Verunsicherung - Bärbel Kucher - E-Book

Verunsicherung E-Book

Bärbel Kucher

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Beschreibung

Beginnen und Leben junger Leute vor dem Fall der Mauer. Eine junge Frau findet eigene Wege, die auch aus dem Alltag führen.

Das E-Book Verunsicherung wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Frau, Liebe, Jugend, verunsicherung, Lifestyle

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Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Quellen

1

Ein trüber Tag, schon der Vormittag in diesem Saal oder kam es ihr nur so vor, heute. Wenn es auch noch Sommer war und das Kleid, das sie trug, aus nicht ganz dünner Seide, bedruckt mit eher exotisch aussehenden Blüten auf einem naturweißen Untergrund. Sie sah damit zwar anlassgemäß gekleidet aus, die Blüten hätten aber kleiner sein sollen für ihre Figur, mittlerer Größe und auch zu ihrem Namen passte es nicht, fand sie. Genannt Gemma. empfand sie den Tag bisher als zu fad, nicht unheilvoll, aber nach diesem schönen Sommer, dessen letzte Tage sie sogar in einem kleinen Badeort am Meer verbringen konnte, müsste sie die Veränderungen, auch der Wetterstimmung, die ein Herbst bringen würde, kaum wahrnehmen, zumal sie ihre noch frühe Jugend zu konditionieren begann.Auf den Tag kommt es an. Ist die Stimmung, die von einer Wettersituation ausgehen kann, wirklich so wichtig? Ihr wurde schon vorgeworfen, dass sie manchmal zu genau, auch zu aufnahmebereit für die Situationen, die sie gerade umgaben, sich darbot und auch zu sensibel. Aber das Wetter für viele unerwartete Fehler, falsche Reaktionen verantwortlich machen, ist das nicht entschieden zu subjektiv, auf unklaren Erkenntnissen beruhend, denn jeder, der gerade die aktuelle Wettersituation betrachtet, darüber nachdenkend, befindet oder auch nur einfach diese registriert, ist von der eigenen Stimmung stark abhängig. Eine Voraussetzung, Fehler darin zu entdecken ist sehr kompliziert, denn die Grundlage für eigene Wetterfühligkeit zu finden ist kaum möglich, was die Vermeidung vom Lapsus dieser Art zumindest erschwert, weil man dazu den Anlass kennen muss.

Wird denn über das Wetter nachgedacht überhaupt? Es ist eines der Phänomene, das die meisten Veränderungen aufweist, insbesondere, wenn es im passaten Klimabereich Mitteleuropas geschieht, wo kaum etwas so ständigen Abwechslungen erlegen ist wie das Wetter. Es gab einige, die täglich die Wolkenformationen betrachteten und nicht beim Wetterdienst beschäftigt waren, ein Gefühl für dessen Symptome in der Luft entwickelten. Zu denen wollte sie gehören und bemühte sich, ihren Blick auch zum Himmel zu richten und sah, möglichst täglich, sich abwechseln die verschiedensten Wolkenformationen, unterschiedliche Sonneneinstrahlungen, Niederschläge, sämtliche Erscheinungen des Wetters. So wie das passate Klima vorkonzipiert ist, wird es auch konsumiert, stetige Schwankungen wurden erwartet und kamen, manchmal wie ein Wunder. Sehnsüchte entstanden, um zum Beispiel die Last eines Winters, die von Tag zu Tag, schwerer und auch einförmiger erschien, abzuschütteln mit einem ersten Sonnenstrahl, dermeistens auch wärmere Stunden brachte. Doch, noch Winter, war es wolkenverhangen grau, am nächsten Tag konnte es dann, wie zum Beginn des Winters, monochrom silbergrau sein und alles eingehüllt in ein Schneetreiben, das nie enden zu wollen vorgab, dann am nächsten Morgen beinahe vollständig hinwegtaute. wünschte jeder eine Veränderung des Wetters, schließlich registrierte man bereits März, mit verwöhnender Frühlingssonne und dann einen möglichst frühen, nie endenden Sommer, der dann alles zu bieten hatte, was Sonnenanbetern beliebt.

Manchmal wird irgendein Tag interessant wieder. Irgendwann. Dann beachtete man auch Wetterereignisse, die gerade eine Auswirkung gehabt haben könnten oder auch nicht. Was wirft man dem Wetter vor? Nicht viel. Nur, dass manche meinen, es bewirkt subjektives Handeln. Schon Goethe vertrat die Auffassung, dass „... gerade die feinsten Köpfe am meisten von den schädlichen Wirkungen der Luft zu leiden haben...“ Obwohl sie sich eher zu den feinen Köpfen rechnete, konnte sie den Satz nicht bewahrheiten, zumindest nicht auf sich selbst bezogen. Niemals hatte sie jemals einen Zusammenhang bei sich wahrgenommen, der auf das Wetter hindeuten könnte. Es ging ihr bei jedem Wetter zumindest ähnlich, ohne eine Auswirkung der Witterungserscheinungen nur annähernd registrieren zu müssen. Weder Luftdruckschwankungen, verschiedene Werte auf der Skala der Luftfeuchtigkeit, noch Hitzewellen oder Kälte, Wind und Regen hatten einen Eindruck hinterlassen, der auf eine Wetterfühligkeit hindeutete.

Selbst wenn, es gab Theoretiker, die meinten, mit Emotionen gibt es keine perfekte Welt. Demnach ist es sinnlos, die Abhängigkeit des Wohlbefindens vom Wetter messen zu wollen und dies um so mehr, da diese Sensibilität voraussetzt. Gab es sie, dürfte eine solche Bedingtheit bei der Vielzahl der Körperzustände der Millionen von Personen und nahezu unzähligen Variationen möglicher Veränderungen unterliegen.

