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Unabhängig voneinander werden zwei abenteuerliche Frauen erfolgreich. Während eines folgenschweren Ereignisses meint Rio, einen früheren Bekannten erkannt zu haben. Die Frage, ob auch er sie entdeckte, wird für Rio immer bedeutungsvoller. Dramatische Leidenschaft wechselt sich ab mit Kampf und auch Suche nach Glück.
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Seitenzahl: 592
Veröffentlichungsjahr: 2018
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I
Unvermutete Entscheidung
II
Tyla
III
Zitronenbaum verhindert den Weg eines Zebras
IV
Lockende Saiten
Abgelegen sollte die Bürosuite sein, dachte Xaver Glenn sich, die er vor mehr als acht Jahren kaufte im neuerschaffenen Bürohochhaus, das gleichermaßen von einigen bekannteren Firmen genutzt wurde, errichtet am Rand des wohl ältesten Viertels dieser City. Kaum sichtbar warf er seine dunklen, welligen Haare zurück, nach Rio blickend, wissend, wie gern er, der Endfünfziger, sie betrachtete.
Bauexperten beteiligten sich an Büroprojekten, insbesondere bei geplanter Selbstnutzung, wenn sie die eigene konstruktive und gestalterische Idee mitumsetzen können und so hatte es sich hier ergeben, dass Glenn dieses Gebäude eigens entwarf und realisierte, zumindest abschnittweise. Nur unlange Verhandlungen gab es, die Büroflächen betreffend, die er sich genauestens für seinen Eigenbedarf ersann. Lediglich einen Teil der Nordseite wollte er haben, diesen unbedingt, die schattige Atmosphäre ließ ihn besser arbeiten ohne sich abgelenkt zu meinen von süßlichen Stunden, die Honigfarben annehmen konnten und ihn aus dieser Kontinuität herausrissen, die sein übliches Arbeitstempo bestimmte. Späte Dämmerstunden galten ihm als Garant für erfolgreiches Verhandeln und heute zielte er darauf ab, die Entscheidung für ein neues Projekt auf der gegenüberliegenden Seite des Ozeans für sich einzubringen, bot Mitfinanzierung an,
selbstverständlich partielle Mitnutzung vorausgesetzt, was so abwegig nicht sein konnte bei so großem Entgegenkommen. Glenn liebte seine Vertragspartner, unbedingtes Vertrauen voraussetzend, hatte er die Kreditbewilligung bereits so gut wie bewirkt, auch wenn das Projekt im Ausland realisiert werden würde.
Wesentliche Entscheidungen fielen meistens innerhalb der Auswahl zwischen mehreren Varianten und schon das heutige Zusammentreffen beruhte es nicht auf einer positiven Entscheidung?
Ungehalten wollte er nicht wirken, wandte sich ganz kurz von ihr ab, zwei Mitverhandelnde, jetzt wie gesteuert auf Rio sehend, zu beobachten, eher uninteressiert schweiften seine Blicke wieder ab: „ Wenig Zeit ist für Ausschweifen jetzt und das kann ich euch sagen, nur selten genieße ich die phantastische Aussicht, viel zu selten, nie zu dieser Stunde, die kaum noch Licht zuläßt. „
Wiederaufnehmend das Thema, wohl weil niemand auf seinen Einwand reagierte:
„ Aber mit euch riskiere ich diesen Verlust fast gern, denn Warten bedeutet für mich immer, dass alles Unerledigte liegenbleibt.“
„ Ja Xaver.“
Rio antwortete, nicht völlige Abwesenheit bekundend:
„ und ich versichere euch, meine vielleicht besten Entscheidungen traf ich, weil ich eben meine Betrachtungen nicht zu eigensinnig auf diese ausgerichtet hatte, auf eine zwar nötige, einzige Antwort fixierte. Passiv bin ich selten dabei, lieber inspiriert, auch von dem, was mich direkt umgibt. Seht doch bloß einmal da drüben.“
Niemand konnte deuten, was sie meinte, weder eine leichte Handbewegung, noch sonstige Geste ließen ihren momentanen Gedanken erkennen und was sie sah, ließ das Panorama nicht konkret erkennen, das die riesige Glasfront ermöglichte, einer sehr großzügig gestalteten Fensterkonstruktion zugehörig, die sich nahezu auf zwei Wände des sehr großen Büros hinzog.
Schmale Betonsäulen mit einem verfestigenden schwarzen Glanztonauftrag unterbrachen nur geringfügig die zugelassene Transparenz, die einen weiten Blick nach außen hergab. Wenig stützte sie sich, die linke Hand berührte eher leicht eine der Säulen, fast in der Mitte des Raumes und nur wenige kämen auf den Gedanken, dass Rios smaragdgrünes Etuikleid, die Arme vollständig unbedeckt lassend, noch eines derer war, das vollständig aus natürlichen Fasern bestand, auch wenn die neuartige Naturfaser von einer seidigen Ummantelung veredelt wurde.
Immerhin schrieb man das Jahr 2153 und Konventionelles wurde für unbrauchbar erklärt, zumindest zeitweise.
Drei Männer warteten und sie wusste, ihr Sehen lediglich auf die weitreichende Stadtlandschaft ausgerichtet, dass deren Blicke sich trafen, dann auf ihren Körper fielen, der von dieser kühl wirkenden Hülle umgebene.
Noch einmal: „Seht mal da!“
Jetzt wies ihre rechte Hand auf etwas, das weit, sehr weit entfernt sein musste, denn Rio schaute wie verträumt in den Hintergrund. Die übrigen Beratungsteilnehmer traten jetzt, sogar bereitwillig, an Rio heran und nahmen ähnliche Haltung an, zumindest die Blickrichtung betreffend. Und tatsächlich mehr im Hinterland hob sich eine nicht völlig klar definierbare kubistisch wirkende Form ab, ein alleinstehendes Gebäude entfernt auf einer Hügelkette gebaut, wenigstens fünfzehn Kilometer zwischen ihnen. Sommer noch, strahlte das grelle Rot-Orange der letzten Abendsonne die Vorderfront der größeren Villa an.
„Schon fort.“
Den Zauber meinte sie, der gerade noch von dem angestrahlten Bau ausging, weil kurzzeitig von einem Lichtschein umgeben, ein elysäisches feierliches Fieber, das nur abends auftrat. Die Illumination wirkte wie ein Liquid, von dem beständig Signale ausgingen, dieses Porzellanmonument umfangend, das Rio darin glaubte, als gäbe es daran keine Schattenseiten. Abgleiten danach in Versunkenheit, geboten vom letzten Abendschein, den die untergehende Sonne noch hergeben musste und dort noch ein Lichtschimmer.
Mr. Glenn unterbrach das Schweigen, das solchen Stimmungen stets anhaftet: „Welch Lichtwurf“ und sein Assistent Mr. Jonas: „Würde mich interessieren nur noch, ob darin eine Textur enthalten ist.“
„Jedenfalls ein spätes Highlight“, nutzte Mr. Glenn die Situation aus: „Ich proponiere nun, zum kleinen Wolkenkratzer in ihrem Ort zurückzukehren, wenigstens zur Planung. Es ist Zeit.!“
Rio rettete mit einer naheliegenden Begründung ihr Abschweifen:
„Es hätte gepasst, in einer weiten Landschaft zu stehen. Selbstverständlich wollen wir uns dem geplanten Vorhaben widmen. Deshalb betrachte ich mir ja so gern mehrere Varianten, um die geeignete Lösung weiterzugeben.“
Ihr Geschäftspartner wandte endlich ein: „Sie wünschen Entschiedenheit und Rio meinte wohl, wenn ich sie richtig verstand, dass es eventuell nicht von diesem einen Termin abhängig gemacht werden sollte, wobei wiederum nicht ausschließbar ist, nur einen wahrzunehmen. Wir werden sehen.“
Rio begann mit dem, was von ihr erwartet wurde, die vollständige Konzentration auf dieses Meeting und auf das Ziel:
„Gut, ich meine, wir lassen uns jetzt zum Projekt vortragen und sehen uns das bereits erstellte Modell an und hoffen auf den nötigen Effekt, der, wenigstens bei mir, die erhoffte Zufriedenheit auslösen sollte, um dem Vorhaben so zuzustimmen. Zweifel müssten die Vorteile auslöschen, wenn wir der Realisierung zustimmen, denn der enorme finanzielle Aufwand lässt für unseren noch relativ kleinen Ort kein Risiko zu, auch, wenn Xaver sich selbst finanziell beteiligen möchte und ein günstiger Kredit bereitstände, dann erfordert alles doch Sicherheiten.“
Nun gab sich auch Mr. Glenn lediglich noch geschäftig und drückte auf einen Knopf unterhalb eines Fensterbrettes, was die Verlängerung eines Arbeitstisches bewirkte, auf dem sogleich eine Konstruktionszeichnung ausgebreitet wurde. Inzwischen zündete sich Mr. Jonas einen seiner langen, dünnen Zigarillos an, entnommen einem
vornehm aussehenden Etui und zog daran schon, als Xaver Glenn begann darzulegen: „Unserer gerade gemeinsam erlebten Begeisterung für die visuellen Seiten eines Gebäudes entsprechend, verspricht der von uns erarbeitete Bau eine geradezu außerordentliche Repräsentation, insbesondere Lichtwirkungen betreffend, sowohl die im Wechsel der Tages-, als auch im Wechsel der Jahreszeiten.“
Seine Stellung wechselte er, griff zu einem überlangen, sehr spitzen Bleistift und wies damit auf einen Ausschnitt der Gesamtzeichnung: „Sehen Sie mal hier! Eine schwarz-weiße Zeichnung fertigte ich übrigens zusätzlich, selbstverständlich in 3D, die künstlerische Wirkung ist schon kolossal, eine wahrhafte Prachtleistung würde der ...“
Dumpfe Geräusche wurden hörbar, wohl vom Gang, der sich belebte, obwohl keine weitere Besprechung geplant war. Die Einzigen waren sie momentan auf dieser Etage und der Abend ohnehin bereits vorgerückt. Lärm steigerte sich und fand seinen Höhepunkt plötzlich in einem Aufstoßen der breiten Doppeltür, eigentlich sonst nicht auffälliger, weil perfekt stilistisch angepasst an die Raumgestaltung und somit in sehr dunkelbraunen Farbtönen gehalten und mit diesen hochglänzenden, großen Holzflächen, die eine Einfügung in die Gesamtgestaltung so hervorragend ermöglichten, harmonisierten.
