Romeos Payne - Ewigkeitsleuchten - Ana D. Rocky - E-Book

Romeos Payne - Ewigkeitsleuchten E-Book

Ana D. Rocky

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Beschreibung

Gibt es Hoffnung für eine Liebe, die das Leben überdauert? Für Elijah Romeo steht die Zeit still. Sein Sommermädchen ist fort und mit ihm alles, was er ist. Weil sie an ihrem Schicksal scheiterten, die Dunkelheit entfesselten. Nicht aufhören konnten,  sich  zu lieben. Doch im tiefsten Moment seiner Verzweiflung gilt es, die Hoffnung zuzulassen. An etwas zu glauben, was für ihn nur schwer vorstellbar ist. Elijah muss über sich selbst hinauswachsen. Denn Ariannas Liebe ist es, die seine Dunkelheit erhellt, obwohl beide darum betrogen wurden. Der Todesengel wird kämpfen, sich dem Wahnsinn stellen und in seine ganz persönliche Vendetta hinabsteigen. Um endlich das Chaos in Ordnung zu bringen, was ihre Seelen seit Jahrhunderten in eine bodenlose Tiefe reißt. Ich bin. Wegen dir. Zwei Herzen, eine Liebe – der letzte Akt! Das Finale der Dark Romantasy Trilogie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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ROMEOS PAYNE

EWIGKEITSLEUCHTEN

ANA D. ROCKY

INHALT

Ewigkeitsleuchten

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Wirst du mich finden?

Kapitel 28

Kapitel 29

Ich habe dich gefunden!

Glossar

Playlist Elijah Romeo

Playlist Arianna Payne

Nachwort

Danksagung

Über die Autorin

Dark Reverse Harem

Dark New Adult

Dark Age Gap Romance

Leserwarnung

IMPRESSUM

2. Auflage

Copyright © 2024 Ana D. Rocky, Deutschland

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Sternfeder Verlag

Lektorat & Korrektorat: Sternfeder Verlag

Herausgeber: Sternfeder Verlag

Druck und Distribution im Auftrag der Autorin.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich.

Jede Verwendung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

Personen und Handlungen sind frei erfunden und etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen rein zufällig.

Mehr über die Autorin Ana D. Rocky:

www.facebook.com/anadrocky

Instagram: @ana.d.rocky.autorin

www.anadrocky.com/shop

[email protected]

Die Liebe ist unendlich ...

EWIGKEITSLEUCHTEN

An Dinge glauben, die nicht zu sehen sind.

Die Hoffnung zulassen, obwohl der Kopf sagt, dass es keine mehr gibt.

Wieder zurück auf die Füße kommen. Den Blick nach vorne wagen. Dorthin, wo ein Licht die Dunkelheit erhellt. Dir den Weg weist, dich an die Hand nimmt und leitet.

Vertrauen! In dich selbst. Dass alles gut wird und es manchmal nur Zeit braucht, bis auch dein Herz wieder Mut findet. Zu lieben, zu lachen und glücklich zu sein.

Eine Liebe, die das Leben überdauert ...

Für dich und für alle!

Eine ausführliche Lesewarnung findest du am Ende dieses Buches. Pass auf dich auf.

PROLOG

Der Tod wird jedem Menschen in die Wiege gelegt. Er dauert das ganze Leben und endet, wenn er eintritt. Die Menschen fürchten ihn. Weil er unabwendbar ist, nicht dem Willen unterworfen. Er verhandelt nicht. Er fragt nicht. Er ist endgültig.

Manche haben Angst vor dem Sterben, den Schmerzen, dem Loslassen. Dem Abschied vom eigenen Körper, dem Sein oder von geliebten Menschen. Sie fürchten die Ungewissheit. Fragen sich, was sie wohl danach erwartet.

Es gibt unzählige Geschichten und Berichte über das Sterben und den Tod. Mal heißt es, man schreite durch einen Tunnel, an dessen Ende ein helles, weißes Licht warte. Es strahle eine überirdische Liebe und Geborgenheit aus. Die menschliche Sprache sei nicht in der Lage, dieses Licht annähernd zu beschreiben.

In anderen Erzählungen ist von einer Art Rückschau die Rede, in der Bilder des vergangenen Lebens ein letztes Mal betrachtet würden. Um ein Resümee zu ziehen.

Die Hoffnung, geliebte, bereits verstorbene Menschen wiederzutreffen, schmälert für viele die Angst vor dem Tod. Sie glauben fest daran, in Ewigkeit mit ihnen vereint zu sein.

Ich hingegen betrachtete zeit meines Lebens den Tod als großen Bruder des Schlafes. Ewiglich und traumlos. Der das Ende des Bewusstseins oder besser, der Seele bedeutet.

Nun weiß ich, dass ich mich irrte. Nichts davon stimmt. Es gibt keinen Tunnel. Kein Licht oder Bilder der Erinnerung. Und niemanden, der auf mich wartet. Keinen Engel, der mich nach Hause begleitet. Nicht einmal einen traumlosen Schlaf.

Ich. Bin.

Doch was genau? Bin ich nur ein Gedanke? Eine Erinnerung? Eine Träne jenes Mannes, der völlig zerbrochen, hilflos und verloren in seiner Trauer, den Körper in seinen Armen hält, der einst meiner war? Elijah. Der Mann, den ich so sehr liebte. Eine Liebe, die den Tod gleich zweimal überdauerte. Ich erinnere mich daran. Doch ist es inzwischen nicht mehr als das: Eine flüchtige Erinnerung.

Nun habe ich keinen Namen mehr. Meine irdische Hülle lasse ich zurück. Lege ab, was oder wer immer ich auch war.

Er weint. Stumme Tränen. Sein Körper bebt. Ich sehe ihn, doch es berührt mich nicht. Das sollte es, ich weiß. Aber da ist dieses Nichts, welches mich komplett ausfüllt. Eine endlose Lethargie. Gefangen in Raum und Zeit. Wo bin ich? Wo soll ich hin? Es ist mir alles gleichgültig.

Ein Ruck durchfährt Elijahs Körper. Er springt auf, ruft nach Arianna. Und meint damit mich. Aber ich bin nicht mehr Arianna. Oder doch? Und wenn schon. Ich. Bin. Irgendwie. Irgendwo. Unbemerkt.

Er sucht überall nach mir, um dann erfolglos über dem leblosen Körper zusammenzubrechen. Der Kater findet mich. Zumindest starrt er in die Richtung, in der ich bin. Und doch nicht bin.

Das ist also der Tod? Ein absolutes Nichts? Weder Himmel noch Hölle? Wie seltsam. Und traurig. Wobei Trauer ebenfalls nur eine weitere Emotion ist, an die ich mich flüchtig erinnere. Da sind keine Gefühle mehr. Nur ein schwerer Druck. Wenn ich noch einen Körper hätte, ließe er sich in Höhe der linken Brust lokalisieren. Dort, wo das Herz nicht mehr schlägt. Aber mein Körper gehört nicht länger zu mir. Ich bin entkoppelt. Von allem.

Durch das Fenster strömt die frische Luft herein. Sie bauscht die Vorhänge auf. Es ist Nacht und tausend Sterne funkeln am Himmel. Vollmond. Dort will ich hin! Fliegen und fallen. Mit der Sünde vergehen. Ehe dieser Wunsch zu Ende gedacht ist, bin ich schon fort. Zum Fenster hinaus. Verschwunden in der Dunkelheit. Nirgendwo.

Adieu, Arianna Payne.

Adieu, Elijah Romeo.

KAPITEL1

ELIJAH

Wie versteinert liege ich neben ihr, starre an die Decke und halte ihre zarte Hand. Zu mehr bin ich nicht in der Lage. Arianna ist fort. Und mit ihr alles, was ich bin. Die Erinnerungen tragen mich durch die Zeit. Dorthin, wo sturmblaue Augen zum ersten Mal in meinen Abgrund blickten und nie wieder wegschauten.

Langsam drehe ich den Kopf zur Seite, spüre mein Herz endgültig brechen. Arianna vertraute mir, akzeptierte meine Dunkelheit und die unendlich vielen Geheimnisse, die meine Welt ausmachten. Und sie versuchte alles, worum ich sie bat: leben, lieben, hoffen und weitermachen. Doch meine Sucht war unkontrollierbar.

Sie ist tot. Wegen mir.

Brüchig und verzweifelt rufe ich ihren Namen. Flehe, um die Erlaubnis, der Seele meiner Frau den verdienten Frieden zu schenken. Sie endlich nach Hause zu bringen. An einen Ort, wo es warm ist und sie nicht mehr Francis, Charlotte oder Arianna sein muss.

