Ufo 78 - Wu Ming - E-Book

Ufo 78 E-Book

Wu Ming

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Beschreibung

Das Ende der 70er-Jahre in Italien: Gegenkultur, Kommunen, Drogenexperimente. Eskalation der linken Militanz, staatliche Repression, rechte Geheimbünde. 1978 wird Aldo Moro entführt und ermordet. Das Land im Ausnahmezustand. Während all dies geschieht, sehen immer mehr Italiener fliegende Untertassen. Außerirdische und Ufos haben Hochkonjunktur. Wu Ming mischen in herrlich schräger Weise Geschichte und Fiktion, Popkultur und Filmgeschichte. Sie werfen einen neuen Blick auf ein Schlüsseljahr der italienischen Geschichte, um es aus dem Gefängnis der bleiernen Zeit zu befreien.

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Seitenzahl: 659

Veröffentlichungsjahr: 2023

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WU MING

UFO 78

WU MING

Seit 1994 trat unter dem Phantomnamen Luther Blissett eine Gruppe subkultureller Aktivisten aus Bologna auf, die nach zahlreichen spektakulären Aktionen im Stile der Kommunikationsguerilla ihr Tätigkeitsfeld auf die Literatur verlegten. Mit ihrem Reformationsepos »Q« (dt. Neuausgabe bei Assoziation A, Februar 2016) gelang ihnen ein Überraschungserfolg. Der »theologische Thriller« wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und avancierte zum internationalen Bestseller.

Anschließend setzten die Autoren ihre Arbeit unter dem Namen Wu Ming fort. Seitdem hat das Kollektiv mehrere Romane veröffentlicht, denen gemein ist, die offizielle Geschichte gegen den Strich zu bürsten, um gegen das Kontinuum der Herrschaft Räume der Utopie zu öffnen. Im Februar 2015 erschien auf Deutsch ihr Roman »54«. In der Folge erschienen ebenfalls in deutscher Erstausgabe bei Assoziation A »Altai«, der historisch und thematisch an »Q« anschließt, der Partisanenroman »Kriegsbeile«, der Roman »Manituana« über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg sowie »Die Armee der Schlafwandler«, ein Epos über die Französische Revolution.

Originaltitel: Ufo 78

© 2022 Wu Ming. Published by arrangement with Agenzia Letteraria Santachiara

© 2022 Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino, www.einaudi.it

Die Übersetzung dieses Buches ist dank einer Förderung des italienischen Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Kooperation entstanden.

Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo del Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale Italiano.

The partial or total reproduction of the work and its diffusion by telematic means is permitted, provided that this is not done for commercial purposes and that the following wording is reproduced.

The authors defend the right to free library lending and are opposed to norms or directives which limit access to culture by monetizing this service.

The authors and the publisher renounce any claim to royalties deriving from library lending of this work.

Dieses Werk ist eine literarische Fiktion, die sich auf historische Fakten bezieht. Jenseits dieser Fakten sind alle Verweise auf tatsächliche Ereignisse, Schauplätze und Personen rein zufällig und der Phantasie der Autoren entsprungen.

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin, Hamburg 2023

Assoziation A, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

www.assoziation-a.de, [email protected], [email protected]

Gestaltung: Andreas Homann

Bilder Einband: Archiv Homann (6); Archivio Primo Moroni (2); iStock/MR1805 (2); Freepik/macrovector (1);

EPub ISBN 978-3-86241-640-0

Für Veronica Siracusano Raffa(Sweepsy)

INHALT

WU MING

VORGESCHICHTE: 26. AUGUST 1976

ERSTE BEWEGUNG: 1. BIS 19. MÄRZ 1978

1. ROM, MITTWOCH, 1. MÄRZ

2. TURIN, FREITAG, 3. MÄRZ

3. TURIN, FREITAG, 3. MÄRZ

4. FORRAVALLE, SAMSTAG, 4. MÄRZ

5. FORRAVALLE, SAMSTAG, 4. MÄRZ

6. TURIN, DONNERSTAG, 9. MÄRZ

7. FORRAVALLE, SAMSTAG, 11. MÄRZ

8. ROM, MITTWOCH, 15. MÄRZ

9. ZWISCHEN GENUA UND ROM, DONNERSTAG, 16. MÄRZ

10. ROM, DONNERSTAG, 16. MÄRZ

11. ROM, DONNERSTAG, 16. MÄRZ

12. ROM, DONNERSTAG, 16. MÄRZ

13. ROM, DONNERSTAG, 16. UND FREITAG, 17. MÄRZ

14. ROM, FREITAG, 17. MÄRZ

15. ROM, FREITAG, 17. MÄRZ

16. ROM, FREITAG, 17. MÄRZ

17. VILLA MALASPINA, SONNTAG, 19. MÄRZ

ZWEITE BEWEGUNG: 3. APRIL BIS 4. MAI 1978

1. FORRAVALLE, MONTAG, 3. APRIL

2. ROM, DONNERSTAG, 6. APRIL

3. TURIN, DONNERSTAG, 6. APRIL

4. FORRAVALLE, FREITAG, 7. APRIL

5. FORRAVALLE, FREITAG, 7. APRIL

6. FORRAVALLE, SAMSTAG, 8. APRIL

7. FORRAVALLE, SAMSTAG, 8. APRIL

8. FORRAVALLE, SAMSTAG, 8. APRIL

9. AULLA, SAMSTAG, 8. APRIL

10. FORRAVALLE, SONNTAG, 9. APRIL

11. AULLA UND FORRAVALLE, SONNTAG, 9. APRIL

12. ORBETELLO, MONTAG, 10. APRIL

13. VILLA MALASPINA, DIENSTAG, 11. APRIL

14. FORRAVALLE, MITTWOCH, 12. UND DONNERSTAG, 13. APRIL

15. ORBETELLO, DONNERSTAG, 20. APRIL

16. FORRAVALLE, DONNERSTAG, 20. APRIL

17. TURIN, DONNERSTAG, 20. APRIL

18. FORRAVALLE, FREITAG, 21. APRIL

19. FORRAVALLE, FREITAG, 21. APRIL

20. CARRARA, SAMSTAG, 22. APRIL

21. FORRAVALLE, MITTWOCH, 3. MAI

22. VILLA MALASPINA, DONNERSTAG, 4. UND FREITAG, 5. MAI

23. TURIN, DONNERSTAG, 4. MAI

DRITTE BEWEGUNG: 5. BIS 24. MAI 1978

1. ROM, FREITAG, 5. MAI

2. ORBETELLO, FREITAG, 5. MAI

3. TURIN, SONNTAG, 7. MAI

4. FORRAVALLE, MONTAG, 8. MAI

5. FORRAVALLE, MONTAG, 8. MAI

6. TURIN, DIENSTAG, 9. MAI

7. FORRAVALLE, SAMSTAG, 13. MAI

8. ORBETELLO, FREITAG, 19. MAI

9. FORRAVALLE, FREITAG, 19. MAI

10. CARRARA, SAMSTAG, 20. MAI

11. FORRAVALLE, SAMSTAG, 20. MAI

12. FORRAVALLE, SAMSTAG, 20 MAI

13. AULLA, SAMSTAG, 20. MAI

14. FORRAVALLE, SAMSTAG, 20. MAI

15. FORRAVALLE, SAMSTAG, 20. MAI

16. PIAN DEL CIELO, SAMSTAG, 20. MAI

17. PIAN DEL CIELO, SONNTAG, 21. MAI

18. FORRAVALLE, SONNTAG, 21. MAI

19. FORRAVALLE, SONNTAG, 21. MAI

20. FORRAVALLE, MONTAG, 22. MAI

21. FORRAVALLE, MITTWOCH, 24. MAI

VIERTE BEWEGUNG: 25. MAI 1978 BIS 25. MAI 2022

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

AUSGEWÄHLTE BIBLIOGRAFIE

DANK

ANMERKUNGEN ZUM TEXT

»Schön nennen wir das Zeichen, das uns die

Auflösung des Rätsels ermöglicht.«

Franco »Bifo« Berardi: Neuro-Ästhetik des Vorstellbaren

»Vuoi venire? Perché un passaggio è scontato

un viaggio da finire prima che sia iniziato

È complicato, lo puoi capire piú avanti

piove sul bagnato e a seguire tornanti

voci del passato troppo distanti

occhi come tagli, flash abbaglianti.«

»Kommst du mit? Sie kostet dich nichts,

die Reise, die endet, bevor sie begonnen hat.

Es ist kompliziert, das wirst du später verstehen.

Das Elend nimmt kein Ende und es geht vor und zurück,

Stimmen aus der Vergangenheit, weit entfernt,

Augen wie Schnitte, grelle Blitze.«

Colle der Fomento feat. Kaos One: Miglia e promesse

VORGESCHICHTE

26. AUGUST 1976

Im Sommer kamen früher regelmäßig Pfadfindergruppen zum Monte Quarzerone. Wie Zugvögelschwärme fielen sie von einem Tag auf den anderen in Forravalle ein. Sie kamen aus der näheren Umgebung, von der Riviera und von der anderen Seite des Apennin. Sie kamen in ein Grenzgebiet, das anders ist als der Rest der Toskana; schon ein bisschen Ligurien und mit einer ganz eigenen Sprache, von der Sprachwissenschaftler behaupten, es handle sich um Dialekte der Emilia, aber erzählt man das den Lunigianesen, zucken sie nur mit den Achseln: »A parlàn cóm parlàn«, man rede einfach so wie man eben rede.

Manchmal kamen nur Jungen, manchmal nur Mädchen, sie kamen nur selten gemeinsam. Vor der Schranke an der Waschstelle stiegen sie aus dem Reisebus, wo auf dem kleinen, nicht asphaltierten Platz bereits ein etwa vierzigjähriger Mann mit Adlernase auf sie wartete: Vizeinspektor der Forstpolizei Elio Gornara, den im Dorf jeder nur Gheppio nannte. Er wartete auf sie, um sie mit seinem grünen Jeep zu der Stelle zu begleiten, an der sie ihr Lager aufschlagen konnten.

Gheppio bestand darauf, die Neuankömmlinge persönlich in Empfang zu nehmen. Er kontrollierte, ob sie angemessen ausgerüstet waren, und klärte sie über die Gefahren am Berg auf. Manche Menschen waren leichtsinnig und kamen schlecht ausgerüstet zum Quarzerone, und auch die Scouts machten da keine Ausnahme, auch wenn ihr Motto – Estote parati! – sie aufforderte, immer bereit zu sein. Das zwischen Appenin und Apuanische Alpen eingezwängte Bergmassiv mit seinen weniger hohen Gipfeln fand kaum Beachtung, es war gerade gut genug, sich die Beine zu vertreten und gute Luft zu atmen, auch wenn der Quarzerone mit seinen zahlreichen Höhlen, den senkrecht zum Rio Borro abfallenden Felswänden, den Spalten und dem brüchigen Felsgestein genauso viel Respekt verdient hätte wie ein Gipfel der Dolomiten. Die Wege in den Alpen waren überdies gut gekennzeichnet und wurden regelmäßig gepflegt, während sie hier kaum auszumachen waren, und wer ihnen folgte, ohne sie zu kennen, wurde nicht selten von dichtem Brombeergestrüpp oder einem Erdrutsch aufgehalten, und versuchte er, das Hindernis zu umgehen, konnte es damit enden, dass er sich verlief.

»Mindestens einmal im Monat müssen wir jemand suchen: Spaziergänger, Pilzsammler … alles Unfälle, die sich mit größerer Achtsamkeit vermeiden ließen.«

Während Gheppio den Anführern seine Standpauke hielt, luden die Mitglieder der einzelnen Gruppen Werkzeug, Töpfe, die in grüne Hüllen verpackten Kanada-Zelte und Lebensmittelvorräte in den Jeep. War alles eingeräumt, setzte sich der Forstbeamte ans Steuer und die Jugendlichen machten sich mit geschultertem Rucksack und einem Lied auf den Lippen, um die Anstrengung vergessen zu machen, zu Fuß an den Aufstieg.

»E il ritmo dei passi ci accompagnerà, là verso gli orizzonti lontani si va!« [Der Rhythmus der Schritte wird uns begleiten, wenn fern zum Horizont wir schreiten!]

Sie bauten die Zelte auf dem Pian del Cielo auf, am Waldrand, unter den dunklen Steilwänden der Rocca Tesana. Die Wiese war das ideale Zeltlager, eine ebene, mit weichem Gras bewachsene Fläche; an einem Bach konnte man sich waschen, es gab Holz für die Feuerstellen und in der Mitte stand eine hundertjährige Buche, die Schutz vor der Sonne bot.

Sie blieben in der Regel zehn Tage, maximal zwei Wochen. Am Ende bauten sie in aller Frühe die Konstruktionen aus Pfählen und Leinen wieder ab, schütteten die Latrinen zu, holten ihre Fahnen ein und die einzigen noch sichtbaren Spuren waren die gelben Flächen im Gras, wo die Zelte gestanden hatten.

Gheppio kontrollierte, ob alles in Ordnung war, und fuhr dann Gepäck und Hausrat wieder ins Tal. Er parkte hinter der Schranke, und während die Jugendlichen das Gepäck abluden, schimpfte er wegen eines Herings oder eines Stück Papiers, das noch herumgelegen hatte.

Dann zündete er sich in aller Seelenruhe und in Erwartung einer neuen Gruppe seine Pfeife an.

Auch die Pfadfinder der Gruppe Agesci Carrara 4, die Letzten, die Ende August ’76 auf dem Quarzerone ihr Zeltlager aufbauen wollten, fanden ihn rauchend am Rand der Waschanlage.

»Guten Morgen, kommen wir zu spät?«, begrüßte ihn der Gruppenleiter.

Der Vizeinspektor brummelte ein paar vorwurfsvolle Worte und klopfte seine Pfeife am Rand des Waschtrogs aus. Sie kannten sich, es war nicht die erste Gruppe, die von Simone Bartocci auf den Quarzerone begleitet wurde. Er war schon mehrmals dort gewesen und hatte auch das Sommerlager im Jahr 1973 begleitet, es war das letzte ohne Mädchen gewesen. Und seit der Zeit war es Gheppio, der Genehmigungen und Ratschläge erteilte.

»Heute Nacht wird es in Strömen regnen. Ihr müsst Kanäle um die Zelte graben, wie sich das gehört«, verkündete er.

Er holte aus seiner Umhängetasche eine von einem Gummiband zusammengehaltene Papierrolle, die Simone sofort erkannte. Es waren Fotokopien von zwei Karten des Geografischen Instituts der Armee, topografische Karten des gesamten Bergmassivs, auf denen der Forstbeamte Gefahrenstellen und andere zu vermeidende Orte markiert hatte. Die gefährlichsten Bereiche, die in jedem Fall zu meiden waren, hatte er rot umrandet. Simone hatte schon mindestens fünf dieser kostbaren Papierrollen erhalten. Sie schienen alle gleich zu sein, aber wenn man es wagte, Gheppio darauf aufmerksam zu machen, regte er sich auf und wies darauf hin, dass er sie jedes Jahr auf den neuesten Stand brachte.

Simone bedankte sich, nahm die Rolle und gab sie an die Gruppenführerin weiter.

»Darf ich dir Gemma, meine Gehilfin, vorstellen?«, sagte er.

»Von wegen Gehilfin!«, protestierte diese und hob die Hand, wie um ihm eine Ohrfeige zu verpassen. »Ich heiße Gemma Corsini, ich bin für die Mädchen verantwortlich«.

Gheppio schüttelte ihr die Hand: »Freut mich, Elio Gornara. Herzlich willkommen in Forravalle. Kennst du unseren Berg schon?«

Die junge Frau verneinte und der Vizeinspektor reichte ihr ein Prospekt der Gemeinde Forravalle, mit langweiligen Ortsbeschreibungen und kleinkarierten Ratschlägen von Unbekannten, die kein Mensch lesen wollte. Die einzige nützliche Information betraf die Höhlen:

Es wird behauptet, alle Höhlen des Quarzerone seien durch natürliche oder künstliche Gänge miteinander verbunden. Die bekanntesten Höhlen tragen beziehungsreiche Namen, die an Legenden erinnern (»Höhle des Kobold«), an alte Gebräuche (»Höhle der Junggesellen«), an mittelalterliche Einsiedeleien (»San Palpano«) und an historische Ereignisse. In der Chronik einer Schlacht zwischen der Republik Florenz und den Modenesen wird berichtet, dass es Letzteren gelang, die Feinde einzukreisen, indem sie einem der Gänge folgten, der heute noch als »Höhle der Herzöge« bekannt ist.

Gheppio beschränkte sich auf den Hinweis, es sei verboten, die Höhlen zu betreten, auch wenn sie mehr oder weniger einladende Namen trugen.

»Aber der größte Teil ist namenlos und viele sind noch gar nicht erforscht«, fügte er hinzu.

Wie vorhergesagt, regnete es in der Nacht. Überall auf dem Lagerplatz bildeten sich Pfützen und an den Schutzplanen der Zelte zerrten Windböen. Aber es war keines dieser heftigen Sommergewitter, die schnell wieder abziehen, auch am nächsten Tag ließ der Regen nicht nach. Erst am zweiten Morgen schien endlich wieder die Sonne und an den Ästen der Buche in der Mitte des Platzes baumelten zahlreiche, zum Trocknen aufgehängte Schlafsäcke. Die Gruppenleiter waren erleichtert, dass sie ihr Programm wegen des Wetters nicht ändern mussten. Für den Nachmittag war das »Vierundzwanzig-Stunden-Spiel« vorgesehen.

Gemma setzte ihren Motorradhelm auf, dem sie ein intergalaktisches Aussehen verpasst hatte, und Simone stieg in einen orangenen Overall, der mit Stanniolpapier in ein Astronautenkostüm verwandelt worden war. Angeregt von den Erzählungen, dass auf dem Monte Quarzerone hin und wieder Außerirdische landen würden, um tief in den Eingeweiden des Berges versteckte, geheime Labore aufzusuchen, stellte die Spielszene eine Invasion von Aliens nach. Die in mehrere Regimenter aufgeteilten Erdenbewohner mit je einem eigenen Basislager mussten sie aufhalten und sich Waffen, Munition und Lebensmittel erkämpfen.

Ausgangssituation und Startschuss für das Spiel war der Diebstahl der Abendessensvorräte durch zwei Eindringlinge vom Mars; die Lebensmittel mussten ihnen wieder abgejagt werden.

Jacopo und Margherita waren in derselben Mannschaft, was kein Zufall war. Im letzten Jahr der Gruppenzugehörigkeit weiß man, wie bestimmte Dinge funktionieren. Wenn die Anführer aufrufen, sich im Kreis zu versammeln, und in verrückter Verkleidung erscheinen, bedeutet das, gleich wird ein Spiel gestartet, das umso länger dauert und umso komplizierter ist, je sorgfältiger die Ausgangsszene vorbereitet wird. Um in derselben Mannschaft zu landen, muss man so schnell wie möglich erkennen, wie viele Mannschaften gebildet werden sollen. Sind es zum Beispiel vier, tauscht man mit einigen Nachbarn den Platz und setzt sich im Abstand von drei, sieben oder elf Personen in den Kreis. Dann wird abgezählt: eins, zwei, drei, vier. Alle »Einer«, alle »Zweier« und so weiter bilden eine Mannschaft. Manchmal merken die Anführer das, greifen ein und trennen diejenigen, die geschummelt haben, aber Jacopo und Margherita waren Gruppenleiter und kannten alle Tricks. Seit dem Ende der Schule waren sie ein Paar, aber das hatte sich noch nicht herumgesprochen und deshalb fiel es nicht auf, dass sie sich zusammen auf das Spiel vorbereiteten.

Um acht Uhr abends kündigten drei lang anhaltende Pfiffe das Ende der ersten Phase des Spiels an. In einer verbissenen Schlacht am Nachmittag hatte das Regiment von Jacopo und Margherita zwanzig Schinkenbrötchen, zwölf gekochte Eier und siebzehn Äpfel ergattert; eine optimale Ausbeute, um fünfzehn Personen zu verköstigen.

Der Waffenstillstand dauerte bis neun Uhr. Während des Abendessens zog sich jede Mannschaft in ihre Burg zurück, die von Seilen begrenzt wurde, die zwischen den Bäumen gespannt waren. Nach dem Essen begannen die Vorbereitungen für die Nacht. Gaslampen wurden aufgehängt, mit Planen wurde ein Unterschlupf gebaut, die Nachtwachen wurden festgelegt und ein neuer Aktionsplan ausgearbeitet.

Einige verteidigten die Burg, andere waren bereit, einen Angriff zu starten.

Margherita bot sich als Kundschafterin an und drang mit vier Verbündeten ins Niemandsland vor. Auf der ersten Lichtung schlug sie vor, sich zu verteilen, und alle stimmten zu. Zusammenbleiben und die Aliens als Gruppe angreifen war wahrscheinlich nicht die beste Strategie.

Jacopo verließ das Basislager kurz darauf und erklärte, er werde allein einen Angriff wagen.

Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie er versteckt hinter einem Felsen auf Margherita wartete, so wie sie es vorher vereinbart hatten.

Sie beugt sich zu ihm hinunter und küsst ihn auf den Mund, reicht ihm die Hand und zieht ihn hoch und zusammen verschwinden sie im Wald.

Tania schaute auf die Uhr. Es war elf und ihre Wache war zu Ende. Sie musste jetzt Margherita wecken, aber die Ablösung war nicht in ihrem Schlafsack und auch nicht im Basislager.

Tania wandte sich an Martina und die antwortete ihr, sie solle Margherita vergessen, auch Jacopo sei nicht an seinem Platz.

»Und was ist jetzt?«

Was ist jetzt! Um ihr die Sache zu verdeutlichen, hauchte Martina eine Reihe Küsschen in die Luft, legte dann den Zeigefinger an die Lippen und machte »Pssst«. Tania weckte Monica und bat sie, für Margherita einzuspringen, aber die wollte nichts davon wissen.

Die Stimmen wurden lauter und auch Alberto, der Gehilfe des Leiters, der bis zum Ende des Spiels für die Mannschaft verantwortlich war, wurde aufmerksam.

Als er verstanden hatte, um was es ging, fand Alberto, man solle die Abwesenheit der beiden nicht auf die leichte Schulter nehmen. Margherita würde niemals ihre Wache schwänzen, nur um mit Jacopo allein sein zu können; wenn auch nicht unbedingt aus Pflichtgefühl, in jedem Fall aber aus Angst, erwischt zu werden.

Um kleinere Zwischenfälle oder eine Verspätung, weil sie die Zeit für die Rückkehr falsch berechnet hatten, ausschließen zu können, wartete er noch eine Viertelstunde.

Um zwanzig nach elf kamen zwei der Kundschafter zum Pian del Cielo zurück. Simone war mit dem Erste-Hilfe-Koffer im Camp geblieben, um Krankheiten, Schnittwunden oder andere Verletzungen wie Prellungen behandeln zu können.

Aber auch dort hatte niemand Margherita und Jacopo gesehen.

Simone war sofort klar, dass irgendetwas geschehen war. Und in der Dunkelheit am Berg bedeutete irgendetwas schon ziemlich viel.

»Lauft sofort zurück zu Alberto und sagt ihm, er solle allen mitteilen, dass das Spiel zu Ende ist«, befahl er den beiden, die ihm die Nachricht überbracht hatten.

Er schnappte sich eine Taschenlampe und rannte den steinigen Eselspfad ins Dorf hinunter.

Jacopo und Margherita waren aufgeweckte, gut vorbereitete Jugendliche, undenkbar, dass sie sich entfernt hatten und den Rückweg nicht fanden. Warum hätten sie sich auch weit entfernen sollen, der Wald bot überall reichlich Verstecke.

Ebenso unwahrscheinlich war es, dass sich beide so verletzt hatten, dass nicht wenigstens einer der beiden es zurück ins Lager geschafft hätte, um Alarm zu schlagen …

»Zwei der Teilnehmer sind verschwunden«, sagte er zu Gheppio, der aus der Dienstwohnung im ersten Stock heruntergekommen war und ihm im Eingang der Kommandantur gegenüberstand.

»Wann habt ihr sie zum letzten Mal gesehen?«, fragte der Vizeinspektor und zog sich die Uniformjacke über das Hemd, das er zum Schlafen trug.

»Vor ungefähr zwei Stunden«.

Gheppio ging ins Büro und schaltete das Funkgerät ein, aus dem heftiges Rauschen und Knistern drang.

»Astore! Gheppio hier, komm sofort zur Kommandantur, zwei Pfadfinder sind verschwunden! Kommen!«, sagte der Forstbeamte.

»Seit wann? Kommen!«, antwortete eine schläfrige Stimme.

»Zwei Stunden. Kommen und Ende!«

Und in diesem Augenblick hätten weder er noch Simone sich vorstellen können, dass sie in Zukunft dieselbe Frage mit zwei Tage, zwei Wochen, zwei Monate, zwei Jahre beantworten würden.

Simone ist heute fast siebzig Jahre alt. Im Herbst jenes Jahres 1976 verließ er die Scouts und verschob seine Abschlussarbeit in Jurisprudenz. Bis zum Sommer des folgenden Jahres beteiligte er sich an der Suche nach Margherita und Jacopo und nach Indizien, die ihr Verschwinden hätten aufklären können. Er suchte jede Handbreit des Berges ab, auch allein, und sobald es Neuigkeiten gab, kam er zurück nach Forravalle, um Informationen einzuholen und sich mit Gheppio zu beraten. Als dann mehr oder weniger feststand, dass die beiden Jugendlichen nicht wieder auftauchen würden, brach er sein Studium ab, packte seine Koffer und siedelte nach Schweden über, um dort als Ladearbeiter im Hafen von Göteborg zu arbeiten. Vielleicht fühlte er sich verantwortlich und irgendetwas drängte ihn, das Weite zu suchen, weit weg von jenem Ort ein neues Leben zu beginnen, an einem Ort, an dem er mit niemandem mehr über die Sache sprechen musste.

Diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen, denn im Frühjahr 1978 wurden weitere Menschen in die Geheimnisse des Quarzerone verwickelt und trugen dazu bei, dass die Wahrheit zum Teil ans Licht kam.

Dies ist die Geschichte von Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens an den Hängen dieses Berges begegneten. Auch wenn man nicht alle Einzelheiten, Licht und Schatten eines Leben kennen kann, so kann man dennoch versuchen, es zu erzählen, indem man Bücher, Dokumente, Zeitungen und Interviews aus der entsprechenden Zeit konsultiert, immer im Bewusstsein der unüberwindlichen Distanz zwischen dem gelebten Leben und den geschriebenen Worten. Schlussendlich besteht die Herausforderung des Erzählens darin, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, indem man sich dem Unaussprechlichen stellt, auch wenn es sich um Werwölfe oder fliegende Untertassen handelt.

ERSTE BEWEGUNG

1. BIS 19. MÄRZ 1978

1. ROM, MITTWOCH, 1. MÄRZ

Wasserrauschen, Lichtreflexe von Synthesizern, entferntes Echo vergangener Zeiten. In den Gärten Pharaos von der deutschen Band Popol Vuh. Die Wahl der Musik ist perfekt.

Das Auge der Fernsehkamera bewegt sich durch den Flur einer Wohnung und erfasst Regale, die mit Erinnerungsstücken, Raritäten und Fundstücken vollgestellt sind, mit handgearbeiteten kleinen Statuen wie Fruchtbarkeitsgöttinnen, heiligen Tieren und bedrohlich wirkenden, unergründlichen Dämonen. Zwischen den stilisierten Körpern sind hin und wieder Modelle toltekischer Pyramiden und nüchtern oder kitschig gestaltete Raumschiffe zu sehen.

1978 produzierte das italienische Fernsehen schon Programme in Farbe, wie auch diese Folge der Sendung Odeon, aber in fast allen Wohnungen thronten noch die üblichen Schwarz-Weiß-Geräte, sodass die grelle Farbigkeit dieses Apartments der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen blieb; giftgrüne Wände, gelb gestrichene Konsolen, bronzefarbene Nippesfiguren.

Die Kamera nähert sich einer türlosen Schwelle, über der ein großes Gemälde zu sehen ist. Der Blick schweift über Ruinen und unvollendete Architektur, die in lichtvoller Nacht zu schweben scheint. Nur die Wenigsten werden Le temple foudroyé von Savinio erkannt haben, nicht etwa das Original, aber eine auf dem Flohmarkt von Porta Portese für wenig Geld erstandene Kopie.

Eingehüllt in die Klänge von Popol Vuh betreten wir einen großen Wohnraum. An zwei benachbarten Wänden stehen bis an die Decke reichende, solide, dunkel lackierte Bücherregale in Nussbaum; vor den Buchreihen weiterer Nippes und andere Gerätschaften.

Schnitt, Großaufnahme. Einige Bücher stehen nicht mit dem Rücken zum Betrachter, eingereiht zwischen den anderen, sondern sind an diese angelehnt, damit der Einband sichtbar ist; Ausgaben aus dem Ausland: Bombas atómicas y robots en la antigüedad (auf dem Schutzumschlag ist eine Fotomontage zu sehen, die den Atompilz von Hiroshima vor dem Hintergrund von Machu Picchu zeigt), Toisilta tähdiltä von Peter Kolosimo.

In einer Nische hängt ein gerahmtes Foto, auf dem zwei lächelnde Männer sich die Hand reichen. Nicht viele werden im Älteren der beiden den Chefplaner des sowjetischen Raumfahrtprogramms Sergej Pavlovič Korolëv erkannt haben; unten rechts drei mit Füllfederhalter in kyrillischen Buchstaben geschriebene Zeilen, eine Widmung mit Unterschrift.

An der dritten Wand hängen Urkunden von erhaltenen Literaturpreisen, Diplome und Anerkennungen hinter Glas sowie Plakate von Tagungen und Konferenzen. Die Kamera holt sie nicht näher heran, aber man erkennt gelbe Schrift auf blauem Hintergrund, viele sehen nur helles und dunkles Grau:

»ATOMBOMBEN UND LASER SCHON VOR DER SINTFLUT?«

Darunter:

»Vortrag von Prof. M. ZANKA«

Einige haben vielleicht noch erkannt:

»Hotel Parco dei Principi, Sorrent – Mittwoch, 11. Mai 1977«

In der vierten Wand befindet sich ein weiterer Durchgang, schmaler als der erste. Die Kamera geht hindurch und erfasst jetzt ein Arbeitszimmer. Auf einem unaufgeräumten Schreibtisch liegen aufgeschlagene Notizbücher, zusammengeknüllte Blätter, Zeitungen, Gläser, ein Aschenbecher randvoll mit Kippen; ein Mann in Rückenansicht tippt auf einer Schreibmaschine.

Ein Schwenk nach rechts, und jetzt sehen wir ihn im Profil. Er sitzt leicht vornübergebeugt und trägt einen dunklen Rollkragenpullover oder vielleicht einen hochgeschlossenen Pullover; kein Bart, aber dichte Koteletten, die schwarzen Haare sind auf der rechten Seite gescheitelt.

Es ist der Mann, der Korolëv die Hand geschüttelt hat.

Jetzt hört man die weiche, einschmeichelnde Stimme des Fernsehsprechers:

»Dies ist Martin Zanka, aber das ist nicht sein wirklicher Name.«

Odeon hieß ein wöchentlich ausgestrahlter bunter Bilderbogen, wie man so etwas damals nannte, der im Vorabendprogramm von RAI 2 mit dem Aufmerksamkeit erregenden Untertitel: Sensationen der Woche gesendet wurde, was so viel bedeutete wie: Wir entdecken die Welt des Showbusiness, aber auch: Vor unserer Kamera wird alles zum Spektakel.

Die Sendung hatte von Beginn an Aufsehen erregt. In erster Linie wegen der für italienisches Fernsehen ungewöhnlichen Themenwahl: die Stripteasetänzerinnen des Crazy Horse in Paris, die erotische Kehrseite des italienischen Kolonialismus in Afrika, eine neue Jugendkultur aus London, die sich »Punk« nannte. Über all diese Themen wurde, ohne zwischen »oben und unten/hoch und niedrig« zu unterscheiden, in frechem, respektlosem Ton berichtet, wobei es sich häufig um ad hoc herbeigeführte, bizarre Situationen handelte: eine äthiopische Schauspielerin zu Pferd auf dem Foro Italico, ein Schauspieler, der während einer Prügelei zwischen Stuntmen interviewt wird, ein Liedermacher spielt im Schneetreiben Gitarre … Die Technik war neu und für die Zeit gewagt, jedenfalls in der Fernsehunterhaltung. Die lineare Bildmontage erregte Aufsehen, man sprach über nackte Frauen, über Schenkel und Brüste … und auf dem Bildschirm erschien ein gebratenes Hähnchen. Odeon sollte in die Geschichte eingehen.

Die Stimme aus dem Off fährt fort: »Gianmaria Zanchini, vierundfünfzig Jahre alt, geboren in Piemont, inzwischen adoptierter Römer, Partisan in den Grajischen Alpen, langjähriger Kriminalreporter. Im Lauf der Jahre wurde er unter seinem Künstlernamen als Erforscher des Unbekannten und als Dichter geheimnisvoller Welten bekannt. Klug und geschickt hat er sich in die Buchreihe ›hineingeschrieben‹, die an den Weltbestseller Der Morgen der Magier der Franzosen Pauwels und Bergier anknüpft; sein ganz persönlicher thematischer Zugang war in erster Linie am Interesse des italienischen Publikums ausgerichtet, mit weniger Alchimie und Geheimwissenschaft und mehr Geschichte, exotischen Kulturen und den Schönheiten der Landschaft.«

Äußerlich unbeirrbar, hämmert Zanka noch immer in die Tasten, tack, tack, tack, tack. Aber auch der naivste Zuschauer hat inzwischen kapiert, dass er schauspielert; niemand kann mit einer neugierigen Fernsehtruppe im Haus wirklich arbeiten.

Die Kamera hält auf den Schreibtisch und verweilt bei einem Stapel Taschenbücher und Zeitschriften.

»Zanchini – aber nennen wir ihn Zanka – hat bereits zehn Bücher auf der Habenseite stehen, die sich alle auf den Bestsellerlisten nach oben gearbeitet haben, mit Titeln wie Odysseus Kosmonaut …«

Und dann sieht man einen Buchdeckel mit der Fotomontage eines griechischen Dreiruderers, der über einen sternenübersäten Himmel gleitet.

»… oder Science-Fiction der Bronzezeit …«.

Wer immer sich um die grafische Gestaltung gekümmert haben mag, er hat sich nicht viel Mühe gegeben: eine Zeus-Statue schleudert vor dem Hintergrund des Sternenhimmels einen Blitz.

»… oder auch sein letztes Werk, Robinson der Galaxien …«.

Unter dem Titel ist ein mit Fetzen bekleideter Schiffbrüchiger auf einem Floß vor dem unvermeidlichen Sternenhimmel zu sehen.

»… alle veröffentlicht im Verlag Pepper & Co. Mit dem letzten Titel gewann Zanka 1977 das Goldene Buchregal.«

Untermalt von Percussion, vielleicht Tablas, werden Standardbilder gezeigt: die Pisten in Nazca, Südperu, Höhlenmalereien in Altamira, Felszeichnungen in Valcamonica, Bergprofile im Susatal, vom Wind erodierte Felsen in einer unbekannten Wüste … Währenddessen redet der Kommentator weiter: »Alle seine Arbeiten beschäftigen sich mit der Hypothese, dass die Menschen möglicherweise in früheren Zeiten, vielleicht sogar schon in der Prähistorie, zu Außerirdischen Kontakt hatten. Diese Kontakte hätten an vielen Orten des Planeten stattgefunden und diese ›Begegnungen der dritten Art‹, wie man das heute in Hollywood nennt, hätten Spuren hinterlassen, die es zu interpretieren gelte. Durch die Arbeit Zankas und anderer, die ihm nacheifern, sind die paläo-kosmonautischen Theorien, so hat er selbst sie getauft, heute ein anerkanntes Forschungsgebiet.«

Zanka hört auf zu schreiben und schaut in die Kamera. Die Musik bricht ab und die Stimme aus dem Off stellt ihm die erste Frage:

»Martin Zanka, stimmt es, dass die Marsmenschen die Pyramiden gebaut haben?«

Der Interviewte runzelt kurz die Stirn, aber das ließe sich nur mit einem Standbild überprüfen, und damals gab es in den Wohnungen noch keine Videorekorder, das Fernsehen war ein ununterbrochenes Fließen, vorbeirauschende Fotogramme, die sofort wieder verschwanden.

Zanka antwortet: »Einen solchen Unsinn habe ich nie behauptet. In meinen Büchern formuliere ich Hypothesen und werfe Fragen auf, die von der Wissenschaft nicht aufgegriffen werden. Wer meine Bücher liest, muss sich mit diesen Fragen beschäftigen, er muss sie sich selbst stellen und eine eigene Antwort darauf finden.« Ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht: »Ich bin nur so eine Art ein Geburtshelfer, wie Sokrates.«

»Sokrates wurde gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken, und auch Sie haben, wie es aussieht, nicht wenige Feinde und Verleumder.«

Das Lächeln Zankas wird ausgeprägter.

»Meine Hypothesen rütteln auf, sie sind unbequem. In meinen Büchern fordere ich den Leser auf, wenigstens für einen Moment festgefahrene Überzeugungen aufzugeben. Wenn man nach Zeugnissen für frühe Kontakte zwischen irdischen Zivilisationen und solchen anderer Planeten sucht, stellt man damit den Homo sapiens als das Zentrum des Universums in Frage, als die oberste Entwicklungsstufe des Lebens, als den privilegierten Beobachter des Kosmos, den letzten Zweck von Schöpfung und Erlösung, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Es ist doch ganz verständlich, dass so etwas verstörend wirkt.«

»Obwohl Sie als Nonkonformist gelten, sind Sie groß in Mode. Ihre Bücher erzielen riesige Auflagen und wie es aussieht, widersprechen sie dem Zeitgeist nicht. Ich denke dabei an den Film Unheimliche Begegnung der dritten Art des Amerikaners Spielberg, der fast überall Rekordeinnahmen erzielt.«

Ein leichtes Lächeln bleibt auf Zankas Gesicht: »Meine Bücher finden Anklang bei den Massen, weil wir in einer Zeit leben, die in vieler Hinsicht revolutionär zu nennen ist. Was Begegnungen mit Außerirdischen angeht, verstehe ich natürlich die Faszination, die von fliegenden Untertassen ausgeht, aber das sind Dinge, die methodisch angegangen werden müssen, man sollte sich nicht von jedem Licht am Himmel blenden lassen.«

Schnitt. Man sieht jetzt die ganze Figur Zankas; Ledermantel über schwarzem Rollkragenpullover, Jeans, Stiefel, jugendliches Auftreten. Er ist nicht mehr in seiner Wohnung, er schreitet zwischen Ausstellungsvitrinen durch die Räume eines Museums.

»Das nächste Buch Zankas trägt den Titel: Raumschiffe über Luni. Die Gründe für diesen außergewöhnlichen Titel hat er uns selbst erläutert.«

»Martin Zanka, wo befinden wir uns in diesem Augenblick?«

»Wir sind hier in der Toskana. In Pontremoli, um genau zu sein. Im Museum der Statuenmenhire, das vor drei Jahren eröffnet wurde«.

»Was genau sind diese Statuenmenhire?«

»Es handelt sich um bedeutende Fundstücke«, beginnt Zanka. Seine Worte werden von einer typischen Odeon-Montage illustriert: Blick von Westen auf die Apuanischen Alpen, ein kurzer Schwenk über anthropomorphe Skulpturen, über stilisierte Formen mit dreieckigen Köpfen, die aussehen als trügen sie Kapuzen, dann der Astronaut Edward White im Weltraum, der über einen Sicherheitsgurt mit der Kapsel Gemini 4 verbunden ist, Großaufnahme einer Statue. »Diese Skulpturen wurden in der Lunigiana zu Dutzenden gefunden, sie sind über fünftausend Jahre alt. Es sind menschliche Figuren, von denen viele Kopfbedeckungen tragen, die an die Helme heutiger Kosmonauten erinnern. In dem Buch, an dem ich gerade arbeite, stelle ich eine Verbindung her zwischen diesen Figuren und anderen, die vor langer Zeit an weit entfernten Orten in den Fels gehauen wurden.«

»Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?«

»Möglicherweise hat die Bevölkerung der Lunigiana im Neolithikum einmal oder mehrmals Besuch von humanoiden Wesen aus dem All erhalten und um das Ereignis festzuhalten und zu überliefern, hat sie dann versucht, diese darzustellen. Diese menschenähnlichen Wesen trafen auf menschliche Gemeinschaften in verschiedenen Gegenden unseres Planeten, daher die Ähnlichkeit der Darstellungen. Das ist das Thema der Paläo-Kosmonautik.«

Musik, Ausblendung, neuer Schnitt. Es erscheint das Plakat, mit dem der Film Unheimliche Begegnung der dritten Art angekündigt wird, der in diesen Tagen in Italien in den Kinos anläuft.

Über den Bildschirm laufen Bilder aus dem Film: der französische Wissenschaftler Claude Lacombe auf Forschungsreise in Dharamsala, Indien, wo Hunderte Menschen, vielleicht Tausende, fliegende Untertassen gesehen haben wollen. Lacombe versammelt und dirigiert die Menge, als wäre es ein Chor, und rekonstruiert Note für Note die Melodie, die von den Ufos übertragen wurde: g4 – a4 – f4 – f4 – c4.

Auch das ist analoge Montage: Lacombe wird von dem Regisseur François Truffaut gespielt, der Martin Zanka sehr ähnlich sieht.

Zanka, jetzt in »amerikanischer« Einstellung, von den Oberschenkeln bis zum Kopf, wartet auf eine neue Frage, während im Hintergrund wieder In den Gärten Pharaos erklingt.

»Wenn es in der Prähistorie Kontakte mit Außerirdischen gab, gibt es sie dann nicht möglicherweise auch heute?«

»Kein vernünftiger Mensch kann ausschließen, dass in der unendlichen Weite des Universums andere Zivilisationen existieren. Wenn wir eines Tages mit einer solchen in Kontakt treten sollten, würde das unsere Welt, unsere Kultur revolutionieren. Vielleicht ist das längst geschehen, in längst vergangenen Zeiten, und es ist durchaus möglich, dass sich unsere Zivilisation, dank des Kontaktes zu einer der unseren überlegenen Zivilisation, so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat.«

Es werden Bilder von ausgedehnten Steinwüsten der Marsoberfläche gezeigt, die zwei Jahre zuvor von der Sonde Viking aufgenommen wurden. Die Zuschauer sehen sie grau, aber viele kennen die Aufnahmen, weil sie in Zeitschriften mit großer Auflage erschienen waren, und sie wissen daher, dass sie orange, ocker und goldgelb sind. Von oben gesehen, gleicht eine der Felsformationen dem Gesicht eines Affen.

»Martin Zanka, was können Sie uns über den Mars erzählen? Gab es einst Leben auf diesem der Erde sehr ähnlichen Planeten?«

Zanka in der Totale: »In einem schon etwas älteren russischen Roman stellt sich der Autor vor, die Marsmenschen hätten auf ihrem Planeten den Sozialismus verwirklicht. Aber wenn man sieht, was aus ihrem Planeten geworden ist«, er zwinkert der Kamera zu, »dann glaube ich nicht, dass ihnen das gelungen ist.«

Schnitt. Erkennungsmelodie. Der nächste Beitrag handelt von einem Lokal in New York, in dem nach Diskomusik auf Rollschuhen getanzt wird; Pirouetten und Schwünge auf Rollschuhen.

Die Meinung Zankas über seinen ersten Fernsehauftritt ist bekannt, daher kann man sich seine Laune an jenem Abend gut vorstellen.

Er schaltete den Fernseher aus, einen der wenigen Farbfernseher in italienischen Wohnungen jener Zeit.

Er legte die Fernbedienung weg, ein weiteres Wundergerät, das viele noch nie in der Hand gehabt hatten. Er kauerte sich in den Sessel und fühlte sich einsam.

Allein in einer Wohnung, die jetzt Millionen Menschen kannten.

Allein, umgeben von Rom … nein, ganz Italien hatte zugesehen, wie er sich lächerlich gemacht hatte.

Sich selbst zuzuschauen, war beschämend gewesen; die blöde Idee, ihn beim Maschineschreiben zu filmen, die in Spott und Hohn getränkten Fragen, die billigen Buchdeckel seiner Bestseller … Er hatte sich immer dagegen gewehrt, es war das erste Mal gewesen, dass er ein Interview im Fernsehen akzeptiert hatte, und es war eine Katastrophe; befangen, übertrieben lehrerhaft und zum Schluss auch noch das Augenzwinkern … Was hatte er sich dabei gedacht? Das war nicht er, er hatte sich noch nie angebiedert.

Das Fernsehen verfälscht, dachte er.

Oder vielleicht zeigt es, ganz im Gegenteil, die Wahrheit.

Was für eine jämmerliche Karriere hatte er vorzuweisen!

Er dachte an die beiden letzten Jahre, an das, was sein Sohn durchgemacht hatte, und an die letzte Neuigkeit; eine weitere Reise in die Lunigiana wartete auf ihn. Dieses Mal ging es nicht um Statuenmenhire, höchstens um eine etruskische Göttin. Wo hatte er den Zettel hingelegt?

Das Telefon klingelte und ließ die Gegenstände auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel vibrieren. Zanka hob das kalte Bakelit ans Ohr.

Eine bekannte Stimme dröhnte auf sein Trommelfell ein, Worte der Begeisterung: »Das war ganz stark, Marty!«, rief sein Verleger. »Erstklassige Reklame!«

»Hallo, Paolo. Findest du? Ich hätte am liebsten ausgeschaltet.«

»Machst du Witze? Granatenmäßig, Marty, glaub mir! Faszinierend, mysteriös, sogar sexy! Du wirst sehen, das gibt Vorbestellungen ohne Ende!«

»Wenn du meinst …«.

»Ich? Das sagen alle, nur du glaubst das nicht! Umwerfend! Morgen lass ich mir die Zuschauerzahlen geben. Du kannst dir schon mal einen genehmigen, Marty, wenn du früher nur bekannt warst, dann bist du jetzt ein Star!«

Zanka legte auf und fand den Zettel, den er vorher gesucht hatte, unter dem Telefonverzeichnis und der unbezahlten Telefonrechnung. Eine Notizbuchseite, kariert. Er starrte auf die merkwürdigen Namen, die er selbst nach Diktat aufgeschrieben hatte:

Thanur

Strada del Quarzerone 7

Villa Malaspina

Forravalle (Provinz Massa-Carrara)

Er blickte sich um: Bücher, Plakate, Urkunden, Kinkerlitzchen, der ganze Plunder.

Er brauchte dringend frische Luft.

Er stand auf, zog den Mantel über, nahm die Schlüssel und trat in den römischen Abend hinaus, der schon nach Frühling roch.

2. TURIN, FREITAG, 3. MÄRZ

Im historischen Kino Corso in Turin, das zwei Jahre später durch einen Brand zerstört und geschlossen werden sollte, fand die Erstaufführung von Unheimliche Begegnung der dritten Art statt.

Wer an jenem Abend ins Kino ging, um sich den Film anzusehen, stieß unweigerlich auf eine Clique spindeldürrer, aufgeregter junger Menschen. Es handelte sich um die Mitglieder der Forschergruppe der vereinigten Ufologen und Paläo-Ufologen Turin, abgekürzt GRUCAT(Gruppo ricercatori ufologi e clipeologi associati Torino).

»Clipeologie oder Prä-Astronautik« war ein Begriff, der damals in Mode war. Er bezeichnete die Erforschung von Ufo-Sichtungen im Lauf der Geschichte. Der Name stammte aus einem ufologischen Bericht ante litteram von Plinius dem Älteren, der irgendwo von »Feuerschilden«, von clipei ardentes berichtet hatte. In Turin erschien seit einigen Jahren das Mitteilungsblatt Clipeo, das von dem fast schon legendären Grafiker und Illustrator Paolo Sesto herausgegeben wurde. »Ich hieß schon vor dem Papst so«, begann er immer, wenn er sich vorstellte, und für die Ufologen von Turin, aber nicht nur für sie, war er tatsächlich eine Art Papst. Die Mitglieder der Vereinigung GRUCAT verfolgten genau, was er tat, und lasen eifrig jede Zeile von ihm.

Paolo Sesto hatte den Film Unheimliche Begegnung der dritten Art bereits auf einer Reise in die USA gesehen, und Monate bevor er in Italien in die Kinos kam, hatte er über den Film in Clipeo geschrieben und ihm seinen Segen erteilt. Er hatte ihn »das rettende Ufer, das am Horizont sichtbar wird und das wir, wenn wir uns sehr anstrengen, irgendwann erreichen können« genannt und damit bei seinen jugendlichen Anhängern eine Neugier geweckt, die krankhafte Züge aufwies.

Der große Tag war endlich gekommen.

Profil und Aktivitäten der GRUCAT lassen sich angesichts der Unmenge schriftlicher und mündlicher Quellen leicht rekonstruieren. Dem Forscher stehen neben den Dokumenten, die die Vereinigung penibel archiviert und inventarisiert hat, auch die Erinnerungen älterer Mitglieder zur Verfügung, die stets bereit sind, sie mit jedem zu teilen, der sie darum bittet.

Wenn es um einen ganz speziellen Forschungsgegenstand ging – ein konkretes und nicht ganz zufälliges Beispiel: Wie verhielt sich die GRUCAT im Jahr 1978 –, sollte das Buch der Anthropologin Milena Cravero Als die Marsbewohner kamen. Ufologie, Beziehungen zwischen den Geschlechtern und kollektive Riten im Italien der 70er-Jahre (Garamond, Mailand 1980) herangezogen werden.

Die GRUCAT wurde 1977 bei einem Treffen jugendlicher Leser der Monatszeitschrift Il giornale dell’Ignoto [Die Zeitung des Unbekannten] gegründet, einer Zeitschrift, die heute in Vergessenheit geraten ist, von der damals aber fast hunderttausend Exemplare verkauft wurden, davon siebentausend allein in Turin, »der Stadt der Mysterien«. Redaktion und Verwaltung befanden sich allerdings in Rom, im Stadtteil Esquilino, am Sitz des Verlags Pepper & Co. Der Verlag gab ganz unterschiedliche Produkte heraus, darunter Rätselzeitschriften und Zeitschriften für Astrologie, aber Il giornale dell’Ignoto war eines der beiden Hühner, die goldene Eier legten. Das andere Huhn war Martin Zanka.

Man kann über Pablo Pepper, der eigentlich Pierpaolo Pepe hieß, den ultimativen Joker des Feuilletons der Siebziger, alles Mögliche sagen, und das hat man auch getan, aber nicht, dass er kein Näschen und keinen Geschäftssinn hätte. Der berühmte Weihnachtsappell an die Ufologen Italiens, erschienen im Giornale dell’Ignoto, war auf seinem Mist gewachsen; der Direktor, Gion Cavezzo, hatte ihn nur unterzeichnet.

Im Dezember 1976, als die Sichtungen von Ufos in aller Welt zunahmen, hatte die Zeitschrift das eigene Publikum »zu den Waffen gerufen« und es aufgefordert, in Italien Forschergruppen zu bilden und der Redaktion Nachrichten, Berichte und Merkwürdigkeiten zu übermitteln.

Und der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet! Zu einer Zeit, an die man sich vor allem im Zusammenhang mit jugendlicher Aufgebrachtheit, Studentenrevolten, bis hin zu politischen Morden erinnert, waren in ganz Italien Clubs und Vereine entstanden, die sich mit fliegenden Untertassen beschäftigten. Von Aosta bis Agrigent, von Cagliari bis Gorizia, von den Metropolen bis in die tiefste Provinz wurden wöchentlich Ufologen-Versammlungen abgehalten, und bald sollte das Phänomen bis in den Äther vordringen. Über hundert freie Radiostationen stellten ihre Frequenzen für Sendungen über Sichtungen und unheimliche Begegnungen zur Verfügung; dilettantisches Gestotter, wirre Phrasen, ungewohnte Lautstärke, knisternde Telefongespräche, aber authentische Leidenschaft.

Im Frühjahr hatten Pepper und Cavezzo die Palette um eine andere weit verbreitete Schwärmerei jener Jahre erweitert, um die Parapsychologie: Telepathie, Telekinese, Wahrsagerei … Angespornt vom Giornale dell’Ignoto hatten unzählige Begeisterte Vereinigungen und Verbände ins Leben gerufen, die Berichte und Analysen über merkwürdige Erscheinungen lieferten.

Dank der enthusiastischen, kostenlosen Mitarbeit erlebte Il giornale dell’Ignoto im März 1978 eine Blütezeit und konnte ihre Auflage beträchtlich erhöhen.

Es bildeten sich schnell Hunderte »kleine, unterschiedlichen Subkulturen verpflichtete Gruppen«, welche die Aufmerksamkeit weniger, aber umtriebiger und aufgeschlossener Soziologen, Anthropologen und Sozialpsychologen auf sich zogen.

Milena Cravero, eine damals sechsundzwanzig Jahre alte Assistentin am Lehrstuhl für Kulturanthropologie in Turin, schlug ihrem Dozenten eine Forschungsarbeit über das soziale Umfeld der Ufologen vor.

Rossano Crisafulli, genannt »die Leuchte« – die Legende besagte, Cesare Pavese persönlich habe ihm den Spitznamen verpasst –, gehörte in Italien zu den Pionieren seiner Disziplin; Freund und Teilnehmer an den Sauftouren Ernesto De Martinos, des Konsulenten für die Lila Reihe im Verlag Einaudi. Er hielt Milena anderthalb Monate hin, um sie die Bedeutung seiner Stellung spüren zu lassen und zu unterstreichen, dass seine Zustimmung nicht alltäglich und wertvoll war; wie schon sein Familienname sagte, der im Griechischen »Blatt aus Gold« bedeutet.

Schließlich stimmte er zu, nicht ohne ihr vorher zu erklären – er, der von diesen Dingen zum ersten Mal von ihr erfahren hatte! –, dass es sich um ein noch unbeackertes Feld handle, um ein neues Thema, um Gruppen, denen sie bisher noch keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Eine avantgardistische Forschungsarbeit dieser Art stehe der Universität, und damit meinte er sich selbst, gut zu Gesicht.

Milena stürzte sich Hals über Kopf in die Arbeit.

Und das war der Grund, warum sie an jenem Abend ins Kino ging. Der Film bot eine günstige Gelegenheit, eine der Gruppen, die sie seit Monaten erforschte, die Ufologen der GRUCAT, außerhalb der Mauern ihres Vereinslokals inmitten anderer Menschen zu beobachten.

Milena hatte sich in der neuen Turiner Linken und der feministischen Bewegung engagiert und an den Studenten- und Jugendrevolten von 1977 teilgenommen, war aber auf Distanz gegangen, als Gewalt- und Testosteronpegel auf unerträgliche Höhen angestiegen waren. Abgesehen von sporadischer Teilnahme an Versammlungen des Frauenverbands, widmete sie sich seit Monaten ausschließlich ihrer Forschungsarbeit und ging fast jeden Tag in die Universität. Der Palazzo Nuovo, der Neubau der Universität, befand sich im Aufruhr. Es ging zu wie auf einem Meer, auf dem überall Flöße mit Schiffbrüchigen treiben. Da die »Leuchte« sie von einigen Pflichten befreit hatte, die normalerweise den Assistenten obliegen, konnte sie direkt in die Bibliothek gehen und sich mit den Büchern, die sie benötigte, einen sicheren Ankerplatz suchen. Konzentriert im Hier und Jetzt beugte sie sich an einem der Lesetische über ein Buch. Später würde man weitersehen.

Als sie in der Schlange an der Kinokasse stand, um sich eine Karte zu kaufen, drängte sich ihr die Frage auf, was ihre Freundinnen sagen würden, wenn diese sie bei der Filmpremiere in Gesellschaft dieser verschrobenen Bande sähen.

Die nur aus Männern bestehende Gruppe der Ufologen gab sich beim Betreten des Saals alle Mühe, ihren Enthusiasmus zurückzuhalten; unsicher, ob sie höflich warten sollten, bis Milena sich gesetzt hatte, oder ob sie so tun sollten, als wenn sie nicht da wäre. Da sie schließlich gekommen war, um ihre Gewohnheiten zu studieren, entschieden sie sich instinktiv für die erste Möglichkeit und empfahlen Milena, sich in die vierte oder fünfte Reihe zu setzen, um die Spezialeffekte genießen zu können, ohne sich den Hals zu verrenken.

Kaum hatte sich Milena zwischen die Sitzreihen geschoben, drängten die Ufologen unter Ellenbogeneinsatz hinter ihr her, während eine kleine Gruppe zur anderen Seite spurtete, um von dort aus in die Reihe vorzudringen und einen Platz in der Nähe Milenas zu ergattern. Schließlich fand sich die Anthropologin zwischen den beiden jüngsten Mitgliedern wieder.

Matteo Bonino und Piergiorgio Pellegrino waren noch in der Ausbildung. Der eine studierte Maschinenbau an der Universität, der andere besuchte die letzte Klasse des naturwissenschaftlichen Gymnasiums. Sie wohnten noch bei ihren Eltern und verdienten sich etwas Geld mit Gelegenheitsarbeiten. Bei einem Wintereinbruch vor weniger als einem Monat, als es so heftig geschneit hatte wie noch nie in der Geschichte Turins, hatten sie für die Stadtverwaltung als Schneeräumer gearbeitet. Beurteilte man sie nur nach ihrem Äußeren, konnte man sich nur schwer vorstellen, dass sie einer solchen Plackerei gewachsen wären. Auf den Fotos von damals sahen die beiden wie Jugendliche aus, die man später als »Nerds« bezeichnen sollte. Aber damals waren amerikanische Slang-Ausdrücke noch nicht in Mode. »Brillenschlange« und »Streber« wurden bestimmte Menschen mit starker Brille, blasser Haut und leicht gebückter Haltung genannt, die beige- oder türkisfarbene Pullover mit Rautenmuster trugen.

Trotz Alter, Wohlbeleibtheit und Haarausfall sehen die beiden heute besser aus und es fällt schwer, in ihnen die beiden ausgemergelten Jungs zu erkennen, die an jenem 3. März mit Milena ins Kino gingen. Bonino arbeitet für den Multi Ostendi. Sein Team realisiert Infrastrukturprojekte in aller Welt. Seine Unterschrift findet sich auch unter dem Projekt des größten – und umstrittensten – Staudamms von Südamerika. Pellegrino unterrichtet Mathematik am Gobetti, an jenem Gymnasium, an dem er sein Abitur gemacht hat. Beide sind noch immer leidenschaftliche Ufologen und Mitglieder im CIRUT, dem italienischen Forschungszentrum für Ufologie in Turin, der Nachfolgevereinigung der GRUCAT. Pellegrino ist der Generalsekretär und Paolo Sesto – gestorben 2017 – war über Jahrzehnte Ehrenvorsitzender des Vereins. Bonino versäumt keine der Versammlungen, wenn er in der Stadt ist. Der Verein hat seinen Sitz in einem großen Souterrain in der Via Tepice, wo auch Unmengen an Archivmaterial und Memorabilien aufbewahrt werden.

Im Interview erinnern sich die Ufologen genau an den Tag, an dem sie Spielbergs Film zum ersten Mal sahen.

Die Lichter erloschen.

Milena stand den »Amischinken«, wie man damals die Kolossalfilme aus Hollywood nannte, äußerst skeptisch gegenüber, und ihr war klar, dass sie das nicht einfach ausschalten konnte.

»Ich bin mit Science-Fiction-Literatur groß geworden, was für Mädchen damals ungewöhnlich war«, erzählt sie heute. »Ich habe, wie alle, mit Isaac Asimov angefangen, dann Bradbury und nach und nach habe ich mich für ziemlich merkwürdige Geschichten begeistert, für Geschichten mit philosophischen, ethischen und politischen Inhalten. Natürlich gefiel mir Philip K. Dick. Mir gefiel auch die neue englische Science-Fiction-Literatur, die von Ballard und Moorcock. Mir gefiel John Brunner. Und schließlich kam Ursula K. Le Guin, endlich eine Frau, dazu noch Feministin. Sie hat die Atmosphäre in den Clubs, denen normalerweise ausschließlich Männer angehörten, ganz schön durcheinander gewirbelt. Ich habe nicht alles wahllos verschlungen. Das wenige, was ich über den Film gelesen hatte, kam mir vor wie ein Rückfall in die 50er-Jahre, mit fliegenden Untertassen, die auf der Erde landen, und kleinen grünen Männchen, die rausklettern. Ich befürchtete, es würde nur banal und langweilig sein.«

Die Eingangssequenz spielt in der Wüste von Sonora, Neumexiko. In einem heftigen Sandsturm erscheint plötzlich … Martin Zanka? Tropenanzug, Sonnenbrille, Geheimratsecken und im Sturm flatternde Haare, François Truffaut – als Professor Lacombe –, der Doppelgänger des Schriftstellers.

Milena hatte ihn nie persönlich getroffen, aber vergangenes Jahr hatten sie gestritten, aus der Distanz. Sie hatte sein Buch Robinson der Galaxien in der feministischen Zeitschrift Effe verrissen und durch die Frage eines Interviewers mit dem Verriss konfrontiert, hatte er gereizt reagiert und sich in der Rolle des Opfers gesehen, er hatte den braven Mann gegeben, das tapfere Männchen, dem man seine Automatismen vorhält.

In Gedanken versunken verpasste Milena ein paar Minuten des Films. Ein Kommentar Pellegrinos holte sie zurück in die Realität: »Wow!«

Flugzeuge. Eine 1945 bei einem Einsatz verschwundene Staffel Jagdbomber war plötzlich in der Wüste von Sonora wieder aufgetaucht. Sie standen dort nebeneinander aufgereiht wie vor den Fiat-Werken geparkte Pkws; vollgetankt und ohne Piloten zeigten sie nach der langen Zeit keinerlei Anzeichen von Abnutzung.

Die GRUCAT-Mitglieder lärmten und kommentierten während des gesamten Films und die Zuschauer protestierten mehrmals vergeblich. Die gesamte Reihe schluckte, als unter den Menschen auf der Leinwand plötzlich Allen J. Rynek, der gefeierte Astronom und berühmteste Ufologe der Welt, zu sehen war. Mit Brille, grauem Spitzbart und Pfeife im Mund spielte er einen der Teilnehmer bei einer Versammlung von Militärs und Eierköpfen.

»Ich hatte ganz vergessen, dass er auch dabei ist …«, flüsterte Bonino.

»Er kommt bald nach Italien!«

»Pssst!«, kam es von irgendwo her.

Der Film hat sich tief in die kollektive Vorstellungswelt einprägt, aber die Handlung kennen heute nur noch wenige.

Der Protagonist, Roy Neary, ist ein typischer Mittelschichtsamerikaner. Er ist Angestellter der Elektrizitätsgesellschaft und lebt mit Frau und drei Kindern am Stadtrand. Ohne dass ein Grund angegeben wird, wählen die Außerirdischen ihn und ein paar andere Durchschnittsmenschen aus und übertragen ihnen auf telepathische Weise das Bild eines Berges, des Teufelsturms. Es handelt sich bei diesem Berg um den Treffpunkt mit den Außerirdischen, die den Auserwählten einen Flug mit ihrem Raumschiff anbieten. Sie sind nicht die ersten Menschen, denen die Möglichkeit geboten wird. Bevor sie an Bord gehen, verlassen in früheren Epochen »entführte« Menschen das Raumschiff. Einige von ihnen sind Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg und … »Sie sind nicht gealtert … Einstein hatte recht!«, bemerkt einer der Teilnehmer.

Mit der Genehmigung von Wissenschaftlern der amerikanischen Regierung begleitet Roy die Außerirdischen, die als kleine weißliche Männchen mit großen Köpfen auf der Leinwand zu sehen sind.

Das riesige Raumschiff startet in einem Lichtregen zu seinem Flug, es sieht aus wie eine Kathedrale.

Vor der Schwärze der kosmischen Nacht läuft der Abspann.

3. TURIN, FREITAG, 3. MÄRZ

Als sie das Kino verlassen hatten, diskutierten die Ufologen erregt über den Film. Welche Wirkung würde er beim großen Publikum erzielen und welche Vorteile hätte das für ihre Bewegung?

»Ich muss meine Alten dazu bringen, sich den Film anzusehen«, sagte Luca Majorino, der mit den längsten Haaren. »Die werfen mir dauernd vor, ich würde meine Zeit nur mit Schwachsinn verplempern, aber wenn die Amerikaner Milliarden in diesen Schwachsinn investieren, dann muss da ja wohl irgendwas dran sein!«

Ein Journalist der Zeitung La Stampa trat auf die Gruppe zu. Er war von der Redaktion geschickt worden, um über die Eindrücke zu berichten, die der Film bei den Zuschauern hinterlassen hatte. Als die Eintrittskarten noch an der Kinokasse verkauft wurden, geschah es häufig, dass Zuschauer interviewt wurden, die gerade aus der Vorstellung kamen. Der Artikel mit dem Titel Die Außerirdischen des neuen Hollywood gefallen den Turinern enthält ein Zitat von Bonino: »Wir sind Spielberg zu Dank verpflichtet, denn er zeigt, dass die Ufologie ein legitimer, ernsthafter Forschungszweig ist.«

Einer aus der Gruppe fragte Milena nach ihrer Meinung. Sie hielt sich bedeckt, denn sie war überzeugt, dass ein von ihr abgegebenes Urteil das Forschungsprojekt beeinflussen könnte. Was sie von dem Werk Spielbergs hielt, kann man in ihrem Buch nachlesen.

Neary ist auf der Flucht vor seiner Familie, der Arbeit, dem Älterwerden, der Verantwortung. Er flüchtet sogar vor einer möglichen neuen Liebe (der alleinerziehenden Mutter Jillian). Er flüchtet vor seinem kleinbürgerlichen Leben und folgt dem Ruf. Vielleicht wird er in ferner Zukunft zurückkommen, jünger als seine eigenen Kinder. Er folgt dem eigenen Impuls und reist ins »absolute Anderswo«. Er wird wieder zum unbekümmerten Kind. Nicht zufällig sehen wir ihn zum ersten Mal, als er mit einer elektrischen Eisenbahn spielt, deren Zug plötzlich entgleist – eine perfekte Allegorie für die Frustration des unreifen Erwachsenen.

Neary ist ein Verrückter, ein Visionär, ein Künstler. Im Wohnzimmer seiner Wohnung baut er maßstabsgerecht den Berg nach, auf dem die Begegnung stattfinden wird; schon vorher hatte er sich mit Modellbau und elektrischen Eisenbahnen beschäftigt. Wahrscheinlich wurde er in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre geboren, hat die Zeit der Jugendrevolte in Amerika mitgemacht und die traditionelle Vaterfigur, das alte Männermodell, in Frage gestellt, ohne dass es ihm gelungen wäre, es durch ein neues zu ersetzen. Das hat ihn blockiert. Neary ist der Mann in der Krise, der sich jeder Auseinandersetzung entzieht und flüchtet und dabei dem Ideal eines abenteuerlichen Lebens treu bleibt. Der aber auch in jedem Moment mit eingezogenem Schwanz zurückkehren und eine Freundin/Mutter um Verzeihung bitten oder, alternativ, Trost bei einer jüngeren Frau suchen könnte. Als der Ufologe Lacombe/Truffaut zu Neary, der gerade ins Raumschiff einsteigen will, sagt: »Ich beneide Sie«, ist es nicht nur der Wissenschaftler, der den für die Reise mit den Marsmenschen ausgewählten gemeinen Mann beneidet, es ist auch der Mann mittleren Alters, der seinen Neid auf einen Fünfunddreißigjährigen gesteht, dem es vergönnt ist, alles hinter sich zu lassen und das große Abenteuer zu suchen.

Das Publikum der zweiten Vorstellung saß schon im Saal. Es war kalt, und bevor sie auseinandergingen, verabredeten sie sich für neun Uhr am folgenden Donnerstag am Sitz der GRUCAT, einer damals eigens für ihre Zwecke eingerichteten Garage am Corso Moncalieri.

Milena und Umberto Ravarino, ein fünfundzwanzigjähriger Angestellter beim Katasteramt von Rivoli, hatten denselben Weg. Im Büro wurde Umberto »Asche« genannt, nicht nur wegen seiner bereits leicht ergrauten Haare, sondern auch, weil er im beruflichen Alltag stets einen gewissen Weltschmerz an den Tag legte, dessen Grund die Verachtung des eigenen Angestelltendaseins war. Hätten die Kollegen ihn erlebt, wenn er sich mit Ufos beschäftigte, wenn er hellwach war, wie ein Wasserfall redete und unentwegt mit den Händen gestikulierte, hätten sie ihm einen anderen Spitznamen gegeben. Unter den Ufologen war er als »Berto Musinè« bekannt, weil er sich häufig mit dem Musinè beschäftigte, jenem Berg in den Graier Alpen vor den Toren Turins, über den paläo-ufologische, ufologische und parapsychologische Legenden im Umlauf waren.

Berto stand noch ganz unter dem Eindruck des Films und redete ohne Pause.

»Unglaublich! Über die Dreharbeiten von Unheimliche Begegnung sind jede Menge Gerüchte im Umlauf. Unsere Partner in Frankreich haben uns eine Auswahl von Artikeln aus der internationalen Presse geschickt. Merkwürdige Erscheinungen am Set … Ausgeflippte Hurrikane fegen die Zelte der Truppe weg, Arbeiter wollen die Gegenwart höherer Mächte bemerkt haben … Sogar ein Ufo wurde gesichtet! Als wollten die Außerirdischen die Produktion eines Films, der über sie gedreht wird, im Auge behalten!«

Sein Gelächter hallte durch die unwirkliche Stille des Corso Galileo Ferraris.

Für einen Freitagabend war die Stadt fast ausgestorben. Damals ging man in Turin früh zu Bett. Die Hauptstadt der Industrie pulsierte im Rhythmus der Fabriken, in denen die Arbeit in der Morgendämmerung begann, und der Rest der Einwohner passte sich diesem Rhythmus mehr oder weniger an. Man begegnete nur selten Nachtschwärmern, höchstens ein paar Besuchern der wenigen Wirtshäuser, einem Drogenabhängigen, der versuchte, ein Autoradio zu klauen, Militanten politischer Gruppen, die Plakate klebten oder aus einem »proletarischen Jugendzirkel« kamen, der noch nicht geräumt worden war, ansonsten waren nur Nachtwächter und Polizeistreifen unterwegs.

Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass es noch ein paar andere gab.

Zwei Abende vorher, am Mittwoch, hatte eine bewaffnete Gruppe einem Abteilungsleiter von Fiat ins Bein geschossen.

Am Donnerstag hatte eine Brandbombe den Sitz einer rechten Gewerkschaft zerstört.

An den Wochenenden belebte sich die Stadt, aber Spaziergänger gab es nur wenige. Vor allem im Winter und vor allem in jenen Wochen. Zur Alltagslangeweile hatte sich die bedrückende Anwesenheit von Soldaten gesellt. Überall stieß man auf Kontrollposten mit Maschinenpistolen im Anschlag. »Die Stadt erinnerte an das Belfast zur Zeit der Troubles«, sagt Milena heute.

In Turin stand der Prozess gegen die Roten Brigaden vor der Wiederaufnahme. Genauer gesagt, gegen die Gründungsgruppe, gegen die Militanten, die seit ’74 in Haft waren. Der bekannteste von ihnen war der sechsunddreißigjährige Renato Curcio, den die Zeitungen als den Anführer bezeichneten.

Der Prozess hatte im Mai ’76 begonnen, war mehrmals unterbrochen worden und drohte völlig aus dem Ruder zu laufen. Er schlingerte wie ein Lastwagen durch eine zu enge Kurve und drohte, sich in sein Gegenteil zu verkehren, was das Ergebnis der von den Angeklagten gewählten Strategie war. Sie nannten ihn Guerilla-Prozess, hatten sich zu politischen Gefangenen erklärt und die Verantwortung für jede mit »BR« gezeichnete Aktion übernommen. Sie hatten ihren Anwälten das Mandat entzogen, die Pflichtverteidiger abgelehnt und erklärt, nicht der italienische Staat prozessiere gegen die Roten Brigaden, sondern es verhalte sich umgekehrt: Das revolutionäre Proletariat mache dem Staat mit seiner Klassenjustiz und seinen Gefängnissen den Prozess, indem es die Verhandlung zu einem öffentlichen Ereignis, zu einem Resonanzkörper mache.

Die Brigadisten auf freiem Fuß taten alles, um zu zeigen, dass das keine leeren Worte waren, und sie taten es auf drastische und beunruhigende Art und Weise. Um zu bekräftigen, dass es keinen normalen Prozess geben würde, nicht geben konnte, hatte am 28. April ’77 eine bewaffnete Zelle den vom Gericht zum Pflichtverteidiger bestellten Präsidenten der Anwaltsvereinigung von Turin, Fulvio Croce, getötet.

Sei es aus Angst vor ähnlichen Repressalien, sei es aus Widerwillen eines Teils der Turiner – vor allem von Teilen der Arbeiterklasse –, den Staat der Herrschenden zu unterstützen, war es dem Gericht erst vor Kurzem gelungen, nach zahlreichen Losverfahren und nachdem mehr als hundert Ausgeloste abgelehnt hatten die Geschworenen für eine Jury zu finden.

»Und nach diesen Ereignissen«, fuhr Berto fort und meinte damit allerdings ganz andere Ereignisse, »hatten verschiedene Komparsen eine mystische Krise und wurden tiefreligiös. Als wäre ihnen die Madonna erschienen!«

Amen, dachte Milena, kurz bevor hinter ihnen ein Schuss zu hören war, dann noch einer und noch einer.

Die Zeit schien stillzustehen. Schreie, Menschen rannten, flohen oder näherten sich, aber auf dem Corso war nichts zu sehen. Alles spielte sich in einer Querstraße ab, vielleicht in der Via De Sonnaz oder in der Via Montecuccoli. Polizeisirenen ertönten.

Milena und Berto tauschten einen Blick aus und beschleunigten ihre Schritte. Sie wurden erst wieder langsamer, als sie weit genug weg waren und alles wieder ruhig wurde. Berto fragte besorgt, ob er sie nach Hause begleiten dürfe, wurde aber sofort ziemlich verlegen angesichts der Implikationen, die dieses Anerbieten anscheinend mit sich brachte. Bevor er mit einer linkischen Begründung die Sache verkomplizieren konnte, rettete ihn Milena, die freundlich verzichtete. Auf dem verbliebenen Stück gemeinsamen Weges redeten sie weder über Spielberg noch über Ufos.

4. FORRAVALLE, SAMSTAG, 4. MÄRZ

Wie ruhende Tiere heben sich die Gebäude des Landguts vor den Bergen der Lunigiana ab. Sie liegen oben am Hang, dahinter der Wald, seitlich am Hügel gepflegte Obsthaine und im tiefer gelegenen Bereich zwei Bauernhäuser. Im Hintergrund ragt wie eine Krone mit drei Spitzen der Gipfel des Quarzerone empor.

So sieht man es auf einem Farbfoto, aufgenommen im September ’77 mit einer Kodak Instamatic 56X.

Mit den Neubauten sieht das Gut heute wie eine Wohlfühloase, wie ein Wellness-Center aus, aber als Zanka es zum ersten Mal sah, war der Eindruck von bukolischer Idylle noch unverfälscht.

Die herrschaftliche Villa mit dem Laubengang und den großen Fenstern zeugte von altehrwürdiger Pracht und adligen Bewohnern. Das in nur geringer Entfernung stehende Haus des Verwalters war eine niedrige, im gleichen Stil erbaute, bescheidenere Version, die seit über vierzig Jahren unbewohnt war. Der Zahn der Zeit hatte dem Gebäude stark zugesetzt, aber Gerüste und Leitern ließen vermuten, dass sich jemand entschlossen hatte, dem entgegenzuwirken.

Martin Zanka war aus dem Auto gestiegen und stand vor dem großen Tor am Eingang der Zufahrtsallee, das von einem großen Adelswappen überragt wurde, auf dem ein stachliger, blühender Busch auf dem Gipfel eines Hügels zu erkennen war.

Auf den gemauerten Torpfosten standen zwei steinerne Löwen. Jemand hatte sich den Spaß erlaubt, sie anzustreichen, der eine war farbig gestreift, der andere gepunktet. Alles was man hinter dem Eisengitter sehen konnte, hatte dem Grafen Malaspina von Forravalle gehört, einem Zweig der Malaspina von Pontebosio. Die letzte Gräfin, Vittoria Dazzi Giacomelli Malaspina, hatte dreißig Jahre fernab von jeder mondänen Gesellschaft gelebt und war 1973 gestorben. Die Ruhmesblätter aus zwei Jahrzehnten lagen weit zurück, es waren jene Galaabende, an denen man in der Villa Berühmtheiten wie Amedeo Nazzari, Assia Noris, Doris Duranti und hohe Tiere des Regimes vom Kaliber eines Italo Balbo, Galeazzo Ciano und einmal, so wurde behauptet, Mussolini persönlich als Gäste empfangen hatte.

Auf der Suche nach einer Klingel bemerkte Zanka, dass das Törchen für Fußgänger von einem runden Stein offen gehalten wurde.

An Wochenenden war die Kommune für Besucher geöffnet. Im Hof und in den renovierten Teilen der Stallungen wurde ein kleiner Markt aufgebaut. Dort standen Tische und Stühle, damit die Gäste Kuchen und Kräutertees aus der Produktion des Hauses probieren konnten.

Zanka erreichte den kleinen Marktplatz zusammen mit einem soeben eingetroffenen Paar und schlenderte zwischen den Ständen mit Jugendlichen herum, die die Produkte des Guts verkauften. Es gab Gemüse und Obstkonserven, aber auch Brot, Kuchen und Gebäck. Die Käufer, die um diese Zeit noch nicht sehr zahlreich waren, kosteten die Angebote und wählten aus, was sie kaufen wollten.

Über der Öffnung eines Holzbackofens war eine große Tafel befestigt, auf der »Thanur nimmt auf« stand.

An die Villa schloss sich ein weiteres Gebäude an, hinter dessen großen Fenstern Äste und Blätter zu sehen waren. Es handelte sich um ein Gewächshaus, besser gesagt, um eine Orangerie.

Zanka kannte Vincenzo und daher hatte er sich diesen Ort anders vorgestellt. Aber vielleicht war die Tatsache, dass er ihn sich anders vorgestellt hatte, nur der Beweis, dass er Vincenzo nicht kannte.

Hinter einem mit Flaschen und Weinkisten vollgepackten Tisch kam ein großer, kräftiger Typ um die vierzig hervor und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er hatte eine Gärtnerschürze umgebunden und trug eine auffällige Halskette aus Holzkugeln.

»Du musst der Vater von Vince sein«, sagte er. Er sprach den Diminutiv englisch aus: Vins, und hatte einen nicht näher bestimmbaren nordeuropäischen Akzent. »Herzlich willkommen auf Thanur. Ich bin Ludo Vos, der Mann von Orsola.«