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Nahe Zukunft. Ein älterer Herr, Jesus, tritt auf. Alles ist neu für ihn, aber er lernt erstaunlich schnell. Das Wunder scheint immer auf seiner Seite, das Wundern auf der anderen. Zusammen mit den Leuten eines Street-Service-Teams mischt er die ziemlich herunter gewirtschaftete Welt auf.
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Joerg Kemp
TROST
Jesus' wunderliches neuerliches Inerscheinungtreten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zeitgrind
Aufgrund
Dessen
Ungnade
Dreizeitig
Impressum neobooks
Ein Licht streifte den Nachthimmel. Das ließ sich mit allem Möglichen und Unmöglichen in Verbindung bringen lassen, je nachdem, ob man ein gottesgläubiger oder eher ein den messbaren Realitäten anhängender Mensch war. Der Schatten eines Mannes reckte den Kopf hoch zum schweigenden Firmament, das für einen flüchtigen Moment an einem winzigen Punkt aufgeplatzt war, bevor sich die Gestalt wieder zu anderen gesellte, mit dem Wanst jenes hindrapierten Häufchens verschmolz, Menschen, die auf einem ausgedehnten Platz am Rande eines von Hochhäusern umzingelten Rondells auf Matten unter einem Pavillon mit hellen Tüchern zugedeckt wie tot da lagen. Im Hintergrund drohte die große Fassade eines riesigen Gebäudes mit ihrer Dunkelheit, ließ lediglich am oberen Ende einen bläulichen Schimmer gen Himmel äugen. Die steil aufragenden Stelen der Zivilisation verschlangen die stummen Schreie der sie fütternden Signale fühllos wie immer. Es war still. Die Nacht blieb dunkel und nichtssagend, und abgesehen von dem kurzen Aufrecken jener dem Anschein nach männlichen Person ließ keine Menschenseele sich blicken.
„Trotzdem“, sagte der hingekauerte Schatten zu sich selbst oder wer auch immer ihm zuhören mochte in einer selbst für ihn gerade noch entzifferbaren Lautstärke, „dass man an was glaubt, für möglich hält, gerade in so einer Zeit, Herr Gott nochmal, hab ich nich mein Leben lang auf irgendwas gewartet, ein Zeichen, so’n Anstoß, der mir sagt, he, wach auf, mach, mach mal was Sinnvolles, und während ich und wir alle dabei sind regelrecht unterzugehn, hält man dran fest, hab immer dran festgehalten, dass da noch was kommt, dass da mehr ist, dass es mich ergreift, richtig ergreift, und wir sinken bloß immer tiefer und versinken in unserer Lethargie, und wir liegen da“, er sieht auf die Schläfer rings herum, „liegen da und schlafen, verschlafen vielleicht das Wichtigste, aber wie ..., wie soll man ... das sonst alles ... wie soll man ...“ Die letzten Worte hatte er so leise gesprochen, dass wohl nur noch der liebe Gott - alle anderen waren eingeschlafen - sie hat hören können.
Die nur dem Augenschein nach in einen kargen Schrecken versetzte Welt darunter, der 43. Sektor, kurz D43, dessen ursprünglicher Name Lorrick zugleich mit den ehemaligen Häusern und Einwohnern verschwunden war, ein nordwestlicher Vorort der Stadt Tobee, wurde von den neuen Eignern und Mietern und Angestellten dieses Stadtbereichs Steria genannt, eine Namensbildung, die sie von dem Astral genannten Knotenpunkt am westlichen Fuß der Hauser-Brücke - neben dem hiesigen A.H.-Platz und dem Sand die dritte Ein- beziehungsweise Ausfahrt des D43 - ableiteten. Der Bezirk war der bis dato rigorosesten städtebaulichen Up-now-Innovation anheim gefallen. Hier hatten sich Bürotürme breit gemacht, großzügig kubistische Ensembles potemkinscher Hochkonjunktur, kaabaistische Riesen, deren Antennen sich nach einem vermeintlichen Oben reckten, einer Zukunft, in welcher der Widersinn der grauen Formations-Hünen recht behalten würde können. Und die darin ihrer Arbeit nachgehenden Menschen waren umschlungen von der Geborgenheit eines lückenlosen Sicherheitsverwahrsams. Als der Morgen sich mühselig anschickte, sich in die noch dünnwandige Gegenwart zu schälen, erschien das rückwärtige Gebäude wie ein monströser Leib, der alsbald über die Gestrandeten hinwegzurollen gedachte, ohne auch nur Notiz von ihnen zu nehmen. Der Tag machte sich daran, die Nacht in die Schranken zu weisen, und der, der am Vorabend den Lichtstreif beobachtet hatte und am längsten sitzen geblieben war, war der erste, der erwachte. Er hockte sich auf seine graue Matte, reckte sich, schlug die dünne Decke beiseite, rückte seine schmale Hornbrille zurecht, sah sich um, bedachte den Mann, der - ohne Matte und Decke - rechts neben ihm auf dem Boden lag und schlief, mit skeptischen Blicken. Dann gab er dem Mann zu seiner Linken einen Schubs, woraufhin dieser die Augen öffnete, blinzelte und sich langsam aus der Horizontalen schälte. Ohne einen Laut deutete ersterer mit dem Kopf auf den Schläfer zu seiner Rechten. Der Geweckte reckte den Kopf vor, verzog den Mund. Ein Dutzend Gestalten in weißen Schutzanzügen näherte sich schnellen Schrittes von Westen her, verschwand im hinteren Gebäude. Auch die anderen vier Männer, die hier genächtigt hatten, wurden nun wach und des Fremden gewahr. Sie alle konnten nicht umhin, mittels dazu geeigneter Grimassen einem nicht unbedingt positiv gestimmten Erstaunen Ausdruck zu verleihen. Sie alle trugen graue Jeans, weiße T-Shirts und helle Sportschuhe, hatten die Haare kurz geschoren. Derjenige, welcher da lag, sich süßen Träumen hinzugeben und den lieben Gott der Frühe einen guten Mann sein zu lassen schien, hatte schulterlanges Haar, eine helle Leinenhose und darüber ein dunkles, langes Hemd unbekannter Machart am Leib, war barfuß. Die Männer schüttelten die Köpfe, verzogen die Münder. Inmitten der Postmoderne antiseptischer Architektonik, just in diesem hochfrisiert modischen Toupet zukunftsweisender Stadtplanung gingen sie, ein jeder in seinem Bereich, dem Treiben eines Street-Service-Teams nach. Sie waren Schuhputzer, Autoscheibenreiniger, Autowäscher, Zeitungs-, Kaugummi-, Zigaretten-, Sandwichverkäufer, und nicht zuletzt ergänzte ein Musiker das anachronistisch illustre Bild. Ihr Tun bildete eine Einheit, ergänzte sich, bot sich als CP, complete package an. Was sie dadurch verdienten, könnte man meinen, sei nicht der Rede wert gewesen; aber es reichte, für den Lebensunterhalt zu sorgen, zumindest, wenn man sich wie sie entsprechend stark einzuschränken vermochte. Dass sie ausgerechnet an diesem Ort ihrer Beschäftigung nachgingen, lag an Wolfram Walther, dem siebzigjährigen Gruppenältesten, der aus dem Viertel stammte, ganz in der Nähe, Ambrosia 7, aufgewachsen, mit seiner Familie gelebt, sich eines Tages, einem Wink des Schicksals folgend - wohnte er doch zu jenem Zeitpunkt längst nicht mehr hier - Putzzeug in der Hand, allein hier aufgestellt hatte. Ein Mann der es gewohnt war, die Initiative zu ergreifen, ein so genannter Tackler, der es sich zu eigen gemacht hatte, schnelle Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Einer nach dem andern waren sie dann zu ihm gestoßen, oder er hatte sie angesprochen, aufgefordert mitzumachen, das sei doch besser als nichts, dafür könne sich doch niemand zu schade sein, man sei doch schließlich in der Pflicht seiner Familie, nicht zuletzt sich selbst gegenüber. Manche hörten wieder auf, fingen wieder an, einige kamen nie wieder. Aber dieser Trupp war nun seit langer Zeit in dieser Formation zusammen, die Männergemeinschaft, dieser Ort, die Kleidung, der Ablauf, all das war ihnen zum stereotypen Alltag geworden, hatte bereits eine Unveränderlichkeitspatina angesetzt. Das Leben war für die große Mehrheit der Menschen dieses einst reichen Landes ein schwer zu tragendes Kettenhemd geworden, ein sorgengefülltes Fass, eine Verhedderung in der Untiefe einer trostlosen See. Diese Männer hier waren insofern privilegiert als sie Arbeit hatten, noch dazu an einem bevorrechteten Fleckchen erster Klasse. Somit konnten sie sich und ihren familiären oder befreundeten Anhang mit dem Nötigsten versorgen, wobei die Kost sich allerdings angewöhnt hatte mager auszufallen. Vor knapp einem Jahr hatte der Mann mit dem schiefen Mundwinkel und der schmalen Hornbrille, der sich gern als studierter Scheibenwäscher bezeichnete, genau hier seinen Vierzigsten Geburtstag gefeiert, wenn man denn ein Geburtstagsständchen schon eine Feier nennen kann. „Hoch soll er leben!“ Das hatte ein wenig wie Hohn geklungen, aber am Abend hatten sie zusammen gesessen, von alten Zeiten geredet, von neuen geschwärmt. „Es kommen auch wieder bessere Zeiten.“ Der Spruch war nur so dahingesagt, niemand hätte darauf gewettet, und schließlich empfand man den Status quo allgemein als das kleinere - wenn überhaupt - Übel in einer Zeit, da die Mächte des Bösen auch die vermeintlich uneinnehmbare westliche Welt eingenommen hatten beziehungsweise kausalplausibel daraus hervorgegangen waren.
