Tyrannei der Gleichheit - Mathias Brodkorb - E-Book

Tyrannei der Gleichheit E-Book

Mathias Brodkorb

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Beschreibung

Warum sinkt das Bildungsniveau in Deutschland kontinuierlich? Die Antwort ist unbequem: Eine Gleichheitsideologie hat das System erfasst, die mehr schadet als nützt. Jeder soll alles erreichen können. Der ehemalige Kultusminister Mathias Brodkorb und der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer legen eine fundierte Streitschrift vor, die aufzeigt, wie die Verwechslung von Gleichheit und Gerechtigkeit zur Bildungsmisere geführt hat. Darin decken sie auf, wie die Politik das Bildungssystem systematisch überfordert – von Inklusion über Klimaschutz bis zur Digitalisierung soll die Schule alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Gleichzeitig wird Bildungsgerechtigkeit mit Ergebnisgleichheit gleichgesetzt – ein fataler Fehler. Denn echte Gerechtigkeit bedeutet, jedem die bestmögliche Bildung zu ermöglichen, auch wenn dies zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Mit analytischer Präzision zielen Brodkorb und Zierer auf die »blinden Flecken« der aktuellen Bildungspolitik: die Ignorierung natürlicher Begabungsunterschiede und die Unterschätzung sozialer Komplexität. Ihr Gegenentwurf: »Gerechte Ungleichheit« statt Gleichmacherei – nur so lässt sich die Bildungskrise überwinden.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tyrannei der Gleichheit

Mathias Brodkorb · Klaus Zierer

TYRANNEI DER GLEICHHEIT

Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft

INHALT

VOR- UND DANKESWORT

DIE SCHULE WIRD ES SCHON RICHTEN Illusionen über die angebliche Reparaturanstalt der Gesellschaft

VOM VERLUST HISTORISCHEN DENKENS Eine kleine deutsche Bildungsgeschichte

DREI DENKFEHLER IN DER GLEICHHEITSDEBATTE Das Identitätsdogma, die Ergebnisillusion und der Kausalitätsirrtum

MARXENS AUTOMAT UND BOURDIEUS TRANSFORMATIONSMASCHINE Nicht das Geld regiert die Welt, sondern Bildung

DER LORD VOLDEMORT DER BILDUNGSDEBATTE Von der Lotterie des Lebens und der Gene

GERECHTE UNGLEICHHEIT Ohne Anerkennung von Anstrengung und Leistung keine Gerechtigkeit

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT’? Ohne Leistung geht es nicht

ANMERKUNGEN

Ich dachte, ich hätte jede Vorsicht walten lassen, um ganz klarzustellen, daß dies kein politisches Buch ist und daß ich nicht die Absicht habe, irgend etwas zu verteidigen oder zu befürworten. […] Ist es nicht völlig sinnlos, Folgerungen aus beobachteten Tatsachen herauszuarbeiten, ohne zu praktischen Empfehlungen zu gelangen?

Ich war jedesmal sehr interessiert, wenn mir dieser Einwand begegnete, – er ist solch ein hübsches Symptom einer Haltung, die vieles im modernen Leben erklärt. Wir schmieden dauernd zuviel Pläne und denken dauernd zu wenig nach. Wir nehmen jeden Appell zum Denken übel und hassen jedes ungewohnte Argument, das nicht in Übereinstimmung steht mit dem, was wir schon glauben oder gern glauben möchten. Wir tappen in unsere Zukunft […] – mit verbundenen Augen. Nun, genau dies ist der Punkt, wo ich dem Leser helfen wollte. Ich wollte ihn dazu bringen, daß er nachdenkt.

Und um das zu tun, war es wesentlich, seine Aufmerksamkeit nicht durch Erörterungen abzulenken, was von irgendeinem fixierten Standpunkt aus in der Sache getan werden sollte – das hätte sein Interesse ganz mit Beschlag belegt. Die Analyse hat ihre klarumgrenzte Aufgabe, und an diese Aufgabe wollte ich mich halten, obwohl ich mir der Tatsache völlig bewußt gewesen bin, daß dieser Entschluß mich um einen großen Teil des Echos bringen mußte, das ein paar Seiten voll praktischer Schlußfolgerungen hervorgerufen hätten. […]

Freimütig auch unheilschwangere Tatbestände aufzuzeigen, war noch nie so nötig wie heute; denn es scheint, wir haben den Escapismus, die Flucht vor der Wirklichkeit, zu einem Denksystem entwickelt.

