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Über Deutschland gibt es viel zu sagen und zu diskutieren. Was ist deutsch? Worauf fußt ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl? Was ist die tiefer liegende Identität der Menschen in Deutschland? Was vermittelt die Muttersprache dem Menschen? Welche Rolle muss die Wirtschaft ausfüllen? Dieser Band versammelt die unterschiedlichen Perspektiven auf unser Land und so kommen der Historiker, der ausländische Freund und ehemalige Botschafter, der Christ, die Literatin und der Manager zu Wort. Sie alle haben ihre eigene Sicht der Dinge, es eint sie die Verbundenheit mit Deutschland und die Sorge um dieses Land und seine Zukunft. Mit Beiträgen von Ulla Hahn, Christian Kullmann, Johann-Michael Möller, Herfried Münkler, Avi Primor, Michael Rutz, Thomas Sternberg und Rüdiger von Voss.
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Michael Rutz (Hg.)
Über Deutschland
Abstieg oder Aufbruch?
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Christian Langohr
Umschlagmotiv: © Nelson_A_Ishikawa / iStock / GettyImages
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, BelgernISBN (Buch): 978-3-451-39975-6ISBN (E-Book): 978-3-451-81645-1
Michael RutzWarum über Deutschland reden?Eine Einführung
Herfried MünklerDeutschland – die zerrissene Mitte EuropasEine politische, geografische und kulturelle Erkundung
Avi PrimorBeste Freundschaft, schwer erworbenEin israelischer Blick auf Deutschland
Thomas SternbergDer Christ ist kein NationalistIm Auftrag der besten Traditionen Europas
Ulla HahnDie Grenzen meiner Sprache ...... bedeuten die Grenzen meiner Welt. – ? –
Christian KullmannVerantwortungsethik als SchlüsselPlädoyer für eine freiheitlich-soziale Moderne
Rüdiger von VossGedanken zur Lage und Verteidigung der RepublikEin besorgter Blick auf Deutschland
Johann Michael MöllerDeutschland, kein WintermärchenEine neue Diskussionskultur entsteht
Die Autoren
Man landet, wenn man über Deutschland nachdenkt, unvermittelt in der eigenen Biografie. Die Stadt meiner Kindheit und Jugend war das oberfränkische Coburg, bis 1989 an drei Seiten umschlossen vom »Eisernen Vorhang«, wie man die Grenze zur damaligen DDR nannte, um klarzumachen: Da endet kein Land, es ist nur eine andere Gegend desselben Deutschland. Die Einheit war das Ziel.
Sie schien weit entfernt. Blickt man von der Veste Coburg nach Nordosten, dann erheben sich am Horizont die wunderbaren, langen, tiefgrünen Bergrücken des Thüringer Waldes. Sie waren nah, doch damals unerreichbar. Nach wenigen Kilometern endeten die Straßen an den Schlagbäumen, zwischen Neustadt und Sonneberg oder bei Eisfeld. Hier begann die Unfreiheit, das Gefängnis DDR, gesichert durch minenbewehrte Todesstreifen und Selbstschussanlagen, an denen Menschen ihr Leben ließen, die hinüberwollten in die Bundesrepublik.
Von den Opfern stand immer wieder in den Zeitungen zu lesen. Die lokalen Blätter unserer Stadt – das Coburger Tageblatt und die Neue Presse – notierten jede Regung an der Zonengrenze, es war ja alles von Belang, denn viele hatten »drüben« Verwandte, die zu sehen fast unmöglich geworden war. Über Umwege konnte man erfahren, wie es denen drüben geht, und immer war auch klar: Dort war ein Leben, das von Knappheit geprägt war.
So packten Deutsche für Deutsche jedes Jahr zu Weihnachten Päckchen. Wer keine Verwandten hatte, der bekam die Adressen oft wildfremder Menschen über Freunde, die Kirchen, bei der Stadtverwaltung oder über das »Büro für gesamtdeutsche Hilfe« in Bonn. »Geschenksendung – keine Handelsware« musste man draufschreiben, Kleidung, Bettwäsche, Backzutaten, Süßigkeiten und vor allem Kaffee waren darin fein säuberlich gelistet und verpackt. In den Planungen der DDR-Führung zur Versorgung der Bevölkerung waren diese Pakete eine feste Größe.