Was bleibt, ist nur die Stille, die sich bleiern auf meinen Brustkorb legt und mich in die Tiefe reißt. Hinein in einen Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.

»Du kommst zu spät. Du hättest sie retten können, wärst du bei mir geblieben, um den Auftrag des Jägers zu erfüllen. Jetzt hast du alles verloren.«

Malorie ...

»Und mit so einem lässt du dich ein, Arianna? Das ist der Grund, warum du mich verlassen hast? Mit einem Schläger, der nicht davor zurückschreckt, dir wehzutun?«

Zane Matthews ...

»Gib ihr die Chance auf ein Leben ohne dich. Denn sie hat noch ein Leben, du nicht!«

Drake Martinez ...

Ich bin der Todesengel, die Dunkelheit in ihrem Leben und Wegbereiter ihrer schlimmsten Qualen.

Elijah Romeo ...

Mein ganzer Körper verkrampft sich und ich presse fest die Augen zusammen. Bin nicht imstande, die erneuten Tränen zu unterdrücken. Wie eine Kugel rolle ich mich ein und vergrabe mein Gesicht ein letztes Mal an Ariannas Halsbeuge. Genieße ihre Wärme, die langsam schwindet.

»... Baby ... Es tut mir so leid. Ohne dich ... Das ist unmöglich. Bitte verzeih mir.«

Mit einem Ruck reiße ich mich von ihr los, ergebe mich meiner wilden Raserei und den Dämonen, die keine Grenzen mehr kennen. Wie ein Berserker marschiere ich durch das Apartment und zerstöre willkürlich alles, was mir in die Quere kommt. Stühle, Tische, Regale ... Nichts ist vor mir sicher. In der Küche reiße ich die Kühlschranktür aus der Vorrichtung und kippe in kürzester Zeit den Biervorrat in mich hinein. Aber das reicht nicht.

In Windeseile sprinte ich die Treppenstufen zur Galerie hinauf und befinde mich mitten in Ariannas Herz. Betrachte schnell atmend das von ihr zuletzt gemalte Bild auf der Staffelei. Silbernes Mondlicht fällt auf rotschwarze Pinselstriche. Angewidert erinnert mich der Anblick an die Verdammnis, aus der ich zurückkehrte und die Wahnsinnige entfesselte. Malorie, Schwester des Dreiklangs. Herrscherin über den Limbus. Vorsitzende des hohen Tribunals, perverse Schlampe und Mörderin.

Meine Hände ballen sich zu Fäusten und ich trete näher an das Kunstwerk heran. Ari malte, was sie in sich trug. Das hier ist Chaos! Ich brachte es zu ihr, anstatt mich nach meiner Rückkehr aus dem Exil von ihr fernzuhalten. Obwohl ich das Risiko kannte, um die Gefahren wusste, liebte ich sie. Wegen meines zur Hölle stinkenden Egoismus und der Gier nach einem Mädchen, das sich in seinen Todesengel verliebte. Und er unwiderruflich in sie.

Bilder fegen an mir vorbei. Wie ich sie in meinen Armen hielt und Frieden empfand. Mir schwor, sie in diesem letzten Leben nicht zu verlieren. Deshalb zog ich los, um alle zu vernichten, die ihrer unschuldigen Seele gefährlich werden konnten. Und verlor! Schutzlos ließ ich mein Baby zurück, ebnete der bösen Königin den Weg.

»Malorie ...«, brülle ich durch das Apartment und werfe die Staffelei über das Geländer. »Dafür wirst du bezahlen. Hörst du, in deinem eigenen Feuer für die Ewigkeit brennen.«

Krachend zersplittert das Holz auf dem Fußboden und ich sacke geschlagen auf die Knie. Pim, der schwarze Kater, starrt mit funkelnden Augen zu mir hinauf. Ein weiteres Mal würge ich und spucke das Bier wieder aus. Kalter Schweiß rinnt meinen nackten Oberkörper hinab. Der Dreiklang hat gewonnen. Es gibt nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Raus! Ich muss raus hier.

Der Fahrstuhl bringt mich hinab in die Lobby. Zielstrebig laufe ich auf den rundlichen Nachtportier zu, der genüsslich in sein Sandwich beißt und mich mit großen Augen anstarrt. Seinen Namen habe ich vergessen, deshalb erspare ich mir eine förmliche Anrede und zerre ihn an seinem Kragen dicht vor mein Gesicht.

»Gib mir deine Waffe!«

Für einen Moment ist er sprachlos und verschluckt sich an dem Bissen in seinem Mund. Mayonnaise tropft auf sein blaues Hemd und bedient das Klischee perfekt.

»... Wir können ... über alles ... reden«, stammelt er.

»Gib. Mir. Deine. Verfickte. Waffe!« Mein Griff verstärkt sich. »Und dann verschwinde ich von hier.«

Seine Augen springen panisch zwischen mir und dem Alarmknopf hin und her und ich schüttele nur meinen Kopf. Ehe er in der Lage ist, mich weiter mit unnützem Geschwafel aufzuhalten, verpasse ich ihm einen kurzen, aber präzisen Kinnhaken. Ohnmächtig sackt er in sich zusammen. Schnell bemächtige ich mich seiner Knarre, eine halb automatische Beretta und überprüfe die Munition. Der Kerl ist nicht in der Lage, eine Distanz von drei Metern ohne Sauerstoffzelt zurückzulegen und trägt so ein Exemplar bei sich.

Ich streiche mir die verschwitzten Haare aus dem Gesicht, verlasse das Gebäude und verstaue die Waffe in meiner hinteren Hosentasche. Heute werde ich mir endgültig das Hirn wegpusten. Und zwar so, dass nichts mehr von dem Schmerz übrig bleibt. Fuckegal, dass ich schon tot bin. Der Schuss wird präzise sein und alles zerfetzen, was zum Denken und Fühlen notwendig ist.

Der erste Selbstmord erschuf mich, das Monster ...

Der zweite Selbstmord wird die Schuld ins Unverzeihliche kehren ...

»Hörst du, Gott!«, speie ich in die tiefdunkle Nacht. »Richte endlich das schwarze Schaf und komm heraus aus deinem armseligen Versteck. Das bist du mir verflucht noch mal schuldig!« Blind vor Wut starre ich gen Himmel, stehe mitten auf der Straße. »... Malorie ist der Teufel. Sie ist dein Werk. Und du hast zugesehen!«

Mein Brustkorb hebt und senkt sich im Gleichklang mit den Geräuschen der blinkenden Ampelanlagen. Wie das Ticken der Zeit. Der Tanz ist vorbei. Ich habe versagt. Arianna ist fort und jeder Funken Hoffnung mit ihr.

Eine letzte Fahrt mit meinem Bike wird mich zu den Docks bringen. Zum Midnite und dorthin, wo der Schuss niemanden stört und genug Abschaum New Jerseys unterwegs ist, der für den Rest sorgt.

Schwankend erreiche ich den Lincoln Park, der direkt an meine ehemalige Wohnung angrenzt. Lediglich ein paar wenige Laternen spenden Licht und untermalen den Irrsinn mit ihrem Schattenwurf perfekt. Wie immer steht das Bike fahrbereit in einem alten Schuppen, in kurzer Distanz zum Bartolomeo Colleoni Monument. Erbaut im Jahre 1917 und damit fast 365 Tage vor meiner Erschaffung. Seitdem bin ich verfluchte 29 Jahre alt. Und müde, taub, eine leere Hülle, der verlorene Sohn. Ariannas Stigma!

Viel zu fest umklammere ich die Griffe der Maschine, verkrampfe mich. Malories Stimme ist in meinem Kopf, sie stöhnt und lacht. Mehrmals hintereinander hämmere ich mir gegen die Schläfen. Ihre Laute vermischen sich mit Ariannas Hilferufen. Speichel tropft mir aus dem Mund, weil ich meinen Siedepunkt erreicht habe und immer wieder an ihrem Namen verzweifele.

Der Wind frischt auf, fegt mit Tempo durch den Park. Und mit ihm die Stimmen meiner Freunde. Drake ist auf dem Weg. Er ruft nach mir, nach seiner Miss Payne. Begleitet von Keira, die erfolglos versucht, unser Sippen-Fucker-Kollektiv zu beruhigen. Alles ist in Schieflage geraten. Entschlossen starte ich den Motor.

Drake Martinez, du bist jetzt die Speerspitze. Pass auf dich auf, alter Freund. Ich folge meiner Julia.