Das zerschlissene Seidentuch der Vergangenheit wummerte bei solchen Gelegenheiten noch durch die Ganglien der Männer, wenn auch die Hoffnung auf eine bessere Zeit mehr als eine in homöopathischer Dosierung selbstordinierte Medizin zu verstehen war, die ihnen über die Tristesse der Realität hinwegzuhelfen vermochte. Alltäglich gab es drei Publikumsschübe: Jeweils das In-and-out-oftown morgens und nachmittags und dazwischen der Noon genannte Mittagsschub, der weit weniger hektisch vonstatten ging, weil die aus den Offices strömenden Menschen sich Zeit nehmen konnten für einen Drink, ein Sandwich, fürs Schuheputzen, Rauchen, Reden und Dösen; oder sie saßen still irgendwo im Schatten und lauschten der Gitarrenmusik, die der Musikant der Gruppe zum Besten gab. Nach 19 Uhr fiel die Gegend in ihren Security-Schlaf, und - neben den Unsichtbaren - wachte die ebenfalls unwahrnehmbare Armada der dp (direct-positioned, also auf und an Gebäuden positionierten) sowie der hp (highpositioned, also im Orbit schwebenden) Cams für den Fall der Fälle. Das alte Lorrick - das war ja noch nicht wirklich lange her - kannte der Mann mit der Hornbrille noch aus seiner Kindheit. Er hatte nicht weit von hier, in Cymber, auf der Quiry, schräg gegenüber dem ehemaligen GymPalace, gewohnt. Das hätte er sich nicht träumen lassen, eines Tages seinen Geburtstag auf der Straße zu verbringen, in so einer Situation. Alles war so schnell gegangen, die Veränderungen, die kulturellen und politischen Umwälzungen seit Griechenland und der ersten verhältnismäßig kleinen Flüchtlingswelle. Die Wucht der Veränderung brachte eine Radikalisierung zu tage, die sich gerne in ersterer einen Grund suchte, in Wirklichkeit das übliche Jetzt-ist-der Zeitpunkt der Macht- und Geltungs- und Vorzeige-Interessen einzelner Geldköpfe war. Die Zeit war verflogen. Der Ort war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Männer, die sich in dem Neuland dieser neuen Welt zusammengerauft hatten, ihren Verdienstalltag zu bestreiten, waren eine eingeschworene Clique, ein Grüppchen, in dem sich jeder gut kannte und mochte, sich half und gegenseitig unterstützte; und ein jeder von ihnen - hätte man ihn gefragt - wäre geneigt gewesen zu sagen, dass er bessere Freunde nie im Leben hatte.
Wer Realist war, erwartete den großen Crash, wie auch immer der aussehen mochte. Wer noch die verzweifelt brodelnde Hoffnung auf Fortschritt in sich trug, glaubte daran, dass sich - wahrscheinlich mittels irgendwelcher Erfindungen - alles von selbst regeln würde. Wer in tiefem Glauben verwurzelt war oder sich plötzlich in einem solchen, vom Erdrutsch der katastrophalen Entwicklung beschleunigt, wiederfand, ohne je dort gewesen zu sein, mit dem war, was die Geschicke der Welt anbelangte, nicht mehr zu rechnen, es sei denn, es geschähe ein Wunder. „Der sieht aus“, flüsterte der erste seinem Nebenmann zu, „wie dieser Kerl in dem Film, wie hieß der noch, der vom Himmel gefallen war, ... hab ich damals mit Jakob, hast den eigentlich gekannt?, Pferdeschwanz und Lennon-Brille, nee, egal, in dem kleinen Kino da Graph-irgendwas, war später n türkisches Café, jetz glaub ich WW-Holidays, jedenfalls ham wir das da, The man who ö-ö-ö.“ „Der hat n Frisörladen noch nie von innen gesehn“, flüsterte der zweite. „Du denn?“ „Früher schon. ... Komisches Outfit, wär selbst meinem Großvater ...“ Der Fremde wachte auf. Er wirkte müde, wie er sich da - nachdem er die Beschaffenheit des nackten Bodens, des Kunststoffs, auf dem er gelegen hatte, durch eingiebiges Betasten mittels seiner Hände gewissermaßen geprüft und, wie aus dem mit einem Lächeln verbundenen Kopfschütteln zu schließen, für irrwitzig empfunden hatte - ungelenk hoch quälte, als sei er übernächtigt, mit steifen Knochen, einem Rückenleiden oder sonstigen Wehwehchen behaftet. Mit verkniffen blinzelndem Blick wie ein Kurzsichtiger betrachtete er die Umgebung, als sei er gerade von Bord der Santa-Maria gestiegen und habe zum ersten Mal den Boden des noch nichts von sich wissenden Americas unter den Füßen. Ungläubig, beinah misslaunig. Er nickte den anderen zu, hob die Schultern, die Augenbrauen, sagte nichts. Die anderen sahen ihn verwundert an, dann sich selbst, dann wieder ihn. Der Fremde, mittelgroß, stämmig, womöglich auf dem Weg, ins Lager der Dicken zu wechseln, stand da mit einer Nonchalance, musterte die Männer, bedachte sie mit einem Lächeln, als seien sie die Kuriositäten. Er mochte Mitte Fünfzig, vielleicht älter sein. Die langen Haare waren ergraut, die Nase knollig, die Ohren lagen eng am Kopf, der sich nach vorn reckte, um mit staunenden graublauen Augen neugierig wie ein Kind die Welt beziehungsweise deren Entstehen zu betrachten. Alle anderen trugen das Haar kurz, der Hygiene wegen, der Einheitlichkeit wegen, der Einfachheit halber und weil es vornehmlich praktisch war. Außerdem hatte man beim H6H auf die Unity, dem Einheitslook bestanden. Die Frisöre hatten reihenweise ihre Läden dicht gemacht, da die Leute, die Normalsterblichen zum Selfcut übergegangen waren. Ein Haarschnitt bei einem der verbliebenen Coiffeure war ein für den Normalbürger unerschwingliches Nice-to-have, Nein-danke geworden. Noch der vormals Unbekümmertste war im Laufe der Depression zum Centfuchser geworden. Wenn, was selten vorgekommen war, ein Neuer aufgetaucht war, dann hatte es vorher irgendeinen Informations- beziehungsweise Kennenlernen-Kontakt gegeben. Der Älteste dieses Trupps, gewissermaßen dessen Gründervater, hatte - nicht nur diesbezüglich - das Sagen. Aber es war - in anbetracht der spärlichen order situation, wie jener es ausgedrückt hatte - beschlossen worden, niemanden mehr aufzunehmen; ein dutzend Leute, wahrlich genug. „Sieht aus wie dieser, wie heißt der noch gleich, Schauspieler, Ro, Ro, irgendsowas“, sagte eben jener zu demjenigen, der gerade dabei war, das Innenleben der da stehenden cases zu inspizieren.
