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Warum sinkt das Bildungsniveau in Deutschland kontinuierlich? Die Antwort ist unbequem: Eine Gleichheitsideologie hat das System erfasst, die mehr schadet als nützt. Jeder soll alles erreichen können. Der ehemalige Kultusminister Mathias Brodkorb und der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer legen eine fundierte Streitschrift vor, die aufzeigt, wie die Verwechslung von Gleichheit und Gerechtigkeit zur Bildungsmisere geführt hat. Darin decken sie auf, wie die Politik das Bildungssystem systematisch überfordert – von Inklusion über Klimaschutz bis zur Digitalisierung soll die Schule alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Gleichzeitig wird Bildungsgerechtigkeit mit Ergebnisgleichheit gleichgesetzt – ein fataler Fehler. Denn echte Gerechtigkeit bedeutet, jedem die bestmögliche Bildung zu ermöglichen, auch wenn dies zu unterschiedlichen Ergebnissen führt. Mit analytischer Präzision zielen Brodkorb und Zierer auf die »blinden Flecken« der aktuellen Bildungspolitik: die Ignorierung natürlicher Begabungsunterschiede und die Unterschätzung sozialer Komplexität. Ihr Gegenentwurf: »Gerechte Ungleichheit« statt Gleichmacherei – nur so lässt sich die Bildungskrise überwinden.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2026
Mathias Brodkorb · Klaus Zierer
Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft
VOR- UND DANKESWORT
DIE SCHULE WIRD ES SCHON RICHTEN Illusionen über die angebliche Reparaturanstalt der Gesellschaft
VOM VERLUST HISTORISCHEN DENKENS Eine kleine deutsche Bildungsgeschichte
DREI DENKFEHLER IN DER GLEICHHEITSDEBATTE Das Identitätsdogma, die Ergebnisillusion und der Kausalitätsirrtum
MARXENS AUTOMAT UND BOURDIEUS TRANSFORMATIONSMASCHINE Nicht das Geld regiert die Welt, sondern Bildung
DER LORD VOLDEMORT DER BILDUNGSDEBATTE Von der Lotterie des Lebens und der Gene
GERECHTE UNGLEICHHEIT Ohne Anerkennung von Anstrengung und Leistung keine Gerechtigkeit
UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT’? Ohne Leistung geht es nicht
ANMERKUNGEN
Ich dachte, ich hätte jede Vorsicht walten lassen, um ganz klarzustellen, daß dies kein politisches Buch ist und daß ich nicht die Absicht habe, irgend etwas zu verteidigen oder zu befürworten. […] Ist es nicht völlig sinnlos, Folgerungen aus beobachteten Tatsachen herauszuarbeiten, ohne zu praktischen Empfehlungen zu gelangen?
Ich war jedesmal sehr interessiert, wenn mir dieser Einwand begegnete, – er ist solch ein hübsches Symptom einer Haltung, die vieles im modernen Leben erklärt. Wir schmieden dauernd zuviel Pläne und denken dauernd zu wenig nach. Wir nehmen jeden Appell zum Denken übel und hassen jedes ungewohnte Argument, das nicht in Übereinstimmung steht mit dem, was wir schon glauben oder gern glauben möchten. Wir tappen in unsere Zukunft […] – mit verbundenen Augen. Nun, genau dies ist der Punkt, wo ich dem Leser helfen wollte. Ich wollte ihn dazu bringen, daß er nachdenkt.
Und um das zu tun, war es wesentlich, seine Aufmerksamkeit nicht durch Erörterungen abzulenken, was von irgendeinem fixierten Standpunkt aus in der Sache getan werden sollte – das hätte sein Interesse ganz mit Beschlag belegt. Die Analyse hat ihre klarumgrenzte Aufgabe, und an diese Aufgabe wollte ich mich halten, obwohl ich mir der Tatsache völlig bewußt gewesen bin, daß dieser Entschluß mich um einen großen Teil des Echos bringen mußte, das ein paar Seiten voll praktischer Schlußfolgerungen hervorgerufen hätten. […]
Freimütig auch unheilschwangere Tatbestände aufzuzeigen, war noch nie so nötig wie heute; denn es scheint, wir haben den Escapismus, die Flucht vor der Wirklichkeit, zu einem Denksystem entwickelt.
Joseph Alois Schumpeter (1946)
Triggerwarnung
Dieser Text könnte Ihre Gefühle verletzen und Ihre Wünsche die Welt betreffend infrage stellen. Es ist der eigentliche Zweck dieses Textes, genau das zu tun. Nicht als Selbstzweck. Es geht uns darum, Anlässe zu schaffen, um die eigenen Vorurteile an wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Realität zu überprüfen.
