Esmeralda - Rose Marie Gasser Rist - E-Book

Esmeralda E-Book

Rose Marie Gasser Rist

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Beschreibung

"Ich habe gefunden, was ich nicht gesucht habe." Rose möchte mit zweiundzwanzig nach Australien auswandern und lernt bei der Jobsuche kuriose Menschen kennen. Vor allem trifft sie in Brisbane die sechzig Jahre ältere Trude, die Rose ihre Geschichte erzählt, was Roses Weltsicht grundlegend verändert und erweitert. Esmeralda steht für das Unerfüllte und die Verflechtung von Roses und Trudes Erzählungen. Rose steht am Anfang und Trude am Ende ihres Lebens. Beide sind Reisende zwischen den Welten. Weder Roses noch Trudes Träume erfüllen sich. Nicht auf Anhieb. Doch auf dem Weg machen sie das Beste aus dem, was ihnen das Leben stattdessen vorschlägt. Esmeralda ist die zweite autobiographische Erzählung von Rose Marie Gasser Rist. Sie knüpft an ihr erstes Buch "Seemannsgarn" an. "Esmeralda ist kein Roman, sondern ein Gespräch. Die faszinierende Begegnung der Autorin mit Trude verleiht der Erzählung Magie, Innigkeit und Wärme. " Barbara Prinz, Wien

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für

Matthias, Jaromir & Ruben Meine Lieblingsmänner

Kapitel

1998

Ein Brief aus Australien

1988

Prolog

Phantomwiegen

Beds are burning

Doofe Holzfällerhemden

Ohne Warzen in die Oper

Unverstandenes Credo

Balzen am Kings Cross

Du bist nicht von hier

Am Küchentisch

Trudes Kindheit

Frauensolidarität

When the living is easy

Tanzen und Heimkommen

Valentin

World Expo

Zwischen Kuh und Ochse

Der Wert einer Frau

Meteoriteneinschlag

Leningrad und das tägliche Brot

Windelweich

Yoga

Sommer auf dem Land

Es kommt ins Lot

Beim Medium

Eine unheilvolle Allianz

Auf zu neuen Ufern

Trudes Fülle und Trost

Auf zu den Hippies

Petrowitsch

Mit Archie auf dem Mount Warning

Weihnachten in den Tropen

Das Glück kehrte zurück

Am Billabong

Four X und Cannabis

Emerald Beach

Tropen- & Großstadtdschungel

Wie komme ich übers Meer

Wie komme ich heil übers Meer

Auf sicheren Grund bauen

Im Golf zu Tante Megan

Zwölf Apostel

Kehrtwende

Tote Hühner und lebendige Flöhe

Kängurus und rote Erde

Wem gehört das Land?

Der Pazifikkrieg

Die Bomben

Ghost Busters

Alle Zeit der Welt

2014

Epilog

2018

Überarbeitete Auflage

Danke!

Die Autorin

Bibliografie

Der Smaragd

Der außergewöhnlich wertvolle und zerbrechliche Edelstein verdankt seinen Namen seiner leuchtend grünen Farbe. Dieses wunderbare und unvergängliche Grün macht den Smaragd zu einem Stein der Hoffnung. Er gilt auch als Stein der Weisheit und Inspiration, der geistigen Schöpfung und des Wissens. Sein Grün ist die Farbe der wahren Liebe und des Glücks, aber auch die des immer wiederkehrenden Lebens, der Kraft und inneren Glückseligkeit.

1998

Ein Brief aus Australien

Schweiz, im Frühling

Dear Rose,

ich lausche den Vögeln im Park. Ich kann sie nicht mehr sehen, meine Augen sind müde, aber meine Ohren hören alles. Der Sommer neigt sich ...

Die Zeilen sind mit Bleistift auf eine karierte Seite, aus einem Ringheft gerissen, geschrieben. Die schwache Schrift verliert sich in ein unleserliches Gekritzel und lässt dennoch den Schluss des Satzes erahnen. Trude ist gestorben. Kurz nachdem oder während sie die Zeilen an mich geschrieben hat. Die wenigen Worte versetzen mich mit einem Schlag zehn Jahre zurück. Ich sehe mich mit Trude am Küchentisch in Brisbane sitzen und Kaffee trinken.

Der Begleitbrief von Trudes Tochter Anne bestätigt meine Vermutung.

Dear Miss Gasser,

meine Mutter Trude Muller ist am 7. März ein halbes Jahr vor ihrem 90. Geburtstag im Seniorenheim verstorben. Sie durfte friedlich einschlafen. Man fand diese Zeilen bei ihr. Ich nehme an, dass sie an Sie gerichtet sind, und lasse sie Ihnen deshalb zukommen. Mutter hat mir von Ihnen erzählt.

Mit freundlichen Grüßen

Anne Galway

Dass Trude in ihren letzten Lebensstunden noch an mich gedacht hat! Wir waren beide Reisende zwischen den Welten. Damals war der erste Satz, den sie an mich gerichtet hat:

„Du bist nicht von hier, stimmt’s?“

1988

Prolog

Die Schweiz ist ein herziges Land. Die Schweizer sind tüchtige Menschen. In der Schweiz bin ich geboren. Aber diese Schweiz fühlt sich nicht so recht wie Heimat an. Fünfzig Meter neben der deutsch-schweizerischen Landesgrenze auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatte ich stets das Gefühl, dass das richtige Leben erst nach dem Zoll richtig losgehen würde.

In meiner Kindheit in den Siebzigerjahren kam mir die Schweiz wie ein schmuckes Geranienkistchen vor; überschaubar, bei richtiger Pflege nicht allzu anspruchs- und dennoch wirkungsvoll. Mein Pech war, dass ich als widerspenstige Wildblume nie so richtig in dieses Arrangement passte. Ich gab mir wirklich redlich Mühe, mich den anderen Geranien anzugleichen. Doch je mehr sich meine eigenen Wurzeln ausbildeten und sich meine Ranken ausdehnten, desto klarer wurde, dass mir das Balkonkistchen, die Schweiz, eines Tages zu eng werden würde. Ich fühlte mich einfach nicht am richtigen Fleck. Wahrscheinlich prägte mich auch der politische Diskurs dieser Zeit: Haben die Frauen auch etwas zu sagen und soll ihnen auf dem öffentlichen Parkett Platz gemacht werden? Oder war es für das Gemeinwohl besser, wenn die Schweizerin in ihrer zugewiesenen Rolle als Mutter und Hausfrau blieb? Die Schweizer Männer taten sich schwer, den Frauen das Stimmrecht und die politische Gleichberechtigung zuzusprechen.