Die Männer, zwischen zwanzig und siebzig Jahre alt, organisierten und nutzten viele Dinge gemeinsam, ab und zu wurde ein Set abgehalten, sie redeten über Probleme, machten Vorschläge, schafften sich einen Kocher an, ein Handy, irgendwelche Gerätschaften, die von allen nach gemeinsamer Absprache für notwendig erachtet wurden und von denen ein jeder etwas hatte. Nach Feierabend wurde alles in die hinten in einer Reihe stehenden flightcases verstaut. Für den Winter gab es sogar ein Zelt, welches in Ermangelung beziehungsweise der Unmöglichkeit der Handhabung von in den Boden zu justierenden Heringen mittels der Cases daran gehindert wurde wegzufliegen. Im Winter der strombetriebene Heizstrahler, im Sommer die Außenkühlanlage. Eine Kühlbox, die - dank des von H6H beziehungsweise dessen Chef und Eigner Alexander Hoffmann for free zur Verfügung gestellten Stroms - Tag und Nacht im Einsatz war, krönte die Reihe der ebenfalls vom freundlichen aber unsichtbaren Mentor A.H. überlassenen Edelstahl-Behältnisse. Recht luxuriöse Bedingungen also. Und weil an dem so war - alter Trick der Besitz und Sagen eignenden Minderheit von in diesem Lande 2 % der Population, die Mehrheit mittels kleiner dem eigenen Wohl nicht abgehenden Aufmerksamkeiten still zu halten - hinterfragte man erst gar nicht das Warum. In wechselndem Turnus blieben mindestens zwei der Männer - auch an den Wochenenden - dort, um Wache zu halten, guarding, wie sie es ausdrückten. Eine allen ziemlich unsinnig anmutende Auflage von H6H. Aber wozu dies hinterfragen. Tatsächlich wurde allerorten gestohlen, gestohlen was nicht niet- und nagelfest war; aber hier war eben mitnichten allerorten. Die stete Anwesenheit von mindestens zwei Männern also stand auf der ungeschriebenen Agenda von H6H. Doch kaum jemals - schon gar nicht nachts - verirrten sich Fremde hierher. Schon gar nicht hätte jemand es gewagt, etwas zu stehlen, wusste doch jeder ob der triumviralen Überwachung, die aus permanenten satelite hp-Scannings, unsichtbaren hochauflösenden dp-object-move Kameras und schließlich den Securityleuten, die mit ihrer - wie das Oberhaupt der Gruppe sich ausdrückte - GSG9-Ausbildung wohl overqualified gewesen sein dürften, bestand. Da die Cases Eigentum von H6H waren, hätte sich deren Security im Notfall genötigt gesehen einzugreifen, indes war ihnen diese Möglichkeit des Zeitvertreibs bis dato noch nie untergekommen. Die Männer der Gruppe gehörten zu der harmlosen Ausprägung der so genannten Fringes, womit gesellschaftliche Randerscheinungen aller Art gemeint waren. Es gab derer zahlreiche, wovon die meisten bewaffnete Banden waren, die Geschäfte plünderten, Autos klauten, Passanten überfielen und Banken ausraubten. Die Polizei - zu einem Heer herangewachsen und entsprechend ausgestattet - war zwar ebenso wie die zahlenmäßig noch größere Armada der Securities überall präsent, beklagte aber in ihren eigenen Reihen, ob der Militanz, welche die Gegenseite nicht minder denn die eigene an den Tag legte, fast täglich Verwundete und gar Tote und war nicht wirklich Herr der Lage. Der Gegner rekrutierte sich aus tausenden Einzelgrüppchen bis hin zum One-Man Attentäter oder Amokläufer, überall und jederzeit präsent im unauffälligen Look eines Jedermann. Wachdienste und Security-Services hatten entsprechend Hochkonjunktur, trotz der schlechten Bezahlung, punkteten allerdings, ob der Skrupellosigkeit der Gewalttäter eher mit vornehmer Zurückhaltung. Nach dem globalen Einbruch, der seine Anfänge 2012 - just als man, wie es im Nachhinein schien, aus lauter Verzweiflung und wohl auch Wut darüber, dass das Kartenhaus gewissermaßen implodiert war, die Vereinigten Staaten von Europa auf den Weg brachte - genommen hatte, folgte mit einsteinscher Unweigerlichkeit der große Welt-Zusammenbruch, der common collapse, den auch die United States of Europe, U.S.E. nur im Schutzkeller des Fatalismus zu überstehen vermochte. Überall im Land hatten sich Gruppen und Banden gebildet, Gegner von Irgendwas, zumeist zusammengesetzt aus der großen Heerschar der Erwerbslosen, der Aussätzigen, der Hungernden, der Kranken, der Süchtigen, der Verrückten, der Nichtse. Doch hatte auch jede der darüber liegenden Schichten ihren criminal intent, der alle darunter liegenden in ihre Schranken verwies. Die organisierten lower gangs standen oft unter dem Einfluss großbürgerlicher Personen, die ihre schützende Hand über die jeweilige Gruppe hielten oder gar direkt dieser vorstanden und einen beträchtlichen Teil der Ernte einstrichen. Die wirklich armen Leute, die nichts waren, gar nichts besaßen außer dem was sie am Leibe trugen und ein paar Sperrmüll-Habseligkeiten, die wirklich Ausgestoßenen lebten ausgestoßen unter anderem im Sektor 101, D101, im Süden der Stadt, hausten dort in zerfallenen oder dem Zerfall nahen ehemaligen Mietskasernen; im D94, in dem die wenigen noch verbliebenen Hallen und Gebäude des alten Gabriel-Werkes aus dem Meer der Blech- und Plastikhütten aufragten wie die düsteren Zeugen eines untergegangenen Reiches; und im Norden außerhalb der Stadt, wo das Wohncamp Seasons, zwischen einem eigens errichteten Vordeich und dem Hauptdeich, hinter dem sich die Villen der Reichen alarmanlagensicher duckten, gelegen, seinem Namen zum Spott gereichte. Die Deiche hatten derweil im anthropogen hochgemilderten Klima ihren Sinn vollkommen eingebüßt. Von solch unwürdigem outsidermäßigen Leben war die Gruppe in D43 weit entfernt, und die Leute der hier präsenten und doch meist unwahrnehmbaren Security hatten fürwahr einen langweilig lauen Job. Eine der unsinnig anmutenden Auflagen von H6H gegenüber der Gruppe, was deren Wirken als street-service an diesem Ort anbelangte, war also die 24/7 Rund-um-dieUhr-Anwesenheit von mindestens zweien derer Mitglieder sozusagen für die in-case-of Eventualität. Dass sich irgend Gesindel dem H6H-Gebäude auch nur näherte, war nahezu unwahrscheinlich Da eigentlich Kameras beziehungsweise Monitore beziehungsweise die Security, die im Normalfall sofort einschreiten würde, sobald sich von ihr als Scallies spezifizierte Personen auf den Überwachungsbildschirmen beziehungsweise durch Sattelite Q identifiziert ausmachen würden lassen, diesen Job erledigten, blieb dies der Nonsens schlechthin, welcher allerdings nicht hinterfragt sondern strikt eingehalten wurde. Sich darüber Gedanken zu machen, oblag niemandem. Der unternehmenseigene Wachdienst, die H6HS, konnte sich also die Weichteile schaukeln, hätte man annehmen können. Momentan standen derer vier, geradezu durchsichtig, vor dem Hauptportal, andere machten derweil geräuschlos die Runde, wieder andere waren drinnen auf mysteriöse Weise damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass nichts passieren konnte und würde. Und die, welche versuchten, ihnen das Leben schwer zu machen, waren sicherlich keine tunichtguten Scallies oder Bagger wie die, mit denen es die auf dem Vorplatz geduldete Gruppe hin und wieder tagsüber zu tun hatte und die gemeinhin durch gutes Zureden dazu zu bewegen waren, sich aus dem Staub zu machen. Mittellose Touristen, nannte der Gruppenälteste in seiner warmherzigen Art, Dinge zu verharmlosen, diese Leute. Wie jedes andere Unternehmen auch hatte die H6H - neben der offensichtlich allgegenwärtigen Angst vor Hacker-Angriffen sowie der, selber überwacht und abgehört zu werden - weniger Sorge, bebettelt oder bestohlen, als vielmehr in die Luft geblasen zu werden, von Konkurrenten, von Neidern, von irgendwelchen Sillies. Bomben beziehungsweise Detonationen aller Art waren zu jener Zeit an der Tagesordnung. Im Zuge der ersten und dann der zweiten, weitaus größeren - diesmal klima-orientierten - Flüchtlingswelle waren Millionen von Menschen hereingeströmt und hatten das System an den Rand des Kollaps gebracht. Die Grenzen waren eh so löchrig wie ein Scheunentor offen, obschon der Sicherheitswahn bereits seit der ersten Welle unmenschlich menschenunwürdige Züge angenommen hatte, und hereinspaziert kamen naturgemäß die, welche man nicht eingeladen hatte, und sie strömten in dieses Land, weil sie sich hier noch etwas erhofften, was im eigenen und oft auch anderswo todsicher nicht mehr zu finden war: Hoffnung. Noch im März desselben Jahres hatte eine Ministerin aus dem Gruselkabinett der neuen Kanzlerin - wieder eine Frau an der Spitze! - nachdem die alte wegen Weichherzigkeit vom aufgemoppten Wähler ausgeschaltet worden war, allen Ernstes vorgeschlagen, man könne die Arbeitslosen - Zusatz „und andere eh-ehe-eh ...