Über Suizidalität sprechen -  - E-Book

Über Suizidalität sprechen E-Book

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Beschreibung

Wenn ein nahestehender Mensch Suizidgedanken äußert oder einen Versuch unternimmt, fühlen sich Angehörige oft hilflos und überfordert. Dieses Buch schildert wahre, anonymisierte Beratungsfälle und zeigt typische Herausforderungen: Wie spricht man mit suizidgefährdeten Menschen? Was kann man anbieten? Wo liegen die Grenzen der Hilfe? Mit einfühlsamen Geschichten und therapeutischen Erläuterungen hilft das Buch, eigene Gefühle zu sortieren und zu erkennen, was man tun kann und was vielleicht auch nicht. Es hilft, mit der Ohnmacht umzugehen und selbst Hilfe zu suchen, wenn man Unterstützung braucht, zum Beispiel bei einer Beratungsstelle wie der ARCHE. Angehörige sollten mit ihren Sorgen nicht allein bleiben – dieses Buch gibt Orientierung und Halt.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DIE ARCHE Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V. (Hg.)

Über Suizidalität sprechen

Erfahrungen aus der Angehörigenberatung

Unter Mitarbeit von Peter Brieger und Susanne Menzel

Der Herausgeber

Der Verein »DIE ARCHE – Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V.« wurde 1969 gegründet und betreibt seitdem eine Beratungsstelle in München-Schwabing. DIE ARCHE bietet Beratung für Menschen in Lebenskrisen und bei Suizidgefährdung an, für Menschen aus dem Umfeld einer suizidgefährdeten Person und für Hinterbliebene nach Suizid.

An dem Buchprojekt haben sich alle Mitarbeitenden beteiligt. Die Mitglieder des Beratungsteams haben Psychologie, Sozialpä­dagogik oder Medizin studiert und eine psychotherapeutische oder fachärztliche Zusatzqualifikation. Auf dem Foto sind: Gerda Schumacher, Dr. Ulrike Wegner, Michael Martinz, Kathrin Maierhofer, Burak Yazman, Lucia Wasserrab, Michael Beckenbauer, Bettina Robl, Anian Geyer, Eszter Mottl, Elisabeth Baier und Heidi Graf. www.die-arche.de

Dankeschön

Dieses Buchprojekt wurde von der Anni Gruber Stiftung gefördert.

Die 1994 von Anni Gruber gegründete Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, psychisch Erkrankte und deren unmittelbar betroffene Angehörige zu unterstützen. www.anni-gruber-stiftung.de

DIE ARCHE Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e.V. (Hg.) Über Suizidalität sprechen Erfahrungen aus der Angehörigenberatung 1. Auflage 2025 ISBN: 978-3-86739-374-4 ISBN E-Book (PDF): 978-3-86739-380-5 ISBN E-Book (EPUB): 978-3-86739-381-2

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

© Psychiatrie Verlag, Köln 2025 Psychiatrie Verlag GmbH Ursulaplatz 1 50668 Köln [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf ohne Zustimmung des Verlags vervielfältigt, digitalisiert oder verbreitet werden. Die Nutzung unserer Werke für Text- und Datamining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Lektorat: Anna Oster, Berlin Umschlagkonzeption und -gestaltung: Michael Schmitz, www.grafikschmitz.de, Arnbruck, unter Verwendung eines Holzschnittmotivs von Sabine Häusler, www.sabinehaeusler.deSatz: Psychiatrie Verlag Druck und Bindung: Plump Druck & Medien, Rheinbreitbach

■■■■ Inhalt

■■■■ Vorwort

■■■■ Angehörige sind immer mitbetroffen1

■■ ■■ Worum geht es in diesem Buch?

■■ ■■ Wie und durch wen ist dieses Buch entstanden?

■■■■ Voneinander lernen: Über Suizidalität sprechen Ein trialogisches Gespräch

■■ ■■ Wie erlebe ich die suizidale Krise? Was macht das mit mir?

■■ ■■ Was hilft?

■■■■ Warnsignale erkennen: Wie ernst muss ich das nehmen?

■■ ■■ Was tun, wenn das eigene Kind nicht mehr leben will? Eine Mutter kommt mit ihrer Tochter in die Beratung

■■ ■■ Schlecht drauf oder suizidal? Chef und Mitarbeitende fragen sich, wie ernst es ein Kollege meint

■■ ■■ Erfahrungen aus der Beratung

■■■■ Ansprechen: Wie kann ich in Kontakt kommen?

■■ ■■ Eine Mutter ist mit den Suizidgedanken und Selbstverletzungen ihres Sohnes konfrontiert

■■ ■■ Die Angst, etwas Falsches zu sagen: Drei Studierende machen sich Sorgen um einen Freund

■■ ■■ Erfahrungen aus der Beratung

■■■■ Hilfreich sein: Was kann ich konkret tun?

■■ ■■ Ein Sohn macht sich Sorgen um seinen verwitweten Vater

■■ ■■ Ein Gruppenleiterteam begleitet gemeinsam eine junge Frau durch die Krise

■■ ■■ Erfahrungen aus der Beratung

■■■■ Akute Suizidalität: Wie mit der Angst umgehen?

