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Beschreibung

Am 1. April 1922 starb der letzte Kaiser von Österreich auf der portugiesischen Insel Madeira. Erst nach dem Attentat auf seinen Onkel Franz Ferdinand an die Stelle des Thronfolgers gerückt, trat er im November 1916 die Regentschaft über ein Reich an, das sich mitten im Krieg befand und dringender Reformen bedurfte. Karl konnte die fortschreitende Erosion der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie nicht aufhalten, dennoch versuchte er neue Akzente zu setzen. In der österreichischen Reichshälfte kam es durch ihn zu einem Austausch der bisherigen politischen Eliten, er berief den Reichsrat wieder ein und erließ eine politische Amnestie. Außenpolitische Versuche, einen Friedensschluss mit der Entente zu erreichen oder einen Habsburger als König der Ukraine zu installieren, blieben ohne Erfolg. Sein 'Völkermanifest' im Herbst 1918 war ein (zu) später Versuch, den politischen Zerfall Mitteleuropas zu verhindern. In Summe erscheint das Bild Kaiser Karls ambivalent, auch seine kurze Regierungszeit erschwert eine wissenschaftlich-kritische Würdigung. Der projektierte Sammelband will Karl I. in seinen Stärken und Schwächen, seinen (verpassten) Chancen sowie seinen Hoffnungen und Zweifeln mit Bezügen zum Europa von heute darstellen.

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Seitenzahl: 497

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Thomas Walter Köhler | Christian Mertens | Anton Pelinka (Hg.)

Ultimo

Österreichs letzter Kaiser im Übergang von der Monarchie zur Republik

INHALTSVERZEICHNIS

ULTIMO Dem Letzten seiner Art

Vorwort der Herausgeber

1. Die Person Karl I.

Eva Demmerle

Der junge Erzherzog

Thomas Walter Köhler

Non plus ultra

Historisch-politische sowie höhen- und tiefenpsychologische Anmerkungen zum Schicksal Karls von Habsburg-Lothringen

Christian Mertens

Konjunkturen eines toten Kaisers

Zur medialen und publizistischen Rezeption Karls I. ab 1922

2. Die Erosion des Reiches

Iván Bertényi jun.

Der erste nationale König Ungarns aus dem Haus Habsburg?

König Karl IV. und die Ungarn

Jan Županič

Karl I. und Böhmen

Jerzy Gaul

Joseph Piłsudski

und die polnische Unabhängigkeitsbewegung in ihrem Verhältnis zu Kaiser Karl I.

Alojz Ivanišević

Südslawische politische Eliten

in den letzten zwei Jahrzehnten der Habsburgermonarchie zwischen Loyalität und Abtrünnigkeit

Maddalena Guiotto

Loyalität oder Irredentismus?

Die österreichischen Italiener in den letzten Jahren der Monarchie.

Jean-Paul Bled

Das Friedensangebot Kaiser Karls

Christian Ortner

Österreich-Ungarn und der Frieden von Brest-Litowsk

Hannes Leidinger

Völkermanifest und Reichszerfall

3. Die Antizipation des Staates

Anita Ziegerhofer

Die letzte Session des Reichsrates 1917/1918

Ernst Bruckmüller

Sozialpolitik und Sozialgesetzgebung im Ersten Weltkrieg

Franz Schausberger

Kaiser Karl schuf das erste Gesundheitsministerium in Europa

Anton Pelinka

Zu spät

Die mögliche Einbindung der Sozialdemokratie in ein kaiserliches Reformprogramm

Lothar Höbelt

Der Nationalverband, das Kreisgericht und die Weltgeschichte

Helmut Wohnout

Ignaz Seipel, die Christlichsozialen und ihre Rolle beim Thronverzicht Kaiser Karls im November 1918

Dieter Köberl

Ende und Anfang

Das ‚Liquidationsministerium‘ Lammasch und die Provisorische Regierung Renner

Thomas Olechowski

Der Übergang von der Monarchie zur Republik aus staatsrechtlicher Perspektive

4. Exkurse

Christoph Neumayer

Österreichs Orient

Versuchslabor, Sehnsuchts- und Schicksalsort: Bosnien-Herzegowina in der k. u. k. Monarchie 1878 bis 1918

Rupert Klieber

Religiös verklärtes Scheitern?

Karl von Habsburg-Lothringen († 1922) als Nachzügler heiliger Kaiser und Könige

Emil Brix

Was bleibt von Kakanien?

Personenregister

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Abbildungsverzeichnis

Österreich wohntnicht nur eine Erzählung der Tiefe,sondern auch der Höhe inne.

ULTIMODem Letzten seiner Art

Vorwort der Herausgeber

2022 war ein Jahr der Abschiede in Europa. So verstarben im Abstand von wenigen Wochen der epochale sowjetische Staats- und Parteichef Michail S. Gorbatschow, der den (Ver- und) Zerfall einer Supermacht (nicht verursachte, aber) veranlasste, oder die langjährige britische Monarchin Elisabeth II. von Windsor, bei deren Amtsantritt das Vereinigte Königreich tatsächlich noch ein ‚Empire‘ gewesen war: ein Weltreich – so umfassend, wie es zur Mitte des 16. Jahrhunderts nur unter dem ‚Haus Österreich‘ bestanden hatte.

2022 jährt sich zum hundertsten Mal – womit wir zum Thema unseres Buches gelangen – außerdem der Todestag eines im Wortsinn ‚anderen‘ Regenten, dessen in der Mitte des europäischen Kontinents gelegene Herrschaft binnen weniger Jahre im- und binnen weniger Tage explodierte. An die Stelle der Reichvölker traten Nationalstaaten, während auf einer Insel im Atlantik, Madeira, Karl von Habsburg-Lothringen am 1. April 2022 verstarb. Ihm als ‚Ultimo‘ – dem ‚letzten seiner Art‘ – ist der vorliegende Sammelband gewidmet.

Allen generell europäischen und speziell mitteleuropäischen Autorinnen und Autoren, die sich daran beteiligten, gilt unser großer Dank. Sie spiegeln ‚Karls Welt‘ aus historischer und politischer ebenso wie aus psychologischer und religiöser Sicht. Das Werk ‚Ultimo‘ versteht sich dabei als Verdichtung des Narrativs der Reihe eines ‚Geheimen Österreich‘, worauf bereits das 2020 unsererseits herausgegebene Vorgänger-Werk ‚Ein Hauch von Welt‘ basierte und worin teils Bekanntes, teils Unbekanntes innovativ und interdisziplinär beleuchtet wird.

Ging es in ‚Ein Hauch von Welt‘ um Traditionen und Perspektiven, die ‚Österreich‘ in Vergangenheit und Gegenwart geprägt haben und weiter prägen, fokussiert ‚Ultimo‘ auf die Phase des ‚Ab- und Umbruchs‘ mitten in und mitten aus der Regentschaft Karls. Während ‚Ein Hauch von Welt‘ vom Motto geprägt war, wonach „Österreich keine Erzählung der Enge, sondern der Weite innewohnt“, erhält in ‚Ultimo‘ zusätzlich die Betrachtung von Raum und Zeit, wonach unser Staat sich nicht nur aus einer Position defensiver Tiefe verkläre, sondern auch aus einer solchen offensiver Höhe erkläre.

Der Sammelband selbst besteht aus vier Abschnitten: So wirft der erste – Die Person Karl I. – in interdisziplinären Zugängen einen Blick auf Prägungen und Erlebnisse des späteren Kaisers in seiner Kindheit und Jugend sowie auf (tiefen- und höhen)psychologische und geschichtspolitische Aspekte seines Lebens, detto auf die widersprüchlichen Narrative um seine Person im Lauf der letzten hundert Jahre.

Abschnitt zwei – Die Erosion des Reiches1 – betrachtet den Stimmungswandel ausgewählter Nationen dem Vielvölkerstaat und der Herrscherdynastie gegenüber in den letzten Jahren der Doppelmonarchie. Es zeigt sich, dass der Loslösungsprozess außer- wie innerhalb der verschiedenen Nationen keineswegs einheitlich war, parallel zu den Friedensbemühungen und zum Völkermanifest.

Der dritte Teil – Die Antizipation des Staates2 – legt dar, dass der Übergang zur Republik kein glatter Bruch war, sondern dass bereits in den Jahren zuvor die prägenden Personen auf der politischen Bühne erschienen; dass aber auch andere Funktionsträger nicht im politischen Nichts verschwanden. Ebenso wurden in der Regierungszeit Karls wichtige politische Reformmaterien angestoßen, auf denen die jungen Republiken direkt oder indirekt aufbauten.

Die im vierten Abschnitt versammelten Exkurse greifen schließlich Aspekte auf, die die Phase des Übergangs vom Reich zum Staat in einen breiteren thematischen Kontext und einen längerfristigen zeitlichen und räumlichen Rahmen stellen. Die Palette reicht dabei von Österreich-Ungarns Einfluss auf die Modernisierung, aber auch die Spaltung Bosnien-Herzegowinas, über die Rolle Karls als von der katholischen Kirche selig gesprochener Kaiser bis hin zur Frage, welches ideelle und kulturelle Erbe ‚Kakanien‘ hinterlässt.

Thomas Walter Köhler

Christian Mertens

Anton Pelinka

Wien, im Herbst 2022

1Vgl. die analoge Titelei von ‚Ein Hauch von Welt‘.

2Detto.

1. Die Person Karl I.

Der erste Abschnitt nähert sich dem Menschen Karl von Habsburg-Lothringen – von den einen als ‚Märtyrer‘ verklärt, von anderen als ‚Verräter‘ und ‚Schwächling‘ denunziert – in interdisziplinärer Weise an. Die hier versammelten Beiträge gehen den Fragen nach, was den späteren Kaiser in seiner Kindheit und Jugend prägte, seine Persönlichkeit formte und werfen einen Blick auf geschichtspolitische wie psychologische Aspekte seines Lebens, ebenso auf die divergierenden Narrative um seine Person nach dessen Tod.