Gemma zeigte sich auch nicht gereizt oder unausgeglichen, entstand doch soeben eine Alltagssituation, die die Anstrengungen der nächsten Zeit erahnen ließ.

Besonders Flussufer verraten die gerade herrschende Wetterstimmung am ehesten, tragen die Zeichen der verschiedenen Wetter. Ihr waren nur wenige bekannt oder sie schenkte sonstigen kaum Beachtung, erlebte aber die vertrauten einigemale in einem Jahr, konnte Erlebnisse zu verschiedenen Jahreszeiten, Wettern, Vegetationsstadien mit diesen Ufern verbinden und den Laubgeruch. Das eine fand sie bedeutungsvoller, obwohl es, wie bei jedem Fluss, zwei davon gibt, hatte sie eine Vorliebe zu einem. Sicherlich gestaltete die Natur beide unterschiedlich, nicht nur die Bebauung, zwar in gleicher geographischer Lage und gemeinsamen floralen Voraussetzungen. Sie hatte sich für das eine entschieden, fragte sich nie warum, es war ein abgeschlossener Vorgang, dieses eine mehr zu mögen, während der Aufenthalte dort mehr Freude zu haben. Die Touren an den Ufern entlang, ergaben das Urteil, das unwiderruflich schien, das vordere Flussufer gefiel am meisten und das nicht so schnell erreichbare musste sich dahineinfügen. Was sollte einen Widerruf hervorbringen? Die Gestaltung der beiden zeigte sich vollendet und ihre Neigung ausgeprägt. Dabei hatte sie als Grundlage für diese Entscheidung auf keinen Fall die Tatsache, dass das eine näher lag. Diesen nie ausgeschriebenen Wettbewerb entschied die Landschaftsformation und das auf geheimnisvolle Weise. Es erschien eher horizontal angelegt, auf Weite ausgerichtet, obwohl es auch hohe Bäume und sogar eine alte Eiche mit sehr großem Umfang gab, die auch häufig besucht wurde, was erkennbar war, aufgrund ihrer eingeritzten und geschnitzten Herzen und Anfangsbuchstaben von Namen und so Tradition bekam. Schließlich blieben in Städten viele angesiedelt und konnten einige Generationen lang die Schnitzereien der Vorfahren nacherleben. Auch Ufer ohne Pflanzen können Harmonie und Besinnlichkeit anzeigen. Flussufer hatten für sie etwas Feierliches, kaum Romantisches. Sie bargen ein Schweigen, geheimnisvoll und mystischer Natur. Häufig, schon wegen dem dort verdunstenden Flusswasser zeigten sie sich in einen Hauch von Nebel eingehüllt. Dieses Geheimnis hatte für sie nichts Obskures oder Widerwärtiges. Es handelte sich um Stätten für einfache Zurückgezogenheit, die Stille enthielten. Würde man Flussufer in Einkaufstüten packen können, wäre darin eine poesievolle Energie. Sie glaubte nicht, dass jemand derartige „Waren“ mit sich herumtragen und bei Bedarf dann auspacken könnte. Wahrscheinlich würde dieser Inhalt in einer einfachen Einkaufstüte nach dem Öffnen unverwertbar sein, verfälscht, hätte vom Charakter der Verpackung etwas angenommen.

So begab sie sich, nicht unbedingt allein, manchmal zu diesen landschaftlichen Gegebenheiten, nahe einer mittleren Kleinstadt mit einiger Industrie. Sie fand an den Flussufern nichts, das sie in die Stadt mitnehmen wollte. Sie bestanden, wobei die Veranlagung zu stetigem Verändern sie sich immer vergegenwärtigte, aus Variationen von Sand, verschiedenen Gesteinsarten mit unterschiedlichen und wieder variierbaren Formen, Gräsern Pflanzen, Stauden und Sträuchern, Wegen mit Bäumen. Von den Käfern und anderen Insekten war da noch abgesehen, denen sie manchmal begegnete. Diese Ufer sahen produktiv aus und man könnte vielleicht später dort etwas erleben, entdecken. Dieses Gefühl wurde wohl von der reicheren, wilderen Vegetation hervorgebracht, die diese oft beherrschte und innerhalb der Stadt nicht antreffbare, zu verschieden von städtischer Bepflanzung.

Früher, in dem Ort ihrer Geburt, machte sie auch Umwege, um entlang des Flusses gehen zu können. Dieser bestand nicht nur aus einem Hauptarm, weil es nebenher noch Wasserläufe gab, die von ihr schon immer mit einer technischen Anlage verglichen wurden, die bei Schleusenöffnung gespeist wurden mit Wasser von Schneeschmelzen oder intensiven Sommerregen. Diese Flussufer waren keine Gärten, niemand hatte sie konzipiert, eher bezeichenbar als Orte für Besinnung, intensiveres Bedenken, Träumen, sogar in schwierigeren Situationen. Früher wurde das Wasser der Flüsse verwendet zum Waschen von Kleidungsstücken und diente den Leuten als Bad oder zur Reinigung. Diese elementaren Funktionen sind in ihren ursprünglichen Formen weitestgehend zurückgegangen, zumindest dort, wo sie lebte.

Diesem Fluss, an dem sie heute manchmal entlangging, sagte man bereits in Vorzeiten nach, dass er „wie ein stiller und sanfter Regen mit klarem Wasser sachte und unbemerkt vor sich hinfließe“. Dieser Zustand einer Zufriedenheit bestand für sie, weil alles ringsum natürlich aussah und in dieser Eigenschaft auf sie wirken konnte, eine Ausstrahlung hatte, die sich nur dem Betrachter offenbarte, sich ihm zeigte und ihm die erhoffte Zuflucht zu sich selbst oder ein Gefühl des Erholtseins gab. Suchende konnten hier finden.

