Ulla und die Wege der Liebe - Ulrike Renk - E-Book
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Ulla und die Wege der Liebe E-Book

Ulrike Renk

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Beschreibung

„Ulla hat den Mut, ihrer Leidenschaft zu folgen und für ihre Überzeugungen einzustehen.“ Ulrike Renk.

1919: Der Krieg ist zu Ende, und Ursulas große Liebe Heinrich Dehmel kehrt nach Hause zurück. Sie planen eine gemeinsame Zukunft, doch Ursula, von ihren Freunden Ulla genannt, hat Zweifel: Wird sie als Ehefrau ihre künstlerische Eigenständigkeit wahren können? Lässt sich ihr Beruf als Gestalterin mit einer Familie vereinbaren? Schließlich überwiegen ihre Gefühle, und die beiden geben sich das Ja-Wort. Allmählich lassen sie die Schatten der Vergangenheit hinter sich, und Ulla taucht mit Vera und ihren Künstlerfreunden in die schillernde Welt der Zwanziger Jahre ein. Die Geburt ihrer Tochter Fine macht ihr Glück perfekt. Doch plötzlich ist Ulla gezwungen, ihr Leben völlig neu zu überdenken ... 

Nach einer wahren Geschichte: das Leben einer talentierten jungen Frau, die für ihre Unabhängigkeit kämpft. 

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Seitenzahl: 656

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Über das Buch

Jahre des Leids und des Schreckens liegen hinter ihnen, doch nun ist der Große Krieg zu Ende, und Ursula ist endlich wieder mit ihrer großen Liebe Heinrich Dehmel vereint. Voller Hoffnung machen sie Pläne für die Zukunft. Ursula, von ihren Freunden Ulla genannt, darf endlich Paula Dehmels Buch Das Grüne Haus neu gestalten und illustrieren, und Heinrich spricht immer häufiger von Heirat. Aber Ursula beschleichen Zweifel: Wird sie auch als Ehefrau noch ihrer Leidenschaft dem Zeichnen nachgehen und am Künstlerleben der Zwanziger Jahre teilnehmen können? Zu oft hat sie erlebt, dass Frauen mit ihren familiären Verpflichtungen ihre eigene Berufung aus den Augen verlieren. Als sie sich sicher ist, dass ihr das nicht passieren wird, gibt sie Heinrich ihr Ja-Wort. Fines Geburt scheint ihr Glück vollkommen zu machen. Doch hat es Bestand?

Über Ulrike Renk

Ulrike Renk, Jahrgang 1967, studierte Literatur und Medienwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Krefeld. Familiengeschichten haben sie schon immer fasziniert, und so verwebt sie in ihren Bestsellern Realität mit Fiktion.

Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Australien-Saga, ihre Ostpreußen-Saga, ihre Seidenstadt-Saga sowie zahlreiche historische Romane vor. „Ulla und die Wege der Liebe“ ist nach „Eine Familie in Berlin – Paulas Liebe“ und „Ursula und die Farben der Hoffnung“ der dritte Band ihrer großen neuen Saga um die Dichterfamilie Dehmel.

Mehr zur Autorin unter www.ulrikerenk.de

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Ulrike Renk

Ulla und die Wege der Liebe

Eine Familie in Berlin

Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Personenverzeichnis

Kapitel 1 — Berlin, Januar 1919

Kapitel 2 — Blankenese, Frühjahr 1919

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7 — Stuttgart, Mai 1919

Kapitel 8 — Berlin, Sommer 1919

Kapitel 9 — Thüringen, August 1919

Kapitel 10 — Blankenese, Herbst 1919

Kapitel 11 — Blankenese, Silvester 1919

Kapitel 12

Kapitel 13 — Blankenese, Januar 1920

Kapitel 14

Kapitel 15 — Blankenese, April 1920

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18 — Blankenese, Mai 1920

Kapitel 19 — Wustrow, Spätsommer 1920

Kapitel 20 — Wustrow, Dezember 1920

Kapitel 21

Kapitel 22 — Wustrow, November 1923

Kapitel 23 — Wustrow, Herbst 1924

Nachwort

Danksagung

Impressum

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Für Andrea

Personenverzeichnis

Ursula Stolte (genannt Ulla, Ullala)

~Vater: Hermann Stolte

~Mutter: Line Vorkastner, geschiedene Stolte, zweite Ehe: Lehmann

~Fritz Lehmann – 2. Ehemann Line

~Schwestern:

~Hilde – verheiratete Deist

~Ehemann – Helmuth Deist

~Kinder:

~Anni

~Christine (genannt: Tinnchen)

Richard Dehmel

~1. Frau: Paula Dehmel

~Kinder:

~Vera (genannt: Detta)

~Heinrich

~Lieselotte (genannt: Lotti)

~2. Frau: Ida Dehmel (genannt: Isi, Mutter Isi)

~Sohn (1. Ehe): Heinrich-Lux (Heinz-Lux) Auerbach

Personal im Dehmelhaus:

~Guste (Köchin, Mamsell)

~Rosa (Zimmermädchen)

~Wustrow:

~Svea (Kindermädchen, Hilfe)

~Levke (Köchin)

Kapitel 1

Berlin, Januar 1919

Ursula blickte zu dem Dachfenster über ihr, der Regen ging in Graupel über, das leichte Prasseln wurde zu einem drängenden Klopfen, so, als ob der Winter und die eisigen Tropfen unbedingt Eintritt gewährt haben wollten. Sie schloss für einen Augenblick die Augen.

»Ullala? Ursula? Bist du da?« Wieder klopfte es.

Schnell sprang sie auf, lief zur Tür. Heinrich, endlich Heinrich. Er war erst vor Kurzem aus dem Lazarett gekommen, und bisher hatten sie wenig Zeit miteinander gehabt.

»Du!«, sagte sie, als sie die Tür öffnete und zog ihn an sich. »Du!«

»Ulla. Meine Ursula.« Er schlang die Arme um sie, zog sie an sich, hielt sie fest. Sehr fest, fast schon zu fest. Ursula erstarrte.

»Heinrich? Komm mit mir.« Sie löste sich sacht aus seinem Griff und zog ihn mit sich zu ihrem Bett, das gleichzeitig als Sofa diente – je nachdem, wie sie die Kissen und Decken drapierte. »Ist etwas passiert?«

Heinrich ließ sich schwer auf das Bett fallen, das unter dem plötzlichen Gewicht in sich zusammensackte und leise quietschte, doch er schien es gar nicht wahrzunehmen. Sein Blick war verhangen wie ein nebeliger Morgen. Auch Ursula schien er nicht wirklich zu sehen. Sie war vor ihm stehen geblieben, betrachtete ihn eindringlich. Doch er ließ sich nur in die Kissen zurückfallen, sagte nichts.

»Möchtest du eine Tasse Tee?« Heinrich antwortete nicht. Er kaute auf seiner Unterlippe, sah zum Dachfenster, wo nun kleine Hagelkörner tanzten, und antwortete nicht.

»Ich möchte einen Tee.« Ursula drehte sich um und ging zu dem kleinen Kanonenofen, der in der Ecke stand, und schob zwei Holzklötze in die Brennkammer, sie rüttelte an der Belüftung, drehte die Zufuhr auf, auch wenn sie wusste, dass das Holz nun schneller verbrennen würde. Aber es würde auch zügig wärmer werden. Auf der Ofenplatte stand immer eine gusseiserne Kanne mit Wasser. Unruhig drehte sie sich zu ihm um, immer noch sah er zu dem Dachfenster. Ursula setzte sich neben ihn, ließ sich ebenfalls zurücksinken und nahm zögernd seine Hand. Der Krieg hatte ihn so sehr verändert, und oft wusste sie nicht, wie sie ihm begegnen sollte. »Heinrich?«

»Hmm«, machte er, doch er wirkte abwesend.

Ursula folgte seinem Blick zum Dachfenster, sah den hüpfenden Eiskristallen zu. Sie bildeten Muster und Formen, die sich sofort wieder auflösten.

»Ich sehne mich nach dem Frühling«, sagte sie leise und drückte seine Hand. »Nach dem klaren und blassen Licht der Sonne. Dann die ersten hellen Blätter, noch schüchtern zusammengerollt. Die Äste und Zweige der Bäume und Büsche sind voller Knospen – alles wartet auf den ersten, langen, sanften Regen –, und dann explodiert die Natur. Die Knospen springen auf, die Blätter entrollen sich und es gibt eine Million verschiedener Grün- und Gelbtöne. Es ist eine wunderbare Zeit.«

»Ja. Und der Boden duftet. Er riecht nach frischer Erde, nach einem Neuanfang, nach einem neuen Leben jenseits des tödlichen Winters.« Endlich drehte sich Heinrich zu ihr um, sah sie an, nahm sie wahr. Er schaute ihr eine Weile in die Augen, als suche er dort etwas, dann endlich beugte er sich zu ihr, küsste sie. Ein warmer, ein weicher und liebevoller Kuss. »Du mein Du«, flüsterte er. »Es tut mir leid. Ich bin immer noch … so gefangen … in all den schrecklichen Erinnerungen.«

»Es ist gut«, sagte Ursula sanft. »Alles ist gut.«

»Nein!« Heinrich schüttelte heftig den Kopf und wich wieder zurück. »Nein, das ist es nicht. Und das wird es auch nie wieder sein.«

»Das Wasser kocht.« Ursula stand auf, ihre Knie zitterten, sie wusste nicht, was sie erwidern sollte. Seit er vor ein paar Wochen zurückgekommen war, gab es immer wieder diese Momente, in denen er ihr sehr fremd vorkam. Aber hatten sie sich nicht alle seit und durch den Krieg verändert? So manche ihrer Bekannten wünschten sich sehnlichst ihr altes Leben zurück, doch Ursula sah das anders. Die Kaiserzeit war vorbei und auch der Krieg. Deutschland hatte ihn – zu Recht – verloren. Jetzt hatten sie die Chance, Überkommenes hinter sich zu lassen und neu zu beginnen. Die Zeichen standen auf Neuanfang, trotz all der Trauer und Schwierigkeiten war da doch der Funke der Hoffnung. Es gab einen Neuanfang, man musste es nur richtig machen. Ein Frühling in Staatsgröße – wenn nur die richtigen Knospen sich öffnen, und die Flechten und das erstickende Efeu der alten Zeit nicht Überhand gewinnen würden.

Mit Heinrich hatte sie noch nicht richtig darüber sprechen können. Er war für einige Zeit in Hamburg bei seinem Vater, Vera und Tetjus gewesen, die gerade ebenfalls im Dehmelhaus in Blankenese wohnten, während Ursula immer noch in ihrer Studentenbude in Berlin lebte.

Ursula nahm einen Lappen, goss das heiße Wasser aus der Kanne in zwei Tassen, in die sie allerlei getrocknete Blätter getan hatte – ein wenig Minze, etwas Lavendel und Melisse. Melisse war im letzten Jahr im Garten nahezu explodiert und wuchs dort fast wuchernder als die Brennnesseln, deren pikende Blätter sie ebenfalls gesammelt und getrocknet hatte. »Unkraut gibt es nicht«, hatte einer der Gartennachbarn ihr erklärt. »Jede Pflanze hat auch ihr Gutes.«

Nachdem sie den Kessel wieder mit Wasser gefüllt hatte, stellte sie ihn zurück auf den Ofen und schloss die Luftzufuhr. Nun würde das Holz nicht mehr brennen, sondern nur noch glimmen. Der Raum war inzwischen warm genug – wärmer würde es ohnehin nicht werden, denn die Fensterrahmen hatten sich verzogen und der Wind heulte durch jede Ritze. Trotzdem mochte sie ihre Studentenbude, sie fühlte sich hier wohl.

Langsam trug sie die vollen Becher mit den heißen Getränken zurück zum Bett. Heinrich griff danach, nippte.

»Heiß!«, sagte er, und zum ersten Mal verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln. Fast schon erleichtert setzte sich Ursula neben ihn. »Ja, das Beste bei diesem Wetter.« Nachdenklich sah sie ihn an. »Wie geht es dir?«

»Die Kälte«, sagte er und rieb über sein rechtes Bein. »Ich merke es in den Wunden. Es schmerzt.«

»Das meinte ich nicht, Heinrich, und das weißt du.«

Er senkte den Kopf und nickte. »Ja, das weiß ich, Ulla, ich weiß. Aber …«

»Ich bin es. Ich. Ursula. Deine Ulla.« Sie nahm seinen Becher, stellte ihn auf den Nachttisch und führte seine Hand, legte sie auf ihre Brust, dort, wo ihr Herz schlug. »Ich bin es. Ich und du.« Sie zögerte. »Ich und du … ist das noch so?«

Er schloss die Augen, strich leicht mit seinem Daumen über ihre Bluse, dann endlich sah er sie an. »Es ist viel passiert.« Seine Stimme klang traurig, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »So viel.«

»Ja.« Ursula schluckte. »Ja, das weiß ich. Aber …« Ihre Stimme verklang, sie wusste nicht, was sie dem entgegensetzen sollte. Für einem Moment schien der Raum, ihre kleine Wohnung, in einem violetten Schleier zu verschwinden.

Heinrich rückte näher zu ihr, seine Augen suchten ihren Blick, unruhig und voller Zweifel. Er sah sie an, sah weg, schloss die Augen, tauchte wieder in ihren Blick ein.

»Der Gedanke an dich«, sagte er dann mit brüchiger Stimme, »hat mich am Leben erhalten. Ich habe an dich gedacht, von dir geträumt, auf dich gehofft. Ich habe mir unsere Zukunft ausgemalt – nach diesem verfluchten Krieg. Und nun ist er vorbei, aber …«

»Alles ist anders, und nichts wird mehr so sein, wie es war«, sagte Ursula leise. »Ja, das weiß ich. Doch … du und ich … wir sind immer durch wechselnde Gezeiten gegangen, es war nie leicht, nie unbeschwert.« Sie biss sich auf die Lippe, holte tief Luft. »Ich liebe dich. Ich habe dich immer geliebt, und ich werde dich immer lieben. Das ist alles, was ich sagen kann – und es ist alles, was zählt, Heinrich.«

Er schwieg, nahm aber ihre Hand in seine, verschränkte die Finger ineinander, ließ sie los, nahm sie erneut. Dann sah er sie wieder an. »Wie soll das alles werden?«

»Was ist denn alles?« Ursula entwand sich seinem Griff, stand auf, in ihr brodelte es. So hatte sie sich das Wiedersehen mit ihm nicht vorgestellt. Im Gegenteil. In ihrer Vorstellung war alles grün und gelb, alles farbenfroh und voller Hoffnung gewesen, doch dieses latent aggressive Violett, gepaart mit dem düsteren Braun der Traurigkeit hatte sie nicht erwartet. Es traf sie völlig unvorbereitet.

»Hast du Hunger?«

Verblüfft sah er sie nun an. »Willst du jetzt etwas kochen?«

»Ich habe Brot … und ein paar Eier.« Unschlüssig sah sie sich um. »Wir könnten auch essen gehen.«

»Essen gehen? Hast du etwa Geld?« Er lachte bitter.

Ursula überlegte kurz. Heinrich war immer schon unausstehlich gewesen, wenn er nichts gegessen hatte. Ihre Kochkünste waren nicht groß, aber ein paar gebratene Eier bekam sie hin. Außerdem hatte sie noch etwas Speck, den ihr eine Freundin aus der Schrebergartenanlage zugesteckt hatte.

Der Schrebergarten war inzwischen eine Art Halt für sie geworden, sie ging oft dorthin, auch jetzt im Winter.

Schnell stellte sie die Pfanne auf den Ofen, ließ den Speck aus und schlug die Eier darüber. Das Brot war nicht mehr frisch, aber man würde es noch essen können. Auf dem kleinen Tisch stapelten sich die Bücher und Zeitungen, eilig räumte sie alles auf den Schreibtisch, der unter dem Dachfenster stand – dort hatte sie das beste Licht, um zu zeichnen. Aber der Schreibtisch quoll auch schon wieder über vor Entwürfen und Mappen. Nur mit Mühe fand sie Platz für die Sachen. Dann wischte sie über die schrundige Resopalplatte des kleinen Esstisches. Sie hatte doch eine Tischdecke – nur wo? In den letzten Monaten hatte es keinen Anlass gegeben, den Tisch hübsch zu decken.

Ein wenig hektisch öffnete Ursula den wackeligen Schrank und fand erleichtert die Tischdecke, die tatsächlich sauber und gebügelt war – so wie Guste ihr sie gegeben hatte. Das war über ein halbes Jahr her, aber es schien ihr vor Jahrzehnten gewesen zu sein.

Der Speck brutzelte, die Eiermasse schlug Blasen. Schnell rührte sie um, schüttete alles in eine Schüssel und brachte sie auf den Tisch, zusammen mit dem Brotbrett, zwei Tellern, Besteck. Suchend blickte sie sich um, dann sah sie den silbernen Kerzenleuchter, den Paula ihr geschenkt hatte, und stellte ihn dazu, zündete die Kerze an. Erst jetzt suchte ihr Blick wieder Heinrich, er hatte die ganze Zeit geschwiegen.

Ursula seufzte. Heinrich war eingeschlafen. Sie nahm einen der Teller, stülpte ihn als Deckel über die Schüssel mit der Speck-Eiermasse. Dann nahm sie behutsam eine Decke und deckte Heinrich zu. Er lag ganz verquer auf dem Bett, doch sie wollte ihn nicht wecken. Stattdessen setzte sie sich neben ihn und betrachtete sein schlafendes Gesicht. Wie sehr sie ihn liebte, alles an ihm. Wie sehr sie gedacht hatte, ihn zu kennen – aber nun sah sie Falten und Fältchen, die ihr neu waren. Der Krieg – und gerade das Ende – hatten Spuren in seiner Haut hinterlassen. Und nicht nur das, wurde ihr bewusst. Er hatte Dinge erlebt, die keiner erleben sollte. Niemals. Er hatte eine Verletzung am Bein erlitten, die Wunde hatte sich entzündet, als er wieder an die Front musste. Er hatte gelitten und litt immer noch – nicht nur an körperlichen Schmerzen. Und dennoch war sie froh. Sie war froh, dass er lebte. Dass er zurück war. Dass sie ihn wieder hatte – auch wenn alles gerade schwierig war. Sie liebte ihn, und sie wusste, dass er sie auch liebte. Und das war alles, was zählte. Der Krieg war vorbei. Sie würden das neue Leben meistern. Gemeinsam. An dem Gedanken, an dieser Hoffnung, hielt sie sich fest. Ursula saß neben ihm, spürte seinen warmen, gleichmäßigen Atem, die Wärme, die er ausstrahlte. Sie schloss kurz die Augen und genoss die Nähe. Der Eisregen war in einen sanften Schneefall übergegangen, der sich wie eine weiche Decke über das Dachfenster legte – und über ganz Berlin. Schnell griff sie zu dem kleinen Block und dem Bleistift, der neben ihrem Bett lag, zeichnete den schlafenden Liebsten. Es waren nur schlichte, hastige Striche, aber sie wollte diesen friedlichen Moment für sich festhalten.