Dann kam das Jahr 1989. Die Verhältnisse im ganzen Ostblock waren unhaltbar geworden – technologisch, wirtschaftlich, menschlich. Die Fluchtbewegungen nahmen zu. Im September – Helmut Kohl focht auf dem Bremer Parteitag gerade um seine Wiederwahl – öffnete die Regierung in Budapest die Grenzen nach Österreich für die in Ungarn urlaubenden DDR-Bürger. Das war der Anfang vom Ende der DDR, mit dem 9. November 1989 – der Öffnung der Mauer in Berlin – wurde dieses Ende besiegelt. Ich war gerade auf einem Seminar im nahe Coburg gelegenen Kloster Banz, als am frühen Abend die Mauer fiel und sich auch die Grenzen rund um meine Heimatstadt öffneten. Sofort fuhr ich hin. Der Marktplatz Coburgs war schwarz von Menschen, die Straßen voller Trabbis, alles war auf den Beinen, die Menschen fielen sich voller Tränen in die Arme: Deutschland war nicht mehr getrennt. 1990 dann trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei, 1994 schließlich hatte Deutschland seine volle Souveränität wiedererlangt.
Aber was damit anfangen? Auf der Westbindung des wiedervereinigten Deutschland hatte Helmut Kohl immer bestanden, George Bush hat auf diese Zusage Kohls vertraut, und Michail Gorbatschow hat sie ihm auch nicht ausgeredet. Unversehens aber fand sich Deutschland als Zentralmacht eines freien Europa wieder – kein Land hat so viele Nachbarn, keines ist wirtschaftlich stärker, keines politisch geforderter. Wir hatten es uns ja bequem eingerichtet: Wir bastelten vor 1990 an unserem Wohlstand, die Alliierten kümmerten sich um die Außenpolitik. Der Erfolg eigener außenpolitischer Initiativen der Bundesrepublik war abhängig vom begleitenden Wohlwollen der Amerikaner, der Franzosen oder der Engländer, die sich die Oberaufsicht über unser Land aufgeteilt hatten.
Noch immer, fast 30 Jahre nach 1989, suchen wir uns, suchen unsere deutsche Rolle. Es dauert ja, bis man sich zurechtfindet in einer neuen Geografie, bis man lernt, damit umzugehen. Darüber wollten wir nachdenken: »Über Deutschland« – so lautete die Überschrift über jene fünf Abende der Münsteraner DomGedanken im August und September 2018, eine Klammer für fünf spannende Vorträge von Ulla Hahn, Herfried Münkler, Christian Kullmann, Thomas Sternberg und Avi Primor. Die Texte findet man in diesem Buch, und hinzugetreten sind zwei Autoren, in deren Lebenserfahrung das ständige Nachdenken über Deutschland liegt, nämlich Rüdiger von Voss und Johann Michael Möller.
Alle Beiträge zusammen ergeben eine facettenreiche Diagnose zu einem Vaterland, das sich im Gegensatz zu seiner Geschichte doch weithin von Vertrauen umgeben sieht. Das neue Vertrauen zu Deutschland – Frankreichs Präsident Macron zitiert da gerne Goethe: »Und so, über Gräber vorwärts!« – hat Gründe, auch Avi Primor in diesem Buch beschreibt den Mut, nach all den Gräueln des Holocaust dennoch voranzugehen, sogar in Freundschaft. Denn dieser Nationalstaat unterscheidet sich von seinen Vorgängern in entscheidenden Punkten. Erstens: Dieses Deutschland hat seine Identität gefunden. Der Historiker Hagen Schulze hat einmal geschrieben, das kleindeutsche Bismarck-Reich, die Weimarer Republik und auch das Hitler-Deutschland seien jeweils nur »Durchgangsstadium auf dem Weg zu einer Utopie« gewesen, »die nur gewaltsam oder gar nicht verwirklicht werden konnte.« So war es, immer gab es Grenzkonflikte, Ausdehnungsgelüste, territoriale Unzufriedenheit. Da ist es sehr erwähnenswert, dass die deutsche Lage erstmals beruhigt und gelassen ist und die Frage Ernst Moritz Arndts, was des Deutschen Vaterland sei, heute klar und auf der Basis unbestrittener Verträge beantwortet werden kann.