Rio, gerade vom Konstruktionstisch ein Stück beiseite getreten, wollte einwenden, dass sie einen zweiten Beratungstermin, vielleicht am morgigen Vormittag, für sinnvoll halte, hörte noch ein dickes Buch, das jetzt keinen Halt mehr besaß in der kompakten, massiven Schrankwand, fallen und wahrnahm das Aufstemmen der verschlossenen Tür mit großem Kraftaufwand, alles in Sekundenschnelle vollzogen. So abseits, sah Rio Blitzendes die Tür durchdringen, nahm an, dass es sich um scharfe Messer handelte, sprang mit maximaler Geistesgegenwart hinter einen überdimensionierten, schwarzen und schweren Ledersessel, der sonst Besuchern diente und deshalb inmitten des Raumes stand, fiel, einen starken Schmerz verspürend, unter einem großen Druck direkt hinter den Sessel und hörte noch einige Schüsse. Letztes Beobachten erfasste das Agieren von Mr. Jonas, der offensichtlich auch einen Revolver in seiner Jackentasche hatte, urplötzlich zog er, verursachte eventuell eine nicht so gewollte Schießerei, denn schon hatte er diesen nach vorn gestreckt und gab sicherlich einige Schüsse ab, denn der Krach nahm auf unheimliche, ungekannte Weise zu. Drei Typen mit Gesichtsmasken und geballten Fäusten verwickelte Mr. Jonas tragödienhaft, begünstigte zumindest. Noch nachdenken wollte Rio, weshalb Mr. Jonas die Waffe bei sich trug, konnte es sein, dass er vorbereitet gewesen, von den Eindringlingen etwas wusste, die sie nur sehr kurz sah. Unmöglich. Keine Überlegung mehr, sie lag gekrümmt, ein wenig eingerollt hinter dem Sessel, Blut floss an ihr und dem smaragdenen Kleid herunter, das sie heute seit dem frühen Nachmittag trug, um ihrer, wie sie immer sagte, natürlichen Gestimmtheit zu entsprechen, die vom jeweiligen Tag ausging.
Niemand könnte genau festlegen, wielange es dauerte, die Ohnmacht zu überwinden, aus der Rio gerade erwachte und selbst meinte sie, nicht lange so liegend verbracht zu haben. Stille fühlend und auch eine Übelkeit, blickte sie zunächst an sich herab, erkannte das Blut, das mittlerweile auf ihrem Kleid sich verschmiert hatte. Jetzt erinnerte sie sich, dass eine Schießerei stattfand und auch der Schmerz in ihrem linken Oberarm wurde sehr gegenwärtig, weil ihr Bewusstsein an das Abgelaufene unbarmherzig in sie drang, die Ohnmachtsphase endete damit sprunghaft, nichts betäubte ihren Schmerz mehr.
Aufrichten wollte, musste sie sich, doch erinnerte sie sich wohl, dass Vorsicht geboten und drehte zunächst ihren Kopf, um durch die Sesselfüße hindurchblicken zu können, ihre Umgebung aus dieser niedrigen Position gab Sicherheit. Niemand stand im Raum, nicht innerhalb des Blickwinkels, den Rio wahrnehmen konnte. Röcheln, schwer hervorgebracht, sie musste hoch, nichts hielt sie noch davon ab und sah nur einen von der eindringenden Nacht überzogenen ungeordneten Stapel der Teilnehmer einer vorangegangenen Beratung.
Umgeben von dieser leicht zähen roten Flüssigkeit, die aus allen Seiten des menschlichen Stapels floss und weiterrann in verschiedene Richtungen und die Rinnsale schienen sich manchmal zu treffen, ineinander überzugehen. Feststellen konnte sie, dass Mr. Jonas röchelnd dalag, aber nur innerhalb einer Bewusstlosigkeit. Ansprechen wollte sie ihn nicht, fand es zu gefährlich ein Geräusch von sich zu geben, obwohl scheinbar niemand mehr sich in der Nähe befand, umzogen war diese Szene von einer Art gespenstischer Stille.
Ihr blutender Arm begann sehr stark zu schmerzen, ihren Mantel nutzte sie nun, wenigstens den Gürtel dessen, um das stark nach außen dringende Blut zu stillen. Aktivieren musste sie sich, kam es in ihren Sinn, blickte aber noch um sich, erblickend, dass alle nur dalagen, ohnmächtig.
Hilfe, Hilfe, wollte sie schreien, unterließ es, die Situation immer mehr beherrschend.
Schlaff hingen sämtliche Glieder der Liegenden herab, als wollten sie sich nie mehr bewegen.
Erfasst vom Geruch versickernden, langsam auch gerinnendem Blut und Schweiß und dem Dampf abgefeuerter Stahlkugeln entsann sie sich der letzten drei, offenbar sehr langsam abgelaufenen Minuten, denn die Wahrnehmung musste noch hervorragend funktioniert haben.
Schweigen, eine Weile, ausgerechnet jetzt, wo es auf jede Sekunde ankam. Filmisch zog noch einmal an Rios erwachten, momentan sehr munterem Gedächtnis soeben Durchlebtes vorbei, aufgesaugt hatte sie offenbar diesen sehr kurzen Zeitabschnitt, meinte sich aber sicher in der Vermutung, ihn erkannt zu haben, nur hatte sie ihn nicht genau gesehen, denn die drei Typen hatten sich vermummt vorher.
Doch, wie bekannt ihr sein Körper, das Äußerliche seiner Figur, weil er sich auch gern betrachten ließ, es geradezu mehrmals darauf angelegt hatte, konnte er nicht wissen, noch nicht einmal ahnen. Seine Hände waren es, die ihn verrieten, in Gekanntheit, einschließlich der schwarzen Lederhandschuhe, die Rio an ihm bereits sah, die auch die Handrücken mehr freiließen als verdeckten, dann der bekannte Farbton seiner goldbraunen Haut. Sonderbar, dass diese drei obskuren Gestalten sich in dem dunklen Raum, als den sie den Büroloft bezeichnen würde, so gut abgehoben hatten, damit sich zumindest etwas preisgaben und Rio kannte die Figur von Ashder genau, kein Zweifel, seine Beteiligung hielt Rio für unausgeschlossen. Die überbreite Tür mit den beiden aufgerissenen Flügeln gewährte Sicht auf die Helligkeit des Korridores und die mit schwarzen Lederjacken und dazu angepassten Hosen. Sie konnte jedenfalls die Konturen genau erkennen, auch wenn alles blitzschnell ablief.
Geradezu torkelnd unternahm sie die ersten Schritte nach dem Aufstehen aus ihrem Versteck, das der Zufall ihr bescherte. Aufdrängte sich ihr dieser sehr große Büroloft, in den kaum noch Licht drang, keines das von draußen einfiel, lediglich die kleinen, senkrecht und unregelmäßig, aber sicher irgendeinem Schema folgend, an die Wände angebrachten, goldig glänzenden schmalen Leuchten, die nur eine gerade, unverzierte Säulenform besaßen, gaben ein warmes Licht ab, das zuerst die Flächen oberhalb der Öffnung der kleinen Säulen oder es konnten auch einfach schmale Kolben sein, erhellte. Sehr dunkelbraunes und auf Hochglanz poliertes und lackiertes Holz, das alles sich auf seinen, meistens großen Flächen spiegeln ließ, verlieh Würde und unauffällige Eleganz. Schwere, dennoch softig wirkende mokkabraune Ledersessel warteten regelmäßig auf Besucher. Auch der sehr lange Tisch mit den bequemen Lederstühlen wiedergab das auf ihm Liegende oder Stehende. Letzteres bestand an diesem Abend aus dem mittelstarken anthrazitfarbigen Porzellanservice mit den Silberstreifen an den Rändern, die auf glänzender Tischfläche hervorblitzten, insbesondere deshalb, weil das Innere der Tassen auch von der Silberschicht zu zwei Dritteln behaucht wurde und das restliche Drittel beatmeten pudrige Fliederpigmente, für immer auf den Tassenböden und deren Umgebung gebannt und nur, um sich auf der hochglänzenden äußeren, unteren Ummantelung der Tassen zu wiederholen. Dezente und elegante Farbmixtur, von der polierten Tischplatte bereitwilllig reflektiert. Abgerundete Fenster umgaben die Hochhausecke, die in Richtung Süden wies, pastellig gefärbt in braun-grau und Rio sah jetzt auch die in Lichter eingehüllte Stadt, die Bürosuite einigermaßen erleuchtend, alles brachte eine Musik hervor, unhörbar für Rio und nicht reproduzierbar, ergab sich aus dem Röcheln, ausgestoßen von Mr. Jonas, dessen sich noch regende Organe stellvertretend für die weiteren zwei Opfer sich veräußerten und sie erlebte so etwas, wie Einstimmung in ihre Pflicht, plötzlich rückte in ihr Bewusstsein, die nächste Sekunde zu nutzen, zu handeln, sich zu aktivieren, fliehen. Nein, informieren musste sie den Krankentransport, den Dreien musste geholfen werden, sie würden überleben, Beben in ihr, Musik, ja, sie hörte noch eine Melodie, für diejenigen, die sich trennen müssen. Hinaus, helfen, ungekannte Verlassenheit ließ sie das Verrinnen von Zeit fühlen, eilte zur nun wieder verschlossenen Doppeltür, zog schnell die nicht sehr hohen, dunkelgrauen Pumps aus, hinunter, hinunter musste sie, zuerst in die Tiefgarage, dort würde sie sich sicherer fühlen, wusste dort ein Telefon, das niemand kannte und eventuell abhören konnte. Ihr eigenes Smartphone oder das des Büros hier könnte überwacht sein, ein Risiko zu vermeiden entsprach ebenfalls einer Pflicht. Vorsichtigst und langsam drückte sie die Türklinke zum Gang der Ebene, konnte sich auf ihm ein wenig umsehen, schätzte ein Hinausgehen als ungefährlich ein und ihr schmaler, nicht zu großer rechter Fuß absetzte sich auf dem breiten Korridor, wieder Blicke nach links und rechts.
