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Keine Lügen mehr, keine Geheimnisse, keine Geschichten Es ist Zeit für die Wahrheit! Ein Schriftsteller, er heißt Eshkol Nevo, beantwortet eine Reihe von Leserfragen. Eine Aufgabe, die er sonst mit Routine erledigt. Aber das Leben dieses Mannes Mitte 40 ist aus den Fugen geraten: Seine Ehe droht in die Brüche zu gehen, seine Tochter distanziert sich von ihm, eine politisch fragwürdige Auftragsarbeit beschädigt seinen Ruf, sein bester Freund liegt im Sterben. Zum ersten Mal blickt er ehrlich und schonungslos auf sein Leben. Denn die Zeit ist gekommen, sich der erhellenden, traurigen, nackten Wahrheit zu stellen – über seine Liebe, Familie, Freundschaft. Über sich selbst.
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Seitenzahl: 586
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ein Schriftsteller, er heißt Eshkol Nevo, beantwortet eine Reihe von Leserfragen. Normalerweise erledigt er diese Aufgabe routiniert. Doch vor Kurzem ist sein Leben aus den Fugen geraten: Seine Ehe steht vor dem Aus; seine ältere Tochter distanziert sich von ihm; eine Auftragsarbeit droht seinen Ruf zu beschädigen; sein bester Freund liegt im Sterben. Bleibt nur die Flucht nach vorn, und so blickt er zum ersten Mal ohne Weich zeichner auf sein Leben. Entwaffnend ehrlich bekennt er sich zu seinen Affären, Verfehlungen, Widersprüchen. Mitreißend erzählt der international vielfach ausgezeichnete Bestseller autor Eshkol Nevo von einem Mann in mittleren Jahren, der in der Krise den Mut fasst, mit seinen Lebenslügen aufzuräumen, und seine Selbstachtung zurückgewinnt.
Nein. Aber an irgendeinem Punkt während der Pubertät ist mir klar geworden, meine Selbstbefriedigungsfantasien sind sehr viel detaillierter als die meiner Freunde. Bei ihnen lief es pragmatisch ab, wie im Passbildautomaten. Bei mir gab es Hindernisse, Konflikte, runde Gestalten. Ich musste meinen Fantasien glauben können, um durch sie erregt zu werden. Also habe ich sie bis ins letzte Detail angelegt. Ich erinnere mich an eine Nacht, wir lagen in unseren Schlafsäcken im Keller von Chagai Karmelis Haus in Ramot, vier echt gute Freunde, und jeder hat seine Fantasie erzählt. Ich war als Letzter dran, und bis ich fertig war, waren alle eingeschlafen, alle bis auf Ari, der, bevor er sich endgültig den Reißverschluss seines Schlafsacks bis über die Nase hochzog, mit schläfriger Stimme meinte: Bruder, aus dir wird noch mal ein Schriftsteller. Aber du musst lernen, dich kürzer zu fassen.
Wir sollten über die Pessachferien Tagebuch führen, hatte unsere Lehrerin Me’ira gesagt. Also nahm ich ein Schreibheft mit auf die Sinaihalbinsel, stieg damit von Zeit zu Zeit auf einen Hügel und schrieb über die Welt unter Wasser und die darüber.
Später dann beschlossen meine Eltern, von Jerusalem nach Haifa zu ziehen. Ich schrieb ein paar Protestgedichte gegen den Umzug, aber wie so häufig bei Protestgedichten, es half nichts.
Und dann gab es in der Zwölften diese Abschlussaufführung, bei der Tali Leshem Querflöte spielte. Ich wollte ständig in ihrer Nähe sein, in der Hoffnung, sie würde mich irgendwann mal registrieren, aber ich hatte für nichts Talent – spielte kein Musikinstrument, konnte nicht singen und auch nicht tanzen. Also hab ich mich freiwillig gemeldet, die Texte für die Lieder zu schreiben.
In der Armee hab ich Tali Briefe geschrieben. Ich dachte, wenn sie jeden Tag einen Brief von mir bekommt, verlässt sie mich nicht für jemanden, der häufiger nach Hause darf.
Und an Dikla habe ich aus Südamerika geschrieben, nach der Armee schon. Manchmal über Sachen, die auf der Reise passiert waren, und manchmal über Dinge, die ich mir einfach ausgedacht hatte. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht zu schreiben, was nicht stimmte.
Dikla und ich, wir haben uns dann getrennt, unmittelbar bevor ich an meinem ersten Schreibworkshop teilnahm, nach dem B.A., und alle Worte, die sich dort aus mir ergossen, und vielleicht überhaupt alles seitdem, waren Versuche, die riesige Leerstelle zu füllen, die durch ihren Verlust klaffte.
Nach einem Jahr sind wir wieder zusammengekommen.
Und noch später habe ich ein paar Entscheidungen im Leben getroffen: Hochzeit. Kinder. Die Hypothek.
Das Leben ist dann auf eine zu enge Schiene geraten, und das Schreiben war alles, was außerhalb dieser zu engen Schiene lag.
Das Leben, das ich nicht leben konnte – das habe ich geschrieben. Einige Jahre lang hat das ganz gut funktioniert, hat die Sehnsucht ein bisschen betäubt, aber dann ist Ari erkrankt. Außerdem ist Shira weggegangen, aufs Internat. Und Dikla hat aufgehört, sich an mir zu erfreuen.
Damit hat so eine Phase angefangen.
Ich denke, man könnte es Krise nennen. Ich dachte, das sei in ein paar Monaten vorüber. Doch ich lag falsch.
Von außen ist das nicht zu sehen, aber ich weiß, ich bin im freien Fall. Weiß, jetzt schreibe ich, um gerettet zu werden.
Seit letztem Jahr führe ich einen Dauerkrieg, einen richtigen Grabenkampf, gegen meine Dysthymie: eine akute affektive Störung, die auf dem ständigen, fortgesetzten Gefühl einer auf kleiner Flamme schmorenden Missstimmung beruht. Oder einfacher gesagt, früher bin ich fröhlich aufgestanden, heute stehe ich traurig auf. Ich bin nicht sicher, ob ich weiß, warum, und schon gar nicht, wie man da wieder rauskommt. Ich bin auch nicht sicher, wie lange Dikla das noch ertragen kann. In letzter Zeit spüre ich, dass sie auf Abstand zu mir geht. Vielleicht fürchtet sie, sie könnte sich anstecken.
Wie auch immer – mein Morgen beginnt mit, wie man so schön sagt, körperlicher Ertüchtigung, eine Runde Joggen oder aufs Rennrad, um ein paar Endorphine freizusetzen. Jeden Tag. Danach rufe ich Ari an und wir reden über die Basketballmannschaft von Hapoel Jerusalem, über die Schwestern auf seiner Station, über die Chancen, dass es zu einer Wiedervereinigung der Hip-Hopper von Shabak Samech kommt – über alles eben, außer seiner Krankheit. Das Telefonat ist zwar eigentlich dazu gedacht, ihn aufzumuntern, muntert aber auch mich auf und vertreibt ein wenig mein beklemmendes Gefühl von Einsamkeit. Danach döse ich ein bisschen, stehe auf, trinke zwei Becher Kaffee hintereinander, esse eine ganze Tafel Vollmilchschokolade und schalte den Computer an, wie jemand, der ernsthaft vorhat, seinen nächsten Roman zu schreiben. Sitze eine Weile vor dem leeren Bildschirm. Und nach ein paar Minuten lande ich wieder bei diesem Interview hier, das irgendein Onlineredakteur, der Fragen von Usern an mich sammelt, mir geschickt hat. Und darauf antworte ich ein bisschen. Ein, zwei Fragen. Maximum drei. Und schon ist es halb zwei und meine mittlere Tochter kommt aus der Schule. Der Radau, den sie im Wohnzimmer veranstaltet, bringt mich so aus dem Konzept, dass es sinnlos wäre, weiterzumachen. Also schalte ich den Computer aus und sehe zu, ihr etwas zu Mittag zu kochen. Wir essen dann zusammen. Im letzten Jahr hat sie so eine besondere Antipathie gegen alles und jeden entwickelt, und mit meiner Dysthymie fällt es mir ein bisschen schwer, das zu ertragen. Trotzdem versuche ich, durch die Dornenranken, die plötzlich um sie gewachsen sind, zu ihr durchzudringen. Aber das ist so ermüdend, dass ich nach dem Essen erst mal ein Mittagsschläfchen halten muss. Ich stelle mir immer den Wecker, damit ich unseren Jüngsten nicht zu spät aus dem Hort abhole. Wenn ich dort reinkomme, lacht er vor Glück und kommt auf mich zu gerannt, und für einen Moment, kurz wie ein Gedicht, sieht es so aus, als käme alles in Ordnung.
Früher habe ich auf diese Frage ohne Weiteres antworten können. Das heißt, ich wusste, wenn ich sie beantworte, lüge ich schlicht und ergreifend, um alle mir nahen Menschen und mich selbst zu schützen. Aber ich kannte auch die Wahrheit. Und die Wahrheit ist, dass es in meinen fiktionalen Werken autobiografische Elemente gibt und immer gegeben hat, die ich in der Regel den weiblichen Charakteren verleihe. Um den Feind in die Irre zu führen.