Bildung ist uns wichtig. Sie ist der Schlüssel zu Wohlstand und individuellem Glück sowie der Garant für unsere Demokratie. Mit Sorge verfolgen wir daher, wohin sich Bildung in Deutschland entwickelt. Sie wird von einer Ideologie geschunden: der Tyrannei der Gleichheit.
In diesem Buch treffen verschiedene Perspektiven aufeinander. Klaus Zierer war einst Lehrer, ist Vater und heute Professor für Schulpädagogik. Mathias Brodkorb hat Philosophie und Altgriechisch studiert und war zunächst Bildungs- und anschließend Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern. Auch er ist Vater. Der Text speist sich somit gleichermaßen aus der Erfahrung darüber, wie Unterricht und Schule funktionieren, wie Schulsysteme gesteuert werden, was der aktuelle Stand der bildungswissenschaftlichen Forschung ist und mit welchen Konzepten wir unsere Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit begründen.
Dieses Buch erhebt aber keinen wissenschaftlichen Anspruch. Manch ein Fachwissenschaftler mag daher unsere Positionen für nicht tief und breit genug begründet halten oder manchmal für zu zugespitzt formuliert. Natürlich hätte man in aller Ausführlichkeit und sprachlich ausgewogen noch viel mehr Daten und Studien berücksichtigen können. Die Welt ist aber schon heute voll von ungelesenen wissenschaftlichen Arbeiten. Dieser traurigen Halde wollen wir nichts hinzufügen.
Es gibt einen weiteren Grund dafür, warum dieses Buch so ist, wie es ist, und er ist der entscheidende: Gleichheit und Gerechtigkeit gehen alle Menschen an. Sie dürfen schon deshalb nicht wie eine Geheimwissenschaft behandelt werden. Jeder Autor muss sich immer entscheiden, welchen Makel sein Text haben soll. Entweder die »Unvollständigkeit« der Argumentation aus wissenschaftlicher Sicht oder die Misslichkeit, von einer breiteren Öffentlichkeit nicht gelesen zu werden. Als politische Bürger haben wir uns in Sachen Gleichheit und Gerechtigkeit für den ersten Makel entschieden, der eigentlich keiner ist.
Die Autoren sind folgenden Wissenschaftlern für kritische Kommentare zu Teilen dieses Buches zu Dank verpflichtet: dem Evolutionsbiologen Axel Meyer, der Pädagogin Katja Koch, den Psychologen Detlef Rost und Olaf Köller, den Soziologen Hartmut Esser und Hans-Peter Blossfeld, dem Wirtschaftswissenschaftler Andreas Siemoneit, dem Althistoriker Egon Flaig, den Philosophen Julian Nida-Rümelin, Harry Lehmann und Christian Thies, dem Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler sowie dem Gräzisten Wolfgang Bernard. Als Probelesern danken wir herzlich für wertvolle Hinweise: Jost Mediger, Heike Polzin, Stefan Bruhn, Rolf Johannes, Conny Proske, Angelika Hergt und Sabine Runze sowie Nicole Gronemeyer für ein akribisches Lektorat.
Ein Gespräch mit einem jener Wissenschaftler, mit dem wir unser Manuskript diskutiert haben, war besonders aufschlussreich. Er hatte viele wertvolle Hinweise und berechtigte Kritik. Dann sagte er ungefähr: »Im Grunde stimme ich den Kernaussagen Ihres Buches ja zu, aber Sie werden damit ganz schön Schwierigkeiten bekommen.« Es ging dabei vor allem um die Illusion, ein auf Gleichheit ausgerichtetes Bildungssystem sei möglich und sinnvoll. Auf unsere Frage, ob wir ihn namentlich zitieren dürften, antwortete der Forscher sinngemäß: »Auf keinen Fall. Das dürfen Sie gern allein durchstehen.«
Trotz dieser Bedenken haben wir dieses Buch geschrieben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, ob mehr Bildungsgerechtigkeit durch mehr Gleichheit hergestellt werden kann oder nicht, widersprechen schon seit sehr langer Zeit den politisch gewünschten Erzählungen. Und fast niemand will darüber sprechen, weil er die Reaktionen der geneigten Öffentlichkeit fürchtet. Wenn überhaupt etwas verdeutlicht, was die geistige »Tyrannei der Gleichheit« in Sachen Bildung heutigentags bedeutet, dann diese Tatsache.