Je näher ich den Docks komme, desto ruhiger werde ich. Finde Trost in dem Gedanken, es enden zu lassen. Achtlos parke ich das Bike zwischen ein paar Containern, die für die Verladung vorgesehen sind, und steuere zielstrebig auf den erwarteten Abschaum zu.

»Hey«, rufe ich hinüber zu einer kleinen Gruppe von Männern, die genau das bei sich tragen, was ich will. »Dort drüben steht eine Kawasaki Z900. Sie gehört euch. Dafür schenkt ihr mir alles von eurem harten Stoff. Deal?«

Acht Augenpaare fokussieren mich düster und treten näher heran. Für einen Moment meine ich, Acid unter ihnen zu entdecken, irre mich aber. Der Wichser verkaufte Ari vor Monaten genau an diesem Ort LSD und ich brach ihm die Nase. Jetzt würde ich alles dafür geben, sie zugedröhnt vom Dach ihrer alten Wohnung in meine Arme zu reißen. Jedes Detail würde ich ihr erzählen. Die gesamte zerstörte Palette meiner Welt. Wer wir sind und warum ausgerechnet sie die Eine für mich ist.

»Was ist, ihr Wichser? Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit.«

Der Anführer, ein Kerl mit kahlrasiertem Schädel, macht einen Schritt auf mich zu. Sein Atem stinkt nach Schnaps und faulen Zähnen.

»Verpiss dich, Arschloch!«

Ich lecke mir über die Lippen und ziehe die Beretta hervor, halte sie ihm direkt an seinen Kopf, schmecke seine Angst.

»Willst du sterben? Ich schon, mir ist es scheißegal. Aber du ... Du möchtest zu deiner Frau zurückkehren, die nichts von deinen nächtlichen Geschäften weiß. Dich neben sie ins Bett kuscheln und ihr am nächsten Tag von deinem Blutgeld schöne Kleider kaufen. Und Stacy liebt Rosen.« Ich ziehe die Luft bewusst tief durch die Nase ein. »All das ist Geschichte, wenn du jetzt abtrittst. Dann geht es abwärts für dich. Und glaube mir, da willst du gerade nicht hin. Also«, drücke ich den Lauf fester an seine schwitzende Schläfe. »Die Maschine gehört dir. Sie ist mehr wert als das billige und verseuchte Fentanyl in deiner Hosentasche.«

»Bist du ein Cop?«

»Sehe ich etwa so aus?!«

Seine Kumpels murmeln Worte, die ich ausblende.

»Hier«, er zerrt ein relativ großes Tütchen mit weißem Pulver hervor und sondiert hektisch die Gegend. »Schon ein paar wenige Gramm davon reichen aus, um dich völlig abzuschießen. Nimmst du alles auf einmal, fährst du abwärts.«

»Da bin ich schon angekommen.«

Entschlossen greife ich nach der Tüte, senke die Waffe, halte sie aber weiterhin in meiner Hand.

»Ich hoffe, du weißt, was du tust. Du siehst nicht aus wie ein Junkie.«

Regungslos beobachte ich die Männer, die sich irritiert zurückziehen. Wenn sie wüssten ... Meine Sucht ist grenzenlos. Deshalb werde ich nichts dem Zufall überlassen und erst den Alkohol und dann die Chemie wirken lassen. Bevor das Blei meinen Körper verseucht.

Eine Weile verharre ich im Schatten, beobachte das Midnite. Mein Zuhause und eine Zuflucht für Saltatio Mortes. Geschützt durch den Splitter, den Drake in seinem Tresor versteckt hält. Schlicht Reste vom schwarzen Feuer, die wie ein Schutzschild funktionieren. Dem Dreiklang und allen, die mit ihm sympathisieren, wird dadurch der Zutritt verwehrt. Deshalb sollte Mitch mein Mädchen hierherbringen. Damit sie in Sicherheit ist, während ich in die Verdammnis hinabsteige und die beiden obersten Soldaten für ihre Verbrechen bezahlen lasse.

Weiß treten meine Fingerknöchel hervor. Er versprach es, tat es aber nicht. Blinde Wut packt mich und ich öffne die Stahltür mit einem einzigen Zug. Knalle sie hinter mir ins Schloss und steige die Stufen hinab.

Ich bin allein ...

So hat alles angefangen ...

So wird es enden ...

Ich mache mir nicht die Mühe, das Licht im Club einzuschalten. Die Schatten sind genau passend für den letzten Tanz.

Laut pfeffere ich die Waffe auf die Theke, umrunde sie und öffne den Tresor des Vergessens. Wo sich der Schlüssel versteckt, ist kein Geheimnis. Unzählbar oft bediente ich mich selbst, immer mit der mahnenden Stimme von Drake in meinem Ohr, das kostbare Zeug nur in Maßen zu saufen. Jetzt kippe ich alles in mich hinein. Schnaps, Whiskey, Bourbon. Hauptsache viele Promille.

Flüssigkeit rinnt über meine nackte Brust und tropft auf meine Schuhe. Ich schlucke gierig, schmeiße die erste leere Flasche auf den Boden und setze direkt die nächste an. Wiederhole das Prozedere mehrmals und genieße das Brennen in meiner Kehle. Heiße den Nebel willkommen, der einen Süchtigen liebkost und ihn antreibt, niemals aufzuhören.

Unkoordiniert stelle ich die Soundbar an. Aus den Lautsprechern dröhnt der Song Master Of Puppets von Metallica. Was für ein verfickter Wink des Schicksals. Schräg lehne ich mich gegen die Bar und trinke weiter, zerre die Tüte mit dem Dope aus meiner Hosentasche. Der Stoff ist um ein Vielfaches stärker als Heroin. Jackpot würde ich sagen. Genau das, was ich brauche. Waffen, Drogen, Alkohol ...

America First.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mit der höchsten Drogensterblichkeit, unschuldigen Opfern durch frei verkäufliche Waffen und öffentlichem Alkoholkonsum aus braunen Papiertüten. Aris Welt, meine Welt ... kaputt bis ins Mark.

Die Augen schließend, summe ich die Lyrics mit: Herr der Marionetten, ich ziehe an deinen Fäden, verdrehe deinen Verstand und zerschmettere deine Träume. Von mir geblendet kannst du nichts sehen ...

Ich will auch nichts mehr sehen, meinen nächsten Geburtstag nicht miterleben. Er wäre in einer Woche gewesen, am 11. August.

Eine weitere Flasche geht zu Bruch und ich drehe die Musik lauter, bis die Gläser vibrieren. Stelle den Song auf Repeat, fische das Feuerzeug aus meiner Hose und suche unter der Theke nach dem First Aid Kit. Relativ schnell werde ich fündig. Ein dickes rotes Kreuz prangt auf einer weißen Box. Fein säuberlich stelle ich sie zu den Utensilien der heutigen Schicksalsnacht und öffne den Deckel. Jetzt fehlt nur der Löffel. Jede Schublade wird von mir aus den Schienen gezerrt.

Arianna, Baby ... Es ist alles bereit.

Der Nebel in meinem Kopf wird immer dichter. Fahrig wische ich mir die Nässe aus dem Gesicht, unterdrücke den Würgereiz und starte das, was ich aus ihrem zweiten Leben weiß.

Mechanisch zünde ich mir eine Black Devil an, zerreiße die Verpackung des Spritzenbestecks und lege es vorsichtig zurück. Das weiße Pulver landet auf dem Edelstahl, bedeckt den Rand vollständig.

Koste mich und du wirst sehen ...

Mehr ist alles, was du brauchst ...

Du bist dazu bestimmt ...

Wie ich dich töten werde ...

Meine Zähne klappern. Süßlicher Qualm steigt empor, vermischt sich mit dem herben Tabakgeruch. Erste Blubberblasen quellen an die Oberfläche, je länger ich das Feuerzeug unter den Löffel halte und den Fuck aufkoche. Das hier ist absolut krank, so wie ich.

Langsam tauche ich die Nadel in die Flüssigkeit, ziehe sie bis zum Anschlag auf und brülle meinen Schmerz hinaus.

Drake ... Hilf mir. Ich will das hier nicht. Aber ich kann unmöglich ohne sie existieren. Mir fehlt die Kraft, weiterzumachen. Mein Baby ist endgültig fort. Ich liebe dich, Kumpel.

Konfus greife ich nach einer neuen Whiskeyflasche, schnappe mir die Waffe und schwanke zu der Wand mit den Acid Lights. Arianna erschuf dieses Kunstwerk und ich bilde mir ein, dass sie jetzt bei mir ist. Verloren rutsche ich an den Farben hinab und lege die Spritze neben meine Beine. Trinke, lasse den Kopf hängen, trinke erneut. Und erinnere mich an Fetzen unserer Reise durch die Zeit:

»Ich bin. Wegen dir.«

»Ich will keinen anderen. Mit dir könnte ich glücklich sein, ich weiß es genau!«

»Küss mich ...«

»Es tut so verdammt weh, du weißt gar nicht, wie sehr. Jedes Mal und ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. Bitte, Elijah, geh nicht! Wir werden einen Weg finden, irgendeinen verfluchten Weg. Es muss doch eine Möglichkeit geben.«

»... Ich weiß nicht. Halt mich bitte noch mal fest.«

»Mit dir bin ich glücklich.«

»Kneif mich, damit ich auch wirklich glaube, dass du hier bist.«

»Liebe mich, so wie du bist. Mit dem Licht und der Dunkelheit in dir.«

»Stell dir vor, wir gestalten unseren Entwurf selbst. Und dass du mit mir hier bist, ist der erste Strich unseres fertigen Bildes.«

»Wir werden einen Weg finden. Und wenn nicht, folge ich dir in die Dunkelheit. Ein Leben ohne dich ist sinnlos, farblos, nicht erstrebenswert.«

»Heirate mich! Wenn alles vorbei ist, will ich, dass du meine Frau wirst.«

Du bist mein Leben, Ari. Mein Licht. Die Seele in mir. Schon immer. In jedem Leben, das wir miteinander teilten. Zu gern hätte ich gesehen, wie du neben mir stehst und ich dir zart meinen Ring an den Finger stecke. Vor dir niederfalle und dir schlicht mich verspreche. Jeden Tag, jede Nacht, bis wir gemeinsam enden und ich dich nach Hause bringe. Nach einem erfüllten Leben. ... Es tut mir so leid, mein Sommermädchen. Du hattest recht, ein Dasein ohne dich ist sinnlos, farblos, nicht erstrebenswert.

Ungehindert tropfen Tränen auf meine Brust, still und leise. Meine Schultern beben und ich entsichere die Waffe, lege den Kopf schräg. Wie ich sagte: Erst der Alkohol, dann das Gift und zuletzt der Schuss.

Jegliches Zeitgefühl ist mir abhandengekommen. Ich hänge fest in Erinnerungen, die mich streicheln, schlagen, verurteilen. Steif umklammere ich die Spritze, führe sie zu meiner Halsvene und schließe die Augen. Der Stich gleitet präzise durch meine Haut. Hat es sich für Charlotte so angefühlt, als ihr der goldene Schuss gesetzt wurde, der unsere Verbindung in ihrem zweiten Leben zerstörte?

Brutal wird mir der Boden unter den Füßen entrissen und das erste Gift breitet sich rasend schnell aus. Ätzt sich durch meine Venen, die der schieren Konzentration nicht standhalten können. Sie wehren sich, deshalb muss ich langsam machen.

»... Elijah!«

Dumpf höre ich meinen Namen, reagiere nicht. Führe in Zeitlupe die Neunmillimeter zu ihrem Ziel, mit dem Finger am Abzug. Ich benötige ein paar Anläufe, um die nötige Koordination aufzubringen. Und drücke ab, erwarte den Einschlag. Der Knall ist ohrenbetäubend. Mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 350 Meter die Sekunde. Aber nichts passiert, das Projektil zerfetzt die Wand hinter mir. Gleichzeitig fliegt mir die Waffe aus der Hand und rutscht über den Boden.

»Verdammt Kumpel. Was hast du getan?«

Mein ganzer Körper verhärtet sich und ich presse fest die Augen zusammen. Bin nicht in der Lage, die tiefen Erschütterungen zu unterdrücken, die aus meinem Inneren an die Oberfläche fließen. Drake ist bei mir.

»... Sie ist tot!«, speie ich immer wieder. »Wegen mir. Ari ist tot. Ich konnte sie nicht beschützen. ... Du konntest das nicht!« Seine eiskalten Hände ziehen mich an seine Brust. Schenken mir Halt, den sie selbst nicht finden. Federn meine Zerstörung und den Versuch, ihm körperlich für das wehzutun, was mir so unendlich fehlt, ab.

Alles dreht sich. Das Gift in meinen Venen verursacht Krämpfe, die mich unnatürlich zucken lassen. Drake brüllt etwas, was ich kaum verstehe. Fest umklammert er meinen Oberkörper, zerrt mich auf die Füße und schleift mich durch den Club. Doch meine Beine gehorchen mir nicht mehr, knicken immer wieder weg.

»... Hau ... ab!«, lalle ich und hänge schlaff in seinen Armen. »... Ich brauche deine Hilfe nicht.«

»Das könnte dir so passen, alter Freund. Du wirst nicht aufgeben. Das lasse ich verdammt noch mal nicht zu!«

Sein Griff ist gnadenlos. Jeder erbitterte Versuch, mich aus der Umklammerung zu lösen, scheitert. Bis die letzte Kraftreserve schwindet und das Dope den Todesengel in die Tiefe reißt.

Hände umschließen hektisch mein Gesicht, rütteln an mir.

»... Lass mich gehen ...«

Drakes tiefe Verzweiflung ist das Letzte, was ich wahrnehme, endlich die Kontrolle abgebe. Allein in den Abgrund falle, der so völlig anders ist, als erwartet. Wie eine Zwangsjacke, voll mit Bildern und Stimmen, die ich nicht aussperren kann. Sie rütteln mich durch. Stunden, Minuten, Sekunden ... Ein Szenario jagt das nächste.

»Du bist noch nicht so weit, Junge. Bring deinen Kram in Ordnung, erinnerst du dich?«

Flach liege ich auf dem Bauch, schaffe es nicht, meine Augen zu öffnen, zu sprechen oder mich einen Zentimeter zu bewegen. Nur den Geruch von alten Zeitungen nehme ich wahr, vermischt mit fruchtigen Bonbons und Tabak.

»Ich weiß, dass du mich erkennst, obwohl du mich nicht siehst. Unsere flüchtige Begegnung hat Eindruck bei dir hinterlassen. Sonst würdest du mich nicht bitten, dir gehörig den Hintern zu versohlen.«

Aus meiner Kehle dringen gurgelnde Laute. Zu viele Flashbacks spielen Pingpong mit mir.

Gebrechliche Schritte kommen näher und mit ihnen Bernie, der alte Mann aus dem Kiosk. An dem Abend, bevor ich Mitchs Seele ins Leben zurückholte, verkaufte er mir zwei Schachteln Kippen. Und erkannte das Wesen in mir. Anstatt sich zu fürchten, konfrontierte er mich mit seinem Tod und der Bereitschaft, die letzte Reise anzutreten.

Seine faltige Hand legt sich auf meinen Rücken. Sie fühlt sich warm an, väterlich. »Manchmal muss man erst verlieren, um zu gewinnen. Und an das glauben, was nicht zu sehen ist, verloren scheint. Saltatio Mortes, mit einer Seele, die er krampfhaft leugnet und mit allen Mitteln zerstören will. Die aber unwiderruflich ein Teil von dir ist. Das habe ich an dem Abend in dir gesehen. Geh, suche nach deinem Mädchen. Finde sie und dann bringe es zu Ende. Sonst gibt es keine Erlösung mehr. Für niemanden. Und jetzt wach auf!«

Wie von Sinnen schrecke ich hoch und schlage hart mit dem Kopf gegen das Glas der Duschkabine, zucke im Sekundentakt. Kaltes Wasser prasselt unerbittlich auf mich hinab.

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich in die Gesichter von Drake und Keira, die vor mir kauern. Pitschnass, schneeweiß, angestrahlt von der Sonne, die durch das Souterrainfenster hereinbricht. Unvorbereitet trifft mich eine schallende Ohrfeige, gefolgt von zwei weiteren.

»Wage es ja nicht, so etwas noch einmal abzuziehen.« Keiras Augen füllen sich mit Tränen. Weinend schmeißt sie mir eine fast leereInfusionsflasche vor die Füße und lässt Drake und mich allein. Sein Hemd ist völlig verdreckt, teilweise fehlen die Knöpfe.

