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Hindert unser Begehren uns daran, die Wahrheit zu erkennen? Drei Menschen suchen nach Erklärungen – für ihr eigenes Handeln und für das der anderen. Wer ist diese Frau, zu der sich Omri so leidenschaftlich hingezogen fühlt? Eine trauernde Witwe oder doch eine Femme fatale? Was steckt hinter dem Bedürfnis des Arztes Dr. Caro, seine junge Kollegin zu beschützen? Und wie konnte Chellis Mann während ihres gemeinsamen Spaziergangs einfach spurlos zwischen den Bäumen im Obstgarten verschwinden? Voll Spannung und psychologischer Tiefe erkundet Eshkol Nevo die Grauzonen unseres Lebens – und das Rätsel, das selbst unsere Nächsten für uns sind. »Mit großem Geschick und viel Charisma verwebt Eshkol Nevo drei Liebesgeschichten. Lebendig, fantasievoll und leidenschaftlich.« Zeruya Shalev »Ein hypnotisierender, atemberaubender Roman. Eshkol Nevo nutzt die Techniken eines Thrillers, um große Fragen über Liebe, Leidenschaft und Verlust aufzuwerfen.« Ayelet Gundar-Goshen
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Seitenzahl: 361
Veröffentlichungsjahr: 2024
Der frisch geschiedene Omri trifft im Urlaub in Bolivien auf Mor und Ronen Amirov, die auf Hochzeitsreise sind. Dann kommt Ronen bei einem Sturz in den Anden ums Leben – und zwei Wochen später stehlen sich Omri und die nun verwitwete Mor von der Trauergesellschaft davon. Was geschah wirklich am Abgrund auf dem »Camino de la Muerte«?
Dr. Ascher Caro, ein Arzt kurz vor der Rente, trauert um seine geliebte Ehefrau. Trost findet er in den Gesprächen mit einer jungen Kollegin, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Doch dann wirft sie ihm sexuelle Belästigung vor – und er muss sich seinen Gefühlen für sie stellen.
Bei einem Wochenendspaziergang verschwindet Chellis Mann Ofer plötzlich zwischen den Bäumen und taucht nicht wieder auf. Warum ist er verschwunden? War er unglücklich? Hatte er Feinde? Während Chelli allen Spuren folgt, die sie finden kann, muss sie sich fragen: Hat sie ihren Ehemann wirklich gekannt?
Eshkol Nevo
Roman
Aus dem Hebräischen von Ulrike Harnisch
Über die Wahrheit sollten wir uns einig sein, sagt mein Anwalt, selbst wenn wir beschließen, vor Gericht zu lügen. Am besten sei es, wenn ich die Ereignisse einmal für mich aufschreibe, genau so, wie sie sich abgespielt haben. Also los.
Es war das erste Mal, dass ich in der Zeitung das Foto von einem sah, den ich kannte – und der tot war. Ich weiß, das klingt geradezu unwahrscheinlich in diesem Land. Bei all den Kriegen und Militäroperationen-die-im-Prinzip-Kriege-sind müsste man doch beim Aufschlagen mal auf das Foto von jemandem gestoßen sein, der mit einem auf der Schule war. Oder in der Armee. Doch nein. Irgendwie war es mir gelungen, die Lebensmitte zu erreichen, ohne diese Erfahrung gemacht zu haben.
Vielleicht war deshalb der Schauer so heftig, der mir über den Rücken lief. Meist sagt man »Schauer«, weil einem kein präziseres Wort einfällt, doch mir wurde tatsächlich eiskalt um die Schultern. Und bis runter zum Steißbein. Ich blickte auf das kleine Foto, nicht auf der ersten, sondern auf einer der letzten Seiten, den Todesanzeigen gegenüber. Ich brauchte nicht zweimal hinsehen. Er war es. Wir hatten nur eine knappe Stunde miteinander in La Paz verbracht, aber sein Gesicht hatte sich mir eingeprägt. Die gemeißelte Nase. Die hellen Augen, die selbst auf dem Schwarz-Weiß-Foto auffällig waren. Der Ziegenbart.
Der Text unter dem Foto berichtete vom achtundzwanzigjährigen israelischen Backpacker Ronen Amirov, der während seiner Flitterwochen in Bolivien auf dem Camino de la Muerte, der »Straße des Todes«, tödlich verunglückt war. Er sei mit dem Mountainbike von der Sandpiste abgekommen und in den Abgrund gestürzt. Seine Frau, Mor Amirov, die zum Zeitpunkt des Vorfalls bei ihm gewesen sei, habe Hilfe geholt, doch beim Eintreffen der Rettungskräfte konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Sein Leichnam wurde nach Israel überführt. Die Beerdigung sollte in den nächsten Tagen stattfinden.
Es gab keinerlei Grund, bei dieser Nachricht in Tränen auszubrechen. Ich hatte genug eigenen Schmerz, was bedeutete mir der Tod dieses Mannes, den ich noch dazu kaum gekannt hatte? Überhaupt weinte ich so gut wie nie. Ich hatte geweint, als Liori geboren worden war – genauer gesagt, als ich Liori zum ersten Mal in den Armen hielt. Und ich hatte in der ersten Nacht ohne Liori geweint, in der neuen Wohnung, nachdem sie mich am Telefon gefragt hatte, ob ich sie im Traum besuchen kommen würde. Das war’s, mehr oder weniger.
Wer weiß, mag sein, dass man eigentlich immer deshalb weint, weil etwas zuvor Verborgenes an die Oberfläche gekommen ist. Wie jedes Jahr bei der Steuererklärung.
Nach einigen Tagen vermeintlicher Unschlüssigkeit, einer, bei der man tief im Inneren weiß, wie man sich entscheiden wird, fuhr ich zur Schiw’a, zum Trauerbesuch. Erst als ich mich aus den Staus von Tel Aviv herausgewunden hatte und auf der Schnellstraße dahinglitt, merkte ich, wie gespannt ich darauf war, Mor aus La Paz wiederzusehen.
Spannend, gespannt – ein Scheißwort. Kein Workshop, bei dem die Leute nicht am Ende sagen, »es war spannend«. Gerade weil sie es so häufig sagen, ist es abgegriffen und überhaupt nicht mehr spannend. Vielleicht war ich … aufgewühlt. Das trifft es. Je näher ich dem Ziel kam, desto aufgewühlter war ich. Sämtliche Muskeln in meinem Bauch krampften sich zusammen, als wollten sie sich wappnen. Meine Gedanken stahlen sich aus dem Fenster. Die Musik, die aus dem Radio in mein Ohr drang, flüchtete aus dem anderen Ohr gleich wieder hinaus. Bilder holten mich ein, von Mor und ihrem nächtlichen Überraschungsbesuch vor zwei Wochen auf meinem Zimmer.