Mathias Brodkorb und Klaus Zierer
Wann immer in Deutschland etwas schiefläuft, wird das Bildungssystem zu Hilfe gerufen. Was Eltern und Politik versäumt haben, soll von den Lehrern als Ausputzern der Nation wiedergutgemacht werden. Der Glaube an die Bildung als regelrechten »Hebel der Gesellschaftspolitik«1wurde schon vom großen Liberalen Ralf Dahrendorf im Jahr 1965 formuliert. Er forderte ein »Bürgerrecht auf Bildung«2für alle. Es ging ihm damit um zwei Dinge. Zum einen braucht Demokratie mündige Bürger – und die sind ohne Bildung einfach nicht zu haben. Zum anderen ging es ihm um Chancengleichheit: »Es darf keine systematischen Bevorzugungen oder Benachteiligungen bestimmter Gruppen auf Grund leistungsfremder Merkmale wie Herkunft oder wirtschaftlicher Lage geben.«3Schulen und Hochschulen sollten mündige Bürger mit gleichen Lebenschancen hervorbringen.
Der Mythos, das Bildungssystem könne eine neue Welt erschaffen, hält sich bis heute hartnäckig. Auch hieraus erklärt sich das allseits vertretene Ziel, immer mehr Schüler zum Abitur zu führen. Ob Inklusion, Demokratie, Klimawandel, Digitalisierung oder sogar das Sozialverhalten der eigenen Kinder: Bei allen großen Herausforderungen unserer Zeit soll das Bildungssystem der Entwicklungsmotor schlechthin sein. Das führt zwangsläufig zu einer heillosen Überforderung. Die Folge sind nicht enden wollende Bildungsreformen und -debatten, die viele frustrieren, aber keine nachhaltig besseren Ergebnisse zeitigen. Dabei müsste man nur akzeptieren, dass Kindergärten, Schulen und Hochschulen nicht die Reparaturanstalten unserer Gesellschaft sein können. Frustrationen sind nichts anderes als enttäuschte Erwartungen.
Ende 2024 las John Hattie, einer der einflussreichsten Bildungsforscher der Welt, Deutschland die Leviten: »Es ist das ungerechteste Schulsystem, das ich kenne.«4Doch auf die PISA-Daten kann eine solche Behauptung schon aus prinzipiellen Gründen nicht gestützt werden, meint der Soziologe Hans-Peter Blossfeld, ein Spezialist für sogenannte Längsschnittstudien: »Mit PISA lassen sich generell keine Aussagen über ›das‹ deutsche Bildungssystem treffen, weil es das gar nicht untersucht. PISA misst ausschließlich die Leistungen 15-jähriger Schüler zu einem gewissen Zeitpunkt.« Wer beurteilen will, wie gerecht ein Bildungssystem ist, muss die Wirkungen des ganzen Systemsin der Zeit untersuchen und nicht nur eine einzelne Momentaufnahme.
Klaus Zierer bot dem SPIEGEL daher im Frühsommer 2025 eine Replik auf Hattie an. Die Redaktion zog jedoch ein Interview vor. Das Gespräch dauerte ungefähr zwei Stunden. Für den Pädagogikprofessor war das eine besondere Erfahrung. Nach seiner Erinnerung waren die Positionen der beiden Journalistinnen mit folgenden Glaubenssätzen kompatibel:
Deutschland hat das ungerechteste Bildungssystem der Welt.
Das liegt am gegliederten Schulsystem. Das Gymnasium muss im Namen von Gleichheit und Gerechtigkeit abgeschafft werden.
Es ist ungerecht, dass gebildete Eltern ihren Kindern beim Lernen helfen. Das vergrößert den Leistungsabstand zu jenen, die dieses Glück nicht haben.
Kinder werden nicht mit unterschiedlichen Begabungen geboren. Und falls doch, muss die Schule dafür sorgen, diese auszugleichen, also zum Verschwinden zu bringen.
Kulturelle Unterschiede sind in der Bildung bedeutsam, wenn es um arme und reiche Eltern geht. Kulturelle Unterschiede, die durch Migration verursacht werden, dürfen jedoch keine Rolle spielen.
Das Gespräch ließ Klaus Zierer ernüchtert zurück. Wie kann es sein, dass man sich in Deutschland Tatsachen verweigert? Oder zumindest nicht bereit ist, über sie auch nur zu diskutieren? Im Juli des Jahres 2025 meldeten sich die beiden SPIEGEL-Redakteurinnen erneut bei Klaus Zierer und teilten ihm mit, »auf das Interview […] nun erst mal verzichten« zu wollen. Der Verlauf entsprach offenbar nicht ihren Erwartungen.