»... Ich liebte Arianna ebenso.« Wild greife ich in meine Haare, will das nicht hören. Hänge zwischen diesem Ort, Ariannas Apartment und den Halluzinationen rund um die Worte des alten Mannes. »Elijah ..., du musst mir jetzt zuhören. Uns läuft die Zeit davon. Draußen wird es bereits hell.«

»Einen Scheiß muss ich!«

Mir fehlt die Kraft, weiterzusprechen. Langsam kommt Drake zurück auf die Füße und stellt das Wasser ab. Vorsichtig legt er mir ein weiches Handtuch um die Schulter. Es duftet nach Sommer, was meinen Magen zum wiederholten Male rebellieren lässt. Während ich in seine Dusche kotze, streicht mein bester Kumpel über meinen Rücken.

»Das sind die Nebenwirkungen des hoch dosierten Naloxan, das wir dir mehrmals intravenös spritzen mussten. Keira hat es in Lichtgeschwindigkeit besorgt, nachdem du ununterbrochen die Reste von deinem Blut und Schaum gespuckt hast. Du hast dir in voller Absicht Drogen für ein ganzes Rudel Elefanten injiziert. Hast du geglaubt, das könnte dich töten?«

Meine Finger formen sich zu einer Waffe, die ich mir an die Schläfe halte und imitieren den Schuss.

»Auch das hätte dein Dasein nicht endgültig beendet. Aber ich glaube, das wusstest du. Stimmt's?«

Angewidert wische ich mir über den Mund, blicke seitlich zu ihm hoch. »Vergessen, das ist der Sinn und Zweck dahinter. Ich brachte nichts als den Tod. In jeder Version von ihr. Schuldig, Martinez, in allen Anklagepunkten.«

Drake atmet tief aus. »Wir sind Saltatio Mortes. Todesengel, die eine Seele nach Hause bringen. Aber keine Mörder. Malorie verachtet uns. Schon damals erkannte ich den Wahnsinn und die Machtlosigkeit ihrer beiden Schwestern, ihm Einhalt zu gebieten. Wenn jemand schuldig ist, dann ich. So viele Zeichen ignorierte ich und ließ dich allein gegen ein System kämpfen, das außer Kontrolle geraten ist. Stattdessen verdächtigte ich dich nach deiner Rückkehr aus dem Exil, die Seiten gewechselt zu haben.«

»Stopp!«, beende ich seine Worte kratzig und sehe mehr als nur Doppelbilder. »Du brauchst nicht den heiligen Samariter zu spielen. Ich bin ein Mörder! Keine Ahnung, was dein Versagen im Leben gewesen ist. Meines ist der Tod Unschuldiger. Und es wiederholt sich, wieder und wieder. Wäre ich nicht losgezogen ...«, der Würgereiz übermannt mich erneut, »Arianna würde gleich aufwachen und sich für ihre beste Freundin freuen, die ein Baby bekommt.«

Für einen Moment setzt die Stille zwischen uns ein. Wir beide wissen, wie sehr Iris und Mitch sich den Nachwuchs gewünscht haben. Und wie furchtbar die Wahrheit über Ariannas Tod sein wird. Ebenso für Zane. Unsterblich in mein Mädchen verliebt.

»Miriel ..., sie hat ihren Körper ins Exil gebracht.«

Wie von der Tarantel gestochen, springe ich auf und breche fast wieder zusammen. »Was hast du gesagt?«

»Deinen Schmerz, wir alle haben ihn nicht nur gespürt, sondern miterlebt. Als wir in Miss Paynes Apartment angekommen sind, war Miriel bereits dort. Blutüberströmt, verletzt und so entschlossen, wie ich sie nie zuvor gesehen habe. Elijah, im Exil vergeht die menschliche Hülle langsamer. Du musst dorthin zurückkehren und mit ihr sprechen. Denn es gibt vielleicht eine Möglichkeit, Ariannas Seele zurückzuholen.«

Mir wird schwarz vor Augen. Das ganze Kartenhaus bricht erneut über mir zusammen und ich erlebe die letzten Stunden im Zeitraffer. Auch Miriels Blut klebt an meinen Händen, weil ich sie in Malories Castle of Madness zurückließ.

»Du benötigst eine weitere Dosis Naloxan.« Ein winziger Stich in meinen Arm und der Schwindel lässt langsam nach. »Die Wirkdauer ist begrenzt. Vermutlich müssen wir die Prozedur ein paar Mal wiederholen. Und jetzt sieh mich an! Hast du gehört, was ich sagte?«

»... Ari ist tot!« Brutal presse ich mir die Faust vor den Mund, unterdrücke den Kummer. »Du warst bei ihr, also hast du sie gesehen. Die schwarzen Linien auf ihrem Körper.«

Fest packt er mich an den Schultern und zerrt mich dicht vor sich. »Miriel ist eine Schwester des Dreiklangs. Sie ist das Licht, während Malorie die Finsternis verkörpert. Was die eine Schwester nimmt, ist die andere imstande zu geben. Ich kann dir nicht sagen, wie das genau funktioniert. Aber es ist eine Möglichkeit.«

Verzweifelt klammere ich mich in den Stoff seines Hemdes. »Drake, ich ertrinke und greife nach ihren Händen, die nicht da sind. Mir ist nichts geblieben, nicht einmal mehr die Hoffnung.«

»Dann lass mich für dich hoffen.«

Ich schlucke. »Wenn ihr euch irrt, werde ich es zu Ende bringen. Und weder du noch Keira werden mich davon abhalten. Gibst du mir dein Wort?«

Entschlossen nimmt er mich in die Arme. Drake Martinez ist mein bester Freund und ich liebe ihn wie einen Bruder.

»Du hast mein Ehrenwort. Aber so weit wird es nicht kommen. Ich vertraue Miriel, die trotz aller Widerstände, einen Weg zurück aus der Verdammnis gefunden hat. Und ich vertraue dir. Weil das, was Miss Payne und dich verbindet, über alles Vorstellbare hinausgeht. Sie ist deine Juliet. Und du musst jetzt zu ihrem Romeo werden, deine letzten Reserven mobilisieren. Schreib die Geschichte neu!«

»Ich wollte Arianna heiraten. Zum Teufel, ich will es noch immer. Nichts habe ich je mehr gewollt.«

Haltlos trauere ich und bemerke nur am Rande, dass Keira zu uns zurückkehrt. Zu dritt verweilen wir in Drakes Badezimmer, durch die Ewigkeit miteinander verbunden.

Eine Weile halten wir uns gegenseitig fest und stehen uns, in der für mich dunkelsten Stunde, bei. Es ist ein stilles Versprechen, das mir meine Freunde geben. An meiner Seite zu kämpfen oder mit mir unterzugehen.

Beide lassen mich anschließend kaum aus den Augen. Während sie notdürftig das Chaos um uns herum und auf sich selbst beseitigen, starre ich einfach in den bodentiefen Spiegel. Meine Haut ist aschfahl und das Grün meiner Augen wirkt wie eine giftige Suppe. Es fehlt nicht viel, dann klappe ich erneut zusammen. Mein Zustand ist desolat. Schlimmer, er ist gebrochen.

»Wir müssen los.« Es ist Drake, der sich räuspert und ausspricht, wovor ich mich fürchte. Nacheinander heftet sich sein dunkler Sturm auf Keira und mich. »Du hast es einmal geschafft, die Portale zu umgehen. Bist du in der Lage, das erneut aus dir herauszuholen?«

Fahrig streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht. Ich bin Malorie aus der Verdammnis gefolgt, habe es ihr gleichgetan. Meine Angst um Ari steuerte mich und ich kam zu spät.

»... Ich weiß es nicht ...«

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen und ich verschwinde wackelig und so heruntergekommen, wie ich in bin, in Drakes Büro. Für den Weg von einer Minute benötige ich zehn. Mich erwartet die reinste Unordnung. Überall türmen sich kleine Papierstapel, Bücher liegen teilweise aufgeschlagen auf dem Boden. Die Luft riecht abgestanden.

»Öffne den Tresor«, weise ich ihn an.

»Das hätte ich sowieso gemacht, um den schwarzen Splitter ins Exil zu bringen. Und damit für einen zusätzlichen Schutz vor Malorie zu sorgen.«

»Drake, du gefährdest mit dieser Aktion das Midnite. Ist dir das klar? Ohne den Splitter ist das Portal offen. Jeder ist dann in der Lage, hier fröhlich herein- und wieder herauszuspazieren.«

»Das ist mir vollkommen bewusst, Keira. Aber es gibt keinen anderen Weg. Du hast Miriel gesehen. Sie ist aktuell nicht in der Lage, sich gegen ihre Schwestern zu stellen. Und wir wissen nicht, was mit Mael passiert ist. Auf welcher Seite sie steht. Die Waage ist in diesem Trio nicht zu unterschätzen. Außerdem bleibst du hier und hältst die Stellung, trommelst den Widerstand zusammen.«

»Auf keinen Fall! Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir zusammenbleiben.«

»Ende der Diskussion«, herrscht Drake sie schneidend an und ergreift sofort ihre Hand. »Es tut mir leid. Bitte denk an Pim. Der Kater braucht einen Dosenöffner und Gesellschaft. Er wird sich sicher blendend mit deiner Katze verstehen.«

»Seid ihr fertig?«, unterbreche ich die beiden. »Ich will das Amulett mitnehmen. Deshalb, öffne den Tresor.«

»Das ist keine gute Idee, Kumpel. Die Chemie in deinem Körper benötigt eine Weile, um sich vollständig abzubauen. Jetzt zusätzlich das Gift der Verdammnis an dich heranzulassen, ist grob fahrlässig.«

Trotzdem löst er die einzelnen Sicherheitsmechanismen und tritt zur Seite.