Sie hatte mich mitten auf der Straße angesprochen. Fragte mich auf Englisch mit israelischem Akzent, ob ich wisse, wie man zu Juans Eisdiele komme. Ich rang kurz mit mir, ob ich das Spiel eröffnen und auf Englisch antworten sollte, doch ihr Blick hatte etwas, das mich von der ersten Sekunde an erregte. Also antwortete ich auf Hebräisch, dass ich auf dem Weg dorthin sei und sie mich gerne begleiten könnten.
Ihre Augen leuchteten auf und sie berührte mich am Arm, eine flüchtige, elektrisierende Berührung mit zwei Fingern. Du bist Israeli? Das ist ja ein Ding! Bei deiner Größe? Nie im Leben wäre ich darauf gekommen!
Ja, sagte ich. Ich weiß. Das sagen viele. Und ich bin ja auch nicht ganz … im richtigen Alter. Für den Trip-nach-der-Armee, meine ich.
Wieso, wie alt bist du denn?
Neununddreißig, gab ich zu.
Sieht man dir nicht an, sagte sie entschieden. Ohne zu flirten. Erwähnte es nur als Fakt.
Ihr Partner, der bis dahin geschwiegen hatte, streckte mir die Hand entgegen. Ronen, sagte er mit einer Förmlichkeit, die mich bei einem Backpacker verwunderte.
Omri, stellte ich mich vor, während ich ihm die Hand schüttelte. Nett, dich kennenzulernen.
Ich bin Mor, hi!, sagte sie. Und ließ ihre Hand bei sich.
Wir verbringen hier unsere Flitterwochen, erklärte Ronen und legte den Arm um sie. Er legte nicht nur den Arm um sie, sondern drückte sie mitsamt ihren Locken an sich, als wollte er sagen: Sie ist mein.
Herzlichen Glückwunsch, lächelte ich, bemüht wie ein Paartherapeut, mal den einen, mal den anderen anzusehen, ohne mit dem Blick zu lange zu verweilen.
Und du?, fragte Mor interessiert, als wir losgelaufen waren. Was treibst du hier so? Im »nicht ganz richtigen Alter«?
Der Trip-nach-der-Scheidung, sagte ich.
Wirklich! Sie schielte zu mir. Nicht schlecht!
Ronen sagte nichts. Er trug einen spitzen, sorgfältig getrimmten Bart, über den er sich verdrossen strich. Als hätten wir ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen, das da lautet: »Du sollst nicht Konversation betreiben während des Marsches.«
Später, in der Eisdiele, begnügte er sich mit einer Sorte. Vanille. Sie bat darum, mehrere Sorten probieren zu dürfen, bevor ihre Wahl auf Karamell fiel. Danach bestellte und bezahlte ich, alles auf Spanisch. Ich hatte eine Woche Sprachkurs hinter mir und Spaß daran, wie die Worte mir über die Zunge rollten.
Wie toll du sprichst!, rief Mor, den Löffel voller Eis in der Hand.
Keine Kunst, ich mache hier einen Kurs.
Trotzdem, meinte sie und lächelte mich an.
Einerseits war nichts Einladendes in ihrem Lächeln. In erster Linie erinnerte es an das Lächeln einer Schülerin, die auf eine religiöse Mädchenschule ging. Irgendwie keusch. Verlegen. Ja, wäre ich darauf angesprochen worden, hätte ich gewettet, dass sie religiös ist. Oder mal religiös war. Die Creolen. Die übertriebene Lebensfreude. Die Locken, die sie mit einem Tuch bändigte. Das Sweatshirt und die Haremshose. Ich habe mal einen Workshop an einer religiösen Mädchenschule in Karmi’el betreut und so sahen sie aus, die Mädchen dort. Andererseits lag noch etwas anderes in den Blicken, die sie mir hin und wieder zuwarf, wenn Ronen es nicht mitbekam. Etwas Kühnes, an der Grenze zur Verzweiflung, ohne die Grenze jedoch zu übertreten. Etwas Hungriges. Nach diesem Wort habe ich gesucht. Ihr Blick war hungrig. Worauf? Da tappte ich im Dunkeln.
Wir setzten uns, um unser Eis zu essen. Wie lange dauert es, ein Eis zu essen? Fünf Minuten? Zehn? Sie schleckte an ihrem Eis mit einer keuschen Sinnlichkeit, ganz die Königstochter im inneren Gemach. Ihre Zungenspitze schleckte und leckte, ohne eine Seite der Eiskugel zu vernachlässigen.
Wir plauderten zwanglos, wie Backpacker es eben tun. Das heißt, sie und ich unterhielten uns, Ronen widmete sich dem Eis, als wäre er Wissenschaftler und wollte die Schmelzgeschwindigkeit seiner Eissorte ermitteln.
Wir sind hier in Bolivien gestartet, sagte Mor, und nun überlegen wir, wie es weitergehen soll.
Viele Leute empfehlen Peru, meinte ich.
Stimmt, sagte sie. In ihrer Stimme lag jedoch Skepsis, als sei sie unsicher, ob die Empfehlungen anderer für sie relevant wären.
Wie viel Zeit habt ihr denn?, fragte ich.
Anderthalb Monate.
Da bin ich neidisch.
Wieso, wie viel hast du?
Maximal zwei Wochen, mehr ist nicht drin. Wegen meiner Tochter. Ich komme auch so schon um vor Sehnsucht nach ihr. Und dann sind da die Umgangsregelungen. Und meine Arbeit. Ehrlich gesagt sind selbst zwei Wochen problematisch.
Verstehe, sagte sie, warf mir noch einen hungrigen Blick zu und lehnte sich an Ronen, schmiegte ihren Kopf in die Mulde zwischen Schulter und Hals, wie sie es offensichtlich schon Tausende Male getan hatte.
Er sah auf sein schmelzendes Eis. Schwieg sich aus.
Danach begleiteten sie mich zu meinem Hostel. Das heißt, sie wollten zum Mercado de las Brujas, dem Hexenmarkt, und mein Hostel lag auf dem Weg. Auf dem Fußweg vor dem Eingangstor blieben wir stehen.
Wirklich schön hier, sagte Mor und stellte sich auf die Zehenspitzen, als wollte sie hinter die Mauern einer verbotenen Stadt spähen.
Auch ich spähte – auf das Stück Haut, das frei wurde, während sie sich reckte und ihr Sweatshirt nach oben rutschte. Der Innenhof ist schön, erwiderte ich, die Zimmer sind eher spartanisch.
Na dann, meinte Ronen – und sprach seit der Begrüßung zum ersten Mal mit mir –, man läuft sich in der Stadt bestimmt noch mal über den Weg.
Ja, sagte ich.
Das war’s. Keine Umarmung. Kein Wangenkuss. Kein verweilender Blick. Kein lockenwippendes Umdrehen, als sie davongingen. Keinerlei Anzeichen für das, was danach kommen sollte.