Wenn auch Sie von den überaus deutschen Glaubenssätzen zur Bildung überzeugt sind und diese nicht aufgeben wollen, wird Sie dieses Buch enttäuschen. Wenn Sie es aber zumindest für möglich halten, dass die deutsche Bildungsdebatte unter teils schweren Fehleinschätzungen leidet, dann lassen Sie uns miteinander ins Gespräch kommen. So kommen wir vielleicht gemeinsam der Antwort ein Stück näher, warum das deutsche Bildungssystem trotz aller sicher gut gemeinten Reformen seit Jahrzehnten in der Krise steckt.
Diese Krise liegt schon lange offen zutage. Heute weisen die Schüler noch schlechtere Kompetenzwerte auf als bei der ersten PISA-Studie im Jahr 2000, bekannt geworden als PISA-Schock im Land der Dichter und Denker. Sind nach dem PISA-Schock die durchschnittlichen Schülerleistungen bis 2012 in Deutschland kontinuierlich angestiegen, hat sich dieser Trend längst umgekehrt und zeigt nur noch in eine Richtung: nach unten. Der Leistungsrückgang ist beachtlich und hat mit den PISA-Ergebnissen aus dem Jahr 2022 einen neuen Tiefstand erreicht. Binnen zehn Jahren hat jeder Schüler durchschnittlich etwa ein ganzes Schuljahr an Lernentwicklung eingebüßt.
Jeder dritte Schüler verfehlt in mindestens einem Lernbereich die schulischen Mindestkompetenzen. In Mathematik sind diese Schüler auch nach neun Jahren Schulunterricht »nicht in der Lage, einfache, vollständig beschriebene mathematische Aufgaben zu lösen«.5Dabei ist das nur der Durchschnittswert über alle Schulen hinweg. An Real- und Hauptschulen sieht es noch betrüblicher aus. Handwerksmeister wissen seit vielen Jahren ein Lied davon zu singen. Etwa jeder sechste Schüler verfehlt sogar in allen Lernbereichen das schulische Mindestniveau. Diese »Risikoschüler« sind aussichtsreiche Kandidaten für einen Schulabbruch.6
Umgekehrt bricht die Leistungsspitze unter den Schülern regelrecht zusammen. Im Jahr 2012 haben noch rund vierzig Prozent der Gymnasiasten das Fach Mathematik gut beherrscht. Heute ist ihr Anteil nur noch halb so groß. Im Bereich Lesen ist der Rückgang des Anteils leistungsstarker Schüler an Gymnasien ebenfalls ausgeprägt. Und auch in den Naturwissenschaften ist der Anteil an Spitzenleistungen signifikant rückläufig: von 26 Prozent im Jahr 2015 auf 22 Prozent im Jahr 2022. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hat die Bewältigung der Bildungskrise auch angesichts solcher Befunde zu einer »Schicksalsfrage für Deutschland« erklärt: »Die Situation in unserem Bildungssystem ist so dramatisch, dass alle vom Landrat über die Landesminister und Ministerpräsidenten bis zum Bundeskanzler erkennen müssen, dass die Verbesserung der Leistungen im Bildungssystem zur Überlebensfrage für unsere Volkswirtschaft und zunehmend auch für unsere Demokratie geworden ist.«7
Obwohl die gemessenen Schülerleistungen immer schlechter werden, wird der Durchschnitt der Abiturnoten immer besser. Im Jahr 2024 betrug der deutschlandweite Notendurchschnitt 2,3, zehn Jahre zuvor 2,4 und nochmals zehn Jahre zuvor 2,5. Und obwohl die Leistungen selbst der besten Gymnasiasten regelrecht einbrechen, nimmt der Anteil der Einser-Abiturienten stetig zu. Spitzenreiter ist trotz bloß mittelmäßiger Schülerleistungen schon seit langer Zeit das Land Thüringen. Im Jahr 2024 hatten dort mehr als vierzig Prozent aller Abiturienten auf ihren Zeugnissen eine Eins vor dem Komma. In Bayern und Sachsen, den Ländern mit den besten Schülerleistungen, waren es jüngst »nur« rund 32 beziehungsweise 35 Prozent. Das ist nicht nur sachlich völlig unerklärlich, sondern auch völlig ungerecht, denn die Abiturnoten entscheiden darüber mit, wo und welches Fach man studieren darf.8
An mangelndem Geld können die Probleme nicht liegen. Die Ausstattung des Bildungssystems wurde im Laufe der Jahre nicht schlechter, sondern besser. Im Jahr 2002 kümmerte sich in Deutschland ein Lehrer noch um rund 17 Schüler, heute sind es nur noch etwa 14. Man darf diese Schüler-Lehrer-Relation (SLR) nicht mit der Klassengröße verwechseln. In die SLR fließt die Klassengröße ebenso ein wie der Umfang der erteilten Unterrichtsstunden. Sinkt ihr Wert, dann sind entweder die Klassen kleiner geworden, es wurde mehr Unterricht erteilt oder die Pflichtstundenzahl der Lehrer ist gesunken. Dies alles sollte sich positiv auswirken. In den letzten 25 Jahren wurde je Schüler im Trend immer mehr Geld investiert – und trotzdem sind die Ergebnisse schlechter geworden.