Nichts, das ungewöhnlich war, in jedem der zahlreichen Büros befand sich nur Leere, Feierabend längst für alle. Sich nach links wendend, vorbei an den hellen, jadegrünen, schmalen verglasten Rahmen, die lediglich in feinen Strichen wiedergegebene, angestrahlte Konstruktionszeichnungen enthielten realisierter Projekte, etwa fünf auf jeder Seite des sehr breiten Ganges, auf dem sich ein dicker olivfarbener Teppichboden ausbreitete. Einige Schritte hinter dieser zweckmäßigen Nachtbeleuchtung befand sich eine Stahltür, führend auf ein eher schmales Treppenhaus, fast immer unbenutzt, weil niemand siebzehn, zwanzig oder zweiunddreißig Etagen heruntergehen wollte. Inzwischen barfüßig rannte Rio aus dem siebzehnten Stock ihrem Ziel zu, der Tiefgarage. In der dreißigsten Etage besaß Xaver Glenn wohl noch eine Wohnsuite, wie er ihr gleich nach der Begrüßung gestern erwähnte und auch diese Möglichkeit Treppen zu nutzen, um das Gebäude zu verlassen und weiterhin, dass in der Tiefgarage immer ein Telefon, zwar ein wenig versteckt, immer betriebsbereit parat für den Angestellten, der tagsüber wenigstens das Objekt überwachte. Miteigentümer wie Mr. Glenn kannten die Gepflogenheiten der Mitarbeitenden und deshalb wies er Rio und ihren Begleiter auf diese für ihn witzige Idee hin, ein Telefon zu stationieren in einer äußersten Ecke der Garage, wo sich der Mitarbeiter auch aufhielt während seiner Pausen oder wenn er reparierte oder nur Abrechnungen schrieb, hinter einer unauffälligen grauen Stahltür und davor, angebracht als Verlängerung vorhandener Rohrinstallationen das ebenfalls in die Wand der Nische eingepasste Telefon, bestehend lediglich aus einem Stück Rohr, sämtiche Funktionen, die momentan üblich waren, integriert. Praktisch hatte sich an diesem Nachmittag Rio gedacht, als ihnen Mr. Glenn das Bürohaus ein wenig vorstellte, mit einigem Stolz.
Danach hatte Glenn die schmalen Lippen aufeinandergepresst, seinen Blick dabei auf Weites gerichtet, Entschlossenheit bekundend, dieses Projekt durchzuziehen, wie er sich ausdrückte.
Genauer hatte sie ihn nicht betrachtet, so daliegend, nur seine Konstruktionszeichnung des bevorstehenden gemeinsamen Vorhabens eiligst ergriffen.
Manches läßt man einfach nicht auf sich beruhen, jede Säule des unverglasten Treppenhauses, die sich auf jeder Etage befand, berührte sie, während sie herunterhastete, sich daran abstoßend, sich so beschleunigend. Wissend, um die eigene Schnelligkeit und ihre schon gute Kenntnis des Objektes, meinte sie noch rechtzeitig Hilfe heranholen zu können. Bereits vor einer Zeitlang hatte sie es sich angewöhnt und es hatte Rio einiges Training gekostet, das sie Umgebende näher zu betrachten, kennenzulernen.
Schon befand sie sich auf dem jetzt leider so lang erscheinenden Gang, fensterlos, leer, ein wenig dunstig, vielleicht jetzt nur so wahrgenommen, durcheilte ihn, musste in der untersten Ebene der Tiefgarage sich ganz links halten, ergriff schon das Telefon, verfügbar auch in diesem Moment.
Eine Ecke ihres Staubmantels aus dünner, leicht imprägnierter Baumwolle nutzend, um ihrer Stimme den natürlichen Klang zu nehmen, wählte sie bereits die Nummer des Krankentransportes: „Bitte eilen Sie in das Bürohochhaus, Av. Fields, Nummer 316, siebzehnte Etage, das ist dieses neue Geschäftsviertel in der Nähe der Ecke Expy und Atlantic Ave. Dort wurden Bauexperten angeschossen, meinen Namen kann ich nicht nennen, er würde Ihnen auch nichts nützen, die Verwundeten kämpfen um ihr Leben. Bitte verweigern sie das Handeln nicht. Bitte geben sie öffentlich nicht bekannt, wieviele Opfer dort verletzt vorgefunden wurden und ebenso nicht, wer.“
Feststand, unverzüglich musste sie diese saubere Tiefgarage und das elegante, topmoderne Bürohochhaus verlassen, falls noch einmal die Verbrecher oder sonst wer käme, der sie wahrnehmen könnte und ihre Anwesenheit mit der tragischen Angelegenheit dort oben in Zusammenhang zu bringen versuchte. Beben in ihr, obwohl Rio die erste Pflicht realisierte, den Verletzten eine Chance auf Hilfe und Behandlung zu bieten und damit auf Überleben.
Verlassenheit im Gefühl, ungekannte, erinnerte sie sich wenigstens an die Nebenerläuterung von Mr. Jonas, dass sich einige Meter weiter vom Telefon dann noch ein Hinterausgang, wieder verschlossen von einer Stahltür befand, jedenfalls, wenn man den schmalen Gang entlangging, der sich hinter der Tür verbarg, wenn man diese Ausgangsvariante wählte, die von der Garage aus sich öffnen ließ, die darauffolgende Tür führte dann umittelbar hinaus. Sekundengenau mit dem Öffnen der Außentür hörte sie das Signal eines Krankentransporters, verließ aber unverzüglich das Gebäude, entschlossen, sich von diesem Geschäftsviertel zu entfernen.
Der späte Abend lange schon herangerückt, es musste doch wenigstens halbzehn schon sein, gestand sich Rio und, dass sie noch immer in dem Viertel sich befand, das zu verlassen sie sich innigst wünschte, nur wohin jetzt. Wielange hatte sie diese City nicht besucht, sich lediglich auf das Tätigsein im Ort ihrer Kindheit konzentriert.
Furcht, erkannt zu werden ließ sie gehen, unwissend, wielange dieser Vorgang sich vollzog, setzte sich auf eine Treppe mit verschnörkelten gusseisernen Treppengeländern, an denen sicherlich unzählige Paare, Tratschtanten und nur sich Unterhaltende im Vorübergehen gelehnt hatten. Mit schmerzenden Füßen, die Pumps wieder angezogen, drang ein Wunsch in ihr Inneres und die Tatsache, dass er sich nie erfüllen würde.
Unwiderlegbar war das gerade Miterlebte, dessen Realität sich ihr eingravierte, keiner Werbung entnommen, denn diese umrahmten zur Zeit in hohem Maße derartige Szenen, tatsächlich lagen in diesem neuen, chicen Bürohochhaus drei Freunde, um ihr Leben ringend und sie gelangte unbemerkt aus diesem Gebäude auf die hell erleuchtete Ave, nahezu schmale, zwischen den riesigen Geschäftshochhäusern und deren Licht aus hellem, intensiven Honiggelb, das immer einen schwarzen, manchmal dunkelbraun erscheinenden Rahmen oder gar eine Art Gitter besaß und manchmal einen Baum, manchmal ein Ailanthus. Lange, schmerzlich grell erleuchtete Straße, die dann, wohl einige Kilometer weiter verlor, endete in dem aus der großen Entfernung undurchdringlichen Dunkel, das die Nacht nur besaß und das Meer in Tiefen, dem diese Geschäftsstraße zustrebte. Verkaufssalons in ebendiesem Honiggelb ziemlich unbemerkt passierend, gelangte Rio in dieses weniger schrille Stadtviertel, ruhte auf dieser Steintreppe, spürte, dass die Trostlosigkeit, von der sie vor ihrem Anrufen ergriffen, nachließ, meinte, dass dies daherrührte, weil sie ihrer Verpflichtung, Hilfe zu beschaffen, nachgekommen war. Aber wie sollte es jetzt für sie weitergehen in dieser Situation, dem Moment, der Sekunde? Zunächst nahm sie ihre Smaragdohrringe aus ihren Ohrläppchen, fand Schmuck unangepasst.
Niemand hatte sich noch gerührt, nur sie selbst hatte das Glück, nur einen Streifschuss abbekommen zu haben und eine schmerzende Wunde, blutend, mahnend. Wohin sollte sie sich wenden oder besser an wen, Vertrauen war gewichen aus ihr, kramte schon, fast mechanisch in ihrer eleganten Handtasche, nutzte nun doch das eigene Smartphone, das eine sofortige Verbindung ermöglichte mit dem ihr bekannten Tom Altman: „Hallo Tom, du ahnst nicht, wer anruft, eine Weile ist es schon her, dass wir uns das letzte Mal trafen...“
„An deiner Stimme erkenne ich dich immer“, teilte das andere Ende der Leitung mit: „Ja, du sagtest Ähnliches damals auch, heute befinde ich mich in einer mehr als häßlichen Situation. Unglaublich, gerade wurde ich Zeugin eines grauenvollen Attentats und wunderbar ist, dass ich überhaupt hier sitze und noch lebe.“
„Wo sitzt du denn?“
„Lass mich raten, ich entkam aus diesem Bürohochhaus, ging, wie auf Wanderung und sitze momentan auf einer dieser ziemlich hohen Treppen vor einem Miethaus und meine, es muss in Boerum Hill stehen, falls ich mich noch richtig erinnere. Wo befindest du dich gerade?“
„Ich bin auf meiner Farm, nach wie vor.“ „Ja, ja, du hast deine Mission und ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll...“
„Warte mal, da sind im Fernsehen gerade Nachrichten, drei Männer wurden angeschossen aufgefunden, noch behandelbar, weil eine, als eher weiblich eingeschätzte Person, die Behörden informierte. Hast du etwa damit zu tun?“
„Ja, kann sein. Handelt es sich um einen Bauunternehmer, von dem da die Rede ist?“
„Genau, ein bekannter sogar.“
„Niemand darf mich finden, Tom. Man weiß nicht, dass ich noch lebe. Die könnten noch einmal es versuchen, eine Verwundung habe ich am Arm. Könntest du mich abholen? Von irgendwo hier rausholen?“
„Warte mal bitte eine kleine Minute.“ Zweifellos geriet Rio in einen Erschöpfungszustand, wurde jedoch nicht bewusstlos, spürte wieder dieses Beben.