An der Kabri-Kreuzung in Westgaliläa bog ich nach rechts ein. Ein Schild kündigte die fünfzehn Kilometer bis zu ihrem Ort an. Ich dachte darüber nach, dass es nie Pappschilder gab mit der Aufschrift: »Zur Schiw’a«. Nur »Zur Hochzeit«.
Ich fuhr nur noch siebzig, als wollte ich das Unvermeidliche aufschieben. Oder Zeit schinden, um die ganze Geschichte Revue passieren zu lassen.
Kurz nach Mitternacht klopfte es an meiner Zimmertür im Hostel. Gerade hatte ich per Video-Call mit Liori gesprochen – wie sie mir erzählte, war sie gestern in der Schulpause wieder allein geblieben. Dann hatte sie mich erneut gelöchert, ob ich auf meiner Reise gefährliche Sachen unternahm, und ich hatte sie beruhigt, nein, das tat ich nicht, ganz und gar nicht. Ich schlug Beatboxen am Telefon vor und führte für den Grundrhythmus eine hohle Faust an den Mund, sie setzte ein und spielte auf ihrem Körper die Drums, und wir improvisierten Verse, die sich auf ihren Namen reimten:
Lior, Lior, Lior,
Hör auf den Beat in deinem Ohr
Jeder neue Tag lockt ihn hervor
Den Beat, den Beat, den Beat in deinem Ohr
Bevor wir einen guten Rhythmus fanden, schaltete sich Orna ein, Liori würde zu spät in die Schule kommen und das Mädchen müsse sich noch die Haare kämmen, also führten wir die Lippen nah ans Display zu einem schallenden Kuss. Das war’s. Ich sackte aufs Bett, ausgelaugt von der Anstrengung, für sie fröhlich zu wirken, und dachte mir, du Idiot, was hast du denn erwartet? Mit neununddreißig in den Tag hineinleben und dir die Trekking-Tour nach der Armee gönnen? Ich griff mir Salingers Buch, auf das hatte ich bei der Aufteilung nach der Trennung bestanden, Hebt an den Dachbalken, Zimmerleute, und las dort weiter, wo ich letzte Nacht stehen geblieben war.
Ich liebe den Rhythmus von Salingers Sätzen, und im gleichen Rhythmus klopfte es an der Tür. Dann einige Sekunden Stille. Und wieder ein Klopfen, insistierend. Und mit Synkope. Ich öffnete die Tür – und da stand sie. Die junge Frau aus der Eisdiele. In Leggings und hautenger, karierter Bluse, keine Spur mehr von religiös.
Darf ich reinkommen? Und schon war sie an mir vorbei. Frisch gewaschenes Haar. Der Duft der Frauen. Ob sie was trinken will, fragte ich sie, entschuldigte mich aber prompt, dass ich nichts hätte. Das ist Gewohnheit, Gästen was zu trinken anbieten, redete ich weiter, und dann, Moment, doch, Mineralwasser hab ich.
Gern, sagte sie. Ich reichte ihr die Flasche. Sie nahm einen endlos langen Schluck, als hielte sie eine Bierflasche und wollte sich Mut antrinken. Dann setzte sie sich auf die Bettkante: Kann ich dir eine Frage stellen?
Na klar, sagte ich. Und setzte mich dazu, aber nicht zu nah. Irgendwie strahlte sie aus, dass ihr das nicht recht wäre. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die Wand und streckte die Beine aus, aber nicht zu weit, um mit den Fußsohlen nicht ihre Oberschenkel zu berühren.
Sie strich sich einige Haarsträhnen aus dem Gesicht, klemmte sie hinters Ohr, was ihre Creolen zum Vorschein brachte, erst dann drehte sie sich zu mir. Wusstest du es von vornherein?
Ich glaubte zu wissen, was sie meinte. Um Zeit zu gewinnen, stellte ich mich naiv: Wusste was von vornherein?
Dass es schiefgehen würde, mit dir und deiner Frau. Das heißt … vor der Hochzeit oder, sagen wir, in eurem ersten Jahr, gab es Anzeichen, dass …?
Ä-h-m, na-ja sie-h ma-a-al, zog ich die Worte in die Länge. Was sollte ich sagen?
In dem Moment stand sie auf und begann umherzuwandern. Das Zimmer war klein, ihr blieb nicht allzu viel Raum. Ein aufgeklappter Koffer, ein Schreibtisch, ein Mülleimer, eine Wand, zwei Paar Schuhe, eins davon schlammverkrustet. Mit roten Wangen und wippenden Creolen manövrierte sie zwischen den einzelnen Gegenständen – wie bei einem Tanz. Einem Verlegenheitstanz. Ich war wie hypnotisiert. Sie band ihr Haar zusammen, löste es wieder, schnappte sich vom Schreibtisch einen Kugelschreiber und knipste darauf herum, machte auf dem Absatz kehrt und stolperte beinahe über den Koffer, doch nein, im letzten Moment gelang es ihr, einen Bogen darum zu machen, sie zog die Bluse straff und schlug auf ihren Leggings einen Takt, als wären sie ihr Metronom, und zwischendurch meinte sie, halb zu mir, halb zu sich, das tut mir so was von leid, ich hätte nicht herkommen sollen, was überfalle ich dich mitten in der Nacht, du kennst mich ja gar nicht, lassen wir das, vergiss das Ganze, ich geh jetzt einfach, das ist mir so was von peinlich …
Geh nicht, bat ich.
Sie ließ das Umherwandern sein. Setzte sich hin. Und rang mit den Händen. Ohne mich anzuschauen. Sie hatte schöne Hände, die Fingernägel violett lackiert, passend zur Bluse.
Du hast mir eine Frage gestellt, die es in sich hat, sagte ich.
Ja, sie verzog die Lippen zu einem freudlosen Lächeln. Ihr Blick war auf ihre roten Chucks gerichtet.
Und … ich will nichts Unüberlegtes sagen. Deshalb habe ich nicht gleich geantwortet.
Okay. Ich dachte, ich hätte dich verschreckt …
Und es ist auch alles so frisch. Ich habe noch keine Distanz dazu.
Wann habt ihr euch überhaupt getrennt? Ist es okay, wenn ich das frage?
Vor drei Monaten.
Das ist wirklich noch frisch, sagte sie und trank wieder einen Schluck Wasser. Diesmal nippte sie eher.
Ich nahm ihr die Flasche aus der Hand und nahm auch einige Schlucke.
Ich denke, dass … Nein, weißt du was, nein, ich wusste es nicht von vornherein, sagte ich.
Mor nickte bedächtig, ein enttäuschtes Nicken, wie mir vorkam.
Aber das heißt nicht, dass es da nicht Dinge gibt, die ich im Nachhinein begreife.
Was zum Beispiel? Sie drehte sich mit dem ganzen Körper zu mir.
