Trude - Rose Marie Gasser Rist - E-Book

Trude E-Book

Rose Marie Gasser Rist

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Beschreibung

Rose Marie Gasser Rist ist mit ihrem Werk ein großartiger Roman gelungen: TRUDE ist eine Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts in einer männerdominierten Welt ihren Weg findet und sie wächst einem sofort ans Herz. Ihre Geschichte umfasst 90 Jahre pralles Frauenleben und sie lässt nichts aus: die ganz große Liebe, Mutterschaft, Migration, Erotik, Mystik, Weltgeschichte, Abschied und Neubeginn. TRUDE berührt und fasziniert. Von der ersten bis zur letzten Seite! Leserstimmen:Die tiefe, wahrhaftige Kraft dieser Geschichte zieht einen unweigerlich in ihren Bann. (Bettina Sahling) Ein Werk, das viel zur Frauenheilung beitragen kann. Trudes unterhaltsam beschriebenes Leben führt unweigerlich zu: "Wilder Denken, freier L(i)eben!" (Rita Fasel) Rose Marie Gasser Rist schafft mit ihrer klaren, präzisen Sprache Stimmungen und Bilder einer aufwühlenden, mit dem Leben versöhnenden Story. (Carolin von Kameke)

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Seitenzahl: 537

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Rose Marie Gasser Rist

TRUDE

Band I der Bernstein Saga1908 - 1998

Roman

Rose Marie Gasser Rist

TRUDE

Band I der Bernstein Saga1908 - 1998

Roman

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

Originalausgabe

Copyright © 2017 Sheema Medien Verlag,

Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort

Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953

http://www.sheema-verlag.de

Copyright © 2017 Rose Marie Gasser Rist

Ebook ISBN 978-3-931560-92-8

EPDF ISBN 978-3-931560-93-5

ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-54-6

Coverabbildung: © 2017 Gutsch Verlag (mit freundlicher Genehmigung)

Buchrückseite: © JulietPhotography – Fotolia.com

Foto der Autorin: © 2017 Giulia Nina Gasser

Lektorat: Monika Stolina-Wolf

Umschlaggestaltung:Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital,

Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim – www.brocom.de

Alle Rechte vorbehalten. Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechts geschützt. Jegliche von Autorin und Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische und digitalisierte Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien, Internet, sowie auszugsweisen Nachdruck und Übersetzungen. Anfragen für Genehmigungen im obigen Sinn sind zu richten an den Sheema Verlag unter Angabe des gewünschten Materials, des vorgeschlagenen Mediums, gegebenenfalls der Anzahl der Kopien und des Zweckes, für den das Material gewünscht wird. Haftungsausschluss: Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck, sondern ausschließlich Unterhaltungs- und Bildungszwecken. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autorin und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.

Für Matthias – my ValentineUnd unsere Musik

„All the stones in my wayWill be covered with flowers and green“

(Zeilen aus dem Lied Morning Star von Matthias Rist)

INHALT

TARTU 1908 – 1929

1908 Karge Kindheit

1922 Frauenfreundschaft

1925 Die Liebe

1929 Eine zweite Chance

LENINGRAD 1929 – 1938

1929 Das tägliche Brot

1930 Die Kinder

1938 Vorzeichen

DARWIN 1938 – 1974

1938 Rote Erde

1939 Die Rückkehr des Glücks

1940 Am Billabong

1941 Der Pazifikkrieg

1942 Der Abschied

1945 Zurück in die Stadt

1946 Der Bernstein

1954 Familienzuwachs

1957 Das erste Mal danach

1958 Ein halbes Jahrhundert

1961 Ein Mädchen

1966 New York

1970 Auf Touren

1974 Tracy you Bitch

BRISBANE 1980 – 1998

1980 Kuranda

1986 Roter Flaum

1988 Bibeln und moderne Maschinen

1993 Kookaburra Sits in The Old Gum Tree

1998 Zwischen den Welten

Herzensdank

Vita

TARTU

1908 – 1929

1908 Karge Kindheit

Das Neugeborene zitterte zwischen den Schenkeln seiner Mutter, seine Nabelschnur pulsierte noch. Seine Haut schimmerte bläulich-rosa unter der Käseschmiere und machte die Verletzlichkeit des jungen Lebens im Kontrast zu dem grellen Rot, auf dem es lag, deutlich. Die Laken, in denen Mutter und Kind gebettet waren, waren von Blut durchtränkt. Als der Säugling seinen ersten Atemzug nahm, hauchte die entkräftete Mutter ihren letzten aus. Trudes Patenonkel war der Tod. Von der ersten Lebensminute an machte er deutlich, dass er nicht von der Seite des Mädchens weichen würde.

Mutter Marthe konnte das ersehnte Mädchen nicht in die Arme nehmen, es nicht mit nährender Wärme in der Welt willkommen heißen. Es war nicht Trudes Schuld, dass die Mutter unter der Geburt verblutete. Vielmehr war es die Erschöpfung, vielleicht sogar eine Erlösung nach einer Dekade Dauerschwangerschaft, die die ergebene Gattin dahinraffte. Seit der Vermählung hatte sie in regelmäßigen Abständen sechs Söhne zur Welt gebracht. Eine Tante, eine Patin, eine ältere Schwester hätte vielleicht Trudes Ankommen sanfter betten können. Eine Frau auf dem Hof hätte vielleicht die folgenden Jahre mit etwas Fürsorge milder gestalten können. Doch es war, wie es war: Das schutzlose Trudekind betrat eine männliche, herbe Wirklichkeit.

Marthes Tod versteinerte Vater Heinrich. Sieben Kinder verloren ihre Mutter und mit einem Schlag auch die Zuwendung ihres Vaters. Mit dem Verlust der Lebensgefährtin und Arbeitskraft schwand Heinrichs Lebensfreude. Sein Gram überlagerte alles. Für die Trauer seiner Söhne, die ihre Mutter ebenso schmerzlich vermissten, und das Vakuum, in das seine Tochter hineingeboren wurde, war er blind. Er flüchtete vor dem Trauerbrand im Herzen und wurde ein missionarischer Kirchgänger.

Trude wuchs in einem Männerhaushalt auf. An Essen und Kleidung mangelte es nie. Vater Heinrich war ein tüchtiger Mann. Er konnte mit dem Käsereibetrieb für die Familie aufkommen und manchmal beschäftigte er Wandergesellen. Den Haushalt organisierte er militärisch diszipliniert und leitete die Kinder zu Reinlichkeit und Disziplin an. Je älter das Mädchen wurde, desto mehr musste es mithelfen. Und als heranwachsende junge Frau fand sie sich für die Männer kochend, putzend und Wäsche versorgend wieder, während die Brüder mehr und mehr einem Erwerb nachgingen.

Es war in Fels gemeißelt, dass Trude als Frau nie einen eigenen Beruf erlernen, geschweige denn einem Studium nachgehen würde. Es war vorausbestimmt, dass ihr Vater Trude, sobald sie alt genug wäre, einem Burschen aus der Täufergemeinde zur Gattin überlassen würde. Sie würde dessen Kinder großziehen, ihm den Haushalt führen und bis ans Lebensende von seiner Gunst und Existenz abhängig sein. Dafür reichten Grundschule und Kirchgang am Sonntag vollends aus.

In der Kirchenbank fand Trude Abwechslung zum grauen Dasein. Wenn die Gemeinde sang und sie mitten im mehrstimmigen Klangbad saß, schloss sie die Augen und war für wenige Augenblicke glücklich. Im Schmelztiegel des Gesangs gab es keine Moral, keine Schuld, keine Last – nur Wohlklang und Verbundenheit. Unterricht und Kirchgang schenkten ihr Bildung und Seelennahrung, wenn auch nicht befriedigende Antworten auf ihre Fragen. Trude taumelte durch ihre Kindheit wie eine Außerirdische. Zu Tisch wurde geschwiegen, aus der Bibel zitiert oder über die Arbeit der jungen Männer gesprochen. Das Wohl des Mädchens stand nie im Mittelpunkt des Interesses. Sie war als kleines Kind ein geduldeter Schatten und als Heranwachsende eine willkommene Dienstmagd.

Sie nahm ihr Schicksal an, verrichtete die aufgetragenen Aufgaben, ohne aufzubegehren, doch in ihrem Kopf stritten widerspenstige Gedanken. Die Schuld an Mutters Tod hatte sie nie angezweifelt. Doch warum konnte sie den Gott, den der Pfarrer lobpreiste, nicht spüren? Innen und Außen standen in ständigem Widerstreit. Sie tat, was von ihr erwartet wurde, während etwas, wofür sie keinen Namen hatte, rebellierte. Trude spürte in ihrem Herzen ein aufblitzendes Feuer, eine Sehnsucht, die, sobald sie versehentlich nach außen entschlüpfte, an der Eiseskälte erstarb. Es mangelte ihr an lieben Worten und Zuwendung, auch wenn sie das nicht ausdrücken konnte. Sie spürte Vaters seelische Not sehr wohl und wollte ihn nicht durch Aufbegehren in Zorn versetzen. Trude war der Männergesellschaft und der baptistischen Gemeinde auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie hatte keine Macht, irgendetwas zu ändern.