Zweitens fallen Einheit und Freiheit erstmals zusammen. Das Grundgesetz der alten Bundesrepublik vor 1989 war nur »von dem Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren«; es forderte die Deutschen auf, diese Einheit und Freiheit »in freier Selbstbestimmung zu vollenden«. Das haben wir mittlerweile erledigt, und zwar – im Unterschied zu den Vorgängern unseres heutigen Deutschlands – mit Zustimmung unserer Nachbarn.
Drittens wird man sagen können, dass Deutschland heute demokratisch gefestigt ist. Die Wahlbeteiligungen sind akzeptabel hoch, sodass sich Legitimitätsprobleme nicht ergeben. Auch weist unser Land alles in allem noch immer eine parteipolitische Struktur auf, die die Regierbarkeit des Landes sicherstellt. Ein kluges Grundgesetz hat diese feste Struktur gesichert, und darauf konnten weder das Kaiserreich noch die Weimarer Republik und schon gar nicht Hitlers Deutsches Reich bauen.
Viertens: Deutschland ist eingebunden in die Europäische Union und in das westliche Verteidigungsbündnis. Diese Einbindung ist von der großen Mehrheit der Deutschen getragen. Sie geht einher mit dem festen Willen Deutschlands zu einem Multilateralismus, der Deutschland vor der Versuchung schützt, durch bilaterale Verträge Machtpolitik zu betreiben, Nachbarn gegeneinander auszuspielen und sich so erneut zu einer Rolle aufzuschwingen, die sich schon mehrfach als verhängnisvoll erwiesen hat. Gerade in diesen Jahren, in denen in manchen Nachbarstaaten nationaler Egoismus wieder auf fruchtbaren Boden fällt, ist diese Haltung bedeutsam.
Im Rahmen dieser europäischen multilateralen Bündnisse aber kommen wir an einer Führungsrolle nicht vorbei. Welche Vorstellung haben wir davon? Wie wollen wir umgehen mit der zunehmend prekären amerikanischen Dominanz in der Welt und auch auf unserem Kontinent? Wie mit den Erpressungen eines verhaltensgestörten amerikanischen Präsidenten unseres engsten Partnerlandes, das wir doch brauchen? Wie mit einem Russland, das an vielfältigen inneren Brüchen leidet, das die Defizite an Demokratie, an Rechtsstaatlichkeit und einer einigermaßen akzeptablen Vermögensverteilung durch ausgreifende und aggressive Machtpolitik zu kompensieren sucht, um die Phantomschmerzen der Gebiets-Amputationen von 1989 zu lindern? Wie bringen wir jene EU-Staaten zur Räson, die Nationalismus und die Ingredienzien eines totalitären Herrschens in den Mottenkisten des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt haben und sich als zunehmend europafeindlich erweisen?
Überall da kommt es auf uns an, auf Deutschland. Deutschlands Mittellage war in der Geschichte stets von Bedeutung, und wir haben sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Verhängnisvollen genutzt. Heute erwächst aus dieser Mittellage die unbedingte Pflicht zur Integration Europas und die Verantwortung für seine weitere friedliche Entwicklung, und Herfried Münkler macht das in seinem Beitrag auf eindringlichste Weise deutlich.
Wir haben da viel Zeit verloren. Was die Reform Europas anlangt, so haben wir unseren östlichen Nachbarn in den letzten zwanzig Jahren nicht gut genug zugehört oder ihre Meinungen geringgeschätzt. Das gegenwärtig expansive, in alle Lebensbereiche tief eingreifende Europa mit seinen Vorschriftsfluten wollen sie nicht – die Österreicher nicht, die Polen, die Ungarn, die Tschechen, die Briten. Sie lehnen ungeregelte Migration ab und haben die Balkanroute, die sich ab 2015 aufgetan hatte, ohne unsere aktive Teilnahme, aber auch zu unseren Gunsten, geschlossen.