Zum Beispiel – ich sprach langsam, um nachdenken zu können –, vielleicht erinnere ich mich jetzt, weil ich auf dieser Reise bin, an etwas, das auf unserem Trip-nach-der-Armee passiert ist.
Wo wart ihr unterwegs?
Genau das war der Knackpunkt, wir haben zwischen Australien und Indien geschwankt und uns aus Budgetgründen schließlich für Indien entschieden. Eines Morgens bin ich im Guesthouse von Dharamsala aufgewacht, hab gesehen, dass sie nicht im Bett lag. Sie hockte allein und trübselig im Restaurant. Bevor ich mir am Tresen einen Kaffee bestellen konnte, platzte sie schon heraus: Wir hätten nach Australien fahren sollen! Was war geschehen? Sie hatte mit irgendeinem Crocodile Dundee gefrühstückt, der sie mit Anekdoten über die australischen Wüsten angefixt hat. Aber mein Herz, sagte ich, über dir ist der Himalaya und dir zu Füßen liegt das schönste Tal der Welt …
Dort ist es wirklich schön, warf Mor ein. Ich hab mir Fotos angeguckt.
Genau! Also sagte ich ihr, was willst du mit Australien? Aber sie blieb stur, wir hätten nach Australien fahren sollen, Omri.
Das war das Anzeichen?
Damals habe ich’s nicht für ein Zeichen gehalten. Im Nachhinein schon. Nie war sie zufrieden. Nicht mit ihrem Job. Keinem der Jobs. Nicht mit unserer Wohnung. Keiner der Wohnungen. Nicht mit der Kindergärtnerin von Liori. Nicht mit der Lehrerin. Immer glaubte sie, das einzig Wahre würde woanders auf sie warten. Nur mich hatte sie noch nicht ausgetauscht, damit zog ich sie auf.
Was am Ende doch passierte.
Nicht ganz.
In dieser Phase des Gesprächs, so erinnere ich mich, hatte Mor sich in meinem Zimmer bereits über die gesamte Breite des Doppelbetts ausgestreckt. Sie lag auf der Seite, was ihre Körperrundungen betonte. Mir schien nicht, dass ihr das bewusst war, oder gar von ihr beabsichtigt. »Nicht ganz« – was soll das heißen?, wollte sie wissen. Und stützte das Kinn auf ihre Hand. Sie ließ mich nicht aus den Augen, als hätte jedes Wort, das ich nun von mir geben würde, immense Bedeutung für sie.
Eine Beziehung ist ein ziemlicher Dschungel, sagte ich. Die verschiedenen Bedürfnisse winden sich wie Schlingpflanzen umeinander, und es ist ziemlich schwer feststellbar, was Ursache und was Wirkung ist. Der anderen Seite die Schuld zu geben, ist am einfachsten. Aber da belügt man sich. Ich habe … ich hatte daran auch einen großen Anteil. An der Seite einer Frau zu leben, die die meiste Zeit unzufrieden ist, muss man lernen. Ich bin auf Abstand gegangen, vielleicht aus Angst, mich bei ihr anzustecken. Vieles kann man vorher unmöglich wissen. Unsere Tochter … sagen wir mal so, sie ist sehr sensibel. Die neunundneunzigste Perzentile auf der Skala der Sensibilität. Und jeder von uns hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Ich weiß nicht, vielleicht sollte man fünfzehn gemeinsame Jahre, in denen keiner den anderen umbringt, eher als Leistung verbuchen statt als Niederlage? Sorry, ich hab den Eindruck, du bist auf der Suche nach klaren Antworten und … ich hab noch keine.
Das ist okay, du hilfst mir, sagte sie und sah mir unverwandt in die Augen.
Wirklich?
Ich streckte die Beine ein wenig weiter aus, nun berührte ich mit meinen Wollsocken beinahe ihre schlanke Taille.
Wirklich wirklich.
Wir schwiegen eine Weile. Jeder heftete seinen Blick auf einen anderen Punkt an der Wand. Es war befremdlich und schön zugleich, dass wir uns kaum kannten und unser Gespräch schon einen Beat hatte. Das Schweigen inbegriffen, das sich immer zur richtigen Zeit ergab.
Mit so vielen Leuten hatte ich mich seit der Trennung getroffen, so ging mir durch den Kopf, mit Schülern, Freunden, Kollegen, zweimal war ich sogar zu einem Psychotherapeuten gegangen – und mit keinem hatte ich diese seltene Empfindung: dass auf der Welt nur ich und der Mensch, der gerade bei mir war, existierten.
Ich dachte, dass Mor pralle Wangen hatte und dass ich vielleicht der einzige Mann auf dem Planeten war, der pralle Wangen sexy fand.
Ich weiß nicht, was ich dir noch sagen könnte, setzte ich vier Takte später an. Ehrlich gesagt habe ich bisher kaum über die Trennung gesprochen. Jedenfalls nicht so.
Mor sah mich wieder an. In ihrem Blick lag Wärme, vollständig entschlüsseln konnte ich ihn jedoch nicht. Sie kam nicht einen Millimeter auf mich zu. Mit den Fingernägeln fuhr sie über den Stoff ihrer Leggings, es wirkte eher wie ein Tick als wie ein wirkliches Kratzen. Und noch etwas: Obwohl sie über die gesamte Breite meines Bettes lag, hatte sie ihre Schuhe noch an. Ihre Füße streiften den Bettrahmen und ragten zwanzig Zentimeter über ihn hinaus, mal berührten sie ihn, mal nicht.
Würde sie die Schuhe ausziehen, dachte ich mir, wäre das ein Zeichen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich wollte, dass sie die Schuhe auszog. Wie bei Phantomschmerzen, die Soldaten genau dort spüren, wo einst der amputierte Körperteil war, schien es mir, dass ich seit der Trennung von Orna an einer Phantom-Monogamie litt. Ich hätte meine neue Freiheit feiern sollen, tat es aber nicht. Nach fünfzehn Jahren mit derselben Frau schaffte ich es nicht, mir die Intimität mit einer anderen vorzustellen. Es stresste mich sogar ein wenig. Ich war mir unsicher, ob ich funktionieren würde.
Am Ende – sie mochte höchstens eine Stunde bei mir gewesen sein – stand Mor vom Bett auf. Ich muss zurück, nicht dass Ronen plötzlich aufwacht.
Aber Moment mal – nun stand ich auf –, willst du mir nicht verraten, warum diese ganzen Fragen?
Das kann ich nicht.
Das ist unfair, ich verzog den Mund wie ein Kind, das irgendetwas nicht bekommen hat.
Sorry. Sie lächelte, ihr Ton war jedoch ernst: Das würde sich für mich wie Verrat anfühlen.
Okay – ich legte für einen japanischen Gruß die Handflächen aneinander – dann … war es mir eine Freude, dir zu Diensten zu sein. Als sie die Hand schon auf der Türklinke hatte, traute ich mich dennoch: Ich will dir noch eine Sache sagen, wenn ich darf?