„Kannst du gegen drei Uhr dreißig morgens auf dem uralten, teilweise überwachsenen Flugplatz auf dem Floyed Bennett Field sein, und zwar in der Nähe Flying Field, da ist jede Menge Grasland, auf dem du dich verstecken kannst, bis der Helikopter dich abholt und Ron, merk dir den Namen. Falls etwas dazwischenkommt, rufe mich sofort an.“
Aufgelegt, Tom Altman gab meistens knappe, präzise Auskünfte und Anweisungen, die enthielten, was eine Situation voranbrachte. Ein wenig abserviert in dieser heiklen Situation fand sich Rio, wissend, dass ein straffer Businessplan, der über Tom herrschte, wie ein Automat, von ihm selbst programmiert, dann in Vergessenheit geraten, siegreich sein Zeitlimit beherrschte.
Vielleicht hätte sie mit Tom zusammenbleiben sollen, aber es kam häufig alles anders.
So ist es wohl, als eine Überlebende, man agiert dann wie eine Figur aus einem der unzähligen, Fernsehalltage beherrschenden Kriminalfilme, deren Betrachter sich kaum einer realen Situation gegenübersehen. Daran ist nichts mehr dann, wenn es soweit ist, man Opfer, Überlebende oder nur halbtot umherliegt, ein paar knappe Anweisungen regelten Übriges. Fassungslosigkeit und Nachwirkungen des eben Erlebten ließen ungerechtes Empfinden zu. Glanz und Schönheit dieser dunklen Lackbürosuite überzogen sich plötzlich, so erinnerte sich Rio wiederum, vom Grau des Greulichen der hoffentlich missglückten Morde. Dass sie nicht wie die Drei auf dem weichen, wolligen, dunkelbraunen Teppichboden verblieb, vollzog sich nur aufgrund eines Zufalles, des Augenblickes, der ihr die Sicht auf die sich spontan öffnende Tür bescherte. Prächtigkeit und Würde inszenierte die Beratung in dieser Suite, deren Zeremonien zu einem Fest werden konnten. Schmerzerfüllt registrierte sie die Dunkelheit, die sie jetzt umgab und noch einen Hauch Aubergine enthielt. Müde spürte sie dennoch das Verlangen nach einer Mahlzeit, ja Auberginen, leicht goldbraun an der Oberfläche mit Käse und frischer Petersilie. Wohin aber mit einer Überlebenden, die möglicherweise bereits gesucht wurde? Blutverschmierungen hatten ihr chices Kleid unbrauchbar gemacht für einen Abend in der Großstadt, den Staubmantel betrachtete Rio endlich näher, fand ihn noch zeigbar. In einem der Bistros oder kleinen Restaurants im Stil traditioneller Weinstuben wollte sie jetzt nicht Platz nehmen und entschied sich endgültig für einen größeren Imbissstand, der unter einer Strauchplatane seines anbot. Einen schnellen Kauf vollzog Rio, sonst nicht ihre Art, ging die Treppen auf der rechten Seite hinunter, um auf einen leeren, eher alten Parkplatz zu gelangen, nahezu vollständig eingerahmt von alten Hallen, anzunehmen, dass sie einst Kontore darstellten.
Gieriges und durchwogendes Essen des ausgewählten Nudelgerichtes, ganz ohne Tomaten, die selbst an diesen modernen, beinahe galaktisch aussehenden, neumodischen Imbissständen weitestgehend aus Extrakten bestanden. Hingegen die grünen Saucen enthielten frische Kräuter, die sich Rio auch noch zusätzlich darüberstreuen konnte. Mitnahm sie auch ein Schoppenglas trockenen, weißen, nicht zu herben Weines, der phantastisch gekühlt, in dieser Nacht auf den Stufen vor einer nicht sehr hohen ehemaligen Lagerhalle, betäubend wirkte, was ihr in der bestehenden Situation entgegenkam. Bald Mitternacht, Rio optierte am noch geöffneten Imbiss für ein weiteres Glas des Weines, konnte dessen Wirkung heute brauchen. Wenig vom Körper weghaltend das Weinglas, ging sie, ohne dabei zu schlendern, die Straße entlang, deren Bebauung wieder zu Hochhäusern wechselte, ihr kam dieses Viertel zu dicht bebaut vor, zumindest nachts, vielleicht auch deswegen, weil sie sich darin heute wie eine Schwebende fühlte, sie bemerkte dies nur, da zuweilen ihr Kleid den Eindruck eines weitschwingenden machte und nicht des schmalen, das es tatsächlich war. Erneut mehr eilend ging sie durch diese Straßen, ohne sich umzusehen, sich somit wieder sicherer annehmend, als hätte sie das vor kaum zwei Stunden Vorgefallene vergessen.
Ja, die diesen Moment beherrrschende Frage bestand darin: Wohin mit einer Überlebenden? Konkretheit besaß sie dahingehend, ein Treffen vereinbart zu haben, um sich in Sicherheit zu begeben und, sofern dies möglich, in Ruhe ihre Situation zu bedenken. Rios modernes Smartphone läutete mit dieser längst für die restliche Welt vergangenen Melodie und sie sprach bereits mit Tom Altman, der sich noch einmal erkundigte, wie es ihr auf irgendeiner der tausenden Citystraßen gerade ging.
„Ja, Tom, ich freue mich, dass du so fürsorglich sein kannst, was für mich so etwas wie Erlösung ist, einen wirklichen Freund zu haben. Ja, es geht mir gerade gut, auch aß ich ein sehr schmackhaftes Nudelgratin, bin so weit fit, um zum vereinbarten Zeitpunkt bereit zu sein, um mich zu dir zu begeben.“
Eben erhielt sie nochmals Anweisungen, sollte sich auf keinen Fall in das Getümmel der Großstadt begeben, denn im Fernsehen wurde darauf hingewiesen, dass es sich um gefährliche Verbrecher handeln musste, die brutale Waffen verwendeten, denn die Fletcher 4, mit denen die Schüsse abgefeuert wurden, galten als mörderisch und zur Zeit bestanden leider sehr wenig Chancen für die Opfer.
Mitternacht bereits überschritten, bemerkte Rio. Also, wohin mit einer Überlebenden die noch einige Stunden benötigt, um sich in eine relative Sicherheit zu begeben. Eine gute halbe Stunde könnte sie sich in den Prospect Park begeben, um zu erkennen, ob ihr womöglich wer folgt, denn die Vereitelung ihres Abfluges oder auch nur das Beobachten wollte sie unbedingt vermeiden. Beschließend, mit der Subway dorthin zu fahren, befand sie sich schon auf dem Weg zum Eingang, kannte sich ja noch gut aus in diesem Stadtteil. Davor stand eine brünette, relativ große Dame, gestylt und sehr stark geschminkt, zog an einem langen Zigarillo, gesteckt auf eine goldene Spitze, einer exotisch verzierten, wie bemerkbar wurde beim Nähern.
Lange wartete Rio nicht auf die Ankunft einer Bahn, gelangte zeitnah zu einem Parkeingang. Tagsüber selten überfüllt, nachts lag der Park ziemlich einsam, spärliche Besuche ließen ihn dann leer und sehr ruhig zurück für lange Stunden und Rio kannte diesen Teil sehr gut und erinnerte sich, an die jungen Mädchen, mit knappen, einfachen Oberteilen bekleidet, langen, wehenden Haaren, die anmutig die Lenkstange hielten, sich gerade haltend, diese korrigierten, wenn sie in eine falsche Lage geriet. Eine Zeitlang boomte ja das Radfahren noch einmal, hatten sich Bürger entschlossen aktiver zu leben bis die Fahrräder unverhältnismäßig teuer wurden und Plasteräder aufkamen, auch weitere Werkstoffalternativen ersonnen wurden, die das Interesse an der Radlerei wieder abflauen ließen. Damals saß sie manchmal lächelnd hier auf einer Bank, erheitert schon von der hügligen Landschaft und den jungen Leuten und den Älteren, die selten aufhörten zu plaudern, sobald jemand Bekanntes in Sicht kam. Zunächst verbarg sich Rio ein wenig im Dickicht, sah um sich, ob jemand ihr folgte oder sich sonstwie sie als Beobachtungsziel gewählt hatte, bei Nacht ohnehin kaum möglich. Niemand befand sich in ihrer Nähe.
Als professionelle Biologin bewunderte sie immer noch das Erfrischende der Parks während heißer Sommer, die das Entfliehen aus der belastenden, gespeicherten Überhitztheit der Innenstädte so einfach machten. Hoppla, da lagen zwei entwurzelte Bäume, wohl liegengeblieben seit dem letzten Hurrikan? Vielleicht.
Lange wollte sich Rio nicht in diesem Park aufhalten, strebte bereits dem Ausgang zu, als sie noch das phosphoriszierende Licht an einem Baum entdeckte, hervorgerufen von manchen Pilzen.
Subway-Linien wurden innerhalb der letzten fünfzig Jahre stark ausgebaut und sie konnte bis weit hinter die Parkway Bridge an ihr Ziel heranfahren,vorbei an Industriegebieten und den ihre breiten Tore öffnenden Markthallen, wo wie seit Ewigem heutzutage auch junge und alte Arbeiter einheimische Meeresfrüchte in manchmal uralt erscheinenden Holzkisten einsortierten, wieder anboten. Bunt bemalte Steinwände abwechselten das Stadtbild, je weiter die Subway sich dem Rand des Stadtteiles näherte, nach dem Aussteigen hinter dem alten Floyd Bennett Drive begann Rio sofort das nahezu einen Meter hoch gewachsene Gras, das noch als Bestandteil der früheren Prärie galt, aufzusuchen, um ungesehen zu bleiben und ging zunächst ein wenig gekrümmt weiter, sich mehrmals umblickend, auch ihre Blicke gen Himmel gerichtet, der noch keine Ankunft des Helikopters ankündigte. Direkt auf die leicht begehbare Flatbush Ave wollte sie nicht wechseln, beruhigende Sicherheit fand sie wertvoller.
