dem Lichtschutzfaktor 20 auf. Die Haut sog die Flüssigkeit gierig auf.

„Namaste York“ begrüßte mich Timo, der Sporttrainer und Yogalehrer des aRosa Fitnessclub. „Bist Du gar nicht auf der Bucht am Segeln?“

„Wo kein Wind, da auch kein Segelboot“ entgegnete ich „und die ‚o.li’ braucht auch einmal einen Kurzurlaub. Ab Donnerstag soll es aber wieder richtig windig werden, dann werfe ich die Leinen los.“

„Heute, dass wäre mein Wetter. Schön an Deck chillen und irgendwo ankern. Das müssen wir mal wieder unbedingt machen. Du denkst an mich, ja? Ich habe jetzt noch ein Personaltraining. Namaste.“

„Okay, ich habe Dich auf dem Zettel“ entgegnete ich „Du musst mir dann nur Deine freien Tage mitteilen. Ciao.“ Mit meinen Fingern kramte ich meine Ohrhörer aus der Tasche, stöpselte sie ein und startete den mp3 Player. Sogleich sperrte ich sämtliche Poolgeräusche aus und hörte ‚Hey now’ von London Grammar. Die klare Stimme der Sängerin genießend, schloss ich die Augen und döste in Gedanken verloren vor mich hin.

Was für ein schöner Tag.

005

Kurz vor dem vermeintlichen Zugriff, entdeckte der fliehende Mann, einen Hauseingang im Maritim. Schnell huschte er hinein, an der unbesetzten Pförtnerloge vorbei und weiter den Gang hinauf. Am Ende konnte er nur nach rechts abbiegen. Er erschrak, im doppelten Sinne. Zum einen ertönte ein Ping und zum anderen war es eine Sackgasse.

Der Mann verfluchte sich. Jetzt hatte er verspielt. Es musste eben so kommen. Ihnen entkam man nicht. Kurz spielte er mit dem Gedanken, sich sein Messer an die Kehle zu setzen, damit sie ihn nicht lebend erwischen würden, da öffnete sich eine Fahrstuhltür. Angespannt blickte er in die Kabine hinein. Niemand stand darin. Er erkannte sofort, dass dies seine letzte Chance war. Er sprang hinein und drückte auf den Startknopf. Sofort setzte sich der Lift in Bewegung. Nach über einer halben Minute ruckte es kurz und die Tür glitt auf.

Gedämpftes Licht empfing ihn. Eine Mikrofonstimme drang an sein Ohr: „...dort, auf dem Priwall aufgenommenen Foto, können sie sehr gut erkennen, das hier...“ Gehetzt und wie in Trance durchquerte er den Raum, um einen Fluchtweg zu finden. Dabei stieß er gegen einen Geschirrwagen, von dem mehrere Gläser und Teller, laut scheppernd zu Boden fielen. Der Sprecher mit dem Mikrofon hielt irritiert inne und schaute ihn fragend an.

Der Mann löste sich aus seiner Erstarrung und stürmte wieder in Richtung Fahrstuhl. Rolf Fechner zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder seinen zahlreichen Zuhörern zu. „Diese Luftaufnahme gibt einen...“ nahm der flüchtende Mann noch auf, als er auf der Höhe des Lifts, wieder ein Ping vernahm.

Es gab kein Entrinnen! Schlagartig wurde ihm das klar. Sie waren zu mächtig. Das Projekt zu groß, als dass man ihn am Leben ließe. Ein Niemand in diesem Spiel. Nur eine kleine, unbedeutende und ersetzbare Figur in diesem ehrgeizigen Projekt, einiger weniger Menschen. Er rannte mit Riesenschritten auf die gläserne Außentür zu, welche nur angelehnt war. Mit einem kräftigen Stoß drückte er sie auf und sah sich einem Mann in einer roten Jacke gegenüber. Nur fünf Meter entfernt.

Freundlich blickte dieser ihm durch seine Brille entgegen, doch hiervon ließ sich der Flüchtende nicht täuschen. Wie viele Menschen waren ihm im Laufe seines erst fünfundzwanzigjährigem Lebens begegnet, welche sich ihm erst mit einer freundlichen Maske näherten und später ihr wahres Antlitz offenbarten. Das Antlitz des Teufels.

Er wurde innerlich ganz ruhig. Sein Zittern hatte er abgelegt. Mit einem Grinsen im Gesicht zeigte er dem Typen in der roten Jacke den Mittelfinger, zog sich an der Absperrung hoch und sprang, ehe der andere reagieren konnte, stumm mit dem Kopf voran.