Eva Demmerle, Historikerin und Kommunikationsberaterin in Bayern, ermöglicht einen Blick auf Erziehung und Ausbildung des jungen Erzherzogs, die sie als eine „gründliche und solide“ klassifiziert. Die Eltern bemühten sich, Karl nicht zum ‚Staatskind‘ werden zu lassen, sondern ihn in einem familiären Umfeld aufwachsen zu lassen. In Prag erhielt er als Privathörer Unterricht von Professoren sowohl der rivalisierenden deutschen als auch der tschechischen Universität. Prägend waren für ihn auch Reisen in Europa, bei denen er etwa seine später publik gewordene Haltung zu Elsass-Lothringen erwarb. Ausführlich beschäftigt sich die Autorin auch mit dem Verhältnis zwischen Karl und Franz Ferdinand, das von väterlicher Freundschaft des Älteren gegenüber seinem Neffen geprägt war und der reges Interesse an dessen Ausbildung zeigte.

Thomas Walter Köhler, Geisteswissenschaftler und Psychotherapeut in Wien, verweist auf geschichtspolitische sowie (tiefen- und höhen)psychologische Aspekte, die für Karls Person und Epoche selbst sowie für unseren Zeitraum bis heute relevant sind. Interdisziplinär bezieht er sich dabei ebenso auf historisch-politologische Literatur wie auf Begriffe von Sigmund Freud und Viktor Frankl. All dies setzt er schließlich in den Kontext von Stefan Zweigs ‚Welt von Gestern‘. Es mündet in einem Appell nicht der Strenge, sondern Milde für die Beurteilung von ‚Schicksalen‘ wie jenem Karls von Habsburg-Lothringen als ultimativem Herrscher des ‚Hauses Österreich‘, der ‚Casa di Austria‘ respektive der ‚Casa de Austria‘, wie sie im 16. Jahrhundert unter seinem Namensvetter zur Weltgeltung gelangt war.

Der Wiener Historiker Christian Mertens beschäftigt sich mit den „Konjunkturen“ des Karl-Narrativs in Österreich. In den ersten Jahrzehnten nach dessen Tod entschied vorrangig die ideologische Zugehörigkeit über die positive (christlichsoziale) oder negative (sozialdemokratische) Beurteilung des Monarchen. Wurde in der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur der Habsburg-freundlichen Erinnerungskultur viel Raum geboten, diente Karl dem Nationalsozialismus als explizites Feindbild, nicht zuletzt mit dem Ziel Ehefrau Zita oder Sohn Otto zu diskreditieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten zunächst eher wohlwollende Darstellungen, oft aus dem Umfeld der Familie Habsburg, ehe sich im Zuge des Seligsprechungsprozesses die Tonlage wieder verschärfte und bisweilen die gleichen Klischees wie schon Jahrzehnte zuvor strapaziert wurden.

Eva Demmerle

Der junge Erzherzog1

Am Spätnachmittag des 28. Juni 1914 traf Kaiser Franz Joseph am Bahnhof von Wien Penzing ein, erwartet von Erzherzog Karl. Die Nachricht vom Attentat in Sarajewo hatte Kaiser Franz Joseph in seiner Bad Ischler Sommerfrische erreicht. Erzherzog Karl saß mit seiner Frau Zita gerade beim Mittagessen in der Villa Wartholz, als das Telegramm ankam. „Ich muss sofort den Kaiser sprechen!“ sagte Karl und ließ sich mit seinem kaiserlichen Großonkel in Bad Ischl verbinden, der ihn bat, ihn am Bahnhof Penzing zu erwarten. Als der Kaiser und der junge Erzherzog vom Bahnhof nach Schönbrunn fuhren, säumte eine schweigende und erschütterte Menge den Straßenrand. Erzherzog Franz Ferdinand war tot. Der 26-jährige Karl war nun Thronfolger. Der breiten Öffentlichkeit war er weitgehend unbekannt.

Eine glückliche Kindheit

Erzherzog Karl Franz Josef wurde am 17. August 1887 auf Schloss Persenbeug in Niederösterreich, dem habsburgischen Kernland, geboren. Bei seiner Geburt war bei weitem noch nicht klar, dass er einstmals den Thron erben würde. Ein typisches Leben eines Erzherzogs schien bevorzustehen: mit einer militärischen Karriere, dann und wann mit Repräsentationsverpflichtungen betraut. Doch 1889 kam Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn Kaiser Franz Josephs, unter bis heute ungeklärten Umständen in Mayerling2 ums Leben. Der nächste in der Thronfolge war der Bruder des Kaisers, Erzherzog Karl Ludwig, der Vater der Erzherzöge Franz Ferdinand und Otto, dem Vater Karls. Karl Ludwig verstarb im Jahr 1896 während einer Pilgerreise ins Heilige Land. Der Thron rückte immer näher. Grund genug also, sich der Erziehung des Jungen intensiver zu widmen.

Von den zahlreichen Vorwürfen, denen die Person des letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn bereits zu seinen Lebzeiten ausgesetzt war und die sich bis heute zum Teil sogar in der seriösen historischen Betrachtung niederschlagen, wiegt der seiner mangelnden Erziehung und Ausbildung auf seine verantwortungsvolle Aufgabe hin nicht gering. Überraschend ist, wie sehr sich bis in unsere Tage gewisse ideologische Vorbehalte und Propagandalügen aus dem Ersten Weltkrieg halten.

Im Gegensatz zu den Behauptungen, der junge Kaiser, der mit gerade einmal 29 Jahren die Regierung übernommen hatte, sei auf seine Aufgabe nicht vorbereitet gewesen, hatte er eine sehr gute und vor allem zielgerichtete Ausbildung genossen. Je näher der Thron rückte, desto mehr wurde den Eltern Karls die Notwendigkeit bewusst, die Erziehung des Jungen entsprechend zu steuern, immer in Einklang mit Kaiser Franz Joseph, aber auch in Einklang mit Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand.3

Die Eltern Kaiser Karls waren in vielen Dingen unterschiedlicher Ansicht, doch in Hinblick auf die Erziehung ihrer Kinder, vor allem des Erstgeborenen, stimmten sie überein.4 Der Vater, Erzherzog Otto, war ein Mensch von großen künstlerischen Begabungen, von großer Vitalität und Lebensfreude und extrovertiertem Charakter. An Politik war er völlig desinteressiert. Am ehesten weckte noch das Militär sein Interesse, wo er die für einen Erzherzog übliche Laufbahn ablegte. Sicher stand er auch im Schatten seines großen Bruders, Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand, der immer schon ein sehr politischer und eigenwilliger Kopf gewesen war. Repräsentationsaufgaben nahm Otto hingegen recht gerne wahr. Etliche Anekdoten ranken sich um den ‚feschen Otto‘ beziehungsweise den ‚flotten Erzherzog‘. Einmal soll er, lediglich mit einem Gürtel, einem Säbel und dem habsburgischen Hausorden, dem Orden vom Goldenen Vlies, bekleidet, durch das Foyer des Hotel Sacher getanzt sein. Unglücklicherweise stieß der US-amerikanische Botschafter in Damenbegleitung auf den Erzherzog in dieser Adjustierung. Sein Einspruch beim Außenministerium und Polizeipräsidium blieb ohne Folgen, sodass er erst nach einer Audienz beim Kaiser Satisfaktion erhielt: Der Kaiser bestrafte seinen Neffen mit zwei Monaten Kloster.

Seine Frau Maria Josepha, geborene Prinzessin von Sachsen und Nichte des regierenden Königs, war das pure Gegenteil Ottos. Sie war tiefreligiös, von sanftem, nachsichtigem, bescheidenem Charakter und mit dem festen Willen, das Heim zum Zentrum ihres Lebens zu machen. Einige Biografen bezeichnen sie sogar wenig charmant als ‚hausbacken‘. Sie lebte ganz für ihre Kinder und nahm die Kränkungen durch das ausschweifende Leben ihres Mannes demütig hin. Die Ehe ist nie gescheitert, aber sie trieb vor sich hin, wohl getragen von gegenseitigem Respekt.

Es scheint, dass die Kindheit des kleinen Erzherzogs ein Paradies gewesen war. Die Familie lebte entweder im Augarten in Wien oder an den verschiedenen Stationierungsorten des Vaters.

Wenn Maria Josepha ihren Mann nicht begleitete, lebte sie auf Schloss Persenbeug oder in der Villa Wartholz in Reichenau an der Rax, einem Besitz ihres Schwiegervaters, in dem auch die Ferien verbracht wurden. Karl verband seine schönsten Kindheitserinnerungen mit beiden Orten. Bis zu seinem siebten Lebensjahr wurde seine Erziehung von Damen dominiert: von seiner Mutter und deren Hofdame Gräfin Pallavicini, Erzherzogin Maria Annunziata und von seiner irischen Gouvernante, Miss Casey, von der er fließend Englisch schreiben und sprechen lernte. Überhaupt zeichnete Karl sich durch eine große Sprachbegabung aus. Mit dem Jahr 1894 übernahm Graf Georg Wallis, der einzige Erzieher Erzherzog Ottos, die Stelle als ‚Ajo Primo‘, also als Hauslehrer und Erzieher des jungen Karl. Er blieb der Familie bis ins hohe Alter verbunden. Hofkreise intrigierten gegen diese Konstruktion, sahen sie doch wenig Einflussmöglichkeiten auf einen künftigen Herrscher. Otto und seine Frau intervenierten beim Kaiser gegen die Ablösung Wallis‘ und pochten auf ihr Recht, den Jungen selbst zu erziehen. Kaiserin Zita berichtet darüber:

„Er [Erzherzog Otto; Anm. d. Verf.] bat seine Frau, sie möge sofort um eine Audienz beim Kaiser ansuchen, und ihm sagen, dass sie sich absolut weigere, die ausgedachte Erziehung ihrem Sohne angedeihen zu lassen. Erzherzog Otto sagte ihr, für ihn sei es entsetzlich schwer, denn wenn seine Majestät einen Wunsch ausspreche, könne er nur als Erzherzog und Offizier ‚Jawohl, Eure Majestät‘ sagen, wohingegen sie als Frau und Mutter dem Kaiser opponieren konnte. Und so sollte es zu einem Kniefall von ihrer Seite kommen.“5

Es sollte sich zeigen, dass Karls Erziehung in vielerlei Hinsicht viel solider als die des Kronprinzen Rudolf gewesen war, der als Staatskind erzogen und damit seinen Eltern, vor allem seinem Vater, entfremdet wurde. Die Folgen sind bekannt.

