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Beschreibung

Der Ruf des Maidan nach Recht und Freiheit rückte die Ukraine in das öffentliche Bewusstsein Deutschlands. Das Land, das in seiner Geschichte nur für einen Wimpernschlag seine nationale Eigenständigkeit erlebte, verschwand nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang. Doch wer die Vergangenheit des Landes nicht kennt, kann seine Gegenwart nicht verstehen. Dieser Sammelband bündelt die komplexe Geschichte von Terror und Gewalt in der Ukraine, vom millionenfachen Hungertod des Holodomor über die wechselnde Besatzung, von der „Shoah durch Kugeln“ bis zu Tschernobyl. Wer sich dieser wechselvollen, schmerzhaften Geschichte des Landes stellt, wird das Streben der Ukraine nach Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie besser verstehen. Das Zentrum Liberale Moderne (LibMod) ist eine unabhängige Denkwerkstatt, ein Debattenforum und ein Projektbüro. Sein Themenfeld reicht von internationalen Fragen bis zu gesellschaftspolitischen Herausforderungen. LibMod steht für die Verteidigung der liberalen Demokratie und begleitet osteuropäische Länder auf ihrem Weg der demokratischen Transformation.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhalt

Vorwort Marieluise Beck

Vorwort Dmytro Kuleba

Einleitung Timothy Snyder

Kapitel 1

Roter Hunger Anne Applebaum

Holodomor: Geschichte und Bedeutung der großen Hungersnot Serhii Plokhii

Die hingerichtete Renaissance und Stalins Kampf gegen die ukrainische Intelligenzija Volodymyr Yermolenko

Deutsche Ahnensuche in ukrainischen Archiven Oksana Grytsenko

Deportation der Krimtataren – ein dorniger Weg durch die Jahrzehnte Viktoria Savchuk

Kapitel 2

Das Erbe des Hitler-Stalin-Pakts: die Ukraine zwischen Nation und imperialer Herrschaft Jan Claas Behrends

Die Ukraine unter dem Regime der Nazis Karel C. Berkhoff

Stepan Bandera – zum historischen und politischen Hintergrund einer Symbolfigur Wilfried Jilge

Das vergessene Massaker von Korjukiwka Christoph Brumme

Bremer Polizeibeamte im Holocaust Klaus Wolschner

Das Antonescu-Regime und die „Judenfrage“ in Rumänien Ottmar Trasca

Wolodymyr Koltschinskyj – eine Lebensgeschichte Nikolaus von Twickel

Kapitel 3

Verdrängte Erinnerung an den Holocaust Irina Scherbakowa

Das Gedenken muss über die Konzentrationslager hinausgehen Nikolai Klimeniouk

Ukrainische Zwangsarbeiterinnen – Schicksal und Gedenken Gelinada Grinchenko

Das Ukrainebild der Deutschen – Gedanken zu einer Tragödie Sebastian Christ

War die Ukraine eine Kolonie? Gerhard Simon

Tschernobyl – Tschornobyl: ein Erinnerungsort von globaler Bedeutung Anna Veronika Wendland

Tschernobyl – Katastrophe ohne Danach Rebecca Harms

Aufbruch in eine offene Gesellschaft Eduard Klein

Das Medusenmuseum – eine Erinnerung an den Maidan Kateryna Mishchenko

Eine gelungene Entkommunisierung? Sébastien Gobert

Ukrainische Traumata Yevhen Hlibovytsky

Über die Autorinnen und Autoren

Vorwort

von Marieluise Beck, Direk­to­rin Ostmitteleuropa beim Zentrum Liberale Moderne

Wir wollen nach Europa! Dieser Ruf des Maidans war eine der mächtigsten Antriebskräfte des demokratischen Aufbruchs in der Ukraine. Europa – das stand für Demokratie, Rechtsstaat, Reisefreiheit und ein besseres Leben. Historisch, geografisch und kulturell gehört die Ukraine ohnehin zu Europa. Diese Gegebenheit ist nach der Teilung Europas in Jalta in Vergessenheit geraten. Mehr als ein halbes Jahrhundert hielt sich diese Teilung in Ost und West, die Roosevelt, Churchill und Stalin auf der Krim besiegelt hatten. Damit geriet unsere gemeinsame Geschichte in Vergessenheit. Vergessen wurden die alten Zugehörigkeiten, die alten Namen, verdrängt die Sprachen, die Kenntnis der geografischen Koordinaten.