“ - welcher Nationalität auch immer, womit sie das Gesindel, also die Scallies meinte - alle zusammen - in einer Stadt wie zum Beispiel Neu-G unterbringen, was den Umgang mit ihnen wesentlich erleichtere und die Kriminalitätsrate drastisch werde sinken lassen. Bis dato wäre solch eine Proposition undenkbar gewesen. Den Absender eines solchen Vorschlags hätte man augenblicklich in eine entsprechende Anstalt überwiesen. Das jetzige zur Normalität gewordene Desaster kannte man hierzulande nur aus den so genannten Dritte-Welt-Ländern, aus irgendwelchen Filmen, deren Realität noch weiter von der hiesigen entfernt gewesen war als die Länder selbst. Die Ministerin war mit einer kleinen vorsichtigen Rüge der Opposition davongekommen, aber ihr Vorschlag hatte sich in nicht wenigen Köpfen eingenistet - und früher oder später würde die absurde Unmenschlichkeit einer staatlichen oder gar übergeordneten U.S.E.-Notwendigkeit, einer unumgänglichen social need, weichen. Dass die Gruppe ausgerechnet hier gelandet war, ist womöglich Zufall. In der Nähe des Flughafens, im D61, oder am nördlichen Zubringer, D64, oder am K in Molize, D42, war mehr los, einfach mehr Verkehr. Die Frequenz hier war eher eine beschauliche, das Einkommen hätte nicht für alle gereicht, wäre nicht die Qualität der Kunden eine andere gewesen. Der Sterianer, also der in diesem Sektor seinem gut bezahlten Job nachgehende, war bereit, mehr für die von den Männern hier angebotenen Dienste zu zahlen als beispielsweise der eilige Passant am Airport oder der betulich anmutende im SüdSektor. Steria war quasi die edelste der Rebsorten im Weinkeller des Herrn, ein Hightech-Hochsicherheitstrakt, der damals seinesgleichen suchte. Außerdem war diese Örtlichkeit ein sentimentales Fleckchen, was die Erinnerung nicht nur des Gründers dieser Streetservice-Gruppe an bessere Zeiten, von denen hier allerdings nichts mehr zu sehen war, anbelangte. Ein beflecktes Sentimentchen, das, da es nun einmal grimmsche Dimensionen angenommen hatte, der Nimbus 2000 war, auf dem zu reiten die Helden, nach Einnahme einiger Tropfen preisgünstigen Rebensafts bei irgend exorbitanten Gelegenheiten als da wären Geburtstage, Jahres- oder Rekordfeiern, wahre Meisterschaft an den meist späten Tag zu legen pflegten. Oft bekamen sie anstatt des Geldes von den Autofahrern oder Passanten - allesamt in einem der Bürohäuser, den so genannten Loffs (16 Großkomplexe, jeweils 8 links und rechts der Hanseatic, alle grauweiß mit schwarzen Flachdächern, die in der Dunkelheit einen bläulichen Farbton annahmen, sogenannte Luxury-Roofs, welche Helligkeit absorbierten und in Energie umzuwandeln vermochten) beschäftigt - auch andere Dinge wie Zeitschriften, Dosensuppen, Krawatten und auch Tickets für ein Fußballspiel, für die U-Bahn, ja, sogar Kondome, Tampons, angebissenes Gebäck, jede Menge HT und allerlei Selbstgebasteltes. Niemand wunderte sich mehr über irgend etwas. Alles wurde gesammelt und untereinander aufgeteilt, somit musste zum Beispiel auch die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht aus eigener Tasche bezahlt werden. Andere Zuwendungen wie Kino- und Theaterkarten wurden, so niemand darauf Anspruch erhob, weiterverkauft, sodass man sich den Erlös teilen konnte. Wieder anderes - wie das Gebäck - wurde, trotz oft offensichtlichen Makels, von Werwillnochnicht-werhatschon verspeist. Das Entscheidende - im Unterschied zu vielen anderen Gruppen - war, dass die Einnahmen in einen Topf geworfen wurden, was jeden der Beteiligten mit Stolz erfüllte und erst gar keine Zankereien und Neid und Konkurrenzdenken aufkommen ließ. Und wenn man sich tatsächlich einmal zu keiner Entscheidung durchringen konnte, wer zum Teufel beispielsweise die Tampons behalten dürfe oder müsse, so machte der Älteste von seiner Funktion als Chef und Bestimmer Gebrauch, und basta.
Die sechs Männer, die hier übernachtet hatten, schickten sich an, ihre Decken und Matten in einen der sechs silbernen Flightcases - wobei es sich bei einem derer um eine Kühlbox handelte - die hinter der Gruppe ein Mäuerchen bildeten, unterzubringen; weitere sechs trudelten dann fast gleichzeitig gegen 05.30 Uhr ein, man begrüßte sich. Vier von ihnen trugen einen Mundschutz, den sie bei ihrem Eintreffen abnahmen. Der Fremde starrte sie an. Erstere bedeuteten mit ihren Weiß-nicht-Gesichtern, dass auch sie keine Ahnung hatten, wer der war und was er hier wollte. Also machten sich die Ankömmlinge daran, die von ihnen in Plastiktüten jeweilig mitgebrachten Mitbringsel - als da wären Hemden, Hosen, Handtücher einerseits und irgendwelche Reinigungspasten etcetera andererseits - in eine der jeweils dafür vorgesehenen Silberkisten zu packen. Derweil war es rasch so hell geworden, dass der Fremde eine infantile Freude daran zu haben schien, die hochragenden Gebäude um ihn herum zu beäugen, als könne er gar nicht genug bekommen von soviel-Schönheit? Ja, man konnte den Eindruck haben, dass er sie - angelegentlich faltete er gar die Hände - gleich anzubeten gedachte. Derjenige, der des nachts das Licht gesehen hatte, ließ den Mann nicht aus den Augen. „Äh“, sagte einer zu ihm, deutete mit dem Kopf auf den Stauner, „plemplem, hähä.“ „Pscht!“, zischte jener. „Der hat doch nich mehr ...“ „Er sieht sich die Gegend an.“ „Heilige Scheiße, aber wie!“ „Als sähe er sie zum ersten mal.“ „Als hätte er sie verdammt noch mal selber erschaffen, hähä.“ Ein Dritter trat hinzu. „Was’n los?“ „Mh.“ „Kann mir was Schöneres vorstellen, hähä, als diese abgefuckte Ge...“ „Muss jeden Moment kommen.“ „Heilige ...!“, brüllte der eine. Ein summendes Motorengeräusch flog heran. Es war Punkt sechs. Daran behaftet schoss ein Auto auf die Gruppe zu. In der Nacht hatte es hier überhaupt keinen Autoverkehr gegeben, lediglich durch die Ferne war angelegentlich der Pinseltupfer eines elektrofarbenen Geräuschs gehuscht. Ein Lieferwagen, darum handelte es sich, Vorbote des Stoßverkehrs, kam, hupte, parkte am Rand der Gruppe, und das unmenschliche Geräusch erlosch. Der Fremde war drauf und dran wegzurennen, das heißt, tatsächlich rannte er einige Schritte in Richtung des Eingangs zu dem großen, noch im Schatten liegenden rückwärtigen Gebäude, als werde man ausgerechnet dort Mama spielen für den kleinen Bub, der aus einem Alptraum in ihren Schoß zu flüchten gedachte, so einen Schreck jagte das Vehikel ihm ein. „Bloß’n Auto“, rief sein neuer Aufpasser leise. Der Lieferant, „Das ist F“, stieg aus, grüßte mit einem „Morn“, öffnete die Heckklappe, holte einen großen, wasservollen Kessel heraus, dann eine Box, die mit allerlei Essenssachen gefüllt war, „Reste der gehobenen Gesellschaft, welche jene verschmäht hat, von Global F“ - letzteres stand groß und weiß und schnörkellos an dem silbernen Wagen - „eingesammelt, werden nun an die überall in den Randgebieten der Stadt eh sich verteilenden Tagelöhner, Peons, so nennt man uns, vielleicht schon ma gehört, verkauft, Ware gegen Bares.“ Eine Kühlbox, gefüllt mit etwa 2 Dutzend frischen Sandwichs, Süßigkeiten, Erfrischungsgetränken. Zuletzt - und während der Fremde sich langsam dem Ungetüm, das sein neuer Bekannter „Auto“ genannt hatte, näherte -warf der Fahrer, ein junger Mann mit kahl geschorenem Kopf und einer Uniform, die ihn, bis auf das fehlende Käppi, aussehen ließ wie den Kapitän einer Fluggesellschaft, ein Bündel Zeitungen aus dem Wagen, ebenfalls sofort zu bezahlen genauso wie alles übrige. „Wenn wir irgendwas benötigen, zum Beispiel Schuhcrème, Toilettenpapier, Kaugummis, Kraftriegel, Obst oder Ähnliches, teilen wir es dem Fahrer mit, und am nächsten Tag bringt der das Gewünschte.“ Der Fremde ergab sich einer silbernen Faszination. „Der Fahrer nennt den Preis, und wir akzeptieren es oder lassen es bleiben.“ Endlich stellte er ihnen noch einen Wasserkanister vor die Füße sowie eine Tüte mit allerlei Spraydosen. „Hab nich das Gefühl“, sagte jemand von hinten, „dass der überhaupt zuhört.“ Derjenige, welcher dem Aussehen nach der älteste der Gruppe zu sein schien, hielt ihm den dafür üblichen Gegenwert in Euro hin, den der andere sogleich einsteckte. Die Männer verstauten alles in die im Hintergrund bereit stehenden silbernen Kisten. Die Unterschrift auf dem Zettel, der sich Lieferschein schimpfte, zu leisten, behielt sich ebenfalls der Älteste vor, nicht ohne die gelieferte Ware mit den auf dem Wisch verzeichneten Posten verglichen zu haben. Der Fremde betastete derweil den Lack des Ungetüms, war scheint’s ganz zufrieden, besah sich, den Schirm seiner Hände über die Augen gehalten, den Wageninnenraum, klopfte an die Scheiben und scharwenzelte behutsam um das schlafende Monster herum. Das allmorgendliche Ritual, das wie ein Relikt aus vergangener Zeit anmutete, dauerte keine zwei Minuten, dann - der begeisterte Begutachter hatte sich flugs ein paar ängstliche Schritte rückwärts begeben - heulte der Motor des Lieferwagens sanft auf, um sich mit einem kurzen Hupen zu verabschieden. „Sod you!“, rief ihm einer hinterher, während der Wagen das Rondell bereits in westlicher Richtung verlassen hatte.