Die Bildungsforscher bezeichnen vor allem einen PISA-Befund als regelrecht »alarmierend«9: Kinder mit Migrationshintergrund aus der ersten Generation verlieren zwischen 2012 und 2022 in Mathematik ganze 63 Leistungspunkte. Das entspricht dem Lernfortschritt von zwei Schuljahren. Ihr Leistungsabstand zu Schülern ohne Migrationshintergrund beträgt insgesamt sogar 102 Leistungspunkte. Das sind mehr als drei Schuljahre.
Wie sehr der jeweilige kulturelle Hintergrund den Erfolg von Schule beeinflusst, zeigt ein im Grunde idealtypischer Fall. In der Gräfenau-Grundschule in Ludwigshafen gibt es praktisch keine Kinder deutscher Herkunftssprache mehr. Der Journalist Uwe Ebbinghaus beschreibt die Lage so: »Es gibt eine Einschulungsfeier, auf der kaum jemand versteht, was vorne gesprochen wird; kaum ein Kind kann in der ersten Unterrichtsstunde mit dem Satz ›Jetzt nehmen wir das rote Heft aus dem Schulranzen‹ etwas anfangen, vielen ist das Halten eines Stifts oder einer Schere nicht vertraut.«10
Die Folgen können nicht überraschen. Seit mehreren Jahren müssen an der Gräfenau-Grundschule mehr als ein Viertel der Kinder die erste Klasse wiederholen. Viele von ihnen kommen mit geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen in die Schule. Da es zugleich keine Schüler mit Deutsch als Muttersprache mehr gibt, führt das zwangsläufig zu katastrophalen Lernergebnissen. Kinder lernen nicht nur von Lehrern, sondern auch voneinander. Wie aber sollen Kinder effektiv Deutsch lernen, wenn sie untereinander nicht Deutsch sprechen? An diesem Missstand können auch zusätzliche Lehrerstellen nichts ändern.
Die Gräfenau-Grundschule ist alles andere als ein Einzelfall. Eine Lehrerin einer Gemeinschaftsschule in Nordrhein-Westfalen mit einem Migrationsanteil von 98 Prozent berichtet: »Viele Kinder kommen ohne Deutschkenntnisse, ohne basale Fertigkeiten, ohne Sozialkompetenzen in die Klassen. Kleinste Lernschritte müssen immer wiederholt und stark veranschaulicht werden, damit überhaupt ein Mindestmaß an Wissen abgespeichert wird. Besonders besorgniserregend ist, dass immer weniger Kinder am Ende der Grundschulzeit die vorgesehenen Kompetenzen erreichen. Anforderungen werden kontinuierlich gesenkt, weil sie für viele nicht mehr realistisch erscheinen.«11Im Grunde müsste man allen Lehrern dieser und vergleichbarer Schulen einen Verdienstorden verleihen. Sie sind die stillen und oft unsichtbaren Helden des schulischen Alltags.
Es ist zudem wahrscheinlich, dass sich durch die seit 2015 anhaltende massive Zuwanderung von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache die Lernsituation im Schulsystem insgesamt verschlechtert hat – nicht nur durch Corona, sondern auch hierdurch dürfte sich der Leistungsrückgang von Schülern ohne Migrationshintergrund erklären. Auch sie verloren zwischen 2012 und 2022 im Fach Mathematik ein ganzes Schuljahr. Wenn sich die Lernsituation insgesamt verschlechtert, hat das immer Auswirkungen auf alle. Nicht die Schule ist also das Problem, sondern das, was die Gesellschaft ihr zumutet. Natürlich kann man vor den Folgen der ungesteuerten Migration für das Bildungssystem die Augen verschließen. Aber verschwinden werden sie dadurch nicht.
Nun könnte man einwenden, dass Schule mehr Aufgaben hat, als die Lernleistungen der Schüler zu fördern. Und in der Tat ist dieser Gedanke berechtigt. Der Mensch ist mehr als eine Denkmaschine. Er ist eine Persönlichkeit mit einem bestimmten Charakter, mit Gefühlen und einem Körper. Allerdings zeigt sich in allen messbaren Bereichen seit Jahren das gleiche Bild. Die Lage wird meist schlechter – jedenfalls nicht besser.
