Romeos Payne - Nordlichtnebel - Ana D. Rocky - E-Book

Romeos Payne - Nordlichtnebel E-Book

Ana D. Rocky

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Beschreibung

 Kann die Liebe alles überwinden, sogar den Tod?  Dem düsteren, unbarmherzigen Todesengel Elijah wird Hochverrat vorgeworfen. Nach einer letzten gemeinsamen Nacht mit seiner Schicksalsliebe Arianna, gelingt ihm die Flucht ins Exil. Elijah ist  gezwungen,  sich den tiefsten Abgründen seiner verlorenen Seele zu stellen und seinen moralischen Kompass zu brechen. Der Gejagte wird zum Jäger. Erneut muss er alles in die Waagschale werfen. Er verweigert die Antworten, die nun auf ihn warten. Im Strudel des Chaos, das durch ihn entstand, muss er darauf vertrauen, dass Arianna endlich ihre Lebensaufgabe findet und erfüllt. Elijah verfolgt nur ein einziges Ziel: sich sein Sommermädchen zurückzuholen. Dabei begeht er einen folgenschweren Fehler, der den gesamten Zorn des Systems auf Arianna zieht. Zwei Seelen, ein Schicksal – der Vorhang fällt! Band 2 der Dark Romantasy Trilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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ROMEOS PAYNE

NORDLICHTNEBEL

ANA D. ROCKY

INHALT

Nordlichtnebel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Glossar

Playlist Elijah Romeo

Playlist Arianna Payne

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

Dark Reverse Harem

Dark New Adult

Dark Age Gap Romance

Leserwarnung

IMPRESSUM

1. Auflage

Copyright © 2024 Ana D. Rocky, Deutschland

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Sternfeder Verlag

Lektorat & Korrektorat: Sternfeder Verlag

Herausgeber: Sternfeder Verlag

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich.

Jede Verwendung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

Personen und Handlungen sind frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen rein zufällig.

Mehr über die Autorin Ana D. Rocky:

www.facebook.com/anadrocky

Instagram: @ana.d.rocky.autorin

www.anadrocky.com/shop

[email protected]

Die Liebe fragt nicht ...

Die Liebe urteilt nicht ...

Die Liebe findet dich!

NORDLICHTNEBEL

Manche Momente sind magisch. Sie zaubern dir ein Lächeln ins Gesicht. Du bist glücklich, fühlst dich geborgen und sicher.

Manche Momente ängstigen dich. Sie durchdringen deine Haut. Du sträubst dich dagegen und doch musst du es aushalten und weitermachen.

Manche Momente sind ungewiss. Sie lassen dich ratlos und voller Fragen zurück. Du möchtest die Zeit zurückdrehen und dich in schützende Arme legen, die dich halten und dir den Weg weisen.

Dieses Buch wird dein Moment.

Es wird dich fordern, deine Tränen sehen wollen und sie liebevoll trocknen.

Denn du bist es wert!

Eine ausführliche Leserwarnung findest du am Ende dieses Buches. Pass auf dich auf.

PROLOG

Mein Atem kristallisiert in der Luft und ich spüre jeden einzelnen meiner schmerzenden Knochen. Die verwitterte Veranda, auf der ich sitze, bietet keinen Schutz vor dem eisigen Wind, der über das winzige Holzhaus hinwegfegt. Ich sollte hineingehen, mich vor den knisternden Kamin setzen und meine Wunden lecken. Aber es ist nicht das, was ich brauche. Zumindest für den Moment. Ariannas Geruch klebt noch an mir.

Deshalb verweile ich hier draußen und verfolge düster einen Schwarm schwarzer Krähen, der seine Kreise in einiger Entfernung über der Schlucht dreht. Sie kreischen zu laut, als hätten sie dort unten etwas gewittert. Vielleicht eine verirrte Seele, die vor ihrer Bestimmung flüchtet und den Weg auf die andere Seite sucht. Aber das hat mich nicht zu interessieren. Nicht mehr.

Die wenigen Stunden, die ich von Ari getrennt bin, brennen in mir wie eine verfluchte Ewigkeit. Und wenn ich versuche, sie zu spüren, ist da fucking nichts. Unsere Verbindung ist endgültig gekappt, seit ich hierher geflohen bin. Ins Naraka, meinem Exil und allumfassendes Wort für den Ort, an dem die Toten gerichtet werden. Mit einer Frau, von der ich dringend Antworten benötige. Die im Inneren des Hauses in Wartestellung vor einem antik wirkenden Schachbrett sitzt und sich überlegt, mit welcher Strategie sie den Todesengel aus der Reserve lockt. Dabei war sie diejenige, die mich abholte und an diesen geheimen Ort brachte. Es gibt keine anderen Worte, für das, was ich bin.

Geschlagen und Schachmatt.

Arianna ist nicht mehr bei mir.

Mein Auftrag endet hier und ich spüre eine erdrückende Leere in mir, die unerträglich ist. Theoretisch könnte ich den Sprung, von der nur ein paar Meter entfernen Klippe, in die Tiefe wagen. Aber dafür bin ich zu feige. Außerdem klammere ich mich an den Gedanken, mein Sommermädchen irgendwann wiederzusehen.

Vorsichtig berühre ich die leere Stelle an meinem Hals. Die Kette gehört jetzt ihr und Ari damit unwiderruflich zu mir.

Wie ein alter Greis wippt mein nackter Fuß knarrend mit dem Schaukelstuhl. Ich habe im Leben und im Tod so ziemlich alles versaut. Statt die Dinge in Ordnung zu bringen, erschuf ich nur mehr Chaos.

So viel Leid, durch mich.

Meine Hand ballt sich zur Faust, lockert sich dann aber wieder. Mit dieser unendlichen Wut wird es nicht besser.

Etwas umständlich stehe ich auf und beiße die Zähne zusammen, halte mir die Seite. Die Verletzungen an Bauch und Rücken, durch die Peitschenhiebe, sind übel. Aber das ist mir egal. Es ist das, was ich verdiene. Der Schmerz in meinem Inneren an die Oberfläche katapultiert.

Tief einatmend trete ich an den Rand der Veranda und lege den Kopf in den Nacken, halte mein Gesicht direkt in den Wind. Verharre so für eine Weile, flüstere ihren Namen.

Arianna!

Erinnere mich an ein zartes Lächeln. An leicht geöffnete Lippen, die leise meinen Namen hauchen, während sich Fingernägel in meinen Rücken bohren. Mich damit antreiben, ihre Seele für die Ewigkeit zu binden. Ich bete, dass es ihr gut geht. Sie ihre Lebensaufgabe erfüllen wird. Klammere mich an den einzigen Strohhalm, der mir jetzt noch bleibt: An ihr Versprechen, es zu versuchen und nicht aufzugeben.

Eine einsame Träne bahnt sich ihren Weg, die der Wind sofort erfasst und davonträgt. Zu mehr ist mein verkrüppeltes Herz nicht in der Lage. Und doch ist es die erste Träne seit Jahrhunderten.

Sanft legt sich eine Hand auf meinen Arm und ich weiß, dass die Zeit der Antworten nun gekommen ist.

»Elijah, lass uns über meine Tochter reden.«

KAPITEL1

ARIANNA

Ein halbes Jahr später ...

Zum hundertsten Mal betrachte ich die junge Frau, die mir mit strahlend blauen Augen aus dem Spiegel entgegenblickt. Kaum zu glauben, das soll wirklich ich sein?

Die letzten Monate haben ihre Spuren hinterlassen. Und doch bin ich jetzt hier. In einem schicken Hotelzimmer in Philadelphia. Auferstanden, wie Phoenix aus der Asche. Nur, um das Versprechen einzulösen, welches zentnerschwer auf meinen Schultern lastet.

Diese Frau im Spiegel hat wenig mit der alten Arianna Payne gemeinsam. Auch wenn sie irgendwo tief unter der Oberfläche schlummert.

Der Stoff des schlichten schwarzen Abendkleides, welches knapp über den Knien endet, schmiegt sich eng an meinen Körper und fühlt sich unglaublich gut an. Obwohl es hochgeschlossen ist und nur wenig Haut freigibt, wirkt es nicht streng, sondern sexy. Elegant sexy. Dazu trage ich Schuhe mit mörderischen Absätzen. Sie werden mich umbringen, ich weiß es. Aber sie verhelfen mir zu einer akzeptableren Körpergröße, schon allein deshalb sind sie unverzichtbar.