Doch mit den Jahren sind die Dinge komplizierter geworden. Denn was macht man zum Beispiel mit einem Buch, das dir dein eigenes Leben voraussagt? Ich denke mir eine extreme, absurde Geschichte aus. Und ein Jahr, nachdem das Buch erschienen ist, passiert das wirklich. Gilt das dann als autobiografisch?
Und was ist mit all den »Hinter-den-Kulissen-Geschichten«, die ich bei Autorengesprächen mit Lesern erzähle? Die ein persönliches Erlebnis enthüllen sollen, das zum Schreiben geführt hat. Die sind im Umgang mit dem Publikum inzwischen derart veredelt, dass ich schon gar nicht mehr sicher bin, ob sie tatsächlich stattgefunden haben.
Gar nicht zu reden vom Einsickern der Verlogenheit in mein privates, nicht literarisches Leben.
Ich besuche zum Beispiel Ari im Tel Hashomer Hospital.
Als wir zusammen unsere große Reise gemacht haben, hat meine Großmutter mich vorher gefragt: Mit wem fährst du? Und als ich ihr gesagt habe, mit Ari, hat sie geseufzt und gesagt, sehr gut, er wird auf dich aufpassen.
Jetzt sind seine starken, sehnigen Arme nur noch Haut und Knochen, und seine runden Wangen eingefallen.
Er bittet, ich solle ihm ein Glas kaltes Wasser aus dem Wasserspender bringen, und als ich aus der Kochnische zurückkomme, fangen wir an zu reden.
Früher hab ich ihm immer erzählt, wie es mir wirklich geht. Heute nur noch gut aufbereitete Anekdoten. Und in seinen Chemotherapieaugen sehe ich, er weiß, dass ich ihm nur gut abgehangene Geschichten serviere, doch er will, braucht, dass ich ihm etwas anderes, Ungeschliffenes erzähle. Etwas, das keinen Anfang, keinen Mittelteil und keine Pointe hat.
Aber ich kann schon nicht mehr anders. Alles, was mir im echten Leben passiert, wird von dem Moment an, in dem es geschieht, zu einer guten Geschichte verarbeitet, die ich irgendwann mal erzählen kann. Bei einer Lesung. Einem Interview. Bei einem Gespräch im Krankenhaus mit Ari, der mittendrin die Augen schließt, nach meiner Hand greift und sagt: Komm, lass uns ein bisschen schweigen.
Die Wahrheit ist, ich erhole mich noch immer vom letzten Buch. Genauer gesagt, von der abgrundtiefen Leere nach dessen Erscheinen. Zurzeit bemühe ich mich deshalb vor allem, mich nicht zu verlieben. Denn das Jahr nach Erscheinen eines Buches kann fatal sein. Man läuft mit einem derart starken inneren Hunger durch die Gegend, dass Leute ihn dir ansehen. Und am leichtesten ist dieser Hunger durch ein verzweifeltes, sinnloses Sich-verlieben zu stillen. Sagen wir, in eine slowakische Dokumentarfilmregisseurin mit Schmiss auf der linken Wange, der wie ein Grübchen aussieht, die du auf dem Filmfestival in Haifa triffst. Ein Sich-verlieben, das dich hinterher ein Jahr kostet, um wieder auf die Beine zu kommen. Also besser zu Hause bleiben. Sich verschanzen. Die Herzkammern verrammeln. Keinen Spalt offen lassen, durch den eine Frau eindringen könnte, die nicht die eigene ist. Daran arbeite ich zurzeit.
Das ist noch niemandem aufgefallen, aber im Grunde genommen sind die Frauen in meinen Büchern nur Variationen der immer selben drei Frauen:
Meine eigene Frau.
Eine imaginierte Frau, die das Negativ zu meiner Frau ist, doch auf die Möglichkeit, mit ihr zusammenzuleben, habe ich in dem Augenblick verzichtet, in dem ich beschloss zu heiraten.
Und die Frau, die ich selber bin.
Peinlich genug, aber am stärksten fühle ich mich von dieser dritten Frau angezogen.
Ich habe mich gegoogelt. Wieder mal. Ein Fehler, ich weiß. Habe die ganze Nacht Sachen gelesen, die Leute über mich schreiben. Früher, auf irgendeiner Klassenfahrt, hatte ich mal so getan, als schliefe ich, und gehört, wie zwei sich unterhalten. Über mich. Aber nun sind es sehr viel mehr Leute als nur zwei. Vielleicht tausend. Zweitausend. Auf einer Internetseite haben sie sogar Fotos von den Pigmentflecken, die ich auf beiden Wangen habe, hochgeladen und zeigen, wie sich die mit Photoshop wegmachen lassen. Um vier in der Früh bin ich endlich schlafen gegangen. Die bösartigen Kommentare aber sind mir noch aufgestoßen. Ich habe mich von hinten an Dikla gekuschelt. Früher, wenn ich mich so an sie geschmiegt habe, hat sie meine Hand genommen und auf ihr Herz gelegt. In letzter Zeit macht sie das nicht mehr. In letzter Zeit ist meine Gewissheit, dass sie mich liebt, ganz schön ins Wanken geraten. Dennoch habe ich meine Atemzüge ihren angepasst, habe vor mich hin geflüstert: Ich habe ein Zuhause. Ich habe ein Zuhause. Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht, musste plötzlich an die Nachbarin denken, die wir vor Jahren gehabt hatten. Eine ältere, ja, man kann sagen alte Frau, dich mich mal in ihrem Wagen mit zum Meer genommen hat. Und unterwegs erzählt sie mir, sie gehöre einer Nudistengruppe an. Und ich, gerade mal fünfzehn, war ganz begeistert und habe gefragt, ob ich da auch mitmachen könne. Mich entblößen.
Durch die Sonnenblenden war schon das Morgengrauen zu erahnen. Meine Frau atmete noch immer wie im Tiefschlaf.
Alles ist vorbestimmt, dachte ich. Aber du hast die Wahl.
Dem weinenden Jungen viel zu ähnlich, der auf einem Plakat in der Kinderarztpraxis an der Wand hing, und wenn wir auf einen Termin bei Doktor Schneidtscher warteten, deuteten immer Kinder abwechselnd auf ihn und auf mich.
Außerdem ständig Fantasien nachhängend, nicht unbedingt lesend, aber die ganze Zeit vor mich hin fantasierend.
Und verliebt. Ständig und über beide Ohren. Jedes Mal in ein anderes Mädchen. Ohne ihr etwas davon zu sagen. Und immer mit dem Gefühl, etwas zu vermissen. Von klein auf habe ich mich als Kind in Erinnerung, das mit dem permanenten Gefühl durch die Gegend läuft, etwas zu vermissen. Noch war mir niemand gestorben, aber wir sind ständig umgezogen. Jeden Sommer habe ich mich von den alten Freunden verabschiedet, nur um im Herbst darauf neue Freunde zu finden. Wobei, nebenbei gesagt, gar nicht mal sicher ist, dass das der Grund ist, warum ich mit dem permanenten Gefühl von Sehnsucht durch meine Kindheit gegangen bin. Vielleicht ist das einfach so, und es gibt Zickzackkinder und Sehnsuchtskinder.
Ich versuche, irgendeinen konkreten Augenblick in all diesen rührseligen Worten zu isolieren. Das ist es, was ich von meinen Schülern immer verlange: Seid konkret. Brecht das Gefühl zu greifbaren Bildern herunter. Aber von allen Bildern, ich weiß nicht, warum …
Ich war sechs, vielleicht auch sieben, und bin mit Großvater Yitzhak in den Luna-Park gegangen. Er war da schon ziemlich alt und hatte keine Kraft mehr oder einfach keine Lust, mit mir in die Fahrgeschäfte zu gehen. Also hat er mich nur von einer Attraktion zur nächsten begleitet und mich zwischendurch immer mal wieder überredet, einen Schluck aus der Armeewasserflasche zu nehmen, die er mitgenommen hatte. Für mich war das vollkommen in Ordnung, dass er nicht mitkam. Alleinsein war damals noch kein Angstgefühl. Ich bin freudig allein in die Achterbahn und habe nicht einmal geschrien, auch bei den steilsten Schussfahrten nicht. Die Geisterbahn fand ich hauptsächlich langweilig. Das Riesenrad war eine großartige Gelegenheit, sich die ganze Stadt von oben anzuschauen. Nicht der kleinste Anflug von Furcht – bis das Spiegellabyrinth an der Reihe war.
Eine scheinbar harmlose Sache – ich glaube, heute gibt es das schon gar nicht mehr, dafür ist das Ganze zu harmlos und unschuldig.
Alles, was man tun musste, war, zwischen verspiegelten Wänden den richtigen Weg vom Eingang zum Ausgang zu finden.