Kapitel 2

Blankenese, Frühjahr 1919

»Isi ist ganz begeistert, dass wir kommen«, sagte Heinrich voller Überzeugung und nahm Ursulas Hand. »Und Vera erst.«

»Wirklich?«, fragte Ursula zweifelnd. Sie sah aus dem Zugfenster. Die Fahrt von Berlin nach Hamburg war ihr inzwischen vertraut. Der Schnee war geschmolzen, nur noch einzelne dreckige Pfützen bedeckten das Land. Die ersten zaghaft grünen Sprossen zeigten sich, Schneeglöckchen und Haselkätzchen. Bald würden die Krokusse aus dem Boden schießen, die Tulpen ihre grünen Blätter durch die Erde schieben und überall bunte Tupfen verstreuen.

»Freust du dich gar nicht?« Er sah sie erstaunt an. »Du bist so still.«

Seit er wieder da war, hatte sich ihre Beziehung langsam, aber stetig gefestigt. Heinrich erzählte nicht viel von dem, was er an der Front erlebt hatte. Seine Trauer über den Tod seiner Mutter Paula war unermesslich, und eine ganze Weile hatte Ursula gefürchtet, dass er dieses Trauma nicht würde überwinden können, doch nach und nach schien er ihren Tod akzeptiert zu haben, wenngleich er noch immer nicht über sie sprechen konnte.

»Doch, natürlich. Ich bin gerne in Blankenese«, antwortete Ursula. »Auch wenn ich deinen Vater manchmal immer noch unheimlich finde. Er ist so … machtvoll. Und ich weiß nie, was er über mich denkt.

»Ach, Ullala«, sagte Heinrich lächelnd. »Mein Vater liebt dich. Nun schüttele nicht den Kopf – er tut es wirklich. Er hat dich in sein großes Herz geschlossen, ihm ist sehr bewusst, was du für meine Mutter getan hast und was du für sie warst – eine große Unterstützung nämlich.« Seine Stimme war leise geworden. »Ich wäre zu gerne auch für sie da gewesen. An ihrer Seite.« Er schaute zu Boden.

»Das wusste sie.« Ursula nahm sanft seine Hand. »Und sie hätte dich gerne bei sich gehabt – aber nicht um ihretwillen, Heinrich, sondern für dich. Sie wollte, dass du da bist, bei ihr, bei uns – und nicht an der Front. Sie hat deinen Tod mehr gefürchtet als ihren eigenen.«

Er nickte. »Ja. So war sie. Selbstlos bis in den Tod.«

»Nein. Sie dachte nicht, dass sie sterben würde. Keiner von uns dachte das. Und sie am wenigsten. Sie war sich sicher, dass es auch diesmal wieder gut werden, dass sie die Asthmaanfälle überstehen würde. Sie wollte nicht sterben, sie wollte, dass du nach Hause kommst, dass der Krieg endet. Ja, vor allem das wollte sie – Frieden in der Welt.«

Heinrich biss sich auf die Lippe. »Es macht mich so unglücklich, dass sie starb, ohne zu wissen, dass ich noch lebe«, flüsterte er, und seine Stimme brach.

»Sie wusste es und sie weiß es jetzt. Sie ist bei uns. Sie ist immer um uns, Heinrich.«

Er sah sie an. »Du glaubst an ein Leben nach dem Tod?«, fragte er erstaunt.

»Nein, das eher nicht«, antwortete Ursula zögerlich. »Ich glaube nicht an Engel oder an die Kirche. Aber ich glaube schon, dass das Leben nicht einfach so zu Ende ist. Es wird etwas danach geben. Und ich fühle es, Heinrich, ich fühle, dass Paula bei uns ist, dass sie uns nahe ist. Ihre Seele – sie lebt weiter. In dir. In Vera und Lotti. Und ein wenig auch in mir. Wenn ich jetzt tatsächlich das Buch machen darf, das ›Grüne Haus‹, wenn ich das neu gestalten und illustrieren darf, dann lebt sie doch dadurch weiter – und ihre Geschichten und Gedichte sowieso. Jedes Mal, wenn eine Mutter ihr Kind mit den Versen deiner Mutter weckt oder anzieht, es tröstet oder zum Lachen bringt, ist sie da. Sie wird deshalb niemals ganz verschwinden, nicht solange noch jemand ihre Reime und Geschichten kennt.«

Heinrich lehnte sich zurück und schloss die Augen. Eine Träne lief über seine Wange. »Das ist so ein wunderbarer Gedanke«, sagte er leise. »Und er ist so wahr. Solange wir uns an sie erinnern, ist sie nicht tot. Sie ist nur woanders.« Er sah sie an. »Ich liebe dich«, sagte er langsam und leise. »Ich liebe dich so sehr.«

»Ich liebe dich auch, Heinrich.« Sie beugte sich zu ihm, und sie küssten sich, hungrig und doch zärtlich. Es war das erste Mal, dass Ursula sich ihm wieder ganz nahe fühlte. Eine Last fiel von ihr ab, schmolz dahin wie ein Eisblock, der sich um sie gebildet hatte.

»Vater leidet auch«, sagte Heinrich irgendwann nachdenklich. »Er hat viel von Mutter gesprochen.«

»Sie waren sich ja auch nahe«, sagte Ursula. »Sie haben immer noch miteinander gearbeitet.«

»Waren sie das?«

»Er war da, als sie starb. Und er hat sehr geweint.«

Heinrich schnaubte. »Natürlich hat er das. Vater ist hochemotional. Oder auch dramatisch.« Er schüttelte den Kopf. »Manchmal denke ich, er hat Spaß daran, sein Leben zu inszenieren. Meine Mutter war seine erste Liebe, aber nun tut er so, als sei Isi immer schon sein zweites Ich gewesen.«

»Für die beiden ist das auch so«, sagte Ursula sanft. Heinrich lachte bitter. »Meine Mutter hat nie aufgehört, ihn zu lieben. Weiß der Himmel, warum.«

»Liebe kann man nicht erklären. Auch die Liebe zwischen deinem Vater und Isi können wir uns vielleicht nicht erklären. Wir müssen sie einfach so hinnehmen.«

Heinrich schwieg, nun wieder ganz in seine Gedanken versunken. Ursula ließ ihn grübeln. Sie wusste, dass er Zeit brauchte. Sie schaute aus dem Fenster und fühlte in sich hinein. Grau und braun war es dort draußen. Die Landschaft zog eintönig an ihnen vorbei, hin und wieder tauchte ein Gehöft am Horizont auf, ein Dorf schmiegte sich in die noch zum Teil schneebedeckten Wiesen. Ihre inneren Farben waren anders. Ein Blau, das leicht ins Rötliche überging – ein Glücksgefühl, noch verhalten, und eine leichte Besorgnis.

Schon mehrfach war sie in Blankenese bei den Dehmels gewesen, sie hatte vor ein paar Jahren sogar ein paar Tage dort gewohnt und ein Praktikum in Idas Perlenmanufaktur gemacht. Inzwischen war Ida schon fast zwanzig Jahre mit Heinrichs Vater Richard verheiratet. Paula – Heinrichs Mutter – hatte in den letzten Jahren einen fast freundschaftlichen Kontakt zu ihr gepflegt, aber Paula war ja auch eine ganz besondere Frau gewesen.

Nein, dachte Ursula nun, nein, Paula war keine Heilige gewesen. Sie hatte sich mit Ida versöhnt um der Kinder willen. Und wegen Richard. Die Liebe muss auch loslassen können, hatte Paula ihr einmal erklärt.

»Ich musste ihn gehen lassen, denn er brauchte Isi so sehr. Er brauchte sie, um das zu werden, was er ist – ein großer Poet, ein außergewöhnlicher Schriftsteller. Wenn ich ihn nicht hätte gehen lassen, dann hätte ich ihn ganz verloren. Ganz und gar. Denn innerlich war er schon längst gegangen. Zu ihr.« Sie hatte traurig geklungen, aber nicht verzweifelt. »Und so kam er wieder zu mir zurück, und sei es nur, um über Literatur zu sprechen und gemeinsam zu schreiben. Das immerhin habe ich ihr voraus.« Sie hatte gelächelt, ein wissendes und verschmitztes Lächeln.

Richard holte sie mit einer Motordroschke in Altona ab.

»Wie schön, wie schön«, begrüßte er sie überschwänglich. »Dann sind wir alle wieder zusammen. Lotti und Vera können es kaum erwarten, euch zu sehen.«

»Ist Tetjus auch da?«, fragte Heinrich.

»Ja, im Moment wohnen sie bei uns. Er ist ja ein ganz aufgeweckter Junge.«

Heinrich verzog das Gesicht, aber so, dass nur Ursula es sehen konnte. Er fand Veras Mann oftmals anstrengend, vor allem wenn er überdreht war und kaum stillsitzen konnte, hatte er Ursula einmal gestanden. Sie konnte ihn verstehen. Tetjus steckte voller Ideen, hatte aber oft nicht die Muße, diese in Ruhe anzugehen. Er malte, schrieb Gedichte und Theaterstücke, schauspielerte – eigentlich gab es keinen künstlerischen Bereich, in dem er sich nicht ausprobierte.

»Wie geht es Frau Isi?«, fragte Ursula, als sie im Wagen die Hügel nach Blankenese hochfuhren.

»Gut, gut«, antwortete Richard und strich sich über seinen inzwischen angegrauten Bart. »Sie freut sich ja immer, wenn das Haus voller junger Leute ist.«

»Wirklich? Ist das nicht schwer für sie, seit Heinz-Lux gefallen ist?«

Richard warf Ursula einen erstaunten Blick zu. »Meinst du, es könnte schwer für sie sein? Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Sie hat das noch nie erwähnt.«

»Hast du sie denn mal gefragt?«, wollte Heinrich wissen.

Richard schüttelte den Kopf. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Warum sollte sie euch nicht hier haben wollen? Ihr seid ihre Kinder, genauso wie es Heinz-Lux gewesen war. Sicherlich trauert sie noch um ihn … aber deshalb wird sie doch eure Gegenwart nicht als belastend, sondern eher als tröstlich empfinden.«

»An uns sieht sie aber, wie Heinz’ Leben hätte werden können«, sagte Heinrich. »Sie sieht mich, zwar kriegsversehrt, aber am Leben. Sie sieht Vera, verheiratet und glücklich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr das gar nichts ausmacht.«

»Papperlapapp«, murmelte Richard. »So ist sie nicht. Sie schaut nach vorne und nicht in die Vergangenheit.« Er räusperte sich. »Auf jeden Fall sind wir beide froh, dass ihr gekommen seid.«

Ursula merkte, dass er dazu nichts weiter sagen wollte. »Ich würde gerne, während wir hier sind, die Hamburger Kunsthallen besuchen. Max Liebermann hat dort eine Ausstellung, habe ich gehört.«

»Einige Bilder von ihm, ja. Er hat sich sehr zurückgezogen, was ich bedauere«, sagte Richard. »Lovis kennt ihn gut. Auch wenn es immer Spannungen zwischen ihnen geben wird.«

»Lovis Corinth?«, fragte Heinrich.

»Kennst du einen anderen Lovis?«, fragte Richard belustigt zurück. »Ich nicht. Und ich kenne viele Leute.«

»Ich habe gerade einige Bilder von Emil Nolde in Berlin gesehen«, meinte Ursula. »Sie haben mich beeindruckt. Aber Nolde und Liebermann stehen für unterschiedliche … Malerwelten. Deshalb möchte ich unbedingt Werke von Liebermann sehen.«

»Oh! Künstlerisch unterscheiden sie sich – aber ihr Hauptstreitpunkt ist ja eher politischer Natur. Da geht es um die Berliner Secession. Aber du hast recht, meine Liebe, wir sollten uns die Bilder anschauen, und da sagst du mir, wie du sie im Vergleich zu Nolde findest.«

Sie diskutierten über die verschiedenen Ansätze der Berliner Kunstszene, und schon bald bog das Automobil in die schmale Straße, die zum Haus der Dehmels führte, ein.

Auch wenn Ursula schon zweimal seit Heinz-Lux’ Tod hier im Haus gewesen war, erwartete sie immer noch, dass er zur Tür heraus- und die Treppe herunterstürmte, um sie zu begrüßen, so wie früher. Wie sehr hatte er sich immer über ihren Besuch gefreut, hatte ihr Gepäck nach oben getragen und ihr aus dem Mantel geholfen. Er war, dachte Ursula traurig, ein bisschen in mich verliebt gewesen. Obwohl er wusste, dass ich ihn zwar sehr mochte, aber keine größeren Gefühle für ihn hegte.

Statt Heinz hüpfte nun Lotti die Treppenstufen herunter. »Heinrich!«, rief sie und fiel ihrem Bruder um den Hals. »Hach, wie schön, dass du da bist.« Dann wandte sie sich Ursula zu. »Und Ullala. Perfekt!« Sie küsste Ursula fest auf die Wange, nahm ihre Hände und strahlte sie an. »Wir beide teilen uns das Gästezimmer, Heinrich schläft im Dachgeschoss. Ist das in Ordnung für dich?«

»Das hört sich wundervoll an.« Arm in Arm gingen sie die Stufen hinauf. In der Eingangstür stand Ida Dehmel und sah ihnen entgegen. Sie trug eine Art Kaftan, der Stoff changierte zwischen Schwarz und Grau, ein Anthrazit, entschied Ursula schließlich. Ihre Haare hatte sie mit einem Tuch bedeckt, das im Nacken zusammengebunden war. Ein wenig wirkte sie wie eine Nonne.

Nach Heinz-Lux’ Tod hatte sie lange Trauer getragen, aber beim letzten Besuch hatte sie sich wieder so gekleidet, wie man es von ihr kannte, ohne sich um die aktuelle Mode zu scheren. Oft trug sie weite, auffallende Gewänder, manche davon entwarf Richard für sie. Sie war immer bewusst eine sehr auffallende Erscheinung gewesen, doch nun schien sie ein wenig verhuscht und in sich gesunken.

Sie trauert sicher doch stärker, als Richard es für möglich hält, fuhr es Ursula durch den Kopf, und plötzlich wusste sie nicht, wie sie Ida begegnen sollte. Doch Ida nahm ihr die Verlegenheit und schloss sie in die Arme. »Wie schön, dass du da bist, Ursula. Ich freue mich so sehr. Hoffentlich werden wir beide ein wenig gemeinsame Zeit finden. Vielleicht möchtest du dich auch in der Perlenmanufaktur betätigen?«

»Also … ja, ich weiß nicht«, stotterte Ursula. »Ich freue mich, hier sein zu dürfen …«

»Liebste Isi«, unterbrach Richard sie. »Du weißt doch, weshalb unsere Ulla hier ist, nicht wahr?« Er neigte den Kopf und lächelte. »Wir haben einiges zu besprechen, und Ullala wird vorerst wahrscheinlich keine Zeit für deine Perlen haben.«

»Das wäre sehr schade«, sagte Ida. Dann wandte sie sich ihrem Stiefsohn zu. »Hallo, Heinrich«, sagte sie, machte aber keine Anstalten, auf ihn zuzugehen.

Verstohlen stupste Ursula ihn an, und Heinrich stolperte einen Schritt nach vorne, breitete die Arme aus. »Grüß dich, Mutter Isi.« Er umarmte sie, und nach kurzem Zögern erwiderte sie die Umarmung.

Es ist nicht alles so gut und friedlich, wie Richard und Heinrich es mich haben glauben lassen, doch dann schüttelte sie den Gedanken ab – dafür war später noch Zeit.

»Wo ist denn Vera?«, fragte sie und ging an den beiden vorbei in den Flur.

»Vera und Tetjus sind unterwegs«, erklärte Lotti, ihre Fröhlichkeit klang aufgesetzt. Oder bilde ich mir das alles nur ein?, fragte sich Ursula. Als sie sie ansah, zog Lotti kurz die Augenbrauen hoch und schüttelte leicht den Kopf. Also hatte sie richtig gelegen.

»Ich freue mich so auf Vera«, sagte Ursula und versuchte, unbekümmert zu klingen. »Ich habe sie seit Wochen nicht mehr gesehen.«

»Sie vermisst dich auch«, sagte Richard und nahm ihr den Mantel ab. »Sie redet sooft von dir.« Dann drehte er sich zu Heinrich um. »Mein Junge, bringst du bitte euer Gepäck nach oben? Die liebe Guste hat sicherlich schon einen Imbiss vorbereitet. Wir sehen uns dann gleich im Salon.«

»Uff«, machte Lotti, als Richard und Ida verschwunden waren, und stieß die Luft aus. »Kommt, lasst uns nach oben gehen.«

Als sie im Gästezimmer waren, ließ Heinrich sich auf das große Bett fallen. »Was ist denn hier los? Die Luft ist ja so dick, dass man sie schneiden kann. Gibt es Ärger mit Vera?«

Ursula fühlte sich völlig fehl am Platz. Hier gab es offensichtlich Missstimmungen in der Familie, wurden sie nur wegen ihr überspielt? Heinrich schien ihre Unsicherheit bemerkt zu haben und klopfte neben sich auf das Bett.

»Komm her, meine Liebste. Du siehst aus wie eine verschreckte Maus. Das musst du nicht, die Schlange ist unten. Sie wird dir nichts tun.«

»Ganz sicher wird sie das nicht«, sagte Lotti lachend, dann ging sie zum Sekretär, öffnete ihn und nahm drei Gläser und eine Kristallkaraffe heraus. »Bester Bourbon.«

»Wo hast du den denn her?« Grinsend nahm Heinrich ein Glas entgegen.

»Vater bekommt eine Menge Geschenke, er hat immer noch viele Bewunderer.« Lotti zwinkerte ihrem Bruder zu. »Mutter Isi versucht zwar immer, alles genau zu kontrollieren – man könnte fast meinen, dass sie über alles Buch führt oder auf ihren Karteikarten festhält, aber wenn man schnell genug ist, kann man das ein oder andere beiseiteschaffen.«

»Prost«, sagte Ursula, setzte sich aufs Bett und trank einen Schluck. Im nächsten Moment schüttelte sie sich. »Uuuhhh – das ist eine ordentliche Nummer.«

Lotti lachte. »Kannste gebrauchen. Der Abend wird so ein wenig entspannter.«

Ursula lehnte sich an Heinrich, nahm seine Hand, sah aber Lotti an. »Was ist hier los? Ich habe das Gefühl, ich sollte lieber wieder fahren.«

»Du?« Heinrich lachte bitter auf. »Dich hat sie doch ganz herzlich empfangen.«

»Ist es wegen Heinz? So ein Verlust muss sehr schmerzhaft für eine Mutter sein.«

»Es ist wegen allem«, sagte Lotti leise und runzelte die Stirn. »Für uns alle ist es schwer, nur Vater sieht es nicht, er tut so, als wäre alles ganz prima.«

»Er will es nicht sehen, Lotti«, sagte Heinrich. »Weil er nicht weiß, wie er damit umgehen sollte. Er hat zu viel mit sich selbst zu tun. Seine heile Welt ist aus den Fugen geraten, und zwar gründlich.«

»Wieso?« Ursula schüttelte verständnislos den Kopf. »Er hat doch alles … euch, Isi, das Haus. Sein Bühnenstück wird überall aufgeführt, sein Kriegstagebuch wurde gedruckt …«

»Ja, aber er wird nicht verstanden. Das schmerzt ihn. Vater ist inzwischen ein Kriegsgegner – wer, der an der Front war, wäre es nicht? Und das hat er auch deutlich gemacht, durch Texte und Worte, aber das will keiner hören. Man erinnert sich nur an damals. An Dehmel, den großen Kriegsbefürworter. Das verbittert ihn«, sagte Heinrich.

»Früher ist er mit einem Lächeln darüber hinweggegangen, wenn seine Texte missverstanden oder kritisiert wurden.« Lotti hatte sich in den großen Sessel gesetzt und zog die Füße unter sich. »Der Krieg, und vielleicht auch seine Verletzung, haben ihn empfindlicher gemacht.« Sie schwieg kurz, biss sich auf die Lippe. »Und natürlich Mutters Tod – darüber kommt er nicht hinweg.«

»Pah!«, machte Heinrich abfällig. »Mutters Tod. Was juckt ihn das? Er hat doch Isi. Mutter Isi – wie wir sie nennen sollen. Mutter Isi«, er spie die zwei Worte fast aus. »Sie war uns nie eine Mutter.«

Plötzlich klopfte es an der Tür, und sie zuckten zusammen. »Seid ihr hier?«, hörten sie es leise von draußen. Es war Veras Stimme.

Ursula sprang auf, lief zur Tür und riss sie auf. »Vera-Detta. Veraveravera-Detta!« Sie umarmte ihre Freundin, zog sie lachend in das Zimmer.

»Meine Ullala, was für ein Lichtblick.« Sie nahm Ursulas Gesicht in beide Hände, küsste sie fest auf den Mund. »Wie froh-froh-froh ich bin, dass du hier bist.« Dann ließ sie ihre Freundin los, sah Heinrich an. Für einen Moment musterten sich die Geschwister schweigend, dann stand Heinrich auf und schloss seine Schwester fest in die Arme.

»Geht es dir gut, Detta?«

»Jetzt, wo du da bist, ja«, sagte sie. Sie nickte heftig. »Es ist gut, dass wir alle hier zusammen sind.«

»Wo ist denn dein Mann?«

»Tetjus ist noch unterwegs, aber zum Essen wird er hier sein.«

Dann schaute sie sich lachend um. »Ihr trinkt schon?«

»Bourbon. Habe ich an Isi vorbeigeschmuggelt. Willst du auch?«

»Nur ein kleines Glas. Ich habe immer noch Probleme mit dem Magen.«

»Bist du krank?«, fragte Heinrich besorgt.

»Nein, Herr Doktor, das bin ich nicht – mir ist nur das Haus auf den Magen geschlagen.« Vera seufzte und setzte sich in den Sessel neben der Balkontür. »Aber was sollen wir machen? Die Preise für Wohnungen steigen und steigen … und künstlerische Arbeiten sind im Moment nicht sonderlich gefragt.«

»Aber dein Tetjus ist doch ein Tausendsassa«, frotzelte Heinrich.

»Das stimmt. Bloß will er sich nicht in irgendwelche Formen pressen lassen. Dass was gerade gesucht und bezahlt wird, spricht ihn nicht an. Auftragsarbeiten lehnt er ab.« Wieder seufzte Vera, doch dann zwang sie sich zu einem Lächeln. »Doch nun seid ihr hier – ihr beiden Lieben. Das macht es viel leichter.«

»Warum hat uns Vater eigentlich alle zusammengetrommelt?«, fragte Heinrich und schenkte sich noch einen Schluck ein.

»Es hat irgendetwas mit Mutter zu tun, mit Paula.« Vera zuckte mit den Schultern. »Mehr hat er nicht verraten.«

»Detta sieht nicht gut aus«, sagte Ursula nachdenklich zu Lotti, nachdem die anderen das Zimmer verlassen hatten. »Sie ist so blass und in sich gekehrt.«

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, meinte Lotti. »Aber es liegt sicherlich auch an der Jahreszeit – ich kann das Frühjahr nicht erwarten.«

»Wirst du eigentlich jetzt auch hier wohnen?«

»Ich?« Lotti lachte auf. »Um Gottes willen – nein. Auch wenn ich ganz gut mit Isi auskomme, auf lange Sicht würden wir uns doch gegenseitig Nerven kosten, das ist ja mal sicher.« Sie nahm die Handtücher, die die Mamsell für sie herausgelegt hatte, und faltete sie zusammen. »Noch wohne ich ja in der Wohnung in Steglitz, aber die Wohnung ist zu groß für mich und auch zu teuer. Zwar ist Heinrich jetzt wieder da – aber auch er wird ja nicht in Berlin bleiben, auf lange Sicht.« Fragend sah sie Ursula an. »Da weißt du sicherlich mehr als ich.«

»Du täuschst dich«, sagte Ursula und verzog das Gesicht. »Im Moment ist dein Bruder wie ein Buch mit sieben Siegeln für mich.«

»Er ist manchmal so eine Flitzpiepe.« Lotti schüttelte den Kopf. »Stur wie ein Ochse. Er liebt dich doch. Der Krieg ist vorbei, ihr solltet Pläne machen.«

»Er braucht Zeit. So wie viele andere seiner Kameraden auch. Dieser Krieg hat viel kaputt gemacht – auch in den Köpfen der Männer.«

»Jedenfalls glaube ich, dass Vater uns unter anderem wegen der Wohnung hierher beordert hat. Er will, dass wir sie auflösen.«

»Vermutlich ist das vernünftig«, sagte Ursula nachdenklich und schloss die Schublade der Kommode, in der sie ihre Sachen verstaut hatte. »Die Wohnung ist zu groß und zu teuer für euch.«

»Ein Teil der Kosten wird durch die Mieteinahmen der beiden Häuser gedeckt, die Mutter von Tante Auguste geerbt hat. Aber den Mietern dort geht es wie vielen anderen auch, sie können die stetig steigenden Kosten nicht mehr zahlen. Und Heinrich ist nicht der Kerl, der Geld eintreiben kann. Onkel Franz hilft uns aus, aber er kann das auch nicht dauerhaft.«

»Was hast du denn vor, wenn du im Sommer mit deiner Ausbildung fertig bist?«

»Ich werde als Kinderkrankenschwester arbeiten.« Lotti lachte. »Sonst hätte ich ja die Ausbildung nicht zu machen brauchen.«

»Und das erfüllt dich?«

Für einen Moment runzelte Lotti die Stirn, dann nickte sie. »Ja. Es erfüllt mich. Auch wenn Vater es mir nicht glauben will. Nicht jeder muss künstlerische Adern haben – auch dann nicht, wenn Dehmelblut in ihnen fließt.« Sie ließ sich wieder in den Sessel fallen. »Ich will gar nicht kreativ sein, nicht schreiben, nicht malen, nichts erschaffen. Ich könnte doch nie in die Fußstapfen meiner Eltern treten, und selbst wenn würde ich immer an ihnen gemessen werden.«

»Heinrich hat mal etwas Ähnliches gesagt. Das ist wohl auch ein Grund, weshalb er Arzt werden will.«

»Und Vera würde nie eine Zeile schreiben, auch wenn sie es könnte – genau deshalb. Es fällt ihr schon schwer, gestalterisch tätig zu sein, weil Vater es immer und immer kommentiert. Er meint es gewiss nur gut, aber …« Lotti zuckte mit den Schultern. »Vera und Tetjus müssen hier ausziehen. Das Leben unter einem Dach mit Vater macht sie krank – beide. Denn auch Tetjus vergleicht sich unbewusst immer mit dem großen Dehmel. Ich glaube, dass ist ihm jetzt erst klar geworden.«

»Die arme Vera. Hier ist sie unglücklich, aber um eine Wohnung zu mieten, bräuchten sie geregelte Einkünfte. Wer weiß, ob sie die jemals haben werden. Tetjus war schon immer ein Freigeist.«

»Stimmt. Erstaunlich, dass er sich auf ein so steifes Konstrukt wie die Ehe eingelassen hat.« Lotti lächelte. »Aber die beiden lieben sich wirklich sehr innig.«

Hoffentlich bleibt das auch so, dachte Ursula plötzlich und war selbst erstaunt über diesen Gedanken.

Kapitel 3

Ursula hatte sich gerade frisch gemacht und umgezogen, als von unten der Gong ertönte. Als sie den Salon betrat, schenkte Richard gerade Wein aus.

»Möchtet ihr auch etwas trinken?«, fragte er die Mädchen. Er wartete die Antwort gar nicht ab, füllte die Gläser und reichte sie ihnen.