Meine langen blonden Haare sind zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, aus dem sich vereinzelte Strähnen lösen. Ausnahmsweise bin ich heute Abend auch geschminkt. Alles ganz dezent: etwas Make-up, auf den Wangen eine zarte Röte, die Wimpern getuscht und zu guter Letzt ein wenig Lipgloss.

Ich drehe mich hin und her. Unter der perfekten Maskerade versteckt sich die tiefe Traurigkeit, die mich seit Monaten permanent in ihrem eisernen Griff hält. Elijah ist fort. Endgültig. Und hätte ich ihm dieses alberne Versprechen nicht gegeben, wäre ich heute zweifelsohne auch nicht hier. Er fehlt mir jeden Tag. Man sagt, die Zeit heilt Wunden. Das mag sein. Aber tiefe Wunden vernarben und manchmal brechen sie plötzlich auf und eitern schmerzhaft vor sich hin.

An manchen Tagen denke ich, es geht bergauf. Dann glaube ich tatsächlich, ich könnte alles schaffen. Die Kurve bekommen, den richtigen Weg finden, wie versprochen. Am nächsten Tag jedoch bin ich zu erschöpft, um mich zu irgendetwas zu motivieren. Elijah hat sich wegen mir zur Zielscheibe gemacht, deshalb bin ich es ihm schuldig, jeden Tag mein Bestes zu geben.

Ich straffe die Schultern und streiche den Stoff des Kleides noch einmal glatt. Langsam packt mich die Nervosität. Es bleibt zum Glück genügend Zeit für einen Drink, der meine Nerven hoffentlich ein wenig beruhigt. Die Minibar gibt nicht viel her. Sie beschränkt sich auf Sekt, Wein und Whiskey. Ich entscheide mich für eine kleine Flasche Prosecco. Der passende Drink zur neuen Arianna. Die alte Version von mir hätte sich damit nicht zufriedengegeben und beim Zimmerservice ein anständiges Dosenbier geordert.

Wenig damenhaft trinke ich den Prosecco direkt aus der Flasche. Leere sie in einem Zug und befördere sie dann mit einem zielsicheren Wurf in den Mülleimer. Die kleine Menge Alkohol reicht aus, um eine angenehme Wärme in meinem Körper zu verbreiten. Durch dieses furchtbare Lampenfieber habe ich heute kaum einen Bissen herunterbekommen, sodass ich jetzt äußerst sparsam mit meinem Alkoholkonsum umgehen sollte. Denn ein kühler Kopf ist heute Abend überaus wichtig.

Ich werfe einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, lege etwas Lipgloss nach, schnappe mir meine Clutch und begebe mich dann auf den Weg in die Hotellobby. Drake erwartet mich bereits. Er hat es sich im Loungebereich gemütlich gemacht. Als er mich erblickt, erhebt er sich und pfeift anerkennend.

»Hallo schöne Dame, wer sind Sie und was haben Sie mit Miss Payne gemacht?«, frotzelt er, ergreift meine Hand und deutet einen Handkuss an.

Ich schnaube und schlage ihm neckend die Clutch auf den Kopf. »Sehr witzig, Drake.«

Drake lacht und zieht den Kopf ein. Er selbst ist ebenfalls wieder todschick gekleidet. Trägt einen eleganten grauen Anzug, der garantiert nicht von der Stange kommt. Das schwarze Hemd passt perfekt zu seinen ebenso schwarzen Augen. Die Haare sind wie immer ordentlich frisiert, er trägt sie ein klein wenig länger, was ihm außerordentlich gut steht. Drake sieht aus, als wäre er einem Hochglanz-Modemagazin entsprungen. Makellos schön. Heute fühle ich mich ausnahmsweise nicht so deplatziert neben ihm.

»Im Ernst, Miss Payne: Sie sehen bezaubernd aus.« Sein Lächeln ist ehrlich. Ich drücke den Rücken durch und straffe die Schultern. Die letzten Unsicherheiten schwinden dahin.

»Bereit für den großen Auftritt?«, fragt er. Ich nicke und er bietet mir seinen Arm an, in den ich mich einhake und von ihm in die Tiefgarage führen lasse.

Drake weiß, wie wichtig der heutige Abend ist. Zu behaupten, ich würde unter Lampenfieber leiden, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts. Um es drastisch auszudrücken: Mir geht der Arsch auf Grundeis. Die einstudierte Rede sitzt, darum mache ich mir keine Sorgen. Es ist die Tatsache, heute Abend im Mittelpunkt zu stehen, die mir wirklich zu schaffen macht.

Drake drückt sanft meine Hand, die auf seinem Arm liegt. Eine Geste, die mir einen wohligen Schauer über den Körper jagt. Denn er gibt mir das Gefühl, nicht alleine zu sein. Er ist mein Rückhalt. Und in den vergangenen Monaten ein enger Vertrauter geworden.

Neben Mitch, meinem ehemaligen Boss und Iris, seiner Frau, ist Drake der einzige, dem ich blind vertraue. Der in der dunkelsten Zeit meines Lebens an meiner Seite war und mir geholfen hat, das Versprechen zu halten.

Elijahs Fortgang war nicht nur für mich schwer zu verkraften. Auch für Drake war es ein derber Verlust, denn immerhin waren sie Freunde. Seit Ewigkeiten.

Am Morgen nach seinem Verschwinden rief ich Drake an und erzählte ihm, dass er aus dem Narthex entkommen und im Exil untergetaucht war. Bis heute ist ihm schleierhaft, wie Elijah die Flucht gelingen konnte. Niemals zuvor hat es jemand geschafft, sich dem Tribunal zu entziehen. Etwas erträglicher macht es für uns nur das Wissen, dass Elijah lebt. Wenn man den Zustand so bezeichnen möchte. Wo er sich genau aufhält und wie es ihm dort ergeht, ist die große Preisfrage, auf die wir keine Antwort haben.

Ich bin dankbar, meine Gedanken, Gefühle und Ängste wenigstens mit Drake teilen zu können. Denn Iris und Mitch dürfen niemals das ganze Ausmaß der Situation erfahren. Obwohl Mitch eine Ahnung hat. Schließlich erinnert er sich an zu viele Details, diese eine Schicksalsnacht betreffend.

Die Nacht, in der sein Leben enden sollte. Er wurde von einem Auto überfahren. An der Schwelle des Todes, an der sein Weg eigentlich nur in die eine Richtung führte, griff Elijah in das Schicksal ein und brachte ihn zurück ins Leben.

Es war ein Akt der Liebe. Ein Geschenk an mich. Denn er wusste, dass der Schmerz über den Verlust von Mitch mich zerstören würde. Er lebt weiter. Und ist der Grund dafür, warum Elijah selbst fort ist. Für immer.

War er tatsächlich der Ansicht, dass diese Alternative erträglicher wäre? Sein Leben für das von Mitch? Ich schlucke trocken und versuche, die aufkeimende Traurigkeit zurückzudrängen. Jeden Morgen wache ich auf und hoffe, dass alles nur ein böser Traum war. Doch so kurzweilig die Hoffnung ist, umso härter ist die Realität. Ein Leben ohne Elijah liegt vor mir. Die Gewissheit trifft mich jeden Tag aufs Neue.

Drake wirft mir einen besorgten Seitenblick zu und dreht das Autoradio etwas leiser.

»Ist alles in Ordnung?«, fragt er.

»Ja. Alles bestens«, beteuere ich und schenke ihm ein zaghaftes Lächeln. Wir wissen beide, dass es gelogen ist. Ich lehne mich zurück und schaue aus dem Autofenster. Philadelphias Straßen leeren sich langsam. Wir werden in wenigen Minuten den Zielort erreichen.

»Keine Zeit für Traurigkeit, Miss Payne. Die heutige Nacht gehört Ihnen. Alle Blicke werden auf Sie gerichtet sein. Nicht nur, weil Sie die Künstlerin sind, die diese grandiosen Bilder erschaffen hat. Sondern vor allem wegen Ihrer ganzen Erscheinung. Sie sehen umwerfend aus, strahlen mit den Sternen am Himmel um die Wette. Lassen Sie dieses Event zu etwas Unvergesslichem werden. Es ist Zeit für den Neuanfang. Er hätte es sich so gewünscht! Das wissen Sie.«

Er hat recht. Zitternd hole ich Luft und streiche mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Heute Nacht wird alles gut. Ich habe es schließlich versprochen.