Kontraste milderten sich in Landschaften von selbst. Die Möglichkeit weiter und ferner Sichten nahm das manchmal stumpfsinnig erscheinende Bild, das Industriestädte von sich gaben. Sie entdeckte an Ufern das Schimmern von rauhen oder glatten Oberflächen, das auch Farbkontraste beseitigte und alles in ein natürliches Farbspiel verwandelte, das für dieses oder manches andere prägend sich auswirkte. Sogar gerade Linien gab die Flusslandschaft her, die voller Formenvielfalt sonst, Licht und Schatten erfanden die mannigfaltigsten Farbkomponenten und immer passend zur Erzeugung einer Gesamtharmonie. Die Hintergründe wechselten ständig, selbst innerhalb gewohnter Landschaften. Das alles schien veränderbar, wieder und wieder neu erlebbar, entlang den bekannten Wegen.

Daneben der Fluss, der auch Kraft symbolisierte und Dauer, umgestaltbare Ufer. Dieser wurde behördlich erstmalig 965 erwähnt, und zwar von Otto dem Ersten, der in einer Urkunde dessen Existenz registrierte. Heute ist gewiss, dass er eine Länge von etwa 400 km hat und dass seine höchstgelegene Quelle sich an einer Hangnische im Süden des Landes befindet. Seinen weiteren Verlauf als Quellfluss nimmt er durch landschaftlich reizvolles und der Erholung teilweise dienendes Gebiet und bildet schon bald ein Binnendelta, um nach einem weiteren Zusammenfließen mit dem Hauptfluss sich im Urstromtal wieder zu einem Binnendelta umzubilden. Lange danach, nordwärts, Seen zufließend, durchzieht er die Großstadt, um in einen Zufluss der Elbe bei Ruhleben zu münden. Bekanntlich fliesst er sehr langsam, weil er nur ein geringes Gefälle hat. Selbst ein Rückwärtsfließen wurde während manchem Sommermonat beobachtet, weil der Fluss dann manchmal zu einem weitgehend stehendem Gewässer wurde.

Es nahm dies alles eine sehr große, unübersichtliche Fläche ein, die ihr mehr und mehr bekannt wurde, die aber nicht Kultiviertes ergab. Viele Städter verbrachten ihre Freizeit im Garten, wenn vorhanden. Kaum jemandem fiel ein, diese einfach gestaltete, weitreichende Fläche, dieses häufig mit den gleichen Pflanzenkolonien bewachsene Areal zu besuchen, das reserviert schien für die wenigen Arten von Pflanzen, wie Springkraut, Odermenning, Centaury oder wildem Senf und vielen Brennnesseln, sogar Hahnenfußgewächsen sowie wilde Rosen und wenigen Gästen, zu denen Gemma gehörte. Manche Pflanzen, auf den ersten Blick nicht dazugehörig, könnten einem wirklichen Garten entstammt sein, wie eine Art von Wasserlilie mit zarten, Blüten in der Farbe von Vanilleblüten. Diese Pflanzen hatten meistens eine Eignung für die neu bezogene Wohnung und wurden mitnehmbar, wenn Gemma diese entdeckte.

Besondere Aufmerksamkeit zog immer wieder das Echte Eisenkraut auf sich, das allgegenwärtig, sehr ungleichmässig verteilt und oft 60 bis 100 cm hoch, nicht übersehbar für sie. Besonders die variierbare Farbe mit einer Tendenz zwischen mauveartig und hellem, frischem Bordeaux, das nicht sehr leuchtete, aber sich von der Umgebung jeweils so sehr abzeichnete, dass es einfach sichtbar wurde mit seinen gefiederten, Ähren als Blütenstand, die sich an festen, gekerbten und auffallend stolz gewachsenen Stängeln, nahezu geraden, befanden. Es belagerte oft Wege mit nahrhaftem, sogar lehmhaltigem Boden, sandigem oder auch kiesigem Schutt. Auffällig waren die Blüten, die wie kleine Pailetten sehr locker an den kleinen Zweigen der Stängel befestigt hingen. Im Gegensatz zu den festen Stängeln, die der Pflanze Halt boten, schienen die Blütenteile nur lose an der Pflanze zu sein, bereit, sich schnell abschütteln zu lassen. Einem Extrakt von Eisenkraut sagte man nach, zumindest, wenn die Grundlage mineralisches Wasser bildete, dass es gesundheitsfördernde Kräfte habe. Es sollte die günstige Verwendung eigener Energien fördern. Positive Potenziale lassen sich gegebenenfalls in ausgleichende Pfade lenken und behutsameres Strömen von Energien würde herbeigeführt.

Ein Ort sei vervollkommnet, wenn man ihm nichts mehr nehmen kann. Es gab dort für sie nichts Hinzufügbares. Hätte dort sonst noch etwas genommen werden können?

Mit diesem Thema hätte sie Chrys überraschen können. Stundenlang, tagelang, manchmal jahrelang wird über manche Themen debattiert und so stellte sie sich auch eine junge Beziehung vor, immer neue Gesprächsthemen belebten das Interesse an deren Aufrechterhaltung.

Künstlern könnte es nicht gleichgültig sein, wenn ein Ort auf subtile Weise verändert wird, so dass er interessant, gezeichnet, fotografiert wird, Raum erhält, obwohl die Natur wegen der Ausgedehntheit von Landschaften das Gefühl der Räumlichkeit eher verhindert. Die vorhandenen Energien erstellten eher ein Gefühl der Dauer, manchmal der Spiritualität. Irgendwann teilten diese Flecken ihr mit, warum sie hier so gern verweilte. Diese Ufer symbolisierten die Jugend und passten zu ihr, zu ihnen. Sie war nicht mehr allein unterwegs.