Mit dem Eisernen Vorhang ging auch die nationale Selbstbestimmung des östlichen Europas verloren. Die Versuche, das sowjetische Imperium abzuschütteln, wurden in Budapest, Prag und Warschau blutig niedergeschlagen.

Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und schließlich der Europäische Union entstand eine auf den Westen begrenzte europäische Gemeinschaft. Die Völker im Osten gerieten zunehmend aus dem Blick. Man war bereit, sich mit der Teilung Europas zu arrangieren. In Vergessenheit geriet, dass Mittelosteuropa multikulturell war, dass die Memel als jüdischer Fluss galt, dass es einst ein mächtiges litauisch-polnisches Königreich gab, die Hanse von Lübeck bis Riga reichte, der Adel in St. Petersburg französisch sprach, Odesa ein Ort italienischer Baumeister, begnadeter Musiker und deutscher Klavierbauer war. Vergessen wurde auch, dass sich Armenien wie Georgien als Teil des christlichen Europas verstanden.

Der Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete uns die unverhoffte Chance, dieses Europa wieder als Ganzes zu entdecken. Wir stoßen auf Vergessenes und Verdrängtes, auf den Missbrauch und die Verdrehung historischer Fakten und auf viele Tabus. Wir treffen auf Völker, denen es lange versagt blieb, als eigenständige Nationen auf der Landkarte zu erscheinen, und deren Sprachen systematisch zugunsten des Russischen verdrängt wurden. Ungeheure Gewalttaten, die mit dem Namen Stalin verbunden sind, haben Millionen von Menschen durch Hunger, Zwangsarbeit und Erschießungen in den Tod getrieben. Mit unfassbaren Verbrechen haben SS und Wehrmacht die jüdische Bevölkerung systematisch vernichtet und die Slawen als „Untermenschen“ behandelt. Timothy Snyder hat den Landstrich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer als „Bloodlands“ bezeichnet – die Erde dort ist getränkt von Blut.

Der mächtige Ruf nach Freiheit und nach dem Ende der korrupten Herrschaft weniger über viele, nach dem Ende von Willkür und Gewalt – das war der Maidan des Jahres 2013/14. Mit ihm gelangte die Ukraine wieder auf die kognitive Landkarte Europas. Fast siebzig Jahre unter dem Dach der Sowjetunion hatten das Land nahezu unsichtbar gemacht.

Tief eingebrannt in die ukrainische DNA ist die Erfahrung des Holodomors: millionenfacher Hungertod im Land der fruchtbaren Schwarzerde, Hunger vor allem auf dem Land, wo selbst das Saatgut konfisziert wurde. Wie viele Millionen Menschen diesem gezielt herbeigeführten Massensterben zum Opfer fielen – wir wissen es nicht genau. Dass Stalin neben den Bauern auch die Intelligenzija und die ukrainischen Kader der Kommunistischen Partei ermorden ließ, deutet auf alle Merkmale eines systematisch angelegten Genozids. Wer diese Vorgeschichte nicht kennt, wird womöglich fragen, weshalb die meisten Ukrainer und Ukrainerinnen den vermeintlichen Schutz Moskaus so vehement ablehnen. Sie haben ein feines Gespür dafür, dass die Herren des Kremls bemüht sind, das russische Imperium wiederherzustellen. Eine unabhängige, souveräne Ukraine steht diesen Ambitionen im Weg.