Die, welche die Nacht hier verbracht hatten, gingen nun ihren üblichen Beschäftigungen nach, deren Anfang die Morgentoilette machte. Zähneputzen mittels altmodische anmutender Zahnbürsten, Waschen aus einer Gemeinschaftswasserschüssel, wobei sie mit dem Wasser äußerst penibel umgingen. Auf Seife wurde verzichtet. Der neue Beistand des Fremden hielt sich vornehm zurück, um, nachdem er seine Brille mit dem Saum seines Hemdes geputzt hatte, mit jenem zusammen das Geschehen zu betrachten, ihm womöglich dies und das zu erklären. „Rasierer“, sagte er und unterstrich dies mit einer entsprechenden Geste, als ein Rasierapparat die Runde machte und adäquate Verwendung fand. Anschließend verschwanden die Männer einer nach dem anderen in den Tiefen des nahe gelegenen U-Bahnhofs, der sein Dasein mit einem großen blauen U ankündigte. „Die gehen aufs Klo, da, in der U-Bahn.“ Der Angesprochene stand da, die Arme ineinander verschränkt, besah sich die Gegend, dann wieder das Treiben der rückkehrenden Männer, setzte sich, stand wieder auf, drehte sich um, kratzte sich am Dreitagebart, zog die Brauen hoch, schüttelte den Kopf, stemmte die Hände in die Hüften, betrachtete die Gebäude, die Gegend, gar den Boden, nickte, verlegte das Gewicht auf das andere Bein, verschränkte die Arme, nickte, gab keinen Ton von sich. „Mh“, machte der Adjutant. Er musste grinsen. „Hab was Komisches geträumt“, sagte er als rede er mit einem alten Kumpel. „Wir saßen, meine Freunde und ich, muss zu unserer Schulzeit gewesen sein, wir waren jung, eh, saßen vor dem alten Segh auf dem schmalen Stück Rasen zwischen omnes omnia omnium und der Straße, als sich einer in unsere Mitte setzte, einfach so, womöglich ein neuer Mitschüler, ein neuer Nachbar, ein Junge in unserem Alter. Wir fanden das komisch, merkwürdig, befremdend, wie auch immer, aber der Neue war einer, der schnell Freundschaften schloss, ging offen auf einen jeden zu, und schwupps hockte er bei mir oben im Dachzimmer, und wir lasen uns aus Steppenwolf vor. Dann saß er im Klassenraum neben mir, und sein Latein war besser als das aller anderen. Und dann gingen wir schwimmen, und dann himmelten wir Mädchen an, und dann fuhren wir Rad, und dann sahen wir uns die Sterne an. Und dann, eh, sagte jemand, Bernd, so hieß der Junge, komme nicht mehr, nie mehr. Und tatsächlich tauchte er nicht mehr auf. Und dann saßen wir wieder da, und alles war, als sei Bernd nie da gewesen. Welcher Bernd?, fragte jemand. - Hälst'n davon?" Der fremde Mann stand ihm nun gegenüber und sah ihm direkt und freundlich in die Augen. Da wich das Grinsen mit einem mal vom Gesicht des Einheimischen, denn der Blick dieses Menschen hatte ihn offenbar getroffen, als hätte man einen Eimer Musik über ihn gegossen. Ihm wurde regelrecht schwindlig, und der Fremde reichte ihm die Hand, hielt ihn fest, lächelte. „Das ist“, und der beinahe Strauchelnde sah dabei auf seine Hand und die des Fremden, „etwas aus der Mode gekommen, ich eh meine, jemandem die Hand zu zu geben, anzufassen, also seit, seit, die Keime, Viren, Epidemien, du verstehst.“
„Anton, ich heiße Anton, Anton Esching.“ Der Fremde überlegte, fasste sich für dieses einigermaßen zeitraubende Unterfangen an das bartende Kinn. „ J e - s u s “, sagte er dann gedehnt und als sei es ihm gerade eingefallen. „Ah!“, machte der Erdling und ließ die Hand des Mannes los. Einer der Männer, in einiger Entfernung damit beschäftigt, sich aufs tägliche Einerlei vorzubereiten, Habseligkeiten aus den da stehenden Flightcases zu klauben, begann plötzlich zu summen, dann fielen die Kollegen, sich dabei den gleichen Tätigkeiten hingebend, ein, sangen. „Das ist dein Leben.“ „Freut mich“, sagte Anton Esching. „ F r e u t m i c h “, repetierte der Mann mit Namen Jesus. Dann zeigte er in Richtung der sich auf die Arbeit vorbereitenden Männer und die silbernen Kisten. „Das ist dein Leben.“ „Ja, da ham wir unsre Sachen drin, was man so braucht, Hosen, Hemden, Unterwäsche und eben Reinigungsmittel, Bürsten, Wischer, Schaber und so.“ „Schon halb abgebrannt.“ „Mh.“ „Und du,duhast nichts dabei?“ „ N i c h ts d a be i .“ „Das ist dein Leben.“ „Ich werd mal, meine, ich muss mal, also, wenn du auch mal, eh, musst, bitte, kommst du einfach mit.“ Mit diesen Worten machte Esching sich auf den Weg, begleitet von dem bärtigen Mann, der -etwas unsicheren Schrittes, die Augen auf den Boden heftend versuchte, mit ihm Schritt zu halten. „Wohin bist du gerannt.“ Sie überquerten rechterhand die Low, ließen den in der Mitte des Platzes angelegten kleinen Rundsee mit seinen orangenen Kieselsteinen links liegen, steuerten auf das blaue U zu, verschwanden in dessen Katakomben und traten in den großzügig gestalteten weißen Toilettenraum ein. Eschings Begleiter erschrak, als er inmitten dieses gekachelten Daseins eingeschlossen schien. „Was ist?“ „ W a s i s t .“ „Wie wär’s mit ... Wasser lassen!?“ „ W a s s e r l a s s e n .“ „Musst du eigentlich alles wiederholen?“ „ E i ge n t l i c h …“ Esching schüttelte den Kopf. „Na, geht doch.“ Jesus trat nahe an eines der Urinalbecken, verzog das Gesicht, blickte zu Anton, der seinerseits auf ihn blickte, stellte sich alsdann mit dem Rücken zum Pinkelbecken, begann etwas schamhaft, die Hose herunter zu ziehen. „He!“, schrie Anton. „Machst’n da, willst doch wohl nich!