Graf Wallis organisierte die Schulbildung Karls mit einem strammen Programm. Der Lehrplan war sehr intensiv, mit zahlreichen Fächern. Englisch unterrichtete nach wie vor Miss Casey, Französisch ein Monsieur Mathieu, Ungarisch ein Herr Tormassy. Auch die anderen Sprachen des Reiches wurden gelehrt, dazu kamen noch Latein und Griechisch. Naturwissenschaftliche Fächer wie Biologie, Zoologie und Botanik wurden von Dr. Holzlechner unterrichtet, und dies gern am lebenden Objekt, während Ausflügen, beim Reiten oder auf der Jagd. Neben dem schulischen Programm beschäftigte Karl sich auch mit Reiten, Schießen, Eislaufen, Fechten, Turnen und Schwimmen, seine Lieblingsbeschäftigung aber war die Jagd. In der freien Zeit machte man Ausflüge, gerne auch zu befreundeten Familien. Ein beliebtes Ziel war das Schloss Schwarzau, auf dem Herzog Robert von Bourbon-Parma mit seiner großen Familie lebte. Auch aus dieser Zeit datiert die Freundschaft Karls zu Zita und ihren Brüdern Sixtus und Xaver.

Erzherzog Otto und seine Frau hatten den Weitblick bewiesen, den Sohn zum einen weitgehend in der häuslichen Atmosphäre zu behalten, andererseits jedoch sehr sorgfältig auf seine Ausbildung zu achten. Karls Vater war sich sehr wohl seiner eigenen Defizite und seines unsteten Charakters bewusst, aber auch der Verantwortung, die er seinem Sohn und der Dynastie gegenüber schuldete: „In Erziehungs- und Gesundheitsfragen ist genaueste Beobachtung geboten. […] Ich will nicht, dass mein Sohn die gleichen Erfahrungen macht, die ich habe durchmachen müssen.“ (Zeßner-Spitzenberg 1953, 21)

Nach der Erziehung durch Hauslehrer beschlossen die Eltern zum zehnten Lebensjahr des Jungen, ihn in das von den Benediktinern geführte Schottengymnasium einzuschreiben, wo er in den folgenden Jahren vor allem Naturgeschichte, Physik und Chemie lernte. Im Juni 1901 beendete er seine dortige Schulausbildung mit einer ausgezeichneten Abschlussprüfung. Allerdings sollte er nicht mit der Matura abschließen, da Kaiser Franz Joseph der Meinung war, dass es nicht angebracht sei, wenn der künftige Herrscher sich mit seinen Schulkameraden messen ließe. Zudem sei es unfair den anderen gegenüber, da Karl doch durch die Hauslehrer einen Vorteil gehabt hatte.

Mittlerweile war es sicher, dass Karl eines Tages den Thron erben würde. Erzherzog Franz Ferdinand hatte im Jahr 1900 einen Renunziationseid leisten müssen, mit dem er aufgrund seiner morganatischen Ehe mit Gräfin Sophie Chotek auf die Thronfolgerechte seiner Kinder verzichtete. Als Nächster in der Linie stand Erzherzog Otto, mit dem der alte Kaiser aufgrund seiner Eskapaden mehr als unglücklich war. Auch Otto musste sich den verschiedensten Unterrichtsarten in Geschichte und Politik unterziehen, die ihn allerdings grenzenlos langweilten.

Reisen sind ein unerlässliches Mittel zur Bildung. In Begleitung von Graf Wallis lernte Karl die Monarchie und auch andere Länder kennen. 1901 reisten sie nach Galizien, in die Bukowina und in die ungarische Reichshälfte. Im Jahr darauf stand Frankreich auf dem Programm sowie der Besuch am württembergischen und am sächsischen Hof, wo seine Mutter herstammte. 1903 ging es abermals nach Frankreich und England. Besonderes Interesse zeigte der nun 16-jährige Karl an Elsass-Lothringen; zum einen, weil er den Namen Lothringen selbst trug, zum anderen, da die Zugehörigkeit jener Region zum Deutschen Reich umstritten war. Karl sprach mit den Einwohnern, vertiefte sich in den Grenzverlauf und in kulturelle und wirtschaftliche Aspekte. Dieser Besuch hatte großen Einfluss auf seine späteren Friedensverhandlungen, denn er war zu der Erkenntnis gekommen, dass Elsass-Lothringen eher zu Frankreich gehören sollte als zum Deutschen Reich.

Zur Stärkung seiner Gesundheit schickten die Eltern Karl in Begleitung von Graf Wallis in den Jahren 1904 und 1905 zu einer jeweils vierwöchigen Kaltwasserkur an das Institut von Dr. Guggenberg nach Bozen. Dort lernte er Graf Arthur Polzer-Hoditz kennen, dem er sich, trotz des Altersunterschieds von nahezu 20 Jahren, bald freundschaftlich verbunden fühlte. Polzer-Hoditz, auch ein Freund von Graf Wallis, übte großen Einfluss auf den jungen Erzherzog aus, später wurde er der erste Kabinettschef des jungen Kaisers.

Mit Rücksicht auf seine zukünftige Stellung hatte Karl seine schulische Ausbildung um ein Jahr verkürzen müssen, was zum Ausgleich einen sehr intensiven Lehrplan mit sich gebracht hatte. Darauf folgte die militärische Ausbildung. Nach der theoretischen Einführung kam die Praxis des Soldatenberufs. Bereits als 16-Jähriger zum Leutnant bei den Ulanen ernannt, trat er am 1. Oktober 1905 seinen aktiven Militärdienst beim Dragonerregiment ‚Herzog von Lothringen und Bar‘ Nr. 7 in Bilin in Böhmen an. Rasch gewöhnte er sich an sein bescheidenes Quartier in der alten Kaserne und nahm als aufgrund seiner Herkunft illustrer, sonst aber subalterner Offizier am Alltagsleben der Kaserne teil.

Der künftige Thronfolger sollte auch studieren. Frühzeitig hatte sich sein sonst eher leichtlebiger Vater im Einvernehmen mit seiner Frau Maria Josepha dazu Gedanken gemacht. Davon zeugt ein Brief vom 22. September 1904 an Graf Wallis:

„Lieber Graf Wallis!

Da ich durch mein Leiden noch längere Zeit verhindert bin, mit Ihnen einmal eingehend über die nächste Erziehungszeit meines Sohnes Karl Rücksprache zu halten, will ich Ihnen meine Pläne, die ich mit der Erzherzogin vereint ausgedacht habe, mitteilen.

Wenn Karl 18 Jahre geworden, würde er in eine Garnison kommen, wo er sowohl den militärischen Dienst ausüben, sowie auch eine allgemeine Universitätsausbildung sich aneignen müsste.

Der Herr, der ihn in diesen zwei Jahren vor seiner Großjährigkeit begleiten würde, wäre nach außen quasi sein Kammervorsteher, unter vier Augen noch immer sein Mentor, welcher ihn auf alles aufmerksam machen muss.

Da meine Frau sowohl wie ich das vollste Vertrauen zu Ihnen haben, würden wir gerne sehen, wenn Sie diese Stelle bei unserem Sohne auch für diese zwei Jahre beibehalten würden.

Doch wie wir Sie jetzt schon ein Jahr vorher fragen, ob Sie diesen von uns bestimmten Plan annehmen, so müssen wir Sie auch bitten, sich klar und bestimmt auszusprechen, ob Ihre Gesundheit es zulassen wird, diesen Dienst auch wirklich die zwei vollen Jahre durchführen zu können?

Ein zweiter Herr wird auf keinen Fall unserem Sohn zugeteilt werden: doch muss ich dabei bemerken, dass eben diese Zwischenzeit von 18 bis zu 20 Jahren auch nach und nach freiere Bewegung und selbstständigeres Auftreten unseres Sohnes mit sich bringen soll; daher auch viele Stunden des Tages z. B. V.M. beim Regiment N.M.6 bei einem eventuellen juristischen Vortrag seinem Mentor respektive Kammervorsteher zum ‚Freisein‘ erübrigt werden.

Als Garnisonsort würde ich Sr. Majestät entweder Prag oder Innsbruck vorschlagen, die zwei einzig möglichen Garnisonen, wo auch eine Universität ist und wo man hoffentlich den einen oder den anderen verlässlichen Professor findet.

Unser Sohn Karl, der so Gott es will, bestimmt ist, einst Kaiser zu werden, muss unbedingt erst gründlich die Infanteriewaffe, unsere Hauptwaffe kennenlernen. Wie meine Brüder und ich, wir fingen alle bei der Fußtruppe an. Der richtige Verkehr mit dem Offizierskorps, das unauffällige Hintanhalten von nicht besonderen Elementen im Offizierskorps ist und bleibt Aufgabe des Erziehers, vereint mit dem betreffenden Regimentskommandanten und mit den Stabsoffizieren und kann leicht überwacht werden.

Ihre einst vorgebrachte Idee, Karl könnte sich nach seiner Großjährigkeit noch immer für sich in allen Fächern weiter ausbilden, kann ich nicht teilen; denn das kann sein, kann auch nicht sein. – Ich halte es für unsere Pflicht, solange unser Sohn minderjährig ist, ihn so viel als er für sein späteres Leben braucht – und dies ist viel – studieren zu lassen. Ist er einmal definitiv großjährig, und beim Regiment kann er ja, wenn er Lust hat, weiter studieren, wenn nicht, so hat er wenigstens genug inne, um sich in allen seinen künftigen militärischen und staatlichen Lagen und Stellungen zurechtzufinden.

Daher muss er in den letzten zwei Jahren, neben dem militärischen Dienst, noch juristische, geschichtliche und staatswissenschaftliche Studien gründlich durchmachen, wozu in der Garnison der N.M. verwendet werden kann. Bei der Infanterie ist der Hauptdienst V.M., ich will damit nicht gesagt haben, dass er nur V.M. Offizier N.M. Studiosus ist, es kann ja auch einmal ein Übungsmarsch, ein Schießen etc. etc. N.M. sein – dieser Tag ist dann eben nur militärisch verbracht.

Prag hat den Vorteil, dass der gesellschaftliche Umgang bei Karl sehr gut gepflegt werden kann, er könnte sich angewöhnen, eigene kleine Diners zu geben etc. Innsbruck hat wieder mehr militärische Vorteile, in dem das Tiroler Kaiserregiment sehr schön und Karl selbst so gerne in Tirol ist! Und dann Erzherzog Eugen als erster in der Garnison, was für Karls Charakter ganz gut wäre!!! Natürlich müsste die Garnisonswahl noch sehr genau überdacht werden und ist hiezu noch genügend Zeit und muss einst die allerhöchste Willensbildung erbeten werden.

Mein ganzes Schreiben soll Ihnen nur zeigen, was wir in Hauptzügen mit unserem Sohne in seinen letzten zwei Erziehungsjahren beginnen wollen, und wir müssen vor allem anderen Ihren klaren dezidierten Ausspruch wissen und die Versicherung haben, ob Sie den nach unserem bestimmten Plan durchzuführenden Dienst allein und mit Ihrer Gesundheit vereinbaren, leisten können und wollen.

Unseres vollen Vertrauens seien Sie stets versichert. Von den Grundzügen unseres Entschlusses würde nichts geändert und vom nächsten Herbst an diese Erziehungsmethode durchgeführt werden.

Erzherzog Otto“ (Kovács 2004, 37)

Graf Wallis begleitete den jungen Erzherzog noch mehrere Jahre, zunehmend mehr als Freund denn als Erzieher. Noch lange sollte Karl seinem einstigen Lehrer verbunden bleiben. Selbst als Kaiser besuchte er häufig Graf und Gräfin Wallis in deren privater Wohnung.

Das Jahr 1906 brachte weitreichende Veränderungen in Karls Leben. Nachdem er seine militärische Ausbildung – mit ausgezeichnetem Ergebnis – weitgehend abgeschlossen hatte, wurde entschieden, dass er in Prag studieren sollte. Ein trauriges Ereignis überschattete diesen neuen Lebensabschnitt: der Tod seines Vaters am 1. November 1906.

Damit war Karl nach Erzherzog Franz Ferdinand der nächste Thronfolger. Die Ausbildung musste nun beschleunigt werden. Karl zog nach Prag auf den Hradschin und nahm sein Studium auf.

Das Studienprogramm war von seinem Freund Arthur von Polzer-Hoditz entworfen und von Kaiser Franz Joseph persönlich sowie dem Unterrichtsminister genehmigt worden. Auch die Dichte des Lehrprogramms wurde nicht dem Zufall überlassen. Davon zeugt ein Brief von Polzer-Hoditz an Graf Wallis:

„Ich habe dabei auch den Verhältnissen an den zwei Universitäten in Prag Rechnung zu tragen versucht und getrachtet, die sachlichen Rücksichten mit den persönlich-politischen Rücksichten, die gegenüber den zwei rivalisierenden Universitäten in Prag notwendig sind, möglichst zu vereinen. […] Im allgemeinen [sic!] habe ich mich bei der Sortierung des Stoffes von den Gedanken leiten lassen, dass seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Karl nicht durch unnütze und verwirrende Details belastet werden sollte, denn abgesehen davon, dass detailliertes Wissen in juristischen und staatswissenschaftlichen Fächern sich nur durch jahrelanges Studium erwerben lässt, glaube ich, dass solches detailliertes Wissen für ihn ganz unnötig, ja, in gewisser Beziehung sogar schädlich wäre. Unnötig deshalb, weil er ja selbst nie in die Lage kommen wird, einen Zivilprozess zu entscheiden oder einen administrativen Prozess durchzuführen, schädlich deshalb, weil er durch zu viele Details den Überblick über den gewaltig großen Stoff ganz verlieren würde, verlieren müsste und ihm noch obendrein das Studium von Anfang an verekelt und das Interesse daran natürlicherweise genommen würde. […] Was aber meiner Ansicht nach Erzherzog Karl von großem Wert wäre, und was er einmal, wenn die Vorsehung ihn auf den Thron Österreichs berufen würde, sehr brauchen wird, ist ein klarer Überblick über das weite Gebiet der Staatswissenschaft, ein Einblick in das Räderwerk und Getriebe der Staatsmaschine. Er soll ein Gesamtbild bekommen, um immer das Ganze im Auge zu haben, wenn es sich um eine Entschließung in einer einzelnen Sache handelt.“7

Auch die Professoren waren äußerst penibel ausgewählt worden. Sie kamen von beiden Prager Universitäten, der deutschen und der tschechischen. Karl hörte die Vorlesungen nicht zusammen mit anderen Studenten, sondern als Privathörer. Auf diese Art und Weise konnte sehr viel mehr Stoff bearbeitet werden, als es in einem normalen Universitätsbetrieb möglich gewesen wäre. Seine Professoren äußerten sich später immer wieder lobend über seine rasche Auffassungsgabe. Während des Studiums verhielt sich Karl nicht einfach rezeptiv, sondern diskutierte leidenschaftlich gern mit seinen Lehrern. Dabei scheute er sich nicht, staatliche Institutionen und verschiedene politische Zustände zu kritisieren. Der Aufenthalt in Prag und insbesondere der Kontakt mit den Professoren der tschechischen Universität mögen dazu beigetragen haben, dass Karl sich sehr früh mit der Benachteiligung der Slawen in der Monarchie auseinandersetzte und sich seine eigene Meinung bildete. Ihm war sehr wohl bewusst, dass dieser Zustand auf Dauer nicht lange haltbar war.

Nach zwei Jahren beendete Karl das Studium mit einem ausgezeichneten Ergebnis. Polzer-Hoditz hatte den Eindruck, dass Karl „doch bedeutend mehr wusste als mancher, der nach Absolvierung der Universitätsstudien die Hochschule mit einem Doktorhut verlässt.“ (Polzer-Hoditz 1980, 67)

Anhand dieser Nachzeichnung der ersten 20 Jahre Karls ist ersichtlich, dass er über eine gründliche und solide Ausbildung verfügte. Die Verantwortung der Eltern war groß und wurde von beiden mit Weitblick und Klugheit wahrgenommen. Sie haben sich erfolgreich bemüht, den Jungen nicht zum ‚Staatskind‘ werden zu lassen, sondern ihn in einem familiären Umfeld zu erziehen, das die Persönlichkeitsstabilität fördert. Sich selbst der eigenen Defizite bewusst, tat Vater Otto alles, um diese bei seinem Sohne zu verhindern. Schließlich wurde auch die universitäre Ausbildung mit einigem Weitblick organisiert. Erzherzog Karl ging mit einer guten Vorbereitung auf seine künftige Aufgabe zu.

Die beiden Thronfolger

Innerhalb wie außerhalb der kaiserlichen Familie war Thronfolger Franz Ferdinand eine polarisierende Person. Kaiser Franz Joseph hielt ihn auf Distanz, hatte er doch seine Schwierigkeiten mit dem als aufbrausend und stur geltenden Neffen. Beharrlich hatte dieser, ohne Rücksicht auf das Familienstatut und dynastische Notwendigkeiten, an der Wahl seines Herzens festgehalten und die Eheschließung mit Gräfin Sophie Chotek durchgesetzt, die zwar aus altem böhmischem Adel stammte, aber nach dem habsburgischen Hausgesetz als nicht standesgemäß galt. Durch den damit zwangsläufigen Verzicht Franz Ferdinands auf die Thronfolgerechte seiner Kinder rückte Karl immer näher an den Thron.8

Die Ehe von Sophie, vom Kaiser zur Herzogin von Hohenberg ernannt, und Franz Ferdinand war äußerst harmonisch. Bei Hofe jedoch, wo das strenge Hofzeremoniell galt und so viele in ihren eigenen Stand verliebt waren, erfuhr die Herzogin von Hohenberg so manche Demütigung. Besonders Obersthofmeister Fürst Montenuovo bestand immer wieder darauf, die Herzogin protokollarisch weit hinter ihrem Mann zu platzieren. Repräsentative Auslandsreisen waren ebenso schwierig, da auch die anderen Höfe Europas die Ehe des Erzherzog-Thronfolgers als Mesalliance betrachteten. Später übernahm Erzherzog Karl wichtige Repräsentationspflichten, beispielsweise die Reise nach London zur Krönung König Georgs V. im Juni 1911.

Franz Ferdinand war ein zutiefst politischer Mensch, allerdings wurde ihm der Zugang zu den politischen Entscheidungen des Reiches durch seinen kaiserlichen Onkel zunächst verwehrt. Dafür aber widmete er sich intensiv dem Militär und eignete sich intensive und vertiefte Kenntnisse an. 1906 wurde er zum Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht ernannt. Auf diesem Gebiet schätzte Kaiser Franz Joseph durchaus die Meinung und die Fähigkeit seines Neffen.

Unablässig machte Franz Ferdinand sich Gedanken über die notwendige Reform des Reiches und diskutierte diese mit den Mitgliedern der Militärkanzlei, die eine Art Gegenregierung war, im Schloss Belvedere. Im Gegensatz zum liberalen Kaiser Franz Joseph war er ein echter Konservativer. Im Falle seiner Regierungsübernahme hätte er eher eine konservative Wende herbeigeführt als eine wirkliche Liberalisierung des Reiches. (Vgl. Hanning 2013, 103) Den Ausgleich von 1867 mit den Ungarn sah er durchaus kritisch und diskutierte darüber immer wieder mit dem Kaiser. Das Wort von Franz Ferdinand als „Seiner Majestät getreueste Opposition“ (ibidem, 97) machte die Runde. Vielfach wurde behauptet, dass Franz Ferdinand den Dualismus zugunsten eines Trialismus brechen wollte, doch viel mehr lag ihm daran, die ungarischen Privilegien, die einer gemeinsamen gedeihlichen Entwicklung des gesamten Staatswesens entgegenstanden, zurückzuschrauben, und den anderen Nationalitäten, insbesondere den Slawen, mehr Eigenständigkeit zu geben. Die oft zitierte Abneigung gegen die Ungarn richtete sich nicht gegen das ungarische Volk im Allgemeinen, sondern gegen die ungarischen Politiker, die die ungarischen Privilegien eisern verteidigten.

Im Laufe der Jahre konnte sich Franz Ferdinand erheblichen Einfluss auf die Politik erarbeiten. Die Rolle des Thronfolgers war nicht genau definiert, aber mit viel Geschick und guten Mitarbeitern gelang es ihm, mit seiner Militärkanzlei im Unteren Belvedere ein eigenes Machtzentrum zu installieren. In den letzten Jahren ging nahezu jede Personalentscheidung über seinen Tisch, und über diese verfügte Franz Ferdinand gerade im außenpolitischen Bereich erheblichen Einfluss.9

Mit seinem Neffen Karl verband ihn ein freundschaftlich-väterliches Verhältnis, und er zeigte reges Interesse an dessen Ausbildung. Auch Karl brachte Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie große Zuneigung und Respekt entgegen. An der Seite seines Onkels nahm er an verschiedenen Kaisermanövern teil und gewann dadurch Einblick in die Aufgaben eines höheren Kommandos. Zwischenzeitlich hatte er seine staatswissenschaftlichen Studien in Prag erfolgreich und mit Auszeichnung beendet. Im Frühjahr 1908 kehrte er wieder zurück zur 5. Eskadron der 7er Dragoner in Altbunzlau, die im März 1912 nach Kolomea in Ostgalizien verlegt wurden. Am 1. November 1912 wurde er zum Major im Infanterieregiment Nr. 39 ernannt und übernahm das Kommando des 1. Bataillons in der Stiftskaserne zu Wien. Seine Interessenschwerpunkte im militärischen Bereich lagen vor allem in der Weiterentwicklung eines gut funktionierenden Fernmeldesystems sowie der Artillerie. Intensiv aber kümmerte er sich um die Luftfahrt, sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich, im Gegensatz zu Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand, der vor allem der Waffengattung der Marine verbunden war.

An die Öffentlichkeit trat der junge Erzherzog kaum. Hin und wieder übernahm er Repräsentationspflichten. Seine Funktionen in der Armee waren eher unspektakulär, und er vermisste die geistige Herausforderung nach den intensiven Jahren seines Studiums. Als Kaiser Franz Joseph seinen Großneffen unmissverständlich aufforderte, sich nach einer Braut umzusehen, hatte der junge Mann seine Wahl schon längst getroffen: Prinzessin Zita von Bourbon-Parma. Beide kannten sich bereits aus Kindertagen, liefen sich aber erneut anlässlich von Kuraufenthalten in Franzensbad über den Weg. Am 21. Oktober 1911 fand die glanzvolle Hochzeit auf Schloss Schwarzau statt. Nach langer Zeit war dies wieder ein glanzvolles Fest der Monarchie, das auch mit kurzen Filmaufnahmen seinen Weg in die Wochenschauen der Kinos fand. Wir sehen dort einen sichtlich entspannten und scherzenden Kaiser Franz Joseph, der diese Heirat außerordentlich begrüßt hatte.

Mit den Brüdern seiner Frau, insbesondere mit Sixtus, verband Karl eine herzliche Freundschaft. Wir können sicher davon ausgehen, dass mit dem Zusammenrücken dieser beiden Familien auch intensiv über Politik gesprochen wurde. Sixtus war ein ausgesprochen politischer Kopf, der einerseits als Franzose fühlte und dachte, andererseits auch die internationale Lage rational beurteilen konnte. Im Jahr 1917 zahlte sich dieser Kontakt aus. Sixtus war der geborene Vermittler zwischen Frankreich und Österreich. Er selbst hatte exzellente Kontakte in die französische Politik. Bereits 1915 schrieb er einen Artikel in der Zeitschrift ‚Le Correspondant‘, in dem er eine Allianz Frankreichs mit Österreich evozierte und den Boden für seine späteren Vermittlungsversuche vorbereitete.

Karl und Zita nahmen zunächst Wohnung in Brandeis an der Elbe, nach der Versetzung begleitete Zita ihren Mann nach Ostgalizien, und wieder zurück in Wien wurde ihnen vom Kaiser Schloss Hetzendorf unweit von Schönbrunn als Wohnung zugewiesen. Die Nähe zu Schönbrunn lässt darauf schließen, dass damit das Paar diskret aber unmissverständlich als künftige Monarchen vorgestellt werden sollte. (Vgl. Brook-Sheperd 1968, 37) Im November 1912 hatte Zita ihr erstes Kind geboren; die Nachricht von der Geburt des kleinen Otto brachte Karl als künftigen Thronfolger wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Dennoch konnte die kleine Familie ihr Privatleben weitestgehend ungestört genießen.

Karl war klug genug, um in politischen Dingen offiziell Abstinenz zu üben. Zum einen spielte sicherlich die Überlegung eine Rolle, dass er angesichts des noch lebenden Kaisers Franz Joseph und des sich in seinen Vierzigern befindenden Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand noch einige Jahrzehnte Zeit haben würde, bis ihm die politische Verantwortung des Thrones zufallen würde. Davor aber würde er lange Jahre als Thronfolger unter den aufmerksamen Augen eines Kaisers Franz Ferdinand verbringen. Zum anderen beobachtete er die Konkurrenzsituation und die damit verbundene Intrigenwirtschaft zwischen Schönbrunn und der ‚Gegenregierung‘ der Militärkanzlei in Schloss Belvedere. Ein drittes Machtzentrum in Schloss Hetzendorf war für ihn nicht denkbar. Er fühlte Loyalität sowohl zum Kaiser als auch zu Franz Ferdinand. Politische Abstinenz hieß aber nicht, dass Karl sich nicht seine eigenen Gedanken zur Situation des Reiches machte. Die Notwendigkeit von Reformen war damals allgemeiner Diskussionsgegenstand. Die ganze Gesellschaft diskutierte das Für und Wider von Dualismus, Trialismus, Verwaltungsgrenzen, Zentralisierung oder Dezentralisierung.

Seine Frau Zita erinnerte sich:

„Zum ersten Mal hörte ich von ihm seine Ideen über die Monarchie im April 1911, als wir uns eben verlobt hatten und der Thron noch in weiter Ferne schien. […] Er sagte mir: ‚Der Dualismus ist nicht zu retten. Trialismus aber ist nicht gerecht und geht überhaupt nicht weit genug. Die einzige Lösung ist eine echt föderative, um allen Völkern gleiche Möglichkeiten zu geben.‘ Das umriss genau seine Haltung, und er ging nie von ihr ab. […] Bei einer anderen Gelegenheit hörte ich ihn sagen, als er über die Pflichten eines Kaisers sprach: ‚Ein Vater macht zwischen seinen Kindern keinen Unterschied.‘ […] Wir hatten nicht weniger als 17 Nationalitäten, wenn man die kleinen ebenso mitzählt wie die elf Hauptgruppen. Er war entschlossen, allen 17 die individuelle Freiheit zu geben, falls sie dies wünschten, zum Beispiel Bosnien und die Herzegowina ebenso unabhängig von Kroatien zu machen wie dieses natürlich von Ungarn. Und er ging noch weiter. Kaiser Karl betonte mir gegenüber stets, es würde auch nichts ausmachen, wenn die eine oder andere Nation im Laufe der Entwicklung sich als Republik erklären wolle. Er meinte, dass die drei Hansestädte ja schließlich Republiken innerhalb des Deutschen Reiches seien. Die wesentliche Sache war für ihn, dass die Völker, was immer auch sie für eine konstitutionelle Form wählen würden, ihre Bindung mit der Monarchie und ihre Zugehörigkeit zum Staat als Ganzes beibehalten sollten.“ (Zit. nach ibidem, 51)

Insgesamt herrschte zwischen Karl und Franz Ferdinand ein gutes Einvernehmen, und Karl gewann rasch eine Vertrauensstellung bei seinem Onkel. Gemeinsam diskutierte man über Reformpläne und über den Umbau der Monarchie. Oft waren Karl und Zita bei Franz Ferdinand und der Herzogin von Hohenberg zu Gast. Im Mai 1914 kam es dabei zu einem seltsamen Gespräch, von dem Zita berichtete:

„Ein erschreckend düsteres, tödlich ernstes Bild entstand eines Abends im Verlaufe einer Einladung ins Obere Belvedere. Schon während des Essens im kleinsten Kreis – außer uns beiden waren nur die Kinder Franz Ferdinands zugegen gewesen – fiel uns die seltsame Stimmung des Thronfolgers auf, sie schien auf etwas Bestimmtes konzentriert zu sein. Als die Herzogin von Hohenberg die Kinder fortführte, um sie schlafen zu legen, sagte Franz Ferdinand nach kurzem Schweigen: ‚Ich muss euch von einer Sache Mitteilung machen. Ich werde demnächst ermordet werden!‘ Der Erzherzog-Thronfolger hatte leise, aber vollkommen klar gesprochen. Ein Missverständnis war ausgeschlossen. Wir beide blickten Franz Ferdinand entsetzt, ja verstört an. Endlich sagte Erzherzog Karl, so, als wolle er den Bann des eben Gehörten brechen, als wolle er durch eine absurde Widerlegung das Absurde des eben Gehörten aufheben: ‚Aber Onkel, das ist doch nicht möglich! Und überhaupt: Wer würde denn ein solches Verbrechen begehen!‘ Obwohl nur Karl gesprochen hatte, richtete der Thronfolger die Antwort, seltsam autoritär, an uns beide: ‚Widerspricht mir nicht! Ich weiß es ganz sicher. In wenigen Monaten bereits werde ich ermordet werden!‘ In die Sekunden des Schweigens hinein, die nun folgten, sagte der Thronfolger mit klarer, sachlicher Stimme: ‚Karl, für dich liegen in einem verschlossenen Kasten bestimmte Papiere. Sie gehören nur für dich, nimm sie nach meinem Tod an dich. Es sind Pläne, Gedanken, Vorstellungen. Vielleicht sind sie dir von Nutzen. Wie ihr wisst, ist in Artstetten alles vorbereitet, die Gruft wartet. Demnächst werde ich dorthin gebracht werden.‘“ (Zit. nach Feigl 1987, 51)

Am 28. Juni 1914 war es dann soweit. Erzherzog Karl war nun Thronfolger. Er war gut ausgebildet, hatte eine Frau, die mit ihm am gleichen Strang zog und mit dem kleinen Otto den Fortbestand der Dynastie gesichert. Worauf er nicht vorbereitet war, war das Intrigenspiel, das ihn am Hof erwarten sollte.

Literatur/Quellen

Brook-Shepherd, Gordon (1968): Karl I., des Reiches letzter Kaiser – Glanz und Elend des letzten österreichischen Herrscherpaares, Wien/München/Zürich

Demmerle, Eva (2016): Kaiser Karl – Mythos und Wirklichkeit, Wien

Feigl, Erich (2013): Kaiser Karl I. – Ein Leben für den Frieden seiner Völker, 2. überarb. Aufl., Wien

Hannig, Alma (2013): Franz Ferdinand – Die Biographie, Wien

Kovács, Elisabeth (Hg.) (2004): Untergang oder Rettung der Donaumonarchie?, Bd. 2: Politische Dokumente zu Kaiser und König Karl I. (IV.) aus internationalen Archiven, Wien

Polzer-Hoditz, Arthur (1980): Kaiser Karl – Aus der Geheimmappe seines Kabinettschefs, 2. Aufl., Wien

Privatarchiv der Familie Habsburg: Persönliche Erinnerungen von Kaiserin Zita

Zeßner-Spitzenberg, Hans Karl (1953): Kaiser Karl, Salzburg

1Dieser Artikel ist ein überarbeiteter und aktualisierter Auszug aus Demmerle 2016.

2Es gibt zahlreiche Varianten der Vorkommnisse in Mayerling in der Nacht vom 31. Jänner 1889. Die Spekulationen reichen von Mord bis Selbstmord. Bis heute ist das Geschehen ungeklärt, sehr wahrscheinlich ist aber, dass der Kronprinz zunächst seine Geliebte erschoss und dann sich selbst. Das Jagdschloss wurde kurze Zeit später in ein Kloster umgebaut. Weitere Informationen: karmel-mayerling.org.

3Erzherzog Franz Ferdinand wurde nach dem Tod von Karls Vater dessen Vormund.

41895 kam der zweite Sohn, Maximilian, zur Welt.

5Privatarchiv der Familie Habsburg: Persönliche Erinnerungen von Kaiserin Zita.

7Privatarchiv der Familie Habsburg: Brief von Arthur Graf Polzer-Hoditz an Georg Graf Wallis, 20.03.1906.

8Mit einer tatsächlichen Thronfolge seines Vaters Otto rechneten nicht sehr viele. Sein Lebenswandel hatte ihm ernsthafte Krankheiten eingebracht, in der Tat starb er am 1. November 1906an Syphilis.

9Dazu vor allem: Hannig 2013. Dies widerspricht der These von Elisabeth Kovács, die behauptet, der Kaiser habe den Thronfolger politisch kaltgestellt. Es stimmt, dass beide einander nicht sympathisch waren, aber am Ende respektierte der Kaiser seinen Erben.

Thomas Walter Köhler

Non plus ultra

Historisch-politische sowie höhen- und tiefenpsychologische Anmerkungen zum Schicksal Karls von Habsburg-Lothringen

„Was geschehen ist, wird wieder geschehen;was getan wurde, wird man wieder tun:Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“(Kohelet 1)

1. Wertungswandel

Es ist interessant, wie sehr das memorierte Bild der supra- und internationalen Habsburgermonarchie seit dem Jahr 2000 generell und seit der hundertsten Wiederkehr des Ausbruchs des ‚Großen Krieges‘ als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ speziell in stetem Wandel begriffen ist: War es im Zuge der geschichtspolitischen Debatten – worin psychologisch konnotierte Faktoren wie Prestige, Revanche oder Ressentiment von großer Relevanz sind – zunächst meistens negativ konnotiert gewesen, setzte sich mit aktuellen Studien österreichischer und französischer sowie deutscher und angloamerikanischer Provenienz mittlerweile eine differenziertere Position durch. (S. Sachslehner 2005, Rauchensteiner 2013, Köhler 2020a; Thierrot 2005, Bled 2002 bzw. 2022; Winkler 2009ff. bzw. 2019, Münkler 2013 bzw. 2015, Piper 2013, Leonhard 2014 bzw. 2018, Canis 2016, Conze 2018; Sked 1993, Johnson 2011, Clark 2013 bzw. 20201, Kershaw 2016, Judson 2017 u. v. a. m.)

Demnach tragen die ‚Mittelmächte‘ zwar eine hauptsächliche Verantwortung an der Eskalation des Konfliktes nach dessen Anlass, der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers auf dem Balkan; die Verantwortung der ‚Entente‘ an den Ursachen des Weltkrieges insgesamt ist hingegen keine so nebensächliche, wie im vergangenen Jahrhundert – als ‚Replik‘ bewusst auf Schuld und unbewusst auf Scham – historiografisch und politologisch ab und zu behauptet worden war (vgl. Dworok 2015): Insofern wären die den Ersten Weltkrieg offiziell beendenden Pariser Friedensverträge nicht einzig und allein, sehr wohl aber auch unter einem Aspekt ideeller und materieller Sühne (Vergeltung) zu deuten (s. Leonhard 2018 oder Conze 2018), der seinerseits – anders als beim Wiener Kongress, der ein Modell gleichrangiger Balance zwischen siegenden und besiegten Mächten zumindest angestrebt hatte – einen Weg direkt oder indirekt in den Zweiten Weltkrieg bahnte. (S. Siemann 2022 bzw. Kissinger 20222)

Parallel zur prinzipiellen Änderung der Bewertung der Donaumonarchie gestaltet sich jene von Karl von Habsburg-Lothringen3ambivalent. Historisch und politisch gesehen, war dieser der letzte Regent einer ins Hochmittelalter zurückreichenden schwäbischen (und nicht schweizerischen) Dynastie, die jedenfalls europäische Vormacht ausgeübt (s. Köhler 2020b) und unter einem Vorfahren und Namensvetter, Karl V.4 (s. Köhler 2020c), sogar weltweit dominiert hatte. Tiefen- und höhenpsychologisch betrachtet (vgl. Freud 2009 bzw. Frankl 2010), war eine solche Tradition zu schultern für den schmächtigen Monarchen indessen mehr Last als Lust. Die Herrschaft traf ihn eher erniedrigend denn erhebend: Die inneren Feinde und äußeren Gegner bezeichneten den Vielvölkerstaat als vormodernen ‚Ana-Chronos‘ und erkannten im Weltkrieg einen ‚Kairos‘, um ihn für immer aus der Moderne des 20. Jahrhunderts zu tilgen.

2. Schattenlast

Nach dem Motto ‚Plus ultra‘ war in Karls V. Reich ‚die Sonne nicht untergegangen‘ – in jenem seines letzten Nachfahren tat sie das sehr wohl: non plus ultra. In diesem Licht – oder besser: (nach Carl Gustav Jung) Schatten – sind alle Versuche Karls zu deuten, die Monarchie doch noch zu retten: Sei es während des Weltkrieges selbst, als sie noch Bestand hatte, sei es im Zeitraum danach, als sie bereits zerfallen war. Dass Karl dabei – voller Schmach – mehrmals scheiterte, ist bekannt und weist vom glücklich erbetenen und unglücklich erfüllten Engagement seiner belgischen Cousins in Frankreich bis zu seinen beiden Reisen nach Ungarn gleichsam ‚va banque‘ (vgl. Horel 2021). Es war zu spät: Unter dem Schlagwort der Volkssouveränität ersetzten die neuen Nationalstaaten die Donaumonarchie. Karls Welt war damit nicht nur erschüttert, sondern auch vernichtet. Das Exil, zuerst in der Schweiz (s. Fuhrer 2021) und zuletzt auf Madeira, bot ihm keine Heimat.

Kein Wunder: Gebrochen erkrankte er physisch und psychisch. Angesichts dessen, was Karl (nach Sigmund Freud5) gleichsam als ‚Über-Ich‘ historisch und politisch widerfuhr, erschien sein ‚Ich‘ nicht robust (resilient) genug. Als ‚Homo amans‘ (nach Viktor Emil Frankl) stützte er sich zwar auf seine Familie allgemein und seine Frau, Zita, besonders; als ‚Homo faber‘ verzagte und versagte er aber gegenüber den Anforderungen der Gegenwart in schier ‚totem Raum‘ und ‚toter Zeit‘, worin er quasi ein ‚Relikt‘ der Vergangenheit war; als ‚Homo patiens‘ vermochte er schließlich den ersten und letzten Sinn seines Daseins darin zu erkennen, im Vorbild würdigen Sterbens ein ewiges Nachbild zu sein: Sie mögen erleben, wie ein Kaiser sterbe, sagte Karl seiner Frau, damit sie alle seine Kinder um sein Totenbett auf der einsamen Insel versammle. So geschah es.

Ungeachtet dessen, ob Karls Aktionen und Reaktionen als professionell oder dilettantisch, selbstbestimmt oder notgedrungen, vollgeistig oder halbherzig (dis)qualifziert werden, ist ihm anzurechnen, die Gräuel an der Front und das Leid im Land zu lindern zumindest versucht zu haben. Vorzuwerfen ist ihm hingegen, dass er seinen unablässigen Worten für Frieden – rebus sic stantibus – bestenfalls unvollendete Taten folgen ließ. Seine politischen Reformen verliefen im Treibsand der Geschichte: nach außen mittels der erwähnten dynastischen Kontakte (s. Vocelka 2018) oder mittels größerer Distanz zum Bündnispartner (s. Rauchensteiner 2018); nach innen (cisleithanisch) durch die Einberufung des sistierten Parlaments oder durch die Einführung neuer Ministerien (wie Gesundheit) und die Berufung neuer Minister (wie Heinrich Lammasch oder Ignaz Seipel) als Signale pro futuro.

Erzherzog Karl Franz Josef von Österreich und Familie (1914)

3. Gottespflicht

Vehement war Karls religiöse Haltung: Sie entsprach nicht nur der familialen Tradition seiner Dynastie, sondern war im Widerstreit von Rechten und Pflichten auch personal motiviert. Wie sein Vorgänger leitete Karl seine Position und Situation als Herrscher von Gott ab. Anders als Franz Joseph, welcher den Weltkrieg mala fide begonnen und die Monarchie damit inoffiziell zerstört hatte, ehe sie offiziell zerbrach, sah sich Karl bona fide in der Verantwortung, Staat und Völkern Frieden wiederzugeben. Dass der Vatikan unter Johannes Paul II. (Karol6 Wojtyła) ihn ‚selig‘ sprach, gründet darauf.

So aussichtslos Karls Unterfangen – seine Freiheit war gering – ex ante erschien und ex post erscheint: Es war nicht nur der dynastische Politiker, sondern auch der katholische Christ in ihm, der ihn dazu bewog. Dabei handelte es sich nicht um eine ‚Plicht zum Krieg‘ objektiv falscher Ehre wegen, wie sie Franz Joseph zur Kriegserklärung an Serbien mit absehbaren weltweiten Konsequenzen getrieben hatte, sondern um eine ‚Pflicht zum Frieden‘ subjektiv echter Ehre wegen, wie sie Karl aus seinem festen Glauben ableitete: neben seiner Frau und seinen Kindern vielleicht das Einzige von Bestand, das Einzige von Gewähr in seinem kurzen Leben.

Die wissenschaftliche Literatur stellt Karl – seiner Epoche wie seinem Charakter entsprechend – als eher getriebenen denn als treibenden Menschen dar. Dazu passt die in der ‚Welt von Gestern‘ enthaltene belletristische Beschreibung eines Schicksalsverwandten:

„Langsam […] rollte der Zug heran. […] Die Lokomotive hielt an. Eine fühlbare Bewegung ging durch die Reihen der Wartenden. […] Da erkannte ich hinter Spiegelscheibe des Waggons, hoch aufgerichtet, Kaiser Karl, den letzten Kaiser von Österreich, und seine schwarz gekleidete Gemahlin, Kaiserin Zita. […] Ich schrak zusammen: Der letzte Kaiser von Österreich, der Erbe der habsburgischen Dynastie […] verließ sein Reich.“ (Zweig 1989, 326)

„Langsam entfernte sich der Zug. Die Beamten sahen ihm respektvoll nach. Dann kehrten sie mit einer gewissen Verlegenheit, wie man sie bei Leichenbegräbnissen beobachtet, in ihre Amtslokale zurück. In diesem Augenblick war die fast tausendjährige Monarchie erst wirklich zu Ende gegangen. Ich wusste, es war ein anderes Österreich, eine andere Welt, in die ich zurückkehrte.“ (Ibidem, 327)

„Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch ein Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ (Ibidem, 494)

Es ist bezeichnend, dass, anders als bei Franz Joseph, dessen System in den Werken Robert Musils oder Joseph Roths groß gespiegelt wird, sich gerade Stefan Zweig der tragischen Person Karls annimmt.

Es ist eine kleine Passage seiner Autobiografie, verfasst wenige Monate vor dem eigenen Tod jenseits des Atlantiks, auf einer dessen fremden Inseln Karl als letzter Herrscher des Hauses Österreich, der Casa de Austria, der Casa di Austria verstorben war.

Historisches Versprechen wider politisches Versagen gestern, heute und morgen: Non plus ultra?!

„Der Herr ist mein Hirt und nichts wird mir fehlen. […] Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich […]; Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist meiner Becher; ja, Güte und Huld werden mir folgen ein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des Herrn.“(Psalm 23)7

Literatur

Alle Begriffe, die im Haupttext kursiv gesetzt sind, verweisen mittelbar oder unmittelbar auf den psychologischen Hintergrund des historisch-politischen Vordergrunds: Wörterpaare wie Freiheit und Verantwortung oder Recht und Verpflichtung sind dabei sehr bedeutend.

Während Sigmund Freud, der Begründer der tiefenpsychologischen ‚Ersten Wiener Schule der Psychotherapie‘, von einem ‚Psychischen Apparat‘ aus quälendem und treibendem ‚Über-Ich‘ bzw. ‚Es‘ gegenüber einem geschwächten und zu stärkenden ‚Ich‘ sprach, betonte Viktor Frankl, der Begründer der höhenpsychologischen ‚Dritten Wiener Schule der Psychotherapie‘, die nicht nur zweckmäßigen (‚Telos‘), sondern auch sinnstiftenden (‚Logos‘) Momente im essentiellen Leben eines liebenden, schaffenden und leidenden Menschen (‚Homo amans‘, ‚faber‘ und ‚patiens‘).

Angesichts des nahen Todes ist es gerade die Weise zu sterben, die einen scheidenden Menschen und dessen bleibenden Angehören – siehe die Textmitte – vielleicht einen Hauch von Trost erleben lässt oder nicht.

Wer streng urteilt, erweist erstlich Schwäche; wer mild urteilt, letztlich Stärke.

Bled, Jean-Paul (2022): Les ouvertures de paix de l’empereur Charles [s. S. 157 in diesem Buch]

Ds. (2002): Wien – Residenz, Metropole, Hauptstadt, Wien

Canis, Konrad (2016): Die bedrängte Großmacht – Österreich-Ungarn und das europäische Mächtesystem 1886/67-1914, Paderborn

Clark, Christopher (2020): Von Nationalisten, Revisionisten und Schlafwandlern. In: Ds. (2020), Gefangene der Zeit – Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump, München

Ds. (2013): Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München

Conze, Eckart (2018): Die große Illusion – Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt, München

Dworok, Gerrit (2015): ‚Historikerstreit‘ und Nationswerdung – Ursprünge und Deutung bundesrepublikanischen Konflikts, Wien

Freud, Sigmund (2009): Abriss der Psychoanalyse, Wien

Frankl, Viktor Emil (2010): Logotherapie und Existenzanalyse, Wien

Fuhrer, Hans Rudolf (2021): Nicht wie ein Dieb in der Nacht – Das Exil von Karl I. (IV.) in der Schweiz. In: Hannig, Alma (2021) et al. (Hg.), Zwischen Krieg und Frieden, Wien

Horel, Catherine (2021): Admirol Miklós Horthy in the First World War – The Birth of a Myth, o.O.

Ignatieff, Michael (2021): Über den Trost in dunklen Zeiten, Berlin

Kershaw, Ian (2016): Höllensturz – Europa 1914 bis 1949, München

Kissinger, Henry (2022): Staatskunst – Sechs Lektionen für das 21. Jahrhundert, München

Köhler, Thomas Walter (2020a): Der Thymos von 1914. In: Ds./Mertens, Christian (Hg.), 1914/2014-1918/2018 – Erster Weltkrieg, Kriegserinnerung, Erinnerungskultur, Wien

Ds. (2020b): A.E.I.O.U. – Geheimes Österreich. In: Ds./Mertens, Christian/Pelinka, Anton (Hg.), Ein Hauch von Welt – Österreich vor und nach Saint Germain, Wien

Ds. (2020c): Ein Weltereignis – Politik und Kultur in Wien um 1900 aus historischer sowie tiefen- und höhenpsychologischer Sicht. In: Ein Hauch von Welt, a. a. O.

Ds. (2009): Geraume Zeit – Roman, Wien

Johnson, Lonnie R. (2011): Central Europa – Enemies, Neighbors, Friends, Oxford

Judson, Pieter M. (2017): Habsburg – Geschichte eines Imperiums, München

Leonhard, Jörn (2018): Der überforderte Frieden – Versailles und die Welt 1918-1923, München

Ds. (2014): Die Büchse der Pandora – Geschichte des Ersten Weltkriegs, München

Münkler, Herfried (2015): Macht in der Mitte – Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa, Hamburg

Ds., (2013): Der große Krieg – Die Welt 1914-1918, Berlin

Piper, Ernst (2013): Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Berlin

Rauchensteiner, Manfried (2018): Zwischen ‚Siegfrieden‘ und Niederlage – Österreich-Ungarns letzter Krieg 1918/1917. In: Ds. (Hg.): Baden, Zentrum der Macht – Kaiser Karl I. und das Armeeoberkommando, Wien

Ds. (2013): Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie, Wien

Sachslehner, Johannes (2005): Der Infarkt – Österreich-Ungarn am 28. Oktober 1918, Wien

Siemann, Wolfram (2022): Metternich – Stratege und Visionär, Wien

Skad, Alan (1993), Der Fall des Hauses Habsburg – Der unzeitige Tod eines Kaiserreichs, Köln

Sloterdijk, Peter (2022): Wer noch kein Grau gedacht hat – Eine Farbenlehre, Berlin

Vocelka, Michaela/Vocelka, Karl (2018): Kaiser Karl I., König Karl IV. von Ungarn, König Karl III. von Böhmen. In: Rauchensteiner (Hg.), Baden, a. a. O.

Winkler, Heinrich August (2019): Werte und Mächte – Eine Geschichte der westlichen Welt, München

Ds. (2009, 2011, 2014, 2016): Geschichte des Westens, München

Zweig, Stefan (1989): Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers, Frankfurt am Main

1Im Beitrag zeichnet der Verfasser die ideologisch verbrämten Vorurteile, denen sein Werk ‚Die Schlafwandler‘ in der geschichtspolitischen Debatte von links wie rechts allgemein ausgesetzt war. Pars pro toto: „Besonders erstaunlich war [des damaligen britischen Bildungsministers] Michael Goves Behauptung, die Briten würden ihre Freiheit, über die Vergangenheit zu diskutieren, dem Sieg von 1918 über das wilhelminische Deutschland verdanken.“ Er setzt fort: „Eine Behauptung, die auf den Sieg über den Nationalsozialismus zuträfe, wurde [damit] kurzerhand auf den völlig anderen Kontext von 1914-1918 zurückdatiert. Das ist ein klassisches Beispiel für rückwärts gelesene Geschichte: das Jahr 1914 durch die Linse von 1940 betrachtet. [Absatz] Zumindest legt der britische Fall die Vermutung nahe, dass der Debatte um den Ursprung des Ersten Weltkriegs eine gewisse Kontingenz anhaftet. Denn in Deutschland waren und sind die politischen Polaritäten der Debatte umgekehrt: Allem Anschein nach wären hier wie dort viele, „die [einen] Konsens bezüglich der deutschen [Allein-]Schuld [kursiv TWK] am Ersten Weltkrieg gefährden […], anfällig für den Verdacht, dass er oder sie ein rechter Revisionist sei und beabsichtige, den gesamten Apparat der historisch-kritischen Selbstprüfung zu zerschlagen, der nach 1945 und vor allem seit Ende der 1960er-Jahre die deutsche politische Kultur verändert hat. (Clark 2019, 289f.)

2Kissinger spricht dabei wiederholt vom „Zweiten Dreißigjährigen Krieg“. (Kissinger 2022, 20ff.)

3Karl I. als Kaiser von Österreich bzw. Karl IV. als König von Ungarn.

4Karl V. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

5„Meine ganze Libido gehört Österreich-Ungarn.“

6Wojtyłas Vater wählte den Vornamen des Sohnes angeblich nach Karl, in dessen Armee er gedient hatte.

7Dazu s. Ignatieff 2021, 24-41 sowie vgl. Sloterdijk 2022, 229-286.

Christian Mertens

Konjunkturen eines toten Kaisers

Zur medialen und publizistischen Rezeption Karls I. ab 1922

Das Bild Kaiser Karls fernab der Fachöffentlichkeit ist heute weitgehend von Mythen rund um den vermeintlich ‚guten alter Kaiser‘ Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth – meist in Form eines süßlichen ‚Sissi‘-Klischees verkitscht – überlagert. Dienen der uninspirierte Langzeitherrscher und seine depressive Frau (vgl. Köhler 2020) sogar als Vorlagen für Bonbonnieren und Tassen, rückte sein Nachfolger erst wieder anlässlich seiner Seligsprechung 2004 stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Die öffentliche Erinnerung an Österreichs letzten Kaiser verlief in den vergangenen 100 Jahren äußerst ambivalent und ist selbstverständlich nicht von den jeweiligen ideologischen Zugängen und historischen Erfahrungen ihrer Trägerinnen und Träger zu trennen. Aufgabe dieses Beitrags will es sein, diese Konjunkturen in groben Zügen nachzuzeichnen. (Vgl. auch Demmerle 2016, 151ff.)

Ambivalente Stimmen zum Tod Karls I.

Die Reaktionen der österreichischen Tagespresse auf den Tod des Monarchen im Exil auf der portugiesischen Insel Madeira spiegeln die jeweiligen weltanschaulichen Positionierungen der Blätter anschaulich wider: Das auflagenstarke ‚Neue Wiener Tagblatt‘ bereitet Karl einen recht ausgewogenen, nüchternen Nachruf, verweisend auf das „traurige[s] Schicksal“ eines jungen Menschen, „der nicht besser und der nicht schlechter gewesen als Tausende neben ihm“. (Tschuppik 1922, 2) Die Ausgabe des folgenden Tages zeichnete das Bild eines Menschen mit „guten Absichten“, der unerfahren und von „unzulänglich[en]“ Vertrauten umgeben gewesen sei. (Neues Wiener Tagblatt, 02.04.2022, 1) Der in Budapest erscheinende ‚Pester Lloyd‘ sah in der „anspruchslosen und sozusagen demokratischen Weise, in der er die Regierungsgewalt führen wollte“, das eigentliche Problem: „[…] was ihm als Verdienst ausgelegt werden musste, nahm ihm eigentlich den Nimbus vor dem Volk“. (Zit. nach Etzlstorfer 2021, 162)

Die ‚Neue Freie Presse‘ verwendete das ambivalente Narrativ eines von Launen und Stimmungen getriebenen Menschen, der „nicht die Kraft“ besessen hätte, die Probleme seines Reiches zu meistern. Gleichzeitig würdigte das Blatt, dass sein freiwilliger Rückzug vom Thron im Herbst 1918 unnützes Blutvergießen vermieden habe. (Neue Freie Presse, 02.04.1922, 1ff.)

Auf eher pathetische Weise kommentierte die ‚Reichspost‘ den „Tod in der Verbannung“ und würdigte am Verstorbenen, „mit dem Aufgebot seiner Kräfte […] den Verzweiflungskampf um den Frieden“ geführt zu haben. „In dem jungen Habsburger lebt trotz allem der Glaube an die Mission dieses zerfallenen Wundergebildes, an das in Glorie und Schmerz das Geschick seines Hauses geknüpft war“, schimmert die Habsburg-freundliche Tendenz des christlichsozialen Leitorgans durch. (Reichspost, 02.04.1922, 1) Auch Opfernarrative (Verleumdungen, Armut der Familie) fanden im Text breiten Raum.

Große Distanz, ja Ablehnung prägten die Kommentare zum Tod in sozialdemokratischen Medien. Millionen Kriegstote wurden dem Tod des einen gegenübergestellt, Karl selbst wurde beschieden, „ein ganz gewöhnlicher Mensch, dem alles fehlte, was Größe ausmacht“ gewesen zu sein. Verunglimpft als „Knabe[n] Karl“, der „in allem, in Wesen, Charakter, Begabung und Fähigkeit, so tief unter dem Mittelmaß gestanden ist“, blieb der anonyme Kommentator „unbewegt […], wenn der letzte Habsburger stirbt.“ (Arbeiterzeitung, 02.04.1922, 1f.) Noch schärfer im Tonfall bediente das Grazer Blatt ‚Arbeiterwille‘ unter dem Titel „Karl Habsburg gestorben“ das sich immer wieder findende Narrativ der „ehrgeizigen Frau“, auf deren Einfluss „der Verrat des Schwächlings Karl am deutschen Volke zurückzuführen ist“. (Arbeiterwille, 02.04.2022, 2) In der folgenden Ausgabe steigerte die Zeitung ihre Beschimpfungen noch weiter, gipfelnd in der Zuschreibung: „Er war niemand.“ (Arbeiterwille, 04.04.2022, 1)

Am feierlichen Requiem für den Verstorbenen, zelebriert vom Wiener Erzbischof Kardinal Piffl, nahmen neben Bundeskanzler Johannes Schober und mehreren Ministern auch der Obmann der Christlichsozialen Partei Ignaz Seipel sowie Nationalratspräsident Richard Weiskirchner teil. Wie die ‚Neue Freie Presse‘ berichtete, schloss sich an den Gottesdienst eine monarchistische Demonstration an, die zum Parlament zog, wo sie angesichts sozialdemokratischer Drohungen, die Arbeiterschaft für eine Gegendemonstration zu mobilisieren, von berittener Polizei zerstreut wurde. (Vgl. Neue Freie Presse, 06.04.2022, 3)

Auch in den folgenden Jahren war die Erinnerung an Karl von der weltanschaulichen Ausrichtung des Mediums abhängig. Versorgten sozialdemokratische Blätter ihre Leserinnen und Leser mit immer neuen Anekdoten und Erinnerungen seiner Gegner – exemplarisch sei auf die Bahnfahrt durch Österreich nach dem ersten gescheiterten Versuch der Machtübernahme in Ungarn hingewiesen: „Wer den Karl gekannt, einer der feigsten Menschen […]“ (Arbeiterzeitung, 16.03.1924, 4) – stellten ‚bürgerliche‘ Blätter den früheren Kaiser als Friedenstifter und Arbeiterfreund dar. So habe er angesichts der Streikbewegung 1918 den Auftrag gegeben, die Verhältnisse in den für den Krieg produzierenden Betrieben zu überprüfen und „die berechtigten Wünsche der Arbeiterschaft zu erfüllen“. (Neues Wiener Journal, 09.11.1924, 8) Unterstützt wurden solche Ambitionen durch die Veröffentlichung autobiografischer Erinnerungen aus dem Umfeld des früheren Kaisers, etwa von seinem Privatsekretär Karl Werkmann (1923; 1925) oder von seinem Kabinettsdirektor Arthur Polzer-Hoditz (1929).

Die jüngeren Kinder Carl Ludwig, Rudolf, Charlotte und Elisabeth im Exil in Spanien (undatiert)

Morgenluft für Legitimisten im ‚Ständestaat‘

Die Errichtung der autoritären Diktatur unter Engelbert Dollfuß sowie die Ausschaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und ihrer Presse führte zu einer Aufwertung der Karl-freundlichen Erinnerungskultur. Kundgebungen zugunsten der Familie Habsburg wurden vom Regime nicht nur toleriert, sondern auch gefördert. An den jährlichen Gedenkfeiern zum Todestag des ehemaligen Kaisers nahmen nicht nur legitimistische Verbände, sondern auch Abordnungen des Wiener Heimatschutzes und der ‚Ostmärkischen Sturmscharen‘ sowie Offiziere des Bundesheeres, aber auch Vertreter der Wissenschaft und der Verwaltung teil. (Vgl. Neue Freie Presse, 02.04.1935, 5; Reichspost, 02.04.1937, 5)

Die Tonalität der zu diesen Anlässen erscheinenden Zeitungsartikel mutierte in Richtung wohlwollende Anerkennung der Bemühungen des einstigen Herrschers. Symptomatisch für diese Tendenz ein ungezeichneter Kommentar im ‚Kleinen Blatt‘ anlässlich des 15. Todestages von Karl I.: „Mag Kaiser Karl Fehler und Ungeschicklichkeiten begangen haben – er war nur ein junger Mensch, ein junger, unerfahrener dazu.“ Er wurde vor eine Aufgabe gestellt, „der das größte Genie nicht gewachsen gewesen wäre.“ Seine Verbannung auf die Atlantikinsel wurde als „sinnlose[n] Härte“ verurteilt; auch das Narrativ des Lebens in bescheidensten Verhältnissen „wie ein kleiner Angestellter“ findet sich wieder. (Das Kleine Blatt, 01.04.1937, 3)

Auch legitimistische Gruppierungen traten in dieser Phase stärker in Erscheinung. Der später im Konzentrationslager Dachau ermordete Rechtswissenschaftler Hans Karl Zeßner-Spitzenberg gab ab 1929 jährlich den ‚Kaiser Karl Gedächtniskalender‘ (später: ‚Kaiser Karl Gedächtnis-Jahrbuch‘) heraus, das sich in erster Linie dem Andenken an Österreichs letzten Kaiser (1938: „Dem Märtyrerkaiser“) verpflichtet sah, aber auch Beiträge zur kaiserlichen Familie sowie zur altösterreichischen Traditionspflege versammelte.

Der Jurist entwickelte früh den Gedanken einer eigenen österreichischen Nation auf der Basis einer ‚sozialen Monarchie‘ und enger Kooperation der Staaten in Mitteleuropa. Gemeinsam mit ähnlich denkenden Persönlichkeiten wie Ernst Karl Winter, August Maria Knoll und Alfred Missong gründete er 1926 die ‚Österreichische Aktion‘, die in scharfem Gegensatz zur lagerübergreifenden ‚Anschluss‘-Begeisterung stand, allerdings nie auf große Resonanz stieß. (Vgl. Welan/Wohnout 2012) Posthum erschien aus dem Nachlass Zeßner-Spitzenbergs die Schrift ‚Ein Kaiser stirbt‘, in der er das Narrativ der mutmaßlich schrecklichen Verhältnisse, unter denen der Ex-Kaiser auf Madeira leben musste, stark forcierte: „Das Haus ist so feucht, es riecht im ganzen Haus nach Moder und bei jedem sieht man den Hauch.“ (Zeßner-Spitzenberg o. J., 11f.)

Feindbild im Nationalsozialismus