Wie ein Bungeespringer, nur ohne Seil. Aus Einhundertfünfzehn Metern Höhe!

Lautlos segelte der Körper durch die Luft und beschleunigte mühelos auf weit über 150km/h. Nur das Windgeräusch nahm der Springer wahr. „Was für ein befreiender und friedlicher Moment“ schwirrte ihm durch den Kopf. Sein Blick fiel auf die grünlich schimmernde Lübecker Bucht, wo sich zum Rand hin, der goldgelbe Sandstrand kontrastreich absetzte. Kleine Punkte bewegten sich auf dem Strand und am Ufer, wie zahlreiche bunte Ameisen. Inmitten der Bucht dümpelten zahlreiche Boote vor Anker. Eine Fähre der TT-Line nahm Kurs auf Travemünde. „Traumhaft schön“ signalisierten ihm seine Rezeptoren. Was hatte er im Sommer noch alles für tolle Pläne gehabt. Reisen in ferne Länder, fremde Kulturen kennenlernen, die eine “richtige“ Freundin finden und eine Familie gründen, Mutter unterstützen...

Er erschrak! Nein, das wollte er nicht. Jetzt konnte er ihr nicht mehr helfen. Nicht einmal erklären konnte er ihr es mehr. Tausende Gedankenfetzen blitzten in Sekundenbruchteilen durch sein Gehirn.

Auf einmal wollte er, dass dieses hier keine Realität war. Nur ein böser Albtraum. Gnadenlos raste die Erdoberfläche auf ihn zu.

Sein letzter Gedanke war „Mutter verzeihe mir“.

Nach cirka fünf Sekunden schlug sein Körper dumpf auf dem Dach des Vorbaues des Maritim Hotel auf. Sämtliche Körperfunktionen waren sofort erloschen.

006

Der Gastgeber dieses kleinen gesellschaftlichen Ereignisses, in diesem Fall PHK Vanderstetten, stellte sichtlich zufrieden fest, dass alle wichtigen Personen seiner Einladung gefolgt waren. Was für einen Einstand. Es sollte später niemand sagen, er hätte sich Lumpen lassen. Seilschaften, Netzwerk, dass war das A und O, wenn man in seiner Branche vorwärts kommen wollte, natürlich neben einer guten Aufklärungsquote. Die Steaks, die Scampis und auch der Champagner waren nur, wenn auch teures, schmückendes Beiwerk.

Gerade machte sich Vanderstetten auf den Weg zum Polizeipräsidenten, da kam Unruhe in die Gesellschaft der Gartenparty auf. Erst klingelten nur vereinzelte Handys und die Besitzer telefonierten mit angespannter Miene, dann steigerte sich das Klingeln in ein orchestrales Sommergewitter.

Unwirsch blickte sich Vanderstetten unter seinen Gästen um. Bald zwei Drittel seiner Besucher hatten ihr Handy am Ohr.

Da musste etwas im Gange sein. Dumm für den PHK war nur, dass er seinen Dienst erst morgen aufnahm und somit auch noch nicht in einer Telefonkette berücksichtigt wurde.

Ehe er in Erfahrung bringen konnte, was sich denn da ereignet hatte, verabschiedeten sich die ersten Besucher mit einem kurzen „Sorry, ist dienstlich“ und verschwanden aus seinem Blickfeld.

Endlich bekam er doch noch einen Kommissar, Detlef Schlumpberger, aus seinem Dezernat zu fassen. Dieser teilte ihm mit, dass wohl gerade eine Person vom Maritim Hoteldach gesprungen sei, mit wahrscheinlicher Todesfolge. Sie mussten natürlich den Ort auf Spuren absuchen. „Ob er denn vielleicht mit möchte“ fragte ihn der Kommissar.

Suizid!

PHK Vanderstetten schäumte innerlich. Wegen eines Suizids platze seine Einstandsparty. „Hätte der nicht zwei Stunden später springen können?“ schoss es durch seinen Kopf. Alles hatte er so gut geplant und es lief wie am Schnürchen. Bis jetzt. Seine Halsschlagader schwoll leicht an. Das exzellente und teure Essen, alles für die Katz. Es setzte ihm einen Stich in der Magengegend.