Betrachten wir hierzu den Bereich der psychosozialen Gesundheit. Jonathan Haidt, ein weltweit anerkannter USamerikanischer Psychologe, hat Unmengen an Daten ausgewertet und kommt für die westliche Welt zu einem eindeutigen Befund: Die junge Generation steckt in einer tiefen Krise.12So hat sich die Selbstmordrate bei jungen Erwachsenen in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt, und die Zahl der Teenager mit schweren Depressionen hat um etwa die Hälfte zugenommen. Gleichzeitig hat sich die Zufriedenheit der Jugendlichen mit sich selbst reduziert. Zu Beginn der 1990er-Jahre lag der Anteil der zufriedenen Jugendlichen noch bei über fünfzig Prozent, heute erreicht er nur noch einen Wert von unter dreißig Prozent. Ebenso nehmen Einsamkeit, Angst und Stress in der nachwachsenden Generation rasant zu. 2006 fühlte sich noch jeder fünfte Jugendliche oft einsam, heute ist es bereits jeder dritte. Im gleichen Zeitraum stiegen das Stressempfinden und Angststörungen bei der jungen Generation von einem Anteil von unter zehn Prozent auf etwa fünfzehn Prozent an.
Und ein Blick auf die körperliche Verfassung sei noch gestattet. Aufschlussreich ist hier die MoMo-Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), die auch einen Vergleich bis in die 1970er-Jahre ermöglicht. Unter die Lupe genommen werden Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren. Sie müssen zum Beispiel motorische Tests wie Reaktionsfähigkeit, Einbeinstand, Standweitsprung und Liegestütz absolvieren. Die Auswertungen von 2003 bis 2020 weisen eine Stagnation der motorischen Fähigkeiten nach. Das kann kein Grund zur Beruhigung sein, denn die Werte verharren seit Jahren auf niedrigem Niveau. Kinder und Jugendliche waren in den Siebziger- und Achtzigerjahren deutlich fitter. Junge Menschen bewegen sich heute zu wenig, sie spielen zu selten im Freien und sind zu selten zu Fuß unterwegs. Nur jedes vierte Kind erreicht die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene tägliche Bewegungszeit von durchschnittlich sechzig Minuten.13Stattdessen verbringen Jugendliche in Deutschland laut Postbank Jugend-Digitalstudie 2024 pro Woche sage und schreibe über 71 Stunden im Internet, also mehr als zehn Stunden am Tag – meist sitzend oder liegend.14Sollen etwa auch daran die Lehrer schuld sein?
Angesichts dieser Befunde kann kein Zweifel bestehen. Das Bildungssystem schafft es nicht mehr, dem ihm übertragenen Auftrag gerecht zu werden, obschon es seit Jahren so viel politische Aufmerksamkeit und Geld wie noch nie erhält. Das Problem sind aber nicht die Schüler oder Lehrer. Vor allem die Politik will nicht wahrhaben, dass die Schule als »Hebel der Gesellschaftspolitik« an unüberwindliche Grenzen stößt.
Die Überforderung des Bildungssystems durch die gesellschaftlichen Bedingungen ist jedoch nur das eine Problem. Ein weiteres kommt hinzu. Ralf Dahrendorf sprach vor rund sechzig Jahren noch von Chancengleichheit. Es ging ihm darum, dass jeder Mensch seine Begabungen entfalten können soll, ohne ungerechtfertigt benachteiligt zu werden. Die unvermeidbare Folge hiervon wäre aber mehr Ungleichheit im Ergebnis und gerade nicht mehr Gleichheit. Es gab Zeiten, in denen man genau das für gerecht gehalten hätte. Aus dem Kampf für Chancengleichheit ist inzwischen aber etwas ganz anderes geworden: der Wunsch nach Gleichheit im Ergebnis (Egalitarismus). Dies führt zu einer weiteren maßlosen Überforderung des Bildungssystems.
Jeder vernünftige Mensch würde zunächst anerkennen, dass das Leben durch Unterschiede, also Heterogenität, geprägt ist. Leben ist immer Vielfalt. Dies zeigt sich in den Lebensläufen, den kulturellen Hintergründen, den sozialen Kontakten, den familiären Voraussetzungen, dem individuellen Interesse, der emotionalen Entwicklung und den geistigen Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen. Aber zugleich ist heute der Glaube weit verbreitet, dass alle Menschen alles lernen können. Angeblich werden sie daran bloß gehindert.