Es war uns als siebenköpfige Bauernfamilie aus nachvollziehbaren Gründen nicht vergönnt, große Reisen zu machen. Und so habe ich als Kind und Jugendliche auch nie ausprobieren können, welches Land als Alternative zur Auswahl stehen könnte. Ich wäre wohl einfach aufs Geratewohl in die Welt gezogen, hätte nicht eine Astrologin in meinem Sternenbild gelesen, dass ich meine Bestimmung in Australien finden würde.

Jetzt, mit zweiundzwanzig Jahren, habe ich nicht viel, aber gerade ausreichend Geld als Startkapital zusammengespart, das mir die Freiheit schenkt, den großen Sprung zu wagen und mein Glück auf dem fünften Kontinent zu suchen. Um die Reise um den Globus mit allen Sinnen zu begreifen, hatte ich mich für den Seeweg entschieden. Sechs Wochen lang dauerte die Überfahrt.

Die Seereise war wie eine Initiation. Sie öffnete mir in allen Bereichen Horizonte. Die Gdansk III umrundete Europa, schipperte durch den Suezkanal und lange Tage und Nächte durch den Indischen Ozean. In einigen Häfen konnte ich von Bord gehen. In Port Said kam ich zum ersten Mal in Tuchfühlung mit der arabischen Kultur. Stundenlang betrachtete ich das Meer. Ich führte Selbstgespräche. Bei Tisch gewann ich dank Bill und Netty, Professoren der Philosophie und Geografie, neue Einsichten in das Leben. Die polnischen Matrosen sorgten mit Musik und Alkohol dafür, dass ich mich abends nicht allzu sehr langweilte. Und einer von ihnen, Kazimierz, vergoldete meine Seereise. Er brachte mir nicht nur Gitarrespielen bei.

In der Erzählung Seemannsgarn berichte ich ausführlich über diese Seereise.

(Seemannsgarn ISBN 978-3-839139-80-6)

Phantomwiegen

Es ist Sonntag, der 7. August 1988. Ich bin zweiundzwanzig und heute nach sechs Wochen auf hoher See auf einem polnischen Frachter in Australien angekommen.

Bei einem spektakulären Sonnenaufgang sind wir diesen Morgen in den Hafen von Sydney eingefahren. Nach dem Andocken muss ich mich lange gedulden, bis alle Zollformalitäten erledigt sind und ich von Bord gehen kann. Kaum habe ich einen Fuß auf australischen Boden gesetzt, bin ich angehalten, das abgesperrte Gelände des Frachterhafens zügig zu verlassen. Ein Taxi kann ich mir nicht leisten und ich muss zu Fuß ins Stadtzentrum wandern. Ich strebe die erstbeste Anhöhe an und finde mich dann im Royal Botanic Garden wieder.

Auf See hat sich mein Organismus auf Dauerwiegen eingependelt. Der australische Boden ist solide und unnachgiebig. Seit Port Said, dem letzten Landgang, sind über zwanzig Tage vergangen. Offensichtlich bin ich mit dem Gehen – über größere Distanzen als eine Decklänge – aus der Übung gekommen. Auf meine Beine ist heute kein Verlass. Ich sacke immer wieder ein. Mir kommt jeder Meter, den ich mit dem umgeschnallten Hab und Gut bis zum Stadtgarten zurücklege, wie eine Seemeile vor.

Hier sitze ich jetzt auf einer Parkbank und gönne mir nach der Anstrengung eine Rast. Ich verschaffe mir einen Überblick über meine Lage. Die Aussicht auf den Hafen ist umwerfend. Die Luft riecht anders. Der gewohnte Mix aus Meer, Wind, Metall und Öl ist einer Frische gewichen. Ich freue mich über den Geruch von Rasenschnitt und eine Duftwelle süßlicher fremder Blüten.

Intensive Farben fallen mir auf: Silber, Schwarz, Kobaltblau und Maigrün. Zwischen Rasenflächen bahnt sich Teer. Unter einem wolkenlosen Himmel blitzen die Fenster der Hochhäuser in der Mittagssonne. Ich muss die Augen zusammenkneifen. Es ist angenehm warm und ein laues Lüftchen spielt mit meiner roten Bluse. Ich blicke an mir herunter.

Die Schiffsreise hat mich verändert. Verwegen sehe ich aus. Auf dem Frachter war es überflüssig, mich zu schminken und mich einer ästhetischen Zensur zu unterwerfen. Vor wenigen Wochen leuchteten die Haare noch Hennarot. Nun stehen sie mir ausgebleicht, wirr und strohig vom Kopf ab. Die Garderobe, bestehend aus zwei Paar Jeans und fünf Pullis, einer soliden Jacke, zwei Blusen und so viel Unterwäsche wie Wochentage, ist funktionell und bequem. Ich trage die Kleider seit Beginn meiner Reise vor zwei Monaten im Turnus. Farben und Muster sind inzwischen von Sonne, Meer und Wind verblasst.

Als ich nach einer Weile aufstehen will, falle ich zurück auf die Bank. Mein Körper hat das Gleichgewichtsgefühl noch nicht wiedererlangt. Stunden nach Landgang schwingt er immer noch gewohnheitsmäßig mit dem sanften Wiegen des Schiffes. Phantomwiegen. Und wie ich Kazimierz vermisse! Das Loch im Herzen ist kaum auszuhalten. Phantomschmerz. Ich las einmal, dass sich Seelen, die sich lieben, zu einem Strang zusammenzwirnen. So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich das „Kazimierzgewebe“ wieder entflechtet.

Doch jetzt gilt es, den Blick nach vorn zu richten. Ich will hier in Australien Fuß fassen! Man sagte mir, es sei ein Leichtes, Gelegenheitsjobs zu finden und nach einer gewissen Zeit eine feste Arbeitsbewilligung zu erhalten. Für heute brauche ich jedoch als Erstes eine Unterkunft und Nahrung. Auf geht’s, Mädel!

Die Herberge für junge Frauen ist mir als erste Anlaufstelle empfohlen worden. Ein Blick auf die Karte genügt: Das YWCA an der Wentworth Avenue ist direkt beim Museum und einfach zu finden. Es scheint mir ein gepflegtes Etablissement zu sein. An der Rezeption angekommen, bringe ich zwei Empfangsdamen etwas aus dem Konzept:

„Ich kann das Zimmer leider nicht im Voraus bezahlen. Ich bin erst heute Morgen mit einem polnischen Frachter angekommen. Im Frachterterminal gibt es keine Wechselstube. Leider habe ich nur Travellerschecks bei mir und noch keine Australischen Dollar. Heute, am Sonntag, sind leider keine Banken geöffnet.“

Die beiden Rezeptionistinnen schauen mich entgeistert an. Ich sehe ihren entsetzten Blicken an, dass sie an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln: „Wie kann man als junge Frau freiwillig auf einem polnischen Frachter von Europa nach Australien reisen?“ Meine ursprünglich durchaus hoffnungsvolle Ausgangslage verschlechtert sich rapide. Schweizer sind ja grundsätzlich vertrauenswürdig. Dies haben wir, denke ich, Henri Dunant und unserer konsequenten Nichteinmischungspolitik zu verdanken. Gut möglich, dass es auch am Bankgeheimnis oder an der Schokolade liegt.

