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Er gehört zu deiner Familie. Er ist sein bester Freund. Sie sind DIE Twins. Er ist sein Mentor. Und du bist das Mädchen, das sich selbst ins Zwielicht ruft. Weil ULTRA das Maß ihrer Verwerflichkeit ist. Wie weit würdest du mit ihnen gehen? Und was bist du bereit zu verlieren? The Winners are Losers ... Was, wenn ein Leben plötzlich in tausend Teile zersplittert? Wenn ein winziger Moment ausreicht, um alles in Schutt und Asche zu legen. Was, wenn es sich dabei um mein Leben handelt? Wenn ich in der Realität angekommen bin und nie gelernt habe, stark, unabhängig und frei zu sein. Was, wenn das genügsame Töchterchen nun fliegen muss? Höher, schneller, weiter. Weil es sonst an sich selbst qualvoll ersticken wird. Was, wenn ich nicht bereit für London bin? Für einen Jungen mit einem Herzen aus Stein. Für einen Mann mit einem Gesicht aus Verschleierung. Für Zwillinge mit einer Passion aus Dunkelheit. Und für ihn, Ghost . Was, wenn Big Ben läutet und mein letztes Stündlein geschlagen hat? Band 1 der ULTRA Dilogie. Back to the Morata-Universe. DANIELLES Story. Dark New Adult, Enemies to Lovers, Forbidden Love, Bully Romance. Deep, Emotional, Morally Grey. Enthält direkte Sprache und explizite Szenen. Bitte verantwortungsvoll lesen und die Triggerwarnung bei Bedarf am Ende des Buches beachten. LESER:INNEN-STIMMEN Eine Story, die unter die Haut geht. Es ist deep, emotional, eine Red Flag jagt die Nächste. Unendlich viele Zeilen lassen dich so viele Dinge fühlen. Auch dieses Buch hat es direkt wieder in mein Herz geschafft (Lydia, Vorableserin) Gefährlich. Atmosphärisch. Nervenaufreibend. Geil. Brandheiß. Abgefahren. Nass. Grenzwertig. (Vicky, Vorableserin) Ich hätte nicht gedacht, dass sich hinter Danielle so eine intensive Geschichte versteckt. Ich liebs total. Es ist dramatisch, intensiv, mitfiebernd und heiß. (Christina, Vorableserin)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Dark New Adult
Bücher von Ana D. Rocky
Sei dir bewusst
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Epilog
Prolog ULTRA Violence: Fate
Danksagung
Nachwort
Dark Reverse Harem
Dark Romantasy
Age Gap Romance
Über die Autorin
Lesewarnung
Was erwartet dich in diesem Buch?
Du wirst keine College-Geschichte lesen, dich nicht für eine Verbindungsparty herausputzen. Wenn du Reichtum, Macht und Geld suchst, findest du hier den Schmutz der Straße. Du triffst auf eine Clique von jungen Erwachsenen, für die rosa Zuckerwatte ein Fremdwort ist. Sie leben am Limit, sie lieben am Limit, sie brechen die Limits. Weil Ultra das Maß ihrer Verwerflichkeit ist, der Mentor den Takt vorgibt und etwas Unschuldiges Londons Boden zum Beben bringt. Hier wird nicht sündig geteilt. Hier wird entfesselt. Hier wird gejagt. Hier werden Tabus gebrochen. Und glaube mir:
Du willst sie definitiv brechen
Willkommen in einer neuen Galaxie im Morata-Universe.
1. Auflage
Copyright ©Ana D. Rocky, Deutschland
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Sternfeder Verlag & Ana D. Rocky
Lektorat & Korrektorat: Sternfeder Verlag
Herausgeber: Sternfeder Verlag
Quelle Bildmaterial: Ana D. Rocky & eyekonix4u
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich.
Jede Verwendung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
Personen und Handlungen sind frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen rein zufällig.
Mehr über die Autorin Ana D. Rocky:
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Instagram: @ana.d.rocky.autorin
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Für alle, die nicht perfekt sind.
Für jeden, der sich verirrt hat.
Für uns, wenn wir zweifeln.
Der Weg ist das Ziel.
Immer.
Ultra Violence Love Vibes
Street Spirit | Radiohead
Robbie Gallagher (Reaper)
Bad Guy | Falling in Reverse, Saraya
Danielle Barnett (Nel)
Lose Your Head | London Grammar
Jordan Knight (Ghost)
One Last Round | Nightdriver
Ashley Carmack (Ash)
I Feel You | Depeche Mode
Kyle & Penny (The Twins)
Body and Soul | Sisters of Mercy
Vollständige Playlist auf Spotify unter:
Soundtrack Ultra Violence: Love
by Ana D. Rocky
Wenn du dich auf meine Bücher einlässt, löst du das Ticket in den Himmel UND in die Hölle. Du wirst fühlen, mit allen Sinnen erleben und dich manchmal fragen, ob du selbst ein Teil der Geschichte bist. Ich schreibe direkt, dennoch poetisch, mit Stil und absolut ungeschönt. Nimm dir bitte Zeit, lass dich fallen, werde zu den Figuren in deinem Kopf. Denn vor dir liegt eine dunkle Reise, die du entweder gar nicht erst antrittst oder sie mit Haut und Haaren genießt. Das Leben ist zu kurz für halb. Sei ganz. Sei hier. Sei bereit für alles und mehr.
Eine ausführliche Lesewarnung findest du am Ende dieses Buches. Sie wird dich spoilern.
Bitte pass auf dich auf!
Move
Die Straßen sind leer. Mein Kopf ist voll. Die Erinnerungen brennen wie das Höllenfeuer. Heute ist ein neuer Jahrestag in diesem Rennen ohne Ziel. Blut tropft mir aus der Nase. Schlagt zu. Schlagt mich. Prügelt mir den Dämon aus dem Körper. Er ist ein Virus. Ich bin das Virus.
Brüllen. Trinken. Lachen. Gefickt vom Tag im Kopf. Ein Schweißfilm überzieht meinen grenzenlos geschundenen Körper. Ich rieche mich selbst und vor mir thront ein Haus, das kein Zuhause ist. Jemand eilt auf mich zu, hält aufrecht, was nur zerbrechen will. Tränen fließen. Nicht bei mir. Sieh der Wahrheit ins Gesicht. Retten kannst du mich nicht.
Lippen bewegen sich, doch ich verstehe nichts. Ankunft. Besuch. USA. Reiß dich zusammen, Junge. Bullshit. Saufen ist wie Weinen, seht ihr mir gern beim Krepieren zu? Grinsend trete ich vor das Tor, betrachte fremde Mädchenaugen. Dunkelbraun. Nicht bereit für Violence in Reinform.
MOVE. OUT. OF. MY. WAY. GIRL.