■■ ■■ Eine Krise spitzt sich zu: Drei erwachsene Kinder helfen ihrer Mutter, Unterstützung zu bekommen

■■ ■■ Der Schock: Eltern werden überrascht vom Suizidversuch ihres Sohnes

■■ ■■ Erfahrungen aus der Beratung

■■■■ Selbstsorge und Grenzen setzen: Was kann ich für mich tun?

■■ ■■ Was, wenn sich nichts ändert? Ein Ehemann taucht nach Suizidankündigungen wiederholt ab

■■ ■■ Die Schweigepflicht: Eine gute Freundin soll für sich behalten, was ein Freund angedeutet hat

■■ ■■ Unter Druck: Ein Ex-Freund kündigt seinen Suizid an

■■ ■■ Erfahrungen aus der Beratung

■■■■ Was die Wissenschaft über Suizidalität weiß – und was nicht

■■ ■■ Wie häufig sind Suizide?

■■ ■■ Wie häufig sind Suizidversuche?

■■ ■■ Wer nimmt sich das Leben?

■■ ■■ Wie entwickelt sich Suizidalität?

■■ ■■ Welche Risikofaktoren gibt es für Suizid?

■■ ■■ Was wissen wir zu Suiziden im Krankenhaus?

■■ ■■ Was weiß die Wissenschaft zur Freiverantwortlichkeit und zum assistierten Suizid?

■■ ■■ Wie kann Suizidprävention erfolgreich sein?

■■ ■■ Abschließende Überlegungen

■■■■ Anhang

■■ ■■ Zehn Hinweise für den Umgang mit Menschen, die suizidgefährdet sind8

■■ ■■ Anlaufstellen

■■ ■■ Hilfeangebote im deutschsprachigen Raum

■■ ■■ Weiterführende Informationen

■■ ■■ Verwendete Literatur

■■■■ Vorwort

Suizidäußerungen eines Angehörigen, ob psychisch krank oder nicht, stellen für das soziale Umfeld des betroffenen Menschen eine enorme Belastung dar. Die Angehörigen sind hilflos und überfordert und wissen in aller Regel nicht, wie sie mit dem Problem umgehen sollen oder wo sie wirksame Unterstützung finden können. Suizidankündigungen gehören auch in der Angehörigenberatung zu den schwierigsten Themen überhaupt, da es kein Patentrezept zur Vorbeugung und Verhinderung gibt. Schließlich kann man, zumindest außerhalb einer Fachklinik, niemanden vierundzwanzig Stunden am Tag unter eine Käseglocke stecken und ständig überwachen.

Auch rechtlich befinden sich die Angehörigen hier in einer Grauzone und bekommen häufig wenig oder keine Unterstützung von der gerufenen Polizei oder den zuständigen Behörden, da oft schwer einschätzbar ist, wie ernst man eine Suizidankündigung nehmen muss. Die Angehörigen, aber auch ehrenamtliche und professionelle Beratende, befinden sich im Zwiespalt: Ist die geäußerte Suizidabsicht schon akut gefährdend oder »nur« Ausdruck einer momentanen Missstimmung? Zudem fragen sie sich, ob sie womöglich sogar noch wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden können, wenn sie wider besseren Wissens die ihnen zumutbaren Maßnahmen zur Verhinderung eines Suizids des betroffenen Menschen nicht ergriffen haben.

Eine Suizidäußerung sollte vom sozialen Umfeld immer ernst genommen werden. Eine absolute Gewähr für Erfolg beim Versuch der Verhinderung von Suizidversuchen gibt es leider nicht und kann es wohl auch nie geben. Jedoch können die ausführlichen Hinweise und Handlungsempfehlungen im vorliegenden Buch für eine erfolgreiche und rechtzeitige Intervention durch Angehörige sehr hilfreich sein, zumal es unterschiedliche Erfahrungen und Konstellationen sowie Hilfemöglichkeiten und Wege aufzeigt, die mit einer Suizidankündigung verbundenen Ängste und Sorgen zu teilen.

Ein gewisser Prozentsatz der suizidgefährdeten Menschen leidet an einer psychischen Erkrankung, welche wiederum die Ursache für Suizidankündigungen und Suizidversuche sein kann. Die organisierten Angehörigen psychisch erkrankter Menschen begrüßen daher das vorliegende Buch als eine wertvolle Hilfe für Angehörige von suizidgefährdeten Personen.

Erfreulicherweise nehmen sich auch Politik und Fachleute in letzter Zeit zunehmend des Themas Suizidprävention an, was wir selbstverständlich in vollem Umfang unterstützen. Angehörige psychisch erkrankter Menschen leiden enorm unter Dauerstress, welcher durch Suizidäußerungen des betroffenen Menschen noch erheblich verstärkt wird. Sie haben ja in der Regel eine starke emotionale Bindung zu diesem Menschen, möchten nur das Beste für ihn erreichen und, soweit irgend möglich, sein vorzeitiges Ableben verhindern. Daher gilt für alle Beteiligten in so einer Krisensituation – Betroffene und Angehörige – die Aussage in der Einleitung des vorliegenden Buches: »Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jedes Leben lebenswert ist und jeder Mensch einzigartig.«

Karl Heinz Möhrmann Vorsitzender des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) e. V.