Noch immer wuchsen hier Spartina-Gräser, angepasst an ihren Lebensraum, Rio wusste so direkt in Strandnähe konnte unmöglich gelandet werden, denn die verbliebenen, weichen Marschen boten hierfür nicht die geeignete Beschaffenheit. Das sich wiederholende Gefühl unausweichlicher Verlassenheit dämpfte der beginnende Sonnenaufgang. Jemand hatte auf dem Grasgelände ein wenig violette wampums verstreut, sonst überall am Strand findbar. In einiger Entfernung sah sie auf einem baufälligen Pier einen risikobereiten Angler, hoffte, dass es nicht Ashder war oder einer von seinen Leuten, beruhigte sich schnell wieder, fand dies doch eher unwahrscheinlich. Vermutlich war der auf eine oder mehrere dieser schmackhaften Sommerflundern aus. Inzwischen fast am Flying Field angelangt, setzte sich Rio ein wenig optimistischer, dennoch müde und entkräftet in das sie gut verbergende Gras, wartend, zweifelnd, dass dies die geeignete Stelle ist, um vom Helikopter gleich erkannt zu werden und gleichzeitig bestürzt über die Möglichkeit, dass er gar nicht eintreffen könnte. Was dann?
Morgens verkörperte Strandnähe Schläfrigkeit, Untätigkeit, beinhaltete noch Stille, erstes Wirken hervorbringend, vollständig hob beginnende Ebbe herrschende Regungslosigkeit auf.
Ungeduldiges Verweilen ließ sie feststellen, wie sehr sie lauerte, auf das Erkennen eines Zeichens, das Brummen des nahenden Helikopters oder dass vielleicht Tom einfach neben ihr stand, was nicht sein würde, sich zu ihr in das Gras setzte als alter Freund. Nur eines durfte sie nicht: Einschlafen. Übergangssituationen hatten etwas Verzehrendes, ihr fehlte die Kraft nach dem Grauen des frühen Abends, jetzt begann sich die Luft mit Grau aufzuhellen.
Nahezu verträumt, sich vorstellend, dass sie vielleicht gerade auf einer Stelle saß, wo das voranstrebende Eis vor zehntausend Jahren beendete, sich vorwärtszuschieben.
Ganz fern noch vernahm Rio ein Geräusch, dessen Anfang und richtete sich auf, es kam aus der richtigen Ecke, denn Tom wohnte jetzt seit einigen Jahren in New Jersey, sie glaubte in der Nähe von Orange, konnte sich aber auch irren. Egal, Hauptsache, es handelte sich um das erwartete Flugobjekt. Jetzt erst entdeckte sie die Betonplattform in einiger Entfernung und rannte in diese Richtung, während der Helikopter nah heranflog, auch die Grasfläche, auf der sie sich noch befand, etwas überflog und offenbar hatte man sie gesichtet, Hoffnung kam in ihr auf, ihre riskante Situation aufzubessern. Wie sie vermutete, landete das Flugobjekt auf der Plattform und aus der sich öffnenden Tür vernahm sie: „Rio, Rio, lauf hierher“ und vernahm es nahezu wie ein Grölen, na wenn schon, sie erinnerte sich, dass Tom Altman einen wirklich gröberen, zuweilen rohen Typen abgab, der aber einige Warmherzigkeit besaß, weshalb sie sich ja auch an ihn wandte mit ihrem Problem. Unter dem Arm ihren Mantel und die Tasche, rannte sie auf den Helikopter zu, der noch etwa zweihundertfünfzig Meter von ihr entfernt wartete: „Tom, Tom!“
Unebenes Gras bot keinen guten Grund für sehr schnelle Läufe und so hätte jedermann geglaubt, dass sie einem morgendlichen Intermezzo entgegenlief und nicht ihrer Rettung. Unangenehm fand sie das Einsteigen während laufendem Propeller, wurde fast in das Innere hineingezogen von Tom Altman, der seinen Sitz von vorn auf einen Platz in der hinteren Reihe verlegt hatte und nun Rio bemerkte, die noch nicht ganz daneben saß, ihn umarmte.
„Es war entsetzlich, schrecklich!“
Langsam hob der Helikopter von der Betonplattform ab, entfernte sich, zunächst noch langsam.
„Du bist so ein guter Freund, Tom“, das Gespräch wiederaufnehmend.
„Vielen Dank, dass du es so schnell ermöglichen konntest mir, zu helfen.“
„Das hab ich gern getan, Rio, meine Liebe, den Helikopter benötige ich manchmal für schnelle Transporte in die City und halte ihn mir mit ein paar Bekannten parat und heute hatte zufällig niemand sonst Interesse an ihm und somit ging es so kurzfristig.“
„Wohin geht es jetzt? Wohntest du nicht neuerdings in der Nähe von Orange?“
„Nein, wir fliegen jetzt über den Staten Island Expressway und dann noch ein Stück nach New Jersey hinein. Dann fahren wir mit dem Auto weiter noch ein kleines Stück. Allerdings war mal dieses Grundstück bei Orange im Gespräch, ich entschied mich dann aber anderweitig.“
„Klar, warum nicht. Ich bin ja so glücklich jetzt hier oben zu sein.“
Auftauchten inzwischen am Horizont Flieder und ein Orange-Rosé, wovon Rio keinen Blick mehr lassen konnte. Und schwarze, verschieden geformte und dimensionierte Kästen tauchten auf vor verbliebenen nahezu schwarzen Wölkchen mit hellgrauen Rändern. Später lösten sich diese zweidimensionalen Rechtecke oder Zusammensetzungen dieser auf in dreidimensionale Bauten, oft aus Backsteinen hergestellt. Später erhielten diese Fenster, manches bereits oder plötzlich eine innere Erleuchtetheit.
Bei schnellem Flug näherten sie sich dem Stadtrand, sie fand es sehr erstaunlich, wie intensiv diese dunklen, platzsparenden Wolkenkratzer doch die hinausführenden Highways rahmten. Unter ihnen erstreckte sich bald ein großes Waldareal, in dessen Smaragdgrün schon maisgelbe Sonnenstrahlen eintrafen, exakt gebündelt, immer wieder auf Linien von Baumgruppen treffend, die dann vom Licht umrandet wurden und einen hellgrauen Nebel erzeugten, den erstes Licht durchfluten wollte. Doch alles lag noch in nächtlicher Eintracht, schien ungestört, darüber ein wenig zerrissene Wolken, die viel vom Smaragdgrün des Waldes besaßen, vermischt mit Grau. Rätselhaft zerfetzte hellgrünes, erstes Licht diese Wolken, ohne den Maiston zu wiederholen.
Endlich spürte Rio ihre Müdigkeit, weshalb sie auch kaum registrierte, dass der Helikopter sich langsam senkte, ohne die Zeit überwacht zu haben. Auch hier schien das Flugobjekt auf einer Betonplattform landen zu wollen, unfern einer Straße. Sichtbar von oben wurde so etwas wie eine Großgarage oder ein Lager.
„Wir wechseln gleich in das Auto über.“
Tom Altman sah die eingeschlafene Rio ein wenig lächelnd an, vor einigen Jahren hatte er sich in sie verliebt, was diese echte Freundschaft hinterließ. Jetzt führte er die Ehe mit Livia und seinen beiden Kindern.
Damals verschwand Rio wieder auf die gegenüberliegende Seite des Ozeans und betätigte sich seitdem bei einem Gemeinschaftsprojekt, wohl größeren Formats. Dafür konnte er sich nicht entscheiden.
Im Auto teilte Tom ihr mit, dass er sich für dieses Grundstück seinerzeit kurzfristig entschied, weil es, zumindest in dieser Größe, nahezu für einen Spottpreis zu haben war.
„Und weißt du auch warum? Kaum glauben würdest du es.“
„Hm“, Rios Müdigkeit ließ nicht nach: „Ich will es dir verraten. Vor einiger Zeit, heute circa fünfzig Jahre her, gab es Anzeichen dafür, dass einige Orte innerhalb eines relativ kleinen Territoriums, gleich hinter Staten Island, auf unerklärliche Weise verseucht sind, denn eine Vielzahl von Bürgern erkrankte an der gleichen Krankheit, zumindest zeigten sich sehr ähnliche Symptome. Schnell verzog die Bevölkerung in neue Gebiete und so lag dieses Land gewissermaßen brach, jedenfalls ungenutzt. Man sagte, mit dem Wasser stimme etwas nicht, wenigstens vorübergehend, weil eventuell schädigende Stoffe aus gewissen Gesteinsschichten Krankheitsauslöser enthalten könnten. Menschenleere Ortschaften traf man im Vorüberfahren nur noch, was den Wert der Ländereien sehr stark reduzierte und somit nutzte ich die Chance und kaufte nicht wenige Hektar Land zu einem Spottpreis und fand auf einem Acker lange, schmale, bemalte Holztröge, die selbst nach deren Verbrennung noch stanken, die einzigen ungewöhnlichen Funde seitdem ich dieses Land besitze. Strenge Kontrollen unterziehe ich auch Trinkwasser und Boden sowieso. Allerdings nutze ich für meine Biofarm ein gewisses Gebiet gar nicht, aber das will ich dir später zeigen. Livia hielt mich deshalb für sehr stark exzentrisch, um nicht zu meinen verrückt, was sie selbstverständlich nie aussprach.“
Fortsetzend ergänzte Tom Altman noch: „Also wir fahren jetzt eher in Richtung Newark, wobei ich nicht verschweigen will, dass bei Orange ich doch noch ein kleines Grundstück habe, verpachte es. Bitte erwähne es nicht, Livia weiß noch nicht einmal etwas davon. Na ja, wird irgendwann eine Überraschung.“
Zwischen zwei Waldarealen befand sich eine Freifläche und im Hintergrund sah Rio Rauch aufsteigen.