Bird of Prey
Einen Monat ... Einen verdammten Monat war ich unsichtbar. Nicht existent. Der Schatten im Haus, hinter der Gardine. Das sich klein machende Mädchen aus Furcht vor weiterer Schikane eines einzelnen Mannes. Rund um die Uhr zitterten meine Hände, das Herz schrie, weil es nicht so leicht aufgeben wollte, schlicht etwas zu sagen hatte. Dann wurde es still in meiner Brust, die Linie flach und ich zu einem Möbelstück in einer fremden Umgebung. Bis heute. Jetzt wird Dummheit bestraft. Naive Handlungen werden ertränkt. Der Leichtsinn sanktioniert mich mit Trunkenheit. Er ist nicht allein.
Verschwommen betrachte ich meine Hand, drehe sie wie das Fähnchen im Wind. Wie viele Gläser Apfelwein waren es? Zehn? Ehe ich mir selbst die passende Antwort gebe, fällt mein Kopf nach vorn, macht Bekanntschaft mit hartem Plastik. Egal. Schlafen ist die beste Medizin, im Promilletraum ist alles möglich, der strenge Geruch vollgepinkelter Sanitäranlagen fällt da kaum noch ins Gewicht. Ich hasse London und ich will zurück zu meinen Freundinnen!
Ein tiefer Seufzer entweicht meiner wund gewürgten Kehle, je weiter ich im Alkoholrausch abdrifte und mich an die letzte gemeinsame Facetime mit ihnen erinnere. Es war traurigschön und ich fühlte mich Emi und Fleuri, wie ich die beiden liebevoll abkürze, trotz Entfernung unendlich nah. Etwas mehr als drei Monate ist das Gespräch nun her, doch es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen. Das, was ich ihnen verschwiegen hatte. Meine wirren Gedanken verselbstständigen sich. Hauptsache weg von hier und dem Gefühl, nirgendwo mehr zu Hause zu sein:
Wieder und wieder knautsche ich den Bezug des Kopfkissens zwischen meinen Fingern. Meine Hände brauchen einen Anker, damit meine Gesichtsmuskeln entspannt bleiben. Unentwegt wälze ich eine Fragestellung in alle Himmelsrichtungen: Soll ich ihnen die frohe Botschaft verkünden und mich in die Problemkette einreihen?
Bittere Tränen weint mein Herz, trotzdem entscheide ich mich dagegen, verstecke den Schmerz und lächele fröhlich in die Kamera. Zeit mit meinen Besties zu verbringen, ist so kostbar geworden. Nicht selten wünschte ich mich aus meinem biederen Zuhause in New Salem zu ihnen in die luxuriösen New Yorker Hamptons. Gerade jetzt, wo es mir dreckig geht und Fleuri dort vor einem Wendepunkt steht, Emi ihre Überforderung niemals zugeben würde. Ich sehe ihr die Furcht an, weil die letzten Monate für alle Beteiligten verdammt hart und unberechenbar gewesen sind.
»Dann ab in den Pitch mit dir, Fleuri.« Es folgt eine Brandrede von Emi, die ich nur halb mitverfolge. Vielmehr wische ich mir verstohlen die Tränen von der Wange. Meine Mum hat sich ihren eigenen dunklen Ort für Sünde und Absolution erschaffen. Leider war es das eigene Schlafzimmer und kein Ort im Kellergeschoss eines teuren Strandhauses. Weder hat sie dort im Rudel Liebe gemacht noch auf die Seele meines Dads Rücksicht genommen. Vielmehr wurde knallhart im Ehebett die deutlich jüngere Affäre gebumst.
»Ich möchte euch nicht schon wieder alleinlassen«, flüstert meine Freundin leise und zerrt mich zurück aus dem Albtraum in die nicht viel besser schmeckende Realität. »Ihr gehört an meine Seite und nicht in die zweite Reihe. Denn ohne euch ..., Fleuri hätte nicht überlebt.«
»Quatsch mit Soße.« Wie aus der Pistole geschossen poltere ich drauflos. »Wir helfen uns gegenseitig. Du wärst ebenso für uns da, wenn alles gehörig den Bach runtergeht.«
Direkt werde ich kritisch beäugt. Ein solch schnodderiger Tonfall besitzt Seltenheitswert. Mein Mund sperrt auf, dann wieder zu, kein weiterer Buchstabe verlässt meine Lippen. So sehr ich mich anstrenge. Etwas stimmt in diesem Film ganz und gar nicht. Fleuri und Emi verblassen, dabei will ich sie nicht loslassen. Stattdessen verändert sich das Bild in Lichtgeschwindigkeit. Kauernd hocke ich ab jetzt auf dem Fußboden im Badezimmer unseres kleinen Einfamilienhauses, ignoriere das wilde Hämmern von Dad an der Tür hinter mir.
»Lass mich rein, Nel. Wir müssen dringend reden.«
Fest beiße ich die Zähne zusammen, schlucke den Kloß in meinem Hals nur mühsam herunter. Immer, wenn er diesen Spitznamen für mich benutzt, spricht sein Herz. »Später, Dad. Bitte.«
Eins. Zwei. Drei. Logan hat’s kapiert, klopft nicht weiter an. Dass er ultratief durchatmet, bleibt mir dennoch nicht verborgen. Er tut mir so leid und ich mir selbst ebenfalls. Wie ein nasser Sack falle ich in mich zusammen, drücke Emis Kurzwahltaste auf meinem Smartphone und warte dringend auf das Freizeichen. Heute ist der Tag, an dem ich mir Luft machen muss.