■■■■ Angehörige sind immer mitbetroffen1

1https://www.apk-muenchen.de abgerufen am 11.07.2025.

Wenn jemand von Suizid spricht oder einen Suizidversuch unternimmt, geraten die Menschen in seiner Umgebung meist seelisch unter Druck. Das Wissen um die Suizidalität kann schockierend und zutiefst beängstigend sein. Es macht uns hilflos und stellt möglicherweise die Gewissheiten unseres Zusammenlebens infrage. Das Bild des Spielzeugmobiles verdeutlicht, wie alle Teile einer Familie oder eines sozialen Umfelds des suizidgefährdeten Menschen aus der Balance geraten, wenn an einem Element heftig gezogen wird. Ein solch heftiges Aus-dem-Alltag-und-Gleichgewicht-gerissen-Werden beschreiben Angehörige von Menschen in suizidalen Krisen. Nach dem ersten Schock folgen meist Angst, Sorge und Hilflosigkeit, dass der nahestehende Mensch sich das Leben nehmen könnte. Wenn es bereits zu einem Suizidversuch gekommen ist, mag die Erleichterung zunächst groß sein, dass die Person überlebt hat. Doch die Verunsicherung bleibt. Wird er oder sie es wieder tun? Häufig berichten Angehörige dann von Schuld- und Schamgefühlen. Sie möchten nicht, dass ihr Umfeld von der suizidalen Krise ihrer nahestehenden Person erfährt. Suizid ist in unserer Gesellschaft noch immer mit einem Stigma belegt. Angehörige geraten durch diese Situation häufig selbst in eine Krise.

Wie viele Menschen solche Erfahrungen machen müssen, ist nicht bekannt. In Deutschland nehmen sich schätzungsweise 10.000 Menschen pro Jahr das Leben. Vermutlich führen zehnmal so viele einen Suizidversuch durch, also 100.000 pro Jahr. Suizidforschende gehen davon aus, dass sechs bis dreißig Personen im direkten Umfeld von einem Suizid betroffen sind. Wenn wir annehmen, dass von einem Suizidversuch genauso viele Angehörige betroffen sind wie von einem Suizid, dann kommen wir schnell in den Bereich von Millionen betroffener Angehöriger jedes Jahr. In dieser Schätzung sind jedoch nicht die Personen enthalten, die Suizidgedanken haben, aber noch keine Suizidhandlung begangen haben. Auch diese Personen haben Angehörige, die manchmal davon erfahren und dann sehr besorgt sind. Die Zahl der Angehörigen ist also vermutlich noch viel größer. Auch wenn die Situation von Menschen in suizidalen Krisen und von Suizidhinterbliebenen in den letzten Jahrzehnten etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, besteht weiterhin großer Handlungsbedarf, um deren Lage zu verbessern. Dies gilt auch für Unterstützungsangebote für Angehörige suizidgefährdeter Menschen.2

2 Persönliche Nachricht vom 08.06.2025, Georg Fiedler, Nationales Suizidpräventionsprogramm (NaSPro).

In der Suizidprävention werden sogenannte Gatekeeper als wichtig erachtet. Das sind Personen, die das Wissen und die Kompetenz haben, suizidgefährdete Menschen zu erkennen und ihnen den Zugang zum Hilfesystem zu ermöglichen. Zu diesen Gatekeepern zählen auch Angehörige. Überraschenderweise gibt es dazu bislang wenig wissenschaftlich evaluierte Angebote, die die Kompetenzen von Angehörigen im Umgang mit Suizidalität stärken.

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass jedes Leben lebenswert ist und jeder Mensch einzigartig. Die individuellen Lebenssituationen, in denen Menschen verzweifeln und dringend Hilfe benötigen, sind ebenso vielfältig. Krisen gehören zum Leben, und jeder Mensch hat ein Recht auf Hilfe. Wir verstehen Suizidalität als Hilferuf und Ausdruck einer Notlage, in der die betroffene Person eine als unerträglich erlebte Belastungssituation beenden möchte und deshalb so nicht mehr leben will. Suizidalität kann als ein verzweifelter Lösungsversuch eines gegenwärtig unlösbar erscheinenden inneren oder äußeren Konflikts betrachtet werden. Wir verstehen Suizidalität in starkem Maße als Beziehungsgeschehen. Die Bewältigung erfolgt unseres Erachtens in großen Teilen im Rahmen einer vertrauensvollen und zugewandten Beziehung, die an sich bereits eine »antisuizidale« Hilfe darstellt. In der Suizidalität steckt eine Botschaft, die verstanden werden will. Der suizidale Mensch hat sich meist aus der sozialen Welt zurückgezogen. Eine Kontaktaufnahme, ein Gespräch, eine Beziehung kann helfen, den Blick wieder zu weiten und alternative Lösungsstrategien zu entwickeln. Dabei ist es nicht nötig, Lösungen für die Person zu finden. Zuhören ist meist am besten, aber oft auch am schwierigsten. Getreu dem Motto: »Reden hilft – Zuhören auch.«3

3 Titel der Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention DGS am 12.04.2024 online.

■■■■ Worum geht es in diesem Buch?