Drake hält direkt vor dem herrschaftlichen Gebäude, in dem die Kunstausstellung stattfindet. Es ist derselbe Ort, an dem vor wenigen Monaten unser aller Leben diese dramatische Wendung nahm.

Damals waren Mitch, Drake und ich zu einer Vernissage eines jungen Malers eingeladen. Zane Matthews, zu jener Zeit gänzlich unbekannt in der Kunstszene. Sehr wohl ein aufstrebendes Talent.

Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den Galeristen kennen, Niles Kerrington. Ein alter Freund von Drake. Er bekundete großes Interesse an meinen Werken und lud mich ein, selbst einmal in seiner Galerie auszustellen. Deshalb sind wir nun heute hier!

Ehe Drake den Wagen umrundet hat, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein, stehe ich bereits mit weichen Knien vor der großen Steintreppe. Versuche, die aufkommende Panik im Keim zu ersticken. Ungebetene Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich sehe die alte Version von mir, wie sie flachsend mit Zane am oberen Treppenabsatz steht. Wir hatten solchen Spaß zusammen. Aber dann stolperte Mitch über die Bordsteinkante und wurde von einem vorbeirasenden Auto erfasst.

Mein Mund ist staubtrocken und ich schlucke schwer. Die Erinnerung daran, wie Mitch durch die Luft wirbelt und mit einem dumpfen Geräusch erst auf der Motorhaube und dann auf dem nassen Asphalt aufprallt, fegt wie ein heftiger Sturm über mich hinweg. Zurück bleibt ein riesiges Durcheinander von Emotionen und Gedanken. Niemals werde ich diesen Augenblick vergessen.

Der Kampf, den ich in diesem Moment mit mir selbst ausfechte, bleibt für Drake nicht unbemerkt. Ich spüre seine Hand in meinem Rücken und Wärme breitet sich in mir aus. Er erdet mich mit einer einzigen Berührung.

»Sie schaffen das, Miss Payne«, raunt er mir zu.

Ich kneife die Augen zusammen, straffe die Schultern und steige dann diese verdammten Treppen hinauf. Ein Concierge öffnet uns die Tür und Drake dirigiert mich zielsicher durch die Besuchermassen. Wir werden bereits erwartet.

»Sie sehen umwerfend aus, Miss Payne!« Mister Kerrington ergreift meine Hand und führt mich in den Privatbereich, der nur dem Personal vorbehalten ist.

»Du liebe Güte, es sind verflucht viele Leute hier!«, stelle ich fest und die Nervosität steigert sich mit jeder Sekunde.

»Nicht wahr? Ich habe Ihnen nicht zu viel versprochen, Miss Payne. Ihre Bilder finden großen Anklang. Ich bin mir sicher, dass wir am Ende einige davon zu einem anständigen Preis verkaufen werden.«

Es wäre eine Lüge zu behaupten, dass Geld keine Rolle für mich spielt. Im Gegenteil, momentan fehlt mir ein geregeltes Einkommen, denn ich habe vor einiger Zeit alles auf eine Karte gesetzt und den Job als Kellnerin in Mitchs Diner an den Nagel gehängt. Um mich ausschließlich auf meine Kunst zu konzentrieren. Wünschenswert ist also, dass Mister Kerrington Recht behält. Dennoch ist es meine Leidenschaft für die Malerei, die insgeheim im Vordergrund steht. In den Bildern verarbeite ich persönliche Erfahrungen, Gedanken und Emotionen. Es stecken so viele meiner intimsten, geheimsten Fantasien darin. Ich möchte die Menschen berühren und zum Nachdenken anregen, sie eintauchen lassen in meine Welt der Farben. Ich offenbare ihnen meine Seele, mache mich verletzlich und angreifbar. Alles oder nichts.

Mister Kerrington erläutert mir erneut den Ablauf des heutigen Abends. Diese Ausstellung unterscheidet sich grundlegend von der, die mir Drake damals ermöglichte. Im Midnite habe ich Kunst um die Kunst erschaffen. Jedes Bild wurde auf originelle Art in Szene gesetzt. Es gab keine Eröffnungszeremonie oder professionelles Marketing im Vorfeld. Die Besucher kamen nur zum Teil wegen meiner Werke. Viele von ihnen waren schlicht Stammgäste des Midnite.

Diesmal ist alles anders. Die Gäste sind mit persönlicher Einladung hier. Ihnen werden teure Spirituosen serviert und bezaubernde, junge Kellnerinnen balancieren Tabletts mit Horsd'oeuvres durch die Reihen. Für die passende musikalische Untermalung sorgt ein Pianist, der an dem riesigen, schwarz glänzenden Flügel sitzt. Seine Finger tanzen fast zärtlich über die Tasten, und obwohl ich kaum etwas von klassischer Musik verstehe, erkenne ich das Stück, welches er spielt. Es ist Arabesque No. 1 von Debussy.

Nachdenklich lasse ich den Blick umherschweifen. Versuche, das vornehme Ambiente mit meinen Bildern in Einklang zu bringen. Doch ich spüre eine Art von Disharmonie. Wie ein plötzlicher Misston in einem Musikstück. Szenerie und Kunstwerke passen hier nicht zusammen. Obwohl meine Bilder klassisch und ohne schmückendes Beiwerk an den Wänden hängen, ist die Galerie allein schon Ablenkung genug. Ob die Gäste es ebenso empfinden?

Mister Kerrington redet unentwegt auf mich ein. Ich höre nicht mehr zu, denn immer deutlicher drängt sich mir die Frage auf, ob das alles hier noch irgendetwas mit mir zu tun hat. Diese klassische Eleganz. Prunk und Protz. Angefangen beim riesigen Kronleuchter, der von der Decke im Empfangsbereich strahlt, bis hin zu den üppigen, bunten Blumenbouquets, die in viktorianische Vasen gesteckt, die Räume schmücken. Die gut betuchten Gäste tragen allesamt teure Abendroben und lassen keinen Zweifel daran, dass sie sich selbst gern zu den oberen Zehntausend zählen.

Unbewusst schüttele ich den Kopf. Es widerstrebt mir, gleich vor ihnen zu sprechen, mich und meine Werke zu präsentieren. Ich will ihr Urteil nicht.

Ich spiele eine Rolle, bin keine von ihnen. Das dreckigste und von Drogen und Kriminalität verseuchteste Viertel New Jerseys ist mein Zuhause. Ich bin nicht elegant, bin keine Frau von Welt. Und erst recht lege ich keinen Wert auf Glanz und Gloria. Ich bin Arianna Payne. Chaotisch, unangepasst, renitent.

Dennoch stehe ich hier in elegantem Abendkleidchen. Mit einem aufgesetzten Lächeln auf den Lippen. Warte darauf, dass Mister Kerrington hinter das Rednerpult tritt und mich den Gästen ankündigt. Als er mir das Mikrofon überlässt, benötige ich einen Moment, um mich zu sammeln. Meine Hände sind eiskalt und schwitzig. Ich friere und schwitze zugleich.

Die erwartungsvollen Blicke der Gäste brennen auf meiner Haut. Am liebsten würde ich losrennen, von hier verschwinden. Doch dann finde ich Drake, er steht ganz rechts im Publikum, nickt mir aufmunternd zu. Ich räuspere mich, ehe ich den auswendig gelernten Text herunterrassele. Eine Ode an die Kunst – oder eben nicht!

»Guten Abend, meine sehr verehrten Gäste. Mein Name ist Arianna Payne und ich freu mich, Sie hier heute begrüßen und Ihnen meine Kunstwerke präsentieren zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Als kurze Erklärung zu meiner Person sollten Sie wissen, dass ich mich seit frühester Kindheit für die Welt der Malerei interessiere. Das Malen hat eine therapeutische Wirkung auf mich. Es ist ein Ausgleich zum Alltag. Hilft mir, zu entspannen und das innere Gleichgewicht wiederzufinden.