Deutschland ist gefordert, diese zentrifugalen Kräfte einzufangen und die ungute europapolitische Suppe, die es selbst mit eingebrockt hat, auszulöffeln. Die Führungsrolle bei diesem neuen Aufbruch aber hat die Bundesregierung bisher wahrnehmbar vor allem den Franzosen überlassen. Emmanuel Macron hat Rede um Rede mit großen Zukunftsentwürfen gehalten, hat begeisternd den Aufbruch angemahnt und hat doch in Berlin immer nur verhaltene Sympathie geerntet, das kleine Karo. Dabei stellte er in seiner Berliner Rede zum Volkstrauertag 2018 ja richtig fest: »Europa, und darin das deutsch-französische Paar, hat die Pflicht, die Welt nicht ins Chaos abgleiten zu lassen. Deshalb muss Europa stärker werden, deshalb muss es eigenständiger werden.«
Stärker aber wird es vor allem durch das persönliche Erleben der Europäer selbst, die Erkundung des Lebensraums Europa, die Anfreundung unserer Nachbarn. Johann Michael Möller beschreibt in diesem Buch eindrucksvoll diesen unmittelbaren Mehrwert des persönlichen Aufbruchs, der dem distanzierten politologischen Diskurs weit überlegen ist.
Die deutsche europapolitische Zögerlichkeit kann man kaum nachvollziehen. Denn die Voraussetzungen sind gut, auch die Bürger Deutschlands mitzunehmen auf die Reise zu größerer europäischer Integration, und wie das gehen könnte, analysiert Rüdiger von Voss in dieser Aufsatzsammlung. Die Demoskopen sagen uns: Europa ist bei den Deutschen eine fest verankerte positive Größe, sie wissen zu mehr als 70 Prozent unsere EU-Mitgliedschaft zu schätzen. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, die für sich genommen gut genug wären und die Christian Kullmann mit christlichem Herz und Überzeugungskraft in diesem Buch in Szene setzt. Vielmehr haben unsere Mitbürger nach zwei von uns begonnenen und verlorenen Weltkriegen auch inkorporiert, welche Konsequenzen ein übersteigerter Nationalismus haben kann, wenn er zu elitärer Selbstwahrnehmung, zu rassistischer Überheblichkeit, zu missionarischem Imperialismus und damit zu Krieg, Tod und Zerstörung führt. Die Deutschen schätzen oder lieben gar ihr Vaterland, ihre Identität aber ist ebenso viel deutsch wie europäisch, und sie nährt sich aus ganz vielfältigen Wurzeln.
Wir mögen Nationalflaggen schwenken, Nationalhymnen singen oder einer Nationalmannschaft zujubeln. Aber die Geschichtsbücher lehren uns doch, wie brüchig Nationen sind. Mal werden die Grenzen hier, dann plötzlich dort gezogen. Österreich, die Schweiz, die Niederlande, Dänemark haben einst zu Deutschland gehört und sind heute eigenständige Nationen. Das Deutsche Reich zu Bismarcks Zeiten schloss bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Pommern, West- und Ostpreußen und Schlesien ein – heute Gebiete Polens oder Russlands. »Nationen sind weder statisch noch ewig«, hat Andreas Fahrmeier das in seinem Buch Die Deutschen und ihre Nation zusammengefasst. Und manche Nationen sind gar von der Landkarte verschwunden.
Wenn es also die nationalen Grenzen nicht sind, die Identität geben – was dann? Schon beim Heimatbegriff wird man auf nationale Grenzen kaum mehr abheben. Heimat ist, wo man herkommt, wo man lebt und liebt, wo man sich wohlfühlt – für einen ist das Bayern, einen anderen Sachsen, einen dritten Helgoland. Auch der Kulturbegriff sprengt Grenzen, er verläuft entlang sprachlicher oder geschichtlicher Wanderungsbewegungen oder innerhalb religiöser Gemeinschaften, er ist eher europäisch als national: In Kultur und Musik, in Philosophie und Religion haben wir eine breite gemeinsame Basis. »Machten wir«, schrieb der spanische Philosoph Ortega y Gasset einmal, »heute eine Bilanz unseres geistigen Besitzes auf, so würde sich herausstellen, dass das meiste davon nicht unserem jeweiligen Vaterland, sondern dem gemeinsamen europäischen Fundus entstammt. In uns allen überwiegt der Europäer bei weitem den Deutschen, Spanier, Franzosen. Vier Fünftel unserer Habe sind europäisches Gemeingut.«
Daraus nährt sich unsere europäische Identität, sie hat ihre lebendigen Wurzeln im christlichen Kulturkreis. Thomas Sternberg entwirft in diesem Buch das Gemälde der reichen christlichen Prägung unserer westlichen Welt und verortet den Christen auf der Seite der Schwachen, der Anti-Nationalisten. Viele der durch das Christentum gewonnenen Errungenschaften wollen wir Europäer unbedingt verteidigen, auch gemeinsam mit den vielen, die aus anderen Kulturkreisen dieser Werte wegen zugewandert sind: unsere republikanischen Freiheiten, unser freies Denken und Reden, die Beugung der Macht unter das Recht, unsere Gleichberechtigung, unseren aus diesen Zutaten abgeleiteten Lebensstil.