»Danielle, bist du das?«
Mehrmals versuche ich, einen normalen Ton hervorzubringen, gebe es schließlich auf. »Er hat ihm die Nase gebrochen«, schluchze ich unter Tränen. »Vor meinen Augen. Und ihn fast erwürgt. Wäre ich nicht dazwischengegangen, Dad hätte Mums Affäre eiskalt umgebracht.«
»Stopp. Stopp. Stopp. Atme ganz ruhig und dann fang von vorn an. Was genau ist passiert?«
Die nächste Salve Mageninhalt landet platschend in der Kloschüssel. Wenn das so weitergeht, dehydriere ich innerhalb eines Wimpernschlags. Keuchend lege ich mich seitlich, zupfe an den bunten Fransen des Badezimmerteppichs herum. Und lasse los: »Dad und ich steckten mitten in unseren traditionellen Daddy-Daughter-Days, wollten zuerst ins Kino gehen, uns später dann zurück in unser Zelt verkrümeln, um den Abend am Lagerfeuer ausklingen zu lassen. Es gab Popcorn, jede Menge Nachos mit Käse-Dip und Salsa-Soße. Irgendwie ist mir die Kombination arg auf den Magen geschlagen, weshalb ich extrem starke Bauchschmerzen bekam, und wir entschieden, dass ich zu Hause besser aufgehoben sein würde. Wir fuhren wie der Teufel durch die abendlichen Straßen, parkten mit quietschenden Reifen, Logan trug mich eilig ins Haus. Gemeinsam rannten wir vor eine Wand des Grauens.«
Automatisch stoppe ich, halte die Luft an, hänge mitten im Geräusch eines neben mir brechenden Herzens. Die Sekunden verstreichen, bis ich erneut so weit bin. Keuchend verlässt ein Szenario meine Lippen, das in einer Familie niemals passieren sollte: »Mum stöhnte so verdammt laut und erregt, Emi. Nicht Dads Namen, sondern den eines Fremden. Dann klatschte es, schmutzige Sachen wurden durch das Haus geschrien, noch nie habe ich Logan so schnell die Treppenstufen hinaufstürmen sehen. Nur mit Mühe konnte ich ihm folgen und war plötzlich Statist im Universum von Zuckerbrot und Peitsche. Zwischen einer Vierzigjährigen und ihrem bestimmt fünfzehn Jahre jüngeren adretten Mittzwanziger. Scheiße, der Kerl mit dem Riesenschwanz hätte mein großer Bruder sein können.«
Stille. Leise Atemgeräusche. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«
»Aber ich!« Verzweifelt mache ich mir weiter Luft. »Ich will nicht nach London flüchten und bei Dads Schwester wohnen. Selbst wenn wir erst nach den Abschlussprüfungen fliegen. Lockere viertausend Meilen liegen dann zwischen dir, mir und Fleuri. Inklusive einer mega Zeitverschiebung und dem Atlantischen Ozean. So eine verdammte, verfickte, verdrehte Scheiße.«
»Was ist, wenn du ein Ganzes gegen ein Viertel tauschst? Bis in die Hamptons sind es zum Beispiel nur eintausend Meilen, die es zurückzulegen gilt. Sicher findet sich im Strandhaus noch ein hübsches Plätzchen für dich. Bestimmt auch für Logan, bis ihr wisst, wie es weitergehen soll.«
»Ja klar«, erwidere ich eine Spur zu trotzig. »Meinen Dad auch nur in die Nähe eines Reverse Harem von einer Frau mit vier Stiefbrüdern zu lassen, würde ihm in der aktuellen Situation den Todesstoß verpassen. Unmöglich kann ich ihn in diesem Zustand einer solchen Konstellation aussetzen. Logan muss fort, Abstand gewinnen. Sonst weiß ich nicht, ob er Amok läuft.«
Zwischen uns wird es erneut mucksmäuschenstill. Bis summend eine Nachricht von Fleuri eingeht und mir schwant, dass die dritte im Bunde bereits im Bilde über das Chaos ist, was nun zur Abwechslung vor meiner Haustür Halt gemacht hat. Den Tränenschleier wegblinzelnd, lese ich ihre Zeilen, die meine Fassungslosigkeit spiegeln:
Was ist los bei euch? Du machst doch Witze oder? Bitte sag mir, dass das nur ein Aprilscherz ist. Verflucht. Ich fasse es nicht. Du stehst kurz vor dem Abschluss. Melde dich, dann reden wir.
Was soll ich ihr sagen? Mir fehlt eindeutig die Kraft dazu, mit beiden Besties dasselbe Gespräch zu führen. Offen und ehrlich antworte ich.
Spreche gerade mit Emi. Sei mir bitte nicht böse, aber ich will es danach nicht wiederholen und dich und mich zusätzlich stressen. Sie wird dir jede verschissene Einzelheit erzählen. Bis dann. Wird alles schon wieder. Hab dich lieb.
Wie gebannt starre ich auf das Display, weil sich Fleuri normalerweise nicht so simpel abspeisen lässt. Diesmal akzeptiert sie meine Bitte und ich fühle mich noch schlechter, kneife fest die Augen zusammen. In meinem pochenden Oberstübchen läutet Big Ben penetrant seine glorreiche Willkommensmelodie. Mit rasant ansteigenden Dezibel, dass es unmöglich der Realität entsprechen kann. Es dröhnt, klingelt, rauscht in meinen Ohren. Emi wispert meinen Namen, was sich mehr und mehr zu einem fernen Echo entwickelt. Unser Gespräch ist nur Schall und Rauch, eine von vielen Erinnerungen, bevor ich ins Flugzeug steigen musste. Ich weiß, dass ich träume. Dass ich sternhagelvoll auf dem Boden vor dem Klo eines Szene-Pubs hocke und einen schweren Fehler begangen habe. Die unterbewusste Stimme erinnert mich glasklar, spendiert einen Namen in Großbuchstaben:
ROBBIE GALLAGHER
Weit reiße ich die Augen auf, atme fiepend ein- und aus. Wie ein Schraubstock legt sich die Erinnerung der vorschnellenden Hand um meine Kehle, während ich der unausgesprochenen Drohung lausche, mich fix und fertig zu machen. Ich dämliche Kuh hätte das Foto von ihm nicht heimlich schießen dürfen. Dann hätte ich es definitiv nicht in den Chat mit Fleuri stellen dürfen. Unbedingt hätte ich mich weiter von ihm fernhalten müssen. Hätte, dürfen und müssen ... Ich hab´s getan. London is calling. Fuck!
Zitterig schiebe ich meinen Kopf ein winziges Stück vor. Was, wenn ich mein Gesicht in die verdreckte Schüssel tauche und das Schmutzwasser meine Lunge fluten lasse? Vielleicht gelingt mir dann endlich ein Schrei, weil die letzten Etappen meines Lebens widerlich in meinem Hals festsitzen. Höchstens zehn Zentimeter trennen mich von Kolibakterien im Überfluss. Scheiß der Hund drauf, die Zeit der emsigen Musterschülerin mit einem Gewissen ist endgültig vorbei. Wenn ich mir einen gefährlichen Keim einfange, komme ich ins Krankenhaus und dann wird Dad meinen Wunsch verstehen, zurück in die Staaten zu müssen, weil es hier nicht für mich funktioniert.
Ehe ich dazukomme, den konsumierten Alkohol mit Brackwasser zu verdünnen, wird hinter mir energisch die Tür aufgestoßen. Eingeschüchtert zucke ich zusammen, obwohl die Schritte gemäßigt sind, neben mir stoppen und nichts weiter passiert. Der Duft eines herben Aftershaves weht mir in die Nase, verdreifacht den Würgereflex. Kotzend hänge ich nun in echt über der Schüssel, werde gaffend von oben herab angestarrt.