Es fing undramatisch an. Ich nahm die ersten beiden Abzweige im Labyrinth, aber dann war ich plötzlich von meinen eigenen Spiegelbildern umstellt. Ich erinnere mich noch genau an den Augenblick: Unmengen verzerrter Gestalten, die mir ähnlich sahen und auch wieder nicht, kreisten mich ein. Einige hatten einen übergroßen Kopf und spindeldürre Beine, andere monströs dicke Beine und einen winzigen Schrumpfkopf. Leichter Schwindel befiel mich und ein starkes Gefühl, das ich bis dahin nicht gekannt hatte, ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Ich versuchte weiterzugehen, aber wohin ich mich auch wandte, immer stieß ich auf mein verzerrtes Ich. Immer und immer wieder, bis ich mich am Ende verzweifelt zu Boden sinken ließ, an eine Wand gelehnt dasaß und nachdachte. Um Hilfe zu rufen machte keinen Sinn, weil Großvater ohne sein Hörgerät nur schlecht hörte. Ich komme hier nie wieder raus, dachte ich.
Und jetzt wird mir plötzlich klar, wie sehr diese Situation im Grunde genommen dem Albtraum gleicht, aus dem Dikla in unseren ersten Jahren immer erwacht ist. Sie setzte sich abrupt im Bett auf, schlug sich mit der Hand auf die Brust, als müsste sie ersticken, und stierte mich mit wild aufgerissenen Augen an, ohne mich zu erkennen. Bis sie mich irgendwann dann doch erkannte und bat, ich solle sie in den Arm nehmen. Ich musste schon nicht mehr fragen, was los ist, wusste, sie ist erneut in diesem Klassenraum gefangen und kann nicht raus, weil die Terroristen die Tür bewachen, weshalb sie wieder und wieder versucht, das Fenster zu öffnen, um zu fliehen, aber es nicht schafft. (Im echten Leben, nicht in ihren Angstträumen, hatte sich der Anschlag in Ma’alot ereignet, als ihre Mutter mit ihr schwanger war. Im neunten Monat. Sie wohnten damals unmittelbar neben der Schule, in die die Terroristen eingedrungen waren, und Diklas Mutter hörte die Schreie der Kinder und flüchtete sich zu einer Nachbarin, die ein Jagdgewehr hatte.)
Erstaunlich, denke ich, dass zwei Menschen, deren größter Albtraum ist, zwischen Wänden gefangen zu sein, es doch irgendwie geschafft haben, ein Zuhause zu schaffen.
Jahrelang wollte ich ein Studio haben. Wollte Sätze sagen wie »Ich komme gerade aus dem Studio«, »Ich rufe dich nachher aus dem Studio an«. Aber andererseits schien mir das zu den Dingen zu gehören, die andere haben und nicht jemand, der in einer Hafenstadt aufgewachsen ist und erzogen wurde, keine Agora auszugeben, wenn es nicht wirklich sein muss. Wer braucht schon ein Studio?, habe ich mir das Ganze ausgeredet. Amos Oz hat auf der Toilette geschrieben.
Und dennoch, jedes Mal, wenn mir jemand, ein Kollege, erzählte, er gehe jetzt in sein Studio, krampfte sich mein Herz zusammen, als hätte jemand eine Wäscheklammer daran befestigt, und in meinem Mund formte sich gegen meinen Willen das Wort, wenn die Zungenspitze mit zwei Hüpfern über das Gaumendach wandert und mit dem dritten die Lippen weitet: Stu-di-o.
Vor etwas mehr als einem Jahr dann musste ich im Moschaw Giv’at Chen ein Studio anmieten. Es ging nicht anders. Ich schwöre. Bei allem, was mir lieb und teuer ist.
Im Nachbarhaus fingen sie an, das Gebäude nach dem nationalen Bebauungsplan 38 erdbebensicher zu machen, und bei dem infernalischen Lärm der Presslufthämmer und Kernbohrungen war es mir unmöglich, mich zu konzentrieren. Außerdem ging meine älteste Tochter, bevor sie uns dann bald verlassen und sich ins Internat nach Sde Boker abgesetzt hat, kaum noch zur Schule und hörte, um den Baulärm draußen zu übertönen, den ganzen Morgen in ihrem Zimmer in voller Lautstärke Enrique Iglesias. Ich fühlte mich umzingelt. Irgendwo zwischen Brust und Bauch nistete sich so ein Gefühl der Beklemmung ein und ging nicht mehr weg. Ich glaube, da hat bei mir die Dysthymie begonnen, auch wenn ich da noch gar nicht wusste, dass es so etwas überhaupt gibt, Dysthymie. Also habe ich überlegt, Ortswechsel gleich Stimmungswechsel, und meinen Laptop schließlich in die Praxis einer Psychologin geschleppt, die hauptsächlich in den Abendstunden arbeitet. Habe alle Vorauszahlungen akzeptiert, die sie zur Bedingung gemacht hat, und nur darum gebeten, dass wir im Mietvertrag die Bezeichnung des Objekts von »Praxis« in »Studio« ändern.
Zusammen mit dem Laptop habe ich auch ein paar Bücher in das Studio gebracht, um der Atmosphäre willen. Habe eine Zeichnung aufgehängt, die ich mal von einem Holocaustüberlebenden geschenkt bekommen habe und von der Dikla meint, sie sei zu traurig, um bei uns im Wohnzimmer zu hängen. Und auf einem Bord habe ich das Foto von Maayan aufgestellt. In Fußweite zum Studio gab es einen Dorfladen, wo sie frische Beigel mit Salz verkauften. Und Oliven. Ich liebe Oliven beim Schreiben. Draußen vor dem Studio stand ein Orangenbaum, und die Eigentümerin meinte, ich könne mir gerne Orangen pflücken. Und im Studio selbst warteten eine Kaffeeecke mit Nescafé und schwarzem Kaffee und ein Kühlschrank mit Milch.
Alles war bestens und bereit.
Der Moschaw Giv’at Chen ist, wie ich dem Eingangsschild entnahm, das ich jeden Morgen passierte, nach dem Dichter Chaim Nachman Bialik benannt. Über ihn wird nicht viel geredet, denn es gehört sich nicht, am Image unseres verehrten Nationaldichters zu kratzen … – aber Bialik hatte von dem Augenblick an, da er ins Land gekommen war, so gut wie nichts mehr geschrieben. Sein Werk trieb – wie man so schön sagt – keine Sprösslinge mehr, und in den zehn Jahren, die er in Zion verbrachte, verfasste er lediglich neun Gedichte, die, vorsichtig ausgedrückt, nicht zu seinen besten gehören. War das Haus, das man ihm in Tel Aviv gebaut hatte, zu schön? Zu komfortabel? Oder hatte der Umstand, dass Leute erwartungsvoll zu ihm aufblickten, ihm die Freiheit genommen, die jeder Künstler für sein Schaffen braucht? Vielleicht ließen ihm aber auch seine vielfältigen literarischen Aktivitäten, die Zeitschriften und Buchveröffentlichungen, keine Zeit zum Schauen, und wie soll man sich, ohne einfach nur zu schauen, ohne den leeren Raum leer sein zu lassen, von Neuem mit etwas füllen können? Oder sollte es genau andersherum gewesen sein? Vielleicht halste er sich immer mehr literarische Projekte auf, um nicht allein sein zu müssen, allein mit seinem zum Schreiben unfähigen Selbst. Ich stelle mir vor, wie er vor dem Einschlafen seiner Frau Mania gesteht, schon wieder sei ein Tag vergangen, ohne dass er ein Gedicht geschrieben habe, das die Bezeichnung verdiente, sehe den erschöpften Blick in ihren Augen, während sie ihm zuhört. Also ehrlich, Chaim Nachman – denkt sie, sagt es aber nicht –, wie oft soll man sich diese Litanei denn noch anhören?
Mit offenen Augen in die Dunkelheit starrend wartet er, bis sie eingeschlafen ist, verlässt dann das Haus und geht ein paar Straßen weiter zu Ira Jan. Sie ist zügellos, Malerin und noch immer von ihm begeistert, und nachdem sie miteinander geschlafen haben, liegt er mit offenen Augen da, starrt in die Dunkelheit und wartet, dass Ira Jan eingeschlafen ist und er zu einer anderen Frau, einer dritten gehen kann – dass es in seinem Leben noch eine dritte Frau gegeben hat, ist zu vermuten. Er legt den Kopf in ihren Schoß und sie streichelt seine Glatze und singt ihm Lieder auf Jiddisch vor. Aber dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spiel von einem Bett ins nächste im kleinen, damals so beschaulichen Tel Aviv hilft ihm nicht und ändert nicht das Geringste, denn am nächsten Morgen wartet auf seinem Schreibtisch schon das Blatt, weißer denn je.
Ich habe einige Monate in meinem Studio in Giv’at Chen verbracht. Habe Texte von Schülern gelesen. Telefoniert. Mails beantwortet. Bin zum Dorfladen gegangen und mit Oliven zurückgekommen. Habe Orangen vom Baum gepflückt und ausgepresst. Habe das Foto von Maayan betrachtet, der jungen Frau, die in Bolivien auf der Camino de la Muerte zu Tode gekommen war und in deren Rucksack man ein Buch von mir gefunden hatte. Habe mir auf YouTube ganze Alben von David Bowie angehört. Habe medizinische Fachaufsätze über Dysthymie gelesen. Habe zu Leuten gesagt: »Ich ruf dich aus dem Studio an«, »Treffen wir uns doch bei mir im Studio«. Habe sogar versucht, auf der Yogamatte der Psychologin Yogaübungen zu machen und mir einen Hexenschuss dabei geholt. Vielleicht war ja die Dysthymie schuld, die mich an die Realität genagelt hat. Oder vielleicht waren dort auch andere Kräfte am Werk.