“ Jesus zog die Hose wieder hoch, harrte einer Erläuterung. „Hier das“, Anton stellte sich vor ein anderes Becken, zeigte was zu tun war, „ist nur zum Pinkeln, und zwar vorwärts, Mann!“ „Ah.“ „Und das da“, er zeigte auf die rechterhand vorhandenen Türen, „da sind die Toiletten.“ „ T o i l e t t e n .“ „Ja, für das große Geschäft.“ „ G e s c h ä f t .“ „Oh, Mann!“ Er ging zu einer der Türen, holte einen Chip hervor, hielt ihn vor die Scannzone, und die Tür öffnete sich. „Ohne Chip kein Geschäft, he, sind von H6H, sonst müssten wir einen Chip kaufen oder in die Büsche gehen.“ Dann erklärte er, wie das alles zu bewerkstelligen sei. „Oh, oh, ja, oh“, machte Jesus. „Stellst dich ja an wie der erste Mensch.“ „Mh.“ „Nu mach schon!“ Anton wartete in einiger Entfernung. Es dauerte. Dann die erlösende Druckluftspülung und dazu Jesus’ lautes Lachen, der anschließend grinsend durch die Tür trat. „Spaß gemacht?“ „Mh-mh“, lachte Jesus durch die Nase. Nachdem Esching gepinkelt hatte, erschrak der Begleiter aufs Neue beim plötzlichen Einsetzen des Airclean-Geräusches.“ „Automatisch, die Luft, kein übler Geruch.“ „ A u t o...“ „Zum Waschen gibt’s nur diese Feuchttücher“, Esching zeigte auf einen Kasten mit der Aufschrift freshs, „kosten aber.“ Als sie die Treppen hochstiegen, schockte das Geräusch der unterirSch dahin sausenden Bahn den Mann dermaßen, dass er einige Stufen hoch rannte, sich dann mit beiden Händen an die Wand drückte, so als werde das Biest gleich genau dort vorbeirasen. „Langsam, langsam! Mein Gott, das war die erste, die rauscht einfach durch, hält erst …“ „ D i e e r s t e .“ „Die erste U-Bahn, ja, hält erst, wenn sie wieder zurückkommt, dann kommen die ganzen Leute.“ „ G a n z e n L e u t e .“ „Na, die hier arbeiten, in den Loffs, dass sind doch alles Loffs hier, Büros.“ „ B ü r o s .“ „Sag mal, kann das sein, dass du irgendwie ...“ „N e i n.“ „Ja, was nein?“ „L a n g s a m.“ „Langsam?“ „ B i t t e !“ „Ooh - k a y .“ Beim Rasieren hing Jesus, nachdem das Geräusch, welches der Rasierapparat von sich gab, als Esching das Ding über sein Kinn führte, bei ihm Heiterkeit hervorgerufen hatte, weiterhin wie eine Klette an seinem neuen Freund, beobachtete jede Bewegung, als gelte es, anschließend eine Gebrauchsanweisung in Worte zu fassen. Dann überreichte Esching ihm den Rasierer, stellte die Schneideposition ein, und Jesus besah sich den Apparat, versuchte es seinem Vorgänger gleich zu tun, rasierte sich umständlich, lachte wie ein Teenager, Esching schüttelte den Kopf. Er hielt dem Anfänger das Handtuch hin, als dieser endlich sein Gesicht gewaschen hatte. Der hielt das weiße Baumwolltuch über Gebühr lange in den Händen, trocknete sich nach ausgiebiger Befühlung schließlich ab. Der Neuling wurde auf eine Tasse Kaffee eingeladen. Er erhielt einen dickwandigen Plastikbecher, den er beklopfte und an sein Ohr hielt, als könnten ihm Töne entweichen. Esching schmierte eine unidentifizierbare gelbliche Paste auf zwei Scheiben Brot, hielt die eine dem neuen Freund hin, biss in die andere hinein. „Gibt sich mir als Erdnussbutter zu erkennen, möchte ich meinen.“ Auch Jesus nahm einen herzhaften Bissen und gab mittels eines breiten Gesichtsausdruckes zu verstehen, dass es ihm gut schmeckte. Dann probierte er den Kaffee, verzog das Gesicht, lächelte aber sogleich wieder unter seinen dicken Augenbrauen hervor. „Du hast noch nie Kaffee getrunken?“ „Mh , n e i n “, sprach der Mann, der sich Jesus nannte, langsam, geradezu vorsichtig. „Totale Amnesie?“ Fragender Blick des Fremden. „Gedächtnisverlust.“ „ G e d ä c h t n i s - v e r l u s t .“ „Und manche Wörter, Begriffe, die hörst du wohl tatsächlich zum ersten Mal?“ „?“ „Tatsächlich. Aber dann bist du schnell von capé?“ „ T a t s ä c h l i c h .“ „Aha, meine, du bist nicht begriffsstutzig. Wenn du mal an etwas geschnuppert hast, dann fällt’s dir schnell wieder ein.“ „ S c h n e l l w i e de r e i n.“ „Mit einem Mal weißt du es.“ „ M i t e i n e m M a l .“ „Mit einem Mal.“ „Mh.“ „Mh.“ Immerhin gingen die Worte dem Fremden jetzt schon etwas flüssiger über die Lippen. „Gut, der Kaffee?“, wollte Esching wissen. „Gut“, repetierte der andere. Sie schwiegen eine Weile, standen sich direkt gegenüber, bissen ein jeder von der jeweiligen Scheibe Brot ab und nippten abwechselnd am jeweiligen Becher. Esching beobachtete, wie Jesus die jetzt ankommenden und vorbeifahrenden Autos argwöhnisch musterte, als seien sie futuristische Mobile aus einem Science-Fiction-Film. Die Neugier des Ungläubigen wurde immer größer. Er legte sein Brot beiseite und schüttelte erneut den Kopf. „Der Jesus?“, fragte er endlich. Mit einem knappen „Ja“ schien die Sache erledigt. Aber nicht für den wissbegierigen Esching. „Jetzt mal Spaß beiseite! Das ist doch ...?“ Die Straßen belebten sich langsam. Die U-Bahn-Station entließ die ersten Passagiere. An dem Rondell bildete sich infolge des zunehmenden Verkehrs aus nördlicher und westlicher Richtung bald stockender Verkehr, und die Männer konnten nun anfangen, ihrer Arbeit nachzugehen. Sie packten Reinigungszeug, Zeitungen, Sandwiches, Süßigkeiten und so weiter zusammen, begaben sich an den Rand der Fahrbahn, um ihre Dienste anzubieten. In Jesus’ Augen, die auf das Geschehen starrten, als handele es sich um die Erschaffung der Welt, war der Glanz kindlichen Staunens. Esching holte aus einem der Cases einen Scheibenwischer, ein Tuch und eine Flasche mit Glasreiniger der Marke W7, stellte sich dann wieder neben Jesus.