Dieses Buch möchte Angehörigen Anregungen geben, wie sie sich hilfreich für die betroffene Person verhalten können. Es ersetzt keine professionelle Unterstützung, die in einer lebensbedrohlichen Situation notwendig ist. Es soll nicht belehren oder vorschreiben, was richtig und falsch ist. Wir haben großen Respekt vor den Leistungen der Angehörigen, die häufig unermüdlich die durch die psychische Krise entstandenen Belastungen »mittragen«. Wir dürfen nicht vergessen: Wenn professionelle Helfende bereits Feierabend haben und nach Hause gehen, sind Angehörige noch da.

Nicht jeder Suizid kann verhindert werden. Das ist eine schmerzhafte Gewissheit. In diesem Buch werden nur Geschichten erzählt, in denen die suizidale Krise bewältigt werden konnte. Damit wollen wir nicht verleugnen, dass eine solche Krise auch mit dem Tod des Betroffenen enden kann. Wenn sich ein geliebter Mensch das Leben nimmt, bedeutet das für die meisten Hinterbliebenen eine existenzielle Erschütterung ihres Vertrauens in sich selbst, in die Beziehung zum Verstorbenen und in das Leben. In der Regel benötigen Hinterbliebene Hilfe bei der Bewältigung des Verlusts und eine Trauerbegleitung. In Deutschland existieren verschiedene Angebote für Suizidhinterbliebene. Wir verweisen an dieser Stelle ausdrücklich auf die bundesweite Selbsthilfeorganisation AGUS – Angehörige um Suizid e. V.4 Die Arbeit von AGUS e. V. und vielen anderen regionalen und überregionalen Organisationen, die Trauernde nach dem Suizid einer nahestehenden Person unterstützen, hat einen sehr wichtigen Beitrag zur Förderung der Prävention und Entstigmatisierung von Suizidalität geleistet. Bei AGUS e. V. finden Hinterbliebene regionale Hilfsangebote und Informationen, um einen solchen Verlust zu bewältigen. An- und Zugehörige befinden sich in einer spezifischen Situation, für die bislang relativ wenige Angebote existieren. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, uns in diesem Buch auf ihre Situation zu fokussieren.

4 Schweiz: https://www.selbsthilfeschweiz.ch; Österreich: https://oekuss.at/

Dieses Buch beginnt mit einem Gespräch zwischen Angehörigen, von Suizidalität betroffenen Personen und Professionellen, das im Mai 2025 in den Räumen der ARCHE geführt wurde. Darin werden die unterschiedlichen Perspektiven und das Erleben von Suizidalität deutlich. Im zweiten Teil werden anhand anonymisierter Fallgeschichten ausgewählte, häufig vorkommende Herausforderungen sowie mögliche Handlungsstrategien für Angehörige und Freunde von sui­zidalen Menschen besprochen. Wie erkenne ich eine suizidale Krise? Wie spreche ich den Betroffenen am besten an, um die Suizidgefahr einzuschätzen? Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten habe ich? Was tun bei akuter Suizidalität? Was kann und darf ich angesichts einer solchen Krise für mich selbst tun? Die Fallgeschichten werden um Erfahrungen aus der Beratung ergänzt, in denen sich umfassende Informationen zum Umgang mit Suizidalität finden. Prof. Dr. med. Peter Brieger und Dipl.-Psych. Susanne Menzel stellen in einem abschließenden Kapitel den aktuellen Wissensstand zum Phänomen der Suizidalität dar: Was weiß die Wissenschaft? Im Anhang finden sich ausgewählte regionale und überregionale Anlaufstellen sowie weiterführende Informationen.

■■■■ Wie und durch wen ist dieses Buch entstanden?

Die ARCHE ist die Beratungsstelle des Vereins »DIE ARCHE – Sui­zidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V.« in München. Neben Krisenintervention für Menschen in suizidalen Krisen und Trauerbegleitung für Hinterbliebene nach einem Suizid bietet sie auch Beratung für Angehörige, die sich Sorgen um jemanden machen. Alle Beratenden des ARCHE-Teams haben an diesem Buch mitgearbeitet und ihre Erfahrungen beigesteuert. Das ARCHE-Team kann auf einen großen Erfahrungsschatz mehrerer Generationen von Mitarbeitenden und Vereinsmitgliedern zurückgreifen. Dieser gibt Sicherheit und Kraft, Menschen durch Krisen gut zu begleiten – bildhaft gesprochen: in stürmischer See nicht unterzugehen.

Wir danken zuallererst den Menschen, die uns ihr Vertrauen geschenkt und sich in der Beratungsstelle Hilfe geholt haben. Menschen, seien es Betroffene, Angehörige oder Hinterbliebene, von denen wir immer wieder beeindruckt waren, wenn sie uns ihre kreativen Lösungen und ihren Mut, sich dem Leben zu stellen, gezeigt haben, während wir sie auf einem Stück ihres Weges durch ihre Krisen begleitet haben. Wir danken unseren Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen, die uns geholfen haben, noch mehr darüber zu lernen, wie das Phänomen Suizidalität verstanden werden kann und erlebt wird. Wir freuen uns auch ganz besonders über den Beitrag von Prof. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums und Dipl.-Psych. Susanne Menzel, Referentin des kbo-Isar-Amper-Klinikums, zu diesem Buch. Suizidprävention und Krisenintervention sind nur in einem Netzwerk von Akteuren möglich. Wir bedanken uns deshalb an dieser Stelle auch bei allen kooperierenden Institutionen und Organisationen für die Zusammenarbeit, zum Beispiel dem Krisendienst Psychiatrie Bayern, den Telefonseelsorgen, der Münchner Insel, AETAS-Kinderstiftung und den Kliniken des Bezirks Oberbayern. Insbesondere danken wir auch denjenigen Organisatio­nen, mit denen wir in der Angehörigenarbeit immer wieder zusammenarbeiten: AGUS e. V., Mitten im Leben e. V. und der APK Bayern und München. Mit der Idee eines Netzwerks für Suizidprävention im Großraum München hoffen wir, diese Zusammenarbeit im Sinne der Menschen in Lebenskrisen in den kommenden Jahren weiter zu stärken. Ebenso gilt unser Dank dem Bezirk Oberbayern, der Stadt München, der evangelischen und der katholischen Kirche, den Krankenkassen sowie den Spendern und Spenderinnen sowie Stiftungen, die die Arbeit der ARCHE finanzieren. Schließlich gilt unser Dank Karin Koch und dem Psychiatrie Verlag sowie unserer Lektorin Anna Oster, die dieses Buch möglich gemacht haben.

Die ARCHE ist als Kriseneinrichtung für den Großraum München und ganz Oberbayern zuständig. Als Akteur der Suizidprävention blicken wir zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Buches im Jahr 2025 hoffnungsvoll auf die aktuellen politischen Entwicklungen. Zu diesen Entwicklungen zählt die lang erwartete gesetzliche Verankerung der Suizidprävention in einem Suizidpräventionsgesetz. Dieses Gesetz könnte eine Verbesserung für Menschen in suizidalen Krisen und deren Angehörige bewirken sowie die dringend nötige Finanzierung der Einrichtungen und Akteure der Suizidprävention sichern und den weiteren Ausbau ermöglichen.

Suizidprävention ist möglich.5 Mit diesem Buch möchten wir einen kleinen Beitrag leisten und Wissen für den Umgang mit Suizidalität in die breitere Öffentlichkeit bringen, um die Aufgabe der Suizidprävention gemeinsam zu bewältigen.

5 Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention DGS, https://www.suizidprophylaxe.de/suizidalitaet1/allgemeine-informationen/abgerufen am 11.07.2025.

■■■■ Voneinander lernen: Über Suizidalität sprechen Ein trialogisches Gespräch

Das folgende Gespräch wurde im Mai 2025 in der ARCHE aufgezeichnet. Dabei kamen sechs Menschen mit verschiedenen Perspektiven zusammen, um sich über ihr Erleben in Bezug auf Suizidalität auf Augenhöhe auszutauschen. Ein solcher Austausch wird seit vielen Jahren in der Sozialpsychiatrie praktiziert und ist als Trialog bekannt geworden. Das Gespräch ist ein Versuch, die verschiedenen Erfahrungen zusammenzubringen: die der von Suizidalität betroffenen Menschen, die der Angehörigen und die der professionellen Helfenden.

Michael Martinz: Ich schlage vor, dass wir alle kurz schildern, aus welcher Perspektive wir mit dem Thema Suizidalität zu tun haben. Ich bin hier bei der ARCHE als Berater tätig.

Petra Müller: Ich bin aus der Perspektive einer Mutter hier. Mein Sohn ist 19 Jahre alt, und das Thema Suizidalität begleitet uns seit zweieinhalb Jahren. Am Anfang stand eine suizidale Krise. Es verläuft nie konstant – es gibt immer wieder Einbrüche. Wir haben eine unfassbare Entwicklung durchgemacht: Vom anfänglichen Schock bis hin zu Situationen, in denen wir nicht wussten, was mit ihm ist. Ich sage oft: Das ist jetzt unsere neue Realität. Man wird aus der Normalität gerissen und befindet sich plötzlich in einer Art Parallelwelt. Das ist meine Perspektive.

Lisa Schmidt: Auch ich spreche aus der Perspektive einer Mutter. Ich habe vier Kinder, meine jüngste Tochter ist 21 Jahre alt und psychisch erkrankt. Das Thema Suizidalität begleitet uns seit mindestens fünf Jahren – mit wiederkehrenden Krisen. Es gab insgesamt drei Suizidversuche, der letzte erst im Februar. Sie war damals in einer Klinik und befindet sich auch aktuell in einer psychosomatischen Einrichtung. Ich möchte das unterstreichen: Es ist, als ob man in einer Parallelwelt lebt – zwei Leben nebeneinander. Und all das, was dazugehört – die Ängste, die Sorgen –, das ist ein großes Feld, das einen ständig begleitet.