Ja?
Ich tappe hier im Dunkeln, schlimmstenfalls denkst du, ich rede dummes Zeug. Aber eine solche Reise … ist eine Extremsituation. Bei manchen kommt dabei das Gute zum Vorschein und bei anderen …
Ich weiß. Ihre Augen wurden feucht. Nicht allmählich, sondern sehr schnell. Sie wandte sich zur Tür, um es zu verbergen, drehte sich abrupt um, kam mit zwei flinken Schritten zu mir, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich.
Im ersten Augenblick sah ich sie nicht. Die Wohnung war voller Trauergäste, die in zwei Gruppen beieinanderstanden: Im Wohnzimmer standen sechs oder sieben Leute, alle mit weißem Schopf, um eine Frau herum, die offenbar Ronens Mutter war und durch ihre gerade Haltung auffiel, und im Esszimmer vier, fünf junge Männer und eine Frau, ohne Locken, die sich an einen der Männer lehnte und weinte.
Zwischen Wohn- und Essbereich stand ein Flügel, aufgeklappt, als würde gleich einer daran Platz nehmen und spielen, oder es hatte schon jemand gespielt, bevor ich eingetroffen war, daneben ein Kamin mit knisterndem Feuer. Der Raum war von einem gedämpften Gemurmel erfüllt, wie es nur auf einer Schiw’a zu vernehmen ist. Traurige, verhaltene Stimmen, aus denen hin und wieder eine Stimme hervortrat wie ein Musiker, der zum Solo überging.
Gerade als ich dachte, man sollte wie auf Hochzeiten Kärtchen austeilen, die einen an den Tisch führen, wo die Leute sitzen, die man kennt, und wenn man keinen kennt, an den Tisch mit den Leuten, die sich nicht kennen – tauchte Ronen Amirov aus dem Nichts auf und kam auf mich zu.
Das heißt, der junge Mann, der auf mich zukam, war Ronen Amirov dermaßen ähnlich – die Größe, der leicht gebeugte Rücken, sogar der Ziegenbart –, dass mein Herzschlag für zwei Takte aussetzte. Er gab mir die Hand. Gal, ich bin der Bruder von Ronen. Wir sind uns verdammt ähnlich, ich weiß. Das sagen … das haben die Leute immer zu uns gesagt.
Mein Beileid, erwiderte ich.
Wir können es noch nicht fassen. Hier stehen alle unter Schock. Woher kennst du meinen Bruder?
Aus Bolivien. Ich bin ihm und Mor dort begegnet.
In La Paz?
Ja, genau.
Wow, antwortete er. Seine Stimmlage sank um eine halbe Oktave. Es ist nett von dir, dass du gekommen bist.
Ich nickte.
Er setzte zu einer Frage an, überlegte es sich anders und raunte, Mor ist dort, als wäre daran etwas Verwerfliches, und deutete mit dem Kopf auf ein Nebenzimmer.
Es war das schmale, langgezogene Arbeitszimmer eines älteren Menschen. Schreibtisch. Große Lampe. Ringsum Regale, proppenvoll mit Büchern. Der Raum zwischen einer Bücherreihe und dem Regalbrett darüber war ebenfalls mit Büchern vollgestopft. Einige schwarze Plastikstühle von der Sorte, die man stapeln kann, standen entlang der Bücherregale, und vor dem Fenster, am Ende des Zimmers, stand ein Bürosessel – auf dem saß Mor.
Im Schneidersitz. Die Füße in dicken Wollsocken. Rundlicher als in meiner Erinnerung. Schöner als in meiner Erinnerung. In dunkler Jeans und hellem Frida-Kahlo-Sweatshirt. Die Locken hatte sie mit einer Haarspange gebändigt, sie trug keine Creolen, aber eine filigrane Goldkette lag auf der honigfarbenen Haut ihres Halses.
Es war kein Stuhl mehr frei, also blieb ich stehen. Sie war ins Gespräch mit einer der Freundinnen vertieft, die neben ihr saßen, und hatte mich beim Hereinkommen nicht mal bemerkt. Vom Gepäckband, sagte sie. Mit meinem Trekking-Rucksack.
Ach, das muss schrecklich gewesen sein, erwiderte die Freundin.
Seine ganzen Sachen sind da drin, die Bücher, ich habe noch nichts davon ausgepackt. Ich bin nicht dazu in der Lage.
Alles zu seiner Zeit, sagte die Freundin. Daraufhin schwiegen sie einige Sekunden, die Stille nach einem Klischee. Dann sah Mor mich an. Verwundert.
Ich ging auf sie zu, beugte mich zu ihr hinab und umarmte sie. Sachte, ohne sie an mich zu ziehen. Omri, sagte ich, als ich mich von ihr gelöst hatte, aus La Paz.
Ich weiß, erwiderte sie matt.
Das war alles. Mehr Worte richtete sie nicht an mich. Als in einer Zimmerecke ein Stuhl frei wurde, setzte ich mich. Versuchte ihren Blick einzufangen, doch da war nichts zu machen. Er wurde von anderen eingefordert. Ich versuchte zu erlauschen, was sie ihren Freundinnen schilderte, aber sie wisperte, und es glückte mir nicht, die einzelnen Worte, die ich aufschnappte, zu Sätzen zu verbinden. Mir fiel auf, dass sie beinahe jede Freundin, die versuchte, sie zum Reden zu bringen, in kurzer Zeit dazu brachte, über sich selbst zu sprechen. Doch auch das geschah mit unterdrückter Stimme, die ich nicht hören konnte. Also nahm ich eins der ausgelegten Fotoalben zur Hand, gab vor, mit Interesse darin zu blättern, und sandte ab und zu durstige Blicke zu ihr hinüber.
Die kleine Narbe zwischen ihren Augenbrauen hatte sich zu einer Furche vertieft, die sie um einige Jahre älter wirken ließ. Es machte sie nur noch anziehender. Ihre Gesichtszüge hatten an Sanftheit gewonnen und ihre Mimik war feiner geworden. Statt der religiösen Schülerin mit der Unschuldsmiene und dem übertriebenen Optimismus saß mir nun eine Frau gegenüber. Zweifellos eine traurige Frau. Selbst die Frida Kahlo auf ihrem Sweatshirt blickte trostlos drein. Eine erloschene Frau war Mor jedoch nicht. Während ihr Gesicht von tiefem Kummer zeugte, sprach aus dem Körper eine gewisse Nervosität. Eine Rastlosigkeit. Bald saß sie im Schneidersitz, bald schlug sie die Beine übereinander, so ging es in einem fort, beim Zuhören griff sie alle paar Sätze an ihr goldenes Halskettchen, nahm es in den Mund, kratzte an der Seitennaht ihrer Jeans, ihr Tick aus dem Hostel.