„Wenn es doch wenigstens ein spektakulärer Raubmord oder dergleichen gewesen wäre, aber bloß ein Suizid? Damit konnte er seine Karriereplanung nicht voranbringen“ seufzte Vanderstetten innerlich und sagte laut: „Ich glaube das schaffen die Kollegen alleine. Ich kümmere mich um die paar verbliebenen Gäste.“

So hatte sich der neue Hauptkommissar seinen Einstand nicht vorgestellt.

007

„So kann es kommen. Da sehen wir uns ja schneller wieder, als sich Hans einen Kaffee kochen kann“ frotzelte der sechsundzwanzigjährige Polizeimeister Malte Scheel, als er seine Kollegen Stina und Hans in der 35.Etage des Maritim Hotel begrüßte. Malte hatte freiwillig den Spätdienst übernommen, weil er sich aus Empfängen nichts machte. Hans war ganz heiß darauf gewesen und für Stina lediglich eine Pflichtveranstaltung. Der Notruf wurde direkt an die WaschPo Zentrale von Travemünde gerichtet. Somit war Malte einer der Ersten am tragischen Ort des Geschehens.

„Abgesehen vom leckeren Buffet hast Du nichts verpasst. Hast Du schon nähere Informationen für uns?“ hakte Stina gleich ein.

„Auf den ersten Blick scheint es ein Suizid zu sein.“

„Auf den ersten Blick?“

„Naja, nach übereinstimmenden Aussagen diverser Zeugen, sah der Springer gehetzt aus. Vielleicht wurde er verfolgt, aber niemand hat einen Verfolger bemerkt. Möglich sind natürlich auch Drogeneinfluss oder Wahnvorstellungen. Da wird uns die Rechtsmedizin sicher mehr sagen können.“

„Hast Du die Personalien der Zeugen schon notiert?“

„Klar Chefin, da bin ich doch immer gewissenhaft.“ Stinas Augen blitzten kurz auf. Malte grinste und wusste, dass Stina ungern auf ihren höheren Dienstgrad hingewiesen wurde. Sie liebte es, in einem funktionierenden, gleichberechtigten Team zu arbeiten. Für sie zählten weder Alter, Geschlecht, Herkunft oder Dienstgrad. Die Chemie und der Einsatz mussten stimmen. „Vielleicht unterhältst Du Dich einmal mit Karl Vögele von der TA, der hat den Notruf abgesetzt und stand wohl unmittelbar im Geschehen. Er sitzt dort am kleinen Tisch und ist noch ganz fertig.“

„Danke“ sagte Stina und steuerte auf den Mann in der roten Jacke zu. „Hallo Karl, es tut mir leid, was Du mit ansehen musstest. Fühlst Du Dich schon in der Lage, mir einige Details zu berichten?“

„Was soll ich Dir sagen? Es ging alles so schnell.“ Karl flüsterte beinahe. Er nahm seinen dunklen Elbsegler vom Kopf und tupfte seine Stirn mit einem Stofftaschentuch trocken, dann nahm er mit zittriger Hand seine Kaffeetasse an die Lippen und schaffte es, ohne zu kleckern, zwei Schlucke zu nehmen. Anschließend nahm er das bisher unberührte Cognacglas in die rechte Hand und trank den Inhalt in einem Rutsch aus. „Den brauchte ich dringend.“ Karl schüttelte sich.

Mit einem einfühlsamen Blick nickte die Kommissarin ihm ermunternd zu. Karl räusperte sich. „Gleich nach den Fotos auf dem aRosa Empfang bin ich hier rauf. Ich wollte ein paar Fotos schießen über Rolf, also Rolf Fechners Diavortrag ‚Spaziergang durch das alte Travemünde’. Du weißt schon, die Bilderauswahl von 1880 bis 1960. Sehr schön übrigens. Ähem.., also ich war damit schon fertig, da kam mir in den Sinn, bei dem herrlichen Wetter ein paar Impressionen vom Dach aus zu fertigen. Die Tür nach draußen stand eh schon auf. Ich bin dann raus und habe mein Stativ aufgebaut. Gerade hatte ich die Leica Kamera montiert, da knallte die Außentür auf und ein junger Mann starrte mich an. Ehe ich etwas sagen konnte, zeigte er mir seinen Mittelfinger. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Art Fratze und schon schwang er sich auf und über die Absperrung.“ Karl machte eine kurze Pause. „Stina, das ging so schnell. Ich konnte ihn nicht daran hindern. Dies werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Diese aufgerissenen Augen. Dieser stumme Vorwurf.“

„Karl, Du konntest da gar nichts machen. Mache Dich hierdurch nicht verrückt. Das bringt nichts. Du solltest Dir vielleicht ein Medikament zur Beruhigung von deinem Arzt verschreiben lassen oder besser, ich sage dem Notfallarzt gleich Bescheid, dass er Dir etwas mitgibt. Bitte komme doch morgen Vormittag kurz auf das Revier und dann nehmen wir Deine Aussage noch einmal offiziell zu Protokoll.“ POK Stina Wallison nahm Karl kurz in den Arm und verabschiedete sich.