Joseph Alois Schumpeter (1946)

Triggerwarnung

Dieser Text könnte Ihre Gefühle verletzen und Ihre Wünsche die Welt betreffend infrage stellen. Es ist der eigentliche Zweck dieses Textes, genau das zu tun. Nicht als Selbstzweck. Es geht uns darum, Anlässe zu schaffen, um die eigenen Vorurteile an wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Realität zu überprüfen.

VOR- UND DANKESWORT

Bildung ist uns wichtig. Sie ist der Schlüssel zu Wohlstand und individuellem Glück sowie der Garant für unsere Demokratie. Mit Sorge verfolgen wir daher, wohin sich Bildung in Deutschland entwickelt. Sie wird von einer Ideologie geschunden: der Tyrannei der Gleichheit.

In diesem Buch treffen verschiedene Perspektiven aufeinander. Klaus Zierer war einst Lehrer, ist Vater und heute Professor für Schulpädagogik. Mathias Brodkorb hat Philosophie und Altgriechisch studiert und war zunächst Bildungs- und anschließend Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern. Auch er ist Vater. Der Text speist sich somit gleichermaßen aus der Erfahrung darüber, wie Unterricht und Schule funktionieren, wie Schulsysteme gesteuert werden, was der aktuelle Stand der bildungswissenschaftlichen Forschung ist und mit welchen Konzepten wir unsere Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit begründen.

Dieses Buch erhebt aber keinen wissenschaftlichen Anspruch. Manch ein Fachwissenschaftler mag daher unsere Positionen für nicht tief und breit genug begründet halten oder manchmal für zu zugespitzt formuliert. Natürlich hätte man in aller Ausführlichkeit und sprachlich ausgewogen noch viel mehr Daten und Studien berücksichtigen können. Die Welt ist aber schon heute voll von ungelesenen wissenschaftlichen Arbeiten. Dieser traurigen Halde wollen wir nichts hinzufügen.

Es gibt einen weiteren Grund dafür, warum dieses Buch so ist, wie es ist, und er ist der entscheidende: Gleichheit und Gerechtigkeit gehen alle Menschen an. Sie dürfen schon deshalb nicht wie eine Geheimwissenschaft behandelt werden. Jeder Autor muss sich immer entscheiden, welchen Makel sein Text haben soll. Entweder die »Unvollständigkeit« der Argumentation aus wissenschaftlicher Sicht oder die Misslichkeit, von einer breiteren Öffentlichkeit nicht gelesen zu werden. Als politische Bürger haben wir uns in Sachen Gleichheit und Gerechtigkeit für den ersten Makel entschieden, der eigentlich keiner ist.

Die Autoren sind folgenden Wissenschaftlern für kritische Kommentare zu Teilen dieses Buches zu Dank verpflichtet: dem Evolutionsbiologen Axel Meyer, der Pädagogin Katja Koch, den Psychologen Detlef Rost und Olaf Köller, den Soziologen Hartmut Esser und Hans-Peter Blossfeld, dem Wirtschaftswissenschaftler Andreas Siemoneit, dem Althistoriker Egon Flaig, den Philosophen Julian Nida-Rümelin, Harry Lehmann und Christian Thies, dem Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler sowie dem Gräzisten Wolfgang Bernard. Als Probelesern danken wir herzlich für wertvolle Hinweise: Jost Mediger, Heike Polzin, Stefan Bruhn, Rolf Johannes, Conny Proske, Angelika Hergt und Sabine Runze sowie Nicole Gronemeyer für ein akribisches Lektorat.