Wieder beschlich Ursula das anfängliche Unwohlsein. Am liebsten hätte sie sich unsichtbar gemacht. Nervös blickte sie sich um. Sie befanden sich im mittleren Raum des Hauses. Rechts von ihnen lag Richards Arbeitszimmer. Das Haus war von dem Architekten Baedeker entworfen worden – allerdings nach Richards Plänen. Sie war schon mehrfach hier zu Besuch gewesen, aber nie hatte sie sich wirklich Gedanken über die Räume gemacht. Dabei waren sie eigentlich nicht nur untypisch, sondern auch wirklich unpraktisch angeordnet. Vielleicht fiel ihr das erst jetzt auf, nachdem sie ihr Studium in Grafik und Gestalten beendet hatte. Während des Studiums hatte sie nicht nur verschiedene Techniken der Druckkunst gelernt, Formen und Anordnungen waren auch ein Thema gewesen.

Ursula lebte für Farben und Formen. Aber vor allem für die Farben – Farben drückten für sie alles aus, sie waren Gefühl pur. Jede Emotion – ob positiv oder negativ – hatte eine Farbe. Aber die Nuancen wechselten, und mit der Farbenlehre, die zum Beispiel Rot als warm und Blau als kalt einstufte, hatte das nicht viel zu tun. Auch ein intensives Blau konnte für Ursula Wärme oder auch Wut bedeuten. Schon oft hatte sie versucht, diese Empfindungen zu erklären, aber nie gelang es ihr wirklich. Denn es waren Farben und keine Worte, die in ihrem Kopf und in ihrem Herzen vorherrschten. In ihrem Studium war es nicht so sehr um Farben, sondern um Formen gegangen. Um Schrifttypen, Pinselstriche, um Grafik und Design. Das war auch gut so, denn Farben waren für sie viel zu emotional. Dennoch waren Zeichnen, Gestalten, Typografie und Drucke nicht aus ihrem Leben wegzudenken. Sie hoffte so sehr, diesen Auftrag zu bekommen – es würde beide Seiten ihrer Persönlichkeit verbinden – die grafische Gestaltung des Buches und zugleich die farbgebende, dadurch, dass sie die Seiten nach dem Druck kolorieren – also ausmalen – dürfte. Das wäre ihr Meisterstück, jedenfalls empfand sie es so.

Richard dagegen war ein Meister der Worte. Und ein Meister der Inszenierung. Auch dieses Haus hatte er um sich herum inszeniert. Man betrat es durch die Halle. Rechts ging es in Richards Zimmer, links in einen kleinen Flur und zum Treppenhaus. Geradeaus lag Idas Zimmer mit den wunderschönen Vitrinen und den Schränken, in denen sie alle Briefe und Manuskripte archivierte. Ihr Schreibtisch stand am Fenster, das auf die Terrasse blickte. Man musste durch ihr Zimmer hindurch, das auch der Salon war, um zum Esszimmer, das die ganze Breite des Hauses einnahm, zu gelangen. Das Esszimmer war imposant, mit den im Jugendstil gehaltenen Schränken, dem großem Tisch und den Flügeltüren, die sich auf die Terrasse öffneten. Vom Esszimmer aus kam man in die Anrichteküche und von dort aus in das Souterrain, wo sich die Küche und die Perlenmanufaktur befanden. Man musste also im Kreis laufen, um in die einzelnen Räume zu gelangen. Nur Richards Zimmer war kein Durchgangszimmer. Sein heiliges Reich, man betrat es nur, wenn er einen dazu aufforderte.

Ursula nahm das Glas mit dem Wein, nippte daran.

»Ist Tetjus mittlerweile da?«, hörte sie Heinrich fragen.

Richard hob die Hände. »Das weiß ich nicht. Er kommt, er geht. Er ist ein Freigeist.«

»Ich schau mal schnell nach Vera«, sagte Lotti und ging zurück zur Halle.

»Nein, nein«, rief Richard sie zurück. »Lass unsere Detta. Sie wird schon herunterkommen, wenn ihr danach ist.«

»Und wo ist Isi?«, fragte Ursula.

»Mutter Isi kommt auch sofort.« Richard tätschelte ihren Arm. »Hast du dich gut eingerichtet? Ich bin so froh, dass du kommen konntest, ich muss einige Dinge mit dir besprechen.«

»Was denn?«, rutschte es Ursula verblüfft heraus.

»Später, Kind, später. Nun wollen wir erst einmal essen.« Er blickte zur Tür, die zur Halle führte, und dort erschien nun Ida. Sie trug wieder ein wallendes Gewand in einer dunklen Farbe. Doch nun hatte sie das Tuch abgelegt und die Haare im Nacken zusammengesteckt. Sie lächelte der Familie entgegen, streckte die Hände aus und ging zu Richard. »Mein Liebster, wie schön ist es, hier gemeinsam mit unserer Familie zu sein.« Sie nahm seine Hände und drückte sie, dann sah sie Lotti und Ursula an. »Ich hoffe, ihr habt Hunger? Unsere Guste hat sich vermutlich mal wieder selbst übertroffen.« Damit ging sie zu der Schiebetür, die zum Esszimmer führte, und öffnete sie.

Verstohlen blickte Ursula zu Heinrich, der das Gesicht verzogen hatte und mit den Augen rollte. Auch Lotti hatte seinen Gesichtsausdruck gesehen und versuchte vergeblich, ein Kichern zu unterdrücken. Als Richard zu ihr sah, täuschte sie einen Hustenanfall vor.

»Wo sind Vera und Tetjus?«, fragte Ida und nahm das Weinglas, das Richard ihr reichte.

Richard zuckte nur mit den Achseln. »Ich weiß gar nicht, ob Tetjus schon hier ist …«

»Ist etwas mit den beiden?«, fragte Ida und zog die Augenbrauen hoch, während Lotti wortlos den Raum verließ und die Treppe hinauflief.

»Nein, nein, meine Liebste«, sagte Richard. »Ich habe Hunger. Lasst uns schauen, was Guste gezaubert hat.« Die Wände des Esszimmers waren mit einer hellen Tapete bedeckt, die Möbel weiß. Es gab große Fenster und schöne Leuchter. Der große Raum war hell und einladend, nicht so düster wie der Salon. Heinrich trat zu Ursula. »Bereit für das Gruselkabinett meiner Familie?«, flüsterte er ihr zu.

»Sei nicht ungerecht«, flüsterte Ursula empört zurück. »Sie geben sich doch Mühe.«

»Mühe womit?«

»Dass ihr euch wohlfühlt.«

Heinrich schnaubte leise. »Sehr erfolgreich sind sie nicht.«

»Das liegt aber an dir, Heinrich. Du willst es ja auch gar nicht. Du siehst alles wie unter einem Brennglas, und alles und jedes missfällt dir. Warum? Weil es nicht so ist wie bei Paula?« Sie war stehen geblieben und sah ihn an. »Das stimmt ja auch. Es kann nirgendwo so sein wie bei Paula, wie bei deiner Mutter. Ihr Haushalt, sie – sie war einzigartig. Und ganz besonders. Daran kann niemand heranreichen. Egal, wie er es probiert.« Sie holte tief Luft. »Dein Vater und Ida versuchen es noch nicht einmal, ihr Leben hier ist auch einzigartig, auf seine Weise. Hör auf zu vergleichen, lass dich lieber auf diese Art der Gastfreundschaft ein.«

Mit großen Augen sah Heinrich Ursula an. »Gute Güte«, sagte er. »Gute Güte!« Dann schluckte er. »Da hast du mir wohl den Kopf gewaschen, mein lieber Freund und Kupferstecher.«

»Denk darüber nach. Ich möchte dir ja nicht die Weisheit in die Stirn kämmen müssen.« Ursula grinste, dann beugte sie sich zu ihm und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen. »Und jetzt benimm dich einfach, dann tue ich es auch.« Sie zwinkerte ihm zu.

Heinrichs verblüffter Ausdruck wurde zu einem Grinsen. »Und wenn nicht?«, fragte er leise und verschmitzt.

»Heute werden wir das nicht ausprobieren, ja? Bitte, lass uns einen netten Abend haben. Mir läuft schon das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an das Essen hier denke. Guste ist eine Königin der Küche.« Sie zog ihn mit sich zum Tisch.

»Worüber flüstert ihr denn?«, fragte Richard missbilligend.

»Oh«, sagte Ursula und senkte ertappt den Kopf. »Ich gestehe, es ging um Guste.« Nun sah sie Richard wieder an. »Ich kann es kaum erwarten, wieder eines ihrer Essen auf dem Teller zu haben – es ist so köstlich. Und wir haben überlegt, was es wohl geben mag.«

»Ja!«, rief Ida. »Ich wünschte, ich könnte so kochen.«

»Kannst du denn kochen?«, fragte Heinrich und rückte Ursulas Stuhl zurecht.

»Eier und Speck. Und Arme Ritter«, antwortete Ida und lachte. »Das ist nicht viel, aber ich musste es ja auch nicht und hoffentlich werde ich es auch nie müssen.«

»Was musst du nicht?« Vera und Lotti kamen just in dem Moment ins Esszimmer.