„Und nun widmest du dich nur noch dem Bio-Gemüseanbau?“
„So ist es.“
Neckend:
„Musst du auch Furchen ziehen?“
„Nein, die waren schon vorrätig.“
„Ob du es glaubst oder nicht, dort rechts, wo es gleich die Erde ein wenig Orange hervorschimmern läßt, fahren wir hinein und damals sollte dieses ohnehin neu erschlossene Gebiet eine neue Straße erhalten, was sich dann später erübrigte. So führt nur dieser ziemlich feste, alte Sandweg zu unserem Anwesen, auf das wir aber sehr stolz sind, weil es reichlich Erträge bringt, die City ist geradezu wild auf unsere Produkte.“
Tulpenbäume säumten jetzt die Sandstraße, abgelöst von einem betonierten guten Ende mit einem Parkplatz, Tom fuhr allerdings gleich in eine Tiefgarage ein, seitlich des Hauses, das Tor öffnete er automatisch per Sprechfunk. Verlassen lag alles umher, nachdem Rio mit ihm die Garage nach dem Hineinfahren gehend verließ, Tom wünschte unbedingt, dass sie das Haus am Haupteingang betrat und nicht von der Garage aus.
Vorderseitig erinnerte das große Haus, ebenfalls seinen geschäftlichen Verhandlungen dienend, an ein Projekt der frühen Moderne, lediglich eine Seite des Komplexes nutzte der Bauherr als Vorbild. Feldsteine wurden verwendet, um die Fassade zu gestalten, abgeschlossen wurde das Haus von einer Flachdachkonstruktion. Die eigentliche Besonderheit stellte der Vordereingang dar, großzügig dimensioniert, nicht gänzlich quadratisch hineingeschnitten in diese Feldsteinfront und von vorn beeindruckten zunächst die Kanten mehrerer viereckiger Säulen aus Quadern, die nach hinten zu den Eingang verjüngten. Von vorn beleuchtete die zweite linke Säule mit jadefarbigem Licht den Eingang und ebenso die dritte rechte. Urbanität mit Elementen früher Moderne kombiniert ergab hier in der Landschaft, nah einer großartigen Metropole, überwältigendes Erlebnis, das unwiderstehlich emotional prägte. Das hohe Haus verringerte seine Höhe einige Meter hinter dem Portal durch eine rechtwinklige Abstufung.
Noch vor der ersten Säule ging es links zu einer kleineren Plattform, die zum unternehmerischen Teil des Gebäudes führte. Hinter dieser begann der großzügig gestaltete private Bereich, den beide jetzt betraten, angestrahlt vom matten Licht, ausgestrahlt von der Säule, deren Kanten dadurch leicht abgerundet wirkten.
Vom Vorraum aus betraten beide die moderne Küche, die mit warmen Farben, versandt von Holztönen in Sepia und indirektem naturweißem Licht, von dem niemand außer dem Eigentümer genau sagen könnte, woher es kam und das immer seine funktionelle Aufgabe erfüllte an den verschiedensten Arbeitsflächen der großen Küche, deren Gestaltung sich aus den verschiedenen, abgerundeten, beträchtlich sich ausdehnenden Anrichten dazu ergab.
Livia lief auf Rio aus dem Inneren der Wohnung zu, sie umarmend:
„Seit ihrem Anruf wartete ich so angespannt auf die endgültige Ankunft. Ich habe euch eine kleine Mahlzeit vorbereitet, aber erst einmal eine Tasse Tee.“
Livia umarmte nun auch Tom, holte aus dem Schrankteil zwei weiße Tassen hervor und dazu Untertassen, Blütenblättern ähnlich, verteilte diese auf dem nicht ganz zwei Meter langen Tisch, den für dieses ungewöhnliche Frühstück ein Tafeltuch in Vanille bedeckte, den gedämpften Sepiaton der Küche erhöhend.
Neben ihren Stuhl an das Tischbein stellte Rio ihre dunkelgraue, trapezförmige, ein wenig zu kompakt wirkende Tasche ab, in der auch Utensilien für ein bis zwei Übernachtungen enthalten waren, immerhin erwähnte Mr. Glenn, dass sie nach der Besprechung auch in seinem Loft in einer der oberen Etagen übernachten könnten, falls es zu spät werden würde.
In Toms Hand befand sich bereits das Glas mit der kühlen Zuccinisuppe mit Kräuterfrischkäse und Endivien dazu, gedacht als Vorspeise. Mechanisch griff Rio ebenfalls zu dem vor sie abgestellten Glas gleichen Inhaltes, probierte, fand es köstlich. Wenn der Anlass nur ein besserer wäre. Dazu reichte Livia ein schnell bereitetes, dennoch köstliches Gericht, bestehend aus Steak, Bratkartoffeln, beides mit Zuckererbsenpaste überzogen sowie einem Dip aus selbsthergestelltem Tomatendip mit Rosmarin- und Radieschensalat mit Kräuterdip, auf Endivien angerichtet.
„Eine hervorragende Köchin sind sie Livia.“
Rio bemühte sich um eine gute Stimmung.
„Sogar gern.“
„Ich bereite euch noch einen guten Kaffee, obwohl ihr euch erst einmal ausschlafen solltet. Im Gästezimmer bereitete ich das Bett vor. Das Fenster lässt sich gut verdunkeln. Du wirst schon sehen, Rio. Ich meine, wir könnten uns doch auch duzen.“
„Selbstverständlich, Livia, ich bin beglückt, deine Bekanntschaft machen zu dürfen und versichere, Tom nie erfolgreicher und glücklicher begegnet zu sein. Selbst während seines Europaaufenthaltes nicht. Aber das kann warten. Ich werde essen und dann gleich auf mein Zimmer mich begeben. Ich bin schrecklich ruhebedürftig und müde. Morgen ist ja auch noch Zeit für Gespräche. Ich benötige erst einmal eine Grundlage, um alles Weitere zu ordnen.“
Livias Phone klingelte, besser leuchtete, denn es schien eines dieser hochmodernen zu sein, die wie ein großer Beryll oder Turmalin natürlich strahlten, bei eingehenden Telefonaten leuchteten zusätzlich, und zwar in den Farben des Ozeanes, also in Blau- und Grüntönen, Purpur oder in Weiß. Dabei sah es aus, wie ein Quell, aus dem Wasser herausfließt, jedenfalls gleich einem Liquid, das irgendwie formlos dalag, wenn jemand anrief. Bekanntlich wies der Kontext des Herstellers darauf hin, dass nur Ozeanfarben erhältlich seien.
„Gern nehme ich noch einen Kaffee, begebe mich dann aber sofort auf mein Zimmer.“
Tom hatte die weinrote Tasse mit Goldverzierungen vor sie hingestellt, Livia telefonierte noch immer.
Beim Hinausgehen entdeckte Rio dann nebenbei auf einem nur meterhohen Eckschrank aus passendem Holz eine phantastisch aussehende Henkelschale, trat noch einmal dort heran für nähere Betrachtungen. Sepiagrundbemalung mit hellbraunen Aufhellungen und schwarzen Figuren und einem edlen Pferd, schwarze Henkel, die sie nie wagen würde anzufassen.
Livia lächelnd: „Die Hochzeit von Hera und Zeus. Keine Angst, nur eine Reproduktion, wenn auch eine sehr gute.“
„Wir waren beide überzeugt davon.“
Tom trat heran, lachte.
„Dennoch, ein hervorragendes Stück, sehr schön.“ Bereits Livias Phone bot einen traumhaften Anblick, belebte aufgrund seiner Farbgebung die schönsten Urlaubserinnerungen. Beide hatten einen Wohlstand auf höchstem Niveau erreicht.
Auf der zweiten Ebene des Hauses betrat Rio ihr Gästezimmer, fand sofort das Bad, das sie für eine Dusche noch vor dem Einschlafen nutzen wollte.
Insbesondere an solchen Morgen, die hell und klar sind, fiel von einem rundlichen Oberlicht, das offensichtlich alle Etagen des Hauses durchzog, ein aufmunternder Lichtstrahl in das Bad, das in Jadetönen gestaltet, zusätzlich ein erholsames Flair durch die Pflanzen in intensivem Grün erhielt und die hellblauen Samtvorhänge, ein zusätzliches Fenster schmückend. Selten sah man Duschen mit dieser abgeschnittenen Kreisform, umgeben von meterhohen Pflanzen.
Schnell versank sie in einen andauernden Tiefschlaf und ein neuer Mond wachte an einem Nachthimmel, als Rio munter wurde und den kühlen Luftzug spürte, vom Fenster des Schlafraumes ihres Gästeapartments, die weiße Gardine wehte geräuschlos in den Raum hinein, angestrahlt vom Mond und den Sternen, eingehüllt hatte sich das Zimmer in ein hellblaues Licht und Rio fühlte wieder Furcht aufkommen, irgendwann entdeckt zu werden.
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass bereits eine weitere Nacht angebrochen oder vielleicht sogar bald wieder vorüber war. Barfüßig zog sie sich den samtweichen, hellblauen Bademantel über, zog sich die Pumps an, verließ das Schlafzimmer, um langsam die Treppe nach unten zu gehen, sah auf der schwach beleuchteten Küchenuhr aus bronzefarbigem Glas, dass es noch nicht ganz zwei Uhr war. Somit hatte sie nahezu einen ganzen Tag lang geschlafen. Im Hinausgehen entnahm Rio der Obstschale auf dem Tisch noch eine Banane, schlich sich eher langsam wieder in ihr Schlafzimmer.
Erneutes Munterwerden kurz nach sieben Uhr und diesmal besah sich Rio ihr Gästezimmer erst so richtig, stand plötzlich vor dem überdimensionierten breiten Fenster, das nach oben hin abgerundet, einer mittelalterlichen Burg zugehörig sein könnte. Vor diesem etwa zwei Meter breiten Fenster stand ein nicht sehr hoher achteckiger Holztisch und breite Sessel mit einem Satinbezug in Bordeaux und eingewebtem Muster. Lange sah sie aus dem Fenster, ohne so richtig die Landschaft wahrzunehmen, der sie vorher nie begegnete, begann die Ulmen zu studieren, die sie im Vordergrund jetzt wahrnahm. Aus ihrer Ledertasche holte sie einen neuen Slip sowie eine Strumpfhose heraus, auch einen knappen Dessous, ging in das Bad zum Duschen herüber, frottierte sich länger als gewöhnlich, trödelte entgegen ihrer sonstigen Art. Wieder ging Rio die Treppe herunter, Kinderstimmen vernehmend, die sich gerade verabschiedeten. Ach ja, es war ja wochentags und die beiden Kinder der Altmans mussten in die Schule. Livia sah sie in die Küche gehen und folgte ihr.