Allmählich leerte sich das Nebenzimmer. Nur Mor, eine ihrer Freundinnen und ich blieben zurück. Noch immer gab sie kein Zeichen, dass sie mit mir reden wollte. Ganz im Gegenteil. Schön leise sprach sie und schloss mich unmissverständlich aus dem Gespräch aus. Ich kam mir vor wie ein Idiot. Ich war die ganze Strecke bis nach Galiläa gefahren, um eine Frau zu trösten, die mich links liegen ließ. Daher sagte ich mir: Noch ein Album und dann reicht’s.
Im Noch-ein-Album-und-dann-reicht’s war die Fotostrecke von ihrer Hochzeit. Jedes Foto mit anderen Verwandten, die alle aussahen wie seine. Niemand hatte Locken. Mor sah toll aus in ihrem Kleid. Es betonte ihre Taille. Auch wenn ihre Haltung nahelegte, dass ein Kleid nicht wie selbstverständlich zu ihrer Garderobe gehörte. Mit Sicherheit nicht so eins. Ronen stand neben ihr, strahlte. Sieh mal einer an, dieser steife, ernst blickende Mensch, den ich in La Paz kennengelernt hatte, konnte ein großzügiges Lächeln aufsetzen, das ihm Schlitzaugen und eine Nase mit feineren Konturen verlieh und einen gut aussehenden Mann aus ihm machte. Ein Lächeln, für das man ihn glatt mochte. Und über seinen Tod ein wenig betrübt war.
Dann kam ein Foto, auf dem beide nebeneinandersaßen und zu einer Bühne sahen, vielleicht während der Hochzeitsansprachen. Aus ihnen strahlte die Intimität, die sie verband. Ohne, dass sie sich dafür zu berühren brauchten. Dann ein Foto, auf dem sie sich küssten. Und noch eins. Und noch eins aus einem anderen Winkel – an der Stelle reichte es mir. Ich stand auf.
Sie ignorierte sogar, dass ich das Zimmer verließ. Aber als ich an der Haustür war, spürte ich eine Berührung an der Schulter. Eine hauchzarte Berührung. Ich wandte mich um.
Danke, dass du gekommen bist. Sie gab mir die Hand. Länger als es üblich ist. Was ihr erlaubte, mir einen Zettel in die Hand zu drücken.
Ich nickte. Und schloss die Faust darum.
Erst im Auto traute ich mich, den Zettel zu lesen.
Fahr bis ans Ende der Straße, biege am Kreisverkehr links ab und dann geradeaus bis zum Denkmal. Warte auf dem Parkplatz auf mich. Ich brauche ein Weilchen, werde aber eine Ausrede finden und kommen.
Augenblicklich rief ich Orna an. Ich bat sie, für mich einzuspringen und Liori vom Hort abzuholen.
Typisch, sagte sie, erst ums Sorgerecht kämpfen, dann zwei Wochen nach Bolivien verschwinden und sich nun davor drücken, sie vom Hort abzuholen.
Übertreib nicht, gab ich zurück, das kommt zum ersten Mal vor. Du weißt ganz genau, dass Liori mir alles bedeutet.
Du kannst uns nicht so im letzten Moment hängen lassen. Das Mädchen reagiert schlecht auf solche Pannen. Gerade jetzt in dieser sensiblen Phase.
Ich kann’s nicht ändern, ich bin im Norden und schaffe es zeitlich nicht mehr, entgegnete ich.
Sie hakte nach, was ich im Norden mache.
Ich log sie an.
Du legst dich arbeitsmäßig ja richtig ins Zeug, seit du dich von mir getrennt hast, spottete sie.
Das habe ich schon immer. Und jetzt muss ich ja auch noch Unterhalt zahlen.
Gut, lenkte sie letztendlich ein, ich hol sie ab, auch wenn du’s nicht verdient hast.
Miststück, zischte ich außerhalb der Reichweite des Mikros, laut sagte ich, danke, Orna.
Ich stieg aus dem Wagen. Stellte mich vors Denkmal und las die Namen der Gefallenen von rechts nach links und von links nach rechts. Und in welchen Kriegen sie gefallen waren. Mich beschäftigte, dass Liori mir seit der Trennung ständig Fragen zum Tod stellte. Wann wirst du sterben, Papa? Wann Mama? Wohin gehen wir, wenn wir gestorben sind? Können wir von dort zurückkommen? Bist du sicher, dass das nicht geht?
Ich sah auf die Uhr: Wenn sie nicht in fünf Minuten hier sein würde, würde ich mich vom Acker machen. Dann könnte ich heute meine Tochter in den Armen halten.
Zehn Minuten später stand ich immer noch dort.
Schließlich kam Mor. Auf dem Fahrrad. Ich sah sie in der Kurve auftauchen – und mein Herz flog ihr entgegen. Leute auf dem Fahrrad wirken meist gut gelaunt. Voller Energie. Aber die Art, wie Mor auf dem Sattel saß, hatte etwas Verlorenes. Schmerzliches. Vielleicht, weil die Straße menschenleer war. Und breit. Sodass sie wirkte, als wäre sie allein auf weiter Flur. Oder als wäre sie ein kleines Mädchen auf der Flucht vor der wilden Kinderhorde, die Jagd auf sie machte.
Sie trat energisch in die Pedale. Der Wind und die Rasanz, mit der sie fuhr, wirbelten ihre Locken durcheinander. Genauso war sie auf dem Camino de la Muerte in die Pedale getreten, als sie mit ihrem Mann mitzuhalten versuchte. Panisch. Und wieder löste sie den gleichen Impuls in mir aus: Ich wollte dafür sorgen, dass ihr keiner etwas antun würde.
Am Denkmal bremste sie, schwang ihr Bein über den Rahmen, lehnte das Rad an die Gedenktafel und kam auf mich zu. Ihr Brustkorb hob und senkte sich rasch. Lag das an der schnellen Fahrt oder an mir? Die Situation war völlig unklar, ich wusste nicht einmal, ob ich sie umarmen durfte. Scheiße, sie war Witwe!
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, gab mir einen hastigen Wangenkuss und sagte, ich habe ganz vergessen, wie groß du bist. Tut mir leid, dass ich vorhin so scheußlich war. Ich stehe unter permanenter Beobachtung. Ich hab den Eindruck, die spüren was. Keine Ahnung. Mag sein, ich bilde mir das alles nur ein. Über seine Mutter kann ich mich nicht beklagen. Aber seine Brüder … die … das heißt, es ist so … Echt toll, dass du hergekommen bist. Sie hielt inne und lächelte bedrückt. Du hast keinen blassen Schimmer, wovon ich rede. Stimmt’s?
Ich nickte.
Sie warf hastige Blicke nach rechts und links, als befürchtete sie, jemand würde uns verfolgen. Komm, sagte sie.
Hinter dem Denkmal begann ein schmaler Pfad, so versteckt, dass ich ihn zuvor nicht wahrgenommen hatte. Sie steuerte darauf zu, wissend, dass ich ihr folgen würde.