»Kochen«, sagte Ida ein wenig konsterniert. »Es ging ums Kochen.« Sie schluckte, zwang sich zu lächeln. »Ist Tetjus auch da?«

»Bisher nicht«, sagte Vera leichthin, setzte sich und schenkte sich ein Glas von dem Schaumwein ein, der auf dem Tisch stand. Sie schaute lächelnd auf. »Essen gibt es doch hoffentlich trotzdem?«

»Natürlich, natürlich«, brummte Richard und läutete die kleine Glocke, die auf dem Tisch stand. Prompt öffnete sich die Tür zur Anrichteküche, und Guste trug den ersten Gang, eine Suppe, auf.

Schnell schenkte Richard allen ein, hob sein Glas. »Auf uns. Auf die Dehmels. Auf unsere Familie. Schön, dass ihr alle hier seid, Kinder.«

Für einen Moment zögerte Ursula, doch dann trank sie auch. Richard hatte sie eingeladen, auch wenn sie nicht offiziell zur Familie gehörte. Er würde sich schon etwas dabei gedacht haben.

Sie genossen die Suppe, tauschten nur Höflichkeiten aus. Die Atmosphäre war angespannt, wobei Ursula gar nicht sagen konnte, woran das lag. Ida war freundlich, wenn auch nicht überschwänglich – aber das war sie selten. Ein wirkliches Tischgespräch kam jedoch nicht auf.

Dann räumte Guste die Suppenteller ab und trug den Hauptgang, Braten mit Klößen und Soße, dazu Wintergemüse, auf.

»So ein Braten kostet doch ein Vermögen heutzutage«, sagte Heinrich. »Wie machst du das?«

»Alles wird teurer«, sagte Richard und nahm sich Soße und Klöße nach.

»Ja, alles wird teurer – und zwar in Maßen, wie wir das noch nie erlebt haben, Vater«, sagte Heinrich nun eindringlich. »Wir haben eine furchtbare Inflation, und wenn das so weiter geht, ist das Geld bald nicht mehr das Papier wert, auf dem es gedruckt ist.«

»Guste und ich haben gut gewirtschaftet«, sagte Ida nun.

»Wir haben Schweine gekauft, die erste Sau schon im Krieg«, erklärte sie. »Bei einem Bauern hier in der Nähe. Dort lassen wir sie aufziehen und decken. Dies ist ein Schwein aus ihrem ersten Wurf – ich hoffe, dass noch weitere folgen werden. Und wir haben alles verwertet. Guste weiß und kann so viel – sie ist auf einem Hof in Norddeutschland aufgewachsen. Wir haben nichts, aber auch gar nichts verkommen lassen. Alles wurde genutzt.«

»Aber … die Haltung kostet doch auch«, sagte Heinrich. »Und der Geldwert verfällt. Rechnet sich das denn überhaupt?«

Ida lächelte ihn an. »Ja, das tut es – denn wir bezahlen nicht mit Geld. Wir tauschen. Ein Ferkel für die Haltung. Zwei weitere Ferkel für das Futter. Zusätzlich sammeln wir unsere Küchenabfälle – und die der Nachbarn. Sie können nichts damit anfangen, wir aber schon.«

»Ganz schön pfiffig«, sagte Lotti anerkennend.

»Das muss man sein in diesen Zeiten«, sagte Ida.

»Wohin es uns wohl führen wird«, meinte Heinrich nachdenklich. »Der Krieg ist vorbei – wir haben ihn verloren. Es war alles umsonst.«

»Nein, nicht ganz«, sagte Richard. »Wir haben durch den Krieg gelernt. Es war richtig, unsere Werte, unsere Kultur zu verteidigen. Aber es ist falsch, dafür in den Krieg zu ziehen. Und das sollten nun alle Völker begreifen. Es darf nie wieder Krieg geben.«

»Das sehe ich auch so – doch wie will man das erreichen? Auf uns wird niemand hören. Wir sind die Verlierer in Europa – ja, für die ganze Welt sind wir Verlierer. Uns werden Verträge aufgezwängt, man verhandelt über, aber nicht mit uns.«

»Es muss einen Bund geben, einen Staatenbund, in dem alle Völker vereinigt sind. Und dieser Bund muss in Zukunft über Konflikte entscheiden. Mit Worten und Verhandlungen, nicht mit Waffen.«

»Das ist eine gute Idee, Vater. Aber wird so etwas durchsetzbar sein? Deutschland werden die anderen Völker sicher nicht in einen Bund aufnehmen. Und es wird auch andere Länder geben, die daran nicht interessiert sein werden.«

»Zur Not muss man die Welt dazu zwingen«, sagte Richard.

»Zwingen?«, fragte Ursula. »Wie denn?«

»Nun, ein letztes Mal, ein allerletztes Mal vielleicht mit Waffen – aber dann nie wieder«, erklärte Richard.

»Vater, den Gedanken an einen Völkerbund kann ich teilen und unterstützen – aber etwas mit Waffengewalt erzwingen zu wollen wäre fatal. Damit hätte man nichts erreicht.«

»Ich möchte dazu ein Pamphlet entwerfen, ich möchte für einen friedlichen Bund werben. Vielleicht können wir zusammen daran arbeiten?«, fragte Richard.

Nachdenklich sah Heinrich ihn an, nickte dann. »Ja, das können wir tun. Natürlich. Du hast eine große Stimme, du wirst gehört, das ist von Vorteil. Und ich will und werde mich für einen weltweiten Frieden einsetzen.«

»Aber die Gesellschaft muss sich dafür ändern«, sagte Lotti bestimmt. »Der Kaiser hat abgedankt, und wir haben eine parlamentarische Demokratie. Doch viele der einstigen Räte sind wieder in der Regierung. Der Adel hat mehr Macht als ein Arbeiter, das darf so nicht sein. Alle Menschen müssen gleich sein.«

»Theoretisch hast du recht, aber praktisch wird das schwer durchsetzbar sein, mein Kind«, entgegnete Richard.

»In Russland macht man das gerade. Dort gibt es einen Arbeiter- und Bauernstaat. So etwas brauchen wir auch, sonst werden sich die alten Machtverhältnisse nie ändern, und es wird für die arbeitende Bevölkerung keine Besserung geben.«

»Glaubst du das wirklich?«, fragte Vera erstaunt. »In Russland verhält sich das doch nur spiegelverkehrt zu anderen Staaten. Dort sind jetzt die Bolschewiki an der Macht, und nun nehmen sie den Kaufleuten, dem Adel und den Landbesitzern die Rechte. Auch dort gibt es also eine Seite, die die andere Seite unterdrückt.«

»Noch ist das so – es ist ja erst der Beginn einer Entwicklung. Im Wandel gib es immer auch Verluste«, sagte Lotti, hob das Kinn, schaute in die Runde. »Das ist unvermeidbar. Aber wenn der Wandel vollzogen ist, dann herrscht Gleichberechtigung. Es wird ein gerechtes Leben für alle Russen werden.«

»Du hast den Quatsch von Sonja, nicht wahr?«, fragte Heinrich und lächelte milde. »Man kann Russland nicht mit Deutschland vergleichen – die Strukturen dort sind doch ganz anders.«

»Vielleicht ist das so«, sagte Lotti. »Aber wir müssen versuchen, auch hier eine gerechtere Welt zu erschaffen, und dafür steht der Kommunismus nun mal.«

»Ich wusste gar nicht, dass du politisch bist«, sagte Ida erstaunt.

»Der Vater von Lottis bester Freundin ist Russe und Kommunist«, erklärte Heinrich.

»Julian Marchlewski ist Pole«, sagte Lotti lakonisch. »Nicht Russe. Aber ja, er ist Kommunist. Und er ist ein Freund von Lenin.« Sie senkte den Kopf. »Und er kannte Rosa Luxemburg.«

»Er gehört dem Spartakusbund an?«, fragte Richard.

»Was ist daran verkehrt?« In Lottis Augen funkelte es plötzlich. »Ich finde die Idee eines Räterats nicht dumm.«

»Hast du die Luxemburg auch kennengelernt?«, wollte Heinrich wissen. Seine Stimme war sanft geworden.

Lotti reckte das Kinn nach vorne. »Natürlich. Und Liebknecht – und all die anderen, die der ›Gruppe Internationale‹ angehörten. Ich bin mit ihnen groß geworden.«

»Das … das wusste ich gar nicht. Wie kam das?«, sagte Richard verblüfft.

»Durch Sonja natürlich«, antwortete nun Vera und lehnte sich zurück. »Grundsätzlich finde ich es ja nicht verkehrt, dass du dich politisch bildest und auch engagierst, das sollten wir alle.« Sie sah in die Runde, ihr Blick blieb an ihrem Vater hängen. »Damit wir nicht falschen Ideen und Vorstellungen aufsitzen, wie zum Beispiel, einen friedlichen Völkerbund gewaltsam erzwingen zu wollen.«

»Nun sag mal!«, brauste Richard auf. »Was erlaubst du dir? Hier, an meinem Tisch, in meinem Haus?«

»Ich erlaube mir meine eigene Meinung, Vater. Und Kritik. Ist es nicht das, was du von allen forderst? Eine eigene Meinung? Oder ist das nur dann erlaubt, wenn sie mit deiner freien Meinung übereinstimmt?«

Richard lief rot an, er knüllte seine Serviette zusammen.

»Wir wollen uns heute weder streiten noch aufregen«, ging Ida dazwischen. »Keiner von uns will sich aufregen. Vor allem du nicht, Richard. Denk an deine Gesundheit.« Tadelnd blickte sie in die Runde. »Können wir jetzt bitte das Gespräch wieder auf andere Themen lenken?«

»Geht es dir nicht gut, Vater?«, fragte Lotti nun besorgt.

Richard winkte ab.

»Natürlich geht es ihm nicht gut«, sagte Ida und nahm sich noch ein Glas Wein. »Er leidet immer noch an der Venenentzündung, die er sich im Schützengraben zugezogen hat.«

»Es ist halb so wild«, brummte Richard.

»Das ist es nicht«, sagte Ida mit fester Stimme. »Dir geht es nicht gut, und das, obwohl wir nun schon mehrfach zur Kur waren.«

»Was ist denn das Problem?«, fragte Heinrich nun ebenfalls besorgt.

»Ich habe kein Problem. Und ich werde den Teufel tun, meine Gesundheit hier am Tisch zu besprechen«, polterte Richard. »Du bist schließlich nicht mein Arzt.«

»Aber ich bin Arzt«, sagte Heinrich. »Vielleicht können wir ja unter vier Augen darüber reden?«

»Du bist Arzt?«, fiel ihm Ida ins Wort. »Du hast deine Approbation erhalten?«

»Ja«, sagte Heinrich. »Ich muss noch eine Prüfung ablegen, aber meine Approbation habe ich. Jetzt muss ich nur noch meinen Facharzt machen.«

»Weißt du schon, worin?«, wollte Vera wissen. »Und hast du schon Aussicht auf eine Anstellung?«

»Noch habe ich keine Anstellung«, gab Heinrich zu. »Ich möchte eigentlich noch weiter studieren.« Er sah Ursula entschuldigend an.

Ursula kaute auf ihrer Lippe. Heinrich hatte ihr noch nicht gesagt, dass er seine Zulassung hatte. Genauso wenig, wie sie über die Zukunft miteinander gesprochen hatten.

Will er etwa gar keine Zukunft mehr mit mir?, fragte sie sich nun und spürte Verzweiflung in sich aufsteigen. Sie wusste noch genau, wie lange es gedauert hatte, bis er seine erste Verlobung gelöst hatte. Letztendlich war ihm seine damalige Verlobte zuvorgekommen und hatte sich von ihm getrennt.

Ja, Heinrich war konfliktscheu, was sicherlich auch an seiner Kindheit und Jugend lag, in der seine Eltern, und natürlich auch Ida, immer wieder gestritten hatten.

Aber sollte er das nicht inzwischen überwunden haben? Und was bedeutete es für sie? Wartete er nun auch darauf, dass sie sich von ihm löste? Galt ihr gegenseitiges Versprechen nicht mehr? Liebte er sie womöglich gar nicht mehr? Zwar hatte er ihr auf der Zugfahrt versichert, dass seine Liebe zu ihr immer noch stark sei, aber würde er sie dann nicht in seine Pläne miteinbeziehen? Ihr Magen zog sich zusammen, und plötzlich schien alles im Raum in eine violette Farbe getaucht zu sein.

»Du bist doch jetzt Arzt«, hörte sie Ida wie von ferne. »Warum möchtest du denn weiter studieren?«

»Eigentlich wollte ich das nicht hier am Tisch mit euch allen besprechen«, sagte Heinrich leise und räusperte sich.

»Wenn du jetzt Arzt bist, dann heiratet ihr doch – du und Ullala –, nicht wahr?«, unterbrach Lotti ihn aufgeregt. »Eine Hochzeit. Oh, wie schön. Endlich wieder ein schönes Familienfest!« Sie sah ihren Bruder auffordernd an. Ursula wusste, dass sie es nur gut meinte, ihr helfen wollte, doch trotzdem wünschte sie, Lotti hätte nichts gesagt.

Heinrich zog die Stirn kraus und senkte den Kopf, räusperte sich erneut.

»Das lass doch mal ihre Sorge sein, Lotti«, sagte Vera, und es klang leichthin. Aber ihr Blick verriet Ursula, dass sie verstand. »Sie werden das schon machen.«

»O ja. Ein großes Fest! Ihr solltet hier heiraten«, sagte nun auch Ida begeistert. »Wir werden eure Hochzeit gerne ausrichten. Nicht wahr, Richard? Wir werden unsere Freunde einladen und das Haus herrichten. Ach, wie schön. Und wir beide gehen zusammen dein Brautkleid kaufen, Ursula. Das wird ganz wunderbar.«

Ursula zuckte erschrocken zusammen. Plötzlich wurde hier etwas geplant, was zwischen ihr und Heinrich noch gar nicht ausgesprochen war. Ihr Magen wurde fest und hart – eine Faust. Sie versuchte zu schlucken, aber es gelang ihr nicht. Schnell nahm sie das Weinglas, trank einen Schluck.

»Meinst du nicht, dass sie das Brautkleid mit ihrer Mutter kaufen will?«, fragte Vera und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Aber Ursula und ich stehen uns doch nahe«, sagte Ida. »Und deine Mutter wohnt doch ganz weit weg, nicht wahr?«

»In Vohwinkel«, antwortete Ursula. Sie schaute zu Vera, sah das kleine, bitterböse Lächeln auf ihren Lippen. »Meine Mutter steht mir sehr nahe, Frau Isi. Sehr, sehr nahe.«

»Ach wirklich?«, sagte Ida erstaunt. »Das wusste ich gar nicht.«

»Du kannst ja auch nicht alles wissen«, sagte Heinrich nun. »Ullala und ich haben uns noch nicht festgelegt – es gibt noch keinen Termin oder weitere Einzelheiten. Aber natürlich werden wir heiraten.« Heinrich sah Ursula an, sein Blick war aufrichtig. Er nickte kaum merklich mit dem Kopf, hob dann fragend die Augenbrauen und zwinkerte ihr zu. »Oder willst du nicht mehr?«

»Doch, natürlich«, sagte Ursula erleichtert, das dunkle Violett ihrer Gefühle wurde zu einem Himmelblau. »Natürlich werden wir heiraten.« Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, wie Vera erleichtert aufatmete.

»Zieht ihr dann nach Steglitz? Ihr beide? Übernehmt ihr dann Mutters Wohnung?«, fragte Lotti nun.

»Das wäre interessant zu wissen«, sagte nun Richard. »Das war auch ein Punkt, über den ich mit euch sprechen wollte – Paulas Wohnung.«

»Nein«, sagte Heinrich. »Nein, auf keinen Fall. Das willst du doch auch nicht, Ulla?« Fragend sah er sie an. Doch seine Antwort war schnell und entschieden gekommen, sein Entschluss stand schon fest.

In den letzten Jahren hatte Paula Ursula fast näher gestanden, als Line – ihre Mutter. Ursula hatte wesentlich mehr Zeit in Steglitz verbracht als in Vohwinkel. Sie liebte Paulas Wohnung, und ja, sie war fast schon so etwas wie ihr ›Elternhaus‹. Doch es stand ihr nicht zu, etwas zu beanspruchen. Außerdem, da hatte Lotti recht, war die Wohnung zu groß für zwei Personen. Selbst wenn Lotti dort wohnen blieb, war sie zu groß und vor allem zu teuer. Zu der Erdgeschosswohnung gehörte ein Garten. Paula hatte den Garten geliebt, auch wenn sie in den Kriegsjahren Kartoffeln zwischen den Rosen pflanzen musste. Aber Ursula hatte keinen grünen Daumen. So sehr sie Blumen mochte, Pflanzen zu hegen und zu pflegen, gehörte nicht zu ihren Stärken.

»Nein«, sagte Ursula daher schweren Herzens. »Nein, wir können uns die Wohnung nicht leisten, und sie wäre auch zu groß.«

»Seid ihr euch sicher?«, fragte Richard »Es wäre so schade um die Wohnung – sie ist Paulas Vermächtnis. Ihre Möbel … ihre Seele ist dort.« Er schüttelte den Kopf, sah zu Vera. »Und ihr? Wollt ihr nicht nach Berlin ziehen?«

»Tetjus will das auf keinen Fall«, sagte Vera entschieden. »Aber natürlich können wir ja auch nicht ewig hier hausen.«

»Das stimmt«, meinte nun Ida und reckte sich. »Und es trifft sich gut, dass Friedrich demnächst auszieht.«

»Friedrich? Welcher Friedrich?«, fragte Richard verwirrt.

»Der Maler. Du weißt schon. Unten am Grundstück – das kleine Arbeiterhaus.«

»Friedrich Ahlers-Hestermann?«

»Genau der, Richard«, sagte Ida und lächelte. »Er zieht aus, und das Haus wird frei. Ihr könntet es haben, Detta. Du und Tetjus.«

»Ach?«, machte Vera. »Ich kenne das Haus gar nicht, wo ist es denn?«

»Unten, am Ende des Grundstücks«, sagte Richard nachdenklich. »Ein kleines Häuschen, eher eine Kate –, aber er hat große Fenster einbauen lassen und das Dachgeschoss als Atelier genutzt.«

»Das wäre ja phantastisch für Tetjus.« Vera wirkte wie ausgewechselt. »Das wäre großartig. Gehört dir das Haus?«

»Das ist doch eher ein Schuppen als ein Haus«, warf Heinrich ein.

»Detta und Tetjus brauchen ja erst mal nicht viel – nur ihre eigenen vier Wände«, sagte Ida.

»Es gehört uns, oder?«, fragte Richard Ida unsicher.

»Es steht auf unserem Grundstück, deshalb gehe ich davon aus«, sagte Ida. »Aber das lässt sich nachprüfen. Möglicherweise muss eine Pacht an Baedekers gezahlt werden, denen gehörte das Grundstück ja zuvor.«