Ein Gespräch mit einem jener Wissenschaftler, mit dem wir unser Manuskript diskutiert haben, war besonders aufschlussreich. Er hatte viele wertvolle Hinweise und berechtigte Kritik. Dann sagte er ungefähr: »Im Grunde stimme ich den Kernaussagen Ihres Buches ja zu, aber Sie werden damit ganz schön Schwierigkeiten bekommen.« Es ging dabei vor allem um die Illusion, ein auf Gleichheit ausgerichtetes Bildungssystem sei möglich und sinnvoll. Auf unsere Frage, ob wir ihn namentlich zitieren dürften, antwortete der Forscher sinngemäß: »Auf keinen Fall. Das dürfen Sie gern allein durchstehen.«

Trotz dieser Bedenken haben wir dieses Buch geschrieben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, ob mehr Bildungsgerechtigkeit durch mehr Gleichheit hergestellt werden kann oder nicht, widersprechen schon seit sehr langer Zeit den politisch gewünschten Erzählungen. Und fast niemand will darüber sprechen, weil er die Reaktionen der geneigten Öffentlichkeit fürchtet. Wenn überhaupt etwas verdeutlicht, was die geistige »Tyrannei der Gleichheit« in Sachen Bildung heutigentags bedeutet, dann diese Tatsache.

Mathias Brodkorb und Klaus Zierer

DIE SCHULE WIRD ES SCHON RICHTEN Illusionen über die angebliche Reparaturanstalt der Gesellschaft

Wann immer in Deutschland etwas schiefläuft, wird das Bildungssystem zu Hilfe gerufen. Was Eltern und Politik versäumt haben, soll von den Lehrern als Ausputzern der Nation wiedergutgemacht werden. Der Glaube an die Bildung als regelrechten »Hebel der Gesellschaftspolitik«1wurde schon vom großen Liberalen Ralf Dahrendorf im Jahr 1965 formuliert. Er forderte ein »Bürgerrecht auf Bildung«2für alle. Es ging ihm damit um zwei Dinge. Zum einen braucht Demokratie mündige Bürger – und die sind ohne Bildung einfach nicht zu haben. Zum anderen ging es ihm um Chancengleichheit: »Es darf keine systematischen Bevorzugungen oder Benachteiligungen bestimmter Gruppen auf Grund leistungsfremder Merkmale wie Herkunft oder wirtschaftlicher Lage geben.«3Schulen und Hochschulen sollten mündige Bürger mit gleichen Lebenschancen hervorbringen.

Der Mythos, das Bildungssystem könne eine neue Welt erschaffen, hält sich bis heute hartnäckig. Auch hieraus erklärt sich das allseits vertretene Ziel, immer mehr Schüler zum Abitur zu führen. Ob Inklusion, Demokratie, Klimawandel, Digitalisierung oder sogar das Sozialverhalten der eigenen Kinder: Bei allen großen Herausforderungen unserer Zeit soll das Bildungssystem der Entwicklungsmotor schlechthin sein. Das führt zwangsläufig zu einer heillosen Überforderung. Die Folge sind nicht enden wollende Bildungsreformen und -debatten, die viele frustrieren, aber keine nachhaltig besseren Ergebnisse zeitigen. Dabei müsste man nur akzeptieren, dass Kindergärten, Schulen und Hochschulen nicht die Reparaturanstalten unserer Gesellschaft sein können. Frustrationen sind nichts anderes als enttäuschte Erwartungen.

Ende 2024 las John Hattie, einer der einflussreichsten Bildungsforscher der Welt, Deutschland die Leviten: »Es ist das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne.«4Doch auf die PISA-Daten kann eine solche Behauptung schon aus prinzipiellen Gründen nicht gestützt werden, meint der Soziologe Hans-Peter Blossfeld, ein Spezialist für sogenannte Längsschnittstudien: »Mit PISA lassen sich generell keine Aussagen über ›das‹ deutsche Bildungssystem treffen, weil es das gar nicht untersucht. PISA misst ausschließlich die Leistungen 15-jähriger Schüler zu einem gewissen Zeitpunkt.« Wer beurteilen will, wie gerecht ein Bildungssystem ist, muss die Wirkungen des ganzen Systemsin der Zeit untersuchen und nicht nur eine einzelne Momentaufnahme.