Selbst Steine konnten alt oder jung sein und wirkten so ihrer Entsprechung. Stimmungen mit Demut, Besorgnis entstanden an diesen Plätzen, die der Natur gehörten, nicht, weil nebenan der Fluss strömte und eine stetige Kraft verkörperte, die sie sich selbst dabei zu sein fühlen ließ, was sie aber nicht besonders empfand, nur die diesen Momenten verinnerlichte Harmonie, die verströmt zu werden schien auf geheimnisvolle Weise, weil das zu starke Ausschweifen der Gedanken verhindert wurde und damit das Schaffen unnötiger Phantasien, die sie auch gerade jetzt nicht brauchen konnte, sondern die Konzentration auf die gegenwärtige Situation.

Weil die Kühle und die Bewegung des Flusses Klarheit darstellte, waren diese Uferseiten es wert, Zeit hier zu verbringen und auch das Ungezähmte, stellenweise Turbulente des Fließens brachten ihr nahe, dass das leicht Verwilderte in dieser mehr pflanzlichen Natur sie nie gestört hatte. Und dies alles diente nur sich selbst, hatte keinen sonstigen Nutzen zu erbringen, als für sich zu sein. Krautige Pflanzen konnten maximale Größen erlangen, anders als in Gärten, exotisch aussehende Formen dann annehmend im Spätsommer.

Hier ergaben sich Möglichkeiten, Stille zu finden, fernab städtischen Lärms, der im Lauf der Jahre intensiver wurde.

Es war wohl die einseitige Farbharmonie ohne viele Kontraste, die niemand darauf achten ließ, dass die Proportionen bei diesen Uferlandschaften ein geeignetes Verhältnis hatten, um alles in Eintracht erscheinen zu lassen. Schließlich gab es hier keine Symmetrien, zumindest nur sehr zufällig. Sehr selten schuf die Natur in solchen Gegenden Gestaltungselemente, wie Bäume, Sträucher, bodenbedeckende Pflanzen, Stauden, die sich in gleichmäßiger Anordnung anfanden. Eher an Wegrändern wuchsen Bäume in geraden Reihen, aber meistens künstlich angelegte und zu Alleen heranwachsend. Es rissen Birkenalleen mit ihrem Schneeweiß die grüne Decke auf, die farblich alles zu überspannen schien. Aber es kam ja auf die Gesamtwirkung an.

Künstliche Muster gab es nicht hier, erfunden von der Natur wurde diese klangvolle Einfachheit, die bei Betrachtung eines grösseren Territoriums, zum Beispiel von oben, als monoton empfindbar. Sie gab sich mit dem Vorhandenen zufrieden und suchte auch nicht nach geheimnisvollen Symbolen, die irgendwann mitgeschaffen worden sein könnten und noch niemals gesehen wurden. Wollte man nicht gerade in der Jugend etwas Neues entdecken, das niemand bisher wusste?

Diese Plätze erinnerten sie an einige Renaissance-Gärten mit hohen Mauern, die es hier zwar nicht gab, dafür Wasser, hohe Bäume, kletternden Efeu mit seinen dunkelgrünen Blättern, die einhüllten, langgewachsene Gräser, die auch Polster bildeten, wenn sie zusammenstanden. Verwilderte Obstbäume ließen bei ihr den Gedanken zu, dass dort bereits echte Gärten gewesen sein mussten, selten, vereinzelt.

Verschiedene Ebenen hatten hier auch unterschiedliche Ordnungszustände, so war es, wenn sie vom Weg abwich, gewiss, dass die Füße im lockeren Sand oder gar im Schlamm versanken, auf jeden Fall bestand die Gefahr, dass die Strumpfhosen zerreißen konnten, weil tief Hängendes, von Bäumen gefallenes Gestrüpp an ihnen haftete und nicht entfernt werden konnte ohne zu schädigen. Das geschah nur, wenn sie nichts Rustikales trug.

Gern fuhr sie mit Chrys das eine oder zwei Flussufer entlang mit dem Fahrrad. Manchmal, wenn die Blicke auf dem Gewässer endeten, wandten sie sich einander zu und diskutierten sogar dabei. Sie hatte gerade ein Buch gelesen, das er ihr sogar empfahl, wollte sich diesbezüglich nicht besonders mitteilen, es beschäftigte sie selbst noch, Vorträge hatte sie dazu nicht halten wollen, ihre Angelegenheit war es, ein Gespräch aufkommen zu lassen, als Zubehör zu einem Sonntagnachmittag, weil es das Zusammensein ergänzen sollte und da fiel ihr eine wichtige Frage ein, die das aktuell Gelesene zu etwas Außergewöhnlichem machte und so wandte sie sich an Chrys mit der Frage:

“Ist alles erlaubt?“

„Was?“

Er reagierte nur mit einem Blick, der besagte, dass die Frage vernommen wurde, jedoch diese nicht in das gegenwärtige Nachmittagskonzept passte. Hatte er für diesen Tag einen speziellen Plan, wo doch alles schon absolviert schien, weil beide sich bereits unterwegs befanden und nichts vorher vereinbarten, was noch den Nachmittag weiterausfüllen sollte. Eine nicht neue Frage, da sie seinem Buch entstammte, das sie sich von ihm auslieh, die ausbleibende Antwort demonstrierte nicht das Erwartete, während sie auf einem Fahrrad den Weg nach wie vor entlangfuhren. War es ihm lästig, dass sie ihn gefragt hatte? Er wusste keine Antwort auf diese Frage, die nur eines Ja oder Nein bedurfte oder sie gefiel ihm nicht, was sie ausschloss, denn der Autor interessierte Chrys mehr als mäßig. Gefragte reagieren allerdings manchmal auf Fragen mit Nichtbeachtung, weil der Inhalt sie auf ungeahnte Weise betrifft und eine Ertapptheit betroffen macht. Bisher hatte sie seine Wesensart berührt von einer gewissen künstlerischen Ergriffenheit vermutet, vor allem in seinen Beziehungen zu anderen, so auch zu ihr. Jetzt aber war sie sich dieser Eigenschaft bei ihm nicht mehr sicher. Neben ihm herfahrend, betrachtete sie einige Momente, sie kannte den Weg, ihn, mit jugendlicher, natürlicher, männlicher Figur, deren Feinde Inaktivität und ungeeignete Ernährung werden könnten. Er bedeutete ihr mehr als ein Begleiter.