Die Brüder waren nicht gemein zu Trude. Sie teilten sich die Hänseleien gegenseitig aus, wenn der Vater nicht zugegen war, ließen die kleine Schwester aber in Ruhe. Alle Kinder teilten sich ein Schlaflager in einer Kammer oberhalb der Wohnstube. Um zu ihr zu gelangen, musste man eine schmale Stiege zum Giebelzimmer hochklettern. Trude gelang es erst mit sieben Jahren, die schwere Falltür nach oben aufzudrücken und war auf die Hilfe einer der Brüder angewiesen. Ein schlichter Holzrahmen war auf den groben Riemenboden genagelt und diente als Umrandung für Schlafplätze. Der Ordnung halber, teilten sich die Kinder nach dem Alter das Lager. Der älteste Bruder schlief an der Außenwand der Kammer. Trudes Platz war am anderen Ende neben der Falltür.

Einmal im Jahr nach der Ernte wurde ein Fuder frisches Stroh eingestreut und die Flachstücher wurden ausgewechselt. In den ersten Nächten, wenn die Schlafstatt nach gesundem Getreide roch und die Unterlage wieder dick genug war, um nicht auf den blanken Boden abzusacken, lag eine feierliche Stimmung in der Kammer. Überschwänglich Freude zu zeigen, war keinem der Burschen gegeben. Aber Trude spürte, dass ihre Brüder das aufgefrischte Nachtlager als willkommenen Unterschied schätzten. Im Winter, wenn Eisblumen die Luke bedeckten, rückten die Kinder enger zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen.

Das Mädchen lag manchmal lange wach, während ihre Geschwister schon längst selig träumten. Trude lauschte den tiefen Atemzügen, versuchte die Laute den Brüdern zuzuordnen. Manchmal lullte sie diese selbst auferlegte Aufgabe ein, doch oft gelang das Einschlafen nicht auf Anhieb und Trude ging in ihren Gedanken auf Wanderschaft. Es war die einzige Zeit des Tages, die ihr alleine gehörte, in der sie sich eine schöne, heile Welt erschaffen konnte. In den endlosen Nächten erkannte sie bereits als kleines Mädchen, dass einige Gedanken zuträglicher waren als andere. Es tat ihrem Gemüt nicht gut, wenn sie sich die Annahme erlaubte, vom Leben vergessen worden zu sein. Danach fühlte sie sich tagelang niedergeschlagen. Sie spornte sich an, sich schöne Dinge auszudenken. Manchmal faltete sie die Hände und sprach in die Schwärze der Kammer zu dem Gott ihres Vaters.

„Lieber Gott im Himmel. Vater hat mich heute nicht gescholten. Dann ist es ein guter Tag. Kannst du mir bitte helfen, dass er nicht immer so finster dreinschaut? Manchmal stelle ich mir vor, dass er eine neue Frau findet. Alle Männer in der Kirche haben eine Frau. Die sehen glücklicher aus. Ich stelle mir vor, wie er dann in seinen Holzpantoffeln über den Hof zum Stall schlurft und ihr zum Küchenfenster zuwinkt und lächelt. Und wenn Vater lächelt, sind auch die Brüder fröhlicher. Wenn ich daran denke, hüpft mein Herz.“

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Mit dem Ersten Weltkrieg streiften Turbulenzen den Hof. Heinrich war als Exilschweizer von der Wehrpflicht befreit, stand jedoch in der Pflicht, mit der Käserei zur Versorgung der Bevölkerung und Armee beizutragen. Zwischen 1914 und 1920 war Estland von wechselnden Herrschern besetzt. Die Menschen waren angehalten, die jeweilige Sprache der Machthaber zu sprechen. Trude wuchs mit Berndeutsch und Deutsch auf. Mit der Okkupation des Hofes durch sowjetische Truppen lernte sie Russisch. Bei der Befreiung durch die estnischen Widerstreiter 1920 – mit dem Frieden von Dorpat – wurde Estnisch Alltagssprache. So hatte der Krieg für Trudes persönliche Belange eine positive Begleiterscheinung: Sie lernte schnell und konnte sich flink in den Sprachen ausdrücken.

Über die Kriegsjahre quartierte sich jeweils die Kavallerie der Vorherrscher auf dem Hof ein. Die Pferde und Soldaten brachten Leben aufs Gehöft, ihnen hing aber auch Kampfgeruch an. Die Reiter scharten sich um die Feuer und sangen von Ehre und Heimat. Trude gingen die Gesänge durch Mark und Bein. In ihrer kindlichen Unschuld wusste sie nicht, was auf den Schlachtfeldern passierte. Doch mit den Liedern bekam sie eine Ahnung vom Heldentum, von Heimweh und der nackten Angst vor dem Feind und dem Tod. Trude fürchtete die Soldaten ebenso wie sie deren Kameradschaft und Geselligkeit bestaunte. Diese Männer strotzten vor Lebenslust.

Manchmal schlich Trude nach dem Abendessen hinaus mit dem Vorwand, am Brunnen Wasser zu holen, huschte zu den lärmenden Kameraden, versteckte sich hinter einem Fass oder Wagenrad und lauschte den Erzählungen. Die Soldaten schwärmten von ihrer Heimat, von gewonnenen Schlachten und wilden Liebschaften. Trude nahm die Geschichten mit und wenn sie nachts auf ihrem Lager lag, ließ sie ihrer Fantasie freien Lauf.

„Was gäbe ich darum, ein Mann zu sein! Nicht um des Kriegstaumels willen, sondern um die Welt zu sehen. Ich würde mir ein Pferd satteln, Proviant in ein Bündel packen, auf und davon Richtung Meer reiten!“

1922 Frauenfreundschaft

An ihrem dreizehnten Geburtstag schenkte der Vater Trude zu ihrer großen Überraschung ein gebrauchtes Rad. Es fiel ihr leicht, das Fahren zu erlernen. Wenn sie den Sattel tief stellte, konnte sie den Boden im Sitzen mit den Zehenspitzen gerade erreichen. Im Vorjahr war sie in die Höhe geschossen und hatte an ihrem Körper Veränderungen festgestellt. Sie trug ihre blonden langen Haare jetzt immer zu Zöpfen geflochten unter einem Kopftuch. Unter den Armen und zwischen den Beinen sprießten Härchen, wo vorher keine waren, und ihre Brüste hatten kleine Knospen bekommen. Trude beobachtete ihre körperlichen Veränderungen mit Unbehagen. Die Frauen in der Kirche hatten größere oder kleinere Brüste und manchmal wölbte ein Kind den Bauch einer Mutter. Das war mit bloßen Augen zu erkennen. Trude ahnte, dass ihrem Körper das später auch widerfahren werden würde und fragte sich, wie wohl die schwangeren Frauen unter den Kleidern aussahen.

Trude liebte es, mit dem Rad über Feldwege zu brausen oder durch die lichtdurchfluteten Birkenwäldchen zu fliegen. Sie hielt die Lenkstange fest im Griff und reckte ihren Kopf in die Luft. Wenn Trude fest in die Pedale trat, flatterte der Rock im Fahrtwind. Bergab streckte sie übermütig die Beine in die Luft und flog dem Weg vor sich entgegen. Das Mädchen liebte ihre kleinen Fluchten, die ihr ein unermessliches Freiheitsgefühl schenkten. Je größer der Aktionsradius wurde, desto unbeschwerter konnte sie sich außerhalb der Familie bewegen und desto mehr wurde sie sich aber auch der Beklommenheit zu Hause bewusst.

Nach Tartu brauchte sie etwa eine halbe Stunde mit dem Rad. Sie suchte die Stadt bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf. Trude liebte das Pulsieren, die selbstbewusste Würde, welche die Universitätsstadt ausstrahlte. Wissen und Schöngeist schwebten über allem. Im Frühling stolzierten die Studenten wichtig durch die Alleen. Sie trugen die Uniform und Schärpe ihrer Verbindung mit Würde. Zu viert, zu fünft versammelten sie sich auf den pittoresken Steinbrücken zum Kolloquium. Die Gassen selber protzten über die herangezüchtete Denkerelite.

Trude mischte sich gerne unauffällig unter das akademische Volk. Einmal wurde sie Zeugin des jährlich stattfindenden Wettsingens. Studentenchöre schritten Lieder singend vom Domberg über Engelsbrücke und Teufelsbrücke zum Kussberg. Eine Jury verlieh der lautesten Verbindung einen Preis, doch einem Mädchen auf dem Kussberg einen Kuss zu entlocken, war den Sängerburschen der größere Ansporn. Trude beobachtete das Balzen der Burschen und Kokettieren der Mädchen mit einer Mischung aus Neugierde und Resignation.

Mit offenem Mund bestaunte Trude die Linde im Stadtpark, als sie zum ersten Mal auf sie stieß. Sie war über und über mit weißen Taschentüchern behangen. Es kostete Trude große Überwindung, doch am Ende war ihre Neugierde stärker und sie fragte einen älteren Passanten, was der Sinn hinter diesem ungewöhnlichen Baumschmuck war.

„Guten Tag, Fräulein. Ach, den Geheimnisbaum meinen Sie! Ich persönlich finde ja, das ist Mumpitz. Aber es gibt ja Leute, die an alles glauben. Man munkelt, dass er Wünsche erfüllt. Man spricht seine Bitte in ein Taschentuch und hängt dieses dann in die Wipfel des Baumes. Je höher es hängt, desto wahrscheinlicher sei es, dass der Wind den Wunsch mitträgt und er in Erfüllung geht. Es gibt Mädchen, die feuern ihre Burschen richtiggehend an, sich so waghalsig und weit hinauf wie möglich zu schwingen für ihren gemeinsamen Ehe- oder Kinderwunsch. Ob es sinnvoll ist, das eigene Leben zu riskieren, wage ich zu bezweifeln. Nun ja, jedem das Seine. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, junges Fräulein!“, sprach der Mann, zupfte den Kragen seines Anzuges zurecht und ging weiter.