Es war Mitte Februar. Der siebzehnte Februar, um genau zu sein. Das Datum hatte sich mir eingeprägt, denn zwei Tage zuvor war Lioris Geburtstag. Der Frühling war noch nicht wirklich ausgebrochen, aber der Winter war vorbei. Die Veilchen zwischen den Felsen waren verblüht. Die Anemonen hingegen begannen sich gerade erst zu öffnen. Zwischen den Wolken über uns blinzelte die Sonne hindurch, am Horizont aber waren sie bedrückend und schwarz. Nur einige der Mandelbäume, an denen wir vorbeikamen, blühten bereits. Der Pfad war aufgeweicht vom Regen, der am Samstag gefallen war und Lioris Geburtstagsgäste aus dem Garten ins Wohnzimmer getrieben hatte, das Wohnzimmer, das auch mal meins gewesen war (Liori hatte mein Zögern an der Schwelle mitbekommen und hatte wortlos meine Hand genommen, wie ein Erwachsener die Hand eines Kindes nimmt, bevor sie zusammen die Straße überqueren).
Mors Schritte waren schwerer, als sie mir aus La Paz in Erinnerung waren. Beim Verlassen der Eisdiele war sie fast gehüpft mit ihren Locken. Nun hatte ihr Gang etwas Beherrschtes. Ich folgte ihr schweigend, bis wir zu einem riesigen flachen Felsen kamen, mindestens von der Größe eines Doppelbettes. Er lag versteckt, umgeben von Dornginster, der die Sicht nur auf einer Seite freigab, die in die Landschaft ging: grüne Hügel, die nach Westen zur Küste abfielen. Sie setzte sich.
Aus den Felsspalten tropfte noch Regenwasser. Ich fand eine trockene Stelle nicht weit von ihr, aber auch nicht zu nah.
Sie schlang die Arme um die Knie, drehte den Kopf zu mir und bedachte mich mit diesem Zwei-Phasen-Blick: Blick in die Augen, Blick zum Boden. Wie geht es dir?
Wie es mir geht?
Ja, wie geht es dir, Omri?
So viele fragen mich in letzter Zeit, wie es mir geht, dachte ich, aber keiner stellt die Frage so. Mit echter Neugier. Die zu einer aufrichtigen Antwort einlädt. Ich konnte es kaum fassen, diese vier Worte wirkten wie ein Sog, der uns beide erneut in eine eigene Welt hineinzog.
Ich meine … du machst Dinge durch, die etwas dramatischer sind, sagte ich.
Hast du seit La Paz eine andere geküsst?
Nein.
Bist du Mönch oder so?
Ich bin wählerisch.
Was machst du überhaupt im Leben? Ich weiß überhaupt nichts über dich.
Ich bin Atomphysiker.
Nicht schlecht.
Ich bin Musiker.
Echt jetzt? Auch Geiger?
Wieso? Wer ist Geiger?
Ronen … hat Geige gespielt.
Bei mir sind es Trommeln und Schlaginstrumente. Sag mal … willst du mir erzählen, was passiert ist?
Schon, aber lass es mich in meinem eigenen Tempo erzählen.
Ist dir kalt? Du zitterst. Willst du meine Jacke?
Das bringt nichts. Das ist so seit dem Camino de la Muerte. Mir ist ständig kalt. Egal wie viele Schichten ich anhabe. Die Kälte kommt von innen.
Ich zog die Jacke aus, legte sie ihr um die Schultern. Tut mir leid, das kann ich nicht mit ansehen.
Danke, erwiderte sie, ohne in die Ärmel hineinzuschlüpfen. Dann kannst du von der Musik leben?
Wie? Reden wir immer noch über mich?
Sie nickte. Zweimal. Die Narbe zwischen ihren Augenbrauen kerbte sich tiefer in die Haut.
Ich habe einen Workshop entwickelt, »Heartbeat« hab ich ihn genannt, den unterrichte ich an verschiedenen Schulen.
Und was passiert in deinem Workshop?
Interessiert dich das wirklich?
Wirklich wirklich, sagte sie und stützte das Kinn auf die angezogenen Knie.
Durch das Musikmachen bringe ich ihnen bei, wie man zuhört. Diese Generation ist eine wandelnde Aufmerksamkeitsstörung. Die meisten sind nicht in der Lage, einen Dialog zu führen. Eigentlich haben sie eine Kommunikationsstörung, nicht nur eine Aufmerksamkeitsstörung. Durch das gemeinsame Spielen auf verschiedenen Schlaginstrumenten …
Es war kein Unfall.
Was?
Ronens Sturz – das war nicht wirklich ein Unfall.
Jetzt schlüpfte sie in die Ärmel meiner Jacke. Erst mit dem linken Arm. Dann mit dem rechten. Sie befreite die Locken, die unter dem Kragen eingeklemmt waren, zog den Reißverschluss bis ganz nach oben und öffnete ihn dann wieder ein Stück. Bis zur Mitte. Sie führte einen Finger an die Wange, als wollte sie eine Träne wegwischen. Obwohl da keine Träne war. Ich hätte gern ihre Hand gestreichelt, hielt mich aber zurück.
Wir sind viel gewandert, Ronen und ich, hier in den Wadis.
Bist du auch von hier?, fragte ich.
Ich bin aus Ma’alot, ein paar Kilometer weiter. Ich bin immer hierher zu ihm getrampt und dann sind wir wandern gegangen. Er hat eine harte Zeit durchgemacht, nach dem Tod seines Vaters …
Ja, das ist mir in den Fotoalben aufgefallen, dass der Vater irgendwann nicht mehr auftaucht.
Herzstillstand. Ronen war zu Hause, als es passiert ist. Er hat versucht, ihn zu retten.
Shit.
Ich hab ihn zum Wandern mitgenommen, damit er nicht vollkommen durchdrehte. Bis er mich kennengelernt hat, kannte er nicht eine einzige Route hier in der Gegend, weil er kaum hinter seinen Noten hervorschaute. Sogar Nachal Kziv war ihm neu, und das ist ja wirklich kein Geheimtipp. Manchmal sind wir eine Stunde gelaufen und manchmal einen ganzen Tag.
Wow.
Wir hatten die Regel, dass wir liefen, bis er lächelte. Ein echtes Lächeln genügte. Egal, wie lange er dafür gebraucht hat.
Nun kam ihr tatsächlich eine Träne. Eine einzige, die ihre Wange hinabrann. Als Liori klein war, habe ich ihre Tränen manchmal mit der Zunge abgeleckt, was sie so zum Lachen brachte, dass sie das Weinen glatt vergaß. Seit der Trennung, so scheint es mir, weint sie im Herzen. Mor wischte sich ihre Träne rasch selbst vom Gesicht und schmiegte sich in meine Jacke.