Abgelehnt fühlte sie sich nun, was keine Niedergeschlagenheit auslöste, sie begann sich mehr mit dem Weg zu beschäftigen und ließ lieber ihre Blicke umherschweifen, achtete auch auf ihn nicht mehr, um die Eindrücke des späten Nachmittages noch zu empfangen.

An diesem trüben Tag erschien es schon bemerkenswert, hier mit dem Fahrrad das Flussufer abzufahren, niemand sonst sichtbar. Was konnte da eine Frage schon bedeuten? Kaum etwas, nur Überwindung vielleicht, sie zu beantworten. Es gab immerhin keinen Regen an diesem düsteren Nachmittag, an dem es sicherlich schon zeitiger dunkler werden würde. Kühle ließ sich bereits wahrnehmen. Sie trug, wie meistens zu dieser Jahreszeit Wollsachen, die eine angenehme Wärme brachten. Die braune, sehr bequem geschnittene, Wolljacke passte farblich nicht zu ihr, sie konnte aber noch dicke Wollpullover darunter tragen, die selbst bei Frost wärmten.

Jedenfalls fühlte sie sich gerade allein, nur für kurze Momente keimte da noch die Erinnerung an den vorherigen Spätherbst auf und ohne weitere Studenten gesehen zu haben, den schmalen Weg zum Portal dieser Technischen Akademie kommend, unbemerkt blieb nicht, dass das Gebäude produktiv auf sie wirkte mit seinen mehrgeschossigen Fensterfronten, alle holzgerahmt, große Mengen natürlichen Lichtes einfallen lassend.

Wahrscheinlich, dachte sie, entstammt das Gebäude dem Industrialisierungszeitraum, der sich an die ausklingende späte Gründerzeit anschloss, die sich zu einem Boom emporgeschwungen hatte.

Sie betrat diesen Saal nun zum erstenmal und seine weißen Wände verstärkten das Gefühl des Neuanfanges. Kälte, die diese Farbe sonst vermittelte, geriet in den Hintergrund, denn hier war alles bereits gefüllt mit jungen Leuten, die neugierig um sich sahen, einander kaum kannten, höchstens vereinzelt. Zum erstenmal befand sie sich in einem so vollen Saal und fühlte zahlreiche Blicke jetzt auf sich gerichtet, was sie nicht gerade verwirrte, aber zu aktivieren schien, denn sie konnte eine Bekannte entdecken, die sie längere Zeit nicht gesehen hatte, zumindest kam es Gemma so vor.

„Hallo, ist hier noch frei?“

„Ja, bitte,“

und die Bekannte meinte damit den Platz neben ihr.

„Wie war denn dein Sommer“, setzte sie fort.

„Ich befand mich mit Chrys an der See für die letzten Tage des Augustes.“

Der Bekannten war Chrys flüchtig bekannt. Sie wurde nachdenklich und verschwieg, dass Chrys eigentlich nicht zu diesem Termin dorthin reisen wollte. Vielleicht hinderte ihn eine ihm innewohnende Unstetigkeit oder wirklich nur die fehlende Gewissheit, wie er vorgab, dass es während dieser Tage auch wirklich zu einer sommerlichen Hitzewelle kommen würde.

Wegen dieser Erinnerung von kürzlich erst Geschehenem froh, dass das Gespräch verebbte und vorerst als beendet galt, konnte sich Gemma nun im Saal umsehen und alles ihr noch Neue eingehend betrachten, soweit möglich, im voll besetzten Zustand. Die Stühle mit ihren ergonomisch geformten Sitzflächen hatte wer miteinanderverbunden, nebeneinander angeordnet, was eine Linienform hervorbrachte, die sich, nach hinten zu steigend, immer wiederholte, bis der Saal mit Stühlen angefüllt war, wobei zu jedem einzelnen eine hoch- und wieder herunterklappbare Schreibplatte mit einer Fläche von circa 30 mal 30 cm und dem Nebeneffekt gehörte, dass man sich gut daran festhalten konnte, sofern Ermüdungserscheinungen auftreten würden. Allerdings wirkte der Einfall natürlichen Lichtes, der durch die lange und hohe Fensterfront möglich wurde, belebend.

Extra verzögerte sie nach der letzten Vorlesung des Tages ihr Einpacken und wurde dann beim Hinausgehen so ziemlich die Letzte und dies beabsichtigte Gemma. Den Saal wollte sie noch einmal ohne Auditorium sehen, leer und mit der ihm etwas entströmenden Dumpfheit, die wohl von den nun leicht getrübten, mit etwas Gelb vermischten Brauntönen herrührte, die hier jetzt vorherrschten. Die nun leeren Stuhlreihen vermittelten den Eindruck einer immer gleichen sich nicht verändern wollenden Ordnung. Ein derartiger leerer Gebäudeteil erschien verbraucht und auch die bloße Anwesenheit von Studenten etwa, konnte diese Stimmung nicht aufheben. Erst die Schwingungen vereinzelter Gespräche oder Vorträge beseitigten diese lähmende Schwerfälligkeit. Die sich hier für vorbestimmte Zeiträume Einfindenden nahmen diese Ordnung in sich auf und sie war so festgelegt, wie die Inhalte aus den verschiedenen Gebieten der technischen und natürlichen Wissenschaften und alle beabsichtigten, sich so eine größere eigene Ordnung zu schaffen, deren Zweck sein sollte, eine Beziehung zum wirtschaftlichen Leben zu gewinnen, also nicht nur den theoretischen Betrachtungen zu dienen.