Wendet man die Lage wiederum biografisch: Wer in diesen Jahren in Deutschland sein Arbeitsleben beendet, der hat eine historisch ungekannt lange Zeit des Friedens, der Freiheit und des Wohlstandes erleben dürfen, eine Zeit ohne Krieg, eine Zeit des wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritts. Nie ist es uns so gut gegangen wie derzeit. Die Stimmung im Lande spiegelt das nicht immer wider. Zwar bestätigen die Befragten den Befund, wenn sie nach ihren persönlichen Lebensumständen gefragt werden. Aber sollen sie die Nation beschreiben oder gar die Welt, dann denken die Menschen: Dort ist alles irgendwie übler. »Der Mensch ist gut, aber d’Leut san schlecht«, das wusste schon der bayerische Komiker Karl Valentin.
Die Übellaune des deutschen Publikums wird durch Fakten kaum genährt. Der Psychologe Steven Pinker und der Mediziner Hans Rosling haben auf 700 Seiten zusammengetragen, was die Welt nicht schlechter, sondern besser gemacht hat. Ein paar Beispiele: Der Anteil unterernährter Menschen ist von 28 Prozent anno 1970 auf 11 Prozent im Jahr 2015 gefallen. Von 1961 bis 2014 nahm der Getreideertrag in 1000 Kilogramm je Hektar von 1,4 auf 4 zu. Die Sterblichkeit von Kindern vor ihrem 4. Lebensjahr – im Jahr 1800 noch bei 44 Prozent – lag 2016 nur noch bei 4 Prozent. Oder: 1970 wurden noch 65 Prozent aller Mädchen in die Grundschule eingeschult – heute sind es mehr als 90 Prozent. Die Zahl der wissenschaftlichen Fachartikel steigt exorbitant von Jahr zu Jahr, also auch das verfügbare Wissen. Und der Artenschutz macht ebenfalls große Fortschritte: 1959 galten noch 34 Arten als bedroht und besonders schützenswert, heute hat man fast 90 000 Arten unter Schutz gestellt.
Auch das Pro-Kopf-Einkommen stieg in fast allen Ländern weltweit massiv an. An Katar, Luxemburg oder Singapur kommt so schnell niemand heran, aber die Spitzengruppe ist dicht gefüllt mit Staaten der westlichen oder asiatischen Welt, die allermeisten halten sich in der Mittelgruppe auf, im letzten Waggon liegen Somalia, Burundi, der Kongo und Niger abgeschlagen und nagen wirklich am Hungertuch. Immerhin: Es sind nur noch ganz wenige Staaten, wo wirklich des Hungers wegen gestorben wird.
Woher also der Eindruck, die Weltlage sei prekär? Einen großen Teil der Verantwortung hierfür liegt im Medienkonsum unserer Tage. Weil das gründliche Lesen stark zurückgeht, sinkt das Informationsniveau. Zwar treiben sich immer mehr Deutsche ersatzweise im Internet herum. Sie holen sich auch dort Informationen und sind der festen Überzeugung, sie seien so bestens informiert und das werde die Demokratie verbessern. Oder sie schauen Fernsehen und halten das für besonders authentisch, schließlich haben sie dort ja alles »mit eigenen Augen gesehen«.
Tatsächlich ist Fernsehen außerordentlich konsumgünstig. Denn Fernsehen ist in seiner Symphonie aus Bild, Ton und Text ein emotionales Medium. Um fernzusehen, muss man keine Kulturtechnik erlernt haben, weder Lesen noch Schreiben. Auch gelangen die Botschaften ins Haus, ohne dass der Empfänger irgendeine »kognitive Dekodierung« einsetzen muss. Das ist der Grund, warum jeden Tag dreißig Millionen Menschen fernsehen, im Durchschnitt fast vier Stunden. Man kann sich dem Fernsehen einfach hingeben, und schön gefühlig ist es auch.
Da ist es schwer, Politik verständlich zu machen. Denn wie jeder weiß, der fernsieht, wird die Information des Textes rasch vergessen, die vom Bild geprägte Emotion aber bleibt lange haften. Deshalb kann das Bildhafte, das Emotionale die immer wiederkehrenden Aufregungszyklen in ihrer Wirkung auch verstärken, die in unserer Mediengesellschaft kommen und auch wieder verschwinden: Das Waldsterben, der Rinderwahn, das Robbensterben, das Ozonloch, die Vogelgrippe und andere Aufreger mehr.
Wenn aber die Emotion die Fernsehkommunikation prägt, wird auch die Politik dort so kommunizieren müssen. Wer durchdringen will, dessen Botschaften müssen auch im politischen Geschäft unterhaltungsorientiert, emotional affirmativ oder auch dramatisch daherkommen. Komplexe Information wäre da am falschen Platz, da die fernsehgeneigten Rezipienten, also die Wahlbürger, ihre Befähigung und auch ihre Neigung zur Abstraktion zu reduzieren im Begriff sind. Komplexe Sachverhalte werden deshalb auf Personen und konkrete Einzelfälle ausgerichtet, die man uns als vorgeblich exemplarisch präsentiert.
Sachverhalte werden rasch vergessen – der Praxistest erweist das. Zwanzig Minuten nach einer der inflationären Polit-Talkshows werden die Zuschauer zwar die Argumente, die Informationen, weitestgehend vergessen haben. Aber sie haben einen starken Eindruck davon, wer es dem anderen gezeigt, wer im Kampfgetümmel die Oberhand behalten hat. Mit Realitätswahrnehmung, gar mit gründlicher Information, hat das nichts zu tun.
Man kann das beklagen und etwa darüber räsonieren, dass die Welt dümmer wird, wenn sie nicht liest und immer mehr fernsieht, sie also nur noch von Emotionen lebt. Solche Klage aber bleibt folgenlos. Denn der Zeitgenosse mag die Politiker – weil sie eben handlungsgeleitet und politisch erfolgsorientiert sind – zwar verdächtigen, ihm die Wirklichkeit nur ausschnittsweise zu präsentieren. Und er mag auch die Medien unter einen ja nicht immer unbegründeten Manipulationsverdacht stellen. An seinem Medienkonsumverhalten aber ändert er deshalb noch lange nichts. So bleibt dieses Kommunikationssystem stabil, in dem sich der Bürger-Rezipient sein Weltbild aus diesen Medien sortiert, das umso gefestigter wird, je verdichteter Information und Emotion zusammengefügt sind. So ergibt sich eine Wirkung, die unabhängig sein kann von der Relevanz einer Information.
Es ist klar, was daraus folgt: Man muss mitmachen, komplexe Zusammenhänge dekonstruieren. Politische Fernsehkommunikation hat ganz viel mit einfacher Sprache zu tun, mit einfachen Sätzen, mit Anschaulichkeit, mit punktgenauen Metaphern. Mit seiner Sprache, aber auch mit seiner eigenen Rhetorik und mit seiner Erscheinung muss der Politiker es schaffen, das emotionale Potenzial des Zuschauers zu besetzen. Er muss ihn für sich einnehmen. »Die Sprache ist das Haus des Seins« – wer sie beherrscht, kommt klar in seinem Haus, seinem Land – wer nicht, fällt hintenüber oder lebt mit seiner Sprache in fremden Häusern und hat sein eigenes verloren. Ulla Hahn macht auf den folgenden Seiten eine bestürzende Bilanz auf, was dieser Satz in Migrationszeiten bedeuten kann.
Oft gelingt das mit Begriffen. Für einen komplexen Vorgang einen Schlüsselbegriff zu finden, das ist die Kunst. Denn »die Sprache der Politik ist die Sprache der Begriffe«, Schlüsselwörter muss man finden, also »in einem Begriff festgemachte Zukunftsentwürfe mit Vergangenheitsdeutungen, die politische Programme suggerieren, ohne sie zu explizieren«. Mit ihrer Hilfe kann dann »die unzulängliche Gegenwart vor der Instanz der Zukunft angeklagt werden«, beschrieb das der Politikwissenschaftler Wolfgang Bergsdorf.