Klaus Zierer bot dem SPIEGEL daher im Frühsommer 2025 eine Replik auf Hattie an. Die Redaktion zog jedoch ein Interview vor. Das Gespräch dauerte ungefähr zwei Stunden. Für den Pädagogikprofessor war das eine besondere Erfahrung. Nach seiner Erinnerung waren die Positionen der beiden Journalistinnen mit folgenden Glaubenssätzen kompatibel:

Deutschland hat das ungerechteste Bildungssystem der Welt.

Das liegt am gegliederten Schulsystem. Das Gymnasium muss im Namen von Gleichheit und Gerechtigkeit abgeschafft werden.

Es ist ungerecht, dass gebildete Eltern ihren Kindern beim Lernen helfen. Das vergrößert den Leistungsabstand zu jenen, die dieses Glück nicht haben.

Kinder werden nicht mit unterschiedlichen Begabungen geboren. Und falls doch, muss die Schule dafür sorgen, diese auszugleichen, also zum Verschwinden zu bringen.

Kulturelle Unterschiede sind in der Bildung bedeutsam, wenn es um arme und reiche Eltern geht. Kulturelle Unterschiede, die durch Migration verursacht werden, dürfen jedoch keine Rolle spielen.

Das Gespräch ließ Klaus Zierer ernüchtert zurück. Wie kann es sein, dass man sich in Deutschland Tatsachen verweigert? Oder zumindest nicht bereit ist, über sie auch nur zu diskutieren? Im Juli des Jahres 2025 meldeten sich die beiden SPIEGEL-Redakteurinnen erneut bei Klaus Zierer und teilten ihm mit, »auf das Interview […] nun erst mal verzichten« zu wollen. Der Verlauf entsprach offenbar nicht ihren Erwartungen.

Wenn auch Sie von den überaus deutschen Glaubenssätzen zur Bildung überzeugt sind und diese nicht aufgeben wollen, wird Sie dieses Buch enttäuschen. Wenn Sie es aber zumindest für möglich halten, dass die deutsche Bildungsdebatte unter teils schweren Fehleinschätzungen leidet, dann lassen Sie uns miteinander ins Gespräch kommen. So kommen wir vielleicht gemeinsam der Antwort ein Stück näher, warum das deutsche Bildungssystem trotz aller sicher gut gemeinten Reformen seit Jahrzehnten in der Krise steckt.

Diese Krise liegt schon lange offen zutage. Heute weisen die Schüler noch schlechtere Kompetenzwerte auf als bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000, bekannt geworden als PISA-Schock im Land der Dichter und Denker. Sind nach dem PISA-Schock die durchschnittlichen Schülerleistungen bis 2012 in Deutschland kontinuierlich angestiegen, hat sich dieser Trend längst umgekehrt und zeigt nur noch in eine Richtung: nach unten. Der Leistungsrückgang ist beachtlich und hat mit den PISA-Ergebnissen aus dem Jahr 2022 einen neuen Tiefstand erreicht. Binnen zehn Jahren hat jeder Schüler durchschnittlich etwa ein ganzes Schuljahr an Lernentwicklung eingebüßt.

Jeder dritte Schüler verfehlt in mindestens einem Lernbereich die schulischen Mindestkompetenzen. In Mathematik sind diese Schüler auch nach neun Jahren Schulunterricht »nicht in der Lage, einfache, vollständig beschriebene mathematische Aufgaben zu lösen«.5Dabei ist das nur der Durchschnittswert über alle Schulen hinweg. An Real- und Hauptschulen sieht es noch betrüblicher aus. Handwerksmeister wissen seit vielen Jahren ein Lied davon zu singen. Etwa jeder sechste Schüler verfehlt sogar in allen Lernbereichen das schulische Mindestniveau. Diese »Risikoschüler« sind aussichtsreiche Kandidaten für einen Schulabbruch.6