Ich musste ihn identifizieren, sagte sie mit erstickter Stimme. Irgendein Polizist hat mich ins Krankenhaus gebracht. Oder in die Leichenhalle. In La Paz. Oder Coroico. Ich weiß es nicht mehr. Die ersten Tage kann ich nicht gut voneinander trennen. Der Polizist hat die ganze Zeit auf Spanisch auf mich eingeredet und ich hab immer nur genickt. Ohne irgendwas zu verstehen.
War denn keiner von der Botschaft bei dir?
Die Botschaft haben sie vor fast zehn Jahren dichtgemacht, nach der Operation Gegossenes Blei in Gaza.
Fuck.
Es gibt ein israelisches Paar dort, das den Backpackern hilft, aber die waren gerade im Urlaub in Israel.
Das heißt, auch danach, bei den ganzen Ermittlungen und all dem Bürokratiezeug …?
… war ich allein. Ganze vier Tage haben die mich dort festgehalten.
Ich legte meine Hand auf ihre. In einer instinktiven Bewegung. Ohne nachzudenken, wie beim Trommeln. Sie zog ihre Hand nicht weg, reagierte aber auch nicht auf meine Berührung. So saßen wir einige Sekunden, ohne zu reden. Jeder mit seinen eigenen Bildern im Kopf. Die schwarzen Wolken, die zuvor am Horizont gewesen waren, kamen näher. Das Wasser in den Felsspalten kräuselte sich vom Wind. Ich fror.
Ich dachte an ihr Fahrrad, das ungesichert am Denkmal stand. In Ramat Gan würde es im Handumdrehen gestohlen. Ich dachte daran, wie ich mit Liori im Kindersitz in die Kita geradelt war, wie ich einmal das Gleichgewicht verloren hatte, sie mit dem Kopf auf dem Gehweg aufgeschlagen war, und an die unerträglich langen Sekunden, bevor sie endlich drauflosweinte. Ich dachte an Lioris zerrissenen Blick, als ich ihr gesagt hatte – ich sagte es ihr als Erster, um Orna zu beweisen, dass ich damit umgehen konnte und auf den Beinen war –, dass »Mama und Papa nicht mehr miteinander klarkommen und Papa deshalb in eine andere Wohnung zieht«. Zunächst hatte sie überhaupt nicht erfasst, was wir meinten. Hatte sogar seltsam schief gelächelt, als erzählten wir ihr einen Witz.
Ich dachte, dass es dennoch irgendwie merkwürdig war, dass Mor die Schiw’a für ihren Mann mied. Und dass sie in ein Nebenzimmer verbannt worden war. Und dass keiner von ihrer Familie bei ihr gewesen war. Keine Mutter. Kein Vater. Keine Schwester. Niemand. Meine Mutter würde keinen Millimeter von mir weichen, würde mir ein solches Unglück widerfahren.
Willst du mir erzählen, was passiert ist?, fragte ich.
Sie überlegte kurz, bevor sie antwortete: Wollen schon, aber ich hab Angst.
Es bleibt unter uns. Ich legte wie zum Schwur die Hand auf die Brust.
Darum geht’s nicht.
Worum geht’s dann?
Solange man etwas nicht erzählt, ist es, als wäre es nicht passiert. Man kann sich sagen, alles ist nur Einbildung.
Wie du willst, ich bin jedenfalls hier, zu deiner Verfügung …
Du bist echt bezaubernd.
Ich bin überhaupt nicht bezaubernd.
Wirklich? Dann erzähl mir etwas Nicht-Bezauberndes über dich.
Jetzt?
Ja, das hilft mir. Was ich dir nämlich erzählen werde, ist nicht im Geringsten bezaubernd.
Ich zögerte, weil ich darauf aus war, dass sie mich weiterhin so ansehen würde, mit diesem reinen Blick, der noch nicht getrübt war von Beleidigungen, kleinlichen Rechnungen und dem Wissen um die dunkle Seite des anderen – das sprach dagegen, sie zum Beispiel einzuweihen, warum das Konservatorium mich suspendiert hatte. Wenn ich allerdings herausfinden wollte, auf welche Weise ihr Mann auf dem Camino de la Muerte in den Abgrund gestürzt war, und was sie eigentlich hier mit mir machte, anstatt für ihn Schiw’a zu sitzen, musste ich etwas erwidern.
Gut, setzte ich also an, als ich … aus Bolivien zurückgekommen bin?
Ja.
Orna, meine Ex-Frau, sie hat auf einmal die Abmachungen gebrochen, auf die wir uns beim Mediationsverfahren mühsam geeinigt hatten, und wollte unbedingt die Tage reduzieren, die Liori bei mir ist. Sie meinte, Liori sei bei mir nicht in einem stabilen Umfeld, weil … ich meine Arbeit am Konservatorium verloren und keinen anderen festen Job hätte und mich für zwei Wochen ins Ausland abgesetzt hätte. Generell sei ich nicht stabil, genau wie mein Vater. Daraufhin habe ich sie angerufen und ihr gesagt, dass ich sie unter vier Augen sprechen will. Sie meinte, ihr wäre es lieber, wenn die Anwälte dabei sind, und ich meinte, in ihrem eigenen Interesse wäre es wohl besser, wenn nicht. Nicht bei diesem Treffen.
Sie hat eingelenkt und wir haben uns am selben Abend in einem Café in unserem alten Viertel getroffen. Ich habe ihr klargemacht, dass ich nicht einmal auf eine einzige Minute mit Liori verzichten würde. Das Mädchen braucht seinen Vater, und wenn sie sich nicht sofort wieder an die ursprüngliche Vereinbarung des Umgangsrechts halten würde, würde ich beim Finanzamt anzeigen, dass ihre Firma ihre Zahlen frisiert. Daraufhin hat sie gesagt, sie könne nicht glauben, dass ich so tief sinke und zu solchen Mitteln greife, und ich hab gesagt, sie soll es sich noch mal überlegen, wenn sie ihr nächstes Kapitel nicht im Gefängnis verbringen will. Und sie: Omri, ich bin’s, warum so? Da bin ich einfach aufgestanden und gegangen. Ohne zu bezahlen.
Aber warum hat sie diese ganzen Dinge über dich gesagt?, fragte Mor. Und ich spürte, wie ihre Hand unter meiner mit einem Unbehagen zuckte.
Weil es mich nach der Scheidung tatsächlich leicht aus der Bahn geworfen hat. Und mein Vater tatsächlich eine Null war. Der Typ Mann, der sein Kind im Hochsommer mit geschlossenen Fensterscheiben im Auto vergisst. Festgesteckte Rahmen sind für mich nicht so einfach, ich schaffe es nicht immer, mich daran zu halten. Aber Liori hat davon nie etwas mitbekommen. Für sie bin ich ein Fels in der Brandung.
Das glaub ich dir.
Du hörst nur meine Version. Da ist es leicht, mir zu glauben.