Trude besaß kein Taschentuch. Aber als sie sich unbeobachtet wähnte, stellte sie sich mit dem Rücken an den Stamm der Linde, blickte durch das Blätterdach zum Himmel empor und sprach in die Wipfel: „Lieber Baum, du bist so prächtig und schön. Ist es wahr, dass du Wünsche erfüllst? Darf ich dir mein tiefstes Verlangen anvertrauen, auch wenn ich das Ritual nicht befolgen kann? Ich wünsche mir so sehr, aus meinem Gefängnis zu entkommen. Ich wünsche mir eine Schwester, mit der ich mich unterhalten und spielen kann. Ich wünsche mir, dass mich kein Ehemann ans Haus fesselt und mir anordnet, was ich zu tun habe. Ich wünsche mir, die Welt zu bereisen. Ich möchte lernen und ich möchte frei sein, wie die Vögel in deiner Krone!“

Trude strahlte über das ganze Gesicht wie schon lange nicht mehr. Sie hatte sich selber zugehört und freute sich ungemein, Worte für ihr Sehnen gefunden zu haben, und über die ungewohnte Leichtigkeit in ihrem Innern. Der Klumpen in der Brust war verschwunden. Überschwänglich umarmte sie den Baumstamm und schaute grinsend weg, als ein Paar vorbeiflanierte und ihr unschickliches Gebaren entdeckte.

Einmal belauschte Trude zwei Studenten, die im Park des Universitätsgeländes auf einer Bank über einen Wiener Neurologen diskutierten. Sie hörte, dass Sigmund Freud auf dem Gebiet der menschlichen Psyche Forschungen betrieb. Die jungen Akademiker ereiferten sich über die neuen philosophischen und psychologischen Erkenntnisse. Dafür bewunderte und beneidete Trude die Studenten. Für sie als Frau war die Tür zu diesem geheimnisvollen Wissen verriegelt. Der Baptistenpriester schalt diese modernen Geisteswissenschaften Gotteslästerung. Hätte der Vater von ihren realen und geistigen Reisen erfahren, hätte er Trude windelweich geprügelt und zum einzig richtigen Pfad, dem absoluten Gehorsam gegenüber Gott, zurück gezüchtigt.

Die junge Frau vermied es tunlichst, ein Wort über die Fluchten zur Universität zu verlieren, und berichtete, wenn der Vater nachfragte, dass sie sich am Ufer der Embach aufhielt, um sich die Zeit zu vertreiben. Dies stimmte an sich auch. Es gab eine Trauerweide an der Uferpromenade, wo sie sich am allerliebsten aufhielt, um ihre Gedanken zu ordnen. An den Stamm gelehnt, behütet von den überhängenden Ästen blickte sie auf den Strom und kam zur Ruhe. Hier vergaß Trude Zeit und Raum. Hier vergaß sie die unabänderliche Bestimmung. Das sanfte Fließen des Wassers zog sie mit in andere Welten. Ihre Fantasie beförderte sie ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie malte sich ein liebevolles Elternhaus, Schwestern und Reisen in andere Länder aus. In ihrer Vorstellung studierte sie an der Universität und wurde selber Professorin. In ihren Gedanken war alles erlaubt. In ihren Gedanken war alles möglich.

Im Sommer vor Trudes vierzehnten Geburtstag ging ihr erster Wunsch in Erfüllung. Lena trat in ihr Leben. Es war ein milder Samstagabend im Juni. Trude hatte nach Erfüllung der Pflichten ihr Rad genommen und war nach Tartu gefahren. An ihrem Lieblingsplatz spielte sie mit Kieseln. Sie versuchte auf dem Wasser treibende Blätter oder Hölzchen zu treffen. Diese Woche war Vater schlecht gelaunt gewesen und hatte seinen Missmut über die karge Heuernte wie gewohnt an ihr ausgelassen. Es tat Trude wohl, mit den Steinen die Anspannung zu entladen. Noch lieber hätte sie ihre ungeordneten Gedanken auf einem Stück Papier aufgeräumt. Sie hatte gesehen, dass die Studenten ständig Notizbüchlein und Stifte mit sich trugen, um eine Beobachtung festzuhalten. Doch für solchen Firlefanz hatte der Vater kein Gehör. Schiefertafel und Kreide genügten für den Schulbedarf.

Als sich Trude für einen kurzen Augenblick aus ihrem Grübeln herausriss und den Kopf hob, sah sie ein Mädchen in ihrem Alter in ein Buch vertieft auf sie zu gehen. Am zielstrebigen Schritt erkannte Trude, dass es ihren Platz anpeilte. Die Unbekannte war jedoch so in die Seiten vertieft, dass sie beinahe über die Wurzeln der Weide stolperte und womöglich sogar ins Wasser gefallen wäre. Trude rief ihr zu, achtzugeben. Der Backfisch blickte Trude verblüfft an, so als hätte sie nicht erwartet, jemanden unter ihrem Baum vorzufinden. Sie hielt ihr offenes Buch vor der Brust und schaute sich suchend nach einem anderen Ort um. Sie machte bereits auf dem Absatz kehrt, als Trude aus einer spontanen Eingebung herausplatzte: „Ist das dein Platz? Ich bin Trude.“

Trude war Gesellschaft willkommen, das Mädchen sah sympathisch aus und sie war neugierig, worin das Mädchen vertieft war. „Hallo. Ich heiße Lena. Ja, das ist mein Lieblingsplatz in der Stadt. Ich komme hierher, um zu lesen“, antwortete das Mädchen mit einem verlegenen Lächeln.

Trude lud Lena mit einer ausladenden Handbewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen und den Baumstamm mit ihr zu teilen. Er wäre ja breit genug für ihre hageren Rücken. Darüber mussten beide lachen. Lena und Trude verstanden sich auf Anhieb. Lena verriet, dass sie an diesem Ort heimlich lesen würde, weil es zu Hause nicht gerne gesehen war. Ihr Vater wäre zwar Geschichtsgelehrter an der Universität, er untersagte aber Lena, anderes zu lernen als den Stoff, den die Mädchenschule vorgab. Seine Gunst und sein ganzer Stolz galt ihrem älteren Bruder Karel. Karel liebte seine kleinere Schwester und erkannte ihren Wissensdurst. Er war ihr Verbündeter und er gab ihr heimlich seine Bücher zu lesen.

Lena und Trude entdeckten schnell einen Berührungspunkt. Beide waren neugierig und lebenshungrig. Beide erduldeten das Schicksal, als intelligente Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft geboren zu sein. Sie verfluchten die Ungerechtigkeit, als Mädchen keinen Zugang zu einer höheren Bildung zu haben. Ihre Perspektiven als Frauen waren voraussehbar. Sie waren auf Gedeih und Verderb einem zukünftigen Mann ausgeliefert. Jegliche selbstbestimmte und von einem Mann unabhängige Lebensausrichtung lag jenseits der Konventionen. Die Notwendigkeit, sich der Gesellschaft unterzuordnen, ließ sie jede auf ihre Art Strategien entwickeln, heimlich Zugang zum verschlossenen Himmel zu finden.

Abgesehen von ihrem Wissensdurst unterschieden sich die beiden Mädchen durchaus. Ihre Herkunft war am Äußeren unverkennbar abzulesen. Trude war als Bauernmädchen in schlichten erdfarbenen Leinenstoffen gekleidet. Sie war meist barfuß oder trug die geflickten, abgetragenen Stiefel der Brüder auf. Ihr war die Aufmachung nicht wichtig oder sie hatte es nie gelernt, sich um ihr Äußeres zu kümmern. Das blonde widerspenstige Haar trug Trude zu Zöpfen gebunden oder bändigte es unter einem Stofftuch.

Lena hingegen war stets elegant und adrett gekleidet. Ihre Kleidung war farblich auf die Jahreszeit perfekt abgestimmt. Das braune, schulterlange Haar trug sie gepflegt mal mit Seitenscheitel, mal mit Schleifen oder zu einer Frisur geflochten. Mit den Accessoires (Hut, Taschentuch, Schmuck) wirkte Lenas Erscheinung wie aus einem Guss. Man konnte die Handschrift einer geschmackvollen Komponistin im Hintergrund erkennen: einer Mutter, welche die Tochter nie ohne strengen Kontrollblick das Haus verlassen ließ. Trude mochte am liebsten Lenas feuerrote Baskenmütze. An ihr konnte sie ihre neue Freundin schon von Weitem erkennen.

Trude war dankbar, dass Lena sie nicht nach ihrem Äußeren bewertete, es schien sie auch nie zu stören. Das Mädchen kam zweifellos aus gutem Haus. Doch das gemeinsame Los, als Frau kein frei bestimmtes Leben führen zu können, schweißte die beiden trotz der großen Unterschiede ihrer Herkunft zusammen. Trude hatte es geschafft, obwohl sie nur über eine spartanische Schulbildung verfügte, sich ein ansehnliches Allgemeinwissen und Schlagfertigkeit anzueignen. Dank ihrer schnellen Auffassungsgabe schnappte sie jegliche Information auf und speicherte diese zuverlässig ab. Sie konnte Lena das Wasser reichen. Diese bemerkte einmal: „Trude, du hast ein Gedächtnis wie ein Elefant!“

Sie trafen sich immer samstags am Fluss möglichst unter der Trauerweide, wenn es regnete unter der Flussbrücke. Trude freute sich die ganze Woche auf den spannenden und inspirierenden Austausch mit ihrer Freundin und ließ sich von keiner Witterung abhalten. Sie lasen sich gegenseitig aus den verbotenen Büchern vor. Als sich im September die kühle Jahreszeit ankündete, war es Karel, der ihnen eine Lösung anbot. Er wusste auf dem Unigelände von dem ausgedienten Schuppen neben der Sternwarte. Kommilitonen verschanzten sich dort, um heimlich zu rauchen oder Mädchen zu treffen. Lena schleppte Wolldecken und eine Funzel aus dem Gartenhaus sowie eine Blechdose mit Keksen an.