Jedenfalls haben wir Schweizer Vorschusslorbeeren im Ausland. Doch diese muss ich mit der Erwähnung des polnischen Frachters wieder abgeben. Mein verwahrlostes Aussehen trägt das Seine dazu bei. Die beiden jungen Asiatinnen stecken kurz ihre hübschen Köpfe zusammen und kommen zum Schluss, dass sie die schwer wiegende Entscheidung, ob ich kreditwürdig sei oder nicht, nicht alleine tragen können.

Das Namensschild auf dem adretten roten Hosenanzug verrät mir Namen und Rang der nächsten Entscheidungsträgerin: Mrs. B. Richardson/Reception Manager. Ich hatte nicht viel Zeit, mir zu überlegen, ob B für Barbara oder Bernadette steht – Vornamen, die zu ihrer Perlenhalskette gepasst hätten. Mrs. Richardson ist nicht wesentlich interessiert an den Gründen meiner Insolvenz, sie unterbricht mich und verlangt meinen Pass. Damit ist die Sache geregelt.

Für diese Nacht ist nun gesorgt. Doch ich muss mich morgen nach einer billigeren Unterkunft umsehen. Mit vierzig Dollar die Nacht bin ich innert Monatsfrist wieder auf dem Heimflug. Wohlweislich habe ich den drei Damen das Geld, das ich von Bill, meinem Tischnachbarn auf dem Frachter, geschenkt bekommen habe, verschwiegen. Er hatte mir zwanzig Dollar zugesteckt, als ich von meinen Plänen in Australien erzählte und erwähnte, dass ich bargeldlos war und beabsichtigte, mit Checks die laufenden Kosten zu bezahlen.

Das Zimmer 107 werde ich mit drei anderen jungen Frauen teilen. Ich finde es menschenleer vor. Die anderen Betten sind schon belegt, was ich an den ausgerollten Schlafsäcken und Gepäckstücken erkenne. Ich bin neugierig, wer die Zimmergenossinnen sind. Es wäre ein Leichtes, in ihren Taschen zu wühlen. Doch ein Ehrenkodex hält mich zurück. Es ist eine unausgesprochene, nirgends niedergeschriebene Regel, die man instinktiv kennt. Es gehört sich nicht, in anderer Leute Sachen zu wühlen. Darauf verlasse ich mich auch, als ich meine Habe unbeaufsichtigt im Zimmer zurücklasse. Anders funktioniert das Reisen ganz einfach nicht. Wie sonst könnte ich entspannt auf Entdeckungstour gehen, ohne in ständiger Angst um die Siebensachen zu sein?

Ich erkenne in diesem Moment beim Verlassen des Zimmers, dass ich mir fortan Vertrauen nur in kleinen Einheiten sichern kann. Mit dem Unterwegssein, dem ständigen Ankommen und Aufbrechen, was ja die Essenz des Reisens ist, muss man täglich abwägen, welche Risiken man bereit ist einzugehen und wo man auf Nummer sicher gehen will.

Ohne Risikobereitschaft werde ich nichts Neues kennenlernen. Da hätte ich gleich zu Hause bleiben können. Doch worauf ist Verlass? Auf mich, auf die mir noch unbekannten Menschen, denen ich begegne? Woher nehme ich die Gewissheit, dass ich satt werde in Australien und dass ich körperlich unversehrt bleibe? Spannende Fragen! Eine Stimme sagt mir: „Mach einfach, es kommt schon richtig, geh einfach weiter.“

Wie immer in einer neuen Umgebung will ich mir einen Überblick über die Stadt und meine Lage verschaffen. Der Tower of Sydney ist laut Stadtplan die höchste Aussichtsplattform und ich wähle ihn als Ziel des Nachmittages. Ohne Gepäck viel leichteren Schrittes ziehe ich nochmals los. Es ist mittlerweile nach drei Uhr mittags und ich habe seit dem Frühstück auf dem Schiff, das aus Nervosität um den Landgang nur aus Milchkaffee und einem Brötchen bestand, nichts mehr gegessen. Jetzt meldet sich Bärenhunger.

Auf dem Weg zum Aussichtsturm komme ich an einem Take-away vorbei. In der Schweiz versteht man darunter Bratwurst vom Grill. Die hiesige Auswahl überfordert mich. Es gibt Pizza, Sandwiches und chinesische Nudeln in allen möglichen Variationen. Die englischen Begriffe sind mir unvertraut und die ungeduldige Bedienung spricht ein gewöhnungsbedürftiges Englisch. Ich hätte gerne das Sandwichs-Sortiment in aller Ruhe betrachtet und die Beilagen anhand meines Taschenwörterbuches übersetzt. Doch mit meiner Begriffsstutzigkeit stehe ich der entschlosseneren Kundschaft im Weg, werde ständig angerempelt und zu einer schnellen Wahl aufgefordert. So zeige ich auf das, was ich eindeutig erkennen kann, auf ein Thunfischbrötchen.

Frisch gestärkt peile ich den Tower of Sydney an.

Beds are burning

Ich habe tief und fest geschlafen. Die aufgeregten und hellen Stimmen meiner Roommates haben mich geweckt. Wir haben uns am Vorabend nicht mehr gesehen, sodass ich die Nacht im Raum mit drei Fremden verbracht habe. Nun stellen wir uns gegenseitig vor. Die drei Japanerinnen sind Freundinnen. Ich erfahre, dass sie heute nach Alice Springs abreisen und in drei Tagen nach einer insgesamt zweiwöchigen Australienrundreise zurück nach Kyoto fliegen. Ich beschließe, mir ihre Namen nicht zu merken, da sie sowieso nach einem kurzen Streifzug sofort wieder aus meinem Leben verschwinden würden. Nach einem kurz gehaltenen Höflichkeitsaustausch verstöpsle ich mir die Ohren und lasse Midnight Oil in die Gehörgänge rinnen. Starke Sache!

How can we dance when our earth is turning.

How do we sleep while our beds are burning.