Am Fahrstuhl traf sie noch auf ihren Lübecker Kollegen Schlumpberger in Begleitung eines Rettungssanitäter. „Detlef, lasse uns morgen telefonieren und schauen was die Pathologie dazu beisteuern kann. Hier können wir im Moment nicht mehr viel tun und es ist schon spät. Ich habe noch eine Verabredung, die schon zu lange auf mich wartet.“ Wallison war bereits in den Fahrstuhl getreten. Sie wandte sich noch an den Sanitäter. „Ach ja, bitte kümmern Sie sich noch um den Herrn in der roten Jacke, der braucht sicher noch etwas zur Beruhigung. Danke und einen schönen Abend noch.“

008

Mit einem kühlen Störtebeker alkoholfreien Bier und einem guten Grüner Veltliner saß ich nun im gemütlichen Bastsessel vor dem Hotel und Restaurant ‚Lieblingsplatz’ an der Strandpromenade. Hier verbrachte ich gerne einen lauen Sommerabend. Bis auf den fehlenden Sonnenuntergang fehlte es hier an nichts. Die Speisen und Getränke kamen meinen Neigungen entgegen und wurden durchweg von freundlichen Servicekräften serviert. Oft mit einem leckeren Rotwein und einem guten Buch ausgestattet, konnte ich hier alleine in netter Atmosphäre chillen oder mit guten Freunden den Tag ausklingen lassen. Der Blick von hier auf die weite Lübecker Bucht, mit ihren zahlreichen Segelbooten und den großen Fähren, ließ mich jedes Mal aufs Neue ins Träumen geraten. Auf der Promenade herrschte in der Regel ein buntes entspanntes Treiben, sodass das Auge ein ums andere Mal an besonders attraktiven Menschen, missglückten Modekombinationen oder skurrilen Typen hängen blieb.

Der gute Weißwein drohte warm zu werden. Eigentlich wollte mein XO Claus schon hier sein. Stina hatte mich vor einer Stunde per WhatsApp informiert, dass sie sich aufgrund eines unvorhergesehenen Einsatzes verspätet. Der XO kam schon einen Tag früher nach Travemünde und so hatte ich mich mit ihm hier verabredet. So konnten wir vielleicht schon einmal die geplanten Werftarbeiten an der ‚O.li’ für den kommenden Winter besprechen. Das Freibord sollte eine neue Lackierung erhalten und über einen neuen größeren Kartenplotter sinnierten wir schon länger. Als puren Luxus wünschte sich Stina eine Cappuccino Maschine mit einem Mahlwerk für frische Bohnen. Wir hatten das nicht als unnütz abgetan, da unser Cappuccino Konsum einerseits enorm hoch war und andererseits ein Cappuccino nicht gleich ein Cappuccino ist.

„Hi York, es ist leider etwas später geworden, aber die A1 war wieder dermaßen stark frequentiert und die zwei Baustellen haben den Verkehr auch nicht beschleunigt. Oh, ist der Weißwein für mich?“ Ohne meine Antwort abzuwarten schnappte sich Claus das Glas und schlürfte genüsslich zwei, drei Schlucke und schmatzte mit den Lippen. „Danke! Das tut aber gut, auch wenn er schon ein wenig warm wird. Ich bestelle gleich mal einen Kühleren dazu, denn wer die Wahrheit im Wein finden will, der darf nicht schon nach dem ersten Glas aufgeben.“ Schwups bestellte er mir einen spanischen Tempranillo, sich noch einen von dem österreichischen Weißwein und dazu einen Flammkuchen Veggi. „Bis Stina erscheint, da hast Du schon wieder Hunger“ kam er meinem Einwand zuvor und grinste.

„Hoffentlich kann ich mit meiner EC Karte zahlen. Bisher habe ich hier immer bar bezahlt“ warf ich ein, „ansonsten ergeht es uns wie dem Mann im Lokal. Der ruft immer: