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Beschreibung

Aufgrund der hohen Verbreitung und ihrer zentralen Bedeutung im gesamten Lebenslauf ist die Prävention von Übergewicht bereits im Kindes- und Jugendalter von vordringlicher Public Health-Relevanz. Vor diesem Hintergrund wurden in der Vergangenheit zahlreiche Konzepte und Interventionen der Verhaltens- und Verhältnisprävention entwickelt, erprobt und zum Teil verstetigt. Mit Verabschiedung des Präventionsgesetzes im Juli 2015 hat die Bedeutung der Lebenswelten für Maßnahmen, Konzepte und Programme der Gesundheitsförderung und Prävention eine gesetzliche Stärkung erfahren. Vor diesem Hintergrund geben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis einen interdisziplinären Überblick zur Prävention von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter. Neben Grundlagen zur Ätiologie, der Verbreitung und den gesundheitlichen Konsequenzen von Übergewicht werden aktuelle Erkenntnisse zur Evidenzlage sowie zu den Anforderungen an Evaluation und Qualitätssicherung vorgestellt. Entlang der für Kinder und Jugendlichen zentralen Lebenswelten Familie, Kita, Schule und Kommune werden aktuelle konzeptionelle Ansätze der Übergewichtsprävention dargestellt und anhand von Praxisbeispielen beleuchtet.

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Seitenzahl: 812

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Kevin Dadaczynski

Eike Quilling

Ulla Walter

(Hrsg.)

Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter

Grundlagen, Strategien und Interventionskonzepte in Lebenswelten

unter Mitarbeit von

W. Ahrens

B. Babitsch

B. Bacchetta

O. Backhaus

E. Barlösius

G. Bär

I. Brandes

A.-K. Brettschneider

C. Buck

T. Duprée

J. Feesche

J. Feldmann

W. Flor

M. Franze

R. Gansert

M. Garz

R. Gausche

R. Geene

G. Grande

H. Hassel

A.-C. Hellwig

M. Heyn

W. Hoffmann

S. Hoffmann-Steuernagel

U. Igel

M. Ihm

H. Kahrass

W. Kiess

T. Kliche

S. Koesling

A. Kula

B. Kuntz

B.-M. Kurth

J. Lander

S. Liedtke

C. Lorentz

J. Ludwig

S. Ludwig

M. Lück

M. Mertz

M. Müller

M. J. Müller

M. Noweski

P. Paulus

C. Pfau

C. Pischke

I. Pigeot

S. Plachta-Danielzik

S. Pomp

A. Schienkiewitz

S. Schneider

K. Schreiner-Kürten

K. Schubert

U. Spielau

C. H. Splieth

S. Steiniger-Bollmann

D. Strech

W. Süß

A. Vogel

A. Voss

V. Wanek

M. Wildner

H. Zeeb

H. Zöllner

Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter

Kevin Dadaczynski, Eike Quilling, Ulla Walter (Hrsg.)

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Gesundheit

Ansgar Gerhardus, Bremen; Klaus Hurrelmann, Berlin; Petra Kolip, Bielefeld; Milo Puhan, Zürich; Doris Schaeffer, Bielefeld

Kevin Dadaczynski (Hrsg.)

Hochschule Fulda

Fachbereich Pflege und Gesundheit

Leipziger Straße 123

36037 Fulda

[email protected]

Eike Quilling (Hrsg.)

Hochschule RheinMain

Fachbereich Sozialwesen

Postfach 3251

65022 Wiesbaden

[email protected]

Ulla Walter (Hrsg.)

Medizinische Hochschule Hannover

Inst. f. Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung

Carl-Neuberg-Str. 1

30625 Hannover

[email protected]

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Copyright-Hinweis:

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Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Gesundheit

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

[email protected]

http://www.hogrefe.ch

Lektorat: Susanne Ristea

Bearbeitung: Thomas Koch-Albrecht, Münchwald

Herstellung: René Tschirren

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Format: EPUB

1. Auflage 2018

© 2018 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95722-7)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75722-3)

ISBN 978-3-456-85722-0

http://doi.org/10.1024/85722-000

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Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Herausforderung Übergewicht: Was können wir tun? Eine Einleitung

Literatur

Grundlagen, Verbreitung und Wirkungen von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter

1 Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter: Aktuelle Verbreitung, Trends und soziale Unterschiede

1.1 Public Health-Relevanz von Übergewicht und Adipositas

1.2 Definition

1.3 Aktuelle Befunde und Trends in der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

1.3.1 Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) (2003–2006)

1.3.2 Trend in Deutschland

1.4 Unterschiede in der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nach Sozialstatus und Migrationshintergrund

1.5 Ausblick

Literatur

2 Determinanten des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen

2.1 Einführung in die Ursachen von Übergewicht und Adipositas

2.2 Determinanten des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen

2.2.1 Familiäre Faktoren

2.2.2 Soziale Faktoren

2.2.3 Psychosoziale Faktoren

2.2.4 Prä-, peri- und postnatale Faktoren

2.2.5 Lebensstil

2.2.6 Lebenswelt

2.2.7 „Supra-Strukturen“

2.3 Wechselwirkungen zwischen einzelnen Determinanten

2.4 Anteilige Bedeutung der Determinanten

Literatur

3 Gesundheitliche Wirkungen des Übergewichts im Kindes- und Jugendalter

3.1 Gesundheitliche Relevanz von Übergewicht und Adipositas

3.2 Störungen und Erkrankungen des Glukose-Insulin-Stoffwechsels

3.2.1 Insulinresistenz und Glukosetoleranzstörung

3.2.2 Diabetes mellitus Typ 2

3.2.3 Folgeerkrankungen

3.3 Fettstoffwechselstörungen (Dyslipidämien)

3.4 Veränderungen des Herz-Kreislauf-Systems

3.4.1 Arterieller Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)

3.4.2 Funktions- und Strukturveränderungen der Gefäßinnenwand (endotheliale Dysfunktion)

3.4.3 Pathogenese

3.5 Gastrointestinale Erkrankungen – Nicht alkoholbedingte Fettlebererkrankungen und funktionelle Störungen der Gallenblase

3.5.1 Nichtalkoholische Fettlebererkrankungen (NAFL)

3.5.2 Funktionelle Störungen der Gallenblase (Cholescystopathien)

3.6 Erkrankungen der Lunge (pulmonale Erkrankungen)

3.6.1 Restriktive Lungenfunktionsstörung

3.6.2 Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom

3.7 Psychosoziale Erkrankungen

3.7.1 Störungen des Essverhaltens

3.7.2 Stigmatisierung und Depression

3.7.3 Verminderung der Lebensqualität

Literatur

4 Einfluss des Gewichtsstatus von Kindern und Jugendlichen auf Bildungsoutcomes

4.1 Von der Gesundheits- zur Bildungsrelevanz von Übergewicht und Adipositas

4.2 Grundlegende Annahmen über das Zusammenwirken von Gesundheit und Bildung

4.2.1 Einfluss von Bildung auf Gesundheit

4.2.2 Einfluss von Gesundheit auf Bildung

4.2.3 Einfluss von Drittvariablen auf den Zusammenhang von Gesundheit und Bildung

4.2.4 Wirkmodell zum Einfluss von Gesundheit auf Bildung

4.3 Forschungsstand zum Einfluss von Gesundheit auf Bildung

4.3.1 Querschnittstudien zum Zusammenhang von Übergewicht und Bildung

4.3.2 Längsschnittstudien zum Einfluss von Übergewicht auf Bildung

4.3.3 Drittvariablen und Erklärungspfade

4.4 Zusammenfassung und Fazit

Literatur

5 Dicksein – als Abweichung von der gesellschaftlichen Ordnung

5.1 Einleitung und theoretische Rahmung

5.2 Das Forschungsprojekt: dickere Jugendliche

5.3 Das Schlaraffenland: die „verkehrte“ Welt

5.4 Sich gemäß der Ordnung des Essens positionieren

5.5 Zustimmung zur gesellschaftlichen Ordnung

5.6 Was heißt das für Prävention?

Literatur

Weiterführende Literatur

Zur Relevanz der Lebenswelt in der Entstehung und Prävention von Übergewicht

6 Settings und Lebenswelten in der Gesundheitsförderung und Prävention – Begriffe, Ansätze und Abgrenzungspotenziale

6.1 Einführung: Zur Relevanz ganzheitlicher Strategien der Übergewichtsprävention

6.2 Der Settingansatz der Gesundheitsförderung

6.2.1 Annäherung an den Begriff Setting

6.2.2 Kerndimensionen des Settingansatzes

6.2.3 Praxis des Settingansatzes

6.3 Lebenswelten der Gesundheitsförderung und Prävention und deren Abgrenzung zum Setting

6.4 Ableitung von Anforderungen der lebensweltbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention

Literatur

7 Makrosystemische Einflüsse und politische Strategien zur Prävention von Übergewicht

7.1 Hintergrund: Komplexe Herausforderungen erfordern umfassende konzertierte Interventionen

7.2 Internationale Diskussion und Empfehlungen

7.3 Ansätze zur Prävention

7.4 Maßnahmen auf der Makroebene

7.4.1 Fiskalische Steuerung

7.4.2 Lebensmittelkennzeichnung

7.4.3 Marketing

7.5 Fazit: Umsetzung

Literatur

8 Adipogene Umwelten als Determinanten des Übergewichts

8.1 Eine Fallvignette

8.2 Konzept adipogener Umwelten

8.3 Definition adipogener Umwelten

8.4 Systematisierung adipogener Umwelten

8.5 Anwendung des Konzepts adipogener Umwelten

8.6 Empirische Befundlage zu adipogenen Umwelten

8.7 Methodische Herausforderungen bei der Beforschung adipogener Umwelten

8.7.1 Unterscheidung objektiver und subjektiver Aspekte

8.7.2 Unterscheidung kompositioneller und kontextueller Effekte

8.8 Fazit

Literatur

Weiterführende Literatur und Internetquellen

9 Das Walkability-Konzept als Ansatz der lebensweltbezogenen Prävention von Übergewicht

9.1 Von der Verhaltens- zur Verhältnisprävention: zur Relevanz von Walkability

9.2 Das Walkability-Konzept

9.3 Bewegungsfreundliche Merkmale im urbanen Raum

9.4 Räumlicher Kontext

9.5 Wirksamkeit von Veränderungen in der bebauten Umgebung

9.6 Fazit

Literatur

Weiterführende Literatur

Akteure der Prävention von Übergewicht

10 Akteure der Übergewichtsprävention in Deutschland: ein Überblick

10.1 Einleitung: Intersektorale Kooperation und strukturelle Rahmenbedingungen

10.2 Akteure der Prävention von Übergewicht und Adipositas

10.2.1 Staatliche Institutionen

10.2.2 Öffentlich-rechtliche Körperschaften

10.2.3 Freie Träger und ihre Einrichtungen

10.3 Handlungsrahmen – Präventionsgesetz

10.4 Fazit

Literatur

11 „Wer Prävention betreibt, erstrebt Veränderung“ – Übergewichtsprävention aus Sicht staatlicher Institutionen

11.1 Staatliche Institutionen – eine Systematik

11.2 Handlungsrahmen von Bund und Ländern

11.3 Lebenswelten im öffentlichen Raum: staatliches Handeln auf Ebene von Bund, Ländern und Kommunen/Gemeinden

11.3.1 EU-Schulobst- und -gemüseprogramm: EU-Verordnung seit 15. April 2009

11.3.2 IN FORM: von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)

11.3.3 Gesund und fit im Kinder-Alltag (StMELF)

11.4 Fazit

Literatur

Weiterführende Literatur

12 Übergewichtsprävention aus Sicht öffentlich-rechtlicher Körperschaften

12.1 Einleitung

12.2 Prävention und Gesundheitsförderung als Aufgaben der Sozialversicherungsträger – die Nationale Präventionsstrategie

12.2.1 Nationale Präventionskonferenz (NPK)

12.2.2 Bundesrahmenempfehlungen (BRE)

12.2.3 Landesrahmenvereinbarungen (LRV)

12.3 Prävention und Gesundheitsförderung auf Ebene öffentlich-rechtlicher Akteure

12.3.1 Prävention und Gesundheitsförderung als Aufgabe der gesetzlichen Krankenkassen

12.3.2 Prävention und Gesundheitsförderung als Aufgabe der gesetzlichen Unfallversicherung

12.4 Fazit

Literatur

Weiterführende Weblinks

13 Übergewichtsprävention aus Sicht nicht staatlicher Institutionen

13.1 Anforderungen nicht staatlicher Institutionen in der Übergewichtsprävention

13.2 Akteure und Handlungsfelder der Übergewichtsprävention aus Sicht nicht staatlicher Institutionen

13.3 Gemeinsamer Konsens trotz Akteursvielfalt?!

13.3.1 „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“

13.3.2 „Prävention von Übergewicht bei Kindern“

13.3.3 „Lebenslust – Leibeslust. Prävention von Essstörungen im Kita- Schulalltag“

13.4 Schlussfolgerungen

Literatur

Qualität und Evaluation in der Prävention von Übergewicht

14 Qualitätsdiskurs in der Übergewichtsprävention bei Kindern und Jugendlichen

14.1 Einleitung: Qualität und Standards

14.2 Qualitätsdiskurs in der Primärprävention

14.3 Standardsetzende Dokumente zur Übergewichtsprävention bei Kindern

14.4 Beteiligung der verschiedenen Präventionsakteurinnen und -akteure

14.5 Verständigungsprozess zu Qualitätskriterien

14.6 Diskussion

Literatur

15 Wirksamkeit lebensweltbezogener Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter – Eine Übersicht der internationalen Befundlage

15.1 Hintergrund: Herausforderungen für Evaluation von Interventionen

15.2 Endpunkte und Wirkebenen der Übergewichtsprävention

15.3 Methodik

15.4 Ergebnisse

15.4.1 Wirksamkeit von Übergewichtsprävention im Setting Familie

15.4.2 Wirksamkeit von Übergewichtsprävention im Setting Kita

15.4.3 Wirksamkeit von Übergewichtsprävention im Setting Schule

15.4.4 Wirksamkeit von Übergewichtsprävention im Setting Kommune

15.5 Diskussion

Literatur

16 Anforderungen an die Evaluation lebensweltbezogener Ansätze der Übergewichtsprävention

16.1 Evaluation lebensweltbezogener Prävention und Gesundheitsförderung

16.2 Hintergrund: Anforderungen an Evaluationen

16.3 Komplexität der Übergewichtsprävention im Setting

16.4 Evaluationsansätze und -typologien

16.5 Besondere Herausforderungen bei der Evaluation

16.6 Rahmenkonzepte für die Evaluation

16.6.1 RE-AIM-Framework

16.6.2 PRECEDE-PROCEED-Modell

16.7 Die IDEFICS-Intervention als Beispiel der Evaluation von lebensweltbezogenen Programmen der Übergewichtsprävention

16.8 Ausblick

Literatur

17 Ethische Aspekte der Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter: Ausgewählte Ergebnisse einer systematischen qualitativen Übersichtsarbeit

17.1 Hintergrund: Prävention zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

17.2 Methode

17.3 Ausgewählte Ergebnisse

17.4 Diskussion

Literatur

Übersicht zu Interventionen und konzeptionellen Ansätzen der lebensweltbezogenen Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter

18 Konzeptionelle Ansätze in der Prävention von Kinderübergewicht: Umsetzung der Ziele, methodische Vorgehensweise und Ergebnisse im SkAP-Projekt

18.1 Hintergrund: Foki der Angebote

18.2 Ziele des SkAP-Projektes

18.3 Methodisches Vorgehen

18.4 Ableitung von Typen konzeptioneller Ansätze: Variablen und Ergebnisse

18.5 Fazit

Literatur

19 Prävention von Übergewicht in der Lebenswelt Familie – Übersicht zu Interventionen und deren konzeptioneller Gestaltung

19.1 Lebenswelt Familie

19.2 Systematisierung konzeptioneller Ansätze von Interventionen zur Prävention von Übergewicht (SkAP) in der Lebenswelt Familie

19.2.1 Methodisches Vorgehen

19.2.2 Ergebnisse

19.2.3 Grundtypologie konzeptioneller Ansätze bei familienadressierenden Interventionen

19.3 Qualitätsbezogene Aspekte

19.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Literatur

19.5 Praxisbeispiel 1: Gesundheitsförderung und Prävention in Familien – die Rolle von Hebammen und Familienhebammen

19.5.1 Einleitung: Gesetzliche Rahmenbedingungen

19.5.2 Besonderheiten der Hebammen- und Familienhebammenarbeit

19.5.3 (Familien-)Hebammenarbeit im Kontext familiärer Gesundheitsförderung und kindlicher Übergewichtsprävention

19.5.4 Einordnung der (Familien-)​Hebammenarbeit in die Ergebnisse des SkAP-Projektes

Literatur

19.6 Praxisbeispiel 2: Lebensweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung in der Evangelischen Familienbildungsstätte (fbs) Köln

19.6.1 Hintergrund: Aufgaben und Entwicklung der Familienbildungsstätten

19.6.2 Familien frühzeitig erreichen – niederschwellige Zugangswege nutzen

19.6.3 Konzepte, Inhalte und adressierte Determinanten des Übergewichts in den Angeboten der fbs

19.6.4 Evaluationsergebnisse von Elternstart und DELFI® im Kontext der Familienbildung

19.6.5 Einordnung der Interventionen in Anlehnung an die SkAP-Clusterung

19.6.6 Zusammenfassung

Literatur

20 Übergewichtsprävention in Kitas – Übersicht über konzeptionelle Ansätze

20.1 Hintergrund: Kita und Prävention von Übergewicht

20.1.1 Kindertageseinrichtungen in Deutschland

20.1.2 Relevanz von Übergewichts- und Adipositasprävention in Kindertagesstätten

20.2 Ziele und Methodik

20.3 Ergebnisse

20.3.1 Themen und Inhalte der Übergewichts- und Adipositasprävention

20.3.2 Einbindung der Zielgruppen in die Vorhaben

20.3.3 Projektmanagement, Strategien der Vernetzung und Kooperation

20.3.4 Dauer und Nachhaltigkeit

20.3.5 Diskussion

Literatur

20.4 Praxisbeispiel 1: JolinchenKids – ein multidimensionales Programm zur Förderung der Gesundheit in der Kita

20.4.1 Hintergrund und Ziele von JolinchenKids

20.4.2 Konzeption des Programms

20.4.3 Einordnung der Intervention in Bezug auf Komplexität

Literatur

20.5 Praxisbeispiel 2: KNAXIADE – ein flexibles Projekt zur Förderung der Bewegung in der Kita

20.5.1 Hintergrund und Ziele der KNAXIADE

20.5.2 Konzeption und Inhalte des Programms

20.5.3 Einordnung der Intervention in Bezug auf Komplexität

Literatur

Weiterführende Internetquellen

21 Prävention von Übergewicht im Setting Schule: Überblick über Interventionen und deren konzeptionelle Gestaltung

21.1 Hintergrund: Schule als gesundheitlicher Gestaltungs- und Lern-/Lehrort

21.2 Methodik

21.3 Ergebnisse

21.3.1 Deskriptive Darstellung konzeptioneller Aspekte

21.3.2 Grundtypologie konzeptioneller Ansätze von Schulinterventionen

21.3.3 Qualitative Aspekte der schulischen Übergewichtsprävention

21.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Literatur

21.5 Praxisbeispiel 1: Klasse2000 – ein Programm zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Grundschule

21.5.1 Hintergrund und Ziele von Klasse2000

21.5.2 Programmkonzeption

21.5.3 Inhaltlicher Aufbau des Unterrichtsprogramms

21.5.4 Evaluationsergebnisse

Literatur

21.6 Praxisbeispiel 2: Gesundheitskompetenz bei Kindern in der Schule (GeKoKidS)

21.6.1 Einleitung

21.6.2 Theoretische Basis

21.6.3 Ziele, Zielgruppe und grundlegende Ausrichtung von GeKoKidS

21.6.4 Unterrichtsmaterialien

21.6.5 Evidenzbasis des Programms

Literatur

Weiterführende Literatur

22 Übergewichtsprävention in Kommunen bzw. Stadtteil und Quartier – konzeptionelle Ansätze sozialraumorientierter Interventionen

22.1 Hintergrund: Kommunale Übergewichtsprävention, methodisches Vorgehen und Datenerhebung

22.2 Qualitative und quantitative Ergebnisse für die Lebenswelt „Kommune“

22.2.1 Quantitative Ergebnisse und Typologie

22.2.2 Qualitative Ergebnisse – kommunale Besonderheiten und kommunalspezifische Kontextfaktoren

22.3 Ableitung von Lücken und Entwicklungsfeldern aus der Analyse

22.3.1 Quantitative Lücken und Entwicklungsfelder

22.3.2 Qualitative Lücken und Entwicklungsfelder

22.4 Handlungsempfehlungen im Hinblick auf Qualitätsanforderungen und Strukturbildungsprozesse

22.4.1 Fazit zu den Handlungsempfehlungen

Literatur

22.5 Praxisbeispiel 1: Kommunale Gesundheitsförderung quartiersbezogen umsetzen! Das Beispiel „Lenzgesund“ in Hamburg-Lokstedt

22.5.1 Die Lenzsiedlung und das „Präventionsprogramm Lenzgesund“

22.5.2 Handlungsfelder und Strategie des Präventionsprogramms

22.5.3 Verlauf

22.5.4 Ergebnisse

Literatur

22.6 Praxisbeispiel 2: GRÜNAU BEWEGT sich – praxisbezogenes Forschungsprojekt zur Kindergesundheitsförderung und Adipositasprävention in einem Leipziger Stadtteil

22.6.1 Hintergrund zur Bedeutung kommunaler Übergewichtsprävention

22.6.2 Einbindung in den Kontext der kommunalen Gesundheitsförderung der Stadt Leipzig

22.6.3 Praxisbezogenes Forschungsprojekt „Grünau bewegt sich“

Literatur

Herausforderungen und Chancen der lebensweltbezogenen Prävention von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter

23 Herausforderungen und Überlegungen für zukünftige Orientierungen – ein Fazit zur Prävention von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

23.1 Prävention von Übergewicht und Adipositas als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

23.2 Handlungsebenen

23.2.1 Herausforderungen auf der Mikroebene

23.2.2 Herausforderungen auf der Mesoebene

23.2.3 Herausforderungen auf der Makroebene

23.3 Unterstützung der Entwicklung und Implementation wirksamer Interventionen: Monitoring, Evaluation und Umsetzung

23.3.1 Monitoring

23.3.2 Planung und Umsetzung von Interventionen

23.3.3 Evaluation

23.4 Ausblick: Was noch auszuleuchten und zu berücksichtigen wäre

Literatur

Autorenverzeichnis

Sachwortverzeichnis

|15|Geleitwort

Der hier vorliegende Band setzt sich mit einem der gravierendsten Gesundheitsprobleme von Kindern und Jugendlichen in modernen Gesellschaften auseinander. Die Weltgesundheitsorganisation hat Adipositas zur „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ erklärt und damit zum Ausdruck geberacht, um welch dramatische Dimensionen es sich bei dieser Krankheit handelt. Heute stehen Nahrungs- und Genussmittel praktisch an jedem Ort und zu jeder Zeit zur Verfügung. Essen und trinken kann man in jeder Lebenskonstellation des Alltags. Das bedeutet, Kinder und Jugendliche müssen lernen, mit dem Angebot so umzugehen, dass es zeitlich, sozial, physiologisch und psychologisch ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen entspricht. Um das zu erreichen, müssen sie in der Lage sein zu erkennen, welche der Nahrungs- und Genussmittel für sie geeignet und nützlich sind und welche nicht.

Das sind komplexe Anforderungen, die eine hohe Gesundheitskompetenz voraus setzen - die Fähigkeit nämlich, sich die geeigneten Informationen über Nahrungs- und Genussmittel zu verschaffen, sie zu verarbeiten und auf die eigene Lebenssituation zu beziehen. Eine solche Kompetenz kommt nicht von ungefähr. Die große Mehrzahl der jungen Leute erwirbt diese Kompetenz im Laufe der ersten zehn bis 15 Lebensjahre vor allem im Kreis der Herkunftsfamilie, doch eine Gruppe von rund 20 Prozent hat dabei enorme Schwierigkeiten. Die dazu vorliegenden Studien zeigen, dass der Bildungsgrad und die soziale Herkunft eine große Rolle spielen. Fehlernährung und Überernährung sind vor allem in den Gruppen der jugendlichen Bevölkerung zu beobachten, die aus Familien mit einem niedrigen Bildungsgrad und niedrigen sozialen Status stammen. Diese Gruppen sind in allererster Linie dafür verantwortlich, dass die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist.

So überraschend es klingt, die Ursachen für die eklatante Gesundheitsmisere namens „Übergewicht“ sind bisher nur unzureichend erfasst. Die Analysen der Autorinnen und Autoren in diesem Band machen deutlich, dass die Determinanten für Übergewicht und Adipositas tief im gesamten Gesundheitsverhalten und den angeborenen körperlichen Dispositionen von Kindern und Jugendlichen verankert sind. Offenbar haben wir es mit einem hochkomplexen Wechselspiel zwischen individuellen Faktoren und dem sozialen wie auch physischen Lebensumfeld zu tun, dessen Spielregeln bisher noch nicht richtig erkannt worden sind.

Entsprechend schwer tun wir uns mit Prävention und Gesundheitsförderung. Sie stehen in diesem Band deswegen im Vordergrund. Zum ersten Mal wird hier ein vollständiger Überblick über alle bisher bekannten präventiven Strategien im deutschen Sprachraum gegeben. Es wird |16|deutlich, wie vielfältig die Ansätze sind, wie interdisziplinär sie angesetzt sind, und gleichzeitig ist doch unübersehbar, dass noch an keiner Stelle ein wirklicher Durchbruch erzielt werden konnte. Das Thema Übergewicht bleibt eine schwelende Gefahr für die Gesundheit von Angehörigen der jungen Generation. Eine immense Herausforderung, wenn man an die vielfältigen Folgen für die gesamte Lebensführung denkt, die durch Übergewicht und Adipositas entstehen, und an die hohen Kosten, die sich für das Gesundheitssystem und viele andere gesellschaftliche Bereiche ergeben.

Eine wichtige Schlussfolgerung lässt sich aus den Erkenntnissen der Beiträge in diesem Band ableiten: Alleine eine Beeinflussung des individuellen Verhaltens, so wichtig sie ist, bringt keinen Durchbruch. Es ist von allergrößter Bedeutung, Umweltfaktoren mit einzubeziehen und strukturell angelegte, gesundheitsförderliche Ansätze stark zu betonen. Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes gehen auf diese „adipogenen“ Umweltbedingungen und ihre Beeinflussbarkeit ausführlich ein. Als eine wesentliche Komponente wird dabei die Verfügbarkeit von und der Zugang zu gesunden Nahrungs- und Genussmitteln herausgearbeitet. Entsprechende Ansätze müssen auf das Nahrungsangebot und die Kennzeichnung des Nahrungsangebotes zielen.

Ein aktuelles Beispiel ist der Zuckergehalt verschiedener Nahrungs- und Genussmittel, der unklar oder bewusst missverständlich ausgewiesen ist. Solche unhaltbaren Praktiken können letztlich nur durch politische Regelungen eingedämmt werden. Wir brauchen eine Strategie, um zum Beispiel den Gehalt an Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten, die von Kindern und Jugendlichen sehr geschätzt werden, merklich zu reduzieren. Unvermeidbar geht es auch darum, der Lebensmittelindustrie gesundheitspolitisch begründete Grenzen aufzulegen und ihre Lobbyarbeit einzuschränken. Im Nationalen Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland sind diese und andere Empfehlungen ebenso ausgesprochen worden wie in den verschiedenen Aktionsplänen, die sich im engeren Sinne auf das Ernährungsverhalten beziehen.

Ich wünsche dem Band die ihm gebührende fachliche und öffentliche Resonanz und möchte den Herausgeberinnen und dem Herausgeber ebenso wie den Autorinnen und Autoren der Beiträge mein Kompliment für die gelungene Zusammenstellung der Artikel und die gut strukturierte Übersicht zum Stand der Forschung und Praxis aussprechen.

Klaus Hurrelmann, Professor auf Public Health and Education, Hertie School of Governance Berlin

|17|Herausforderung Übergewicht: Was können wir tun? Eine Einleitung

K. Dadaczynski, E. Quilling und U. Walter

Überblick:

Warum ein Buch zum Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen?

Was kann ich als Leser/in von dem Buch erwarten? Wie ist das Buch aufgebaut?

Wie kann ich das Buch am besten nutzen?

Kindheit und Jugend gilt im historischen Vergleich heute als eine weitestgehend gesunde Lebensphase. Infolge der Verbesserung der Lebensbedingungen konnten die Säuglings- und Kindersterblichkeit insbesondere im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts drastisch reduziert und zahlreiche Infektionskrankheiten in ihrer Bedeutung zurückgedrängt werden. Ungeachtet dieser Erfolge verweisen nationale und internationale Studienbefunde auf gesundheitliche Herausforderungen, die bereits seit Ende des 20. Jahrhunderts unter der Bezeichnung „neue Morbidität“ Eingang in die Fachdiskussion gefunden haben. Hierunter wird eine Verschiebung des Krankheitsspektrums von somatischen zu psychischen sowie von infektiösen zu nicht übertragbaren und meist chronisch verlaufenden Erkrankungen verstanden. Gerade nicht übertragbare Erkrankungen wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs und Diabetes Typ 2 gelten im Erwachsenenalter als führende Todesursache. Während weltweit etwa 70 % aller Todesfälle auf nicht übertragbare Krankheiten zurückzuführen sind, sind es in Deutschland bereits etwa 90 % (WHO, 2017a).

Trotz des breiten Krankheitsspektrums zeichnen sich nicht übertragbare Erkrankungen durch ein Bündel gemeinsamer verhaltensbezogener, umweltbezogener und metabolischer Risikofaktoren aus, die für annähernd 60 % aller globalen Todesfälle verantwortlich gemacht werden können (Forouzanfar et al., 2015). Übergewicht, das im Kindes- und Jugendalter weltweit eine hohe Verbreitung erfahren hat, stellt mit seinen vielfältigen Determinanten hierbei einen wesentlichen Risikofaktor dar. Mittlerweile liegt international eine Vielzahl von Einzelstudien vor, die Auskunft über die Gewichtsentwicklung Heranwachsender geben. Der Zusammenführung und Re-Analyse von über 2400 Studien aus 200 Ländern mit insgesamt 129 Millionen Teilnehmenden widmet sich seit einigen Jahren ein globales Forschungsnetzwerk (NCD Risk Factor Collaboration, http://www.ncdrisc.org). Jüngst veröffentlichte Ergebnisse zeigen, dass der Body-Mass-Index (BMI) bei Heranwachsenden innerhalb der letzten 40 Jahre deutlich zunahm. Betrug dieser 1975 bei 5- bis 19-jährigen Mädchen im Durchschnitt 17,2, stieg der BMI bis zum Jahr 2016 auf 18,6 an. Bei Jungen erhöhte er sich von 16,8 auf 18,5 (NCD Risk Factor Collaboration, 2017). Dies entspricht einem Gewichtsanstieg von 0,32 kg/m2 pro Dekade bei Mädchen |18|bzw. 0,40 kg/m2 bei Jungen. Darüber hinaus berichten die Autoren im selben Zeitraum einen Anstieg des starken Übergewichts, d. h. der Adipositas1, von 0,7 % auf 5,6 % bei Mädchen bzw. von 0,9 % auf 7,8 % bei Jungen. Was hier als globaler Trend beschrieben wird, lässt sich auch in Deutschland beobachten. So gelten derzeit etwa 15 % aller deutschen Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren als übergewichtig oder adipös, wobei sich höhere Ausprägungen u. a. bei Heranwachsenden aus Familien mit niedrigem Sozialstatus und mit Migrationshintergrund nachweisen lassen (Kurth & Schaffrath-Rosario, 2007). Werden die Ergebnisse des vom Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS Basisbefragung versus KiGGS Welle 1) im zeitlichen Verlauf betrachtet, so fällt auf, dass sich die Prävalenzwerte des Übergewichts und der Adipositas für die Altersgruppe der 11- bis 17-Jährigen von 2006 bis 2012 kaum verändert haben (KiGGS Basiserhebung: 18,8 % vs. KiGGS Welle 1: 18,9 %; Brettschneider et al., 2015). Solche Plateaueffekte lassen sich nicht nur in Deutschland beobachten, sondern werden insbesondere für industrialisierte Länder mit hohem Einkommen berichtet (Hardy et al., 2017; NCD Risk Factor Collaboration, 2017; Ogden et al., 2016). Prognosen auf Basis der Daten der Global-Burden-of-Disease-Studie gehen allerdings von einem weiteren Anstieg auch in Europa aus. Für Deutschland wird für den Zeitraum 2010 bis 2025 eine leichte Zunahme der Prävalenz von Übergewicht einschließlich der Adipositas bei 2- bis 20-Jährigen von 0,3 % bis 1,3 % angenommen. Diese Prognose wird für Übergewicht ebenso wie für Adipositas gestellt (Boer et al., 2017).

Jüngst vom Robert Koch-Institut im Rahmen der KiGGS Kohorte vorgestellte Daten zu individuellen Verläufen weisen überdies darauf hin, dass der im Kindes- und Vorschulalter entwickelte Gewichtsstatus im Altersverlauf eine große Persistenz aufweist. So wiesen mehr als die Hälfte der bis 6-jährigen Kinder mit Adipositas auch 10 Jahre später noch ein starkes Übergewicht auf (Schienkiewitz et al., 2018). Zudem entwickelten 29% der übergewichtigen Kinder im selben Bezugszeitraum eine Adipositas.

Keine Änderung trotz Prävention?

Was zunächst als Indiz für positive Wirkungen der Präventionsbemühungen der vergangenen Jahrzehnte erscheinen mag, wird von anderen als allenfalls begrenzter Präventionserfolg gewertet. So resümieren auch Pigeot und Walter (2016; S. 1369) in ihrem Editorial eines Schwerpunktheftes zur Prävention von Übergewicht, dass bisherige Interventionen scheinbar versagen bzw. die durch sie erzielten Effekte zu gering sind, um eine nennenswerte Prävalenzreduktion auf Populationsebene zu bewirken. Die Gründe hierfür sind vielfältig, lassen sich jedoch aus quantitativer Perspektive zunächst nicht auf einen Mangel an Aktivitäten der Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter zurückführen. So zeugen auf politischer Ebene zahlreiche Strategiepapiere und Aktionspläne von der zunehmenden Bedeutung konzertierter Maßnahmen der Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter. Hierzu zählen die im Auftrag der WHO von einer Expertengruppe erarbeiteten Empfehlungen zur Prävention von Adipositas im Kindesalter (WHO, 2017b) ebenso wie der von der EU verabschiedete Aktionsplan zur Bekämpfung von Übergewicht bei Kindern. Entlang von acht Handlungsbereichen werden die Mitgliedsstaaten dazu aufgerufen, nationale Aktionspläne zum Thema zu entwickeln und lokal umzusetzen (EU, 2014). Umsetzungsschritte auf nationaler Ebene erfolgten u. a. bereits im Jahr 2008 mit der Gründung des nationalen Aktionsplans „IN FORM“, um das Ernährungs- und Bewegungsverhalten in Deutschland bis zum Jahr 2020 nachhaltig zu verbessern. Gemeinsam mit weiteren politischen Aktivitäten wie dem im Jahr 2010 aktualisierten nationalen Gesundheitsziel |19|„gesund aufwachsen“ (BMG, 2010) und verschiedenen Förderprogrammen wurden Anreize geschaffen, die zur Entwicklung und Erprobung zahlreicher konkreter Interventionen geführt haben. Alleine in der vom Kooperationsverbund gesundheitliche Chancengleichheit angelegten Praxisdatenbank werden für die Altersgruppe der bis 17-Jährigen für die Themen Bewegungs- und Mobilitätsförderung sowie Ernährung 355 Treffer angezeigt (Stand: November 2017)2. Die hier nur in Grundzügen dargestellten Aktivitäten sind Belege einer sehr dynamischen Landschaft der Übergewichtsprävention. Diese zu überschauen, geschweige denn systematisch zu beschreiben und zu bewerten, ist aufgrund eines Mangels an systematischen und kontinuierlichen Dokumentationsaktivitäten kaum möglich. So ist trotz eines in den letzten Jahren verstärkt geführten Qualitätsdiskurses (u. a. Bär, Noweski & Voss, 2016; Dadaczynski & de Vries, 2013) bislang unklar, welche konzeptionelle Ausrichtung entsprechende Interventionen aufweisen und wie es um deren Qualität bestellt ist. In der Konsequenz erschwert die mangelnde Orientierung auch die strategische Navigation und Steuerung von Aktivitäten der Übergewichtsprävention, was sich u. a. an Doppelaktivitäten ablesen lässt (z. B. Neuentwicklung von Interventionen, die bereits in ähnlicher Form existieren).

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Die Ausführungen zu der oftmals schwer zu überblickenden Präventionslandschaft stellen einen Ausgangspunkt dieses Sammelwerkes dar. Ziele sind zum einen, neben den Grundlagen über die Entstehung und Verbreitung von Übergewicht einen Überblick über aktuelle deutschsprachige Aktivitäten der Prävention und Gesundheitsförderung in diesem Bereich zu geben. Zum anderen sollen aus der Analyse der Versorgungslage Lücken sowie Anforderungen an die weitere Entwicklung von Maßnahmen der übergewichtsbezogenen Gesundheitsförderung und Prävention abgeleitet werden.

Die Public Health-Perspektive

Wie der Titel des Sammelbandes zum Ausdruck bringt, stehen vor allem die Lebenswelten von jungen Menschen im Vordergrund der thematischen Auseinandersetzung. Maßgeblich hierfür ist, dass Übergewicht nicht auf individuelle Faktoren zu begrenzen, sondern Ergebnis eines komplexen Geflechts miteinander interagierender Determinanten ist. So wird im Ansatz der „adipogenen Umwelten“ davon ausgegangen, dass die direkte Lebensumwelt des Individuums übergewichtsverstärkende und/oder -hemmende Bedingungen aufweist (Swinburn, Egger & Raza, 1999). Diese können sowohl Aspekte der bebauten Umwelt (z. B. Begehbarkeit einer Stadt oder eines Stadtviertels) als auch Faktoren der Zugänglichkeit und des Angebotsspektrums (z. B. Erholungs- und Sportmöglichkeiten, Zugang zu gesunden Nahrungsangeboten) umfassen. Vor dem Hintergrund dieser sowie weiterer Erkenntnisse rückt die Bedeutung interindividueller Faktoren seit einigen Jahren zunehmend in das Blickfeld von Forschung und Praxis. Von Interesse sind hierbei u. a. auch ökonomische bzw. kommerzielle Determinanten. So kommt ein jüngst von der Royal Society for Public Health veröffentlichter Bericht (RSPH & Slimming World, 2017) zu dem Ergebnis, dass in England Personen im Durchschnitt 106 Mal pro Jahr aufgrund von als „upselling3“ bezeichneten Vertriebstechniken ein Upgrade von meist ungesunden Nahrungsmitteln vornehmen (z. B. |20|größere Packungsgrößen, Menüausdehnung). Dies führt zu einer zusätzlichen Kalorienaufnahme von etwa 17 000 Kalorien pro Jahr, wobei die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen besonders häufig Gebrauch von solchen Upgrades macht. In diesem Sinne formuliert auch Sim (2017) jüngst in einem Kommentar: „To place all of the blame on the individual is to completely ignore the very real power of our surroundings”. Entgegen der langjährigen Dominanz verhaltensbasierter Ansätze erfordert die Prävention von Übergewicht entsprechend ihrer multifaktoriellen Genese somit einen ganzheitlichen Interventionsansatz, bei dem neben individuellen Aspekten die unmittelbare Lebenswelt sowie makrosystemische Einflüsse berücksichtigt werden. Unterstützung erfährt diese Ausrichtung in dem im Juli 2015 verabschiedeten Gesetz zur Gesundheitsförderung und Prävention (PrävG), das 30 Jahre nach Verabschiedung der Ottawa-Charta die Stärkung von gesundheitsförderlichen Lebenswelten leistungsrechtlich verpflichtend für die gesetzlichen Krankenkassen verankert hat (Geene & Reese, 2017).

Von diesen weiteren Ausgangsüberlegungen getragen, sollen im vorliegenden Sammelband die Bedeutung von Lebenswelten für die Entstehung und Prävention von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter aufgezeigt und wichtige Elemente bzw. Anforderungen komplexer lebensweltbezogener Interventionen und deren Evaluation skizziert werden.

Aufbau des Buches

Um eine möglichst breite Auseinandersetzung mit den in dieser Einleitung aufgeworfenen komplexen Themen und Fragestellungen zu ermöglichen, kommen in diesem Sammelband Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und praktischen Feldern zu Wort. Sie spannen einen Bogen von der Relevanz und den Folgen von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter über die Rolle der Lebenswelten bei seiner Entstehung und Prävention bis hin zur Einbindung von Akteuren sowie praktischen Beispielen und Anforderung an die Qualität von Interventionen einschließlich ihrer Evaluation.

Im ersten Buchteil werden zunächst zentrale Grundlagen der Verbreitung, Entstehung und der Konsequenzen des Übergewichts im Kindes- und Jugendalter gelegt. Hierfür stellen Anja Schienkiewitz et al. einleitend auf Basis der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) dar, wie sich die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas bei Heranwachsenden in den letzten Jahren entwickelt haben und welche Zusammenhänge mit den sozialen Determinanten bestehen. Weiterführend geben Sandra Plachta-Danielzik und Manfred James Müller in ihrem Beitrag einen Überblick über die Determinanten des Übergewichts und gehen neben den verschiedenen Einflussfaktoren auf deren Wechselwirkungen ein. Hieran schließen sich zwei Beiträge zu den Folgen von Übergewicht und Adipositas an. Während Ulrike Spielau, Anika Vogel und Wieland Kiess die gesundheitlichen Wirkungen in Form von somatischen und psychosozialen Erkrankungen und Störungen beschreiben, analysieren Kevin Dadaczynski, Olaf Backhaus und Peter Paulus, inwiefern der Gewichtsstatus einen Einfluss auf bildungsbezogene Outcomes wie Schulnoten oder den Schulabschluss hat und durch welche Mechanismen dieser erklärt werden kann. Im abschließenden Beitrag dieses Buchteils geht Eva Barlösius der Frage nach, ob und inwiefern sich übergewichtige Heranwachsende vor allem durch den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen als zu dick erfahren. Hierfür führt sie die Ergebnisse von Gruppendiskussionen mit insgesamt 60 Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 16 Jahren an.

Der zweite Buchteil beschäftigt sich mit Lebenswelten und ihrer Bedeutung für die Entstehung und Prävention von Übergewicht. Den Anfang machen hier Kevin Dadaczynski, Eike Quilling und Ulla Walter, die sich auf konzeptioneller Ebene mit Settings und Lebenswelten in der Gesundheitsförderung und Prävention aus|21|einandersetzen. Sie gehen der Frage nach, ob und inwiefern es sich hierbei um distinkte Ansätze handelt, welche Schnittstellen diese Ansätze aufweisen und welche Anforderungen sich aus der konzeptionellen Abgrenzung für die Prävention von Übergewicht ergeben. Demgegenüber nehmen Ulla Walter, Antje Kula und Kevin Dadaczynski die makrosystemische Perspektive mit ihren politischen Strategien zu Prävention von Übergewicht in den Blick. Das Autorenteam skizziert nationale und supranationale politische Entwicklungen, berücksichtigt kommerzielle Determinanten und zeigt Ansätze staatlicher Regulierungsmöglichkeiten auf. Sven Schneider befasst sich in seinem Beitrag mit dem Konzept der adipogenen Umwelten und stellt nach dessen Definition und Systematisierung empirische Befunde vor, welche die Relevanz des Konzepts eindrücklich untermauern. Dem schließt sich eine Einführung des Walkability-Konzepts an, das nach Christoph Buck durch verschiedene urbane Merkmale wie die Bevölkerungsdichte, die Diversität der Landnutzung, die Attraktivität von Wegen und die Erreichbarkeit von Zielen beschrieben und wissenschaftlich untersucht werden kann.

Vor dem Hintergrund der dargelegten vielfältigen und heterogenen Präventionslandschaft gibt der dritte Buchteil einen Überblick über die in diesem Feld tätigen Akteure. Die Kenntnis über Akteure und deren Aktivitäten ist nicht nur zur Vermeidung von Doppel- und Parallelaktivitäten wichtig, sondern ebenfalls eine zentrale Grundlage für Vernetzungsaktivitäten. Nach einer grundlegenden Einführung in die Akteursstruktur durch Eike Quilling et al., befassen sich Manfred Wildner, Martin Heyn und Herbert Zöllner mit staatlichen Institutionen auf der Ebene des Bundes, der Länder und der Kommunen. Die Auseinandersetzung mit öffentlich-rechtlichen Körperschaften erfolgt vor allem unter Bezugnahme auf Träger der Kranken- und Unfallversicherung und deren gesetzlichen Rahmenbedingungen (Präventionsgesetz) durch Karin Schreiner-Kürten et al. In Anlehnung an den englischen Ausdruck „non-governmental organization“ (NGO) legen Ann-Cathrin Hellwig et al. sodann eine Übersicht über freie Träger und ihre Einrichtungen der Übergewichtsprävention vor und differenzieren diese nach Handlungsfeldern.

Gegenstand des vierten Buchteiles sind die aus verschiedenen Perspektiven an die Übergewichtsprävention zu stellenden Anforderungen. Einführend geben Anja Voss et al. einen Einblick in den aktuellen Qualitätsdiskurs der Übergewichtsprävention bei Kindern und Jugendlichen. Dabei stellt das Autorenteam die Ergebnisse einer systematischen Bestandsaufnahme von standardsetzenden Dokumenten sowie einer Befragung relevanter Feldakteure vor. In dem sich anschließenden Beitrag gehen Kevin Dadaczynski, Julia Feesche und Ulla Walter der Frage nach, wie es um die Wirksamkeit von lebensweltbezogenen Interventionen der Übergewichtsprävention bestellt ist. Gegenstand der Analyse sind die Ergebnisse der in den Jahren 2005 bis 2017 veröffentlichten Reviews und Metaanalysen, die entlang der für Kinder und Jugendlichen primären Settings Familie, Kita, Schule und Kommune zusammengefasst werden. Da es sich bei Maßnahmen der lebensweltbezogenen Übergewichtsprävention um äußerst komplexe Interventionen handelt, sind auch bei deren Evaluation zahlreiche Anforderungen zu berücksichtigen. Aufbauend auf einer Darstellung der Komplexität unterscheiden Hajo Zeeb et al. verschiedene Evaluationsansätze sowie -typologien und skizzieren Herausforderungen und nutzbare Rahmenkonzepte der Evaluation. Zum Abschluss dieses Kapitels widmen sich Marcel Mertz, Daniel Strech und Hannes Kahrass ethischen Fragen der Übergewichtsprävention. Auf Basis von drei systematischen Übersichtsarbeiten identifizierten sie insgesamt 60 bei der Prävention von Übergewicht relevante ethische Aspekte, die sie in 6 Hauptkategorien verorten. Diese, so die Autoren, stellen in Abhängigkeit ihrer Gestalt jeweils spezifische Anforderungen an die Interventionsplanung sowie Umsetzung und erfordern ethisch geschultes Fachpersonal.

|22|Angesichts der Vielfalt der Präventionslandschaft zielt der abschließende fünfte Buchteil auf die Darstellung von lebensweltbezogenen Interventionen der Übergewichtsprävention im Kindes- und Jugendalter. Im Vordergrund steht hierbei die im Rahmen des SkAP-Projektes vorgenommene Analyse konzeptioneller Ansätze entsprechender Interventionen. Nach einer Einführung in die Ziele und das methodische Vorgehen des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts durch Birgit Babitsch et al. werden die Ergebnisse differenziert nach Lebenswelt vorgestellt. Den Anfang machen Eike Quilling, Merle Müller und Raimund Geene mit einer Übersicht über Angebote der Übergewichtsprävention in der Lebenswelt Familie. Zwei Praxisbeispiele zu Familienhebammen (Britta Barcetta) und zur familiären Gesundheitsförderung der Evangelischen Familienbildungsstelle (fbs) Köln (Sabine Steiniger-Bollmann) stellen konkrete Interventionen bzw. praktische Vorgehensweisen vor. Dem folgt eine Darstellung der übergewichtsbezogenen Interventionslandschaft in Bildungs- und Erziehungssettings durch Iris Brandes et al. (Setting Kita) und Kevin Dadaczynski, Peter Paulus und Birgit Babitsch (Setting Schule). Für die Kita präsentieren Wiebke Flor, Sarah Pomp und Iris Brandes das Programm Jolinchen Kids, die Intervention KNAXIADE beschreiben Jonas Landert, Reinhard Gansert und Iris Brandes. Für das Setting Schule bieten Julia Feldmann und Thomas Duprée mit dem Programm Klasse 2000 und Marco Franze et al. mit der Intervention GeKoKidS einen Einblick in die Interventionspraxis. Die Ergebnisse des oftmals auch als Dach bezeichneten Settings „Kommune“ fassen abschließend Waldemar Süß und Julia Ludwig zusammen. Auch hier illustrieren die Ausführungen von Christian Lorentz zum Projekt „Lenzgesund“ sowie von Ruth Gausche et al. zum Projekt „GRÜNAU BEWEGT sich“ die reichhaltige Interventionspraxis.

Mit dem hier vorgelegten Sammelband möchten wir Diskussionsimpulse hinsichtlich einer ganzheitlichen Prävention von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter liefern. Entgegen einer Bevorzugung einer ausschließlich verhaltens- oder verhältnisbezogenen Ausrichtung sollten Präventionsstrategien entlang der für Kinder und Jugendliche relevanten Settings ausgerichtet sein und verschiedene Determinanten des Übergewichts adressieren. Dabei ist zu beachten, dass sich Heranwachsende nicht isoliert in einzelnen Settings wie der Kita, der Schule oder der Familie bewegen, sondern dass dynamische Bewegungen zwischen den Einzelsystemen stattfinden und diese zu einer komplexen subjektiv relevanten Lebenswelt verdichtet werden. Dies erfordert ein systemübergreifendes Verständnis der gegenseitigen Beeinflussung von Systemen und die intersektorale Vernetzung und Zusammenarbeit bei der Umsetzung von übergewichtsbezogenen Präventionsmaßnahmen. Wir hoffen, dass das Sammelwerk erste Anregungen in Hinsicht auf die hier aufgeworfenen Fragen liefert und wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.

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Zur Unterstützung der Lesbarkeit folgen die nachfolgenden Kapitel des Sammelbandes einer einheitlichen didaktischen Umsetzung: Neben einleitenden Fragen, die einen Überblick über die durch die Einzelbeiträge behandelten Themen geben, werden wichtige Fakten und Informationen in Form von Boxen hervorgehoben. Jeder Beitrag schließt mit der Ableitung von pointierten Konsequenzen für die Forschung und Praxis sowie mit zum Teil kontroversen Fragen, die zur weiteren Diskussion anregen sollen.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Autorinnen und Autoren für ihre Mitwirkung sowie beim Hogrefe-Verlag für die gelungene Zusammenarbeit.

Fulda, Wiesbaden und Hannover

im März 2018

Kevin Dadaczynski, Eike Quilling und Ulla Walter

1

In Anlehnung an die WHO Konventionen wurde Adipositas oberhalb von zwei Standardabweichungen des BMI-Medians festgelegt (De Onis & Lobstein, 2010).

2

Ähnlich hohe Trefferzahlen finden sich ebenfalls in weiteren relevanten Datenbanken (z. B. In Form, Prävention LZG NRW).

3

Mit diesem Begriff werden Vertriebsstrategien bezeichnet, bei denen den Kunden bei einem Kauf zusätzliche Produkte oder Dienstleistungen angeboten werden. Im Zusammenhang mit der Übergewichtsthematik sind exemplarisch Menü-Upgrades in Fast-Food-Restaurants zu nennen.

|23|Literatur

Bär, G., Noweski, M. & Voss, A. (2016). Übergewichtsprävention bei Kindern: Standard setzende Dokumente. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 59, 1405–1414. Crossref

Boer, J., Driesenaar, J., Verweij, L., Blokstra, A., vanden Berg, S., Vennemann, F.et al. (2017). Study on the implementation of the EU Action Plan on Childhood Obesity 2014–2020. The Cildhood Obesity Study. Verfügbar unter: https://tinyurl.com/yd6pyym3. Zugriff am 18. Dezember 2017.

Brettschneider, A. K., Schaffrath Rosario, A., Kuhnert, R., Schmidt, S., Wiegand, S., Ellert, U.et al. (2015). Updated prevalence rates of overweight and obesity in 11- to 17-year-old adolescents in Germany. Results from the telephone-based KiGGS Wave 1 after correction for bias in self-reports. BMC Public Health, 15: 1101.

Bundesministerium für Gesundheit (BMG) (Hrsg.). (2010). Nationales Gesundheitsziel Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung. gesundheitsziele.de. Kooperationsverbund zur Weiterentwicklung des nationalen Gesundheitszieleprozesses. Berlin: BMG.

Dadaczynski, K. & de Vries, N. (2013). Quality based prevention of overweight in the school setting: the HEPS quality checklist. Journal of Public Health, 21​(3), 297–305. Crossref

De Onis, M. & Lobstein, T. (2010). Defining obesity risk status in the general childhood population: Which cut-offs should we use?International Journal of Pediatric Obesity, 5, 458–460.

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Forouzanfar, M. H., Alexander, L., Anderson, H. R., Bachman, V. F., Biryukov, S., Brauer, M.et al. (2015). Global, regional, and national comparative risk assessment of 79 behavioural, environmental and occupational, and metabolic risks or clusters of risks in 188 countries, 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. The Lancet, 386, 2287–2323.

Geene, R. & Reese, M. (2017). Handbuch Präventionsgesetz. Neuregelungen der Gesundheitsförderung. Frankfurt/Main: Mabuse.

Hardy, L. L., Mihrshahi, S., Gale, J., Drayton, B. A., Bauman, A. & Mitchell, J. (2017). 30-year trends in overweight, obesity and waist-to-height ratio by socioeconomic status in Australian children, 1985 to 2015. International Journal of Obesity, 41, 76–82. Crossref

Kurth, B. M. & Schaffrath Rosario, A. (2007). Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz, 50, 736–743.

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Ogden, C. L., Carroll, M. D., Lawman, H. G., Fryar, C. D., Kruszon-Moran, D., Kit, B. K.et al. (2016). Trends in obesity prevalence among children and adolescents in the United States, 1988–1994 through 2013–2014.JAMA, 315, 2292–2299. Crossref

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Schienkiewitz, A., Damerow, S., Mauz, E., Vogelgesang, F., Kuhnert, R. & Schaffrath Rosario, A. (2018). Entwicklung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern – Ergebnisse der KiGGS-Kohorte. Journal of Health Monitoring, 3, 76–81.

Sim, F. (2017). Obesity: personal responsibility or environmental curse? Verfügbar unter: https://tinyurl.com/y7p5dm8n. Zugriff am 18. Dezember 2017.

Swinburn, B., Egger, G. & Raza, F. (1999). Dissecting obesogenic environments: the development and application of a framework for identifying and prioritizing environmental interventions for obesity. Preventive Medicine, 29, 563–570. Crossref

World Health Organization (WHO). (2017a). Noncommunicable Diseases Progress Monitor. Geneva: WHO.

World Health Organization (WHO). (2017b). Report of the Commission Ending Childhood Obesity. Implementation plan: executive summary.Geneva: WHO.

|25|Grundlagen, Verbreitung und Wirkungen von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter

|27|1 Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter: Aktuelle Verbreitung, Trends und soziale Unterschiede

A. Schienkiewitz, A.-K. Brettschneider, B. Kuntz und B.-M. Kurth

Überblick:

Wie hoch ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen in Deutschland, die übergewichtig oder adipös sind?

Wie hat sich die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Lässt sich ein Zusammenhang zwischen sozialen Determinanten (z. B. Bildung der Eltern, Sozialstatus, Migrationshintergrund) und der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen feststellen?

1.1 Public Health-Relevanz von Übergewicht und Adipositas

Die hohen Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen – wie auch bei Erwachsenen – stellen ein weltweites Gesundheitsproblem dar und sind von bedeutender Public Health-Relevanz. Zwischen 1980 und 2013 wurde ein Anstieg der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nicht nur im Kindes-, sondern auch im Jugendalter beobachtet. 1980 waren in den Industrienationen 16,9 % der Jungen und 16,2 % der Mädchen im Alter von 2 bis 19 Jahren übergewichtig; 2013 lag die Prävalenz bereits bei 23,8 % (Jungen) bzw. 22,6 % (Mädchen) (Ng et al., 2014). Auch wenn dieser Anstieg insgesamt in den letzten drei Jahrzehnten eindeutig ist, gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In einer Übersichtsarbeit aus 2004 variieren die Prävalenzraten von weniger als 5 % in Afrika und Teilen Asiens bis über 20 % in Europa sowie über 30 % in Amerika und einigen Ländern des Nahen Ostens (Lobstein, Baur & Uauy, 2004). Während früher Übergewicht und Adipositas hauptsächlich in Ländern mit hohem Einkommensniveau zu beobachten waren, nehmen Übergewicht und Adipositas derzeit auch in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommensniveau zu und dort vor allem in den Städten. Beim Vergleich der absoluten Zahlen gibt es mehr Kinder mit Übergewicht und Adipositas in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommensniveau als in Ländern mit hohem Einkommensniveau. In Asien erhöhte sich die Zahl der Kinder unter 5 Jahren mit Übergewicht und Adipositas innerhalb der letzten Jahre um 40 % von 14 % auf 20 % und in Afrika um 55 % von 7 % auf 11 % (OECD, 2014). Im Gegensatz zu den Schwellen- und Entwicklungsländern hat sich seit Anfang der Jahrtausendwende der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas in den USA, Australien und einigen europäischen Ländern auf hohem Niveau eingependelt (Rokholm, Baker & Sorensen, 2010). Ein weiterer Anstieg |28|der Prävalenzraten von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter auf Bevölkerungsebene ist in Europa und Deutschland in den letzten Jahren nicht mehr zu beobachten (Wabitsch, Moss & Kromeyer-Hauschild, 2014).

Kinder und Jugendliche mit Übergewicht oder Adipositas tragen ein hohes Risiko, dass diese Gesundheitsprobleme auch im Erwachsenenalter weiter bestehen. Über 80 % der Jugendlichen und Erwachsenen mit Adipositas sind auch nach 10 Jahren noch adipös (Gordon-Larsen, The & Adair, 2010; Haftenberger et al., 2016). Jüngere Kinder, die bereits im Alter von 5 Jahren übergewichtig sind, werden in den folgenden 9 Jahren vier Mal so häufig adipös im Vergleich zu normalgewichtigen Kindern (Cunningham, Kramer & Narayan, 2014). Darüber hinaus hat die hohe Prävalenz von Übergewicht und Adipositas gravierende Folgen für die körperliche Gesundheit des Einzelnen (siehe Kap. 3). Ein stark erhöhter Body-Mass-Index (BMI) im Erwachsenenalter gilt als wichtiger Risikofaktor für unterschiedliche Krankheiten, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und viele Krebsarten (Guh et al., 2009; Vucenik & Stains, 2012). Auch ist ein hoher BMI im Kindes- und Jugendalter mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck und manifesten Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter assoziiert (Llewellyn, Simmonds, Owen & Woolacott, 2016). Darüber hinaus sind Übergewicht und Adipositas bei Kindern mit einer erheblichen Reduktion der Lebensqualität (Tsiros et al., 2009) verbunden und gehen mit einem höheren Risiko für Mobbing (Puhl & King, 2013) und Stigmatisierung (Sikorski, Luppa, Brahler, Konig & Riedel-Heller, 2012) einher.

Übergewicht und Adipositas sowie die daraus resultierenden Folgeerkrankungen gehen nicht nur mit physischen und psychischen Einschränkungen für den Einzelnen einher, sondern verursachen auch erhebliche Kosten für die Gesellschaft. Schätzungen zufolge führt Adipositas allein in Deutschland jährlich zu direkten und indirekten volkswirtschaftlichen Kosten in Höhe von 63 Milliarden Euro (Effertz, Engel, Verheyen & Linder, 2016). Dabei steigen die Kosten mit zunehmendem Adipositasschweregrad an, da in diesen Gruppen deutlich höhere Ausgaben für Medikamente und die Inanspruchnahme von Allgemeinärzten anfallen und mehr Arbeitsausfälle zu verzeichnen sind im Vergleich zu nicht adipösen Erwachsenen (Yates et al., 2016).

1.2 Definition

Der BMI ist der gebräuchlichste anthropometrische Parameter zur Quantifizierung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen. Er wird als Verhältnis von Körpergewicht zum Quadrat der Körpergröße (kg/m2) berechnet, ist somit relativ einfach zu erfassen und als Vergleichsmaß zu verwenden. Der BMI korreliert mit der Körperfettmasse und stellt – auch wenn er keine Differenzierung der Körperzusammensetzung in Fett- und Muskelmasse ermöglicht – ein indirektes Maß für die Körperfettmasse dar. Da die exakte Bestimmung des Körperfettanteils sehr aufwendig ist, gilt der BMI als einer der am häufigsten verwendeten Indikatoren zur Beschreibung von Übergewicht und Adipositas auf Bevölkerungsebene. Über den BMI hinaus gibt es neben der Messung der Hautfalten oder des Taillenumfangs und dem daraus abgeleiteten Parameter „Taille-Größe-Quotient“ auch speziellere Verfahren, wie zum Beispiel die bioelektrische Impedanzanalyse (BIA), die herangezogen werden können, um Übergewicht und Adipositas differenzierter zu charakterisieren. Die BIA misst Widerstände im Körper, aus denen unter anderem der Körperfettgehalt berechnet werden kann. Für die Einschätzung und Beurteilung des Gewichtsstatus einer einzelnen Person ist der BMI nicht ausreichend. Aus ärztlicher Sicht werden immer zusätzliche Kriterien wie Körperbau, Taillenumfang, Blutdruck bzw. Blutparameter hinzugezogen.