Am Ende bin ich zurück nach Hause.
Nach Hau-se.
Die Zungenspitze wartet geduldig darauf, wieder loszuhüpfen, während der Mund sich abwechselnd weitet und schließt.
Ich? Ach was. Auf keinen Fall. Das wäre nicht sachdienlich. Außerdem ist auch gar keine Zeit dafür. Das Bewusstsein ist so ausgelastet mit den inneren Konflikten der Charaktere und Verschachtelungen der Handlung, dass überhaupt keine Zeit für irrelevante Überlegungen bleibt. Nein, wirklich nicht. Ganz entschieden nein …
Nur manchmal, wie ein nackter Fan, der mitten in der Partie aufs Spielfeld stürmt, ploppt in meinem Bewusstsein die Existenzangst auf: Was, wenn sie es nicht mögen? Was, wenn sie es nicht kaufen? Wovon sollen wir dann leben? Für einige Augenblicke gelingt es dann dieser Furcht, den Ordnern meines Selbstbewusstseins zu entwischen, bis sie sie endlich einholen, sie etwas unsanft am Ellbogen packen und vom Platz führen.
Jahrelang habe ich mir Dikla vorgestellt. Habe mir ausgemalt, wie ich ihr das Manuskript im Bett vorlese. Ich lese eine Seite und lasse sie zu Boden fallen. Lese die nächste und weg damit. Und sie lauscht und schenkt mir diesen liebevollen, aufmunternden Blick mit einer Spur Amüsiertheit, den sie hatte, bevor wir uns in der Wohnung in der Ramban zum ersten Mal geküsst haben.
Doch in letzter Zeit gelingt mir das nicht mehr, mir beim Schreiben Dikla vorzustellen. Und ich glaube, das Problem liegt in dem Blick, mit dem sie mich ansieht, seit Shira ins Internat ist. Der ist nicht mehr liebevoll und voller Sympathie, sondern von mehr als nur einer Spur Kritik bestimmt.
Du weißt, dass ich am Sonntag nach Kolumbien fliege?, habe ich letzte Woche zu ihr gesagt.
Ja, hat sie geantwortet.
Früher war dieses »Ja« der Vorspann zu ganz viel Sehnsucht, sollte dieses »Ja« sagen, du wirst mir fehlen.
Aber diesmal schwang darin mit: Vielleicht ganz gut, dass du ein bisschen wegfährst. Um ehrlich zu sein, ich habe dich über.
Ich bin kein Kind mehr. Weiß, die Energie zwischen zwei Menschen ist letztendlich dazu verurteilt, ihre Form zu wandeln. Das ist quasi ein physikalisches Gesetz. Ich habe das bei anderen Paaren erlebt, ja, habe im Grunde genommen immer gewusst, dass es auch bei uns irgendwann passieren wird.
Nur hätte ich mir nie vorstellen können, dass es zuerst bei ihr der Fall sein würde.
Ein paar Tage danach habe ich deprimiert meinen Koffer gepackt. Unterwäsche, Socken. Mehrere Exemplare meiner Bücher und Manuskripte von Schülern aus meinem Schreibworkshop.
Normalerweise packe ich freudig erregt.
Und normalerweise setzt in dem Augenblick, in dem das Flugzeug abhebt, auch meine Seele zum Steigflug an.
Take it easy. Ehrlich. Das ist doch das Schöne an Literatur, dass mit jedem Lesen das Buch irgendwie neu geschrieben wird, oder? Das ist aus meiner Sicht vollkommen in Ordnung. Außerdem, was kann ich denn machen? Jeden Käufer aus dem Buchladen bis nach Hause verfolgen und zu ihm ins Bett schlüpfen, um sicherzugehen, dass er das Buch auch versteht?
Ich sage mal ganz einfach: Alle sind herzlich eingeladen, meine Bücher zu lesen, wie es ihnen gefällt.
Alle, bis auf eine bestimmte Sorte von Akademikern.
In der Regel aus der Literaturwissenschaft.
Manchmal sind sie auch unter den Kulturwissenschaftlern zu finden oder bei den Gender Studies. Die Rede ist von Leuten, die durch die vollkommen verqueren Karrieremechanismen der Universitäten abgerichtet worden sind, sich auf eine sehr spezielle Nische zu konzentrieren. Unermüdlich veröffentlichen sie Fachaufsätze, die die immer gleiche Forschungsfrage untersuchen. Und nötigen obendrein ihre Studenten, genau denselben Quadratmeter abzugrasen. Sie machen das schon so viele Jahre, dass sie nicht mehr in der Lage sind, ein Buch anders zu lesen als durch ihr eigenes Forschungsprisma, das schmal wie ein Felsspalt ist.
Ich bin mal zu einem solchen Kongress theoriebewehrter Akademiker eingeladen worden.
Habe mich, zugegebenermaßen, über die Einladung gefreut. Künstler sind auf Anerkennung angewiesen wie Forscher auf Beweise. Am Eingang zum Gebäude der Geisteswissenschaften habe ich sogar die Ankündigung fotografiert, auf der mein Name stand, und das Foto meinen Eltern geschickt, um ihnen eine Freude zu machen.
Aber dann sind, auf dem Kongress selbst, einer nach dem anderen promovierte und habilitierte Menschen ans Rednerpult getreten und haben meinem Buch systematische Lesarten aufgezwungen. Und das alles in einem autoritativen, besserwisserischen Ton, dass ich mir wie der letzte Simpel vorkam. Ich wurde immer kleiner dort auf meinem in der ersten Reihe für mich reservierten Stuhl, und mit jedem weiteren gelehrten Satz, der von der Bühne kam, verkroch ich mich mehr in mich selbst. Der Kopf verschwand in den Händen, die Hände verschränkten sich vor der Brust, die Brust wurde eins mit dem Bauch, bis ich am Ende ganz verschwunden war und der Diskussionsleiter sich in meinem Namen entschuldigte, dass es mir aus persönlichen Gründen unmöglich gewesen sei, an dem Kongress teilzunehmen.
Ich gerate immer ins Stottern, wenn man mir diese Frage stellt. Erwähne, dass ich auch Schreibworkshops gebe. Lasse fallen, Dikla sei leitende Projektmanagerin in einem großen Unternehmen.
Manchmal aber bleibt mir keine andere Wahl und ich erzähle die Geschichte von Herschele Ostropoler, den die Mutter losschickt, Milch vom Krämer zu besorgen. Als er aus dem Laden tritt, beschleicht ihn die Furcht, die Milch könnte sauer sein, weshalb er einen ordentlichen Schluck davon nimmt, ehe er weitergeht. Doch dann bekommt er erneut Angst, die Milch könnte beim Gehen umgekippt sein. Und nimmt noch mal einen Schluck. Nur um sicherzugehen. Er geht also weiter, hält inne, trinkt, und immer so fort, bis er zuhause angelangt ist. Nur, um von Neuem losgeschickt zu werden, Milch zu besorgen.
Soweit mir bekannt, gibt es keine solche Geschichte von Herschele Ostropoler. Es ist bloß eines dieser jiddischseligen Ablenkungsmanöver, bei dem am Ende alle verständnisvoll lächeln, obwohl ihnen die Moral von der Geschichte nicht klar ist.
Ich mache Verrenkungen, verbiege mich, nur um nicht mit der schlichten, beschämenden Wahrheit herausrücken zu müssen:
Wir können uns nicht beklagen. Das heißt, wirtschaftlich.
Als ich damals überlegt habe, die Werbeagentur zu verlassen, um mich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren, habe ich zu Dikla gesagt, hör zu, wir werden uns einschränken müssen.
Sie war gerade schwanger. Unsere erste Schwangerschaft, mit Shira. Nicht das optimale Timing also für ein solches Gespräch.
Trotzdem hat sie sofort gesagt, dann schränken wir uns eben ein.
Ich erinnere mich noch genau an diese Unterredung, Wort für Wort. Weiß noch, wo wir gesessen haben: in der kleinen Küche unserer Mietwohnung in der Straße der Kinder von Teheran. Auf wackligen Klappstühlen.
Erinnere mich noch, was sie anhatte: eine weiße Tunika mit Knöpfen und Band, das unter der Brust geschnürt wurde. Und schwarze Leggings.
Erinnere mich sogar noch, was auf dem Teller war, der zwischen uns stand. Gesalzene Sonnenblumen- und Kürbiskerne. Mit Beginn der Schwangerschaft hatte Dikla einen unstillbaren Heißhunger nach Kernen und überall in der Wohnung standen kleine Schüsseln für die Schalen.
Bist du sicher?, habe ich gefragt.
Darf ich dich daran erinnern, dass du keine Prinzessin aus Savyon geheiratet hast, hat sie geantwortet. Was auch Vorteile hat. Und außerdem bin ich sicher, das Buch wird ein Erfolg und alles funktioniert.
Und wenn nicht?
Wir kommen schon klar. Hallo, ich bin ja auch noch da. Das ist doch ein Traum, von dem du redest, seit wir uns kennen, zu schreiben.