Umgekehrt bricht die Leistungsspitze unter den Schülern regelrecht zusammen. Im Jahr 2012 haben noch rund vierzig Prozent der Gymnasiasten das Fach Mathematik gut beherrscht. Heute ist ihr Anteil nur noch halb so groß. Im Bereich Lesen ist der Rückgang des Anteils leistungsstarker Schüler an Gymnasien ebenfalls ausgeprägt. Und auch in den Naturwissenschaften ist der Anteil an Spitzenleistungen signifikant rückläufig: von 26 Prozent im Jahr 2015 auf 22 Prozent im Jahr 2022. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat die Bewältigung der Bildungskrise auch angesichts solcher Befunde zu einer »Schicksalsfrage für Deutschland« erklärt: »Die Situation in unserem Bildungssystem ist so dramatisch, dass alle vom Landrat über die Landesminister und Ministerpräsidenten bis zum Bundeskanzler erkennen müssen, dass die Verbesserung der Leistungen im Bildungssystem zur Überlebensfrage für unsere Volkswirtschaft und zunehmend auch für unsere Demokratie geworden ist.«7

Obwohl die gemessenen Schülerleistungen immer schlechter werden, wird der Durchschnitt der Abiturnoten immer besser. Im Jahr 2024 betrug der deutschlandweite Notendurchschnitt 2,3, zehn Jahre zuvor 2,4 und nochmals zehn Jahre zuvor 2,5. Und obwohl die Leistungen selbst der besten Gymnasiasten regelrecht einbrechen, nimmt der Anteil der Einser-Abiturienten stetig zu. Spitzenreiter ist trotz bloß mittelmäßiger Schülerleistungen schon seit langer Zeit das Land Thüringen. Im Jahr 2024 hatten dort mehr als vierzig Prozent aller Abiturienten auf ihren Zeugnissen eine Eins vor dem Komma. In Bayern und Sachsen, den Ländern mit den besten Schülerleistungen, waren es jüngst »nur« rund 32 beziehungsweise 35 Prozent. Das ist nicht nur sachlich völlig unerklärlich, sondern auch völlig ungerecht, denn die Abiturnoten entscheiden darüber mit, wo und welches Fach man studieren darf.8

An mangelndem Geld können die Probleme nicht liegen. Die Ausstattung des Bildungssystems wurde im Laufe der Jahre nicht schlechter, sondern besser. Im Jahr 2002 kümmerte sich in Deutschland ein Lehrer noch um rund 17 Schüler, heute sind es nur noch etwa 14. Man darf diese Schüler-Lehrer-Relation (SLR) nicht mit der Klassengröße verwechseln. In die SLR fließt die Klassengröße ebenso ein wie der Umfang der erteilten Unterrichtsstunden. Sinkt ihr Wert, dann sind entweder die Klassen kleiner geworden, es wurde mehr Unterricht erteilt oder die Pflichtstundenzahl der Lehrer ist gesunken. Dies alles sollte sich positiv auswirken. In den letzten 25 Jahren wurde je Schüler im Trend immer mehr Geld investiert – und trotzdem sind die Ergebnisse schlechter geworden.

Die Bildungsforscher bezeichnen vor allem einen PISA-Befund als regelrecht »alarmierend«9: Kinder mit Migrationshintergrund aus der ersten Generation verlieren zwischen 2012 und 2022 in Mathematik ganze 63 Leistungspunkte. Das entspricht dem Lernfortschritt von zwei Schuljahren. Ihr Leistungsabstand zu Schülern ohne Migrationshintergrund beträgt insgesamt sogar 102 Leistungspunkte. Das sind mehr als drei Schuljahre.

Wie sehr der jeweilige kulturelle Hintergrund den Erfolg von Schule beeinflusst, zeigt ein im Grunde idealtypischer Fall. In der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen gibt es praktisch keine Kinder deutscher Herkunftssprache mehr. Der Journalist Uwe Ebbinghaus beschreibt die Lage so: »Es gibt eine Einschulungsfeier, auf der kaum jemand versteht, was vorne gesprochen wird; kaum ein Kind kann in der ersten Unterrichtsstunde mit dem Satz ›Jetzt nehmen wir das rote Heft aus dem Schulranzen‹ etwas anfangen, vielen ist das Halten eines Stifts oder einer Schere nicht vertraut.«10