Innere Unordnung kann die Verwendung und Ausbreitung eigener Energien hemmen und zukünftige Leistungen eventuell mindern.

Allein, so in kurze Betrachtung versunken, besah Gemma die Maserung der Hölzer und sie ging davon aus, dass alles Möblierte nicht nur aus einer Holzsorte gefertigt – zum Beispiel wurde das nahezu von den Fenstern bis zur gegenüberliegenden Wand stehende Bord vorn extra hergestellt, aber genau so wie Rednerpult, Tafelumrahmung und das Podium – eintönig und trüb wirkend in ihrer Unauffälligkeit. Die Holzmaserungen ließen kaum noch Farbunterschiede erkennen, lediglich bei genauerem Hinsehen und dies geschah höchst selten, denn es gab hierfür keine Anlässe, das Wichtige war hier nicht das Äußere. Die Priorität von Hölzern im Saal mit den groben Maserungen, wie Pfleile sich darstellend, bedingte doch eine gewisse Bewegung innerhalb dessen, selbst wenn längst alle sich entfernt hatten.

Den kulturellen Anforderungen später Gründer entnommen, könnte die gesamte Gestaltung bezeichnet werden: einfach, haltbar, ergonomisch, nicht vordergründige Form, die aber eine alltägliche Nutzung gestattete und passte, wie sie so alles anschauend, herausfand. Leicht verschwommen aussehend, aber rustikal mit nahtloser Textur, Holzoberflächen unbeabsichtigt poliert vom jahrzehntelangen Daraufsitzen, Abgenutztheit wiedergebend. Auch der Fußboden hatte Holzparkett, das mehr gelbliche Farbnuancen enthielt mit Ocker. Das alles gab dem Saal ein demütiges, langweiliges, sogar nebensächliches, aber solides Gepräge. Kontrastierend dazu war da die lange Fensterfront, die jetzt, nachmittags, eher warmes Licht einfallen ließ, weil es auch noch Sommer war.

An Regentagen liefen dann Wasserrinnsale daran herab, die immer langsamer werdend, nur noch Tropfen wurden die sich vereinzelten bis zum letzten. Bei starken Sommergewittern mit Platzregen konnten kleine Wasserwellen die Fensterscheiben bearbeiten bis diese dem Widerstand, den das harte Glas bot, zum Opfer fallend, sich brachen.

Interessanter wurde es später, wenn sie den Saal verließ mit einigen noch diskutierend auf den weder zu langen, noch zu breiten Gängen, zu verbreiterten Treppen mit Holzgeländern hinstrebend, die, Gespräche fortzusetzen ermöglichten, um dann allein durch das Portal gehend, den nicht zu schmalen Weg nehmend und sie hatte dann die Intuition, dass sie die gewonnenen Energien mithinausnehmen würde, weil sie sich schnell genug aus dem Gebäude bewegte. Die halbhohen Sträucher neben dem Eingang bildeten Blickfänge.

Noch wohnte Chrys in einer älteren, kleinen Wohnung, einer Mansarde, die viel zu wenig Komfort bot und zuviele nostalgische Impressionen hervorrief, um darinbleiben zu wollen. Sie traf ihn nach dem Ende seiner Tätigkeit in einem Industriebetrieb.

„Wie geht es? Mir hat Malu geschrieben.“

Er kannte sie bereits von ihrem Erzählen und wusste, dass sie eine sehr gute Bekannte war, die allein lebte bei den Eltern, aber in einem eigenen Zimmer in deren Haus. Es stellte wohl ihr Problem dar, noch dort zu wohnen.

„Sie will unbedingt am Sonntag zu Besuch kommen und wird vormittags auf dem Bahnhof ankommen. Wir sollen sie abholen. Sie möchte dich unbedingt kennenlernen.“

„An welchem Sonntag, an diesem?“

„Ja!“

„Na gut.“

„Deswegen kommt sie gleich angereist, weil du einen Freund hast?“

„Sie ist neugierig auf alles hier.“

Tatsächlich holten sie Malu sonntags vom Bahnhof ab und gingen in Chrys´ Wohnung, die eine provisorische Lösung darstellte und deshalb mit nicht zuviel Aufwand bedacht wurde. Nach einem kurzen, einfachen, gemeinsamen Essen verschwand Chrys und kehrte zurück von einem Kollegen, der in der Nähe wohnte und ihm ein weiteres Fahrrad ausgeliehen hatte.

„Ich habe alles für den Nachmittag vorbereitet, wir fahren jetzt erst einmal los. Ich hoffe doch, du beherrschst das Radfahren, Malu?“

„Selbstverständlich, wo soll es denn hingehen?“

„Das bleibt noch ein Geheimnis. Wir fahren mal in die Umgebung, die landschaftlich sehr Reizvolles zu bieten hat. Ich habe schon viele Stunden verbracht in den nahen Bergen, die natürlich nicht hoch sind, als ich noch allein war.“