Bei Erwachsenen wird von Übergewicht ausgegangen, wenn der BMI über 25 kg/m2 liegt. Eine Adipositas besteht bei einem BMI über 30 kg/m2. |29|Im Kindes- und Jugendalter gibt es keinen für alle Altersgruppen einheitlichen Grenzwert, ab wann ein Kind übergewichtig bzw. adipös ist, da sich das Verhältnis von Größe und Gewicht wachstumsbedingt ständig verändert. Aus diesem Grund werden in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre zur Beurteilung des BMI Perzentilkurven verwendet, die die Verteilung des BMI unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht in einer Referenzpopulation darstellen und damit die Einordnung eines individuellen Wertes ermöglichen. Dabei gibt ein Perzentil an, wieviel Prozent der Kinder gleichen Alters und Geschlechts unterhalb dieses Wertes liegen. In Deutschland hat die Arbeitsgemeinschaft „Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft festgelegt, zur Definition von Übergewicht und Adipositas Perzentilkurven nach Kromeyer-Hauschild et al. (2001) zu verwenden. Diese basieren auf Datenerhebungen aus verschiedenen Regionen Deutschlands, z. B. epidemiologischen Studien mit Messungen, Daten aus Vorsorgeuntersuchungen sowie Selbstangaben, die zwischen 1985 und 1999 durchgeführt wurden. Aus diesem umfassenden Datensatz wurden alters- und geschlechtsspezifische Perzentile berechnet und das 90. bzw. 97. Perzentil zur Definition von Übergewicht bzw. Adipositas im Kindes- und Jugendalter herangezogen. Nach dieser rein methodischen Festlegung beträgt in der Referenzpopulation die Prävalenz von Übergewicht 10 % (90. Perzentil) und die von Adipositas 3 % (97. Perzentil), wobei die Definition von Übergewicht Fälle von Adipositas miteinschließt.

Für internationale Vergleiche stehen Referenzkurven der International Obesity Task Force (IOTF) sowie Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Verfügung. Deren Definition von Übergewicht und Adipositas basiert jedoch im Vergleich zu Kromeyer-Hauschild auf abweichenden Perzentilen, die auf andere statistische Festlegungen der Grenzwerte und unterschiedliche Kriterien zur Auswahl der Stichprobe zurückzuführen sind. So ergaben sich z. B. im Vergleich zum Wachstumsstandard der WHO aus den KiGGS-Daten höhere Prävalenzschätzungen für Übergewicht und Adipositas.

1.3 Aktuelle Befunde und Trends in der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

1.3.1 Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) (2003–2006)

Mit der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) werden im Rahmen des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts (RKI) regelmäßig bundesweite repräsentative Daten zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland erhoben. Die KiGGS-Basiserhebung wurde von Mai 2003 bis Mai 2006 als Untersuchungs- und Befragungssurvey durchgeführt. An der Studie nahmen insgesamt 17 641 Kinder und Jugendliche (8985 Jungen, 8656 Mädchen) im Alter von 0 bis 17 Jahren aus 167 zufällig ausgewählten Städten und Gemeinden in Deutschland freiwillig teil. Die Teilnahmequote lag bei 66,6 %. In den Studienzentren wurden Körpergröße und -gewicht standardisiert gemessen (Kurth & Schaffrath Rosario, 2007). Aus diesen Messwerten wurde der BMI berechnet und mittels statistischer Verfahren alters- und geschlechtsspezifische KiGGS-Perzentilkurven für den gesamten Altersbereich erstellt (Robert Koch-Institut, 2013). Übergewicht und Adipositas wurden nach dem Referenzsystem von Kromeyer-Hauschild für die Altersgruppe 3 bis 17 Jahre definiert. Nach den Ergebnissen der KiGGS-Basiserhebung sind insgesamt 15 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig oder adipös. Eine Adipositas weisen 6,3 % auf. Der Anteil an Übergewicht inkl. Adipositas steigt in der Altersgruppe der 2- bis 6-Jährigen von 10 % |30|auf 15 % bei den 7- bis 10-Jährigen und auf bis zu 17 % bei den 14- bis 17-Jährigen an. Die Verbreitung der Adipositas beträgt bei den 2- bis 6-Jährigen 2,8 %, bei den 7- bis 10-Jährigen 6,4 % und 8,5 % bei den 14- bis 17-Jährigen. Zwischen Kindern und Jugendlichen aus den alten und neuen Bundesländern sind insgesamt kaum Unterschiede vorhanden. Lediglich bei den 14- bis 17-jährigen Mädchen liegt die Prävalenz der Adipositas in den neuen Bundesländern deutlich niedriger als die Prävalenz in den alten Bundesländern (6,5 % vs. 9,5 %). Bei Jungen im Alter von 3 bis 6 Jahren zeigt sich eine signifikant höhere Adipositasprävalenz in den neuen im Vergleich zu den alten Bundesländern (5,9 % vs. 1,8 %) (Kurth & Schaffrath Rosario, 2010).

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In Deutschland hat die Arbeitsgemeinschaft „Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ der Deutschen Adipositas-Gesellschaft festgelegt, Perzentilkurven nach Kromeyer-Hauschild zur Definition von Übergewicht und Adipositas zu verwenden. Nach dieser Definition waren in der KiGGS-Basiserhebung 2003–2006 insgesamt 15 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter zwischen 2 und 17 Jahren übergewichtig oder adipös. Die Adipositasprävalenz für diese Altersgruppe betrug 6 %.

1.3.2 Trend in Deutschland

Der Vergleich der KiGGS-Prävalenzen (2003–2006) mit den Referenzwerten aus den 1990er-Jahren zeigt, dass der Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht (inkl. Adipositas) um 50 % zugenommen hat, während sich der Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Adipositas mehr als verdoppelte (Kurth & Schaffrath Rosario, 2007). In der jüngsten Altersgruppe (3 bis 6 Jahre) zeigen sich fast keine Unterschiede in der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Vergleich zu den Referenzwerten nach Kromeyer-Hauschild. In den höheren Altersgruppen gibt es dagegen eine Verschiebung der BMI-Verteilung, die auf eine Zunahme der Prävalenzen zwischen den 1990er-Jahren und der KiGGS-Basiserhebung 2003–2006 hindeutet.

Von Juni 2009 bis Juni 2012 erfolgte eine erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Zusätzlich zu den Teilnehmenden der KiGGS-Basiserhebung wurde eine neu gezogene Stichprobe mit 0- bis 6-jährigen Kindern einbezogen. Insgesamt nahmen 12 368 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren teil (Lange et al., 2014). Eltern von Kindern und Jugendlichen bis 17 Jahren sowie Kinder (ab 11 Jahren), Jugendliche und junge Erwachsene wurden telefonisch nach Körpergröße und -gewicht gefragt. Selbstangaben zu Körpergröße und -gewicht liefern jedoch häufig Fehleinschätzungen der tatsächlichen Werte (Kurth & Ellert, 2010). Basierend auf den Daten der KiGGS-Basiserhebung zeigte sich, dass der Grad der Fehleinschätzung stark vom subjektiven Körperselbstbild der Jugendlichen abhängt (Kurth & Ellert, 2008). Diese Zusammenhänge wurden bei der Entwicklung eines Korrekturverfahrens genutzt (Kurth & Ellert, 2010). Die Prävalenzen für Übergewicht und Adipositas auf Grundlage der telefonisch erhobenen Angaben zu Körpergröße und -gewicht aus KiGGS Welle 1 konnten mittels Messwerten einer Unterstichprobe aus der Motorik-Modulstudie (MoMo) korrigiert und mit den Prävalenzen aus der KiGGS-Basiserhebung 2003–2006 vergleichbar gemacht werden (Brettschneider et al., 2015; Brettschneider, Schienkiewitz, Schmidt, Ellert & Kurth, 2017).

Die Ergebnisse aus KiGGS Welle 1 weisen in der Altersgruppe der 4- bis 10-Jährigen eine Prävalenz für Übergewicht von insgesamt 14,9 % aus. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern (Jungen: 15,9 %, Mädchen: 13,7 %) sind statistisch nicht signifikant. Zum Zeitpunkt der KiGGS-Basiserhebung lag die Gesamtprävalenz bei 13,5 %. Differenziert nach Geschlecht zeigten sich damals ebenfalls keine Unterschiede (Jungen: 13,8 %, Mädchen: 13,3 %). Die Adipositasprävalenz in KiGGS Welle 1 insgesamt lag bei 5,4 %, für Jungen bei 4,7 % und für Mädchen bei 6,0 %. Die Adipositasprävalenz zum Zeitpunkt der |31|KiGGS-Basiserhebung lag in der Altersgruppe der 4- bis 10-Jährigen bei insgesamt 5,5 %. Zwischen Jungen (5,6 %) und Mädchen (5,4 %) gab es keine Unterschiede (Abb. 1-1). Die Trendergebnisse zeigen damit lediglich einen tendenziellen, jedoch keinen statistisch signifikanten Anstieg der Prävalenz für Übergewicht im Kindesalter (Brettschneider, Schienkiewitz, Schmidt, Ellert & Kurth, 2017).

Abbildung 1-1: Anteil 4- bis 10-jähriger Kinder mit Übergewicht und Adipositas in Deutschland nach Kromeyer-Hauschild et al. (2001) in Prozent. Quelle: Brettschneider et al., 2017.

Bei 11- bis 17-jährigen Jugendlichen betrug die Prävalenz für Übergewicht und Adipositas in KiGGS Welle 1 insgesamt 18,9 %, bei Jungen 19,8 % und bei Mädchen 17,9 %. Im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung gab es keine Unterschiede: Die Gesamtprävalenz lag im Survey 2003–2006 insgesamt bei 18,8 %, für Jungen bei 18,5 %, für Mädchen bei 19,3 %. Die Adipositasprävalenz wurde mit 10,0 % angegeben (Jungen: 9,6 %, Mädchen: 10,3 %). In der KiGGS-Basiserhebung betrug die Adipositasprävalenz insgesamt 8,9 % (Jungen: 8,4 %, Mädchen: 9,6 %) (Abb. 1-2). Auch bei Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren werden zwar in KiGGS Welle 1 tendenziell höhere Prävalenzen für Übergewicht und Adipositas beobachtet, dieser Anstieg ist jedoch statistisch nicht signifikant (Brettschneider et al., 2015).

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Die Prävalenzen für Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind zwischen der KiGGS-Basiserhebung (2003–2006) und der ersten Folgebefragung 2009–2012 nicht weiter bedeutend angestiegen. Sie liegen jedoch für die Altersgruppe der 4- bis 10-Jährigen sowie der 11- bis 17-Jährigen nach wie vor auf einem hohen Niveau. Zwischen Jungen und Mädchen zeigen sich keine bedeutenden Unterschiede.

Schuleingangsuntersuchungen weisen in der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nicht nur auf deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern hin, sondern zeigen auch erhebliche Unterschiede innerhalb einzelner Bundesländer auf.

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Abbildung 1-2: Anteil 11- bis 17-jähriger Jugendlicher mit Übergewicht und Adipositas in Deutschland nach Kromeyer-Hauschild et al. (2001) in Prozent. Quelle: Brettschneider et al., 2015.