Heidi Graf: Ich bin Mitarbeiterin bei der ARCHE. Dort berate ich Betroffene und Angehörige.

Moritz Becker: Ich bin 30 Jahre alt und selbst von Suizidalität betroffen – etwa seit 2012, kurz nach dem Abitur. Die Krisen kamen in Abständen und wurden immer intensiver. Anfangs hatte ich noch große Angst vor dem Tod, war dem Thema eher distanziert. Doch das hat sich über die Jahre verändert. Es gab zwar noch keinen Suizidversuch, aber konkrete Planungen und Mittelbeschaffungen. Vor zwei Jahren hatte ich eine schwere Krise und ging in eine Klinik. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema. Früher war Suizidalität nur während der Krisen präsent, heute begleitet sie mich auch im Alltag. Vor meinem Klinikaufenthalt war ich bei der ARCHE in Beratung, danach auch in einer Gruppe.

Hanna Schuster: Ich bin Studienberaterin an einer Hochschule. Ich spreche aus einer professionellen Perspektive, wobei ich weder Ärztin noch Psychologin bin. Ich berate seit rund acht Jahren Studierende mit unterschiedlichen psychischen, chronischen oder körperlichen Erkrankungen. Häufig geht es zunächst um Studienfragen, aber schnell auch um tiefere Themen – darunter immer wieder auch suizidale Krisen. So komme ich regelmäßig mit dem Thema in Berührung.

■■■■ Wie erlebe ich die suizidale Krise? Was macht das mit mir?

Heidi Graf: Wir möchten Sie einladen, sich gegenseitig Fragen zu stellen, aufeinander einzugehen. Es muss nicht monologisch nacheinander sein – regen Sie sich ruhig gegenseitig zum Austausch an.

Michael Martinz: Wir haben aber auch einige Impulsfragen mitgebracht, über die wir gern gemeinsam ins Gespräch kommen wollen. Die erste lautet: Wie erleben Sie suizidale Krisen – sei es bei sich selbst, bei Ihrem Kind oder in der Beratung? Was macht das mit Ihnen?

Lisa Schmidt: Ich habe über diese Frage länger nachgedacht, weil man sich das gar nicht so bewusst fragt. Man funktioniert einfach. Was mir aufgefallen ist: Ich habe alle drei Suizidversuche meiner Tochter unterschiedlich erlebt. Gemeinsam war allen ein massiver Schock, denn sie haben sich nie angekündigt. Sie hat sich schwer geöffnet, schämte sich. Als Mutter fragt man sich: Warum ist das so? Ich habe gelernt, auf subtilere Anzeichen zu achten – etwa durch Veränderungen in ihrem Verhalten. Sie selbst sagt, es waren keine geplanten Taten, sondern Affekthandlungen. Was jedes Mal bleibt, ist eine enorme Angst. Es haben immer Familienmitglieder, inklusive mir, sie gefunden. Ich komme beruflich aus der Notfallmedizin, das hilft mir, in der Akutsituation zu funktionieren. Aber das ändert nichts daran, dass man völlig hilflos ist. Man fragt sich, wie es weitergeht, ob es wieder passiert, wie man es verhindern kann. Ich fühle tiefes Mitgefühl – auch, weil ich mir kaum vorstellen kann, wie schlimm es jemandem gehen muss, um sein Leben beenden zu wollen.

Petra Müller: Das kann ich gut nachvollziehen. Diese Hilflosigkeit ist schwer zu ertragen. Man fühlt sich komplett fremdbestimmt. Man überlegt: Habe ich etwas falsch gemacht? Ist das kontrollierbar? Aber ich glaube, es ist nicht kontrollierbar. Das Einzige, woran ich arbeiten kann, ist: ansprechbar bleiben, präsent sein. Unser Sohn meldet sich meistens, nachdem etwas passiert ist – etwa nach einer Tabletteneinnahme. Aber man weiß nie, ob er dann Hilfe bekommt. Ich lebe im Dauer-Alarmzustand. Ich merke auch, wie gut ich inzwischen funktioniere. Wenn ich bei der ARCHE bin, dann breche ich meistens erst richtig zusammen – da weine ich eine Stunde durch. Danach kann ich wieder funktionieren. Und wie Sie sagen: Dieses Mitgefühl – ich kann nicht helfen, obwohl es mein Kind ist, das ist so schwer auszuhalten.

Lisa Schmidt: Ja, und es wirkt sich auf das ganze Familiensystem aus – nicht nur auf den Betroffenen. Es zieht Kreise, wie ein Tsunami, der so anfängt, ins Rollen zu kommen. Die Geschwister sind betroffen, meine Eltern. Es betrifft das gesamte Umfeld. Es schleicht sich so in alle rein. Das kann man gar nicht steuern. Das passiert einfach. Das hat aber auch etwas Positives: Es zeigt, dass Mitgefühl da ist. Nur so kann sich jemand öffnen und Hilfe erfahren. Aber es ist eben auch belastend.

Hanna Schuster: Was Sie beschrieben haben – dass es so plötzlich kommt und die Kinder das gar nicht richtig in Worte fassen können –, das kenne ich gut. Die Menschen, mit denen ich arbeite, wenn es um Krisen oder suizidale Gedanken geht, die kommen ja. Sie reden noch, oder sie suchen aktiv Hilfe. Und genau das macht es für uns in der Beratung oft so schwierig. Plötzlich liegt eine große Verantwortung bei uns. Man ist im ersten Moment manchmal geschockt oder überfordert – weil man nicht weiß, was einen erwartet. Da steht jemand im nächsten Termin vor einem, erzählt zunächst ganz allgemein – und irgendwann kommt dann das Eigentliche. Vielleicht erst, wenn schon etwas Vertrauen da ist. Wenn man mit jemandem eine Stunde spricht, bekommt man oft tiefe Einblicke ins Leben – obwohl man sich vorher gar nicht kannte. Das bewegt einen. Nicht nur mich, das geht vielen Kolleginnen und Kollegen so. Da sitzt ein Mensch in einer existenziellen Krise. Das berührt.

Gleichzeitig schaltet sich die professionelle Rolle ein: Wie kann ich helfen? Man versucht präsent zu bleiben, empathisch – und gleichzeitig auf einer Metaebene zu überlegen, was jetzt hilfreich wäre. Wenn sich jemand öffnet, diesen schweren Schritt geht und von sich erzählt, dann ist das für mich ein starkes Zeichen: Es ist noch Bereitschaft da, Hilfe anzunehmen. Und das empfinde ich, gerade in so zugespitzten Situationen, als etwas sehr Positives. Gleichzeitig spürt man die Verantwortung. In dem Moment ist man die Person, an die sich jemand gewendet hat. Da passiert innerlich viel. Und wie Sie gesagt haben: Man stellt sich das nicht theoretisch vor – man ist einfach mittendrin. Und dann kommt schon der nächste Termin, mit einer anderen, ganz eigenen Geschichte. Das lässt einen nicht kalt. Ich verlasse das Büro nicht und lasse alles hinter mir. Es geht um Menschen.

Moritz Becker: Ich finde, das Reden ist ganz entscheidend. Am Anfang fiel mir das leichter, weil alles neu war. Ich bin generell jemand, der nicht viel für sich behalten kann. Ich habe oft gehofft, dass sich im Gespräch neue Perspektiven auftun. Später fiel es mir schwerer, weil ich das Gefühl hatte: »Schon wieder bin ich an dem Punkt.« Ich wollte niemandem zur Last fallen. Schuldgefühle begleiten mich ständig. Ich weiß, dass Suizidalität nicht nur mich betrifft, sondern auch mein Umfeld. Deshalb war es hilfreich, wenn ich aktiv angesprochen wurde – in der Selbsthilfegruppe zum Beispiel. Da habe ich mich dann doch geöffnet, obwohl ich mich eigentlich verstecken wollte. Es hat gutgetan, ehrlich sein zu dürfen. Vor meinem zweiten Klinikaufenthalt habe ich offen mit meinem Umfeld gesprochen – mit meinem Vater, mit engen Freunden. Aber seit ich aus der Klinik raus bin, hat mich niemand mehr angesprochen. Kein einziges Mal. Dabei würde es mir helfen, gefragt zu werden.

Petra Müller: Das erzählt mein Sohn auch. Er funktioniert nach außen sehr gut. Viele glauben uns nicht, wie ernst die Lage ist. Von außen wirkt er stabil. Auch ich musste lernen, nicht darauf zu hoffen, dass »alles wieder gut« wird. Stattdessen versuche ich ihm zu vermitteln: Es ist okay, wenn du eine Krise hast. Du musst dich nicht zusammenreißen, um uns zu schonen. Sag uns einfach Bescheid, wenn es dir schlecht geht. Was ihn triggert, ist, wenn Leute sagen: »Jetzt geht’s dir ja wieder gut.« Er weiß, dass es wieder kippen kann. Heute spricht er mehr darüber – das ist ein großer Fortschritt.

Hanna Schuster: Ja, das habe ich auch lernen müssen. Es ist nicht gefährlich, jemanden konkret auf Suizidalität anzusprechen. Im Gegenteil – es kann sogar entlasten. Diese Hemmschwelle, sich zu öffnen, ist oft riesig. Und auch als Beraterin muss man lernen, den ersten Schritt zu machen.

Lisa Schmidt: Genau. Am Anfang will man es gar nicht wahrhaben. Als Mutter denkt man: Das kann doch nicht sein. Aber je offener man mit dem Thema umgeht, desto eher entsteht Raum für echte Unterstützung. Dass man auch offen ist und nicht immer so denkt: Man muss funktionieren! Man muss als Kind, als Schüler, Abiturient und junger Mensch einen geradlinigen Weg gehen. Es müsste viel mehr in den Fokus genommen werden, dass es vielleicht Abweichungen geben kann.