Das explosive Lied besingt die unrühmliche Vergangenheit der Apartheid. Es geht um Landrückgabe an einen vertriebenen Aboriginesstamm. „Wie können wir schlafen, während unsere Betten brennen?“ Es schläft sich wahrlich nicht gemütlich, wenn das Bett in Flammen steht. Lieder der australischen Band sind zum Zeitpunkt meiner Abreise gerade in den europäischen Radios rauf- und runtergespielt worden. Ich habe die Schallplatte Diesel and Dust ausgeliehen und auf Kassette einen Reisemix mit anderen australischen Hits zusammengeschnitten. Beds are burning ist ein lustvolles, wütendes Lied. Es muss laut gehört werden und dringt nun über Kopfhörer in mein Gehör. Rhythmus und Melodie erfassen meinen Körper. Ich möchte aus dem Bett springen und wild herumtanzen. Doch die Anwesenheit der Japanerinnen im Raum gebietet mir, mich schicklich zu benehmen.

Dennoch – raus aus den Federn! Da draußen ist eine Welt zu entdecken!

Heute sind die Geschäfte wieder geöffnet. Als Erstes muss ich Bargeld besorgen und als Zweites ein billigeres Hostel suchen und ja – ich möchte noch einmal zurück in den Güterhafen. Ich habe sie von oben gesehen, die stolze Frachterlady Polska III. Es ist erst ein Tag vergangen seit dem Landgang. Gestern in aller Herrgottsfrühe hatten meine Finger noch in Kazimierz Locken gewühlt. Als klebte sein Geruch noch an ihnen, rieche ich daran. Kazimierz ist ein feiner Kerl. Wir liebten uns in einem Ausnahmezustand. Wir trennten uns, weil er eine Familie in Polen hat und ich eine Zukunft in Australien. Bei aller Vernunft – der Abschied tut weh. Und mein Herz verkrampft sich, wenn ich an Kazimierz denke. Ich möchte ihn noch ein letztes Mal sehen!

Zwei Blocks weiter finde ich eine Bank, die mir die Schecks in Bargeld wechselt. Sogleich besorge ich Frühstück und Proviant für den Tag. Mit einer vollen Einkaufstüte auf dem Arm und in Gedanken versunken, sehe ich sie nicht kommen. Plötzlich machen sich vier Männer vor mir breit und ich lasse vor Schreck fast die Einkäufe fallen. Die Polen lachen über das ganze Gesicht, offensichtlich erfreut, mich an diesem Montagmorgen in den Straßen von Sydney anzutreffen. Ich bin gleichzeitig enttäuscht und erleichtert, dass Kazimierz nicht unter ihnen ist. Die vier Matrosen gehörten nicht zu seinen engeren Freunden. Alkohol, Rauch und Schweiß dringen mir unangenehm in die Nase. Es ist augenscheinlich, dass sie sich auf dem Heimweg von einer durchzechten Nacht befinden.

„What shall we do with the drunken sailor?“ Das Volkslied summt in meinem Kopf. Meine Mundwinkel heben sich zu einem Grinsen. Beim Anblick der angetrunkenen Matrosen erinnere ich mich an die vielen feucht-fröhlichen Abende an Bord. Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Doch jetzt ist es Zeit für mich weiterzugehen. Es gibt nichts, was ich mit diesen vier Männern zu reden oder außer Alkohol zu teilen hätte. Deshalb schlage ich die Einladung zum Kaffee höflich aus und entscheide im selben Augenblick, mit dem Abschied von der Polska III auch Trinkorgien ein für alle Mal hinter mir zu lassen.

In der Lobby des YWCA laufen mir die drei Japanerinnen noch einmal über den Weg. Unverhältnismäßig herzlich – als hätten wir die Schulzeit miteinander verbracht – verabschieden sie sich von mir. Die Rezeption wird von einer Reisegruppe belagert und ich muss mich lange gedulden, bis ich meine Schulden bezahlen und den Pass zurückfordern kann.

Beim Warten spricht mich Jutta, eine Saarländerin, an. Sie erkennt an meinem unsicheren Auftreten meine Reiseunerfahrenheit und fragt mich, ob sie mir helfen kann. Wir plaudern über unsere Herkunft und Ziele in Australien. Sie gibt mir wertvolle Tipps, wo man am besten einkaufen kann und in welchem Quartier die günstigsten Unterkünfte zu finden sind.

Schließlich verdanke ich es Jutta, dass ich mich Stunden später im Kings Cross Backpapers einfinde. Weil ich für eine Woche im Voraus bezahle bekomme ich den Zuschlag für ein Bett im Zweierzimmer für zehn Dollar die Nacht. Das ist meine erste positive Erfahrung, dass sich Feilschen lohnt. Der Tarif auf John Parker’s Herbergstafel war nämlich zwanzig Dollar die Nacht. Jutta sagte mir, dass kein angeschriebener Preis sakrosankt sei und es sich immer lohnen würde, zu verhandeln.

Heute ist der 8.8.1988! Keine Seele ist zugegen, die mit mir dieses außergewöhnliche Datum feiert! Da sitze ich auf der Bettkante, auf dem ausgerollten Schlafsack, mitten in der Unordnung der einsamen Abendmahlzeit: Crakkerkrümel, die Rispen der verzehrten Tomaten, die Hälfte eines halbherzig geliebten Goudastückes, der leere Karton des Getränks, Kassenbelege, Münzen, mein Tagebuch und ein angeschnieftes Papiertaschentuch.

Zwei Betten sind in diesem Raum. Eines ist von mir in Beschlag genommen, das andere wartet gleichmütig auf den nächsten Backpakker. Als hätte es Schuld an meiner blauen Stunde, geht mir das leere Bett auf den Geist. Ich strecke ihm die Zunge raus und fühle mich dennoch nicht besser danach. Ich könnte ausgehen, habe aber keine Lust dazu. Ich sollte auch mein Geld nicht für teure Drinks ausgeben. Wasser ist im Backpackers billiger. Also lass ich es bleiben und tue, was ich in der Regel immer tue, wenn keiner da ist zum Zuhören: Ich schreibe. Zuerst ins Tagebuch, dort bringe ich die schwarzen Gedankenschäfchen in den Stall. Später mit leichterem Gemüt schreibe ich Freunden.

Mitten im flotten Briefeschreiben klopft es an die Tür, eine Frau, die ein kanadisches Holzfällerhemd und einen beeindruckend großen Seesack auf dem Rücken trägt, betritt den Schlafraum. Nach einem kurzen Abchecken der Sprachen stellt sie sich in schönstem Hochdeutsch als Heidemarie vor. Wir konstatieren: Fortan sind hier zwei Marien im Zimmer: die von der Heide und ich, Rose Marie, die mit der Rose. Darüber kichern wir wie blöd und verstehen uns vom Fleck weg blendend.