Im Gegensatz zur internationalen Entwicklung (Olds et al., 2011) weisen die aktuellen Ergebnisse aus KiGGS in Deutschland derzeit auf keinen weiteren Anstieg der Prävalenz für Übergewicht einschließlich Adipositas bei Kindern und Jugendlichen hin. Diese Beobachtung wurde auch in anderen Studien der letzten Jahre erbracht. Daten zur Prävalenz von Übergewicht und Adipositas aus den Schuleingangsuntersuchungen (bis 2008) zeigen seit 2004 insgesamt keinen weiteren Anstieg der Übergewichts- und Adipositasprävalenz für Kinder vor dem Schuleintritt auf, allerdings gibt es in der Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern (Moss et al., 2012). Die Prävalenz von Übergewicht lag in Sachsen bei 8,4 % und in Bayern bei 8,6 %, während in Bremen und Thüringen 11,9 % berechnet wurden. Die Häufigkeit von Adipositas in Brandenburg betrug 3,3 % und in Bayern 3,4 %, im Saarland und in Thüringen jedoch 5,4 % bzw. 5,1 %. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern konnten Rückgänge in der Adipositasprävalenz um mehr als 20 % beobachtet werden. Selbst innerhalb eines Bundeslandes unterscheiden sich die Häufigkeiten von Übergewicht und Adipositas erheblich. Am Beispiel Berlin wird deutlich, dass die Prävalenz in den Bezirken zwischen 5,0 % und 13,4 % variiert (Senatsverwaltung für Gesundheit & Soziales, 2016). Eine weitere Übersichtsarbeit zu den Einschulungsdaten zeigt, dass der Rückgang der Adipositasprävalenz bei Vorschulkindern ausgeprägter ist als bei Grundschulkindern und bei Mädchen deutlicher als bei Jungen. Dabei wird jedoch auch sichtbar, dass der Trend nicht für extrem adipöse Kinder oberhalb des 99,5 Perzentil gilt (Wabitsch et al., 2014). In der CrescNet-Datenbank sind Messungen zur Körpergröße und zum Körpergewicht von Kindern und Jugendlichen zwischen 4 und 16 Jahren von über 300 niedergelassenen Kinderärzten und mehr als 20 Behandlungszentren aus dem Zeitraum 1999 bis 2008 enthalten. Auch diese Daten zei|33|gen bis 2003 einen Anstieg in der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas in allen Altersgruppen. Ab 2004 konnte ein Rückgang in der Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas beobachtet werden, der besonders deutlich in der Altersgruppe 4 bis 8 Jahre ausfällt. In den anderen Altersgruppen bleibt die Prävalenz auf hohem Niveau stabil (Blüher et al., 2011). Im Rahmen des WHO-Jugendgesundheitssurveys „Health Behaviour in School-aged Children“ (HBSC) werden Schülerinnen und Schüler der 5., 7. und 9. Klasse (im Alter von 11, 13 und 15 Jahren) zu Körpergröße und Körpergewicht befragt. Der BMI aus Selbstangaben liegt bekanntermaßen deutlich unterhalb der aus Messwerten berechneten BMI-Werte. Im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Befragungsjahr 2009/10 zeigt sich, dass es im Befragungsjahr 2013/14 keinen weiteren Anstieg der Prävalenzen in dieser Altersgruppe gibt (HBSC-Studienverbund Deutschland, 2015).

Ob der Anstieg der Adipositas- und Übergewichtsraten tatsächlich gestoppt ist, sich ein Plateau eingestellt hat oder sich der Trend inzwischen sogar umkehrt, wird kontrovers diskutiert (Visscher, Heitmann, Rissanen, Lahti-Koski & Lissner, 2015). Der Übersichtsartikel von Visscher et al. zeigt, dass abnehmende Teilnahmeraten, die Erhebung von Selbstangaben anstelle von Messwerten, kleine Stichprobenumfänge oder fehlende Repräsentativität von Studien keine Erklärung für diese Beobachtung zu sein scheinen. Auch lässt sich nicht belegen, dass das Plateau lediglich in höheren sozioökonomischen Gruppen erreicht wird. Darüber hinaus wird ein Fokus auf den BMI als alleiniges Kriterium zur Beurteilung der Übergewichts- und Adipositasproblematik wahrscheinlich eine wirkliche Zunahme der Adipositasepidemie maskieren. Auf Bevölkerungsebene ermöglicht dieser Indikator zwar einfach zu generierende und zuverlässige Prävalenzvergleiche. Auf individueller Ebene ist er als alleiniges Kriterium zur Beurteilung des gesundheitlichen Risikos im weiteren Lebensverlauf jedoch nur eingeschränkt aussagekräftig. Bei Kindern und Jugendlichen – und auch bei Erwachsenen – zeigen Zeitreihen zum Taillenumfang eine Zunahme des Körperumfangs, der stärker ausgeprägt ist als der BMI-Anstieg. In der vorliegenden Übersichtsarbeit weisen diejenigen Studien, die keinen weiteren Anstieg der Adipositasprävalenz beobachten, häufig eine eher kurze Nachbeobachtungszeit auf. Auch vor dem Hintergrund, dass vor allem der Anteil an Personen mit extremem BMI von über 40 kg/m2 weiter zunimmt, sollten Aussagen, dass der Anstieg der Übergewichts- und Adipositasprävalenzen gebremst ist oder sich dieser Trend sogar umkehrt, mit Vorsicht interpretiert werden. Hinweise aus der Literatur zur Veränderung anderer anthropometrischer Parameter, wie z. B. des Taillenumfangs, deuten auf weniger optimistische Schlussfolgerungen hin und sprechen eher dafür, dass Übergewicht und Adipositas als Public Health-Problem weiterhin bedeutsam sind und eher noch zunehmen (Visscher et al., 2015). In Deutschland wurde 2008 die Initiative „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“ mit dem Ziel gegründet, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung dauerhaft zu verbessern. Im Rahmen dieses Aktionsplans wurden verschiedene Projekte zur Gesundheitsförderung und Prävention von Übergewicht bei Kindern durchgeführt. Diese Projekte sowie die erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit könnten auch innerhalb Deutschlands zur Stagnation der Prävalenzen für Übergewicht auf hohem Niveau beigetragen haben (Wabitsch et al., 2014).

1.4 Unterschiede in der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen nach Sozialstatus und Migrationshintergrund

Übergewicht und Adipositas sind zwar weit verbreitet, jedoch sind nicht alle Bevölkerungsgruppen gleich häufig hiervon betroffen. In den meisten entwickelten Ländern der Welt zeichnet sich bereits im Kindes- und Jugendalter ein |34|inverser sozialer Gradient ab, demzufolge gilt: Je niedriger der soziale Status, desto höher ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas (Shrewsbury & Wardle, 2008; White, Rehkopf & Mortensen, 2016). Der soziale Status von Kindern und Jugendlichen wird dabei in der Regel anhand einzelner oder kombinierter Angaben zur Bildung, zur beruflichen Tätigkeit oder zum Einkommen der Eltern oder ähnlicher Indikatoren definiert. Darüber hinaus können auch sozialräumliche Unterschiede in der Verbreitung von Übergewicht und Adipositas festgestellt werden. So weist beispielsweise eine aktuelle Studie aus England auf einen engen Zusammenhang zwischen der Adipositasprävalenz von 4- bis 11-jährigen Kindern und dem Ausmaß regionaler Deprivation hin: Je ärmer die Wohngegend, desto höher ist der Anteil adipöser Kinder (White, Rehkopf & Mortensen, 2016).

Auch aus Deutschland liegen zahlreiche Studienergebnisse vor, die eine soziale Ungleichverteilung von Übergewicht und Adipositas zuungunsten von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien nahelegen (Krause & Lampert, 2014; Kurth & Schaffrath Rosario, 2007; Lamerz et al., 2005; Lampert & Kurth, 2007; Schüle, von Kries, Fromme & Bolte, 2016). Befunde aus der Kieler Adipositas-Präventionsstudie (KOPS) zeigen, dass 5- bis 7-jährige Kinder, deren Eltern eine niedrige Schulbildung aufweisen, im Vergleich zu Kindern, deren Eltern über ein höheres Maß an Schulbildung verfügen, deutlich häufiger übergewichtig oder adipös sind (Danielzik, Czerwinski-Mast, Langnäse, Dilba & Müller, 2004). Aktuelle Ergebnisse aus den Schuleingangsuntersuchungen einzelner Bundesländer bestätigen, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien häufiger von Übergewicht und Adipositas betroffen sind als Kinder aus sozial bessergestellten Familien (Landesamt für Umwelt, Gesundheit & Verbraucherschutz Brandenburg, 2016; Niedersächsisches Landesgesundheitsamt, 2015; Senatsverwaltung für Gesundheit & Soziales, 2016). So sind den Daten der niedersächsischen Einschulungsuntersuchung 2014 zufolge Kinder, deren Eltern über eine mittlere oder eine vergleichsweise geringe Bildung verfügen, mit 10,0 % bzw. 14,6 % gegenüber 5,5 % rund doppelt bzw. dreimal so häufig übergewichtig bzw. adipös im Vergleich zu Kindern, die in bildungsnahen Familien aufwachsen (Niedersächsisches Landesgesundheitsamt, 2015). Wird die Verbreitung von Adipositas betrachtet, so sprechen die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen aus Brandenburg dafür, dass die sozialen Unterschiede im Zeitraum von 2001 bis 2015 weitestgehend konstant geblieben sind (Landesamt für Umwelt Gesundheit & Verbraucherschutz Brandenburg, 2016) (Abb. 1-3). Im Jahr 2015 lag die Prävalenz von Adipositas bei Einschülern mit niedrigem Sozialstatus mit 7,3 % rund viermal höher als bei Einschülern aus der hohen Statusgruppe, von denen lediglich 1,8 % eine Adipositas aufwiesen.

Neben dem individuellen Sozialstatus besteht auch zwischen der sozialstrukturellen Zusammensetzung der Wohnumgebung und dem Vorkommen von Übergewicht im Vorschulalter ein eigenständiger Zusammenhang. Basierend auf Schuleingangsuntersuchungsdaten aus München kommen Schüle et al. (2016) in einer aktuellen Arbeit zu dem Ergebnis, dass Kinder aus sozial benachteiligten Wohngegenden selbst bei statistischer Kontrolle individueller Statusmerkmale ein signifikant höheres Übergewichtsrisiko aufweisen.

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Abbildung 1-3: Zeitliche Entwicklung der Verbreitung von Adipositas bei Einschülern in Brandenburg nach Sozialstatus. Datenbasis: Einschulungsuntersuchung in Brandenburg 2001–2015. Quelle: Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg, 2016.

Ein Großteil der vorliegenden Studien aus Deutschland zur sozialen Ungleichverteilung von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter basiert auf Daten aus den Schuleingangsuntersuchungen (Lamerz et al., 2005; Schüle et al., 2016