»Fuck drauf.« Mit einem Griff landet der schwarze Sternsaphir samt Stoffumwicklung in meiner Hosentasche. Sofort packt mich der Ekel, und die Nähe zu einer perversen Irren, die mich, damit an sich gebunden hatte. Er wirkte wie eine Fußfessel, die ich um den Hals trug.

Ich ignoriere Drakes weitere Warnungen, obwohl ich die Macht des Amuletts deutlich spüre. Mich weniger geschwächt fühle.

Stockend tritt Keira vor mich, legt vorsichtig ihre Hand auf meine Wange. »Du brauchst ein Shirt. Drake, kannst du bitte in deinem Kleiderschrank nachsehen? Und gib uns fünf Minuten.«

Nur Sekunden später sind wir allein und ich blicke auf sie hinab. Es ist an der Zeit, mich ihren Worten zu stellen.

»... Ich liebe dich! Seit dem Tag, als du das erste Mal im Midnite aufgekreuzt bist. Schweigsam, unnahbar und mit deinen Gedanken woanders. Gib nicht auf, Elijah. Nichts von dem, was geschehen ist, ist deine Schuld. Du kämpfst, seit ich dich kenne. Am meisten gegen dich selbst. Sogar in den Augenblicken, wenn wir zusammen waren, warst du nicht bei mir. Immer stand dein Schicksal zwischen uns. Du wirst die Seele von deiner Arianna finden. Hörst du, du wirst sie finden.«

Wir sehen uns an und ich streiche ihr eine dunkle Strähne aus dem Gesicht, die sich in ihrem Mundwinkel verfangen hat. Langsam senke ich meine Lippen auf ihre und schenke ihr einen letzten Kuss. Taktvoll, ohne eine Grenze zu überschreiten. Entschuldige mich auf meine Weise für das, was ich ihr angetan habe. Die Liebe, die ich nicht erwidern konnte.

Behutsam löse ich mich von ihr und betrachte ihre ebenmäßigen Züge. Keira ist eine wunderschöne Frau, verdient so viel mehr als das hier.

Sie lächelt und ich lege meine Stirn gegen ihre. »Pass auf Pim auf. Er wird sie wie die Hölle vermissen.«

»Okay ...« Ihre Lippen zittern. »Am Ende wird alles gut, ich weiß es.«

So gern möchte ich ihr glauben. Wäre nicht ich die Gleichung, die es zu lösen gilt.

Drake wartet bereits auf mich. Er lehnt vor der Besenkammer und beobachtet jeden meiner Schritte, wie ich mir die Beretta in den Hosenbund stecke und angespannt meinen Nacken dehne.

»Hier, das müsste dir passen. Ist zwar nicht deine Farbe, aber ein anderes gibt mein Schrank in der Breite deiner Schultern nicht her.«

Teilnahmslos beäuge ich das weiße Shirt, ziehe es über und trete an ihm vorbei, direkt in die Kammer hinein. Mein Kumpel folgt mir. Für einen Augenblick lege ich meine Handflächen gegen die betonierten Wände, versuche mich zu konzentrieren, auf den Beinen zu halten.

»Fuck, Drake? Was ist, wenn das hier schiefgeht? Wenn ich sie nicht finde. Miriel mit allem Unrecht hat und wir sie nicht ...« Mir bleiben die Worte im Hals stecken.

»... Begraben«, beendet er meinen Satz. »Und einen Ort für sie finden, wo sie endgültig Ruhe findet und alle von ihr Abschied nehmen können.«

Der Gedanke ist kaum auszuhalten.

»Als sie damals Miriel verbannten, gab es nichts, was ich dem entgegenzusetzen hatte. Malorie und Mael nahmen sie mir einfach weg. Ich war allein, dazu verdammt, in Unwissenheit ein endloses Dasein zu fristen. Entscheide dich jetzt! Aufgeben und schachmatt setzen lassen, oder den Doppelangriff wagen. Mit mir an deiner Seite. Denn ich bin es leid, der Bauer in ihrem Spiel zu sein.«

Fest presse ich meinen Kiefer zusammen, straffe die Schultern und schließe meine Augen. Blende Drake aus, und flüstere auf unserem Sender, hinein in den Tag und eine geträumte Ewigkeit. Das Licht der nackten Glühbirne über uns flackert, bäumt sich auf. Bis das Glas zerplatzt, und feine Splitter auf uns hinabregnen.

... Süße, hilf mir. Arianna!

Wortfetzen vermischen sich mit dem Geschmack von Blut in meinem Mund. Ich grabe tiefer, suche nach dem Spalt, der einen direkten Zugang erschafft. Vorbei an den Spielwiesen des Dreiklangs: Limbus, Nimbus und Narthex. Jetzt fast unter Kontrolle von nur einer Schwester: Malorie. Der Hass überschwemmt mich. Ihre Hände auf meiner Haut, das Lachen in meinem Kopf, ihr gebeugter Körper über meinem Mädchen ...

Wild brülle ich ihren Namen hinaus, meine ganze Ohnmacht, jede falsche Entscheidung. Meine Schuld!

Winzig, wie ein kleiner Punkt, der aus der Mitte heraus größer wird, öffnet sich der Riss. Drake keucht hinter mir. Fest greife ich nach seinem Arm und zerre ihn durch den Übergang, lasse nicht los. Es kostet mich ein fast unüberwindbares Maß an Kraft, den Kurs zu halten. Mich dem Wahnsinn zu stellen, ohne Licht durch die Dunkelheit zu schreiten und der Witterung zu trotzen. Die Erschöpfung und das, was ich enden lassen wollte, fordern ihren Tribut.

Vollkommen fertig falle ich auf die strohige Wiese und Drake übergibt sich neben mir. Wasser kondensiert auf meiner Haut, durchnässt in Windeseile mein Shirt. Die Hitze hier ist fast unerträglich, steht im krassen Kontrast zu der Kälte, durch die wir geschritten sind.

»... Das war heftig. Hat was von Marvel und Dr. Strange.«

Ich weiß, dass er die Situation aufzulockern versucht, was nicht funktioniert. Direkt vor uns erstreckt sich das kleine Holzhaus, in dem ich Monate verbrachte, bis ich in die Hölle hinabgestiegen bin.

»Wäre ich fucking Dr. Strange«, antworte ich daher mit zusammengepressten Lippen, »hätte ich die Zeit zurückgedreht. Und zwar genau dorthin, wo mir der verfluchte Dreiklang das Leben eines unschuldigen Mädchens anvertraute. Um meine eigene Lebensschuld zu begleichen.«

Schwankend komme ich zurück auf die Füße. Prompt erscheint Miriel humpelnd auf der Veranda. Sie lehnt ihren Kopf gegen das verwitterte Holz und starrt genau in meine Richtung. Drake setzt sich sofort in Bewegung und tut etwas, was ich nicht kann: sie in die Arme schließen.

Mit gesenktem Kopf laufe ich an beiden vorbei und nehme Kurs auf Miriels Zimmer. Blende alles andere aus und starre wie paralysiert auf das Bett.

Ich kann nicht mehr.

Zitternd fische ich eine vollkommen zerquetschte Zigarette aus der Hosentasche und stecke sie mir an. Der Rauch füllt meine Lungen, ohne den gewünschten Beruhigungseffekt. Nach zwei Zügen drücke ich sie mit meinen Fingern aus und hämmere immer wieder mit der Stirn gegen den Türrahmen.

»Dich trifft keine Schuld.«

Miriels Worte erschrecken mich und die Blutergüsse ebenfalls. Sie übersäen jede freie Hautstelle. »Ich habe dich zu Malorie gebracht. Und sie damit zu meiner Tochter.«

Leicht gebeugt schreitet sie an mir vorbei und ich sauge scharf die Luft ein. Quer über ihren Rücken ziehen sich die gleichen Peitschenhiebe, mit denen sie auch mich in der Gefangenschaft folterten.

»Sieh sie dir an. Arianna ist so wunderschön. Weißt du, was ihr Name bedeutet?« Ihre zugeschwollenen Augen finden meine. »Er bedeutet wertvollster Schatz. Nachdem ich von meiner Schwangerschaft erfahren hatte, gab es nur diesen Namen für mich. Er stammte aus einem Buch, das von einem mutigen Mädchen handelte. Sofort verliebte ich mich in ihn.«

Der Kloß in meinem Hals wird immer größer und ich bin kurz davor, schreiend davonzulaufen. Aber ich bleibe, nehme ihre Hand und höre zu.

»Niemand weiß das bisher. Aber ich muss es jetzt erzählen. Arianna ist nicht aus Liebe entstanden. Es war ein roher Akt, mir wurde der Willen eines Mannes aufgezwungen. Er nahm sich, was er begehrte und ließ mich auf jegliche Weise gebrochen zurück. Bis ich eine Veränderung bemerkte, erste Bewegungen spürte und völlig den Schmerz und die Sehnsucht vergaß, die mich bis dahin unendlich quälten. Das kleine Leben in mir heilte jede Wunde. Und dann kamst du, in dieser Nacht. Im Krankenhaus. Mir war sofort klar, was das bedeutet. Dass mir meine Schwestern ebenso dieses Glück zerstören würden. Nicht aber die Hoffnung.« Ein trauriges Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. »Malorie und Mael nahmen mich meiner Tochter weg und schenkten ihr dafür unwissentlich die Liebe eines Mannes, der niemals aufhören würde, für sie zu kämpfen.«

Ich senke meinen Kopf und lege Miriel meinen Arm um die Schultern, ziehe sie an mich.

»... Du liegst falsch«, erwidere ich brüchig. »Diesmal wollte ich es beenden. Aufgeben. Glorifiziere nicht das, was ich bin. Und jetzt sag mir, warum ich hier bin.«

Miriel schluckt. »Ariannas Todesengel liegt in Ketten. Malorie hat ihn im Narthex eingesperrt. Geh zu ihm und erledige, was nötig ist. Er muss wissen, wo ihre Seele umherirrt. Aber beeile dich. Keiner Seele ist es möglich, länger ohne den Körper zu existieren und sich nicht in der Unendlichkeit zu verlieren. Finde sie. Schnell!«

Mein Herz pumpt einen einzigen Schlag, läutet damit den letzten Akt ein. Und eine Vendetta, die ihresgleichen suchen wird.

KAPITEL2

DRAKE

Ich schaue ihm hinterher, als er in der verwitterten kleinen Holzhütte verschwindet. Erneut steigt Übelkeit in mir empor und der Würgereiz lässt sich nur schwer unterdrücken. Dieser Ort raubt mir sämtliche Energie. Das hier ist also das sogenannte Exil. In dem Miriel Elijah versteckt hielt.

Mein Blick schweift über die hügelige Landschaft. Rechts von mir erstreckt sich der Limbus, in dem die Seelen büßen, die keine Erlösung verdienen. Auf ewig dazu bestimmt, unter der Königin der Verdammnis Qualen zu leiden.

Kalter Schweiß rinnt mir den Rücken herab und durchnässt den Bund meiner Hose. Mir gefriert das Blut in den Adern, sobald ich an sie denke – Malorie, das personifizierte Böse. Ich wende den Blick ab und bin nicht weniger erschrocken über den Nimbus zu meiner Linken. Mit verengten Augen versuche ich, genauer hinzusehen und zu verstehen. Dieser einst glanzvolle, heilige Ort scheint unruhig und von innen heraus zu pulsieren. Blitze zucken bedrohlich aus den tief hängenden schwarzen Wolken. Obwohl es schon einige Zeit her ist, seitdem ich mich zum letzten Mal in dieser Dimension aufhielt, erkenne ich dennoch deutlich, dass etwas so gar nicht stimmt. Ich spüre das Unheil herannahen. Der Krieg hat begonnen, Miss Payne war das Zünglein an der Waage.

Beklommen löse ich meinen Blick von dem Ort, der einst die Erlösung bedeutete. Er ist das Paradies, von dem alle träumen. Nun jedoch scheint dieses kurz vor dem Untergang zu stehen. Ob sich die drohende Katastrophe jetzt noch abwenden lässt? Ich bin ratlos.

Mit dem Unterarm wische ich mir durch das schweißnasse Gesicht, bevor ich Elijah folge. Der Schritt über die Türschwelle kostet mich meine gesamte Willensstärke, um nicht dem Impuls nachzugeben, kurzerhand das Weite zu suchen. Weg von dem toten Körper von Miss Payne. Weg von Elijah, meinem besten Freund, den ich nicht schützen konnte. Nicht im Leben und erst recht nicht im Tod. Der mir alles bedeutet und nicht den Hauch einer Ahnung davon hat. Vor allem aber weg von ihr. Miriel.

Vor wenigen Stunden waren wir uns erstmals in der Wohnung von Miss Payne über den Weg gelaufen. Und ihr Anblick traf mich bis ins Mark. Sie stand vor dem Bett, in dem ihre tote Tochter lag, schaute starr und völlig regungslos auf sie herab. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt. Weder hätte ich damit gerechnet, Miss Payne tot vorzufinden, obwohl mir vollkommen bewusst war, dass etwas Schreckliches passiert sein musste, noch war ich darauf vorbereitet, auf Miriel zu treffen. Völlig perplex stand ich im Türrahmen, wie gelähmt durch den Sturm der Empfindungen, der in mir wütete.

»Sie ist fort!«, war das Einzige, was sie sagte. Eine nüchterne Feststellung, ohne jegliche Form von Emotion. Sie hatte meine Anwesenheit bemerkt, obwohl sie mich keines Blickes würdigte.

Die Sekunden wurden zu Stunden, in denen wir beide schweigend zu begreifen versuchten, was geschehen war. Schwer schluckend trat ich schließlich neben sie, folgte ihrem Blick und betrachtete diese junge Frau, die man in jeglicher Hinsicht betrogen und beraubt hatte. Der Schock und die Fassungslosigkeit über diese Tatsache schlossen sich wie ein Schraubstock um meine Brust und trieben mir Tränen in die Augen. Schnell blinzelte ich sie weg. Miss Payne war selbst im Tod wunderschön. Das Geflecht aus schwarzen Schnüren auf ihrer Haut konnte dieser Schönheit nichts anhaben.

Als ich den Mund öffnete, nur um irgendetwas Dummes, Unwichtiges zu sagen, löste Miriel sich aus ihrer Starre und griff unter den Körper ihrer Tochter. Nun endlich konnte ich einen Blick in Miriels Gesicht erhaschen und erschrak. Denn es war übersät von verkrusteten Wunden, die Unterlippe aufgeplatzt. Das rechte Auge blutunterlaufen, das andere zugeschwollen. Ehe sie die Möglichkeit hatte, ihre Tochter vom Bett zu heben, griff ich nach ihrem Arm, zwang sie somit zum Innehalten. Sie ließ es widerstandslos geschehen, hob stolz den Kopf und starrte mich abwartend an. Sturmblaue Augen, voller Traurigkeit und Verzweiflung.

»Wer hat dich so zugerichtet?«, fragte ich tonlos. Doch anstatt zu antworten, machte sie sich mit einem Ruck von mir los, um Miss Payne hochzuheben. Mühelos trug sie den Körper ihrer Tochter. Schon öffnete sich hinter uns ein Portal. Bevor sie hindurchschritt, zögerte sie.

»Arianna ist fort, sie irrt irgendwo umher. Ich nehme ihren Körper mit ins Exil. Um den Verwesungsprozess zu verlangsamen. Geh, Drake, finde Elijah. Und bring ihn zu mir.«

Dann trat sie durchs Portal und ließ mich allein zurück.

Jetzt stehe ich hier vor der kleinen Hütte im Exil und kämpfe dagegen an, nicht auf dem Absatz kehrtzumachen und zu verschwinden. Zurück ins Midnite, wo ich meine Sorgen, Ängste und Gefühle in hundert Jahre altem Whiskey ertränken würde.