„Guten Morgen, Livia.“
„Schön, dass du ausgeschlafen bist, Rio, guten Morgen, Tom fuhr eben mit den Kindern los. Wir können gemeinsam frühstücken. Er meinte, dass es besser sei, wenn du aber zunächst im Haus bleibst, auch unsere Angestellten sollten dich vorerst nicht sehen.“
„Ja, auch ich möchte nichts riskieren, mir geht es auch fürchterlich, ohne mein allgemeines Wohlbefinden eingebüßt zu haben, aber irgendetwas ist nicht in Ordnung. Das Entsetzen über das vorgestern Erlebte ist in mir, eine Nacht konnte diese grausame Erfahrung natürlich nicht abschütteln. Gern frühstücke ich mit dir.“
Die Hälfte des Vormittages berichtete Rio nochmals detailliert von dem Miterlebten und fühlte, dass sie sich davon noch lange nicht distanzieren könnte und ein Eis stieg in ihr auf. Danach beherrschte beide Schweigen, das keine aufheben wollte oder konnte. Rio durchbrach diese Stille: „Nur eines benötige ich noch, ein paar Sachen, wie Unterwäsche und etwas Oberbekleidung. Normalerweise wohne ich in meinem kleinen, ererbten Apartment in Downtown, das jedoch bekannt ist, wenn auch zeitweise vermietet. Niemals wage ich, dorthin mich zu begeben, gesehen zu werden, könnte meine Situation wieder gefährlich werden lassen.“
„Schreib einen Zettel mit deinen Wünschen, heute Nachmittag werde ich alles besorgen lassen von einer guten Bekannten. Das ist kein Problem.“
Mit dem Schreiben dieses Papiers verbrachte Rio den Rest des Vormittages, immer wieder abschweifend, ihre Situation erneut bedenkend.
Nächsten Vormittag nahm Tom Rio beiseite, zwinkerte Livia dabei ein wenig zu: „Jetzt zeige ich dir, was ich nebenbei noch Besonderes geschaffen habe. Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass du für heute noch nichts Sonstiges vorhast. Rio, du solltest wirklich ein paar Tage bei uns verbleiben. Die heikle Situation bedingt behutsames Vorgehen, warte ein wenig, was sich ergibt.“
„Gut, Tom, ich nehme eure Einladung gern an für die nächsten Tage und freue mich sehr, dass ihr mir in dieser äußerst komplizierten Situation so sehr behilflich seid.“
„Los, komm, wir begeben uns einige Meter in die Botanik, die du ja so liebst, bist schließlich eine Biologin.“
Eine Weile gingen beide nur nebeneinander, zunächst hinter dem Haus entlang und passierten eine Allee von Tulpenbäumen, bis Rio in einiger Entfernung sah, dass offensichtlich ein Teil des Anwesens üppig bepflanzt wurde, sogar auf einem größeren Terrain. Dickichte mochte sie, verbarg sich als Jugendliche manchmal darin, aber dies war lange her und meilenweit entfernt. Paradiesisch empfing die Neuangekommene der dunkelgraue Rundbogen, gebaut mit kleineren Feldsteinen, höchstens zwei passten nebeneinander hindurch. Davor und ebenso dahinter wuchsen giftgrünes Gras mit hohen Stauden, sowie Rhododendren, blühend in Cyclam, mittelhohe Bäume mit langen, federartigen Blütenständen in Weiß oder Weinrot, große Ulmen wollten alles einrahmen. Noch konnte sie nicht erkennen, was sich hinter dem Rundbogen verbarg, der nur eine Öffnung innerhalb einer längeren Mauer aus Feldsteinen zu sein schien.
„Sicherlich erinnerst du dich, als ich damals in Europa mich aufhielt, dass ich plötzlich meinen Besuch bei eurem Projekt, wie ihr es ja immer zu nennen pflegtet, abbrach, nahezu davoneilte.“
„Aber ja.“
„Heute kann ich dir mitteilen, dass ich seit meiner Ankunft bei euch buchstäblich, wie auf Kohlen saß, abwartete und warum? Das Resultat meiner damaligen, geheimen Aktivitäten wirst du gleich erleben können. Um ehrlich zu sein, noch nicht mal einen Gedanken hatte ich seitdem, dich zur Betrachtung einzuladen, ein echter Zufall ist es, dass du das gleich Folgende erleben kannst.“
Tom spielte wohl darauf an, dass Rio sich damals entschied, es mussten jetzt wohl etwa acht Jahre vergangen sein, ihm nicht zu folgen, um Teil seiner zahlreichen Lebenspläne zu werden und er war erfinderisch, ausschweifend, prahlend manchmal, wenn es darum ging, Kommendes darzubieten. Vielleicht zu sehr dahinlebend in dem Ort, in dem sie aufwuchs, entschloss sie sich seinerzeit, dort zu bleiben. Nie würde sie ihm jetzt sagen, dass sie an diesem Tag, als er spontan aufbrach, sogar froh darüber sich fühlte, ein bestehendes Problem löste sich so von selbst, für viele in derartigen Situationen, eigene Befreiung bringend:
„Ich muss dir sagen Tom, dass seit diesem Tag bei mir nichts Besonderes mehr passierte, meine Tätigkeit beanspruchte beinahe die wesentliche Zeit. Dagegen bautest du dir sehr viel auf, wie ich bisher sah, hast sogar eine eigene Familie gegründet.“
„Weil du nicht mitkommen wolltest!“ „Ich konnte nicht alles sich selbst überlassen.“ Seltsam. Der dichte Hain verschwand, verdünnte seine Ansammlung verschiedener Bäume und Sträucher, bald standen sie auf einer großen Freifläche. Tom wies weit in das Hinterland: „Dort hinten irgendwo ist Staten Island. Ich sagte dir ja schon, dass es diese Fläche gibt, von der alle fortzogen, die niemand mehr bewohnen wollte. Dies ist sie, reicht ziemlich weit über das Serpentinit. Niemand hat mehr daran Interesse, nur ich, wie du siehst.“
Vor ihr tat sich etwas auf, das einer größeren Leidenschaft bedurft haben musste.
„Bevor ich überhaupt zu euch reiste, besuchte ich schon einige europäische Großstädte, auch in Deutschland und da ging es los.“
„Dich hatte doch nicht etwa jemand verfolgt?“
„Nein, das nicht gerade, abgesehen von der ein wenig fix erscheinenden Idee, die in mir aufblühte, als ich an einem frühen Nachmittag fotografierte, auch auf Bahnhöfen, also ziemlch alles.“
„Tat ich auch bereits.“
„Aber nicht so enthusiastisch wie ich. Dabei wirklich alles zu fotografieren, bemerkte ich, dass sich gerade einige Leute, wohl Bauleute der Stadt, in mein konzipiertes Kamerabild drängten, allerdings ohne mein Begehren vorhererkannt zu haben. Ey, weg von meinem Motiv rief ich, da sahen alle mich an, einer grölte, aber schnell, das wird alles abgerissen.“ „Dann nachträglich. Sie können es ja kaufen, dann haben sie alles für sich allein. Lachend wandte sich die Versammlung ab.“
Was Tom fotografieren wollte, bauliche Gegebenheiten, auffindbar an allen Bahnhöfen, selbst seitlich einzelner Streckenabschnitte, verewigt an manchen Stellen der Großstädte. Meistens sehr alte Bauwerke, reduziert auf drei bis maximal fünf niedrige Mauern, die ein Areal oder einen Abhang einrahmten, darauf eingearbeitete Metallzäune. Zuweilen konnten diese baulichen Miniaturen, die keine konkrete Funktion erkennen ließen, auch ein Tunneldach abschließen, mitbefestigen. Äußerst unterschiedliche Formen, jeweils eingebettet in eine konkrete Landschaft oder Stadtlandschaft ergaben diese Bestandteile einiger Bahnanlagen für Tom eine motivische Grundlage, die ihn faszinierte, seine Ambition keinesfalls aufgeben wollend. Kleinere Stauden oder Sukkulenten wuchsen häufig daran oder gar darauf,. Seit der Gründerzeit bildeten sie eine Kulisse des innerstädtischen Verkehrs und noch weit über die Stadtgrenzen hinaus fanden sich derartige Kleinbauwerke. Soviel Eigenwilligkeit und Anpassung an genau eine landschaftliche Gegebenheit ohne funktionelle Notwendigkeit, abseits von Häusern und deren Schränken, die konsequent Quaderformen besaßen, förderte Tom geradezu damals seine Marotte, suchte weitere Orte auf, um Ähnliches zu fotografieren, eine künstlerische Idee keimte in ihm auf, die ihn dazu bewog, doch ein Gespräch mit dieser Abordnung eines Abrissunternehmens zu suchen. Gewiss, es handelte sich um alte Anlagen, aber dass alles so schnell wegmusste! Nähere Umstände dafür wollte er jetzt noch kennenlernen, vielleicht genügte es dann mal irgendwann für eine kleine Dokumentation, er ging auf die Gruppierung zu, die sich ihm sofort zuwandte: „Diese gebauten Einpassungen an diesen städtischen Boden passten nun noch auf meine Kamera, hier sehen sie mal.“
Tom zeigte allen seine fotografische Leistung, wurde bewundert und man teilte ihm mit, dass diese uralte Technik jetzt rundum die Großstädte generell erneuert werde.
„Eine kostspielige Angelegenheit wird das, da wäre es wirklich fast nötig diese Sachen an Museen oder so zu verkaufen.“
Ein städtischer Mitarbeiter wies auf die Sache mit der rechten Hand, alle lachten.
„Feilbieten möchten sie mir das also? Gibt es denn noch mehr davon?“
Tom ging ebenfalls lachend auf diesen Spaß ein.