Viele Autos waren schwarz, meistens firmeneigene Fahrzeuge, die mit ihrer geschmackvollen Uniformität genau jene konnotierten, welche darin saßen. Neuerdings erfreuten sich aber auch bunt lackierte, fahrende Bilder zunehmender Beliebtheit. Esching deutete mit dem Finger auf eines. „Moving pics nennt man die“, sagte er. Meist schmiegten sich Frauenhände um solch sportliche Lenkräder. Man sah wenige deutsche Standard-Modelle neben der reichhaltigen Palette marktbeherrschend asiatischer Limousinen. „Das da“, der Kundige zeigte auf ein abstrus wirkendes mattschwarzes Fahrzeug, das ist ein Crace, sieht aus jedem Blickwinkel anders aus, siehst du, irgendwie kubistisch. Und das da“, ein eierweißer Sportwagen rollte vorbei, „das ist ein Flash, jetzt sieht’s ganz normal aus, aber bei zunehmender Geschwindigkeit wird’s immer stromlinienförmiger.“ „Normal?“ „Für dich scheint das Automobil an sich schlichtweg ein Wunder zu sein, entsprechend schaust du nämlich aus der womöglich zweitausend Jahre alten Wäsche, haha.“ Er rückte seine Brille zurecht. Als Jesus diese auf seine naiv eindringliche Weise betrachtete, nahm Esching sie ab, hielt sie Jesus hin. „Eh ...“ „Oh“, machte der. „Ja, oh. Is kein Fensterglas, ganz normale Brille.“ Jesus setzte sie behutsam auf seine Nase. „Brillle.“ „Was sonst.“ Der Fremde runzelte die Stirn, nahm die Brille ab, blinzelte, gab sie dem Eigentümer zurück. „Ach so, ja, damit kann man, wenn man schlecht sieht, je nachdem, ob man kurz- oder weitsichtig ist, also, man kann wieder ganz normal sehn. Ohne Brille bin ich aufgeschmissen.“ Der Heilige lachte. „Manche haben auch,“ er hielt das Gestell in der einen, zeigte mit dem Finger auf seine Pupillen, „hier, im Auge, auf dem Auge eine Haftschale, sozusagen unsichtbare Brille, hat den gleichen Effekt. Und wer sich’s leisten kann“, fügte er hinzu, „lässt seine Augen lasern, das ist so’ne kleine Operation am Auge, auf der Netzhaut, kann man sich als so eine Art elektrischen Strahl vorstellen, dann benötigt man weder Brille noch Haftschalen.“ „Oh.“ „Oh-oh, ich seh schon.“ Jesus schickte einen neugierigen Blick in Richtung Eschings Schuhe. Der Besitzer hob die Augenbrauen und stöhnte. Der Verkehr nahm zu, auf den Straßen und Gehwegen flatterte buntes, lautes Treiben, und die Passanten stoben wie Fliegenschwärme in alle Richtungen. „Du fragst dich, wo die alle hin wollen. In die Loffs, ihre Offices, Büros, Geschäftsräume, Arbeitszimmer. Früher, so lange ist das noch gar nicht her, da standen hier überall Wohnhäuser, alles weg. Nur da hinten, sieht man von hier aus nicht, das Seniorenheim, Neubau, sieht aus wie alle andern hier, das Altenheim, sinniger Weise Greys genannt, das graue Heim, das hat sich - wenigstens als solches, als Institution - behaupten können, natürlich im neuen Steria-Outfit, für Normalsterbliche aber unerschwinglich, vermute mal, dass die Mama irgendeines der Bosse hier, also der Finanziers, der Geldgeber für dieses ganze Tamtam, dass die da inhaftiert ist.“ „?“ „Spass, meine, dass die da einsitzt, nein, also wohnt quasi. Schaut aus dem Fenster auf die hoch aufschießenden Mahnmale architektonischen Trotzes.“ „?“ „Der Ausblick, den sie da hat, nicht eben erbaulich, wie ich finde, also ich möchte da nicht ...obwohl, wozu rausschauen.“ Mit einer Geste seiner Hände, die in halber Ausführung abbrach, da sie auf Jesus zeigte, diesen aber nicht zu beschämen gedachte, kombiniert mit einem leichten Anheben sowohl der Schultern als auch der Augenbrauen, gab Esching einem seiner Kollegen zu verstehen, dass er noch ein Weilchen mit dieser außerplanmäßigen Tätigkeit beschäftigt sein werde. Die Schuhputzer, Scheibenputzer, Autowäscher, Getränke-, Sandwich-, Zeitungs- und Süßigkeitenverkäufer gingen derweil routiniert ihrem Tun nach, ohne den Fremden weiter zu beachten.
Anton Esching nahm das Brot, das er auf einer Box abgelegt hatte, um den Rest zu verzehren. Eine Fliege setzte sich auf den Rand, als er eben hineinzubeißen beabsichtigte. Er verscheuchte sie und nahm einen herzhaften letzten Bissen. „ D i e s e s F l i e g w e s e n “, fing der Mann, der sich Jesus nannte, an, „ob es auf einer Scheibe Brotes sitzt oder an einer Decke, es fällt nicht hernieder, ob es wacht oder schläft, es fiele dem Fliegwesen im Traum nicht ein abzustürzen, nie hat man ein solches Wesen taumeln sehen, darob es sich nicht mehr hätte halten können.“ „Alle Achtung! Wenn du eben noch kaum ein Wort hervorbringen konntest, dann war das jetzt das erste Wunder, mein lieber Schw... Die Fliege, ja, das ist klar“, sagte er, nicht recht begreifend, worauf der andere hinaus wollte. „Glaubst du, dass ich übers Wasser gewandelt bin?“ „Woher weißt du, dass du ...?“ „Ich meine, diesen Gedanken eben bei dir gesehen zu haben.“ „Mh, ja, also, also, ok, ja, tatsächlich, also zumindest glaube ich, dass Jesus das getan hat. Ob du das bist, das wage ich allerdings immer noch zu bezweifeln.“ „Wie hat denn Jesus das tun können, was ist deine gedankliche Bezüglichkeit?“ „Eh. Na ja, er konnte es halt, er war Jesus, der Sohn Gottes ...“ „Er hat es gekonnt“, fiel der eine dem andern ins Wort, „weil er es gemacht hat wie dieses Fliegwesen: Er war sich dessen sicher, für ihn gab es nicht den geringsten Zweifel, so wie es für die F l i e g e keinerlei Zweifel an ihrer natürlichen Fähigkeit, an der Decke entlang zu spazieren, gibt.“ „Aber wissenschaftlich betrachtet ... Mh. - Ich muss mich nun mal an die Arbeit machen, sonst müssen die andern ... Da die Cases“, er zeigte von links nach rechts auf die silbernen Behälter, „das ist die Kühlbox, mit 1a Strom versorgt von H6H, dann da sind Klamotten drin, da auch, da so dies und das, da unser Handwerkszeug, und in der da rechts so Dinge für den täglichen Bedarf, auch der Kaffeekocher, funktioniert ohne Strom, wenn du ...“ Jesus winkte ab. „Ich gedenke euch ein wenig zu betrachten.“ „Tja, mach das!“ Anton Esching nahm seine Utensilien, machte einen Schritt in Richtung seiner Kollegen, blieb stehen, wandt sich erneut an Jesus. „Das mit dem Auto und all dem Zeug, das du anscheinend noch nie gesehn hast“, bohrte er, „ich meine, wenn du der von vor 2000 Jahren bist, du würdest, wenn du vor 2000 Jahren gelebt hast und jetzt in diese Welt, dieses Chaos, dieses verrückte Heute geworfen würdest, ha, du würdest sofort den Verstand verlieren, augenblicklich, das hielte nichma Jesus aus, muss ein, eh, dermaßen krasser Unterschied sein, wird mir schwindelig, wenn ich nur daran denke.“ „Entschuldige“, unterbrach Jesus, „die Situation bedarf meiner Gewöhnung, das ist wahr. Aber ich naturalisiere schnell. Für mich ist alles neu. Ich bin plötzlich, unvermittelt hier.“ Wollte er den anderen zum Narren halten? „Wie, was?“, fragte der. „Plötzlich? Soll das heißen, du bist jetzt einfach so, plumps, vom Himmel gefallen quasi? Ich meine, he, man wird normalerweise geboren, man taucht nicht mit ... wie alt, sagst du, bist du? ... mit, mit Fünfzig, mit über Fünfzig einfach so auf, he, mit grauen Haaren und, übrigens hast du schlechte Zähne, und dir fehlt da einer, und da, also, he, man hat doch eine eine Mutter, wenigstens eine Mutter, he!“ Er sah zu den andern hinüber, die am Außenoval des Rondells ihrer Arbeit nachgingen. Der eine drückte einem Mann eine Zeitung - die großlettrische Kriegsbemalung lautete "Todesvirus aus Gondwanaland" -in die Hand; ein anderer gab einer jungen Frau, die ihren Arm aus dem Wagenfenster streckte, zwei Erfrischungsriegel; ein dritter wischte einem älteren Herrn, der naturgemäß in Eile war, rasch mit einem Tuch über die schwarz glänzenden Schuhe; ein vierter war dabei, die Frontscheibe eines Subtile, der auf der Freifläche geparkt hatte, zu reinigen. Jesus lächelte. „Soll das eine Antwort sein? Damals hat Jesus“ -Anton setzte den Namen mit Hilfe seiner Gliedmaßen in Anführungszeichen - „wenigstens Eltern gehabt, man kann doch nicht mit ... über 50, ohne jegliches Vorleben, plötzlich vom Himmel fallen.