Für die beiden Mädchen war es der Höhepunkt der Woche, eingemummt in den Decken im fahlen Schein der Lampe eng aneinandergeschmiegt in den Büchern zu schmökern. Lena rückte an einem Samstag mit einer Pappschachtel an. Darin zauberte sie einen Spiegel, eine Haarbürste und Schleifen hervor. Sie zeigte Trude Kniffe, wie sie ihr Haar schöner frisieren konnte. Zu Trudes Verblüffung kamen aus dem Karton zwei Kleider zum Vorschein, die Lena hinterrücks trotz der wachen Mutteraugen wegschmuggeln konnte und Trude schenkte.

Die zwei, drei Stunden verflogen immer viel zu schnell und es wurde den beiden Freundinnen nie langweilig. Das kühne Geheimnis stärkte Trude von innen und trug sie durch die mühselige Arbeitswoche.

Einmal lud Lena ihre Freundin in ein Studentencafé zu einer warmen Schokolade ein. Für Trude, die noch kaum Zucker und Schleckwaren gekostet hatte, war dieses süße Getränk eine Initiation. Sie löffelte das Getränk in ihren Mund, ließ die braune, schwere Flüssigkeit und die geschlagene Sahne auf der Zunge schmelzen und beherrschte sich, Lena nicht mit unanständigen Wohllauten in Verlegenheit zu führen. Trude kicherte stattdessen zu ihrer Freundin: „Das ist so unglaublich köstlich! Ich wette, ein Kuss schmeckt nicht so gut!“

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Der Herbst brachte eisige Winde nach Estland. Mit den Stürmen bahnte sich eine unheilvolle Wende an. Bis weit über den Spätsommer hinaus gelangen die Ausflüge nach Tartu, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Es war leicht, einfach zu verschwinden, weil Vater Trudes An- oder Abwesenheit in der Betriebsamkeit des Hofes nicht aufzufallen schien. Doch das Mädchen wog sich in falscher Sicherheit. Denn einmal stellte Vater seine Tochter unerwartet zur Rede. Verraten haben sie bestimmt nicht Lenas Kleider. Diese trug sie nie zu Hause. In einem Waldstück auf dem Weg nach Tartu tauschte sie jeweils die bescheidenden Röcke gegen die feinen Stoffe aus. Sie hütete die geschenkten Kleider wie einen Schatz und bunkerte sie unter einer losen Bodendiele im Heustock.

Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Ausflüge hatten Vater stutzig gemacht. Es hatte bereits eingedunkelt, als er sie am Brunnen im Hof abpasste. Trude bog pfeifend um die Stallecke in den Hof, bremste erschrocken ab, sprang vom Rad und schritt geknickt ihrem finster dreinblickenden Vater entgegen. Er knurrte: „Trude, du hast dich verändert. Du kommst jetzt in das gefährliche Alter. Ich lasse es nicht mehr zu, dass du mit dem Rad ein bisschen in der Gegend herumfährst! Ich werde dich mit Argusaugen beobachten, Trude!“

Mehr sagte er nicht und wartete auch nicht auf Trudes Antwort. Als sie Luft holte, um ihm etwas zu entgegnen, hatte er sich bereits abgewandt und schlurfte zum Haus. Er ging den Kopf nach vorn gebeugt, ein Buckel zeichnete sich deutlich unter dem dunkelbraunen Kittel ab. Trude sah ihm konsterniert nach, während sie Atemluft durch den offenen Mund ausstieß und mit den Tränen kämpfte. Der Vater hatte es nicht ausgesprochen, aber Trude war sich sicher, dass er überzeugt war, dass sie sich heimlich mit einem Jungen traf. Trude unterdrückte ihre Verzweiflung und folgte ihrem Vater ins Haus. Den Abenddienst verrichtete sie wie immer stoisch und schweigsam. Sie kochte, deckte den Tisch und widmete sich dem Abwasch, während ihre Brüder und der Vater sich im Wohnzimmer um den Holzofen versammelten und sich einer Beschäftigung widmeten. Der Vater las laut aus der Bibel, zwei Brüder schnitzten an ihren Figuren, die jüngeren spielten Schach oder Karten. Trude kniete auf dem Küchenboden und war im Begriff, mit der Bürste die Planken zu schrubben, als sie ihren Namen vernahm. Sie horchte auf, unterbrach ihre Arbeit und lauschte, wie sich Vater und der Älteste über Trudes Zukunft und die künftige Haushaltsführung auf dem Hof berieten. Es war beschlossene Sache, dass der älteste Bruder im Frühjahr seine Braut heiraten und den Hof übernehmen würde. Trude würde dann unter die Obhut der neuen Hausherrin kommen.

„Ich werde dafür sorgen, dass Trude rechtzeitig unter die Haube kommt. Ich möchte nicht, dass sie uns Schande über den Hof bringt! Auf dem Birkenhof gibt es einen Burschen in Trudes Alter. Ich werde morgen in der Kirche seinen Eltern auf den Zahn fühlen, welche Pläne sie mit ihrem Stammeshalter haben“, hörte Trude ihren Vater noch anmerken. Sie tauchte die Scheuerbürste in den Wassereimer und schmetterte sie wütend auf den Boden, dass es in alle Richtungen spritzte.

Später wälzte sich Trude auf ihrem Lager. Sie hatte eine Bettstatt in der Vorratskammer neben der Küche erhalten, als sie vor einem Jahr darum gebeten hatte, nicht mehr mit ihren Brüdern im selben Raum zu nächtigen. Die Kammer war winzig, kalt und finster. Für die Kartoffeln, Getreidesäcke und Schmalztiegel ideal, für ein Schlafzimmer wenig behaglich. Doch sie schlief lieber hier alleine, im behelfsmäßig gezimmerten Nachtlager, als im Schlag mit den sechs Brüdern, die nachts schnarchten und ihren körperlichen Bedürfnissen freien Lauf ließen.

Trude lag lange wach und starrte in die Schwärze. Es musste dringend ein sattelfestes Alibi her! Sie bangte um die kostbare Freundschaft mit Lena. Auf dem Hof konnte sich Trude niemandem anvertrauen. Sie musste eine Lüge erfinden, damit sie sich weiterhin mit Lena treffen konnte. Je länger sie sich wand und Auswege suchte, desto größer wurde ihr Zorn auf die Gefangenschaft, auf die männlichen Wächter und deren obersten Befehlshaber: auf Gott!

Trudes Wut loderte auch am nächsten Morgen weiter. Des Predigers Worte gossen ihr Öl in Zornesfeuer. Nach dem Kirchgang, als der Vater den Gaul vor den Wagen spannte und die Brüder noch mit den anderen der Gemeinde einen Schwatz hielten, büxte sie aus. Kopflos hastete sie in das Waldstück davon, das in der entgegengesetzten Richtung ihres Hofes lag. Sie rannte, bis ihre Lungen brannten, das Herz bis zum Hals hämmerte und die Füße sie nicht mehr trugen.

Sie hielt inne, um nach Atem zu ringen. Danach schritt sie weiter immer mehr in das Holz hinein, ziellos, aber wild entschlossen, Brüder und Vater abzuhängen, falls die ihre Verfolgung aufgenommen haben sollten. Was Trude jedoch bezweifelte. Der feuchte Waldboden war glitschig unter ihren Füßen. Plötzlich ballten sich ihre Fäuste und ihre Augen suchten in den Wipfeln nach einem Adressaten für ihre kochende Wut.

Sollte sich der Allmächtige dort oben verstecken? Sie hatte wenig Erfahrung mit ihm, hatte auf ihre Gebete keine Antwort erhalten. Sie stand nicht in seiner Gunst. Er war in Trudes Augen ein Gott der Männer, der die Frauen nicht liebte. Sollte sich der Schöpfer hier in der Natur verbergen, war es Zeit, Tacheles mit ihm zu reden.

„Du da oben, zeig Dich, wenn es Dich wirklich gibt! Du ungerechter, launischer Geselle! Einen Deut scherst Du Dich um meine Mädchenseele! Wo bleibt Deine Menschenliebe? Gib mir ein Zeichen, was ich tun soll, um Lenas Freundschaft zu behalten! Oder erschlage mich auf der Stelle mit einem Blitz, wenn ich Dir so wenig wert bin!“

Dem Zornesausbruch folgten Tränen. Der über Jahre zurückgehaltene Kummer bahnte sich mit der brachialen Kraft der Wut seinen Weg. Hemmungslos weinend sackte die junge Frau auf den herbstnassen Waldboden. Die jahrelange Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen wie die Hülle eines entleerten Getreidesackes. Trude drehte sich auf den Rücken. Sie wand und krümmte sich, immer wieder erfassten sie Tränenwellen und ihre Hände krampften im modrigen Laub nach Halt. Irgendwann, leer geweint, übermannte Trude die Erschöpfung und sie schlief ein.

Es war eine Bäuerin, die das regungslose Mädchen fand. Die junge Frau suchte Pilze, um das bescheidene Abendbrot für sich und ihre Mädchenschar aufzuwerten. Der Anblick des regungslosen Körpers erschreckte die Bäuerin zutiefst. Sie wappnete sich für das Schlimmste und stürzte herbei. Die Lippen des Mädchens, das blass und klamm dalag, waren blau wie Pflaumen. „Mädchen, nun steh doch auf, du holst dir den Tod in dieser Kälte!“

Ihre Stimme überschlug sich, als sie am leblosen Körper rüttelte und mit der flachen Hand sachte die Wangen abklopfte. Die Frau war erleichtert, als Trude endlich die Augen aufschlug. Trude ließ sich von der fremden Frau aufrichten und hing schlaff in ihren Armen. Langsam kehrte Farbe in das Gesicht des Mädchens zurück. Als die Unbekannte ihr half, auf die Füße zu kommen, sackten ihre Beine ein. Als sie sich selber aufrecht halten konnte, ließ sich Trude noch ganz benommen von der Frau an der Hand mitschleifen. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie einen Hof auf einer Waldlichtung.

Die Unbekannte führte Trude in ihr Haus. Mitten in der Küche prangte ein stolzer Ofen, aus dem die Geräusche von knisterndem Holz und flackernden Flammen drangen. Die immer noch matte Trude ließ es geschehen, dass sie auf dem Schemel davor platziert wurde. Sie wehrte sich auch nicht, als ihr die Fremde die feuchten Kleider vom Leib schälte und sie nackt in Wolldecken hüllte. Während der ganzen Zeit sprachen weder Trude noch die Frau. Trude war verwirrt und hätte kein vernünftiges Wort zustande gebracht. Ihr war jedoch nicht unwohl. Seltsamerweise fühlte sie sich hüllenlos vor dieser Frau geborgener als in ihrer gewohnten Umgebung.

Die wiederkehrende Wärme stach wie Nadeln unter der Haut. Doch dies brachte Leben zurück in ihren Körper. Trude konnte langsam wieder klare Gedanken fassen und begann ihre Umgebung wahrzunehmen. Vier Mädchen zwischen sechs und zwölf saßen um einen kargen Holztisch, unterbrachen immer wieder ihr Handwerk und betrachteten den Gast mit neugierigen Augen. Alle hielten ein Flick- oder Flechtzeug im Schoß. Ihre Mutter wirbelte inzwischen in der Küche herum und bereitete eine Mahlzeit zu. Mit dem ältesten Mädchen hatte sie eine Zeitlang in derselben Schulstube gesessen. Jetzt erkannte Trude, wo sie untergekommen war: bei Olga.

Olga war eine Witfrau aus dem Nachbarsdorf. Trude kannte sie vom Hörensagen. Ihrer Leistung, die vier Töchter alleine großzuziehen und einen Hof zu bewirtschaften, nachdem ihr Mann an der Front gefallen war, trug man respektvolle Anerkennung entgegen. Doch ihre Weigerung, am Sonntag zur Kirche zu gehen, wurde missbilligt. Olga war Anfang dreißig und trug ihre blonden Haare stets zu einem Zopfkranz hochgesteckt, was ihre klaren grünen, Augen zum Leuchten brachte. Die harte Arbeit in Haus und Hof hat ihrem gut gebauten, mittelgroßen Körper nichts anhaben können. Olga war eine klassische, strahlende Schönheit. Manche Buhler hatte sie versetzt. Kein Mann hatte es geschafft, den Platz ihres Liebsten neu zu besetzen. Dies brachte ihr den Ruf einer Unbeugsamen ein. Manche munkelten gar, sie sei eine Hexe mit ihrer Brut. Aber da sich Olga nicht unter das Volk mischte, sich nichts zuschulden kommen ließ, konnte man ihr auch nichts anhaben.

Olga war das Zeichen.

Es war der Holzherd und es war Olga, die so viel Herzenswärme abstrahlten, dass Trude rasch zu Kräften kam. Es waren die kichernden, herzlichen Mädchen, die eine Leichtigkeit im Raum versprühten, die Trude betörte. Olgas Heim war so unbeschwert anders. Was hätte Trude darum gegeben, in so einem besonnten Umfeld zu leben.

Doch als ihre Kleider trocken waren und die Suppe sie gestärkt hatte, drängte es sie, heimzukehren. Sie sah ihren Vater mit einem Riemen in der Tür stehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sie mit dem Leder züchtigte. Vor dem Schmerz hatte Trude Angst. Aber mehr noch fürchtete sie Vaters Moralpredigt. Er verstand es meisterhaft, die junge Frau vor ihren Brüdern zu demütigen.

Olga kannte die Zustände in der Käserei und erahnte die innere Not der jungen Frau. Sie bot sich an, Trude nach Hause zu begleiten. Es dämmerte, als sie mit dem Einspänner im Elternhof einfuhren. Der Vater unterbrach seine Arbeit, rammte das Beil in den Holzstumpf und verzog seine Augen zu Schlitzen, als er die Bäuerin und seine Tochter neben ihr sitzend erkannte.

Während Olga das Pferd anband, sprang Trude vom Kutscherbock. Heinrich eilte herbei, fasste seine Tochter am Oberarm und holte aus, um eine Tirade über seine Tochter zu ergießen. Trude hob ihre Hände zum Schutz vor das Gesicht. Olga trat dazwischen und überraschte sowohl Vater als auch Tochter mit ihrer Unerschrockenheit. Klug, wie Olga war, hatte sie sich auf dem Wege eine Erklärung ausgedacht und trat mutig vor Trudes Vater. Sie schnitt ihm das Wort ab und sagte ihm ins Gesicht: „Ich habe Trude auf dem Waldboden aufgelesen. Deine Tochter hat ihre Frauentage und viel Blut verloren. Es ist offensichtlich, dass sie zu wenig Speck auf den Rippen hat. Ich vermute, sie hat Anämie und hat wohl deswegen das Bewusstsein verloren. Du als Vater solltest darum besorgt sein, was eine junge Frau in ihrem Alter braucht!“

Trude bewunderte die Dreistigkeit ihrer Retterin. Tatsächlich hatte sie in diesem Sommer Blutungen bekommen und wusste nicht genau, was ihr jeden Monat geschah. Sie stopfte sich Lumpen zwischen die Beine, bis der rote Ausfluss nach drei Tagen wieder verklang. Sie hütete sich, ein einziges Wort darüber zu verlieren. Sogar Lena gegenüber schämte sie sich. Die Blutung war vor Olgas Augen beim Kleiderwechsel nicht verborgen geblieben. Doch statt unangenehme Fragen zu stellen, hatte die Mutter der Mädchen für das Blut an den Unterkleidern offensichtlich eine plausible Erklärung parat. Im Disput zwischen Olga und ihrem Vater davon zu erfahren, berührte Trude peinlich und machte ihr noch deutlicher, wie einsam sie auf diesem Männerhof war.

Es folgte ein heftiger Wortwechsel zwischen Vater und Olga, welche die Freiheit besaß, alles anzusprechen, was für die Klärung nötig war, weil Vater keine Macht über sie hatte. Es drohten ihr keine unangenehmen Konsequenzen. Olga setzte sich vehement für Trude und ihre existenziellen Bedürfnisse ein wie noch nie ein Mensch zuvor in ihrem Leben. Wie schmerzlich wurde ihr in diesem Augenblick die fehlende Mutter bewusst – die starke weibliche Instanz im Rücken einer Tochter. So gelang es Olga an diesem für Trude schicksalhaften Tag, Vater zu überzeugen, dass das Mädchen eine weibliche Ziehmutter bräuchte, um sie zu einer rechtschaffenen Frau zu erziehen. Sie selber könnte mit ihren vier Kindern eine helfende Hand dringend brauchen und würde diese Aufgabe gerne übernehmen. Heinrich und Olga kamen überein, dass Trude fortan zwei-, dreimal die Woche und immer samstags, wenn auf dem Käsereibetrieb die Hilfe des Mädchen abdingbar war, auf Olgas Hof anpacken sollte.

Bis zum nächsten Samstag blieben Trude ein paar Tage Zeit, Olgas Vertrauen zu gewinnen. Trude weihte sie in ihre geheimen Treffen mit Lena ein und bat sie, ihr das Beisammensein mit ihrer Freundin zu ermöglichen. Olga erbat sich als Bedingung für das Alibi, Bücher mitzubringen und ihr daraus vorzulesen. Trude erschauderte. Olga war Analphabetin. Sie teilte das Schicksal mit vielen Frauen ihrer Generation, denen der Zugang zur Schulbildung noch rigoroser verschlossen und denen das Erlernen von Lesen und Schreiben versagt geblieben war. Diese Tatsache machte Olga zu Trudes und Lenas Komplizin.

Trude konnte es jeweils kaum erwarten, in Olgas Haus, in dem es fröhlich zu- und herging, zu entschwinden. Den Weg zwischen der Käserei und dem Birkenhof legte Trude auf dem Rad zurück. Jedes Mal, wenn sie über den Waldweg holperte, erinnerte sie sich an den Glückstag, an dem Olga sie gefunden hatte. Trude bewunderte Olga.

Mit ihren zweiunddreißig Jahren war sie eigentlich viel zu jung für eine Witwe. Sie hatte sich biegsam und geschmeidig wie Bambus ihrem Schicksal ergeben, sich aber nie brechen lassen. Olga war eine Kämpferin, eine Überlebenskämpferin. Und Olga hatte ein großes Herz. Sie schien eine natürliche Gabe zu besitzen, trotz aller widrigen Umstände, trotz ihrem resoluten Überlebenskampf, sich eine versöhnliche Haltung bewahren zu können. Sie begegnete ihren Mädchen und Trude stets mild und voller Güte. Trude staunte dann und wann: „Was oder wer hatte Olga zum Pilzesammeln in den Wald geschickt? Hast Du da oben meinen Hilfeschrei erhört? Ich gebe Dir noch einmal eine Chance, Gott!“

Es kam, dass Trude gar bei Olga übernachtete und von dort zur Schule ging. Heinrich, der zu Beginn jeden Schritt seiner Tochter mit Argwohn beobachtete, schien sich allmählich daran zu gewöhnen und sich sogar mit den neuen Umständen anzufreunden. Ihm war die Erziehung von jungen Männern geläufig geworden, doch er fühlte sich unbeholfen und unbehaglich, seine Heranwachsende schadlos und keusch für einen zukünftigen Bräutigam durch die Pubertät zu schleusen. Auch wenn er das nie zugegeben hätte, kam ihm Olga insgeheim gelegen. Deshalb ließ ihr Heinrich freie Hand.

Trudes vierzehnter Geburtstag im Oktober 1922 wurde zum schönsten ihres bisherigen Lebens. Olgas Mädchen führten das Geburtstagskind mit verbundenen Augen in die mit Girlanden dekorierte Wohnküche. Sie flochten Trudes Haar und schmückten es mit einem Blumenkranz, dazu sangen sie Lieder. Olga buk ihr einen Geburtstagskuchen, den ersten in ihrem Leben, einen Mohnstollen. Dazu gab es warme Schokolade. Olga hatte aus den Gesprächen herausgehört, dass sich Trude schon immer ein Tagebuch gewünscht hatte, und überraschte sie mit einer schwarzen Kladde und einem Bleistift. Trude war gerührt und konnte ihr Glück kaum fassen.

Später stieß Lena zu der Frauenrunde. Endlich lernten sich Olga und Lena kennen. Lena überreichte ihrer Freundin ihr Geschenk in ein schwarzes Seidentuch gewickelt. Trude tastete durch den Stoff die Konturen eines Buches ab. Es kam eine Ausgabe von Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo zutage. Der Einband war schon etwas speckig und Trude schloss daraus, dass das Buch aus zweiter Hand war. Dies schmälerte ihre Begeisterung jedoch in keiner Weise. Es war gut möglich, dass Lena es gestohlen hatte, war es doch auch für sie nur unter großer Heimlichtuerei möglich, an Literatur zu kommen. Sie fragte ihre Freundin nie, woher sie „den Glöckner“ hatte.

Übermütig schob Trude den rechten Daumen zwischen zwei Seiten, schlug das Buch auf und las laut: „Die Esmeralda war nach Gringoires Urteil ein unschädliches und liebliches Geschöpf; hübsch, und zwar hübsch trotz eines Schmolllippchens, das ihr eigen war; ein harmloses und leidenschaftliches Mädchen, das nichts wusste und für alles sich schwärmerisch begeisterte; dem der Unterschied zwischen einer Frau und einem Manne noch nicht bekannt war, dem dieser Unterschied auch selbst im Traum nicht zum Bewusstsein gedrungen war– das gebaut und geschaffen war wie ein Traum, das vernarrt war vor allem in Tanz, in Geräusch und Getöse, in frische, freie Luft, eine Art Mittelding zwischen Weib und Biene, das an den Füßen unsichtbare Beine hatte und in einem kreisenden Wirbel lebte.“

Trude lachte laut auf. Der Text passte und klang wie ein Weckruf. Sie war doch auch so ein Mittelding zwischen Kind und Frau. Tanz, Geräusch und Getöse! In Trude geriet eine Saite in Schwingung. Sie beschloss an ihrem Geburtstag, wie Esmeralda zu werden: frei und ungebunden, leicht und leidenschaftlich. Ihr Geburtstag sollte das gute Vorzeichen eines neuen Lebensabschnittes werden.

Sie saß zusammen mit den zwei Menschen, die ihr das Leben plötzlich so reich gemacht hatten, am gedeckten Tisch. So etwas Schönes hatte Trude bisher noch nie erlebt. Sie fühlte sich mit einem Mal zugehörig, geliebt und willkommen, sie hätte platzen können vor Glück. Unvorbereitet war es in ihr Leben gekommen. Plötzlich begann Trude wie ein Derwisch um den Tisch herumzutanzen. Sie drehte sich mit ausgebreiteten Armen um ihre eigene Achse, bis sie umfiel und sich mit einem irren Lachen auf den Dielen wälzte. Lena und Olga stürzten sich spaßend auf das Geburtstagskind, kitzelten es. Die Frauen balgten sich wie Welpen auf dem blanken Boden der Bauernküche.

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Lange trug Trude das Bild von Esmeralda mit sich herum. Die Tänzerin von Victor Hugos wurde ihr eine Schwester im Geist. Wie Trude, war auch die Zigeunerin früh ihrer Mutter entrissen worden. Das Buch fand Worte für ihre ungestillte Sehnsucht nach der mütterlichen Geborgenheit. Trude träumte davon, so leichtfüssig zu tanzen und so schön zu sein wie Esmeralda. Es war keine Sache, Olgas Einverständnis zu bekommen, als Trude sie darum bat, dem Folkloreverein Livonia beizutreten. Lena hatte von der fröhlichen Tanzgruppe geschwärmt, die sie besuchte, um aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen, und Trude, die stets das Bild von Esmeralda in sich trug, ließ sich nicht zweimal bitten.

Längst hatte Trude sich der Autorität des Vaters entzogen. Am Abend des letzten Schultages band sie ihr kleines Bündel um, schwang sich auf ihr Fahrrad und zog im Birkenhof ein. Olga und die Mädchen rückten zusammen und teilten fortan ihre Schlafkammer mit Trude, die für die Kinder wie eine große Schwester wurde.

Es muss im Hochsommer gewesen sein, denn es war noch taghell und die Erde strahlte spätabends noch Wärme ab, als Trude von ihrem ersten Tanzen am Samstagabend nach Hause radelte, ihr Fahrrad im Schuppen verstaute und zu Olga eilte. Die Älteste saß am Boden und lockte die Katze mit einem Halm aus ihrem Versteck, während die anderen Himmel und Hölle auf dem Gehweg spielten. Trude trippelte und tänzelte vor Olga auf und ab, die auf der Bank an die Hauswand gelehnt dem Abendfrieden frönte, und schwärmte: „Es wargroßartig! Ich bin so glücklich Olga! Wenn du die Musik hörst, fangen die Beine wie von selbst an zu zucken. Die Kapelle besteht aus Bassgeige, Rahmentrommel, Geige und einer Laute. Der Gesang geht unter die Haut. Die Tanztruppe besteht aus etwa dreißig jungen Männern und Frauen. Sie waren alle sehr freundlich zu mir. Ich bin ja eine der Jüngsten. Lenas Bruder Karel war mein Tanzpartner. Er hat nur gelacht, wenn ich ihm aus Versehen auf die Füße gestiegen bin. Ich habe die Schritte aber schnell erlernt. Karel hat mich am Schluss ganz eng an sich geschlungen und mich herumgewirbelt. Was haben wir gekichert. Wenn ich mich mit den anderen im Kreis drehe, habe ich das Gefühl zu fliegen. Die Trachtengruppe hält die livische Tradition aufrecht. Das erfüllt mich mit Würde und Stolz. Ich habe das erste Mal das Gefühl, zugehörig zu sein und Wurzeln zu spüren.“

Olga folgte der Begeisterung der jungen Frau schmunzelnd. Trude umarmte Olga überschwänglich und setzte sich zu ihr auf die Bank. Olga erzählte von den Liven, was ihr die Eltern weitergegeben hatten. Trude ergänzte Olgas Ausführungen mit ihrem neu erworbenen Wissen über die baltische Kultur. Neugierig kamen die Mädchen näher und hockten sich auf den Boden zu Olgas und Trudes Füßen und lauschten den alten Mythen. Als die Nacht hereinbrach, war die Kleinste, Malena, mit dem Kopf im Schoß der ältesten Schwester eingeschlafen.

Die Trachtengruppe wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, um die baltisch-livische Kultur zu pflegen. Trotz ethnischer Zusammengehörigkeit hatte das Volk der Liven keinen eigenen Staat. Ihre Heimat lag im Baltikum zwischen dem Peipus See und der Bucht von Riga. Durch alle Jahrhunderte wurden die Ländereien immer wieder neu verteilt. Wie bei einem Spiel zockten die jeweiligen Machthaber aus Polen, Dänemark, Schweden, Deutschland, Finnland oder Russland beliebig um die Siedlungen. Das Volk arrangierte sich jeweils mit den Herrschern im Wissen, dass sie eines Tages sowieso wieder den Platz räumen würden.

Das einfache Bauernvolk war vielmehr darauf bedacht, den in ihren Augen wahren Mächten Tribut zu zollen. Eisige Winter, kurze intensive Sonnenmonate, karge Böden und ein launisches Meer lehrten die Menschen seit Anbeginn, sich mit den Naturgesetzen zu verbünden, statt sie zu bezwingen. Daraus entwickelte sich eine tiefe Verwurzelung in einem uralten Erdenbewusstsein. Die Liven haben sich politisch nicht formiert und nie mit der Faust gegen die Obrigkeiten aufbegehrt. Wohl deshalb ist diese Völkergruppe fast in Vergessenheit geraten.