Inspiriert durch das Museum of Bad Art kam mir jüngst die Idee einer eigenen Ausstellung. Wobei sich meine Kunstwerke doch hoffentlich von jenen, die es dort zu bewundern gibt, deutlich unterscheiden! Die erste Ausstellung ermöglichte mir ein guter Freund, Drake Martinez, der mir seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte. Sie war ein voller Erfolg und eine unbeschreibliche Erfahrung. Durch Mister Martinez lernte ich auch den Gastgeber des heutigen Abends kennen und nun bin ich hier und darf Ihnen meine Werke präsentieren. Vielen Dank, Mister Kerrington für diese Chance!

Ich hoffe, Sie finden Gefallen an den Bildern. Und lassen sich in eine Welt entführen, in der Emotionen Farbe tragen. Für Ihr leibliches Wohl ist auch gesorgt. Bitte genießen Sie den Abend und lassen es sich gutgehen!«

Es folgt ein gemäßigter Applaus, nachdem ich mit meiner Rede geendet habe. Mit zitternden Knien verlasse ich das Rednerpult und flüchte mich in Drakes Arme.

»Das haben Sie mit Bravour gemeistert, Miss Payne. Zeit, zum entspannten Teil des Abends überzugehen!« Drake lächelt und reicht mir einen Drink.

»Martini. Ohne Olive!«, erklärt er augenzwinkernd und bringt mich damit zum Schmunzeln. Ich nehme direkt einen großen Schluck.

Wenn Drake der Ansicht war, wir könnten entspannt durch die Ausstellung flanieren, hat er sich leider getäuscht. Ich werde regelrecht belagert und mit Fragen überhäuft. Immer wieder verlangen die Gäste Erklärungen zu den einzelnen Kunstwerken. Sie diskutieren und kotzen mir ungefragt ihre Meinungen vor die Füße. Die Bilder werden zerredet, beurteilt und fehlinterpretiert. Nach einer hitzigen Debatte mit einem besonders hartnäckigen Interessenten, der sich selbst als Kunstkenner bezeichnet und durchweg negative Kritik an mir übt, sehne ich mich nach einer Pause. Die Füße schmerzen. Dabei ahnte ich schon vorher, dass ich diese verdammten High Heels am Ende verfluchen würde.

Das Glas in meiner Hand ist leider schon leer. Um den Wahnsinn hier unbeschadet zu überstehen, benötige ich dringend Nachschub. Also greife ich mir ein Sektglas vom Tablett der Kellnerin, die gerade an mir vorüberlaufen will. Zu meiner Enttäuschung handelt es sich um trockenen Sekt. Ich trinke lieber süßlichen. Doch darüber ist hinwegzusehen, denn ursprünglich sollte heute Champagner serviert werden. Ich verabscheue dieses ekelhafte Gesöff, deshalb war es mein nicht verhandelbarer Wunsch, ihn durch Sekt zu ersetzen.

»Na? Macht es Spaß den Leuten zu erklären, was die Künstlerin mit ihren Bildern ausdrücken möchte?«Erschrocken über die Stimme hinter mir, die zu dicht an meinem Ohr ist und mir seltsam vertraut vorkommt, wirbele ich herum. »Oder wären kleine Erläuterungstafeln neben den Bildern sinnvoll?«

Trotz der Mörderabsätze meiner Schuhe, die mich um einiges größer machen, muss ich den Kopf deutlich in den Nacken legen, um in diese tiefblauen Augen zu blicken. In denen immer eine Prise Schalk steckt. Und die von kleinen Lachfältchen umsäumt sind.

»Zane!«, rufe ich und schlage mir überrascht die Hand vor den Mund. Eine Welle unterschiedlichster Emotionen schwappt über mich hinweg. Freudige Erregung, Scham, Zuneigung, Gewissensbisse, Unsicherheit.

»Hallo Arianna. Freut mich, dich wiederzusehen!«

Sein Lächeln ist herzlich und warm. Alle negativen Gefühle geraten augenblicklich in den Hintergrund. Ich bin erstaunt, ihn hier anzutreffen. Damit, ihn überhaupt je wiederzutreffen, habe ich nicht gerechnet.

»Du siehst wunderschön aus.«

»Du kannst sowas nicht einfach sagen, wenn ich eh schon so sprachlos bin«, jammere ich. »Aber danke. Nicht zu glauben, dass du da bist, Zane.«

Grinsend zieht er mich in seine Arme und ich vergrabe mein Gesicht an seiner Brust. Als ich mich von ihm löse, trete ich einen Schritt zurück, um ihn genauer in Augenschein nehmen zu können. Er hat sich nicht verändert, ist immer noch der Alte: gepflegter Vollbart, die Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden, enganliegendes Hemd, schwarze Jeans, dazu Sneakers – Zane Matthews.

»An deiner Reaktion erkenne ich, dass du mich vermisst hast.«

Seine Augen funkeln vergnügt. An Stelle einer schlagfertigen Antwort wende ich nur verlegen den Blick ab. Ich kann ihm schlecht sagen, dass ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt war, um ihn zu vermissen.

Es war eine bewusste Entscheidung, den Kontakt zu Zane damals abzubrechen. Denn er entwickelte Gefühle für mich, die nicht auf Gegenseitigkeit beruhten. Ich hatte ihn um Abstand gebeten und dieser Bitte war er nachgekommen. Zane wäre durchaus interessant für mich gewesen, wenn wir uns zu einem früheren Zeitpunkt und unter anderen Bedingungen kennengelernt hätten. Mein Herz schlägt nur für einen Einzigen, Elijah. Obwohl Zane es einem leicht macht, ihn zu mögen. Mit ihm ist alles so herrlich unkompliziert. Er hat eine positive und lebensbejahende Ausstrahlung, ist warmherzig, kreativ und humorvoll. In seinen Augen liegt immerzu ein Lächeln.

»Erzähl! Was hast du so getrieben in den letzten Monaten? Wie läuft es mit der Kunst?«

Um meinem peinlichen Schweigen ein Ende zu bereiten, versuche ich es mit unverfänglichem Smalltalk. Dabei interessiert mich wirklich, wie es ihm bisher ergangen ist. Wir schlendern gemeinsam durch die Ausstellung. Gelegentlich bleiben wir stehen und verweilen vor einem der Bilder. Immer dann, wenn Zane es gern genauer betrachten möchte. Dafür ist er schließlich hergekommen, oder nicht?

»Die Ausstellung war ein voller Erfolg. Ich habe einige meiner Werke zu guten Preisen verkauft. Eins hängt nun sogar im Museum of Art, hier in Philly.«

»Tatsächlich?«, staune ich. Es ist schon eine große Ehre, dort ein Werk ausstellen zu dürfen.

»Ich war Gastdozent an der Uni, habe Vorlesungen und Seminare zum Thema Kunst und Design gehalten. Wirkte an verschiedenen Kunstevents mit. Nebenbei male ich und bereite die nächste Ausstellung vor.«

»Du bist ein viel beschäftigter Mann. Klingt toll!«

Mit seiner Karriere scheint es steil bergauf zu gehen und ich gönne es ihm von Herzen.

»Und was ist mit dir?«, will er wissen.

Seine Augen finden meine und versuchen, zu ergründen, was mich umtreibt. Ich kann ihm nichts vormachen, er würde jede Ausrede erkennen. Deshalb bleibe ich lieber bei der Wahrheit. Oder zumindest nahe dran.

»Elijah hat mich verlassen. Aber wie du siehst: Ich bin hier und kämpfe mich durch.«

Zane würde es nicht verstehen, weshalb ich ihm nur das Nötigste erzähle. Die Tatsache, dass Elijah nicht freiwillig ging, verschweige ich. Obwohl sie essentiell ist, zumindest für mich.

»Es ist Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Ich kann ja schlecht den Rest meines Lebens damit zubringen, ihn zu vermissen. Die Ausstellung ist mein Neuanfang.« Es klingt so aufrichtig, dass ich mir beinahe selbst glaube.

Zane berührt mich am Oberarm. Es ist eine flüchtige, tröstende Geste. Kurz mustert er mich mit ernstem Blick. Hadert mit seinen Worten, ich spüre seinen Zwiespalt. Doch schnell ist dieser Moment vorüber. Er nimmt einen Schluck von seinem Drink, bei dem es sich garantiert um Wasser handelt, und wendet sich dem Kunstwerk an der Wand zu, vor dem wir stehengeblieben sind.