Der Gedanke an eine allumfassende Gleichheit ist in Pädagogik und Philosophie schon seit Langem präsent. Für viele ist er zu einem Dogma geworden, das nicht infrage gestellt werden darf. Schon der französische Aufklärungsphilosoph Jean-Jacques Rousseau lehrte, dass die Ungleichheit der Menschen allein durch die gesellschaftlichen Verhältnisse verursacht werde.15Und der Wegbereiter der modernen Reformpädagogik, Johann Amos Comenius, war überzeugt davon, dass alle Menschen durch die richtige Bildung und Erziehung dasselbe lernen und so zu Gleichen werden könnten.
Zentral ist dabei seine Schrift Pampaedia. Darin entwickelte er den Gedanken einer Bildung für alle, der in dem bekannten Wort »omnes, omnia, omnino« mündet: »alle, alles, umfassend«. Comenius wollte damit zum Ausdruck bringen, dass sich alle Menschen – egal ob reich oder arm, jung oder alt, adelig oder nicht, Frau oder Mann, begabt oder nicht begabt – in jeder Hinsicht bilden können, wenn die Umstände die richtigen sind. Seine Vision: »Wenn […] alle Menschen von Grund aus über Alles belehrt würden, wären sie alle wahrhaft weise, und die Welt wäre voll Ordnung, Licht und Frieden.«16
Was Rousseau und Comenius bereits vor Jahrhunderten forderten, hat sich heute zu einem regelrechten Gleichheitsdogma gemausert. Ging es der Aufklärung und dem bürgerlichen Liberalismus anfangs um echte Chancengleichheit für alle, steht heute ein Streben nach Gleichheit im Ergebnis im Vordergrund. Das eigentliche Ziel ist nicht die optimale Förderung jedes Einzelnen und die Wertschätzung verschiedener Begabungen, sondern die Nivellierung von Unterschieden geworden. Schulische Maßnahmen werden immer mehr darauf ausgerichtet, Ungleichheiten aus der Welt zu schaffen. Und das sei dann zugleich gerecht.
Ein Beispiel hierfür sind die Bundesjugendspiele für Kinder und Jugendliche. Sie wurden bereits im Jahr 2021 reformiert. An die Stelle der traditionellen Wettkämpfe traten sogenannte Wettbewerbe. Seit dem Schuljahr 2023/24 ist der Wettbewerb für die Grundschulen verpflichtend. Der Unterschied zwischen Wettkampf und Wettbewerb ist, dass beim Wettkampf klare Regeln für alle Teilnehmer existieren und die Leistungen an für alle verbindlichen Normen gemessen werden. Es gibt Sieger – und es gibt Verlierer. Beim Wettbewerb hingegen wird von der jeweiligen Schule festgelegt, was gemacht, ob und wie die Leistung bewertet wird. So ist beispielsweise vorgesehen, beim Weitsprung statt in Zentimetern in größeren Zonen zu messen und beim Dauerlauf nicht nur die Zeit als Kriterium heranzuziehen. Es genügt bereits das bloße Durchhalten. Beim Schwimmen kann es schon ausreichen, eine Delphinbewegung ausführen zu können, um Punkte zu sammeln. Anders als im Wettkampf ist beim Wettbewerb die Quote an Ehren-, Sieger- und Teilnahmeurkunden unabhängig von der erbrachten Leistung festgelegt. Das alles wäre in etwa so, als wenn in Mathematik das richtige Ergebnis von »2+3« nicht mehr »5« wäre, sondern »4 bis 6«. Wer darüber oder darunter läge, wäre auch nicht unbedingt gescheitert, wenn er beim falschen Rechnen zumindest »durchgehalten« hätte. Das eigentliche Ziel dieser Bemühungen ist Ergebnisgleichheit (Egalitarismus). Und wo sie nicht möglich ist, will man die Unterschiede zwischen den Kindern durch Änderung der Bewertungskriterien zum Verschwinden bringen.
Zu beobachten ist diese Suche nach Gleichheit auch, wenn über die Abiturquote diskutiert wird. Gemäß einer Studie des Bildungsökonomen Ludger Wößmann beträgt die Wahrscheinlichkeit für den Besuch eines Gymnasiums rund achtzig Prozent, wenn beide Elternteile das Abitur abgelegt haben; haben diese aber kein Abitur, liegt die Wahrscheinlichkeit für den Gymnasialbesuch des eigenen Kindes nur bei zwanzig Prozent.17Auch die PISA-Daten belegen, dass die Schulleistungen umso besser sind, je höher die Bildung der Eltern ausfällt. Nicht nur Wößmann hält das für ungerecht und will diese Unterschiede zum Verschwinden bringen.