Sie hat ebenfalls für eine Woche im Voraus bezahlt und sich damit einen ruhigen Zwischenhalt gesichert. Von Tahiti herkommend hatte sie eine strapaziöse Anreise. Ich freue mich, dass ich nicht mehr alleine bin. Auch sie mag nicht mehr ausgehen, sondern rollt sich nach einer ausgiebigen Dusche in ihren Schlafsack und schon bald höre ich sie nur noch tief ein- und ausatmen. Die Laute einer schlafenden Person, mit der es einem wohl ist, haben etwas wunderbar Behagliches. Es ist wie das Tragen warmer Wollsocken in einer kalten Winternacht oder wie das Genießen einer Tasse süßer heißer Schokolade nach einem Regenspaziergang.

Doofe Holzfällerhemden

Ich bin schon eine Weile wach. Heidemarie schläft noch. Ihre braunen Locken, die sich ungezähmt über das Gesicht kringeln, sind von einigen silbernen Fäden durchwoben. Wenige Falten sind um ihre Augen auszumachen. Meine deutsche Roommate muss gegen vierzig sein. Allmählich vernehme ich wohlige, grummelige Laute. Heidemarie räkelt sich und blickt zu mir. Sie habe geschlafen wie ein Murmeltier!

Auch ich habe gut geschlafen – es ist halt schön in angenehmer Gesellschaft. Auch wenn Heidemarie fast zwanzig Jahre älter ist als ich und sie an einem ganz anderen Punkt im Leben steht als ich junges Küken, gibt es etwas, was uns in der Gegenwart der jeweils anderen auf Anhieb hat wohlfühlen lassen. Es ist immer wieder ein Phänomen: Man trifft auf eine Person und es „matcht”. Man findet sofort Gesprächsstoff. Und man kann durchaus auch mal schweigen, ohne dass es unangenehm wird.

Wenn man sich offen begegnet, spielt auch das Äußere keine Rolle. So sitzen wir uns später in Unterhosen, schlabberigem Schlaf-T-Shirt, die unrasierten Beine lässig über die Bettkante baumelnd, mit einer Schüssel Flakes in der Hand gegenüber. Wir lassen den Tag gemütlich angehen. Ich erzähle vom Frachter, von den Häfen, in denen wir in Europa angedockt haben, von der Fahrt durch den Suezkanal, den langen Tagen auf dem Indischen Ozean und den schönen Begegnungen an Bord. Heidemarie berichtet mir von den Erlebnissen in Tahiti. Ich erfahre auch, dass sie Lehrerin ist und sich ein Sabbatical genommen hat. Sie hat zunächst während vier Monaten Amerika bereist und danach während zweier Monate einige Südseeinseln im Pazifik abgeklappert. Nun lägen weitere sechs Monate Australien und Asien vor ihr.

Spannend sind ihre Ausführungen. Heidemarie hat mehrere Jahre darauf gespart und gönnt sich nun dieses außergewöhnliche Lebensjahr – in jeglicher Hinsicht regelbrechend, wie sie mir anvertraut. In Deutschland lebte sie in einer kinderlosen, festen Partnerschaft. Doch sie hätten sich gegenseitig für ein Jahr einen Freipass gegeben. Heidemarie ließ die Männernamen in derselben Unbekümmertheit fallen, wie sie Namen der besuchten Inseln erwähnte. Sie war kein Kind der Traurigkeit, wirkte unerschrocken und kess, fast nymphomanisch, aber keinesfalls billig auf mich. Dazu war sie viel zu reif und zu sinnlich. Meine Gewissensbisse, als ich über meine Affäre mit dem verheirateten Matrosen erzählte, erwiderte sie mit einem breiten Grinsen: „So what, Mädel!“

Auf Reisen herrschen andere oder gar keine Sittengesetze! Ein wahres Sodom und Gomorra, so könnte ich aus den Schilderungen Heidemaries schlussfolgern! Was kommt da noch auf mich zu? Trotz der freizügigen Erfahrung mit dem Seemann bin ich eigentlich eine eher schüchterne Frau. Ungeübt im Umgang mit dem anderen Geschlecht geschieht es mir nach wie vor oft, dass ich erröte, wenn ich mit einem Mann ins Gespräch komme, der mir gefällt. Da kann ich von Heidemarie ja vielleicht noch was lernen!

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg zum General Post Office am Martin Place, um unsere postlagernden Briefe abzuholen. Das General Post Office Sydney ist ein imposantes, wunderschönes Sandsteingebäude aus dem späten 19. Jahrhundert. Ich bin beeindruckt von den unzähligen Bögen, den Arkaden, dem Turm mit der großen Uhr. Der britische Stil ist deutlich erkennbar. Wahrhaftig ein Prachtbau! Ein Pferd und ein Löwe über dem Hauptportal empfangen die Menschen, die einem unbekannten Postbeamten hinter dem Tresen Liebesbriefe, Mahnungen oder ihr Geld anvertrauen.

Ungeduld treibt mich ins Gebäudeinnere. Hat mir jemand von der Familie oder den Freunden geschrieben? Ich habe seit Ende Juni keine Nachricht von zu Hause. Heidemarie und ich reihen uns in eine lange Warteschlange ein. Vor uns schleusen sich artig dreißig Personen durch ein Leitsystem, bis sie von vier freundlichen Schalterbeamten bedient werden. Hinter uns reiht sich ein vollbärtiger Mittfünfziger ein. Er fällt uns auf, weil er lustigerweise dasselbe Holzfällerhemd trägt wie Heidemarie am Tag zuvor.

Sogleich nimmt dies Heidemarie als Anlass, mit ihm ein Gespräch anzufangen. Wir sind nur drei, vier Schritte mehr vorgerückt und die zwei schäkern schon, dass die Funken stieben. Nur noch zehn Menschen vor dem Schalter – und sie sind so weit, die Adressen auszutauschen. Als ich mich als Erste von uns aus der Reihe löse und der Abfertigung entgegenschreite, höre ich, wie sie sich für heute Abend verabreden. „Aber hallo! Die gehen aber ran!“, denke ich, während ich der blonden Schalterdame meinen Namen nenne und um die Herausgabe meiner postlagernden Briefe bitte. Fünf Briefe von zu Hause!

Ich freue mich sehr darüber und warte unter den Arkaden vor dem Gebäude auf meine Roommate. Heidemarie folgt in wenigen Minuten; sie hat sich beim Holzfällerhemdmann untergehakt und stellt ihn mir als Dirk vor. Dirk ist Amerikaner und ebenfalls Backpacker. Er wohnt in einem Hostel im Zentrum, hat aber jetzt gerade entschieden, heute noch in unseres am Kings Cross umzuziehen. Er und Heidemarie hätten schon Pläne geschmiedet, wie sie gemeinsam weiterreisen würden.

Ich bin platt. So fix geht das also bei den Narrenfreien. Und ich bin bei ihren Zielen nicht mit einbezogen! Was bildet sich dieser dahergelaufene Amerikaner eigentlich ein! Ich bin hässlich eifersüchtig auf diesen bärtigen Zufallsbekannten, der mir Heidemarie einfach so im Vorbeigehen vor der Nase wegschnappt. Die deutsche Frau war mir ein Versprechen für einen schönen, gemächlichen Auftakt meiner Australiengeschichte. Ein schlichtes Karohemd reicht aus und meine Freude zerplatzt wie eine Seifenblase. Ich bin enttäuscht von Heidemarie, schäme mich aber im selben Moment – mich an den Rockzipfel einer anderen Frau zu klammern, hat etwas Unwürdiges.

Seit meiner Ankunft auf Terra Australis bin ich immer noch nicht richtig Herrin meiner Gemütslage. Auch nach zwei Tagen begleitet mich das Phantomwiegen bei jedem Schritt. Ich muss mich auf die Stufen setzen, um Halt zu bekommen. Dirk lässt eine gut gemeinte Bemerkung über Heim- oder Fernweh fallen, das sich im Körper als Taumel manifestieren kann. Tränen schießen mir aus den Augen. Ist das peinlich! Und es kommt noch schlimmer. Dirk und Heidemarie umfassen mich jovial und wortlos mit ihren Armen. Eingeklemmt zwischen zwei Gutmenschen fange ich nun vollends an zu heulen und mache Dirks doofes Hemd, das an allem schuld ist, nass.

So sitzen wir, drei Zufallsbekannte aus verschiedenen Ländern, wie eine innige, kleine Familie auf den Poststufen und versperren den emsigen Australiern den Weg. Ein fluchender, über uns stolpernder Geschäftsmann scheucht uns auf. Wir rappeln uns auf, ich trockne mir die Wangen ab und wir steuern den nächsten Coffee Shop an. Über meinen kleinen Zusammenbruch verlieren wir kein Wort. Und es ist mir recht.

Bei Kaffee und Bagels widmen wir uns den Briefen: Nachrichten von der Heimat und von Reisefreunden. Jeder taucht ab in seine eigene Welt. Man vernimmt nur ab und zu ein leises Lachen oder tiefes Seufzen. Jeder ist im Bann seines persönlichen Feldes, zu denen wir Neuzugänge keinen Zutritt haben. Jeder Mensch, dem wir begegnen, trägt ein großes Epos mit vielen Namen in sich durch das Leben, doch in der flüchtigen Begegnung auf Reisen bekommt man als Außenstehender nur einen kurzen Ausschnitt davon mit.

Mit den Zeilen meiner Schwester bin ich unmittelbar in meinem Heimatdorf, sehe den vertrauten Hof und die Gesichter vor Augen. Ich rieche das Weizenstroh, das zum Zeitpunkt des Schreibens gerade eingebracht wurde. Ich freue mich sehr über die Nachricht, Tante zu werden. Und im selben Augenblick überlege ich, wie und wann ich mitteilen werde, dass ich bei der Geburt des kleinen Kerlchens gar nicht anwesend sein kann. Leises Bedauern über das Verpassen des großen Ereignisses und meine Entschlossenheit, mich für immer in Australien niederzulassen, streiten sich für einen kurzen Moment.

Mein Ziel ist es, Arbeit zu finden und später eine Aufenthaltsbewilligung zu beantragen. Diese Klarheit festigt mich und ich werde Dirk und Heidemarie gegenüber wieder frei. Die beiden haben Abenteuerpläne, sie wollen reisen und sich vergnügen. Also! Aufgeräumt verbringen wir den Rest des Nachmittags mit lockerem Erzählen und Kaffeetrinken. Das Knistern zwischen den beiden nehme ich nun mit Schmunzeln zur Kenntnis. Ich werde irgendwo alleine zu Abend essen, es sei schon in Ordnung, versichere ich ihnen und die Turteltauben machen sich erleichtert mit meinem Segen aus dem Staub.

Stunden später finde ich unsere Bude leer vor. Heidemarie hat mir eine kurze Notiz mit einem Smiley aufs Bett gelegt. Sie ist mit Dirk ins Nachbarzimmer umgezogen. So geht das. Ich stöpsle mir die Ohren mit den Knopfhörern des Walkmans zu und döse mit Midnight Oil ein.

Ohne Warzen in die Oper

Die aufrechten Muschelschalen haben mir bei der Einfahrt in den Hafen auf dem Frachter in der Morgendämmerung schon sehr imponiert. Nun schimmern sie in Eierschalenweiß in der Abenddämmerung, grenzen sich kontrastreich vom bewölkten Himmel ab. Die Oper ist ein bemerkenswertes Gebäude. Haben die Stadtväter von Sydney den Auftrag gegeben, etwas Augenfälliges, das mit dem Meer zu tun hat, zu bauen? Macht es akustisch Sinn, aufrechte Schalen zu konstruieren? Oder hatte der Architekt freie Hand und setzte mit der Oper seine Sandkastenfantasien um? Ich werde es bei Gelegenheit nachlesen.

Mir gefällt der Bau, sein Spiel, seine je nach Lichtfall wechselnden Weißtöne. Und nun bin ich gespannt auf das Innenleben. Dirk und Annemarie wollen ein klassisches Konzert besuchen. Dies sei ein Muss, wenn man in Sydney ist. Vierundzwanzig Dollar für eine einstündige Aufführung tun meinem Budget zwar ziemlich weh, doch nach längerem Abwägen habe ich mich entschlossen, mir die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen.

Der vollbärtige Amerikaner und die quirlige Deutsche kümmern sich seit gestern rührend um mich, obwohl sie, verliebt wie Teenager, die Zeit lieber alleine verbringen würden. Ich bewege mich wie ein aus dem Nest gefallenes Küken. In der Tat fällt es mir auch nach fünf Tagen immer noch schwer, mich zurechtzufinden und meinen Tagesablauf zu strukturieren. So nehme ich das Beglucken der zwei gerne an.

Mit meinem Englisch hapert es noch ziemlich. So bin ich froh um Heidemaries Übersetzungshilfe. Wir durchforsten Gratiszeitungen nach Nachrichten und nach Veranstaltungen. Bei der Einkaufstour haben Dirks Tipps geholfen, mich mit Grundnahrungsmitteln einzudekken – denn wo Milk draufsteht, kann auch allerlei anderes in der Verpackung sein. Jeden Tag lerne ich neue Ausdrücke. Nach und nach kann ich australisches von Dirks amerikanischem und Touristenenglisch unterscheiden. Den übelsten Akzent haben die Aussies. Ich verstehe sie kaum.

Dirk ist Nurse – eine männliche Krankenschwester. Er kümmert sich in seiner Heimatstadt um Betagte und Demenzkranke. Daher rühren demzufolge seine fürsorgliche Ader und sein Hang, allen Mitmenschen die Hand auf die Schulter zu legen. Solange er mich nicht am Arm über die Straße führt, ist alles im grünen Bereich ...

Gestern Nachmittag beim Picknick im Botanischen Garten beobachtete Dirk meine Hände aufmerksam. Er hatte, was mir sehr peinlich ist, meine Warzen bemerkt. Schon seit vielen Jahren werde ich von diesen wüsten Auswüchsen auf der Haut verfolgt. Alles Mögliche habe ich ausprobiert, um sie loszuwerden. Mit der Zeit arrangierte ich mich mit ihnen. Ich hielt meine Hände, so gut es ging, unter Verschluss, gab nur wenn nötig die Rechte, die mit einigen von den wüsten Wucherungen übersät ist, zum Handschlag.

Dirks Fürsorgeraugen entgingen sie nicht. Er fragte mich, ob mich die Warzen stören würden. Erst wollte ich Coolness zeigen und abwinken, doch dann wurde mir klar, wie blöd es ist, so zu tun, als würde ich darüberstehen. Also nickte ich und spürte die Röte sich schamlos über mein Gesicht ausbreiten. Kaum hatte er den letzten Happen gegessen, zückte Dirk seine umfangreiche Notfallapotheke, die er immer bei sich trägt. Ein Mann der Tat! Ich schluckte beim Anblick des Skalpells und der Mullbinde. Und als er noch einen Flachmann mit Hochprozentigem aus seinem Rucksack fischte, wurden meine roten Wangen blitzschnell kreideweiß. Mir wurde schlecht! „Keine Angst, das kriegen wir fix hin“, meinte Dirk und hielt mir den Schnaps hin. „Augen zu und durch“, dachte ich überrumpelt und nahm einen kräftigen Schluck.

Heidemarie hielt mir als seine Assistentin liebevoll das linke, zitternde Händchen. Dirk setzte mit dem Skalpell an und schnitt sicher und präzise nacheinander die größten Wucherungen aus der Epidermis heraus. Der Amerikaner war dabei so hoch konzentriert, dass er sich vergaß und seine Zungenspitze zwischen den Lippen hervorlugte, wie bei einem Kind, das sich einer anspruchsvollen Bastelarbeit hingibt.

Das Blut rann in Strömen über den rechten Handrücken in die Wiese. Die kleinen Wärzchen ließ Dirk stehen. Ich war erleichtert, denn ich hätte trotz spürbarer Wirkung des Alkohols vor Schmerzen brüllen können. Die Nurse versicherte mir, dass mit den Hauptkratern gleichzeitig der Virenherd entfernt worden sei und die kleinen Warzen sich mit der Zeit schleichen würden. So in etwa übersetzte es Heidemarie. Ich glaubte kein Wort und war wütend über mich selber. War ich denn von Sinnen, mich diesem Pfuscher auszusetzen? Was, wenn ich mir damit nun eine Blutvergiftung einhandelte!

Dirk war sehr zufrieden, wie sein breites Grinsen verriet. Er verpasste meiner rechten Hand einen dicken, perfekten Verband und gab mir noch den Rest aus seinem Flachmann zu trinken. Der Alkohol wirkte, mein Kopf wurde wohlig weich, der brennende Schmerz der wunden Hand verkümmerte zu einem dumpfen Pochen. Auf dem Heimweg besorgte ich mir noch eine Flasche billigen Fusel. Im Backpakkers rollte ich mich mit Vollrausch in meinen Schlafsack und pennte bis zum folgenden Morgen durch.

Nun sitzen wir in der Concert Hall der Opera. Trotz unserer abgetragenen Reisekleidung haben wir problemlos Einlass bekommen. Dass wir dem Dresscode nicht ganz entsprechen und die Australier diesbezüglich dennoch tolerant sind, fällt mir erst auf, als ich alle Konzertbesucher um uns in Frack und Abendkleid erkenne. Meine Hand ist frisch versorgt, erstaunlicherweise ist ein Tag später kaum noch ein Schmerz zu spüren. Es ziept und brennt manchmal kurz auf, doch ich kann es heute sehr gut ohne Alkohol aushalten. Dafür bin ich froh, denn mit dem Kater hatte ich heute Morgen ein unschönes Erwachen. Jetzt bin ich guter Dinge und kann den beiden Violinen und der Bratsche volle Aufmerksamkeit schenken.

Die Musik des Borodin Trio ist ganz nett, doch sie reißt mich nicht vom Hocker. Ich steh ja mehr auf zeitgenössischen Pop oder Reggae, der mir in die Beine geht. Borodins Melodien drehen Runden in meinem Kopf. Sie schaffen es aber nicht runter in die Füße. Aber das ist wohl auch nicht der Sinn der klassischen, vergeistigten Musik. So bin ich denn froh, als nach einer Stunde das Streichen und Ächzen der Instrumente ein Ende findet. Ich applaudiere höflich mit den anderen und lasse mich im Strom hinausschleusen.

Dirk, Heidemarie und ich steuern den Pier des Bennelong Point an, wo wir uns noch einen Drink in einer der Bars genehmigen. Später am Abend verrät Dirk, dass er sehr glücklich ist, dass er den kleinen Eingriff bei mir hat machen dürfen. Das habe er schon immer mal machen wollen ...

Unverstandenes Credo

Dirk aus Oregon und Heidemarie aus Nordrhein-Westfalen haben offensichtlich eine schwierige Nacht hinter sich. Wir sitzen im Aufenthaltsraum des Backpackers an einem wackeligen Tisch. Bei jeder unachtsamen Bewegung schwappt die Milch über, in der die Frühstücksflocken schwimmen. Tiefe Augenringe, matte Blicke und spürbare Reserviertheit zwischen den beiden lassen eine lange und intensive Aussprache erahnen.

Ich will keine Details wissen und stelle deshalb auch keine Fragen. Da die zwei sowieso schweigen, verkommt das Morgenessen zu einem wortkargen Cornflakes-Pampe-Schlürfen. Peinlich ist es, mit einem knutschenden Paar in einem Viererzugabteil zu sitzen. Oberpeinlich ist es, mit einem gestern verliebten, heute verkrachten Paar zusammen zu frühstücken. Ich mache mich schnell aus dem Staub.