Okay. Soll ich schnell zum Kiosk, dir noch mehr Kerne holen?
Nachher, hat sie gesagt und mit dem Blick zum Schlafzimmer gedeutet.
Noch mal? Ein Seufzer, als sei ich nicht hocherfreut.
Das bin nicht ich, hat sie entschuldigend gemeint, das sind die Hormone.
Die Liste der Dinge, die mich an Dikla angezogen haben, ist sehr lang. Dazu gehören auch scheinbar unwichtige Kleinigkeiten, wie etwa der Geruch ihres Shampoos oder dass sie Bowies Videoclips aus den Achtzigern auswendig kannte. Und auch größere Sachen, zum Beispiel, dass sie keine große Flirterin war oder ihre Meinung nicht danach bildete, was in den Wochenendausgaben der Zeitungen stand, und dass sie bei übertrieben harten Gewaltszenen in Fernsehserien nicht wegguckte.
Aber ich glaube, der verborgene Grund, weshalb sie mich wirklich anzog, war, dass sie nichts an mir auszusetzen hatte. Sie hat mich vom ersten Augenblick an einfach akzeptiert und an mich geglaubt. Ohne etwas zu hinterfragen oder mich ändern zu wollen. Genau wie ihr Vater bei den Familienessen in Ma’alot. Der liebevolle Blick, der jedem ihrer Schritte folgte. Die Sanftheit, mit der er »Binti« zu ihr sagte, meine Tochter. Das Auberginenmus mit Sesampaste, das er extra für sie zubereitete. Die stille aber unübersehbare Bewunderung für jeden noch so kleinen ihrer Erfolge.
Und genauso hat Dikla mich damals geliebt. Vorbehaltlos und uneingeschränkt.
Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich zwanzig Jahre später, beim Zwischenstopp in Madrid, auf dem Weg nach Kolumbien, immer wieder versuchen würde, sie zu erreichen. Und sie nicht rangeht.
Meine Eltern sind sehr kritische Menschen. Doch nicht im Sinne von Kritik, die einem um die Ohren gehauen wird. Das nun nicht. Aber beide sind Akademiker, und daher erfährt jede Handlung, die in ihrem engeren Umkreis erfolgt, eine genaue Überprüfung, zumeist mit dem Anspruch zu beweisen, dass sie auf einem Irrtum gründet. Schon seit Jahren kommen sie immer montags zu uns, um auf die Enkel aufzupassen. Und viel hat sich im Laufe dieser Jahre verändert. Jedes Mal treffen sie ein bisschen gebeugter ein. Und ein bisschen gefühlsseliger. Mein Vater hat sich einen chronischen Husten zugelegt und meine Mutter hört schon nicht mehr allzu gut. Shira, ihr Augenstern, hat sich ins Internat verabschiedet. Doch noch immer, nach jedem Besuch bei uns, geben sie uns ein Feedback. Mein Vater in einer endlos langen SMS mit Paragrafen und Unterparagrafen und meine Mutter bei einem Telefonat, das in emphatischem Ton beginnt und sich in einer minutiösen Aufzählung aller Fehler fortsetzt, die wir als Eltern machen.
Wer im Glashaus sitzt, möchte ich ihr sagen.
Und halte mich zurück. Aus Achtung vor ihr. Und wegen der Anstrengung, die sie beide auf sich nehmen, um jeden Montag zu uns zu kommen.
Dennoch, wächst man unter solchen Umständen auf, geht einem das Kritische in Fleisch und Blut über. Wird zur zweiten Natur. Strömt durch deine Adern wie eine weitere Art von Blutkörperchen: weiße Blutkörperchen, rote Blutkörperchen und kritische Blutkörperchen.
All das hat mich viele Jahre lang gehemmt, ja wirft mich zuweilen noch immer zurück und in die Tiefe (die Bewegung ist immer zurück und in die Tiefe). Aber es hat mich auch immunisiert. Denn die mörderischsten Kritiken werden in meinem Kopf verfasst, noch ehe das Buch überhaupt erschienen ist. Auch jetzt, beim Schreiben, schieße ich mir selbst ins Knie: Bist du verrückt geworden? Auf Fragen im Internet ehrlich zu antworten? Das wird hinterher für jeden, der dich googelt, bis in alle Ewigkeit verfügbar sein.
Ein Mal? Jeden Morgen habe ich eine Schreibblockade. Dieses ganze Interview hier ist doch – wenn wir ehrlich sind – bloß ein Versuch, der Schreibblockade bei einem anderen Text beizukommen.
In dem Augenblick, in dem ich anfange zu schreiben, befällt mich ein starker, unmöglich auszublendender Drang, etwas zu essen. Nach jeder Seite stehe ich auf und gehe in die Küche. Nein, nach jedem Absatz.
Aber mit diesem konkreten Hungergefühl kann man umgehen.
Das Problem ist der andere Hunger.
Wenn ich das wüsste. Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung. Bei einem Abendessen mit Verlagsleuten in der Türkei zum Beispiel bekomme ich erzählt, sie seien gezwungen gewesen, aus meinem letzten Buch ein paar erotische Szenen herauszunehmen, da Erdoğans Regime angefangen habe, Verlage zu drangsalieren, die nicht vorsichtig genug seien. Ich bin auf meinem Stuhl sitzen geblieben, als sei nichts gewesen, habe mir, als sei nichts gewesen, einen Sütlaç zum Nachtisch bestellt und gedacht: Wer weiß, wie oft das schon passiert ist, in anderen Sprachen, anderen Ländern, ohne dass sie sich die Mühe gemacht hätten, mich zu informieren.
Ohnehin hat die ganze Sache mit den Übersetzungen etwas Unwirkliches. Du kommst in ein fremdes Land. Journalisten werden in dein Hotel bestellt. Es ist ein Zwei-Sterne-Hotel, hat also keine richtige Lobby. Nur eine Sitzecke mit einem unbequemen Sofa. Du sitzt drei Tage lang auf dem unbequemen Sofa. Und wirst interviewt. Einige der Journalisten kommen von Zeitschriften wie »Quinoa Chic«, »Unshaved Men« oder »Hunde und Schlitten« und scheinen vor allem gut mit der Pressefrau des Verlags befreundet zu sein. Außerdem bemerkst du, oder meinst es zumindest, leichte äußere Ähnlichkeiten zwischen ihnen und ihr, bis dich der Verdacht beschleicht, all die Interviews könnten fingiert sein: Die gesamte Verwandtschaft der Pressefrau ist mobilisiert worden, um dir das Gefühl zu geben, es herrsche ein gewaltiges Medieninteresse ausgerechnet an deinem Buch. Und das, obwohl genau in der Woche, in dem Land, in dem du zu Besuch bist, ein neuer Roman von Axel Wolf erscheint.
Der Verdacht erhärtet sich, wenn du irgendwann plötzlich registrierst – wieso ist dir das nicht schon früher aufgefallen? –, dass auch nach Jahren, in denen du regelmäßig auf Auslandsreisen gewesen bist, du faktisch noch nie jemanden gesehen hast, der eine Übersetzung eines deiner Bücher liest. Nicht im Café. Nicht in der U-Bahn. Nicht im Zug. Seit Jahren schon läufst du den Gang zwischen den Sitzreihen auf und ab, vorgeblich, um dich ein bisschen zu bewegen und die Lendenwirbel zu entlasten, tatsächlich aber in der Hoffnung, zur Rechten oder zur Linken auf jemanden zu stoßen, der ein Buch von dir liest. Ein einziger Leser würde genügen, dich wieder deiner Existenz zu versichern. Aber rechts wie links, in der zweiten Klasse genauso wie in der ersten und im Speisewagen lesen alle bloß den neuen Axel Wolf.
In deinem Kopf beginnen Verschwörungstheorien zu sprießen, nach denen hinter deinem Rücken irgendein Deal eingefädelt wird, an dem Udi, dein smarter Agent, das israelische Außenministerium und der einladende ausländische Verlag beteiligt sind. Allen Seiten ist bewusst, dass von einer bloßen Fassade die Rede ist, einer Attrappe, alle Beteiligten profitieren davon, dass dein Buch erscheint, aber nicht vertrieben wird, und nur du, der einzige Truman in dieser Show, fährst unverdrossen ins Ausland und glaubst weiterhin, diesmal wird es passieren, diesmal erlebst du den Durchbruch.
Die letzte Reise ging nach Kolumbien. Und etwas an der Kombination aus reichlich Rum, einem maroden Hotel, in dem außer dir nur Japaner abgestiegen waren, und Straßen, in denen zu Hunderten unverkennbar nicht pittoreske Bettler lagerten, ließ die Grenze zwischen Realität und Imagination verwischen und dich wie ein Astronaut fühlen, der bei einem Außeneinsatz etwas am Raumschiff reparieren soll, als plötzlich sein Verbindungskabel abreißt.