Drei fuhren auf einer Landstraße zunächst und bogen dann innerhalb eines kleinen Ortes nach links ab, wo das Waldgebiet begann und es auch bergauf ging für nicht mehr als einhundert Meter, was dennoch ungeübten Radfahrerinnen Missmut bringen konnte und so kamen sie am Ziel an, das zunächst ein Granitfindling war, der sogar einigermaßen Berühmtheit besaß, denn er wurde geteilt und ein großes Stück, bis 1831 gehauen, als 6,91 Meter im Durchmesser große Schale im nahegelegenen Berliner Lustgarten zur Schau gestellt. Sie und Chrys hatten diese bereits vor dem Alten Museum bewundert und jetzt konnten sie alle das verbliebene Stück des riesigen Granitbrockens betrachten und dessen rauhe Oberfläche berühren. Doch dies sollte nicht die Attraktion dieses Nachmittages werden, denn die Fahrräder blieben nicht lange im Gras liegen. Sie fuhren noch einige hundert Meter weiter zu den Rudimenten der alten Römer, die hier wohl durchgezogen sein mussten. Da standen ein runder Granittisch und einige Hocker, ebenfalls aus Granit geschlagen, sicherlich aus den in der Umgebung seit der Eiszeit abgelagerten Findlingen. Dieser authentische historische Ort lud immer wieder ein, Chrys holte eine Flasche Rotwein aus seiner Fototasche heraus und drei Kristallgläser, was eine kostbare Stimmung bewirkte, sicherlich beabsichtigt war, denn ein nicht sehr häufiges Zusammensein sollte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ließ sich, am Granittisch sitzend oder sogar darauf, gut plaudern, ein bezaubernder Platz für neue Begegnungen und solche der besonderen Art. Die Flasche wurde geleert nach einiger Zeit und die Kristallgläser wieder sorgfälig verwahrt von Chrys und es ging weiter, denn Malu wollte am gleichen Abend noch zurückreisen.

Jetzt wurden die Beteiligten belohnt für die Mühen des Hinauffahrens. Es ging nach einigem Fahren durch die waldreiche, sauerstoffangereicherte Gegend bergab und dies bis zum Eingang eines neuen Ortes, der sich über ein sehr großes Territorium langstreckte und mit einem großen See begnadet war.

„Es ist Zeit für einen Kaffee“,

meinte Malu und

„wir kehren jetzt in das nächste Café ein.“

Der Vorschlag wurde von den anderen beiden begrüßt und der Nachmittag verlief so weiterhin anregend. Sich auf dem Rückweg befindend, kamen die Ausflügler wieder an einem kleineren See vorbei und nun, wenige Kilometer vor Ankunft in die Wohnung von Chrys, musste noch eine kleine Anhöhe realisiert werden.

„Mir reicht es jetzt, ich kann nicht mehr.“

Malu sah die ansteigende Straße vor sich, für diese etwa der Moment, in dem sie am liebsten das Fahrrad an einen Straßenbaum gestellt, es einfach liegen gelassen hätte, ein Taxi herbeisehnte oder einfach weiter zu Fuß gegangen wäre oder per Anhalter sich den Rest des Weges ermöglichen würde.

„Ihr habt gesagt, dass wir diese Radtour unternehmen!“

„Ich hätte auch in der Wohnung bleiben können.“

„Dort kann man schließlich auch Kaffee trinken“, meinte sie weiter.

Das war doch lächerlich, solch einen schönen Tag in der zu einfach gestalteten Wohnung zu verbringen, dachte Gemma. Schließlich befand sich die vor ihnen liegende Anhöhe nicht zu hoch, um nicht bewältigt werden zu können. Wir waren doch noch jung. Na ja, Malu sang in einer Band und spielte dabei auch etwas Gitarre und fuhr an Wochenenden doch lieber mit einem Automobil, wenn sie unternehmungslustig wurde. Dennoch teilte sie nicht unbedingt die Spontaneität von Chrys und ihr.

Was half es, Malu wollte keinesfalls und wurde launisch. So begann Chrys sie, die rechte Hand hinter ihrem Rücken, den Hügel hinaufzuschieben. Oben angekommen, sagte niemand mehr ein Wort, bis alle in der Wohnung ankamen. Malu hatte noch eine Krise. Der Bahnhof war einige hundert Meter von der Wohnung entfernt. Der Zug traf pünktlich ein und Malu verabschiedete sich, ein wenig deprimiert wirkend. Gemma ging davon aus, dass sie sich wünschte, selbst mit einem Freund, es sollte vielleicht nicht unbedingt Chrys sein, zurückzubleiben.

Straßenlaternen beleuchteten schon die kleineren Straßen, die sie zur Wohnung von Chrys entlangging nach einem langen Tag mit Seminaren.

„Ich kann dir die freudige Mitteilung machen, dass ich nächsten Mittwoch in meine neue Wohnung einziehen kann.“

„Super“,

fand Gemma.

„Wir können die Wohnung am Freitag besichtigen nach Feierabend. Du kannst gern miteinziehen.“

Sie mochte Chrys sehr und fand ihn auch taktvoll und intelligent, was für eine Lebensgemeinschaft ihrer Meinung nach ausreichte. Einen respektvollen Umgang setzte sie voraus. Diese Neuigkeit war phantastisch und stimulierte alle ihre Aussichten auf das Kommende. Die Zukunft lag vor ihr, positive Bilder malend.

Freitags sah sie sich mit ihm die neue Wohnung an, die alles zu bieten hatte, was junge Leute sich wünschten, einen langen Balkon, einen Flur, auch fast als Raum nutzbar und ein Zimmer, das für beide ausreichte, Küche und Bad. Lange Semesterferien auf dem Balkon plante sie für sich vorher, die selbstverständlich aktiv werden sollten.

Sie begann in unsichtbaren Energien zu schwelgen, machte im Innern Pläne, wie alles eingerichtet werden könnte. Dass alles zunächst eher puristisch gestaltet sein würde, akzeptierte sie sehr. Ein derartiges Konzept lässt viel Spielraum für weitere Gestaltungsnuancen, lenkte niemals vom wesentlichen ab und nahm nicht zuviel Zeit in Anspruch für die banalen, aber notwendigen Haushaltsverrichtungen und sie konnte sich der beruflichen Weiterentwicklung widmen, wie sie es erforderlich fand.