Die Wurzeln der Liven reichen weit zurück in das Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung, als die Menschen noch an die Natur und ihre Götter glaubten. Vermutlich hat sich die livische Naturreligion parallel zur keltischen langsam durch die Jahrhunderte entwickelt. Sie hatte einst eine Blütezeit erlebt und sollte dann mit dem Kreuzrittertum ausgerottet werden. Dieses düstere Kapitel der Kirche ist bekannt. Doch sind die Traditionen von Generation zu Generation im Geheimen weitergereicht worden. Ausgestorben sind sie nie ganz. Und als Ende des 19. Jahrhunderts die Gefahr der Inquisition gebannt war, war es möglich, die alten Gebräuche unter dem Deckmantel der Folklore wieder öffentlich auszuleben.

Trude lernte im Folkloreensemble nicht nur die Bräuche und die Tänze der Liven, sondern auch das Nähen und Besticken der Trachten. Trude stellte sich jedoch nicht sehr geschickt an. Auf ihrem schwarzen Schultertuch waren die krummen Kreuzstiche zum Glück nur von Nahem zu erkennen.

Nach und nach blickte Trude hinter die äußere Fassade der Folkloregruppe. Getanzt wurde nicht nur zu Kirchweih oder zur Wiederwahl des Bürgermeisters, sondern im Geheimen zu sogenannten „hohen Zeiten“. Geweihte Tage, wie beispielsweise die Sonnenwenden, regelten den Jahreskreis in heidnischen Traditionen. Livonia hielt heilige Messen von Tanz und Gesang umrahmt ab. Trudes Nackenhaare stellten sich auf, als sie davon hörte. Sie wollte doch nur tanzen und mit Gottes- oder Naturanbetung nichts zu tun haben. Denn sie war mit Gott immer noch nicht im Reinen und die Vorstellung, in die Fänge eines Geheimbundes geraten zu sein, war ihr zuwider. Doch Lena, die ihr wie immer einen Schritt voraus war, überredete Trude, an einer Zeremonie teilzunehmen und sich ihr eigenes Bild zu machen.

Es kostete Trude viel Überwindung, sich in den Kreis der Menschen einzureihen, die sich Hände haltend um einen Baum versammelten. So wie lauter Trommelwirbel vom Spieler als ekstatisch und von außen unerträglich erlebt wird, kam ihr dieser religiöse Kreis suspekt vor. Dieselben Freunde, die ihr sonst vergnügt bei Tanz und Musik begegneten, erkannte Trude jetzt in Stille mit geschlossenen Augen dastehen. Es passte nicht mit dem Bild zusammen, das sie von ihnen hatte.

Die Auffassung, dass die prächtige Linde, um die der Menschenkreis gebildet wurde, eine eigene Seele haben sollte, fand Trude absurd. Der Zeremonienmeister sprach: „Himmel und Erde haben ein eigenes Bewusstsein. Der Baum verbindet sich nun durch Krone und Wurzeln mit diesem göttlichen Sein. Lasst uns unsere Herzen und unseren Geist füreinander und den heiligen Geist der Schöpfung öffnen und uns in Liebe mit ihm verbinden. Wir sind nicht getrennt.“

Trude fand albern, was sie hörte. Doch Lena und dem Tanzen zuliebe ließ sie sich auf das Kinderspiel ein.

„Hüpfen wir halt um einen Baum herum“, dachte sie spöttisch. Sie reihte sich in den Kreis ein, ergriff die Hände der Nachbarn und schloss die Augen wie alle andern. Trude zügelte ihre Ungeduld und zwang sich, entspannt zu atmen. Das gleichmäßige Ein- und Ausatmen, die stoische Ruhe, die nur vom Säuseln der Blätter unterbrochen wurde, beruhigten Trudes inneres Gezappel. Dann spürte sie ein sanftes Kribbeln in den Handinnenflächen, das immer stärker wurde und über die Arme aufstieg und ihren Körper mit einer warmen Welle kitzelte. Es fühlte sich für Trude nicht bedrohlich, im Gegenteil beglückend an. Sie streckte sich, die Augen immer noch geschlossen, durch und öffnete ihren Brustraum, damit sie noch freier atmen konnte. Die Wärme breitete sich in der Herzgegend aus und schien aus ihr herauszuströmen. Die Grenze zwischen ihr und den anderen löste sich auf, Trude fühlte sich in einem schwerelosen, schwebenden Zustand, der sie mit unbändiger Glückseligkeit erfüllte.

Es war wie ein kurzer Moment der Erleuchtung. Sie wurde wie von einem Blitz getroffen. Trude wurde von einer starken Kraft erfasst. Eine Energie von Liebe, Verbundenheit und Einssein mit allem. Es gab kein sie und die andern mehr. Sie befand sich in einem Zustand von allem und nichts. Sie wurde zum Baum und zum Himmel, sie war der Grashalm und die Nachbarin. Alles gleichzeitig. Es war, als hätte sich ihre Schädeldecke zum Himmel geöffnet und alles Wissen dieser Welt strömte durch sie hindurch und könnte von ihr jederzeit abgerufen werden. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Und es fühlte sich an, als sei sie Schöpfer und Schöpfung in einem. Trude fühlte sich allmächtig und nichts. In dem Moment erkannte Trude, dass sie und alle Schöpfung aus dieser Quelle entsprungen waren. Trude konnte die Tränen vor Überwältigung nicht zurückhalten.

„Das musste GOTT sein!“

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Nach dieser Initiation nahm Trude regelmäßig an den Naturzeremonien teil. Es gab keine priesterliche Hierarchie. Abwechselnd gestalteten die Teilnehmer die Andachten selbst. Jedem wurde die Fähigkeit, einen feierlichen Rahmen zu gestalten, zugetraut. Der Kreis, der immer am Anfang und Schluss gebildet wurde, symbolisierte die Gleichheit aller Anwesenden. Es wurde großer Wert darauf gelegt, denn im Kreis konnte die spirituelle Energie besser gehalten werden.

Der Inhalt der Messe wurde den Jahreszeiten oder anderen Themen angepasst. Immer wurden vom jeweiligen Zeremonienmeister die Elementarkräfte (Wasser, Erde, Luft, Feuer und Äther) gewürdigt und eingeladen, die feierliche Handlung zu unterstützen. Mit den Elementen wurden Gebete, Opfer, Wünsche zum göttlichen Empfänger transportiert. Sie übten sich darin, die Wesenheiten der Erdgeister zu erspüren und mit ihnen zu kommunizieren.

Trude erkannte, dass der Kirchengott des Vaters zwar ihren Kopf beschäftigte, aber nie ihre Seele berührte. Nach einem Kirchenbesuch fühlte sie sich stets getadelt und zurechtgewiesen. Der Gott der Kirche hatte sie als Frau geduldet, zweifellos aber als Schande der Schöpfung betrachtet. Mit dieser neuen, sinnlichen Annäherung an die Schöpfung und deren Ausdruck über die Natur bekam Trude ein Verständnis für das Zeitlose. Sie liebte es, sich bei einem Ritual zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Sie liebte das Eingebundensein in der Gruppe. Das Unspektakuläre und die Schlichtheit der Treffen fühlten sich gut an. In der Gemeinschaft Livonia war Trude willkommen. Sie war ein Kind der Schöpfung wie alle andern. Es war ein spirituelles Heimkommen. Ein Heimkommen in den Schoß von Mutter Natur, Vater Himmel und zu Geschwistern – den Tanzfreunden. Trude fühlte sich zugehörig.

1925 Die Liebe

T rudes Leben war rund und ganz. In Olgas Obhut hatte sie Arbeit, Schutz und Nahrung. Bei Livonia bekam sie Spiel, Zugehörigkeit und Spiritualität. Der Vater und sein Gott hatten keine Macht mehr über sie. Trude war mit ihrem Leben im Reinen und konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, dass ihr Leben noch reicher werden könnte.

Am Samstag, dem 4. Juli 1925, warteten alle gespannt auf den neuen Geigenspieler, der in der Kapelle die Lücke schließen sollte. Valentin betrat das Lokal, schaute sich im Raum um und schritt selbstbewusst auf die Musiker zu. Seine gepflegte Erscheinung, seine wohlgeformten Gesichtszüge und die schlanken Hände gefielen Trude auf Anhieb. Im Schutz der Gruppe beobachtete sie ihn und spürte, dass der Neue ihren Herzschlag beschleunigte. Nachdem die Musiker ihn mit einem Handschlag begrüßt hatten, nahm Valentin auf dem zugewiesenen Stuhl Platz, sortierte die Noten und blickte sich abwartend im Raum um. Seine Augen streiften die Tänzer. Seine und Trudes Augen trafen sich und in dem Moment war es besiegelt. Es war ein Wiedererkennen eines vor langer Zeit an einem vergessenen Ort gegebenen Versprechens. Eine innere Stimme sagte Trude, dass sie ihn kannte und dass sie und Valentin zusammengehörten.

Nach der Probe wartete sie auf Valentin. Sie war nicht aufgeregt, sie fühlte auch keine Scham. Es schien folgerichtig, auch wenn sie bis dahin kein einziges Wort gewechselt hatten. Er gesellte sich zu der wartenden jungen Frau, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Von Beginn an waren sie sich vertraut. Sie redeten, sie vergaßen alles um sich herum.