In der freien Zeit, die dir nach dem Interviewmarathon in Bogotá bleibt, streifst du durch die bis spätabends geöffneten Buchhandlungen. In allen Schaufenstern liegt die spanische Ausgabe des neuen Axel Wolf. Du trittst ein und suchst auf den Haupttischen nach deinem Buch. Dann gehst du zu den Regalen an den Wänden und studierst schließlich die Fächer knapp über dem Fußboden. Dein Buch steht nirgends, in keinem Laden. In einer Buchhandlung endlich überwindest du deine Scham und gehst zur Kasse, um zu fragen. Der Verkäufer schaut im Computer nach und sagt, sie hätten es nicht im Sortiment. Aber er könne es dir bestellen, falls du möchtest. Als du wieder auf der Straße stehst, verpasst du dem nächstbesten Laternenmast eine, nur um zu sehen, ob es wehtut.
Nach dem sechsten Tequila in einer Bar, in der alle für dich aussehen wie gekaufte Statisten, zahlst du beim Barmann und marschierst Richtung Hotel, als dir mit einem Mal einfällt, dass als Kind, in der vierten oder fünften Klasse, sich plötzlich und innerhalb weniger Monate deine gesellschaftliche Stellung wundersam verbessert hatte. In der kurzen Spanne zwischen Chanukka und Pessach warst du vom Außenseiter zum allseits beliebten Mitschüler geworden, und der Übergang erfolgte derart abrupt, dass du den Verdacht hattest, deine Eltern steckten dahinter; dass sie alle bestochen hatten, Jungen wie Mädchen, damit sie nett zu dir waren. Ein ganzes Jahr bist du damals mit diesem Verdacht herumgelaufen und hast die Welt abgesucht nach Anzeichen, die ihn bestätigen würden. Und jetzt, dreißig Jahre später, bist du wieder an diesem Punkt.
Du willst zuhause anrufen. Willst mit deiner Frau reden. Eine vertraute Stimme hören. Dich an irgendetwas klammern, bevor du endgültig das Gleichgewicht verlierst. Aber der Zeitunterschied. Und teuer ist es auch. Außerdem geht sie, wenn du in letzter Zeit aus dem Ausland anrufst, meistens nicht ran, und wenn sie doch rangeht, ist in ihrer Stimme keine Sehnsucht. Und mehr als alle anderen Indizien – das unterdrückte Gähnen, wenn du auf einem Vorspiel bestehst, oder dass sie nicht bemerkt, wenn du beim Friseur warst, dass sie, wenn du eine Diskussion schilderst, die du mit irgendwem hattest, automatisch auf dessen Seite ist – mehr als alle diese Anzeichen, die sich seit einem Jahr mehren, ist es ihre sehnsuchtslose Stimme am Telefon, die dich erschüttert.
Also rufst du nicht zuhause an, um nicht verletzt zu werden, und am nächsten Tag bleibt dir schon keine andere Wahl mehr, fängst du, um sicher zu sein, dass du überhaupt noch existierst, etwas mit einer kolumbianischen Journalistin an, die ein bisschen wie Pocahontas aussieht. Beim Interview flirtest du mit ihr und bittest sie um ihre E-Mail-Adresse, um ihr Gedichte von Yehuda Amichai in spanischer Übersetzung zu schicken. Du schickst ihr die Gedichte, garniert mit einer Einladung zum Abendessen, und über dem Abendessen schwebt noch immer eine Wolke: Vielleicht ist auch sie eine gekaufte Statistin? Aber als ihr euch küsst, löst sich die Wolke auf. Sie küsst beherzt und gut, ihr haltet ein Taxi an und fahrt zu deinem Hotel. Lasst Dutzende von Japanern in der Lobby stehen, und du fühlst, du existierst. Ihr schlaft miteinander, und plötzlich ist dir egal, ob deine Bücher im Ausland gelesen werden oder nicht. Danach sucht sie nach ihren großen Ohrringen, die sie abgelegt hatte, bevor sie sich auszog, und möchte gehen, aber du berührst ihren Arm und bittest, sie solle dich nicht allein lassen, singst ihr die ganze Nacht Lieder von Shlomo Artzi ins Ohr und treibst es mit ihr. Treibst es mit ihr und singst ihr Shlomo Artzi vor. Immer wieder. Sie ist geschieden und hat ein Kind, und in der Kleinstadt, aus der sie kommt, weiß jeder alles über jeden, und sie war schon zwei Jahre mit keinem Mann mehr zusammen, damit sie sich in der Churrascaria nicht das Maul über sie zerreißen. Und sie hat ein Gedicht von Kafávis knapp über dem Steißbein eintätowiert, nicht »Ithaka«, sondern etwas weniger Bekanntes, und sie schreibt selbst, aber nur für die Schublade, Gedichte, keine Geschichten, und jedes Mal, wenn sie kommt, hört es sich an, als hätte sie einen schweren Asthmaanfall und könnte jeden Augenblick sterben.
Am Morgen legt sie ihre großen Ohrringe an und geht andere Schriftsteller interviewen, die zum Festival gekommen sind, und du fliegst zurück nach Israel.
Du triffst mitten in der Nacht ein, wuchtest deinen riesigen Koffer die Treppe hoch und fühlst dich wie Odysseus, der von Ithaka zurückkehrt. Deine Frau schläft, tief vergraben in ihre Decke, und du weckst sie mit Küssen und erzählst ihr alles. Immer hat absolute Ehrlichkeit zwischen euch geherrscht. Denn nachdem du zu einem professionellen Wahrheitsverdreher geworden bist, ist es nur noch dringender geworden, dieses Bedürfnis, dass es auf der Welt einen Menschen gibt, dem man die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erzählt. Aber das ist es nicht allein. Du willst sie wirklich aufwecken. Ihr die Augen öffnen.
Je mehr du erzählst, desto gerader setzt sie sich im Bett auf.
Schiebt sich noch ein Kissen unter den Kopf. Geht vom Liegen zum Sich-abstützen und dann zum Aufrechtsitzen über. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie bringt kein Wort über die Lippen.
Rede mit mir, Diki, flehst du. Sag etwas.
Sie schüttelt nur den Kopf. Langsam. Ihre Augen glitzern.
Ich war einsam, sagst du, war sehr, sehr einsam.
Einsam?, fragt sie. In ihrer Stimme schwingt Abscheu mit, aber du ignorierst das Warnsignal und machst weiter.
Nicht nur in Kolumbien war ich einsam. Auch vorher.
Was du nicht sagst, stößt sie hervor. Jetzt ist ihr Ton schon unüberhörbar zynisch. Distanziert.
Du versuchst, die Hand auszustrecken und ihre zu fassen. Damit sie dir nicht entgleitet.
Fass mich nicht an, sagt sie. Und dann: Ich war auch einsam. Aber das hat mich nicht bewogen, mit jemand anderem ins Bett zu gehen.
Nach diesem letzten Satz steht sie auf, ihre langen Haare ganz strubbelig, braune Schlangen, die sich von ihrem Kopf winden. Eine Hand ist zur Faust geballt und die andere wie ein Stoppschild abgespreizt.
Sie bittet, du mögest die Wohnung verlassen.
Und es interessiert sie nicht, dass es jetzt mitten in der Nacht ist. Dass die Nachbarn dich um dein Leben flehen hören. Ohnehin sei es, seit du diese Dysthymie hast, unmöglich geworden, mit dir zusammenzuleben, auch so sei sie wegen deiner ständigen Reisen am Ende gewesen, und Kolumbien … Kolumbien war aus ihrer Sicht nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Sie schubst dich nach draußen, stößt dir beide Hände vor die Brust und drängt dich aus der Wohnung, bis du morgens um halb sechs vor deiner Tür stehst, einen Fuß auf der Morgenzeitung und den anderen auf der Fußmatte, und nicht weißt, wohin du gehen sollst. Das letzte Mal, dass dir so etwas passiert ist, hast du bei deiner Großmutter Unterschlupf gefunden. Aber die ist inzwischen gestorben. Und bis vor einem halben Jahr hättest du auch zu Ari fahren können, denn es gab das ungeschriebene Gesetz zwischen euch, dass – egal was passiert war – einer beim anderen aufkreuzen konnte. Aber Ari liegt jetzt im Tel Hashomer und krepiert. Und sie sind dort sehr strikt, was die Besuchszeiten angeht. Ohnehin wäre es unpassend, ihn jetzt mit einer solchen Geschichte zu behelligen. Also schwingst du dich aufs Fahrrad und fährst zum Studio. Eigentlich bist du gar nicht mehr Mieter dort, hast das Ganze vor ein paar Wochen aufgegeben, weil es dir nicht mal gelungen war, dort auch nur eine Kurzgeschichte zu schreiben, aber du entsinnst dich, dass das Schloss an einem der Fenster kaputt ist. Als du endlich da bist, schiebst du das richtige Fenster auf, kletterst rein und legst dich auf der Yogamatte der Psychologin schlafen. In deinen Sachen. Ohne Decke.
Am Morgen kaufst du im Dorfladen Zahnpasta und eine Bürste, putzt dir in der Kaffeeecke die Zähne und wäscht dir dort im Waschbecken auch die Füße, und als du den einen Fuß wieder auf den Boden stellen willst, holst du dir einen Hexenschuss, krabbelst zurück und lässt dich auf die Yogamatte sinken.
Um neun klopft es an der Tür.
Du liegst noch immer auf der Matte. Und bist nicht in der Lage, aufzustehen und die Tür zu öffnen.