»Neuanfang klingt sehr gut, Arianna. Wie lange wirst du hier in Philly bleiben?«

»Ich reise übermorgen ab, wieso fragst du?«

»Na weil ich gerne an diesem Neuanfang teilhaben würde. Ich hole dich morgen, sagen wir«, er überlegt kurz »gegen elf Uhr ab.«

Ich lache verwundert auf. »Ach ja? Was hast du überhaupt vor?«

»Morgen ist Samstag. Markttag. River und ich sind zum Bummeln verabredet. Komm einfach mit, es wird dir gefallen, du wirst schon sehen. Es ist ja nicht irgendein Markt ...« Er wackelt geheimnisvoll mit den Augenbrauen und bringt mich damit erneut zum Lachen. »Meinst du, ja?«

»Absolut! Vertrau mir.«

»Und wer ist River?«

»Das reizendste Wesen auf der ganzen Welt!«

»Es gibt also tatsächlich eine Frau in deinem Leben?«

Er schmunzelt und zuckt mit den Schultern. »Wenn man so will, ja! Ich würde sie dir jedenfalls gerne vorstellen.«

Obwohl es mich freut, dass Zane scheinbar jemanden kennengelernt hat, spüre ich einen kleinen Anflug von Eifersucht. Seine Gefühle für mich waren in dem Fall wohl nicht sonderlich intensiv. Wenn er sich so schnell in die Arme einer anderen Frau flüchtet.

Ehrlicherweise habe ich keine Lust, Bekanntschaft mit ihr zu schließen. Den morgigen Tag habe ich anderweitig verplant.

Mein Zögern bleibt nicht unbemerkt. »Ihr zwei werdet euch gut verstehen, da bin ich mir sicher.«

»Zane, vermutlich komme ich heute Nacht erst spät ins Bett. Ich habe deshalb vor, möglichst lange zu schlafen.«

»Stell dich nicht so an, Arianna. Da du schon einmal bei mir in Philadelphia bist, möchte ich dir gern etwas von meiner Heimat zeigen. Wenn dir elf Uhr zu früh ist, komme ich später. Sagen wir gegen zwölf?«

Ich schließe die Augen und gebe mich geschlagen. »Elf Uhr ist in Ordnung.«

Zane verzieht verzückt den Mund. Hat er doch einen kleinen Sieg über mich errungen. Der Gedanke, morgen auf River, der neuen Frau an seiner Seite zu treffen, widerstrebt mir. Das kann nur ein Desaster werden.

KAPITEL2

ELIJAH

Blitze zucken in einiger Entfernung über den Himmel. Manche von ihnen sind so gewaltig, dass sie die dort vorherrschende Dunkelheit dramatisch erhellen.

Von hier oben, habe ich eine fast freie Sicht auf den Sumpf schwarzer Seelen, die auf ihren Fahrstuhl abwärts warten. Es riecht nach verbrannter Erde und Schwefel, je nachdem, wie der Wind steht. Der Gestank verursacht mir Übelkeit. Und trotzdem bleibe ich hier sitzen, mitten im Gras und rupfe immer wieder kleine Halme aus der Erde. Die ich dann weiter in ihre Einzelteile zerlege und damit endgültig sterben lasse. So wie der Limbus sich die Seelen sekündlich einverleibt.

Wieder zuckt ein Blitz, gefolgt von furchtbaren Geräuschen und ich schließe meine Augen. Versuche die Gefühle, die das in mir auslöst, zu unterdrücken. Für Todesengel ist das normalerweise business as usual. Es ist der Lauf des Schicksals.

Gut und Böse.

Aber seit ich eine Seele verbotenerweise zurück ins Leben geholt habe und ihre vollkommene Reinheit durch mich hindurch floss, ist etwas mit mir passiert. Tief bohrten sich meine Finger in das hellste Zentrum von Mitch, Ariannas einzige Familie, und zerstörten damit seine Fahrkarte ins Licht. Das war das Mindeste, was ich für sie zum Schluss tun konnte. Obwohl es Hochverrat bedeutete. Mitch ist ihre Stabilität im Leben. Ich bin das Chaos.

Jeden Tag verbringe ich hier, genau auf diesem Fleck. Blicke unrasiert und mit kinnlangen Haaren, zwischen den Orten hin- und her, die das endgültige Schicksal der Menschen besiegeln.

Auf den Limbus zu meiner Rechten. Auch Vorhof zur Hölle genannt. Und den Nimbus zu meiner Linken. Er strahlt so hell und warm. Ein Blick dorthin und ich verspüre Frieden. Deshalb ignoriere ich diesen Ort. Der Weg ins Licht ist nicht für mich vorgesehen. Aktuell sitze ich in der Mitte, auf neutralem Boden. Verkörpere sozusagen die Schweiz. Mit dem winzigen Unterschied, dass ich nicht imstande bin, über die Grenzen zu treten. Mir droht die augenblickliche Verhaftung, wenn ich diesen Ort verlasse. Von Mael inklusive ihrer Speichellecker Velasco und Simmons.

Eines ist sicher. Dieses Mal werden sie nicht zögern und mich direkt vor das hohe Tribunal schleifen. Aber warum zerbreche ich mir darüber den Kopf? Es gibt kein Entkommen! Die Dimensionen bleiben bei jedem Versuch des Übertritts verschlossen. All meine Kraftreserven sind mittlerweile aufgebraucht. Ich bin ein Todesengel ohne Sense und verfluchte Kippen.

Müde betrachte ich das letzte Exemplar, was im Gras vor mir liegt und mich dämlich angrinst. Im Exil gibt es keine Zigaretten. Der blanke Horror für meine tote Lunge. Miriel, die Frau, mit der ich hierhergekommen bin, spielt für mich daher den Dealer. Sie ist nach wie vor in der Lage, Portale zu öffnen und sich auf den gefährlichen Weg in Ariannas Welt zu begeben. Was unregelmäßig vorkommt. Mehr als zwei Zigaretten pro Tag sind deshalb nicht drin. Für einen Kettenraucher wie mich, nur verflucht schwer zu ertragen. Wie so vieles.

Mittlerweile sind meine Wunden geschlossen, wenn auch nicht erwartungsgemäß verheilt. Jede schnelle Bewegung ist noch immer zu vermeiden. Trotzdem brauche ich keine Ewigkeiten mehr, um von einer Position in die andere zu wechseln.

Relativ leichtfüßig komme ich zurück auf die Beine, schiebe mir die Kippe zwischen die Zähne und laufe Barfuß durch das teils strohige, teils weiche Gras. Routinemäßig steuere ich die Klippe an. Schweiß klebt auf meinem nackten Oberkörper, der heutige Tag war extrem heiß. Miriel erwähnte bereits, dass die Jahreszeiten hier deutlich ausgeprägter verlaufen. Deshalb habe ich es mir angewöhnt, nur meine tiefsitzende, löchrige Jeans zu tragen. Wen interessiert mein zerstörtes Äußeres außerdem schon?

Ich bin allein.

Mit meiner Schuld und der Erinnerung an ein blondes Mädchen, mit tiefblauen Augen, das ich niemals vergessen werde. Sie hat nie in mir das Monster gesehen, obwohl ich ihr alle Facetten meiner abscheulichen Vergangenheit offenbarte.

Fast deutet mein Mund ein Lächeln an, während ich mir die Kippe anstecke. Wenn wir etwas bis zur Filmreife zelebrierten, dann uns die Zigarette teilen und zum Schluss behände fortschnipsen. Langsam blase ich den Qualm über den Klippenrand und gestatte mir für einen flüchtigen Moment, mich zu erinnern.

An Perfektion.

Ari ist perfekt. Ihr freches Mundwerk, Finger, die bezaubernde Bilder malen und in der Lage sind, ein Ungetüm von Hund zu bändigen. Und mich festhalten, wenn ich abdrifte, den Halt zu verlieren drohe. Die mir ganz klar zeigen, was sie von mir brauchen.