»Verschwinde«, nuschele ich verwaschen. »Wer auch immer du bist. Das hier ist privat und kein Zirkus.«
»Ihn zu stalken, ist also keine Witzveranstaltung, Danielle aus New Salem? Bei diesem Einfallsreichtum hätte ich etwas mehr Trinkfestigkeit von dir erwartet.«
»Hau ab.«
»Der Pub schließt in zehn Minuten und er will, dass ich dich nach Hause bringe.«
Irgendwie schaffe ich es, den Kopf ein Stück zur Seite zu drehen, in ein bisher unbekanntes Gesicht zu blicken, das von einer feschen dunkelbraunen Kurzhaarfrisur in verschwommene Szene gesetzt wird. »Hau. Ab. Wie oft noch?!«
»Alles klar, dann eben auf die harte Tour.«
Gegenwehr ist zwecklos. In Nullkommanichts lande ich auf dem Arm eines wildfremden Mannes, der kein Problem mit saurem Mageninhalt auf seinem Shirt zu haben scheint. Himmelblaue Augen betrachten mich undurchdringlich, gar lodernd, eine Spur zu interessiert.
»Wer ... bist du?« Kaum hörbar verlässt wenigstens ein simpler Satz meine Lippen. Der ausreicht, um fester an einen warmen Körper gepresst zu werden.
»Jordan, kleine Nel. Ich bin Jordan. Und dein Glückslos hinaus.« Heißer Atem streift mich, der mich in Nuancen an Wodka, gemixt mit Red Bull erinnert. In mir schwelt das Bedürfnis, ihm zu sagen, dass der Spitzname nur meinem Daddy vorbehalten ist, und ihn zu fragen, woher er ihn überhaupt kennt. Stattdessen verlassen wir das schäbige Klo. Prompt packt mich die Paranoia. Was, wenn mich der Typ kidnappt oder mir in der nächsten einsamen Häusergasse an die Wäsche will? Mein Kopfkino ist in vollem Gange.
Schwach winde ich mich, ernte nur weiteren Schwindel. Deutlich angefacht durch jubelnde, trinkende und grölende Menschen, für die zehn Minuten eine Party-Ewigkeit bedeuten. Niemand nimmt Notiz von dem Mädchen, das auf frischer Tat ertappt, zur Strafe mit in den Pub geschleppt und abgefüllt wurde, es die Tortur sogar bereitwillig zugelassen hat. Kippen, Kippen, Kippen, mich nicht mehr wie das Good American Girl ohne Plan vom echten Leben fühlen.
Viel zu schnell trifft mich die kühle Nachtluft mit voller Breitseite. Alles dreht sich, die Stille in meinen Ohren rauscht gewaltig, Dreierkombinationen passen in jede dramatische Situation: Shit. Scheiße. Fucking SCHEIßE. Mein Hirn flucht ununterbrochen, der Mund spricht wieder nur einen lahmen Satz: »Lass mich runter.«
»Nein!« Das Statement sitzt. Mit großen Schritten entfernen wir uns immer weiter vom Pub, bis das Horrorszenario eintritt und ich völlig austicke. Noch nie in meinem Leben habe ich jemanden gebissen. Jetzt ramme ich meine Zähne in die Halsbeuge des nach Zimt und Zitrone duftenden Fremden, verkeile mich wie ein Bluthund. Fluchend lockert sich der Griff, weshalb ich meine Chance ergreife, letzte Kraftreserven mobilisiere. Mit den Knien voran lande ich auf hartem Asphalt, rappele mich auf und torkele rasant wie einer von den modernen Zombies vorwärts. Benebelt wähle ich den Weg mit der geringsten Straßenbeleuchtung, sehe die Hand vor Augen kaum. Das war der zweite Kardinalfehler des heutigen Tages. Zügig lande ich in einer engen Sackgasse ohne Fluchtmöglichkeiten nach oben, unten, rechts und links.
»D a n i e l l e ... Wir werden dir nichts tun.«
Wir? Er und Robbie? Er und die Zwillinge in Lack und Leder? Alle vier? Der dunkle Singsangton fährt mir durch Mark und Bein. Vom Adrenalin aufgeputscht, fluten diverse Szenarien meinen Schädel, wie sich das Blatt eventuell wenden ließe:
Hektisch klopfe ich meinen Körper ab und stelle fest, dass ich nichts feststelle. Weder mein Smartphone noch mein Schlüssel als nutzbares Stichwerkzeug oder die Geldbörse für Bestechungsversuche befinden sich weiterhin in meinem Besitz. Ich bin am Arsch.
»Brave Mädchen gehören um diese Zeit schon längst ins Bettchen. Sonst kommt der Dreamcatcher und fängt dich. Kennst du die Geschichte etwa nicht?«
Total verängstigt kauere ich mich in die hinterste Ecke der Gasse, rutsche an der rauen Backsteinfassade hinab. Gleich werde ich ausgeweidet, zerstückelt und verscharrt. Von wegen Glückslos. Was, wenn sie mir wirklich wehtun wollen und sich nehmen, was noch nie jemandem gehörte? Von zehn zähle ich rückwärts, halte den Blick starr geradeaus gerichtet.
Neun.
Acht.
Sieben.
Sechs.
Fünf.
Vier.
Drei.
Zwei.
Eins.
Nichts.
Der schmale Weg hinein in die Häuserschlucht bleibt leer. Vielleicht hat er, sie, es das Interesse verloren? Zitterig streiche ich mir die kurzen verschwitzten Haare aus dem Gesicht, spucke schaumigen Speichel neben mich. Hätte es mich doch bloß nicht gepackt, die Stunden bis zur Liveübertragung der Hochzeit meiner besten Freundin mit Sherlock-Aktivitäten zu überbrücken. Tränen schießen mir in die Augen. Was bin ich doch für ein egoistisches Mistvieh, Fleuris vollkommenen Neuanfang gegen englische Härte und Trinkfestigkeit eingetauscht zu haben. Bin ich so tief gesunken, meine Prinzipien über Bord zu werfen, weil Rebellion plötzlich gut schmeckt?
Jetzt passiert es doch. Gemächlich schiebt sich eine dunkle Silhouette in den schmalen Durchgang, wird passend ins aufflackernd kühle Spotlight des Mondlichts gerückt. Der daraus resultierende Schattenwurf ist episch, gefährlich, im Rausch viel zu elektrisierend. Sofort klappern meine Zähne, rast das Herz, dreht sich mein Magen mehrmals um die eigene Achse. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ich! Die Pointe passt. Wolken bringen die nächtliche Düsternis zurück. Stockfinster ist kein Ausdruck mehr. Ich bin allein. Betrunken. Weit weg von meiner Komfortzone. Und meinem Leben als Danielle Barnett, Tochter von Logan und Nancy, Freundin im Dreiergespann. Gleich schwimme ich wie meine ehemaligen Goldfische mit dem Bauch nach oben. Maxwell eins, zwei, drei und vier überlebten in meinem Wasser nie lange. Karma kommt. Immer. Zu einhundert Prozent.
»Fallen schnappen zu. Hat dir niemand erklärt, dass der Weg in die Sicherheit niemals der Gang in den Keller sein kann?«
»Kommt auf die Perspektive an«, erwidere ich lallend, nehme allen Mut zusammen. »Wenn oben ein Arschloch tobt, verlassen die Ratten besser nicht das sinkende Schiff.«
»Meinst du nicht, du bringst da etwas gehörig durcheinander?«
»E g a l ...« Es ist so weit, ich verliere völlig den Verstand. Mich selbst auslachend, unterhalte ich nackte Backsteinwände, schmutzigen Asphalt und Jordan, den ich im Suff mit Nachnamen kreativ Knox, Fox oder Cox taufe. Passt doch, reimt sich sogar. Ach, keinen Plan. Ich lache, weil ich weine, weil ich einsam bin. Weil ich dachte, das normale Mädchen aus New Salem mit den rehbraunen Augen ist zu mehr fähig, als sich ein Leben auf der Überholspur zu wünschen.
»Ghost ..., was soll der Scheiß? Hat dir das Hiken in den Highlands die Eier geschrumpft? Zuerst kommst du zu spät und dann lieferst du nicht ab. Pack Donna, fick Donna, lass Donna von mir aus in der Gosse liegen. Nur beweg endlich deinen Arsch, ich will noch ins Box.«
»Danielle, du minderbemittelter Penner«, schnauze ich lebensmüde in die Dunkelheit. »Das ist mein Name. Und niemand rührt mich an!«
»Ach ja?«
»Ja!«
Mit einem Satz ist Robbie bei mir, starrt wütend auf mich hinab. So nah waren wir uns seit meiner Ankunft bisher nie. Obwohl ich es zu unterdrücken versuche, raubt mir seine rätselhafte Aura die Sinne. Aus Furcht. Als wäre ich eine Gefangene in einem billigen Wild-West-Streifen, schleift er mich hinter sich her, schert sich nicht um die Schürfwunden, die das Kopfsteinpflaster auf unbedeckten Hautstellen verursacht. Lautstark rufe ich um Hilfe, benutze jedes nur erdenkliche Schimpfwort. Es nützt nichts. Erst am Durchgang zur Häusergasse lässt er von mir ab, zerrt mich zurück auf die Füße und zerquetscht mit Daumen und Zeigefinger schmerzhaft mein Kinn. Die mich in die Mangel nehmenden Augen sind nicht schwarz, sie sind nicht grün oder blau. Sie sind unerbittlich sturmgrau.
»Ungefragt kommst du in mein Haus. Du frisst mein Essen. Deine Haare fliegen in meinem Badezimmer herum. Du blutest und schmeißt den Dreck in meine Mülltonne. Du verpestest die Luft mit blumigem Parfum, das mir kotzübel wird. Du atmest und heraus kommt nur Klugscheißerei. Verzieh dich zurück ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier ist kein Platz für das permanent naserümpfend feine Mädchen. Sonst drehe ich dich auf links.«
»Da doch aber auch nicht.« Emotional offenbart senke ich den Blick, habe der Abscheu nichts entgegenzusetzen. Flores könnte das und Emma erst recht. Ich nicht. Haltlos schrumpfe ich in meine Einzelteile zusammen. »Bevor ihr ins Box aufbrecht, sagt mir nur, wo ich die nächste Metro-Station finde, dann seid ihr mich los.« Angespannt schlucke ich aufsteigende Magensäure hinunter. Meine Knie brennen, die Handflächen ebenfalls, der Kopf dröhnt. Und mein Herz? »Bitte«, flüstere ich leise.
»Sie kann bei uns mitfahren, Reaper. Das Haus liegt auf dem Weg und Kyle ist seit ihrem mutigen Stalking-Manöver sehr daran interessiert, dein unerwartetes Familienmitglied endlich etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Das wird sicher lustig.«
Kurz knipst das Mondlicht an, legt vier Silhouetten frei, die mich mit ihren Spitznamen völlig durcheinanderbringen. Hilfesuchend blicke ich in die pink geschminkten Augen der Frau, die mich schon den ganzen Abend über intensiv mustert und mir soeben eine Mitfahrgelegenheit angeboten hat. »Ihr habt alle getrunken«, erwidere ich heiser. »Lasst mich einfach gehen.«
»Danielle, Danielle ...« Hinter mich tritt der gebissene Mann, säuselt mit samtig-weicher Stimme, berührt meine Oberarme ebenso zart. »Als Wiedergutmachung, weil du heute heimlich Fotos von meinem Kumpel geschossen hast, bist du jetzt artig, ja? Penny und Kyle wollen dich nur näher kennenlernen. Gewähre ihnen die Möglichkeit.«
»Ihr seid doch völlig crazy, irre und gemein.«
Exakt wie vorhin geträumt und heute Nachmittag passiert, packt Robbie meinen Hals, donnert mich fest gegen die Brust seines Mitstreiters. Warme Lippen streifen meine Wange, bescheren mir eine verfluchte Gänsehaut von Kopf bis Fuß. »Wir sind gefährlich, Donna. Verrückt würde nur mit dir spielen. Das hier ist ernst. Lass dich von den Twins zurück in deine kleine sonderbare Welt bringen. Sonst werde ich aufmerksam. Und das willst du nicht. Niemand will das. Kapiert?«
»Hunde, die bellen, die beißen nicht, R o n n y.« Dass ich ihm vorsätzlich den Namen des Vierbeiners meiner Freundin gebe, katapultiert mich endgültig auf die Abschussliste meines durchgeknallten Cousins. Bei Gott, der Kerl hasst mich abgrundtief, obwohl er mich überhaupt nicht kennt. Sein Griff intensiviert sich, ich kann den Würgereflex nicht unterdrücken. Schwallweise übergebe ich mich, kotze auf seinen Arm, besudele Teile seines Shirts und exklusive Achtloch-Doc-Martens ohne Stahlkappe. »Tschuldigung«, nuschele ich. »Deine Arschloch-Vibes hängen mir seit einem Monat zum Hals raus.«
»Jetzt bist du fällig, Donna.«
»Stopp, Reaper. DEINE Cousine ist besoffen, nicht mehr zurechnungsfähig, deshalb ist es sicherer, wenn ICH sie nach Hause bringe. In der Zwischenzeit ziehst du dich um, die restliche Nacht gehört dir, deinem Geburtstag und tiefe Stöße in den Hals deiner Lieblingsbordsteinschwalbe.«
Mehr als verschwommene Doppelbilder schaffen es nicht in meinen Fokus. Nach hinten werde ich durchgereicht, rechts und links gepackt, die Männer vor mir diskutieren lautstark. Geburtstag ... Mein flüssiges Geschenk wird in der Clique einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
»Du hast die Büchse der Pandora geöffnet, kleiner Bird of Prey. Herzlichen Glückwunsch und toi, toi, toi.«
»Schnauze, ich bin kein Raubvogel.« Anstand war in New Salem, in London bin ich ..., bin ich ... Ja, wer bin ich hier? Der weibliche Paradiesvogel aus der Clique greift in meine Haare. Der mit Ringen, Armbändern und sonstigem Kram behangene dritte Typ im Bunde schiebt sein Gesicht dicht vor meines, grinst durchtrieben. Es fehlt nicht viel und mir kommt es fast wieder hoch.
»Du hast recht, steckst noch in den Kinderschuhen, bist ein unschuldiges Raubvögelchen. Aber auch Jungtiere müssen lernen, zu fressen, um zu überleben. Sonst endet der Fall aus dem Nest tödlich. Für dein kleines, pochendes, flehendes Herz.«
Penny und Kyle, wenn ich mich an die Namen korrekt erinnere, lachen mich aus. Sind sie überhaupt Zwillinge? Zweieiig? Eineiig? Mädchen und Junge stammen immer aus verschiedenen Eizellen, also klar zweieiig. Der Vererbungslehreunterricht gibt Pfötchen, erneut laufen die Tränen, wieso werde ich nicht ohnmächtig? Ab jetzt passiert alles im Zeitraffer. Willenlos lasse ich mich davon schaffen, auf den Sitz eines Motorrads verfrachten und wie paralysiert durch die Nacht transportieren. Hinter mir sitzt Jordan aka Ghost, aka Cox, Fox, Nox. Eisern fixiert er mich auf dem Sitz mit seinem Körper, damit ich nicht zur Seite kippe. Die Welt um mich herum zieht Lichtschlieren. Der Wind flüstert. Mein Kopf bewegt sich wie ein Wackeldackel. Ob Mum an mich denkt? Seit zwei Wochen haben wir nicht mehr miteinander telefoniert.
Entgegen jeder Vernunft fallen mir irgendwann endgültig die Augen zu. Danielle, Dan, Dani, Nel, Donna, Bird of Prey ... Alte Kosenamen, neue Spitznamen. Der Adler ist ein Raubvogel und war schon immer mein Lieblingstier. Schwach erinnere ich mich an das Foto von Fleuri, was sie mir im vorletzten Sommer von einem Festival geschickt hatte. Bunt angestrahlt thronte das Wappentier über dem Eingang zum Partydorf. Wie gern wäre ich an diesem Tag bei ihr gewesen. Könnt ihr mich hören, Mädels? Ich vermisse euch so. Eure Dan ist in den Roller Coaster gestiegen. Dabei wisst ihr doch, wie sehr mich Achterbahnen ängstigen. Mir wird kotzübel von Looping und Schraube.
Am Zielort angekommen nehme ich alles nur noch am Rande wahr. Schlafen, ich will endlich schlafen, den Drehschwindel loswerden. So betrunken war ich bisher kein einziges Mal. Fahrig tasten meine Hände weichen Boden, der sich kühl an meine Wange schmiegt. So ist es perfekt. Hier bleibe ich für eine Weile liegen.
»Was hast du mit meiner Nel gemacht, du versoffenes Stück Scheiße? Ich bringe dich um. Ich hatte dich gewarnt. Meine Tochter hat nichts in deiner versifften Clique verloren.«
Völlig desorientiert reiße ich die Augen auf. In Embryo-Stellung kauere ich auf dem Rasen im kleinen Vorgarten meiner Bleibe auf Zeit. Jemand klopft mir auf den Rücken, ich huste, spucke, röchele, immer im Wechsel. Mir ist so kalt.
»Ganz ruhig, Danielle. Ich bin gleich wieder bei dir. Bitte bleib auf der Seite liegen, so verlässt der restliche Alkohol am besten deinen Magen.«
Blinzelnd erkenne ich die Umrisse meiner Tante, wie sie geschwind auf meinen Dad zueilt, der einen Baseballschläger durch die Luft schwenkt.
»Sag ihm, er soll verschwinden, Lisa. Oder ich sorge dafür, dass er bekommt, was er verdient.«
»Halt die Fresse, du Drecksack. Deine Daughter-Bitch ist selbst schuld an ihrem Zustand. Hat mich gestalkt, gesoffen wie ein Loch, nicht genug bekommen.«
Wo sind die anderen drei, um einen im Zaum zu halten? Wie ferngesteuert schaffe ich es, mich auf allen vieren fortzubewegen, den Weg des Familienduells exakt im richtigen Moment zu kreuzen. Oder auch nicht. Robbie stolpert über meine gebückte Haltung, meine Tante kreischt, Dad holt aus, der Drops ist schmerzhaft gelutscht. Endlich kommt der Schlaf bei mir vorbei, zieht mich hinab ins Reich der Träume. Tief und fest und getroffen. Ich will nach Hause ...
Barrel of a Gun
Happy Birthday to me, wieder ein verfluchtes Jahr älter. Vollgekotzte Doc Martens im Tausch gegen ausgelatschte Vans Old School, stellen jetzt die Kleiderordnung.
Raus aus dem Irrenhaus.
Rauf auf die Halfpipe.
Rein in den Rausch des Vergessens.
Monate liegen zurück, seit ich das letzte Mal hergekommen bin, um bei waghalsigen Stunts auf die Fresse zu fliegen, aufzustehen, es von vorn zu probieren. Jetzt hängt mein Kopf voll mit den Geschehnissen der letzten Stunden und Ereignissen, die sich in Endlosschleife wiederholen: knapp vorbeigeschlittert an einer Alkoholvergiftung. Mäßige Gehirnerschütterung. Lisa, die Krankenschwester, wusste, wovon sie spricht. Und Robbie, der missratene Neffe, hat das Weite gesucht, bevor der Totschläger zu seinem Einsatz gekommen ist. Getroffen hat sie mein Knie. Versehentlich, per Ausfallschritt. Irgendwann ist dennoch Zahltag und es blockiert mich keine D O N NA. Was Daddy unterlassen hat, vergesse ich nicht.
Ein Stück verlagere ich das Gleichgewicht, beuge den Oberkörper vor und fahre mit Schwung die Rampe hinunter, auf der anderen Seite wieder hinauf. Für den Trick benötige ich genügend Airtime, sonst passt der Winkel nicht. Meine Atmung beschleunigt sich. Abheben ist geil. Auf dem Rand aufschlagen eher weniger.
»Zehn zu eins, dass du nicht in der mentalen Verfassung für den BS Olli bist. Du polierst dich. Lass es besser. Ein Veilchen in der Familie reicht für heute.«
Aus dem Augenwinkel betrachte ich Jordan, der sich mit verschränkten Armen an den Rand der deutlich in die Jahre gekommenen Minirampe stellt, nur den Kopf schüttelt. Allein das reicht aus, um mich aus dem Konzept zu bringen. Ich bin noch immer angetrunken, wütend, nicht zu einhundert Prozent Herr über meine Motorik. Ohne Vorwarnung entweicht mir ein derber Fluch, das Skateboard landet im Kies und ich der Länge nach auf dem geraden Stück der Fläche. »Bullshit, Ghost«, schleudere ich ihm und dem sternenlosen Nachthimmel entgegen. »Seit du mit dem Rucksack durchs Hochland tingeln musstest, hat sich ein riesiger Haufen Scheiße über mich ergossen.«
»Braucht der kleine Robbie etwa Schmuseeinheiten oder soll ich ihm etwas vorsingen? Kein Problem, hier kommt das Kinderlied: If you’re happy and you know it, clap your hands.«
»Ach, fick dich doch. Es wäre alles nicht so weit gekommen, hättest du sie nicht verfolgt, weil der Biss in deinen Hals für dich einem Vorspiel gleicht. Die zuvorkommende Gentlemen-Nummer geht mir mittlerweile gehörig auf den glattrasierten Sack.«
»Hörst du dir überhaupt selbst zu? Es war DEINE Anweisung, die Cousine an die Leine zu nehmen. Wenn du also jemandem die Schuld an der Posse geben willst, dann dir selbst.«
Wie von Sinnen springe ich auf, schubse meinen Kumpel ein paar Schritte zurück, der nur ein müdes Lächeln für mich übrighat.
»Entspann dich, sonst könnte man fast auf die Idee kommen, DU stehst neuerdings auf kurze dunkle Haare und einen eher dezent kurvigen Körper.«
Nur wenige Zentimeter stoppt meine Faust vor Jordans perfekt geformter Nase. Im Hyde Park leuchten überall altmodische Laternen, problemlos erkenne ich exakt jede Gefühlsregung auf dem Gesicht meines besten Freundes. Er macht sich Sorgen um mich. Wie immer. Wenn ich mich nicht sinnlos besaufe, dann trinke ich meist schon morgens die ersten Promille. Und wenn ich zwischendurch gar nichts konsumiere, führe ich Aufträge aus, die mir einen ähnlichen Rausch verschaffen. Es ist ein immerwährender Kreislauf des Son of a Braindead Bitch.
»Du kannst Donna haben«, erkläre ich nüchtern. »Mach sie zügig fertig. Je eher verzieht sie sich zurück ins Paradies.«
»Danielle ..., Robbie. Und ich denke nicht, dass sie eines von den Venice Beach Püppchen ist, die ihre Titten in knappen Tops und ihre Ärsche in noch kürzeren Hotpants zur Schau stellen.« Eine Spur zu fest klatscht er mir auf die Wange. »Du musst sie nicht mögen, du kannst ihr verbal verdeutlichen, dass sie sich von dir und uns fernhalten soll. Du darfst ihr schlimme Dinge in deinem Kopf antun, aber du darfst sie nicht körperlich verletzen. Sonst bist du wie deine Mum. Vergiss das nicht.«
Treffer versenkt. Fest die Zähne zusammenbeißend bringe ich Abstand zwischen uns, schnappe mir das Board und kehre zum asphaltierten Weg zurück. Parallel vibriert es in der Gesäßtasche meiner zerfledderten Jeans. Nur ein Blick reicht aus und das nächste Etappenziel ist klar. Rechts und links dehne ich meinen Nacken, wische mir den Schweiß von der Stirn, schaue mir flüchtig über die Schulter. »Wir sehen uns.«
»Verdammt, wo willst du schon wieder hin? Du fährst in die völlig falsche Richtung.«
Eine Antwort bleibe ich ihm schuldig. Viel zu tief hänge ich in der knappen Nachricht fest und meinen Gedanken an unsere kaputte Truppe: Ghost, Pinky, The Kid und ich, Reaper. Jeder von uns trägt das Zweite Gesicht:
J O R D A N aka Ghost ...
kennt mich am längsten und doch bleibt er auch nach all den Jahren undurchschaubar. Er führt ein Leben mit mir am Limit und ein Leben ohne mich in geordneten Verhältnissen. Als Student der Kommunikationswissenschaften stammt er aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, verfügt nicht über zu viel oder zu wenig Kohle auf dem Bankkonto. Wäre ich eine Pussy, würde ich ihn ficken wollen. Allzeit verstrubbelte schwarzbraune Haare, himmelblaue Augen, ein entwaffnendes Zahnpastalächeln mit zwei Grübchen und ein Body, der Dreckiges in die Köpfe der Weiber treibt. Nur wenige Male wurde ich bisher Zeuge seiner Eskalation, weil wir größtenteils nicht im Rudel durch die Gegend vögeln. Gab es danach Verletzte? Bis heute weiß ich nicht, ob das Mädchen jemals wieder Halloween ohne Pinhead-Flashbacks erleben wird. Sie wollte sich fürchten. Sie wählte den Hellraiser. Sie bekam eine private Session mit ihm. In vier Monaten jährt sich das. Halloween 2025. Shit, vielleicht verkleide ich mich dann als Leatherface. Seine irre Geschichte passt zu mir.
Penny aka Pinky & Kyle aka The Kid ...
sind kontrovers pervers. Beide Fetischlisten sind so lang, wie es mein Vorstrafenregister wäre, würde ich nicht jemanden kennen, der Abhilfe geschaffen und es ausradiert hat. Ficke ich das Mädchen in unserer Mitte? Nein! Vögelt sie derbe mit ihrem Zwillingsbruder? Die Klickraten auf Only Fans schnellen regelmäßig in die Höhe, sobald dort Siblings am Werk sind und Taboo Romance auf ein anderes Level hieven. Ob tatsächlich Blut des ersten Verwandtschaftsgrads durch ihre Adern fließt, hinterfrage ich nicht. Wir kennen uns seit einer extremen Nacht, so wurden sie mir von Ash vorgestellt, mir soll es egal sein.
Lust but not least. Who the Fuck is Reaper, Robbie und neuerdings auch Ronny?
Immer schneller jage ich mit dem Skateboard die Gehwege im Park entlang, nehme Abzweigungen oder Abkürzungen durch geschützte Grünflächen. Meine Uhr zeigt eine Stunde nach Mitternacht, bis auf ein paar Junkies und Obdachlose ist niemand unterwegs. Dass erste Regentropfen vom Himmel fallen, gefällt mir. Flüssig ist selbst im Frühsommer immer gut, weil der notorische Quartalssäufer an der Grenze zur Steigerung steht und mir scheißegal ist, wie ich gleich aussehen werde. Standard ist das hier: Mittelbraune Haare. Grundsätzlich ein variabler Buzz Cut. An den Seiten auf fünf Millimeter gestutzt, oben etwas länger. Und wenn’s mich im Rausch packt, auch mal weißblond gefärbt. Gibt es noch mehr über mich zu wissen? Mein Zünder ist kurz. Ich trage einen Dämon in mir. Patientin 10239 hat meinem Dad an einem schwülen Frühsommerabend die Kehle aufgeschlitzt. Robbie ist immerzu wütend. Reaper ist leidenschaftlich böse. Zusammen sind wir nicht die Sorte Wichser, der man sogar am Tag über den Weg laufen möchte. Nette Gespräche am gedeckten Küchentisch sind also Fehlanzeige. Nicht umsonst trage ich das Kreuz auf der linken Brustseite.