Also brüllst du: »Herein!«
Es ist ein Kurier, der dir einen Umschlag überreicht.
Du unterschreibst, im Liegen, um den Empfang zu bestätigen.
Der Kurier sagt, was für ein Zufall.
Auf den zweiten Blick erkennst du ihn. Vor ein paar Jahren hat er mal einen Schreibworkshop bei dir besucht. Ganz talentierter Bursche. Hatte so eine subversive Story über Sterbehilfe geschrieben. Über jemanden, der »der Engel« genannt wird und zwischen zwei und vier in der Früh von einem Krankenhaus zum nächsten tingelt, um Menschen beim Sterben zu helfen. Er ist in den Pausen immer raus, um eine zu rauchen, erinnerst du dich jetzt, dieser Schüler, der jetzt vor dir steht. Und beim zehnten und letzten Treffen hat er die Hand gehoben und spöttisch gemeint: Wir haben im Verlauf des Workshops über vieles gesprochen, aber die wichtigste Frage haben wir ausgespart – warum überhaupt schreiben?
Jetzt fragt er, tut Ihnen der Rücken weh?
Unter anderem, sagst du.
Er schlägt vor, einen Arzt zu rufen, der dir eine Spritze geben könnte.
Du sagst, du hättest schon genug Schmerzmittel im Leben genommen.
Er sagt, okay, aber warum sich quälen?
Du versprichst, es dir zu überlegen.
Nachdem er weg ist, öffnest du den Umschlag, ziehst die Formulare hervor und liest. Es verstreichen ein paar Sekunden, bis du begreifst, dass du die Scheidungspapiere in der Hand hältst.
Der Regisseur bittet den Kameramann, ranzuzoomen und eine Nahaufnahme von dir zu machen.
Du siehst keinen Regisseur. Auch keinen Kameramann. Hegst aber den Verdacht, sie sind hier irgendwo. Und dass auch das mit zu dem Deal gehört, diesem großen, raffinierten Übersetzungsbluff.
Du denkst an deine Kinder, die noch nichts von all dem wissen …
Und fängst an zu weinen.
So ein männliches Weinen, ohne Schluchzer.
Das vor der Kamera gut rüberkommt.
Und nach und nach zu einem echten Weinen wird.
Sie haben uns den Polygrafen vorgeführt, allen Anwärtern des Offizierslehrgangs für Informationssicherheit; wollten, dass wir den Apparat genau kennenlernen und verstehen, wie er funktioniert; haben uns in kleinen Gruppen mit unseren Vorgesetzten in einen Raum geführt, mit Unmengen an Geräten und einem bärtigen Spezialisten in Zivil. Der Bärtige hat einen Freiwilligen zum Vorführen gesucht. Und ohne groß nachzudenken, habe ich mich gemeldet. Bloß um mich hervorzutun. Er hat mich auf einem Stuhl Platz nehmen lassen und mir Gurte um den Bauch und die Arme geschnallt und mich verdrahtet. Dann hat er gesagt, ich stelle Ihnen ein paar übliche Fragen. Hat mich nach meinem Namen gefragt, nach Alter und Wohnort. Ich habe ganz sachlich geantwortet, und da fragt er mich plötzlich, ob ich schon mal Drogen genommen habe. Ich verneine. Ohne mit der Wimper zu zucken. Auch der Ermittler zuckt nicht. Stellt mir noch ein paar Fragen, an die ich mich nicht mehr erinnere. Am Ende dankt er mir und fordert dann alle auf, an seinen Resopaltisch zu treten, um zu erklären, wie man den Ausdruck liest. Mir hat das Herz wie wild gepocht und ein Schweißtropfen ist mir unter dem Hemd vom Nacken die Wirbelsäule hinuntergeronnen. Der Polygrafspezialist hat festgestellt, unser Freiwilliger hier hat durchgehend die Wahrheit gesagt, denn die einzelnen Graphen, die der Apparat aufgezeichnet hatte, würden belegen, dass meine Körperreaktionen zwar mitunter oszillierend ausgefallen jedoch allesamt im Toleranzbereich angesiedelt seien. Danach gab es, meine ich, noch ein paar Fragen und dann sind wir raus und die nächste Gruppe ist in den Raum. Wir sind zur Kasernenkantine, um die Zeit rumzukriegen, bis der Bus kam, der uns zurück zu unserem Ausbildungsstützpunkt bringen sollte. Ich habe, das weiß ich noch, eine Cola gekauft, und als ich die Dose aufriss, ist das ganze Gas auf einmal entwichen und hat alle vollgespritzt, die neben mir standen.
Jahrelang habe ich gehofft, den bärtigen Polygraftypen zufällig irgendwo zu treffen, im Zug, auf der Straße, im Wartezimmer beim Hausarzt, um zu klären, was wirklich dort passiert war: War es mir tatsächlich gelungen, den Lügendetektor zu überlisten? Oder hatte er aus irgendeinem Grund beschlossen, zu lügen und mich vor einem Rauswurf aus dem Kurs zu bewahren? Aber die Zeit vergeht und seine Gestalt verwischt sich in meiner Erinnerung immer mehr, bis mich manchmal der Verdacht beschleicht, ich könnte mir die ganze Geschichte nur ausgedacht haben.
Nein, aber ich weiß, wie ich enden werde. Habe immer gewusst, dass die Männer in meiner Familie früh sterben. Dem Familiendurchschnitt nach dürfte in zwei Jahren der erste Herzinfarkt bei mir fällig sein. Eine Sache der Gene. Aber erst in letzter Zeit, seit Ari erkrankt ist, hat das wirklich begonnen, mich zu beeinflussen. Das Gefühl, das mich in meinen Zwanzigern und Dreißigern begleitet hat, dass nichts anbrennt, ist weg, und jetzt brennt alles an. Unter anderem die Frage, ob ich in der kurzen Zeit, die mir auf Erden noch bleibt, überhaupt weiter schreiben will. Ob ein weiteres Buch tatsächlich das Wichtigste ist, was ich noch schaffen möchte, bevor die Schmerzen in der Brust anfangen. Vielleicht will ich ja stattdessen möglichst viel Zeit mit Dikla und den Kindern verbringen? Oder vielleicht in die Politik gehen? Das heißt, nur für kurze Zeit. Bis zum Infarkt. Oder ein, zwei Jahre in Australien leben? Oder mich an allen möglichen Orten herumtreiben und diesmal ernsthafter nach dem Kindheitsfreund suchen, der mir nach der Armee abhandengekommen ist, und dann den Infarkt wenigstens in dem Wissen bekommen, dass ich etwas unternommen habe, um ihn zu finden?
Das Ende meiner Bücher beginne ich in der Regel zu sehen, wie man das rettende Ufer von einem sinkenden Schiff aus sieht – kurz vor dem Ertrinken.
Ich schwimme noch ein bisschen im Meer der unendlichen Möglichkeiten. Und tauche dann mit einem Gefühl des Bedauerns und der Erleichterung daraus auf.
Aris Mutter kam, um die Schicht an seinem Bett zu übernehmen.
In der Regel wechseln wir nur ein paar Sätze auf Spanisch, und weg bin ich. Aber etwas war diesmal anders an der Art, wie sie ins Zimmer kam. Etwas an ihren Schritten, die schwerer als sonst wirkten, schleppender, das mir signalisierte, noch ein bisschen zu bleiben. Ohnehin hatte ich ja kein Zuhause mehr, wohin ich hätte gehen können. Nur eine Yogamatte. Also habe ich ihr angeboten, doch meinen Stuhl zu nehmen, und habe noch einen Stuhl aus einem anderen Zimmer geholt.
Ich habe ein paar Empanadas mitgebracht, sagt sie und zieht eine Plastikdose aus ihrer Tasche.
Sie sieht ein bisschen aus wie Mercedes Sosa, Aris Mutter. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, kommt mir dieser Gedanke. Etwas Indianisches ist in ihren Augen. Und im Grunde genommen auch in denen ihres Sohnes.
Gracias, sage ich und nehme eine der gefüllten Teigtaschen.
Dein Freund, er ist sehr stark, sagt sie.
Ich weiß, antworte ich.
Er wird die Krankheit besiegen, finalmente, sagt sie.
Aber wie stehen die Chancen denn, sage ich nicht.
Als er zwei war …, sagt sie und bricht ab.
Ich schaue sie an. Sie schweigt. Ich nehme noch eine Empanada.
Er war … sehr ungezogen, dein Freund, fängt sie von Neuem an. Wir sind immer durchs ganze Haus hinter ihm hergelaufen, damit er nichts kaputt macht.
Das passt zu ihm.
Mit einem Jahr wollte er mittags schon nicht mehr schlafen. Alle Kinder sind in das Zimmer mit den kleinen Matratzen und haben sich schlafen gelegt, und er hat die Kindergärtnerinnen wahnsinnig gemacht. Aber sie liebten ihn. Weil er alles mit seinem Lächeln angestellt hat.
Das kann ich mir gut vorstellen.