Trude erfuhr, dass Valentin aus Berlin stammte. Er war angehender Ingenieur und beabsichtigte, an einer ausländischen Fakultät sein Studium zu vertiefen. Zur Wahl hatten Danzig, Tartu oder Leningrad gestanden. In Polen und Russland hätte er Schiffsbau belegen können, was sein Vater ihm nahegelegt hatte. Tartu war der Bauchentscheid von Valentin, den er gegen den Wunsch seines autoritären Vaters gefällt hatte.

„Ich weiß jetzt, warum meine innere Stimme gegen alle Argumente für Tartu sprach. Ich weiß jetzt, dass ich richtig entschieden habe. Der einzige Grund, warum ich nach Tartu gekommen bin, ist, dich hier wiederzutreffen“, kokettierte Valentin.

Eine Woche später küssten sie sich unter einem blühenden Bauernjasmin. Zwei Wochen später verlobten sie sich. Die beiden waren sich ihrer Sache sicher. Trude war mit siebzehn noch nicht volljährig und so planten sie, ein Jahr später, im Sommer 1926, zu heiraten. Trudes Vater war heilfroh, dass sie so schnell unter die Haube kam. Vater sah in Valentin einen unerwarteten Glücksfall und gab seinen Segen, bevor der Bräutigam oder seine Familie es sich anders überlegen würden.

Mit einem Telegramm kündigte Valentin seinen Eltern die Verlobung und den bevorstehenden Besuch an. Er wollte, wie es sich gehörte, seine Braut vorstellen. Trude konnte nächtelang kaum schlafen. Das Leben überwältigte sie und übertraf ihre kühnsten Zukunftsträume. Erst die Verlobung, dann auch noch eine große Reise! Sie würde Deutschland und Berlin kennenlernen. Die Weltstadt war die populärste Kulturmetropole der Zwanzigerjahre. Und noch nicht einmal Lena, für die alles möglich war, hatte Berlin gesehen.

Lena borgte ihrer Freundin zwei feine Kleider und gab ihr wertvolle Instruktionen, worauf Trude achten sollte. Valentin kam aus gutem Haus. Der erste Eindruck in der feinen Gesellschaft musste sitzen. Während der beschwerlichen Reise war Trude ständig darauf bedacht, ihre Röcke nicht zu beschmutzen. Sie reisten in einer Kutsche auf staubigen Straßen bis Riga und mit der Eisenbahn bis nach Berlin.

Valentin unterwies sie während der langen Fahrt in die Gepflogenheiten der gehobenen Kreise. Insgeheim war Trude der deutschen Wehrmacht dankbar, dass sie während der Besetzung Deutsch gelernt hatte. Sie würde sich mit den zukünftigen Schwiegereltern in deren Muttersprache unterhalten können. Trude fühlte sich gerüstet.

Doch die Verlobten blieben keine Nacht.

Valentins Vater und Mutter empfingen sie zum Nachmittagstee. Vom Dienstpersonal wurden sie zu den Herrschaften geführt, die sie distanziert und förmlich begrüßten. Valentin hatte seine Eltern mehrere Monate nicht gesehen und küsste Mutters Hand und siezte die Eltern, was Trude befremdete.

„Was für eine Gefühlsarmut! Wenn ich meinen einzigen Sohn so lange nicht gesehen hätte, würde ich ihn ans Herz drücken und abküssen!“

Trude wurde in die Teestube gebeten, während Valentin von seinem Vater zu einem Männergespräch unter vier Augen in ein angrenzendes Zimmer geführt wurde. Die Mutter richtete keine einzige Frage an Trude. Das Gespräch erstarb, als Anreise und Wetter durchgenommen waren und die Gastgeberin erkannte, dass das Bauernmädchen von weiteren Konversationsthemen der Damengesellschaft keine Ahnung hatte. Trude begriff, dass die Schwiegermutter ihr nur aus Höflichkeit Gesellschaft leistete, bis die Herren ihre Unterredung beendet hatten. Oft schaute sie an der jungen Frau vorbei auf die Pendeluhr in ihrem Rücken, räusperte sich und stellte die Teetasse mit einem abgespreizten kleinen Finger sorgsam auf den Unterteller zurück.

Aus dem Nebenraum drang kein hörbares Wort. Es war unheimlich still und Trude schwante, dass sich die Audienz beim Vater nicht zu ihren Gunsten entwickelte. Es fiel dem Mädchen schwer, die ihrem Naturell entsprechend zappeligen Beine ruhig zu halten. Sie biss sich unentwegt auf die Unterlippe, wohlbedacht, nichts Unschickliches aus ihrem Mund zu entlassen. Wenn sie mit Olga beim Kartoffelschälen saß oder sie miteinander im Garten Unkraut zupften, plapperte sie frei von der Leber über Valentin. Auf jede kleine Anekdote von den Frischverliebten antwortete Olga mit einem herzhaften Lachen oder mitfühlenden Nicken. Bei ihr musste sie kein Wort abwägen.

Bei seiner Mutter riss sie sich zusammen. Nichts wollte sie von Valentin und sich preisgeben. In dieser bangen Stunde, in der ihre gemeinsame Zukunft mit Valentin ausgehandelt wurde und sie sich vor dem steifen Richter in Gestalt seiner Mutter um Form bemühen musste, war ihre Vorstellungskraft wie so oft die Rettung. Als alles gesagt war, klinkte sie sich im Geiste aus. Der Körper schützte Präsenz vor, doch sie ging in Gedanken auf Wanderschaft.

Sie schwelgte in der Erinnerung an den ersten innigen Kuss, an seine forschen Hände auf ihrem Busen und zwischen ihren Beinen. An ihre Verwegenheit, als sie seinen behaarten Schoß und seine Männlichkeit zum ersten Mal erforschte. Trude dachte daran, wie Valentin von seinen Zukunftsplänen erzählte, in denen sie neben ihm die Hauptrolle bekam. Sie wusste um seinen Ekel vor Spinnen oder seinen Tick, sich ständig die Augenbrauen mit Spucke glatt zu streichen. Ihr Liebster wusste, dass sie gerne las, und belieferte sie mit Büchern aus der Universitätsbibliothek. Valentin war längst nicht mehr Mutters Söhnchen, er war bereits zum feindlichen Lager, seiner neuen Verbündeten, übergelaufen. Trude wusste mehr über ihn, als seiner Mutter lieb war.

Siegesgewiss sah Trude dann Valentins Rückkehr in den Salon entgegen. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich. Der Qualm verriet, es war viel geraucht worden. Die Verlobte hatte Valentin noch nie mit einer Pfeife oder Zigarre gesehen. Schon daran hätte sie erkennen müssen, dass sich das Blatt gewendet hatte. Vater rief das Dienstmädchen und bat es, Valentin und Trude hinauszugeleiten. Valentin hielt den Kopf gesenkt und vermied es, Trude anzuschauen. Das Unheil war zu erahnen.

Reserviert verabschiedeten sich Valentins Eltern von dem jungen Paar.

Trude betrat dieses Haus nie mehr.

Vor der Eichentür bat Valentin Trude, umgehend nach Tartu zurückzureisen, und überreichte ihr das Geld für die Fahrt. Er küsste sie flüchtig auf die Wange und wandte sich ab, um ins Haus zurückzugehen. Trude fiel aus allen Wolken. Sie wollten doch vier Tage in Berlin bleiben! Alle Sehenswürdigkeiten standen auf dem Programm: das Brandenburger Tor, der Reichstag, der Botanische Garten! Und er wollte ihr einen großen Wunsch erfüllen: mit Straßenbahn quer durch die Stadt zu fahren. Jetzt schickte er sie einfach weg. Trude ergriff Valentins Hände, suchte seine Augen. Er drehte den Kopf weg, doch Trude blieb nicht verborgen, dass er mit den Tränen kämpfte.

„Valentin, was ist vorgefallen?“, bettelte Trude.

Ihr Verlobter richtete sich auf, wurde steif, nahm eine Haltung an, die sie an ihm noch nie erlebt hatte. „Es ist einfach so!“, fuhr Valentin sie barsch an, machte auf dem Absatz kehrt, schritt fluchtartig durch die Tür, die mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel.

Trudes Welt stürzte zusammen. Sie waren auf dem Sprung, die Welt zu erobern. Sie wollten nach Valentins Studium in Deutschland wohnen, später Europa bereisen. Sie waren hoffnungsvoll, dass Trude auch als Frau eine weiterführende Schule besuchen konnte. Sie hatten Amerika in Betracht gezogen. Als Ingenieur stand ihm die Welt offen. Und nun war Trude mit einem Schlag die Tür zur Freiheit vor der Nase zugeschlagen worden. Sie hatte an diesem unheilvollen Nachmittag in Berlin nicht nur ihre große Liebe, sondern auch die Eintrittskarte in eine verheißungsvolle Zukunft verloren. Ein Fiaker kutschierte Trude zum Bahnhof. Die Eisenbahn brachte sie nach Riga. Sie kehrte als leere Hülle, als hätte sie ihre Seele auf dem Weg verloren, nach zwei Tagen und zwei Nächten Odyssee in Olgas Schoß zurück. Doch weder Olga noch Lena vermochten Trude zu trösten. Sie verstanden Valentins Wandlung genauso wenig wie Trude. Denn was immer auch sein Vater zu ihm gesagt haben mochte, zumindest hätte er den Anstand haben müssen, sich zu erklären.