Immer schon haben wir deshalb von »Freiheit«, »Gerechtigkeit«, »Solidarität« geredet, heute etwa von »Chancengleichheit«, »Teilhabe«, »Inklusion« – Schlüsselwörter also, »die Parteinahme verlangen, welche der Adressat kaum verweigern kann« (Bergsdorf), aber Schlüsselwörter zugleich, deren Inhalt in der politischen Kommunikation vage bleiben kann.
Wenn es also auf Gründlichkeit nicht mehr ankommt, haben die Verantwortungsethiker unter den Politikern ein schweres Leben, der Politiker also, der sich nicht in der Lage fühlt, »die Folge seines eigenen Tuns auf andere abzuwälzen, er wird sagen: Diese Folgen werden meinem Tun zugerechnet« (Max Weber). Der Gesinnungsethiker hingegen (vor allem bei AfD und den GRÜNEN gibt es davon viele) baut auf einfache Begriffe, auf Emotionen und sucht so sein Ziel zu erreichen, »er fühlt sich«, schreibt Max Weber in seinem Aufsatz »Politik als Beruf«, »nur verantwortlich dafür, dass die Flamme der reinen Gesinnung und damit des Protestes nicht erlischt.« Man könnte auch sagen: Der Gesinnungsethiker ist der Bruder Leichtfuß im politischen Personal, und davon haben wir am linken und rechten Rand unserer Politik zu viele.
Fassen wir die Lage in Deutschland doch so zusammen: Die Geschichte hat uns in einer glückhaften Fügung unsere Einheit in Freiheit beschert. Unsere ehemaligen Feinde haben uns zwei Weltkriege, den Nationalsozialismus und deren mörderische Folgen vergeben. Wir wissen, dass wir in unserer europäischen Mittellage nun viel mehr Verantwortung für diesen Kontinent übernehmen müssen. Aber die Menschen sind schwerer erreichbar geworden, die kommunikative Basis des politischen Geschäfts erodiert, sie sind schwerer »mitzunehmen« auf einem Weg, der von vielen Vorteilen, aber auch von Opfern und Solidaritätsnotwendigkeiten gesäumt ist. Denn die Massenmedien gründeln seicht, sie neigen zur Affirmation vorgefasster Meinungen und zur emotionalen Verkürzung von Themen. Das nährt den Populismus. Man muss sich etwas einfallen lassen.
Dass in diesem Buch das Nachdenken darüber möglich ist, verdanken wir der Vortragsreihe DomGedanken, zu der das Domkapitel zu Münster jährlich einlädt, unter freundlicher Förderung durch die EVONIK Industries in Essen, deren kulturpolitisches Engagement eindrucksvoll und anhaltend ist und die auch dieses Buch ermöglicht. Es wurde sachkundig verlegerisch betreut von Katrin Pommer vom Herder Verlag. Gemeinsames Ziel aller ist es, Deutschland voranzubringen auf einem guten Weg der Freiheit und Verantwortung.
»So kam ich unter die Deutschen«, beginnt der Briefschreiber in Friedrich Hölderlins Hyperion seine Klage über das Land in der Mitte Europas, das von ihm mit den Augen eines Fremden in gleichsam ethnografischer Distanz beschrieben wird. »Ich kann kein Volk mir denken«, so seine Beobachtung, »das zerrißener wäre, wie die Deutschen«.1 Legt man die Konstellationen des späten 18. Jahrhunderts zugrunde, als Hölderlins Briefroman entstand, so könnte die Vermutung naheliegen, dass der Schreiber damit die politischen Konstellationen im Zentrum des politisch in den letzten Zügen liegenden Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation gemeint hat: Die in den Revolutionskriegen noch einmal geschwächte kaiserliche Zentralgewalt, die diversen Staaten im Reich, die eine weitgehend selbständige Politik gegenüber den Mächten außerhalb des Reichs betrieben; den sich verschärfenden Gegensatz zwischen Anhängern und Gegnern der aus Frankreich nach Deutschland übergreifenden Revolution, der die einen zu Freunden und die anderen zu Feinden Frankreichs werden ließ – kurzum all das, was Hölderlins Tübinger Stiftsgenosse Georg Wilhelm Friedrich Hegel einige Jahre später zu der dezidierten Feststellung kommen ließ, Deutschland sei »kein Staat mehr«.2
Doch von all dem ist im Bericht des Hölderlinschen Briefschreibers nicht die Rede. In einer überraschenden Wendung beschäftigt sich Hyperion mit der berufsständischen Ordnung in Deutschland, die, so seine Beobachtung, alle Energie und Aufmerksamkeit der Menschen binde und sie davon abhalte, an der Ausbildung ihres Menschseins zu arbeiten.
»Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, junge und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinanderliegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?«3
Nicht machtpolitische Fragen, so Hölderlins Vorstellung, sind von der Revolution in Frankreich auf die politische Tagesordnung der Deutschen gesetzt worden, sondern es geht um die Verwirklichung bürgerschaftlicher Humanität und humaner Bürgerschaftlichkeit, eines Ideals, wie es die drei Tübinger Freunde Hölderlin, Hegel und Schelling einige Jahre zuvor in ihrem Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus in die Welt der antiken Sittlichkeit zurückprojiziert hatten.4 Es war dies eine Welt, in der nicht privater Reichtum, sondern das Gemeinwohl aller im Mittelpunkt menschlichen Tuns stand, und insofern war die Verwirklichung des Menschseins gleichbedeutend mit der Betätigung als Bürger.
So jedenfalls stellten es sich die drei Tübinger vor. Sie nahmen an, mit dem Ausbruch der Revolution in Frankreich habe das große Vorhaben einer Wiedergewinnung dieser antiken Sittlichkeit begonnen. Die Kämpfe in Frankreich waren für sie keine Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Ständen und Schichten der französischen Gesellschaft, in denen es darum ging, wer welchen Einfluss auf die Ausgestaltung der politischen Verhältnisse hatte, sondern ein Projekt der Zurücknahme, jedenfalls Unbedeutsammachung gesellschaftlicher Unterschiede und Gegensätze sowie der Schaffung einer Gemeinschaft freier Bürger, die als Ermöglicher einer ungehemmten Entwicklung des Menschen dienen sollte. Aus diesem Blickwinkel heraus waren die Verhältnisse in Deutschland mit ihren ausgeprägt berufsständischen Ordnungen, in denen die Zugehörigkeit zu einer Schicht und einer Berufsgruppe darüber entschied, wer man war, das Gegenteil dessen, was die Revolution in Frankreich in der Sicht der drei Tübinger zu verwirklichen versprach.
Wohl kaum eine Gruppe hat in die Französische Revolution und ihre Ergebnisse größere Erwartungen gesetzt als die Intellektuellen in Deutschland, nicht nur die Tübinger Stiftler Hegel, Hölderlin und Schelling, sondern auch die Brüder Schlegel, dazu Schiller und Fichte sowie viele andere. Selbst nicht in die politischen Kämpfe verwickelt, sondern sie von außen beobachtend und kommentierend, luden sie die Revolution mit Vorstellungen auf, wie sie die Praktiker des revolutionären Kampfes in Paris wohl kaum zu denken wagten.
Zwar spielte auch bei einigen von ihnen, namentlich bei Robespierre und St. Just, die Antike eine gewisse Rolle, insbesondere die Idee der Bürgertugend als Voraussetzung einer stabilen Republik,5 doch so weitreichende Vorstellungen, wie die vom Verschwinden des Staates als Zwangsanstalt infolge einer Versittlichung der Menschen, lag außerhalb ihrer politischen Vorstellungen. Gänzlich involviert in die politischen Kämpfe, in denen sie ihre Ziele und Interessen zur Geltung bringen wollten und dafür Sorge tragen mussten, dass sie dabei nicht selbst unter die von ihnen in Betrieb genommene Guillotine gerieten, hatten sie weder den Sinn dafür noch die Gelegenheit dazu, ihrem Tun eine Perspektive zu verleihen. Diese lief auf die Überwindung von Arbeitsteilung und eine in jeder Hinsicht freie Entwicklung des Menschen hinaus, also auf das Ende jeder gesellschaftlichen Zerrissenheit, nicht nur der politischen, sondern auch der sozialen.