Und eines Abends, sagt sie und macht die Dose mit den Empanadas zu, war ich in der Küche. Marcelo, mein Mann, war bei der Arbeit. Eigentlich habe ich immer die Legosteine eingesammelt, wenn Ari mit dem Spielen fertig war, aber an dem Abend hab ich’s vergessen. Was soll man machen, ich hab’s vergessen. Hatte den ganzen Nachmittag mit ihm verbracht und war müde. Hat er dir die Geschichte nie erzählt?
Nein.
Plötzlich hörte ich Stille. Ich war in der Küche und hörte so eine ungute Stille aus dem Wohnzimmer. Bin hingerannt. Er hatte einen Legostein verschluckt.
Oh nein.
Einen von den großen. Einen Vierer.
Oh Gott.
Ich habe versucht, den aus ihm herauszubekommen, habe ihm auf den Rücken geschlagen. Nichts. Also habe ich einen Krankenwagen gerufen. Und er hat die ganze Zeit keine Luft gekriegt. Konnte nicht einmal weinen, weil er keine Luft bekommen hat. Der Krankenwagen war wirklich schnell da. Aber auf dem Weg ins Krankenhaus war er im Grunde genommen schon tot. Muerta clinica. Wie sagt man auf Hebräisch? Klinisch tot? Doch auf der Intensivstation haben sie ihn zurückgeholt. Und so hat er ein paar Tage zwischen Leben und Tod geschwebt.
Wow!
Und dann haben wir seinen Namen in Ari geändert.
Was soll das heißen, ihr habt seinen Namen geändert?
Hat er dir nie erzählt, dass er einen anderen Namen hatte?
Nein.
Bueno, vielleicht hat er’s vergessen.
Und wie war sein anderer Name?
Enrique. Nach Marcelos ältestem Bruder, einem der Desaparecidos, die die Junta hat verschwinden lassen.
Ich wusste nicht, dass …
Verstehst du, Marcelo, anstatt mir die Schuld zu geben, dass ich so dumm war, den Jungen mit dem Lego allein zu lassen, wie jeder andere Mann es getan hätte, hat sich selbst Vorwürfe gemacht, dass er ihm einen schlechten Namen gegeben hat, einen Namen ohne Glück.
Warum ohne Glück?
Von den Madres de Plaza de Mayo hast du schon mal was gehört?
Ja, sicher.
Also, Marcelos Mutter war eine von denen. Ihr Sohn Enrique, Marcelos Bruder, ist zu seiner Arbeit in eine Druckerei gegangen und nicht zurückgekehrt. Sie hat mit den anderen Müttern jeden Donnerstag auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast demonstriert, bis die Junta gestürzt wurde. Aber auch nachdem die Militärdiktatur abgeschafft war, hat die Regierung keine Informationen über Enrique herausgerückt.
Hurensöhne!
Es heißt, einige von denen, die verschwanden, seien aus Flugzeugen ins Meer geworfen worden.
Was du nicht sagst.
Und deshalb ist Marcelo nach Israel ausgewandert. Er wollte nicht dort bleiben.
Was für eine Geschichte.
Und der Doktor im Krankenhaus hat gesagt, Ihr Junge kämpft wie ein Löwe. Wie ein Löwe kämpft er um sein Leben. Also ist Marcelo am nächsten Tag zur Innenbehörde und hat seinen Namen in Ari ändern lassen.
Und hat es was geholfen?
Das weiß nur Gott. Und ich glaube nicht im Geringsten an Gott. Aber ja, Ari hat die Augen aufgeschlagen und wieder geatmet, und der Doktor hat gesagt – niemals werde ich diesen Satz vergessen: »Was in solchen Fällen entscheidend ist, ist nicht nur die Macht des Todes, sondern die Kraft des Lebens. Und Ihr Sohn hat eine sehr starke Lebenskraft.«
Das stimmt.
Und deshalb sage ich dir, er wird auch diesmal siegen.
So Gott will.
Hast du wirklich nichts von dieser ganzen Geschichte gewusst?
Nichts.
Bueno, wie sagt man bei uns, jeden Tag lernt man etwas Neues.
Genau.
Du kannst jetzt gehen, für heute bist du genug ein guter Freund gewesen …
Unsinn, Frau …
Carmela.
Carmela.
Und nimm die Empanadas mit. Du siehst hungrig aus. Ist alles in Ordnung mit dir, Corazon?
Bei der Wahl der Namen meiner Figuren lasse ich mich von Menschen inspirieren, die mir nahestehen, damit etwas von ihnen verewigt wird oder damit es eine emotionale Wirkung auf mich hat. Aber manchmal ändert sich das Schicksal einer Figur im Verlauf der Geschichte, und es stellt sich das brennende Bedürfnis nach einem anderen Namen ein.
Wenn schon ein Traumessen, dann würde ich es nicht an Kollegen verschwenden.
Schriftsteller, lebende oder tote, neigen dazu, in einer Art auf sich selbst fixiert zu sein, die sie zu höchst frustrierenden Gesprächspartnern macht. Außerdem bestünde immer die Befürchtung, eine intime Anekdote, die du bei einem Essen mit Schriftstellern erzählst, könnte von einem von ihnen als Material verwendet werden. Schließlich stammen die meisten vorgeblich biografischen Details in diesem Interview auch aus einem Gespräch, das ich vor zwei Jahren mit einem angeblich skandinavischen Autor in einem Restaurant in Jerusalem hatte. Mal angenommen. Axel Wolfs Thriller sind ein Riesenerfolg auf der ganzen Welt. Dabei hat er hängende Schultern, sein Blick ist trübsinnig und sein helles Haar schütter. Ich habe ihm viele Fragen gestellt, in empathischem Ton, um zu verstehen, wie es sein kann, dass er so beliebt, aber trotzdem nicht glücklich ist. Und habe so, unter anderem, gelernt, dass das, was in Kolumbien passiert, nicht immer in Kolumbien bleibt, dass eine Tochter ihrem Vater das Herz brechen kann und eine Dysthymie sich anfühlt, als hättest du eine Eisschicht in deinem Körper: unter dem Eis schwimmen ganze Schwärme kleiner Freudenfische, aber nie gelingt es dir, zu ihnen vorzustoßen, denn das Eis ist fest und hart und lässt sich nicht durchbrechen.
Auf jeden Fall würde ich zu einem solchen Essen meine drei Schulfreunde einladen. Wir sind seit dem Gymnasium miteinander befreundet, aber haben in letzter Zeit so gut wie keine Gelegenheit mehr, uns zu treffen. Haben zu viele Kinder in die Welt gesetzt. Zu viele Baudarlehen aufgenommen. Und Ari liegt jetzt zu allem Überfluss auch noch im Tel Hashomer.
Ich würde Yirmi und Chagai Karmeli in ihren hypothekenfinanzierten Häusern abholen, und dann würden wir zu Ari fahren. Würden ihn von all seinen Gerätschaften abnabeln, ihm das Abitur-Sweatshirt anziehen (wegen der Krankheit hat er all die Kilos, die er seitdem zugelegt hatte, wieder runter) und ihn aus der Onkologie in einen Pub in Kfar Asar schmuggeln. Vielleicht existiert der ja noch, dieser Pub mit den langen Holztischen. Wir würden Shandy trinken und Beigel aus kleinen Glasschüsseln futtern, als Hommage an die guten alten Tage, würden über alles reden, außer dass Ari womöglich sterben wird. Chagai Karmeli würde sicher irgendwann anfangen zu weinen, er muss immer weinen, wenn er zu viel trinkt, und Yirmi würde ständig auf sein Handy gucken und mit der Bedienung schäkern, obwohl das in unserem Alter einfach nur bemitleidenswert ist.
Wenn die Rechnung käme, würde jeder seinen Anteil auf den Tisch legen, nur um dann festzustellen, dass es nicht reicht. Also würde jeder noch ein bisschen dazugeben müssen. Bis auf Ari, bei dem wir gnädig wären.
*
Meine Freunde haben mich nie als Schriftsteller betrachtet und werden es auch nie tun. Das amüsiert sie höchstens, dass ich jemand geworden bin, den man interviewt.
Sie haben mich gesehen, wie ich bei der Abiturprüfung in Bibelkunde abgeschrieben habe, haben mitbekommen, wie ich gebrochen und gedemütigt von der Grundausbildung bei der Panzertruppe nach Hause gekommen bin, waren Zeuge, wie ich vier Jahre lang in Tali Leshem verliebt war, eine Liebe, bei der allen – nur mir nicht – klar war, dass sie in Tränen enden würde, haben mich vom Boden aufgekratzt, als sie einen anderen geheiratet hat, haben, als meine Großmutter starb, die Trauerwoche über mit mir gesessen und wissen, dass ich bis heute noch um sie trauere, haben mir nach meinem Bandscheibenvorfall geholfen, wieder zu gehen, haben mir bei allen Umzügen geholfen, auch als wir schon in einem Alter waren, in dem man besser ein Umzugsunternehmen beauftragt. Und jetzt rufen sie mich zweimal am Tag im Studio an, um sicherzugehen, dass ich noch lebe.
Und sie wissen sehr gut, dass ich auf nichts eine Antwort habe; dass, wenn ich nur ein bisschen Mumm hätte, ich auf alle Fragen, die man mir in Interviews stellt, nur eine Antwort geben dürfte: Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Fragen Sie jemanden, der etwas davon versteht.