Ich bin:
Ultra Violence
Zu einhundert Prozent.
Kurz vor dem Ostausgang bleibe ich an einer beschilderten Weggabelung stehen, wische mir die Regentropfen aus dem Gesicht. Noch habe ich die Wahl. Vor mir wartet Ash mit dem Auftrag, hinter mir wartet ein Zuhause, das ich verabscheue. Genervt von meinem Leben, rutsche ich mit dem Board die nächste steile Treppe hinab, breche mir fast den Hals. Holperiges Kopfsteinpflaster erwartet mich, düstere Friedhof-Vibes und die Anwesenheit angriffslustiger Grauhörnchen. Die Viecher verteidigen ihr Territorium brutal. Wer für ein entspanntes Sightseeing herkommt, der wird an besonders schlechten Tagen im Rudel überfallen. Einen besseren natürlichen Schutzwall vor Touristen im Überfluss gibt es nicht.
In leichten Schlangenlinien jogge ich an Bäumen, Sträuchern, diversen Skulpturen vorbei, halte das Skateboard griffbereit, um mich notfalls zu verteidigen. Ash Carmack wohnt in einer unter Denkmalschutz stehenden Villa. Sauteuer. Edel. Verspielt. Dekadent. Und vieles mehr. Je nachdem, ob wir durch das Devilsdoor schreiten oder uns auf dem Angelsfloor aufhalten ... Bis zum Beischlaf in Samt und Seide versus Hardcore-Vibes ist alles dabei. Für jetzt nehme ich mir vor, mich an eine simple Abfolge zu halten: Eintreten, ein Glas Scotch kippen, Auftrag entgegennehmen und wieder verschwinden. Die Lust auf das Box ist mir vergangen und daher ebenfalls jede Art von Laune auf schmutzige Geburtstagsgeschenke aus der Requisitenkiste meines Mentors.
Kaum Licht brennt im Haus, dafür strahlen eingelassene Spots auf dem Vorplatz eine lebensgroße, in sich verdrehte Statue zwielichtig an. Gut und Böse vereint. Jedes Mal ziehe ich diesen Vergleich. In der Stille deines Herzens hört dich niemand schreien. Erneut vibriert das Smartphone, und meine Vorahnung, von wem diese Nachricht stammen könnte, bestätigt sich. Ich überfliege im Eiltempo, weil der Boss nicht gern wartet:
Robbie ..., bitte komm nach Hause. Danielle schläft, Logan hat sich beruhigt und ich mache mir schon wieder große Sorgen um dich. Lass uns endlich miteinander reden. So geht es nicht weiter. Du hast eine Familie, vergiss das nicht. Alles Gute zum Geburtstag, mein Großer. Im Kühlschrank wartet noch ein Stück deines Lieblingskuchens auf dich. Tante Lisa.
Fuck. Fuck. Fuck. Getriggert presche ich vor, die doppelflügelige Tür zum Anwesen springt wie von Zauberhand auf, Ash ist sofort zur Stelle. Das Glas hin- und herschwenkend lockt er mich zu sich wie den Esel zur Möhre, führt mich diesmal direkt hinein in sein behagliches Büro. Es kommt nicht oft vor, dass er die heiligen Pforten der Macht für mich öffnet. Schwarz und Gold sind hier die vorherrschenden Farben, entsprechen zu einhundert Prozent seinen ambivalenten Neigungen. Gierig reiße ich ihm den guten Stoff aus der Hand, kippe direkt alles in mich hinein.
»Mehr?«
»Flasche!«
»Aber sicher, mein Sohn.«
An Tagen wie diesen lasse ich gern zu, dass er sich als mein Ersatzdaddy aufspielt. Wiederholt genieße ich das Brennen in meiner Kehle, setze mich vor den Kamin in einen der Ohrensessel, starre nachdenklich in die schwach glimmende Glut. »Du hast einen neuen Auftrag für mich, Ash?«
»Nicht so förmlich. Zuerst gilt es, auf deinen zwanzigsten Geburtstag anzustoßen. Findest du nicht?«
»Drauf geschissen. Komm zur Sache. Ich bin echt nicht in der Stimmung für Small Talk.«
»Wann bist du das jemals?!«
Mein Grinsen ist breit, aufgesetzt und kühl, hat etwas von einem Irren, der kurz vorm Austicken steht. Klack. Klack. Stopp. Die Bombe geht nicht hoch. Stattdessen setzt sich der aschblonde Mittdreißiger in den Sessel gegenüber. Dass nur eine locker sitzende Jogginghose explizit baumelnde Körperstellen bedeckt, stört ihn nicht im Geringsten. Trotz des Promille-Nachschubs summiere ich blitzschnell die offensichtlichen Fakten, halte nichts hinterm Berg. »Warst du nach dem Fick wenigstens duschen? Oder hast du mir etwa mit der Hand Flasche und Glas überreicht, mit der du tief in einer deiner Sklavinnen stecktest?«
Ash beugt sich vor, streicht sich über den obligatorischen Zweitagebart. »Das Wort klingt so archaisch, Robbie. Die Frauen sind hier, weil sie es wollen und brauchen. Ebenso von dir, wenn du es dir selbst gestatten würdest. Es steht dir frei, dich an deinem Ehrentag hinein in den Sonnenaufgang zu vögeln.«
»Danke, wurde schon angekotzt heute. Wer weiß, worauf deine Weiber so stehen. Gib mir den Briefumschlag und dann bin ich wieder weg.«
»Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du ein Problem damit hast, deinen Schwanz in eine Pussy zu stecken. Sind es womöglich eher Ärsche, die dich zum Stehen bringen? Falls ja, auch mit dieser Kombination versorgt dich dein fürsorglicher Daddy.«
Noch einmal trinke ich und lege direkt nach. Es ist eindeutig zu spät für eine derartige Diskussion oder zu früh. Wie man es nimmt. Ich recke mich, werde kritisch vom durchtrainierten Mister Auftraggeber gescannt. Es ist utopisch, ihm keine Antwort auf seine Frage zu geben. So läuft das. Ash Carmack war mein Messias in letzter Sekunde, jetzt bin ich sein Jünger, ähnlich wie Renfield es für Dracula gewesen ist. Ich sollte definitiv weiterkippen, vielleicht fresse ich dann auch Fliegen.
»Ich warte, Reaper.«