“ Der Gemeinte war nicht aus der Reserve zu locken. „Was wirst du denn den Leuten erzählen, das kauft dir doch kein Mensch ab, is ja noch unglaublicher als die unbefleckte Empfängnis“, rief er, schon auf dem Weg zu den Kollegen, hinter sich zu dem nun in sicherem Abstand stehen gebliebenen Jesus. Mit einem Gefühl aus Ungläubigkeit und Neugier ging Anton Esching seinem Handwerk nach. Der weißhaarige Fahrer eines Felice der Marke Fiat bat um einen Außen-Full-Service, Waschen, Reinigen, Polieren. Ein eingespieltes Team von vier Männern fiel über die seitlich abgestellte Limousine her, während der Besitzer am Steuer saß und die U-Post überflog, wozu ihm knapp vier Minuten Zeit blieben, bevor einer ans Fenster klopfte, aus dem anschließend ein Geldschein den Besitzer wechselte. Zeitung, Geldschein undsoweiter, das waren alles Dinge, die man sich leisten können musste. Geld war so teuer wie noch nie. das Leben war so kurios wie noch nie, so fremd wie noch nie, zumindest anders, sehr sehr anders, verglich man es mit dem vor 30 oder 40 Jahren. Als der Wagen sich mit einem leisen Schnurren wieder in den Verkehr eingeordnet hatte, sagte Esching in die Runde: „Arme Schweine sind wir. Sind wir arme Schweine?“ „Was’n mit dir los?“ „Hätte mir das damals ..., meine, du hast doch auch Abitur, hättst du gedacht, dass du mal auf der Straße landen würdest, solche Typen kannte man vom Hörensagen, aus dem Fernsehn, aber nich persönlich. Mann!“ „Das hatten wir doch alles schon mal.“ „Ja, aber dass ausgerechnet wir ...“ „Wir sind“, meinte der andere, „eine eigene Gesellschaft, eine vom Rand her sich ausbreitende Masse.“ „Und arme Schweine.“ Einer klopfte ihm auf die Schulter. „Sentimentale Anwandlung. Hat das was mit“ - er deutete mit dem Kopf auf den Fremden - „dem da zu tun?“ Er winkte ihn herüber. „Anton sagt, wir sind arme Schweine, stimmt das?“ Einige dieser Gruppen waren dazu übergegangen, so etwas wie Straßenkarneval aufzuführen, traten als Piraten oder Marsmenschen auf. Am Staufer gab es die ZooZoos, eine gemischte Truppe, verkleidet als wilde Tiere. Im Süden, am P-West, befanden sich die Stars, die sich in aufwendigen Kostümen und Make-ups darin gefielen, Größen des Show-Biz zu imitieren. Anderswo gab es eine Engelgruppe, die sich nur aus weiblichen Mitgliedern rekrutierte; dort eine Fantasie- und sogar eine südamerikanische Tanzgruppe, Gringo, die zu entsprechender Musik eine regelrechte Show hinlegte. Die Männer am A.H.-Platz kamen in dieser Enklave des Wohlstands, in der sie - aus welchem Grund auch immer - geduldet, wenn nicht gefördert wurden, ganz ohne irgendein Tamtam aus, Tagesverdienst pro Mann und Nase 20 Euro, samstags und sonntags nahezu Null, im Monat ein erkleckliches Sümmchen von 400 Euro, rechnet man noch Theaterkarten, Krawattennadeln und anderen Tand, den man in bare Münze umsetzen konnte hinzu, kam man pro Nase vielleicht auf 450, davon ging allerdings noch einiges ab, sodass einem jeden von ihnen durchschnittlich letztlich etwa 400 Euro am Monatsende übrig blieben. 400 Euro!, wo ein 250grammPaket Butter schon 20 Euro kostete. Aber wer aß schon Butter! Das Geld wurde hauptsächlich für die Ernährung aufgewendet, sowohl die eigene als auch die der verwandten und befreundeten Personen. So mühsam es verdient wurde, so schnell versickerte es auch wieder. Allein die Lebensmittelpreise - mochte man auch noch so billig einkaufen - sorgten für stetige Ebbe in der Kasse. Strom, Wasser, Kleidung etcetera verlangten also, Billigstes zu billigen. „Es gibt“, erklärte Esching an den Neuen, der nur große Augen machte, gewandt, „Menschen, Frauen und Männer, von den Kindern gar nicht zu sprechen, denen geht es viel viel schlechter als uns, unvorstellbar schlecht, die meisten haben keine Arbeit, erhalten keine Unterstützung. Viele leben in einer Art Höhle, Hölle, wenn du mich fragst, in Käfigen, in Dachverschlägen, in der U-Bahn, unter Brücken, an irgendwelchen Ecken im Freien. Die wenigsten von denen verdienen etwas, verdienen, wenn überhaupt, ein paar Euro am Tag, zu wenig zum leben, zu viel zum sterben. Die meisten haben gar keine Arbeit, null Geld. Wir geben jeder einen Euro täglich an die CPO, Cage-peopleorganisation, die diese Leute unterstützt.“ Der Applaus blieb aus. Stattdessen schien der Blick des Fremden zu sagen, dass das nicht genug sei. „Vergleichsweise sind wir tatsächlich auch nur arme Schweine,“ verteidigte Esching sich, „nehmen ja hier nicht viel ein; wenn wir was abgeben, ist das schon verdammt großzügig, aber wer bist ...“ „Lass ma, Thomas! Wir tun, was wir können.“ „Jeden Tag?“ „Der kann ja reden.“ „Jeden Tag, den Gott erschaffen hat, stehn wir hier, ja. Natürlich nich an den Wochenenden, da is ja nichts los, tot hier, abgesehn von den Wachleuten, den patrouillierenden Securities und den zu Wachsfiguren erstarrten Portiers. Schnorrer, Hausierer und Bettler ham schon wochentags hier nichts zu lachen, so sich denn mal über Umwege einer in den Sektor verirrt, da verstehn die Sicherheitsleute keinen Spaß, an den Wochenenden allerdings ist die Gegend gänzlich ausgestorben, bis auf uns, also zwei von uns -und die Alten vom Brooch Weg, die allerdings im Durchschnitt nahe dran sind.“ Von Staatsseiten beziehungsweise Stadtseite beziehungsweise behördlicherseits ließ man all diese Gruppen in Frieden, verlangte keine Anmeldung, keine Abgaben, solange sie Staatsangehörige der U.S.E. waren, solange sie einen Wohnsitz nachweisen konnten, solange sie friedlich waren, damit sie eben dies blieben. Nur nicht noch mehr Randalierer und Demonstranten und Bombenwerfer, die ihrem Unmut Luft zu verschaffen suchten. Man ließ den Leuten diese kleinen Jobs, dies Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben, damit sie nicht aufstanden und sich beklagten wie die anderen, die gar nichts hatten und aus lauter Verzweiflung Autos in Brand steckten, Schaufenster einschlugen, Läden plünderten, Kaufhäuser in die Luft sprengten oder sich von Dächern stürzten. Das alles war an der Tagesordnung. Das Leben war unglaublich brutal. Die untere Gesellschaft war abgespalten von der oberen. Viele der Peons hatten gedacht, wenn sie das, was sie verdienten, zusammenhielten, dann könnten sie den Schritt schaffen, die Leiter hochklettern. Aber es ließ sich nichts sparen, hier nicht und dort nicht und nicht heute und nicht morgen, es war keine Besserung abzusehen, und die Besitzer der anderen Welt gewährten keinem Außenstehenden Einlass: Geschlossene Gesellschaft, jetzt war sie da, wenn auch ganz anders, ganz unphilosophisch trist, äußerst unschön. Und es gab keine Leiter mehr. Wer unten war, der blieb auch dort. Das Lächeln der Menschen war zu einem seltenen Pfand des Lebens geworden. „Thomas“, sagte Anton Esching zu seinem Freund, während sie sich um einen alten Bentley kümmerten, dessen Besitzerin, eine Frau mittleren Alters und Grécoschen Aussehens, die infolge dessen mit Madame angesprochen wurde, ausgestiegen war, „ich kann mich heute nich konzentrieren. Er sagt, er sei Jesus, heißt nich nur so, is es auch, meint er.“ „Blödsinn.“ Der Blödsinn schaute mit einem Grinsen auf den Lippen auf alles und jedes. „Gottes Sohn, soll das doch wohl heißen.“ „Ein Verrückter.“ „Aber irgendwas Faszinierendes, also, weiß auch nich, klar is das verrückt, aber irgendwie fühl ich mich plötzlich - beschenkt.“ „Du bist auch verrückt.“ „Klar is das nich die sunny side of the street hier, wenn man’s mit früher ..., aber, wir haben uns hineingefunden ...“ „Und finden nich mehr raus.“ „Quatsch, es geht uns doch gut, allem Anschein zum Trotz geht’s uns doch gut, oder? Brauchen wir Luxus? Braucht irgendwer Luxus?“ Jesus’ Blick schien plötzlich ins Mitleidige gekehrt. Die Schatten wurden kürzer. In der Ruhepause zwischen den ersten beiden Verkehrsschüben dösten die Männer vor sich hin. Jesus saß etwas abseits am linken Rand der Gruppe, hatte den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Der Gitarrenspieler improvisierte Peter Greens Albatross. Einer der Männer, mit einer dicken Brille und noch dickeren Gläsern bewaffnet, die er sich jetzt auf den fast kahlen Kopf geschoben hatte, fragte den, der am ältesten aussah: „Wolfram, willste den nich ma fragen, meine, willste dem nich ma bescheid stoßen, dass wir hier kein’ mehr brauchen könn’!?“ „Scheint zu schlafen. Hält sich für Jesus. Lass ihn mal.“ „Und ich halte ihn für’n ganz ausgebufften ...“ „Pscht!“