Das, was sie mir in unserer letzten Nacht schenkte, bewahre ich tief in mir und koste zwischendurch davon. Aber es reicht nicht, meine Sucht immer nur in Fantasien zu ertränken. Sie schlief, ihr Atem ging sanft und regelmäßig, als es für mich Zeit war, aufzubrechen. Seitdem bete ich jeden verdammten Tag, dass sie endlich begriffen hat. Ihre Seele steht nach wie vor auf dem Spiel, wenn sie an ihrer Lebensaufgabe in diesem dritten Anlauf scheitert. Zwei Inkarnationen liegen dramatisch hinter ihr und mir. Wahrhaft zu lieben, das ist ihre Aufgabe.

Nicht mich!

Arianna wird jemanden finden, der sie glücklich macht. Obwohl der Gedanke eine zusätzliche Portion Wahnsinn und Frust bedeutet. Aber das ist ihre einzige Chance, die letzte Runde zu überstehen. Ansonsten wartet der Ort auf sie, dem ich jetzt demonstrativ meine beiden Mittelfinger entgegenstrecke und einen stillen Eid ablege: Bei allem, was einem verdorbenen Todesengel überhaupt heilig ist, schwöre ich, dass ich sie finden würde. Niemals wird sie eine von den verlorenen Seelen sein, die vor den schwarzen Toren stehen und auf das Feuer der Verdammnis warten.

Angespannt lockere ich meine Schultern, setze zusätzlich große Hoffnungen in Drake. Er hat mir ein letztes Versprechen gegeben, sich um Ari zu kümmern, auf sie aufzupassen. Er ist, so wie ich, ein Todesengel, der Buße für sein Versagen im Leben ableistet. Ich bin verdammt froh, dass er jetzt bei ihr ist, obwohl wir oftmals unterschiedlicher Meinung waren. Im Kern ist er absolut loyal und verfügt über exklusives Wissen darüber, in welcher Beziehung Arianna und ich zueinanderstehen. Hoffentlich hält er seine Klappe und lässt sich von den übrigen Sippen-Fuckern nicht aushorchen. Ich traue ihnen nicht.

Der bittere Geschmack des Verrats breitet sich auf meiner Zunge aus und ich fahre mir durch die verschwitzten Haare. Keira gehört neben Drake zu meinem engsten Kreis. Für sie ist das Midnite, ebenso wie für mich, ein zweites Zuhause. Mir vorzustellen, dass sie mich verpfiffen hat, trägt nicht zur Verbesserung meiner Laune bei. Entweder, war es ein bewusster Schachzug, weil ich sie nur aus Zeitvertreib in mein Bett ließ, um sie zu vögeln. Meistens alkoholisiert, um den stinkenden Sumpf der Zeit zu vergessen. Oder ihre Naivität ist schuld und sie ein weiteres Opfer der Großmeisterin Mael.

Mittlerweile ist die Kippe in meiner Hand vollständig abgebrannt und ich lasse sie los, stoppe meinen inneren Monolog, den ich hier zur Genüge betreibe. Beobachte, wie sie ihren Weg nach unten antritt und in der Dunkelheit verschwindet. Meine Haare fallen mir dabei wie ein Vorhang vors Gesicht. Wenn ich sie weiter wachsen lasse, bleibt mir nichts anderes übrig. Dann borge ich mir ein Haargummi von Miriel. Aber shit, Männer mit Zopf sind absolut out und definitiv ein rotes Tuch für mich.

»Deine Haare sind zu lang.«

Ich schüttele leicht den Kopf. Habe sie nicht bemerkt. Sogar meine Sinne lassen mich im Stich.

»Und dein Timing ist perfekt, Miriel«, erwidere ich trocken. »Genau daran habe ich meine Gedanken verschwendet und mir gleichzeitig überlegt, ob ich mich an deiner bunten Frisierkiste im Bad zu schaffen mache.«

»Pfoten weg, Romeo! Ansonsten riskierst du, dass ich dir nachts, wenn du schläfst, mit einem stumpfen Messer eine Glatze rasiere.«

Miriel tritt direkt neben mich. Sie ist so groß wie Arianna, reicht mir knapp bis zur Schulter. Kaum ertrage ich den Blick aus ihren tiefblauen Augen, mit denen sie mich fokussiert. Immer wieder entwaffnet sie damit meine abwehrende Haltung. Vertreibt die Wut, den Drang zu fluchen, mich wie ein Arsch zu benehmen.

»Komm ins Haus, die Nächte sind gefährlich, das weißt du doch sicher.«

»Die Stille in mir ist gefährlich. Damit habe ich ein Problem. Mit dem, was hier draußen lauert, nicht.«

Neuerdings kommt es immer häufiger vor, dass sich Seelen aus dem Limbus verirren. Die dann ihrer Bestimmung zurückgeführt werden müssen. Dafür zuständig sind die Fußabtreter der Zwischenwelt – wir. Einige von uns patrouillieren nachts an den Grenzen. Miriel möchte deshalb jedes Risiko vermeiden und würde mich am liebsten den ganzen Tag im Haus einsperren.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, laufe ich zurück zu einer verwitterten, alten Bank und lasse mich schräg sitzend auf ihr nieder. Abgesplittertes Holz bohrt sich in meine Rückseite. Von Tag zu Tag wird meine Erschöpfung größer.

»Hier. Habe ich dir mitgebracht. Geh sparsam damit um.« Sie überreicht mir eine Big Box Black Devil und einen kleinen Flachmann. »Nachschub wird dauern.«

Ich ziehe meine Augenbrauen nach oben.

»Jetzt guck nicht so, du bist so schon kaum zu ertragen. Aber: dass du mir ja nicht ins Haus kotzt.«

Ein Déjà-vu breitet sich in meinem kranken Hirn aus und ich schäme mich vor mir selbst. In der Vergangenheit erlebte ich einige Abstürze, auf die ich nicht stolz bin.

»Danke«, bringe ich nur mühsam hervor, öffne vorsichtig den Schraubverschluss und nippe. »Fucking Bullshit, was ist da drin, Spiritus?«

Leise bricht sie in klingendes Gelächter aus und legt ihre Hand auf meinen Unterarm. Ich zucke zusammen und entziehe mich ihrer Berührung. Reiße die Folie von der Packung und stecke mir eine weitere Kippe an.

»Elijah«, kommt es fast resigniert über ihre Lippen. »Bitte vertraue mir endlich. Wie oft brauchst du diese Zusicherung noch von mir?«

»Und wie oft benötigst du meine ehrliche Antwort, dass du deine kostbare Zeit mit mir vergeudest? Ich habe versagt, an dir und deiner Tochter. Das ist die verdammte Wahrheit. Daran wird dein unendliches Vertrauen in mich nichts ändern.«

»Darf ich?«

Bevor ich einen Konter parat habe, schnappt sich Miriel den Flachmann aus meiner Hand und genehmigt sich einen kräftigen Schluck. Sie hustet und ich verdrehe die Augen. Wundere mich still und für sie unbemerkt darüber, wie stark sie in diesem Moment Arianna ähnelt. Mir brennen so viele Fragen unter meiner tätowierten Haut, die ich einfach nicht stelle. Wissen ist nicht Macht, sondern Schmerz. Es spielt für mich keine Rolle mehr. Überall dort, wo ich auftauche, verursache ich Chaos. Meine Anwesenheit ist für niemanden erstrebenswert.

»Interessierst du dich gar nicht dafür, wie es ihr geht?«

»Nein!« Fuckja. Still, spricht mein verkrüppeltes Herz.

Die Antwort aus meinem Mund kommt kurz und knapp. Und das Leid auf ihrem Gesicht ist prompt zu sehen. Aber sie fängt sich. Wie immer überspielt sie es und lenkt ab.

»Was macht die Wundheilung?«

»Miriel«, klingt meine Stimme resigniert und genervt. »Was soll das hier werden? Du bist bestens darüber informiert. Es spannt und brennt zwischendurch. Die Wunden heilen eben auf ihre Weise. Lass das Thema daher gut sein und versuche nicht permanent, mich auf die Beine zu bringen. Der Elijah Romeo von früher existiert nicht mehr.«

Die Diskussion über meinen Gesundheitszustand ist damit beendet, weshalb ich aufstehe und zum Haus zurückkehre. Hoffentlich gelingt es mir heute Nacht, etwas zu schlafen.

Das kleine Holzhaus erinnert mich viel zu intensiv an mein ursprüngliches Zuhause. Bevor ich zu einer Marionette des Spiels wurde. Jedes Mal, wenn ich durch diese Tür trete, ist es wie eine unliebsame Reise in die Vergangenheit. Oder ich werde schlicht wahnsinnig und halluziniere.