Auch Prävention müsste viel früher ansetzen – etwa in Schulen oder Hochschulen. Meine Tochter hat in Jena studiert, sie war auch schon bei Studienbeginn nicht ganz stabil. Wir haben damals verzweifelt versucht, einen Beratungstermin zu bekommen – ohne Erfolg. Heute ist sie seit eineinhalb Jahren krankgeschrieben und nicht arbeitsfähig.

Offenheit ist so wichtig, damit Betroffene nicht allein sind. Freunde meiner Tochter unterstützen sie sehr, aber sie sprechen das Thema nicht an. Sie sehen nur die Fassade. Sie will zeigen, dass es ihr gut geht. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Und dann kommt wieder das Schuldgefühl: »Ich will niemandem Sorgen machen.« Ich sage ihr immer: »Du machst mir mehr Sorgen, wenn du nichts sagst.« Es ist ein schmaler Grat – und man muss lernen, feinfühlig damit umzugehen.

Michael Martinz: Also mir liegt da eine Frage zu dem Thema nachfragen und gefragt werden auf der Zunge. Was würden Sie sagen, Herr Becker? Wie würden Sie gefragt werden wollen?

Moritz Becker: Also ich habe nichts dagegen, ganz direkt gefragt zu werden: »Wie geht es dir mit dem Thema Suizidalität?« Aber ich verstehe auch, dass es schwierig sein kann, das so konkret zu formulieren. Man muss aber auch nicht immer den Finger direkt in die Wunde legen. Man könnte zum Beispiel einfach fragen: »Wie geht es dir denn so? « Oder auch: »Wie ging es dir in der Klinik? Was hat sich verändert? « Das kann man gemeinsam reflektieren. Ich finde es auch gut, wenn Menschen nachfragen: »Wie schaust du gerade aufs Leben? Bis du gerade froh, am Leben zu sein?« Gerade in sensiblen Phasen wäre das wichtig.

Petra Müller: Und wie ist es, wenn so Reaktionen kommen, wie: »Das Leben ist doch ...!«

Moritz Becker: Es hilft am meisten, wenn die andere Person einfach zuhört. Wenn die Person versucht, das gemeinsam auszuhalten. Zu versuchen nachzuvollziehen, warum die Person suizidale Gedanken hat. Man kann in so einer Situation nicht darüber diskutieren. Das sind ganz unterschiedliche Perspektiven. Viele denken vielleicht, dass Suizidgedanken rationale Gedanken sind. Aber das ist ja vor allem auch von Gefühlen beeinflusst. Das ist keine Diskussion, die man so objektiv führen kann. Ist das Leben jetzt lebenswert oder nicht? Oder ist das eine gute oder schlechte Entscheidung, sich umzubringen? Es geht darum, zu verstehen, wo das herkommt.

Ich kann natürlich verstehen, dass das eine große Belastung, eine Hilflosigkeit ist. Auch ich kenne Menschen, die suizidal sind. Natürlich ist man dann erleichtert, wenn man den Eindruck hat, dass es jemandem gerade besser geht. Man versucht, Hoffnung zu haben und in die Zukunft zu blicken. Und das ist ja auch ein wichtiger Punkt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Aber oft ist das so ein abschließender Satz: »Ah, es geht jetzt wieder«, und damit ist das Thema beendet. Viel wichtiger wäre es dann, gemeinsam zu schauen, was jetzt weiterhin hilft. Nachzufragen, was die Person sich wünschen würde. Ich habe nämlich auch gelernt, dass eine suizidale Krise auch eine Möglichkeit eröffnen kann, neue Perspektiven auf das Leben zu entwickeln.

Petra Müller: Das merke ich auch als Mutter, als Angehörige, dass es wichtig ist, Hoffnung vermittelt zu bekommen, aber auf eine realistische Art und Weise! Nicht: »Das wird dann schon alles wieder gut«, sondern eher: »Das sind die schlimmen Seiten und da sind aber auch die guten Seiten«. Das ist authentisch und tut dann auch gut, gerade auch wenn man merkt, mein Gegenüber hält das mit mir aus.

■■■■ Was hilft?

Heidi Graf: Sie haben ja schon beschrieben, welchen intensiven Weg Sie in den letzten Jahren gegangen sind, um so darüber sprechen zu können und auch so viel Hilfe anbieten zu können. Am Anfang waren da der Schock und die Hilflosigkeit – und jetzt ist so viel passiert. Da würde mich interessieren: Wie haben Sie das geschafft? Was hat geholfen? Was haben Sie gemacht? Was haben andere gemacht? Und was war vielleicht auch gar nicht hilfreich?

Lisa Schmidt: Spannende Frage! Manchmal frage ich mich das selbst. Ich glaube, es ist auch ein bisschen persönlichkeitsabhängig. Es hilft, wenn man ein eher optimistischer Mensch ist. Mein Credo ist: Auf das Gute schauen, auf das, was gut läuft – und nicht auf das, was hinten runtergefallen ist oder was nicht mehr geht. Das ist wichtig.