Beim Streifzug durch „The Rocks“, das Hafenquartier, bleibe ich an einem Kiosk hängen. Es ist ein schöner Zeitvertreib, in Zeitschriften und Zeitungen zu stöbern. Meist genügt ein Überfliegen der Schlagzeilen, um den Bedarf an Tagesaktualität abzudecken. Das durch die nicht erworbene Zeitung eingesparte Geld investiere ich in eine Ansichtskarte und in ein Kärtchen in Kreditkartenformat – Sinnsprüche für die Handtasche. Diese scheinen in Australien gerade angesagt, denn sie sind überall an den Kassen in der jeweiligen Auslage neben den Kaugummis zu finden.

In weißen Buchstaben steht auf silbrigem Karton eine Losung, die mir sofort ins Auge gesprungen ist: „Das Credo eines Gewinners“:

A Winner’s Creed

If you think you are beaten – you are.

If you think you dare not – you don’t.

If you’d like to win, but think you can’t

It’s almost a cinch you won’t.

If you think you’ll loose, you’re lost.

For out in the world we find success

Begins with a person’s will.

It’s all in the state of mind.

Life battles don’t always

Go to the stronger or faster hand

But sooner or later the person who wins

Is the one who thinks: „I CAN!“

Den Glaubenssatz eines Gewinners will ich mir erarbeiten. Viele Worte verstehe ich nicht. Da muss ich den Dolmetscher zur Hilfe nehmen. Dumm ist nur, dass das Wörterbuch im Backpackers zurückgeblieben ist. Ich lasse das Kärtchen in der Gesäßtasche verschwinden, ich werde mich ihm später widmen.

Plötzlich erfasst mich eine innere Unruhe. Von einer unbekannten Kraft gezogen, eile ich zum Observatory Park. Außer Atem erreiche ich die Grünanlage, die leicht erhöht liegt. Eine fantastische Rundsicht auf den Hafen eröffnet sich.

Doch ich bin zu spät! Der Frachter liegt nicht mehr vor Anker. Am Pier, wo die Polska III noch vor ein paar Tagen vertäut war, klafft eine Lücke. Und damit wird mir auch die im Herzen wieder gewahr. Mein Seemann fehlt mir, meine Freunde aus der Schweiz, meine alltäglichen Banalitäten – eine Welle von Heimweh überrollt mich.

Nichts ist greifbar, womit ich das Loch hätte stopfen können. Das Neue, das Abenteuer, das Glück, alles, wonach ich suchte, hat sich noch nicht eingestellt. Es gibt nichts, woran ich mich festhalten kann; keine Tagesstruktur, keinen verlässlichen Menschen, keine Aufgabe – nur ein schwammiges Ziel: „mehr Freiraum und Möglichkeiten als in der engen Heimat“. Und gerade in der ersehnten, uferlosen Freiheit drohe ich jetzt zu ertrinken.

Ich ziehe das Gedichtkärtchen erneut hervor. Sein Sinn besteht darin, jemandem einen Motivationskick zu verpassen. Doch ich fühle mich vom „Credo eines Gewinners“ verhöhnt, ohne den wirklichen Inhalt verstanden zu haben! Hat der Klugscheißer, der sich solch schöne Schwatzerei ausdenkt und viel Geld damit verdient, je den Boden unter den Füßen verloren? Wütend zerreiße ich das Kärtchen. Weil ich gelernt habe, keinen Abfall auf den Boden zu werfen, und kein Papierkorb in Reichweite ist, sammle ich die Schnipsel artig in der Außentasche des Rucksacks.

Schnelles Gehen hat sich bisher immer bewährt, mich aus einer geistigen Lähmung zu befreien. Also marschiere ich der Nase nach drauflos. Stunden später, nach langem ziellosen Stromern durch die Metropole, ohne nennenswerte Bilder und Erkenntnisse gesammelt zu haben, doch merklich aufgeräumt im Kopf, kehre ich zum Backpackers zurück.

Dirk hat sich grußlos aus dem Staub gemacht. Heidemarie wird in zwei Tagen nach Melbourne weiterziehen.

Balzen am Kings Cross

Ich sitze im Greyhound nach Brisbane. Es ist eine Nachtfahrt und ich bekomme von der Landschaft, die vor den Scheiben vorbeifliegt, nichts mit. Dafür ziehen Bilder der turbulenten Woche vor meinem geistigen Auge vorbei.

Heidemarie lud mich am Sonntagabend vor ihrer Abreise ins „Hard Rock Café“ zu einem Drink ein. Wir schlossen uns einer bunt zusammengewürfelten Truppe von etwa zwanzig europäischen Touristen an. Reiseanekdoten wurden erzählt, Destinationen wurden wie Trumpfkarten in die Runde geworfen. Es floss reichlich Alkohol, es wurde kokettiert und umworben, die Luft flirrte vor Unbeschwertheit. Da ich mich an Cola und Mineralwasser hielt, blieb mein Alkoholpegel bei null, während derjenige der andern stetig stieg.

Je später der Abend, desto klarer wurden die Weichen auf Paarung gestellt. Heidemarie machte sich auf Charles Schoß und später in seinem Bett breit. Das Balzgebaren der Weltenbummler beobachtete ich mit einer Mischung aus Faszination und Scham. Es war nicht so, dass mich Männer gänzlich ignorierten. Es gab ein, zwei eindeutige Signale, die mir schmeichelten. Doch so sehr ich mich auch anstrengte, ich wusste schlicht nicht, wie man flirtet. Wie die anderen Mädchen sich benahmen, fand ich ziemlich albern: Cassandra warf bei jedem Lachen ihren Kopf in den Nacken, Renate erwiderte Josés Blicke mit einem einladenden Augenaufschlag, Jessy befeuchtete ständig mit der Zungenspitze die geschürzten Lippen. Doch ich brachte außer Erröten und Wegschauen nichts Gescheites zustande. So versickerte die beherzte Anmache der Jungs im unfruchtbaren Boden. Gruppenbalzen ist einfach nicht mein Ding. Und dennoch habe ich mich von der guten Stimmung anstecken lassen und mich als Zuschauerin amüsiert.

Die Partylaune beflügelte mich zu einem ersten mutigen Anlauf, um nach Arbeit zu fragen. Ich glaubte, dass das Hard Rock Café ein unkomplizierter, angesagter Laden sei und bestimmt immer Personal bräuchte. Doch der österreichische Barkeeper holte mich rasant schnell auf den Boden zurück: „Ne du, Mädel, du bist zu wenig sexy für den Schuppen. Zudem ist dein Englisch hundsmiserabel. Wir stellen auch niemanden ein, der keine Arbeitsbewilligung hat. Such dir einen Job in einem Warenlager oder so.“