Ich höre Stimmen, das Lachen meiner Schwester und das schmerzvolle Wimmern meiner Mutter. Mein Verstand sagt mir, dass das unmöglich ist. Denn sie sind seit Jahrhunderten tot und ihre Seelen schon vor langer Zeit in ihrer Bestimmung aufgegangen.

Leise schließe ich die Tür zu meinem winzigen Zimmer und lasse mich rückwärts auf das Bett fallen. Starre an die Decke und genehmige mir den nächsten Schluck aus dem Flachmann. Es ist mir egal, dass etwas Schnaps an den Seiten vorbeiläuft. Egal ist erstrebenswert, egal hilft, nicht völlig den Verstand zu verlieren.

Egal ist das neue Ausblenden.

Ich schließe meine Augen und warte, dass mich endlich der Schlaf übermannt. Wenigstens für ein paar verfickte Minuten in die Dunkelheit abtauchen und alles vergessen. Aber nichts passiert. Ich werde wieder die ganze Nacht wachliegen und mit jeder Sekunde, die verstreicht, ein bisschen mehr von mir verlieren.

Das ist es, was diese Dimension mit Todesengeln macht ... Sie erst in den Wahnsinn treiben und dann langsam zerstören. Der Narthex ist unser eigentliches Zuhause. Er ist tot, genauso wie wir. Wir gehören nicht auf Dauer hier her.

Miriel ist sicher in der Lage, mir zu beantworten, welchen Sinn sie in meiner Anwesenheit sieht. Mehrfach wagte sie sich vor, um mit mir darüber zu reden. Teilweise stritten wir mit der Konsequenz, dass ich ihr gern den Hals umgedreht hätte. Doch ich entschied mich für die Unwissenheit und bin seitdem nicht davon abgewichen. Mir wurde klar, wie wenig das bringen würde. Denn ich gab mir selbst ein Versprechen: Ich will, dass Arianna lebt. Folglich gibt es für mich nur eine einzige Möglichkeit, meinen Eid zu halten. Das Band zwischen uns muss gekappt werden.

Mein Körper spannt sich von Kopf bis Fuß an. Eine Liebe zwischen einem Todesengel und seinem Auftrag ist nicht gesund. Führt zu Chaos. Zu mehr waren wir nicht fähig.

»Fuck!«, kommt es ungebremst laut aus meinem Mund und ich bin froh, dass in diesem Zimmer nichts existiert, was sich in seine Einzelteile zerlegen lässt. Sofort klopft es leise an der Tür. Miriels Fürsorge ist nervig und ihre analytischen Fähigkeiten sind unheimlich.

»Darf ich hereinkommen?«

Das war klar eine rhetorische Frage. Zuerst lugt ihr blonder Kopf hervor und dann folgt der Rest. In ihren Händen trägt sie zwei dicke schwarze Kerzen, die sie auf das kleine Fensterbrett stellt. Der Raum wird dadurch nur schwach beleuchtet, aber es reicht, um die Sorge in ihrem Gesicht zu sehen. Sie setzt sich im Schneidersitz ans Fußende des Bettes. Die Aura, die sie umgibt, ist warm, spendet mir Ruhe und ich ertappe mich dabei, wie ich tief ein- und langsam ausatme.

»Erzähle mir von deiner Schwester. Wie war sie so?«

»Warum lässt du nicht endlich locker? Sie ist tot, reicht das nicht?«

»Sie hieß Christin, richtig?«

Mein Schweigen ist Antwort genug.

»Ich habe ebenfalls Geschwister. Es war schwierig mit ihnen und trotzdem vermisse ich sie jeden Tag. Frage mich, ob ich sie jemals wiedersehen werde.«

»Ehrlich, das finde ich schade. Aber glaube mir, du verschwendest nach wie vor deine Zeit. Ich bin niemand, der gerettet werden will. Bitte wende dich endlich einer erfolgversprechenderen Aufgabe zu und höre auf damit, eine armselige Lost Soul wie mich, wieder auf den rechten Weg zu führen. Arianna wird jetzt von einem anderen Todesengel begleitet. Sprich mit ihm über das, was dich bewegt. Ich bin endgültig raus aus der Nummer.«

Das Herz in meiner Brust krampft sich zusammen, obwohl es genauso tot ist, wie ich. Nur Arianna ist in der Lage, eine solche Reaktion hervorzurufen. Selbst wenn sie nicht bei mir ist.

»So schnell gibst du auf? Weil sie dir in deinen tätowierten Hintern getreten haben?«

Wir beide schnauben fast zeitgleich und ich richte mich auf, blicke Miriel düster an.

»Worauf willst du hinaus? Spuck es endlich aus und dann verschwinde endgültig. Oder ich, suche es dir aus.«

Ihre Schultern sacken hinab und ihre Silhouette flackert. Für einen Moment kommt mir das absolut bekannt vor. Arianna und ich tragen das Blei an unseren Füßen. Sie auf ihrem Rücken. Das Ergebnis ist dasselbe, wir stecken fest.

»Mael ist meine große Schwester.« Eine schallende Ohrfeige aus Worten bohrt sich tief in meine Wunden. Sie verarscht mich, ganz sicher. »Wie viel weißt du über unsere Welt?«

»Gegenfrage, worauf willst du hinaus?«

»... Du bist das Resultat einer Macht, die sich Dreiklang nennt: Hölle, Gleichgewicht und Himmel – Malorie, Mael und ich. Wir sind Schwestern, ausgewählt, über die Dimensionen zu wachen. Über euch.«

Ich setze an, um etwas zu erwidern, schaffe es aber nicht.

»Du bist geschockt, das verstehe ich.«

»Bullshit! Du verstehst gar nichts«, unterbreche ich sie nun doch. »Geschichten, Mythen, abgefuckter Hokuspokus ... Was für einen Schwachsinn erzählst du mir gerade. Fehlt nur noch, dass eure Scheinheiligkeit Gott gegeben ist.«

»Es ist die Wahrheit, Elijah. Nicht viele kennen sie. Denn wir dürfen euch ebenso wenig über uns erzählen, wie ihr den Menschen über euch.«

»War ja klar«, schüttele ich meinen Kopf und suche in meinem Hirn nach Hinweisen, die ich bisher übersehen hatte.

Miriel beugt sich ein Stück vor. »Ich kann absolut nachvollziehen, wie du dich fühlst. Du leckst dir deine Wunden wie ein verwundetes Tier und versinkst jeden Tag ein bisschen tiefer im Selbstmitleid. Wie ich es getan habe. Nichts ergab mehr einen Sinn. Erinnerst du dich an die Situation auf dem Dach, an dein Einschreiten in letzter Sekunde?«

Tief in Gedanken versunken spiele ich mit der Zunge an dem Ring in meiner Lippe und verschränke meine Arme vor der Brust. Wie könnte ich diesen Abend jemals vergessen. Mit ihm hat alles angefangen.

Arianna und ich. Sie stand vor dem Abgrund auf der Dachterrasse ihrer Wohnung. In letzter Sekunde packte ich sie, legte meine Finger um ihre zarten Handgelenke, riss sie zurück ins Leben. Zitternd, völlig verzweifelt und verdammt nochmal zugedröhnt mit LSD. Zum ersten Mal gab ich mich ihr zu erkennen. Stürzte damit ihre Welt ins Ungleichgewicht, obwohl ich kurz nach ihrer Geburt wie ein Feigling vor dem Schicksal geflohen bin und schwor, niemals wieder nach New Jersey zurückzukehren. Dorthin, wo wir jede von ihren Inkarnationen durchlebten und sie beide Male vor dem Antlitz ihres Todesengels starb. Meinem Antlitz.

»Du hieltest Wort. Bist ihr in die Einsamkeit gefolgt und hast ihren Selbstmord verhindert. Für immer stehe ich in deiner Schuld. Lass mich Wiedergutmachung betreiben, indem ich dich in die Geheimnisse einweihe und jetzt für dich da bin. Verhindere, dass du alles aufgibst. Arianna braucht dich. Den Mann, der sie liebt und den sie liebt. Sie braucht dich stärker als jemals zuvor.«

Nah rutscht sie an mich heran, sodass ich den Glanz in ihren Augen sehe.

»Das Spiel ist nicht vorbei, nur weil du auf der Ersatzbank Platz genommen hast. Es läuft weiter und wird sich jeden einverleiben. Du hast in den Augen von Mael die Waage in Schieflage gebracht. Sie wird das nicht hinnehmen und sich Hilfe holen.«

»... Sie gab mir ihr Wort«, erwidere ich lahm. »Ich sollte herausfinden, wer das Gleichgewicht zwischen den Dimensionen gefährdet. Das habe ich erledigt und ihr den Verräter ausgeliefert – mich. Im Gegenzug versprach sie, ihren knochigen Arsch dorthin zu schaffen, wo er hergekommen ist. Woher zum Teufel sollte ich über den Fuck Bescheid wissen, den du mir hier erzählst. Ich dachte, du bist ein Mensch und wegen der Liebe zu deiner Tochter, von den Toten zurückgekehrt. Dass du eine aus der Freak Show bist ... Keine. Ahnung!«

»... Du hast recht. Das konntest du nicht wissen.«

Während sie mich intensiv beobachtet, bohrt sich die Erkenntnis immer tiefer durch unzählige Schichten aus Verdrängung, Schuld, Verzweiflung und Sehnsucht.

Angespannt streiche ich über mein Gesicht. Das Kerzenlicht flackert und die Blitze, die ich durch das kleine Fenster erkenne, nehmen an Intensität zu. Mein Zimmer liegt auf der rechten Seite im Haus, mit Blick auf die Verdammnis. Das Panorama aus Miriels Fenster wird gespeist durch Wärme und Licht.

»Du warst ein Mensch, damals im Krankenhaus. Wie ist das möglich?«

Ihre schmale Hand greift erneut nach dem Flachmann. Wir teilen uns das Ding. Scheiße, ich vermisse Arianna so sehr.

»Willst du die Kurzfassung, oder die lange Version?«

»Sieh mich an. Was denkst du, ist meinem Körper in diesem Zustand zuzumuten?«

Sie berührt zaghaft die tätowierten Linien auf den mit dem Wort Lost geinkten Fingern. Diesmal entziehe ich mich nicht und lasse für einen Moment meine Maskerade fallen.

»Es tut mir wahnsinnig leid, dass du es erst jetzt und so erfährst. Am Tiefpunkt deiner Reise. Aber uns läuft die Zeit davon und du musst dich deinen Dämonen stellen. Glaube, Zuversicht, Hoffnung ... Meine Tochter gehört zu dir. Handle, bevor es zu spät ist und du sie endgültig verlierst.«

Ihre Worte machen mir eine scheiß Angst. Ich war nie ein sonderlich offenherziger Typ. Bin ein Einzelgänger und tiefgründigen Konversation aus dem Weg gegangen. Was andere reden, geht mir wortwörtlich am Arsch vorbei. Vor allem dummes Zeug von meinesgleichen über Schauergeschichten aus der Zwischenwelt.

Diesmal genehmige ich mir einen kräftigen Schluck, zünde mir zusätzlich eine Kippe an, obwohl Rauchen im Haus verboten ist. Die Situation macht das erforderlich, der Shit beruhigt nach wie vor meine Nerven.

»Es gab jemanden«, zittert ihre Stimme. »Die Liebe zwischen uns war ebenso untersagt. Aber was kümmert es zwei Liebende, die sich nicht für das politische Geschwafel der Dimensionen interessieren. Wir waren jung, naiv und voller Schmetterlinge, wenn du verstehst.«

Fucking ja, ich nenne das Begierde, Lust und Verlangen. Der Moment, in dem mein mit Bildern und Symbolen übersäter Körper auf Ariannas helle Schönheit traf und mit ihr verschmolz. Wie eine Naturgewalt, weil ich sie innerlich und äußerlich fliegen ließ.

»Immer wieder wurde ich gewarnt, doch ich log und war am Ende verbannt. Das Resultat lag vor dir im Krankenhausbett, still um das Leben der Tochter flehend. Sie bestraften mich, machten aus mir einen unwissenden Menschen. Ich vergaß, wo ich herkam, vergaß, wer ich war, vergaß meine Liebe zu ihm. Sei vorbereitet, Elijah!« Ihre Stimme wird immer eindringlicher. »Wie ich sagte, wir sind drei Schwestern. Mael ist ein Wadenbeißer, du schüttelst sie so schnell nicht ab. Trotzdem ist sie nicht böse, hat nur das pure Gleichgewicht im Blick. Malorie hingegen, sie zieht die Fäden im Hintergrund. Nicht umsonst ist sie die Vorsitzende des hohen Tribunals und herrscht über die Verdammnis. Du hast dich deiner Strafe entzogen, sie wird Wege finden. Ariannas Lebensaufgabe ist nicht mehr das einzige Problem, vor dem du stehst.«

Ihre blauen Augen sind schreckgeweitet, spiegeln sich in einem grünen Sturm, der ungebremst aufzieht. Es ist die blanke Wut, die mich packt.

»Wieso erzählst du mir erst jetzt davon? Das ist Bullshit, weißt du das? Ihr seid doch alle sowas von durchgeknallt.« Mein Brustkorb hebt und senkt sich viel zu schnell. »Der ganze verfluchte Dreiklang!«

Zwischen uns kehrt Stille ein und ich leere den Flachmann in einem Zug, wische mir grob über den Mund.

»... Bitte verzeih, aber ich nehme Malories Präsenz erst seit einiger Zeit wahr, wollte mir sicher sein. Außerdem musste ich Rücksicht auf deine Verfassung nehmen. Und mir zuzuhören, hast du bisher nicht hinbekommen. Du warst mit dir selbst beschäftigt, weil du den Abstand dringend nötig hattest.«

Frustriert stehe ich auf und laufe hinüber zum Fenster. Verschwommen erkenne ich mein Spiegelbild in der Glasscheibe. Die vielen Tattoos, der strenge Zug um den Mund, die Piercings in Lippe und Brustwarze. Und Augen, so grün und glühend wie Kryptonit.

Miriel tritt seitlich hinter mich. Gemeinsam starren wir in die Dunkelheit. In eine zerplatzte Blase aus Schicksal. Der Todesengel und die Göttin.

Let's repeat the misery, the fucking Hell on Earth ...

KAPITEL3

ARIANNA

Die nervtötende Fanfare des Smartphone-Weckers reißt mich aus dem Schlaf. Ich brauche einen Moment, um mich örtlich und zeitlich zu orientieren, bevor ich in der Lage bin, dem Krach ein Ende zu bereiten. Mit einem gequälten Stöhnen vergrabe ich den Kopf unter dem Kissen. Mir fällt wieder ein, warum ich in aller Herrgottsfrühe aufstehen muss und nicht, wie ursprünglich geplant, ausschlafen darf. Die Nacht war kurz, denn natürlich konnte ich die Galerie erst verlassen, nachdem alle Gäste gegangen waren. Ob die Ausstellung ein Erfolg ist, wird sich zeigen. Mein erstes Resümee fiel zumindest schon einmal positiv aus.

Ich tauche unter dem Kissen hervor, die Luft wird etwas knapp. Meine Augen sind verklebt und ich wische mir Speichel aus dem Mundwinkel. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich diesen desolaten Zustand für einen Kater halten. In meinem Kopf hämmert ein dumpfer Schmerz, der mir Übelkeit verursacht. Da ich gestern jedoch kaum Alkohol getrunken habe, schließt sich das als Ursache aus.

Jammernd setze ich mich auf die Bettkante und vergrabe das Gesicht in den Händen. Denke an die bevorstehende Verabredung, auf die ich so gar keine Lust habe. Wenn es sich lediglich um ein unverbindliches Treffen zwischen Zane und mir handeln würde, wäre ich nicht so unentspannt. Warum zur Hölle möchte er mir unbedingt diese Frau vorstellen?

Es bleibt nur wenig Zeit zum Duschen und Frühstücken. Meiner Einschätzung nach wird er überpünktlich hier sein, um mich abzuholen.

Nach Zanes SMS: »Bin da, warte vorm Eingang!«, stürze ich den Kaffee hinunter und schnappe mir den halben Bagel, der auf meinem Teller liegt.