Chrys war seit dem Einzug in die neue, komfortable Wohnung sehr beschäftigt nebenbei mit dem Einrichten und den nötigen Renovierungsaktivitäten, was eine Situation hervorbrachte, die viel gegenseitige Toleranz erforderte, weil ein so intensives Miteinander auch eine hohe Konzentriertheit des Einzelnen erfordert und dies sollte bei einer gelockerten Atmosphäre mit Musik sein. Radio und Schallplatten wurden fast täglich abgespielt, aber nicht ständig, denn sie wollte ein möglichst großes Pensum an Literaturstudium absolvieren, fand in ihren mitgebrachten Sachen auch ein kleines Stück Schiefer, das von einem echten Felsen abgebröckelt seinerzeit und irgendwo abgelegt werden könnte, um die Wohnung etwas dekoriert erscheinen zu lassen. Gleichnishaft entdeckte sie, dass die Oberfläche des Schiefers, zumindest da, wo er von dem Felsen abbrach, einem Stapel von den schwarzen, lackiert aussehenden Schallplatten glich, porös wirkend, in Lamellenform, wie ein großer Stapel Schallplatten, mit keiner Hülle versehene, was Gemma bei einem wirklichen Liebhaber, wie auch Chrys einer war, ausschloss bei seiner Penibilität, wenn es um diese Lieblingsstücke ging.

Das Fenster trennte sie von der Außenwelt, vor dem sie an einem Nachmittag bereits eine ganze Weile stand. Das Alleinsein für einige Stunden ermöglichte ihr, sich einfach nur dem Blick nach draußen hinzugeben. Lange verweilte sie so und plötzlich kam die Erinnerung an einige Samstage ihrer Kinderzeit, als sie diese bei der Großmutter verbrachte und die Langsamkeit, mit der diese vergingen. Sie hatte damals am späten Nachmittag am Küchenfenster gesessen, das nur eine kaum blickdichte Batistgardine verdeckte, frisch gestärkt stets und duftete und den Blick auf ein interessantes Terrain freigab, das einige Hektar groß, ihre Phantasie stets beflügelte und das sie später einmal malen wollte, wenn sie wieder mehr Zeit zur Verfügung hatte.

Es bot zunächst den Ausblick auf den gesamten, für ein Wohnhaus, das über Ecke gebaut war, sehr großen Hof, der aus der Gründerzeit stammen musste. Eine ehemalige, kleine Fabrikanlage stand auch noch da. Wie es jetzt aussah, hatte man dort früher Tischlereiarbeiten ausgeführt und nun war dieser Gebäudeteil eine Lagermöglichkeit für das Dekorationshandwerk partiell und auch eine Werkstatt für die Designer. Obwohl dieser Gebäudeteil weitaus den größten Raum einnahm auf dem Hof, schien er manchmal wie unsichtbar, zumindest von ihr unbeachtet, wohl deshalb, weil seine Farbigkeit verwaschen nur noch wirkte, Putz auch schon verwittert seit den letzten Jahren oder gar Jahrzehnten. Derartige technische Angelegenheiten bekümmerten sie damals noch nicht, wie häufig bei Kindern. Vor diesem Anbau war ein kümmerlich wachsender Streifen mit Rasen und einigen wild gewachsenen Wiesenblumen, die Gemma mochte. Hinter diesem Rudiment einer Betriebsanlage schloss sich eine Wiese an, die zum Trocknen der Wäsche diente und dazu auch Pfähle hatte und erst dann konnte man zu den kleineren Gärten gelangen, genutzt von manchen Hausbewohnern. Wohl am ungewöhnlichsten lag der kleine Nebenfluss, wenn man eine Böschung hinabgehen würde, was bei ihr sehr selten vorkam. Aber das dahinterliegende Ufer interessierte sie und wenn sie den Flussarm überquert hätte, ergäbe das für sie eine Wegeinsparung von mindestens einem Kilometer, falls sie in diesen Teil der mittleren Stadt gelangen wollte, was nicht selten zutraf, denn dort befanden sich genügend Möglichkeiten einzukaufen oder Bekannte zu besuchen. Dieses gegenüberliegende Ufer, an dem nur ein fest getretener, dunkelgrauer Sandweg entlangführte, immer düster aussehend, obwohl Ein- und Mehrfamilienhäuser diesen auch säumten mit Obstgärten, deren Bäume, die Zäune oder Mauern überragten und eine romantische Stimmung hätte davon ausgehen können.

Mehr zogen die Garagen den Blick und auch das Interesse auf sich, in denen eher einfache und veraltete Modelle aufbewahrt wurden und Ersatzteile, stellte sie sich vor, denn die Tore dieser hielt man meistens nur verschlossen und wenn sie diese doch geöffnet vorfand, waren die Besitzer dort in Arbeitssachen und sie sah höchstens zu, dass sie unbemerkt an ihnen vorbeikam. Daran schloss sich ein höheres Ziegelhaus an, das vielleicht als Verwaltungsgebäude für die frühere Fabrik fungierte, sie konnte, da sie nicht täglich dort war, nie herausfinden, welche Produktivitäten nun stattfanden, auch der Laubbaum verdeckte dieses Haus, so dass es nicht sehr in Erinnerung blieb und unwichtig wurde, selbst für ziemlich Neugierige. An alles angebaut sah Gemma noch eine flache Werkstatt, die auch meistens verschlossen blieb und schon wegen der verhangenen Fenster unbenutzt aussah, obwohl manchmal Leute darin oder davor sich betätigten. Nur die kleine Waschküche, die diese Gebäudefront beendete, kam ihr immer gut bekannt vor, schon weil auch ihre Wäsche einst darin gewaschen wurde. Darin konnten sich höchstens zwei Frauen bewegen, ohne miteinander in Berührung zu kommen. Eigentlich sah sie eher wie eine Kammer aus. Es waren wohl die wenigen Quadratmeter jenes kleinen, nicht sehr modernen Wohnkomplexes, auf denen die meisten Aktivitäten stattfanden.