Ganz in diesem Geiste erklärte im Jahr 2021 der spätere Bundeskanzler Olaf Scholz: »Der Zugang zu guter Bildung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Wir wollen ohne Wenn und Aber den Bildungserfolg in Deutschland von der sozialen Herkunft entkoppeln.«18Wößmann befeuerte diesen politischen Maximalismus des Kanzlers zwei Jahre später bei der öffentlichen Vorstellung seiner Studie: Bei gezielter Förderung benachteiligter Kinder sei es möglich, deren »Lücken hin zu den weniger benachteiligten Kindern komplett« zu schließen.19Die damalige SPD-Vorsitzende Saskia Esken stimmte begeistert zu: »Wir müssen uns zusammentun und gemeinsam dafür sorgen, dass jedes Kind in unserem Land unabhängig von seiner sozialen Herkunft die gleichen Chancen hat.«20
Olaf Scholz regiert unter Bundeskanzler Friedrich Merz noch immer mit: Auch wegen der miserablen PISA-Ergebnisse war in seiner Amtszeit wieder einmal ein Förderprogramm aufgelegt worden. Es trägt nicht ohne Grund den Namen »Startchancen-Programm« und wurde bei einer Laufzeit von zehn Jahren mit sagenhaften 20 Milliarden Euro ausgestattet. Auf der Internetseite des zuständigen Bundesministeriums kann man sich auch im Jahr 2026 noch immer über das wichtigste Ziel des Programms informieren. Es gehe vor allem darum, den »Bildungserfolg von der sozialen Herkunft [zu] entkoppeln«. Kritisiert wird längst also nicht mehr nur, dass die Leistungen der Schüler in Deutschland mehr als in anderen Ländern vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Aus der Welt geschafft werden soll nunmehr sogar die Tatsache, dass sie überhaupt »noch von der sozialen Herkunft« mitbeeinflusst sind.21Auch im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD auf Bundesebene beginnt das Bildungskapitel mit dem Satz: »Kinder und Jugendliche sollen ihr Potenzial unabhängig von ihrer Herkunft ausschöpfen können.«22In diesem Sinne gibt es »Sozialisten in allen Parteien«23.
»Ohne Wenn und Aber«, »entkoppeln«, »unabhängig«, »komplett«: Diese Ansprüche sind einfach nur atemberaubend. Der Einfluss der Eltern auf die eigenen Kinder soll vollständig aus der Welt verschwinden und der Staat die »Lufthoheit über den Kinderbetten« erobern.24Dazu müsste man konsequenterweise einen Vorschlag des Philosophen Platon umsetzen. Der empfahl vor rund 2500 Jahren, die Kinder ihren Eltern nach der Geburt wegzunehmen und sie in staatlichen Einrichtungen gemeinschaftlich zu erziehen. Die Abhängigkeit der Entwicklung eines Menschen auch vom eigenen Elternhaus generell zu skandalisieren, läuft daher auf die Merkwürdigkeit hinaus, das Recht der Kinder auf ihre Eltern infrage zu stellen. Solange sie von ihren Eltern erzogen werden, lässt sich der Bildungserfolg auch nicht »ohne Wenn und Aber« von ihrer sozialen Herkunft entkoppeln. Wer das dennoch versucht, huldigt zwangsläufig einer »politische[n] Theologie der Benachteiligung«25: »Damit wird der egalitaristische Sozialstaat zur Schöpfungskorrektur, zu einer Art Zweitschöpfung, in der die moralischen Versäumnisse der Begabungsverteilung der Erstschöpfung dadurch korrigiert werden, daß die Begünstigten von den Benachteiligten in Kompensationshaft genommen werden.«26Platon zweifelte immerhin noch an der Umsetzbarkeit seines eigenen Vorschlags.27
In Deutschland kommt es hingegen höchst selten vor, dass Bildungsexperten dem allseitigen Gleichheitswahn entgegentreten. Im Jahr 2023 gab es einen solchen Fall. Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld wurde von einem Journalisten gefragt, warum es trotz aller Schulreformen noch immer nicht gelungen sei, die Abhängigkeit der Schülerleistungen von ihrer Herkunft deutlich zu verringern. Die Antwort war erfrischend ehrlich: »Wenn ein Problem so hartnäckig fortlebt, dürfte die Lösung komplizierter sein, als Politik, Öffentlichkeit, aber auch Wissenschaft meinen.« Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Leistung zeige sich nämlich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit: »Gleiche Bildungschancen für alle sind überall eine Illusion.«28