Der imperiale Wahn Hitlerdeutschlands traf die „Bloodlands“ in besonders grausamer Weise. Der Zweite Weltkrieg begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 im Westen. Nur 17 Tage später gesellte sich Stalins Rote Armee aus dem Osten hinzu. Stalin und Hitler hatten einen Teufelspakt geschlossen, dessen Umsetzung Polen zerstörte und Galizien zum Ort grausamer nationalistischer Exzesse machte. Bei den Anhängern des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera weckte der deutsche Angriff auf die Sowjetunion die verheerende Illusion, die Deutschen würden sie vom sowjetischen Joch befreien.

Unvorstellbare Verbrechen an der slawischen Bevölkerung gehen auf das Konto der deutschen Wehrmacht. Deutsche sollten den Ort Korjukiwka kennen, in dem die Wehrmacht fast 7000 Zivilisten in zwei Tagen als Vergeltung für Partisanenangriffe ermordete. Adolf Hitler bot dem rumänischen Diktator Ion Antonescu Transnistrien, die Bukowina und den Süden der Ukraine als Lohn für seine Kumpanei an. Und so mordeten sie gemeinsam. Die jüdische Bevölkerung in Tscherniwzi wurde durch rumänische Truppen ausgelöscht. Deutsche Truppen standen vor Odesa und überließen dann das Morden ihren rumänischen Verbündeten. Im Oktober 1941 wurden mindestens 25.000 Jüdinnen und Juden in Militärbaracken verbrannt, in die man sie vorher getrieben hatte. Die Dimension dieses Verbrechens erinnert an Babyn Jar.

Hunderttausende Jüdinnen und Juden wurden in Ghettos nach Transnistrien verschleppt und verendeten dort jämmerlich. In der Ukraine gab es laut Yahad-In Unum 2000 Erschießungsplätze, auf denen SS, Polizeibataillone, Soldaten der Wehrmacht und lokale Hilfspolizisten vor allem jüdische Menschen ermordeten. Auch slawische Partisanen und französische Kriegsgefangene zählten zu den Opfern. Die „Shoah durch Kugeln“ ging den industriellen Vernichtungslagern wie Auschwitz voraus.

Diese Geschichte der doppelten Gewaltherrschaft durch die beiden imperialen Großmächte Sowjetunion und „Drittes Reich“ begründet in der Ukraine wie in anderen osteuropäischen Ländern ein tief liegendes Unbehagen gegenüber Berlin, wenn es wie einst mit Moskau Verträge zulasten Dritter abschließt.

Es ist an der Zeit, sich dieser Geschichte zu stellen. Ihre langen Linien wirken fort. Ihre destruktive Kraft verliert sie nur, wenn die historischen Erfahrungen, die erlebte Gewalt und die traumatischen Erfahrungen der mittelosteuropäischen Völker zur Sprache kommen. Nur die Wahrheit macht Versöhnung möglich.

Wir danken all jenen, die es uns möglich machten, Vergessenes wiederzuentdecken und somit auch unsere eigene Geschichte neu zu verstehen. Deutschland, die Ukraine und 47 andere Länder: Gemeinsam sind wir Europa. Mein besonderer Dank gilt den Autorinnen und Autoren dieses Buches und dem Redaktionsteam des „Zentrum Liberale Moderne“, insbesondere Saskia Heller, Julia Eichhofer, Valeriya Golovina und Mattia Nelles.

 

Berlin, im Oktober 2020

Vorwort

von Dmytro Kuleba, Außenminister der Ukraine

1991 erhielt die Ukraine mit der Unabhängigkeit das natürlichste Recht eines jeden Landes und Volkes – das Recht auf sein eigenes historisches Gedächtnis. Während der „Revolution der Würde“ in den Jahren 2013–2014 wählten die Ukrainerinnen und Ukrainer die Freiheit im Gegensatz zu postkolonialen Syndromen. Seitdem werden wir von der russischen Aggression auf die Probe gestellt und haben auf diesem dornigen Weg unumkehrbare Punkte überschritten. Das gilt auch für die Geschichte. Das ukrainische Volk wird niemals zum sowjetisch-russischen Paradigma zurückkehren, niemals dessen historische Umdeutungen akzeptieren.

Heute ist die Ukraine ein gleichberechtigter Teil einer globalen historischen Diskussion, und diese Teilnahme hat sie sich verdient. Ein Volk, das fast alle grausamen Ereignisse des 20. Jahrhunderts durchmachen musste, hat ein bedingungsloses Recht darauf, dass seine Geschichte in den Lehrbüchern korrekt dargestellt wird – unter anderem, um totalitären Krankheiten vorzubeugen. Die ukrainische Geschichte des 20. Jahrhunderts enthält das Konzentrat der komplexen Geschichte Europas in diesem Jahrhundert.

Eine nationale Tragödie ist nicht abstrakt. Sie ist ein Mosaik vernichteter menschlicher Existenzen. Sie ist das Leid, von dem jede Familie heimgesucht wurde. Das 20. Jahrhundert wurde für das ukrainische Volk zum Jahrhundert einer nationalen und einer privaten Tragödie. Die moderne Ukraine kann man nicht begreifen, wenn man ihre tragische Vergangenheit nicht kennt.

Deswegen stehen im Mittelpunkt dieses Bandes sowohl Berichte über Repressionen unter Stalin und den Holodomor als auch Reflexionen über den Zweiten Weltkrieg, die Nazibesatzung und den Holocaust.

Der Mut und die Würde, mit denen die deutsche Gesellschaft gelernt hat, über unangenehme Themen zu sprechen, verdienen tiefen Respekt. Seit mehr als sieben Jahrzehnten besteht die deutsche Gesellschaft erfolgreich eine der schwierigsten Prüfungen der Welt: mit einem ehrlichen Blick in den Spiegel der eigenen Geschichte standzuhalten. Und diese Ehrlichkeit zahlt sich aus: Auf den Trümmern seiner eigenen Identität hat Deutschland es geschafft, ein neues, erfolgreiches und wohlhabendes Land aufzubauen. Jetzt nimmt die Bundesrepublik Deutschland eine Führungsposition in der Europäischen Union ein und nutzt sie, um für die gemeinsame Sicherheit und einen stabilen, unversehrten Frieden in Europa zu sorgen – ein hart erkämpftes Gut aus schrecklichen Zeiten, das unter keinen Umständen verloren gehen darf.

Die gründliche Analyse der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges dauert an. Die Verfasser dieses Bandes machen den notwendigen Schritt, um endlich unter die Oberfläche eines überholten Ideologems der „deutschen historischen Verantwortung gegenüber dem sowjetischen Volk“ zu schauen. Irrtümlicherweise wird diese deutsche historische Verantwortung als ausschließlich gegenüber Russland geltend gesehen. Es gab aber nie ein sowjetisches Volk. Und wer nur von „Russen“ spricht, missachtet die Vertreter anderer Völker, die unter Nazismus und Kommunismus gelitten und gegen diese beiden Regimes gekämpft haben, insbesondere Ukrainerinnen und Ukrainer.

Einst bildete eine Reihe von nationalen Republiken die UdSSR. Heute hat jede von ihnen ihre eigenen Beziehungen zum modernen Deutschland. So soll es auch bei der Arbeit an der tragischen Vergangenheit sein. Jede Nation hat das Recht auf eine eigene Betrachtung.

Die Ukraine will kein „Opfer der Geschichte“ sein. Sie unterzieht sich einer „Therapie“, um ihre Traumata des 20. Jahrhunderts hinter sich zu lassen. Gleichzeitig versucht sie, das Bluten der offenen Wunden zu stoppen und sich das Recht zu erkämpfen, für sich selbst zu sprechen.

Ich bin den Autoren und Autorinnen dieses Bandes aufrichtig dankbar für ihre Bereitschaft, die Vergangenheit gemeinsam zu thematisieren, die trotz ihrer Schmerzhaftigkeit angesprochen werden muss.

Dieser Sammelband soll beim Leser keine Tränen der Rührung hervorrufen, weil die Menschen in der Ukraine so viel Unglück und Leid erlebt haben. Ziel ist es, den modernen deutschen Diskurs zu bereichern, ihm Perspektive und Kontext hinzuzufügen. Dieses Buch soll einen authentischen Blick auf die Geschichte des ukrainischen Volkes werfen, das einen wichtigen Teil des historischen Mosaiks Europas ausmacht. Ukrainische Tragödien sollen als Teil des gemeinsamen Schmerzes gesehen werden. Dieser unerbittliche Schmerz brachte die Werte des modernen Europas hervor, die wir heute teilen und verteidigen.

Ich glaube, dass dieser frische Blick und dieses offene Gespräch den Weg für ein besseres gegenseitiges Verständnis ebnen. Dieser Ansatz entspricht voll und ganz der positiven und progressiven Dynamik der modernen deutsch-ukrainischen Beziehungen.

Kyjiw, im Oktober 2020

Aus dem Ukrainischen von Sofija Onufriv.

Einleitung

von Timothy Snyder

Warum sollten wir heute, wo in ganz Europa der Populismus blüht, wo die Demokratien in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Großbritannien von innen und außen unter Druck stehen und wo Russland militärisch in die Ukraine eingedrungen ist – warum sollten wir gerade in dieser turbulenten Zeit über historische Verantwortung sprechen?

Die Antwort ist: Es sind ebendiese Probleme, weshalb wir über historische Verantwortung sprechen müssen. Es gibt viele Ursachen für die Konflikte innerhalb der Europäischen Union, es gibt viele Gründe für die Krise der Demokratie in den Vereinigten Staaten. Einer davon ist das Unvermögen, mit bestimmten Aspekten der Geschichte umzugehen.

Lassen Sie mich über Deutschland sprechen, indem ich mit den Vereinigten Staaten beginne. Warum haben wir die Regierung, die wir jetzt haben? Wie konnten wir 2016 einen amerikanischen Präsidenten wählen, der sich unverantwortlich in rassistischer Weise äußert? Wie konnten wir einen Generalstaatsanwalt haben, der als Verfechter weißer Vorherrschaft gilt? Die Antwort lautet: Weil wir uns mit wichtigen Fragen unserer Vergangenheit nicht auseinandergesetzt, keine historische Verantwortung übernommen haben.

Der Präsident fragt sich öffentlich, warum wir den Amerikanischen Bürgerkrieg geführt haben, warum es überhaupt dazu kam, dass es in Amerika einen Konflikt über Sklaverei gab. Die Frage der Sklaverei und die Frage, was eine Kolonie ist, was ein Imperium ist, führen uns zu dem zentralen Punkt, den ich für einen blinden Fleck im historischen Gedächtnis Deutschlands halte.

 

Die Ukraine im Zentrum von Hitlers Ideologie

Amerika wurde zu einem großen Teil durch Sklavenarbeit errichtet. Es ist gerade dieses Modell der Grenzkolonisation, des von Sklaven errichteten Imperiums, das Hitler bewunderte. Für Hitler stand fest, wer im deutschen Ostimperium die „rassisch Niedergestellten“, die Sklaven, sein sollten. Die theoretische Antwort gab er in „Mein Kampf“, die praktische ab 1941 im Ostfeldzug: Die Ukrainer.

Sie standen im Zentrum seiner Kolonisations- und Versklavungspolitik. Die Ukrainer sollten behandelt werden wie „Afrikaner“ oder „Neger“, wie deutsche Dokumente aus dem Krieg zeigen. In Analogie zu den Vereinigten Staaten war Hitlers Idee, eine auf Sklaverei beruhende Kolonialherrschaft in Osteuropa zu errichten, in dessen Zentrum die Ukraine stehen sollte.

Und weil die Eroberung der Ukraine ein zentrales Ziel für Hitler war, ist es sinnlos, an den Zweiten Weltkrieg zu erinnern, ohne die Ukraine besonders zu berücksichtigen. Jedes Gedenken, das an die ideologischen, wirtschaftlichen und politischen Absichten des Naziregimes erinnert, muss daher mit der Ukraine beginnen.