„So ziemlich alle Stadtbahnen hier werden in Kürze neu gestylt, technisch und auch designerisch. Wir müssen jedenfalls diese Gelände planmachen für die neuen Anlagen.“
„Wo befinden sich denn noch weitere, derartige Bauwerke, falls sich dies so bezeichnen läßt.“
„Wir besitzen schon konkrete Pläne darüber. Nun, da alles abgerissen wird, ohnehin bald der Vergangenheit angehört, können wir ihnen schon einige Tipps geben. Geben sie mir doch ihre Telefonnummer, ich kann ihnen heute Abend oder morgen Vormittag mal einige Stellen verraten.“
„Eine gute Idee und wieviel kostet denn so ein kleines Bauwerk?“
Toms Frage besaß bereits realistischen Charakter, eine Neuanpassung in eine von ihm gewählte Landschaft begann ihn zu interessieren, er dachte dabei an eine parkähnliche Unternehmung.
„Tja, kosten, was soll das schon kosten? Eine Übernahme des Abrisses könnte ich mir als Preis vorstellen. Meinen sie das im Ernst?“
„Ich denke schon.“
„Dann geben sie mir doch mal ihre Telefonnummer, meine Visitenkarte gebe ich ihnen, damit ich auch kontaktierbar bleibe.“
Tom wandte sich wieder Rio zu: „Und als ich danach, fast ohne Verabschiedung verschwand, hatte ich einen Anruf erhalten, wollte mir Klarheit bezüglich dieser Sache verschaffen. Heute bewunderbar für dich das Resultat meiner damaligen Aktivitäten.“
„Rarer Anblick, eine äußerst eigenwillige Idee, ausgerechnet du widmest dich derartiger Architektur? Ich hielt dich immer für einen vorwiegend, nahezu ausschließlich rationalen Menschen.“
„Das stimmt auch, nur weißt du nicht, dass ich ebenfalls künstlerisches Blut in meinen Adern besitze, denn ein Vorfahre betätigte sich früher als Maler und Fotograf, weshalb ich letzteres auch eifrig praktizierte.“
„Interessant. Ein wenig sieht man dir es an, zumindest eine starke intellektuelle Begabung.“
„Also, da fuhr ich zu diesem Typen zwecks Besprechung und er meinte, wenn ich wirkliches Interesse an diesen Bauten habe, dann soll ich wissen, falls es nicht nur eine Manie ist, dass in vielen europäischen Großstädten umgestellt wird auf diese neuen Bahnkonstruktionen und dazugehörigen Anlagen, was eben diese Abrisse bewirkt und da gibt es schon eine Vielzahl dergestalter Kleinbauten. Mit einiger Organisation lässt sich da einiges machen. Wir sind eine gut funktionierende Arbeitsgruppe, alles managt ohnehin eine große Firma, die das Ganze koordiniert.“
Tom mitteilte dann noch einiges, wie es zu einer Preisbildung für den Abriss und den Transport über den Ozean kommen könnte und alles kam Rio fast witzig vor, dass sie wieder einmal lachte.
„Dieser Boss besuchte mich sogar im vergangenen Jahr, wollte sich alles nach Fertigstellung ansehen und zeigte sich echt überrascht, wie eine fix erscheinende Idee doch zu einem märchenhaften Ergebnis führen kann. Hier siehst du das Resultat meiner phantastischen Eingebung.“
Auf einer weiten Fläche hatte Tom bahnzugehörige, flache Kleinbauten rekonstruiert, jeweils eine eigene, neue Form wiedergebend, die er in verschiedenen Orten vorfand und dazwischen hatte er Staudenpflanzen angebaut, die sich, wenn sie hoch genug wuchsen, an den niedrigen, Metallzäunen hochschlängelten manchmal. Da einige von diesen Bauten Tunnel im Original abschlossen oder ergänzten, hatte Tom diese ebenfalls in kleine unterirdische Tunnel einbauen lassen, er besaß ja genügend Land, um seine Phantasterei auszuführen. Niemand besaß an diesem Land noch Interesse, das von einem Fluch überzogen schien, jedenfalls dem Gerede nach. Eingänge dieser Unterführungen waren unsichtbar von Weitem, jedenfalls für Unwissende. Seine Galerie beinhaltete noch ein Leben, das einmal, sogar an verschiedenen Orten Europas stattfand, ihn erinnerte seine Exposition an seine Reise und einen Moment, in dem er bereit sich fand, diese Stellen aufzusuchen, zunächst, um zu fotografieren, dann um sich das später Abgerissene gänzlich anzueignen, weil es sonst zerstört, vergessen nur noch auf einer Müllkippe auf den restlosen Untergang warten sollte. Ja, er konnte sich einen Phantasten nennen, nicht nur einen Biologen und Gemüsezüchter, ihn regten diese Rudimente immer mehr an, die mehr oder weniger luxuriöse Citybürger weggeworfen hatten, nachdem sie seit der Gründerzeit eine Funktion ausgeübt hatten, vielleicht sogar von manchen wahrgenommen wurden, meistens jedoch unbeachtet blieben, weil nirgendwo von ihnen geschrieben wurde, vordem niemand diese niedrigen Bauwerke fotografierte. Tom fand nach seiner, ihm selbst oft banal erscheinenden Gemüseanbautätigkeit für verwöhnte Großstadtbedürfnisse, neue ihn ablenkende Themen. Seine Ausstellung lud ihn zum Ausruhen und Nachdenken gleichermaßen an.
Die vielzählig gestalteten, häufig schrägen, flachen, immer überschaubaren Bauten so in diese Landschaft zu setzen, innewohnte auch etwas Unheimliches, verborgene Kräfte sich reduzieren lassend, möglicherweise kam dies von der Überschaubarkeit des Ganzen, ablenkend von der ausgedehnten Weite der sonstigen Landschaft. Rio sah darin auch Nachgiebigkeit, langsames Versinken darin, ein wenig Selbstaufgabe, aber mit positivem Gepräge.
„Keine Bilderflut, die ich nicht mehr mag, eine einmalige Galerie, nichts ist zu bunt, es passt zu den Gegebenheiten hiesiger Natur, selbst das bestehende Gesteinsproblem wird dadurch aufgenommen. Oder liegt es doch am Wasser?“
Tom sinnierte mit diesen Worten eher vor sich hin, als dass er ein Gespräch mit Rio anknüpfen wollte. Später gestand er seine Idee, die darin bestand, dass diese eingekauften, alten Steine eines fremden Kontinenten das Problem symbolisch aufheben sollte. Kraft sah er in ihnen. Energien gebrannter Steine aus Städten der gegenüberliegenden Ufer des Ozeans sollten helfen, die Bodenverhältnisse aufzubessern, so wünschte es sich Tom jedenfalls.
„Was sagst du nun zu meiner Kunst?“
Wieder sagte er das mehr so vor sich hin: „Fehlende Ursprünglichkeit, dafür Neuartigkeit aus entfernter Zeit, nie Dagewesenes. Zuweilen fühlte ich mich als Künstler, wenn ich mich hier aufhielt, obwohl es nur eine private Ausstellung, mehr eine Gartenlandschaft ist. Immerhin stellen die Pflanzen ringsum für mich die eigentliche gestalterische Grundlage dar, somit ein Versuch, Steinformen mit der Natur in Übereinklang zu bringen, ohne künstlerische Skulpturen geschaffen zu haben, sondern diese unvergänglichen Formen, jeweils ein kleines Areal einfassend oder es nur teilweise einzäunend.“
In die Ferne schauend, stand er da und Rio bewunderte ihn: „Sammeln wollte ich nie etwas. An manchen Tagen entwickelte ich hier mir bedeutende Gedanken.“
Unterschiedliche Dimensioniertheit dieser flachen, vereinzelt dastehenden kleinen, oft mehreckigen Bauten mit schrägen und abwechselnd geraden, nie oben überdachten Wänden, besaßen das gleiche Ziel, ohne sichtbare Funktion längst verschlissenen technischen Anlagen zu dienen. Eigentlich handelte es sich nur um Konturen oder Anordnungen, die immer verschiedenartig der Betrachtung dienend in ihrer Prononciertheit, ohne Farbspielereien.
„Stell dir vor Rio, irgendwann kurz nach der Fertigstellung kam mir der Gedanke, dass dies ein Ort des Versickerns sei. Nein, nicht, weil diese Geformtheit ein wenig an Trichter erinnert, sondern ich sah aus einiger Entfernung, dass sich auf eine Weise der Himmel davon aufnehmen läßt, darin verrinnt. ''
Besonders an dieser Exhibition, die auf den ersten Blick der Natur zu gehören schien, war das Fehlen von allem, als trostlos, öde oder wehmütig Bezeichenbare. Zu dieser kargen Region und den Linienführungen der Kleinbauten, betrachtet von oben, sah die Vielgestaltigkeit der meistens passaten Gegenden entstammenden Staudenpflanzen ein wenig exotisch aus.
„So eine Art Dynamik erhielten meine Gedanken hier, vor allem, wenn ich bedenke, dass vor etwa zweihundert Jahren eine Gruppe Gleichgesinnter, dies alles, nur nicht so komprimiert an einem Ort, bereits erbaute.“
Nun lächelte Tom ein wenig, ging einige Schritte auf eines der kleinen, nicht ganz mannshohen Bauwerke zu, winkte mit dem rechten Zeigefinger Rio heran: „Nur die Funktion erfuhr eine Wandlung. Sieh mal hier!“
Hockend besah er die Maueroberfläche und sie tat es ihm nach.
„Sind diese Oberflächen irgendwie lackiert? Du willst das Ganze wohl für alle Ewigkeit bewahren?“
„Würde ich schon, wenn es Möglichkeiten dazu gäbe. Schau mal!“
Schmale Kabel hingen an den Metallzäunen oberhalb des Mauerwerkes.
„Siehst du die leichte Illumination der Maueroberfläche? Diese Schicht ist solaraktiv und die gesamte Galerie meines Areals produziert auf diese Weise nicht wenig Energie. Meine Phantastik erhielt somit eine klare Funktion und mein Gebäude besitzt partiell auf den Sonnenseiten die gleiche Oberflächenbeschichtung, für mich nicht unwichtig, denn die Gemüsezucht ist energetisch gesehen ziemlich aufwändig, meine Effizienz verbesserte ich damit deutlich. So starr diese Stätte, von den Pflanzen abgesehen, auch aussehen mag, liegt darin doch eine Kraft, eine Bewegung.“
„Ich sehe darin ein gewaltiges Drama“, sie entschloss sich für eine abschließende Äußerung.