Hitlers Politik konzentrierte sich geradezu auf die Ukraine: Der Hungerplan mit der Vorstellung, Zigmillionen Menschen im Winter 1941 verhungern zu lassen; der Generalplan Ost mit der Idee, in den folgenden Jahren weitere Millionen Menschen gewaltsam umzusiedeln oder zu töten, und schließlich die „Endlösung“, Hitlers Plan von der Vernichtung der Juden – all diese Vorstellungen gingen einher mit der Idee der Invasion in die Sowjetunion, deren Hauptziel die Eroberung der Ukraine war.

 

Folgen der deutschen Besatzung für die Ukraine

Die Folgen für die Ukraine waren katastrophal: Dreieinhalb Millionen Zivilisten der Sowjetukraine wurden Opfer deutscher Tötungspolitik zwischen 1941 und 1945. Hinzu kommen weitere dreieinhalb Millionen Ukrainer und Ukrainerinnen, die als Soldaten der Roten Armee oder indirekt an den Folgen des Krieges starben.

Natürlich sind die Zahlen für die gesamte Sowjetunion viel höher. Aber es lohnt sich, hier spezifisch zu sein und sich der Unterschiede zwischen der Ukraine und dem Rest der Sowjetunion gewahr zu werden. Erstens stand die Ukraine als Lebensraum und Kornkammer im Zentrum des ideologischen Kolonialismus‘ Hitlers. Zweitens war das Land die meiste Zeit des Krieges komplett besetzt, während die deutschen Armeen weniger als fünf Prozent von Sowjetrussland erobert haben (und selbst das nur für einen relativ kurzen Zeitraum).

Ohne jeden Zweifel litten das russische und das ukrainische Volk unter dem Zwei-ten Weltkrieg in einer Weise, die für Westeuropäer undenkbar ist. Aber wenn wir über die Sowjetunion nachdenken, ist die Stellung der Sowjetukraine dennoch besonders, selbst im Vergleich zu Sowjetrussland. In absoluten Zahlen starben nach Schätzungen russischer Historiker im Zweiten Weltkrieg mehr Einwohner der Sowjetukraine als Einwohner Sowjetrusslands. Relativ gesehen war die Ukraine somit viel mehr Gefahren während des Kriegs ausgesetzt als Sowjetrussland.

Mit anderen Worten: Es ist wichtig, an den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu erinnern. Aber im Zentrum dieses Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion stand nicht nur Russland, sondern vor allem die Ukraine.

Wenn wir über deutsche historische Verantwortung für Russland sprechen wollen, müssen wir mit der Ukraine beginnen. Die größte zerstörerische Praxis des deutschen Krieges traf die Ukraine. Wenn es ernsthaft um die deutsche Verantwortung für den Osten gehen soll, muss deshalb die Ukraine an erster Stelle genannt werden.

Verantwortung für den Holocaust bedeutet auch Verantwortung für die Ukraine

Der Holocaust ist integral verbunden mit dem Vernichtungskrieg und dem Bestreben, die Ukraine zu erobern. Hätte Hitler nicht die koloniale Vorstellung gehabt, einen Krieg in Osteuropa zu führen, um die Ukraine zu kontrollieren, hätte es den Holocaust nicht gegeben. Denn es war dieser Plan, der die deutsche Staatsmacht nach Osteuropa brachte, wo die europäischen Juden mehrheitlich lebten.

Erst der Krieg in der Ukraine brachte Wehrmacht, SS und die deutsche Polizei an Orte, wo Juden massenhaft umgebracht werden konnten. Es waren Orte wie Babyn Jar oder Kamjanez-Podilskyj, wo 1941 erstmals in der Geschichte der Menschheit Zehntausende Menschen durch Massenerschießungen ermordet wurden. Hier wurde den Nationalsozialisten klar, dass so etwas wie der Holocaust möglich war.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass jeder Deutsche, der den Gedanken der Verantwortung für den Holocaust ernst nimmt, auch die Geschichte der deutschen Okkupation der Ukraine ernst nehmen muss.

 

Deutsche Urteile über die Ukraine sind nicht unschuldig

Als Historiker weiß ich, dass die Geschichte der Ukraine unbekannt und kompliziert erscheint. Aber das ist nicht das einzige Problem. Ein Teil des Problems hat mit Denkgewohnheiten in Bezug auf Kolonisation, Denkgewohnheiten in Bezug auf Aggressionskriege und in Bezug auf das Bestreben, andere Völker zu versklaven, zu tun. Dieses Bestreben, ein anderes Volk zu versklaven, kann nicht ohne Schuld sein – auch nicht für kommende Generationen. Es wird Spuren hinterlassen, wenn ihm nicht begegnet wird.

Es wird Spuren hinterlassen, wie die verbreitete Neigung, ein Volk zu übersehen, es nicht als Volk anzusehen. All das Reden von der Ukraine als keiner richtigen Nation, als einem failed state oder als kulturell gespaltenem Land – all dieses Reden in deutscher Sprache ist nicht unschuldig. Das ist ein Erbe der Bestrebung, ein Volk zu kolonisieren, das nicht als Volk angesehen wird.

Urteile über die Ukraine, die das Land mit anderen Maßstäben messen, oder die Verwendung von Formulierungen wie der, dass es keine ukrainische Nation und keinen ukrainischen Staat gebe – wenn dies auf Deutsch gesagt wird, sind diese Worte nicht unschuldig.

Aus jüngster Erfahrung als Amerikaner kann ich sagen: Wenn man die Geschichte von Kolonisation und Sklaverei falsch versteht, kann sie zurückkehren. Und Deutschlands Geschichte mit der Ukraine ist gerade eine Geschichte von Kolonisation und Sklaverei.

 

Verantwortung übernehmen, um Deutschland zu helfen

Als ich im September 2016 in der Ukraine war, um über Babyn Jar zu sprechen, als ich vor Millionen ukrainischen Fernsehzuschauern stand und versuchte, über diese Dinge zu sprechen, war mein wesentlicher Punkt: Gedenkt Babyn Jars nicht wegen der Juden und Jüdinnen, gedenkt Babyn Jars wegen eurer selbst. Ihr gedenkt des Holocaustes, weil es Teil des Aufbaus einer verantwortlichen Gesellschaft und hoffentlich in Zukunft funktionierenden Demokratie in der Ukraine ist. Das gilt für die Ukraine. Aber das gilt auch für mich. Und das gilt für uns alle.

Der Zweck des Gedenkens an die deutsche Verantwortung für sechseinhalb Millionen Tote, hervorgerufen durch den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion, ist nicht, der Ukraine zu helfen. Das ukrainische Volk ist sich dieser Verbrechen bewusst. Die Ukrainer und Ukrainerinnen leben damit, die Kinder, Enkel, Urenkel der unmittelbar betroffenen Generation leben bereits mit dem Erbe dieser Verbrechen.

Es geht vielmehr darum, Deutschland zu helfen – Deutschland als Demokratie gerade in diesem historischen Moment, mit den niedergehenden und immer weniger demokratischen Vereinigten Staaten von Amerika. Genau in diesem Moment kann Deutschland es sich nicht leisten, wichtige Teile seiner Geschichte falsch zu verstehen. Genau in diesem Moment muss Deutschland seine Wahrnehmung der Verantwortung vervollständigen.

Es hatte europäische Folgen, die Geschichte der Ukraine im Jahr 2013 und 2014 falsch zu verstehen. Die Geschichte der Ukraine heute falsch zu verstehen, während Deutschland die verbliebene führende Demokratie des Westens ist, wird internationale Folgen haben.

Dieser Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor im Juni 2017 zum Thema „Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine“ im Deutschen Bundestag gehalten hat. Der Text wurde für diesen Sammelband vom Autor aktualisiert.

KAPITEL 1

 

STALINISTISCHE REPRESSIONEN

Roter Hunger

von Anne Applebaum

Es fehlte nicht an Warnzeichen. Im beginnenden Frühjahr des Jahres 1932 begannen die Bauern und Bäuerinnen der Ukraine zu hungern. Berichte der Geheimpolizei und Briefe aus den Getreideanbaugebieten der ganzen Sowjetunion – dem Nordkaukasus, der Wolgaregion, Westsibirien – erwähnten Kinder mit vor Hunger geschwollenen Bäuchen und Familien, die Gras und Eicheln aßen. Im März 1932 fand eine Ärztekommission in einem Dorf bei Odesa Leichen auf der Straße. Niemand hatte die Kraft, sie zu begraben. In einem anderen Dorf versuchten die örtlichen Behörden, die Todesfälle vor Außenstehenden zu verbergen. Sie leugneten, was geschah, obwohl es sich vor den Augen ihrer Besucher abspielte.

Manche schrieben direkt an den Kreml und baten um eine Erklärung:

Werter Genosse Stalin, gibt es ein Gesetz der Sowjetregierung, das besagt, Dorfbewohner müssten hungern? Wir, die Kolchosarbeiter, haben nämlich seit dem 1. Januar auf unserem Hof kein Stück Brot mehr gehabt. … Wie sollen wir eine sozialistische Volkswirtschaft aufbauen, wenn wir zum Hungertod verurteilt sind, weil die Ernte erst in vier Monaten kommt? Wofür sind wir an den Fronten gestorben? Damit wir hungern und unseren Kindern beim Verhungern zusehen?

Andere hielten es für unmöglich, dass der Sowjetstaat dafür verantwortlich sein könne:

Jeden Tag verhungern zehn bis zwanzig Familien in den Dörfern, Kinder laufen weg, und Bahnhöfe sind überfüllt mit fliehenden Dorfbewohnern. Auf dem Land gibt es keine Pferde und kein Vieh mehr. … Die Bourgeoisie hat hier eine echte Hungersnot geschaffen als Teil des kapitalistischen Plans, die ganze Bauernklasse gegen die Sowjetregierung aufzuhetzen.

Doch die Hungersnot war kein Werk der Bourgeoisie, sondern eine Folge der katastrophalen Entscheidung der sowjetischen Führung, die bäuerliche Bevölkerung zur Aufgabe ihres Landes zu zwingen, sie zur Arbeit auf Kolchosen zu verpflichten und die Wohlhabenderen, die sogenannten Kulaken (wörtlich: „Fäuste“), aus ihren Häusern zu vertreiben. All diese Maßnahmen, für die letztlich Josef Stalin, der Generalsekretär der KPdSU, verantwortlich war, und das daraus folgende Chaos hatten das Land in eine Hungersnot getrieben. Das ganze Frühjahr und den Sommer 1932 hindurch schickten viele seiner Genossen aus allen Teilen der UdSSR eindringliche Botschaften an ihn, in denen sie die Krise beschrieben. Ukrainische KP-Führer waren besonders verzweifelt, und mehrere schrieben ihm lange Briefe, in denen sie um Hilfe baten.

Viele von ihnen glaubten im Spätsommer 1932 noch an die Möglichkeit, eine größere Tragödie abwenden zu können. Das Regime hätte um internationale Hilfe bitten können wie bei der Hungersnot 1921. Es hätte die Getreideexporte oder die zu hohen Getreideabgaben stoppen können. Es hätte der Bevölkerung in Hungerregionen Hilfe anbieten können – und das tat es in gewissem Maße auch, aber viel zu wenig.

Stattdessen fasste das sowjetische Politbüro, das höchste Entscheidungsgremium der Kommunistischen Partei, im Herbst 1932 eine Reihe von Beschlüssen, die die Hungersnot in den ländlichen Regionen der Ukraine ausweiteten und verschärften. Zugleich hinderte man Bauernfamilien daran, die Republik zu verlassen, um Lebensmittel zu suchen. Auf dem Höhepunkt der Krise durchsuchten Teams aus Polizisten und Parteiaktivisten, getrieben von Hunger und Angst und angestachelt von jahrelanger Hasspropaganda und Verschwörungsrhetorik, die Häuser der Bauern und nahmen alles Essbare mit: Kartoffeln, Rüben, Kürbisse, Bohnen, Erbsen, was immer in Backöfen und Schränken lag, dazu Vieh und Haustiere.