Ich atme tief durch, straffe die Schultern und öffne die verdammte Tür. Mit einem vorwurfsvollen Ächzen schwingt sie auf. Ich finde mich in einer Küche wieder. Alles eher zweckmäßig eingerichtet und dennoch viel zu menschlich. Die Atmosphäre ist fast sogar als heimelig zu beschreiben, ich fühle mich direkt wohl. In der Mitte des Raumes steht ein runder Holztisch mit vier Stühlen. Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee hängt in der Luft und gerade würde ich alles für eine Tasse davon tun. Durch eine nur angelehnte Tür dringen gedämpfte Stimmen zu mir herüber. Es ist Miriel, die eindringlich auf Elijah einredet: »... Keiner Seele ist es möglich, länger ohne den Körper zu existieren und sich nicht in der Unendlichkeit zu verlieren.«

Zwei Augenpaare richten sich auf mich, als ich zu ihnen in den Raum trete. Elijah nimmt seinen Arm von Miriels Schultern und macht einen Schritt zurück.

»Ich werde sie finden. Und wenn sie in Sicherheit ist, werde ich Malorie büßen lassen. Sie wird brennen, in ihrem eigenen Feuer.«

»Eins nach dem anderen. Was Malorie betrifft, so brauchen wir einen gut überlegten Plan. Dieses Mal müssen wir strategisch vorgehen«, entgegnet Miriel.

»... Da ist noch eine Kleinigkeit, die du vielleicht wissen solltest, Miriel. Mael gab mir deinen Ring. Anstatt ihn dir zu übergeben, habe ich ihn Malorie überlassen.«

»Du hast was?«

Bei diesem Geständnis weicht sämtliche Farbe aus Miriels Gesicht. Sie wankt leicht und ehe ihre Beine ganz nachgeben, packe ich sie, um sie zu stützen. Bei meiner Berührung stöhnt sie schmerzvoll auf. Elijah zieht einen Stuhl für sie heran und ich helfe ihr, sich daraufzusetzen.

»Sie hat meinen Ring, das macht die Sache viel schlimmer als befürchtet. Warum hast du das getan?«

Elijah geht vor Miriel in die Hocke und schaut verzweifelt zu ihr auf. »Ich wollte, dass sie von Arianna ablässt. Ich dachte, wenn sie diesen Ring hat und damit das, was sie wirklich will – Macht – würde sie Arianna verschonen. Aber es war schon zu spät. Sie hat sie eiskalt ermordet und den Ring mitgenommen.«

Miriels Unruhe überträgt sich auf mich. Der Ring ist eine Komplikation, die unsere Lage drastisch verschlimmert. Sie hat den Ring, sie hat das Henkelkreuz, was Maels Waage betrifft, so kann ich nur hoffen, dass sie diese nicht auch noch in ihre Finger bekommen hat. Denn dann wäre sie nahezu unbesiegbar. Nicht auszudenken, Malorie besäße die Macht der Drei für sich ganz allein ... Ein Grund mehr, dieser Teufelin Einhalt zu gebieten. Elijah scheint einen ähnlichen Gedanken zu haben, denn er schnaubt und richtet sich auf. Fest entschlossen tritt er auf mich zu.

»Ich bringe es zu Ende, dieses Mal wirklich. Ich werde Arianna finden. Und wenn sie in Sicherheit ist, werde ich Malorie vernichten. So wie jeden, der sich mir in den Weg stellt.«

Er muss es mir nicht erklären, ich weiß es auch so. Lese in seinen Augen, dass er keine Gnade walten lassen wird. Malorie entfesselte das Tier in ihm, welches zu allem bereit ist, ohne Furcht und Kompromisse.

Seine Augen sprühen vor finsterer Entschlossenheit. Die Dunkelheit, die ihn umgibt, habe ich in einer solchen Intensität nie zuvor an ihm erlebt. Ein letztes Mal beugt er sich über den Körper seiner Frau, küsst zärtlich ihre Stirn. Ehe er die kleine Hütte in der Einöde des Naraka verlässt, brennt die Kippe zwischen seinen Lippen.

»Du überlässt Miriel den Splitter aus dem Midnite, richtig?«, will er zum Schluss noch wissen.

»Natürlich«, antworte ich und wende mich an Miriel. »Damit seid ihr hier in Sicherheit, deine Tochter und du.«

»Aber das bedeutet, das Midnite ist nicht länger geschützt!« Es ist nur ein schwacher Protest, den ich sofort entkräfte.

»Das Midnite wird gut bewacht, mach dir darum keine Sorgen. Du benötigst den Schutz gerade viel nötiger, vor allem, wenn du hier mit deiner Tochter alleine bist.«

Elijah nickt zustimmend. Damit ist jedes Detail geklärt.

»Wir sehen uns!«, sind seine letzten an mich gerichteten Worte. Dann ist er fort. Beklommen schaue ich ihm nach und unweigerlich tauchen die Bilder seines Zustandes vor noch wenigen Stunden vor meinem inneren Auge auf. Elijah war am Ende seiner Kräfte. Er wollte sterben, alles beenden. Wieder einmal. Doch es gibt keinen Ausweg für ihn. Den gab es noch nie. Ich bewundere die Entschlossenheit, mit der er sich jetzt auf seinen Weg macht. Welche Wahl bleibt ihm auch?

»Ich könnte einen Kaffee vertragen, du ebenfalls?«, unterbricht Miriel meine Gedanken. Diese nüchterne Frage verunsichert mich zutiefst. Wenn ich nicht wüsste, wie sehr diese ganze prekäre Situation ihr zusetzt, würde ich fast annehmen, es könnte ihr nichts gleichgültiger sein. Doch ich blicke hinter die Fassade und sehe eine zutiefst erschütterte, verängstigte und traurige Frau. Die erneut alles verloren hat, was sie liebte.

»Gern!«, antworte ich leise und folge ihr in die Küche.

Als sie mir den Becher mit dampfendem schwarzen Kaffee reicht, streifen sich unsere Finger. Die kurze unbeabsichtigte Berührung schickt einen Stromstoß durch meinen gesamten Körper. Ihr ergeht es nicht anders, denn sie senkt beschämt den Blick.

»Wie lautet dein Plan?«, frage ich und übergehe damit diese elektrische Spannung, die wir beide gleichermaßen empfinden.

Sie atmet tief durch und vermeidet weiterhin den Blickkontakt. »Es wird schwer für Elijah, Arianna zu finden. Denn sie ist hüllenlos, gestaltlos. Wie soll er sie erkennen? Sie wird nicht viel mehr als ein Gefühl sein, ein Hauch. Das bereitet mir am meisten Sorgen. Er weiß nicht wo, und wonach er suchen soll. Und doch liegen all meine Hoffnungen in ihm. Wenn jemand dazu in der Lage ist, dann er.« Sie seufzt und trinkt einen Schluck aus dem Becher, den sie mit beiden Händen fest umklammert. »Wenn er sie gefunden hat, muss er sie herbringen. Sodass ich Körper und Seele wieder zusammenführen kann.«

»Mir war nicht klar, dass so etwas möglich ist«, gestehe ich. Über die Fähigkeiten des Dreiklangs ist nicht allzu viel bekannt! Sie sind in der Lage, Leben zu schenken und wieder zu nehmen. Also warum nicht einfach auch mal eben den Tod rückgängig machen? Schon lange empfanden wir uns alle doch nur als Spielfiguren auf dem Schachbrett zweier Schwestern, für die das Schicksal Unschuldiger allenfalls eine Partie ist. Miriel ausgenommen, denn sie ist schon lange schachmatt.

»Es ist möglich, da bin ich sicher.«

Diese Aussage macht mich stutzig. Heißt das, sie hat es nie zuvor probiert?

»Einen solchen Fall gab es bisher nicht«, erklärt sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. Dieses Geständnis nimmt mir jegliche Hoffnung. Es ist also lediglich ein Versuch. Plan B existiert nicht, weil Plan A nur aus einer winzigen Möglichkeit besteht.

Erschöpft vergrabe ich das Gesicht in meinen Händen. Wir befinden uns in einer verdammten Abwärtsspirale und es gibt keinen beschissenen Ausweg. Eine erdrückende Stille entsteht, die wir beide nicht zu durchbrechen vermögen.

»Siehst du das, Drake?« Miriel ist die Erste von uns beiden, die ihre Stimme wiederfindet. Ich folge ihrem Blick aus dem Fenster. »Der Nimbus ist schwer angeschlagen. Überall herrscht das reinste Chaos. Mit ihrer ungezügelten Torheit wird meine Schwester alles zerstören. Sie hat meinen Ring, verdammt. Jemand muss ihr Einhalt gebieten, aber das wird schwer.«

Nachdenklich betrachte ich die Frau, die ich so sehr liebe. Ihr Anblick schmerzt. Ihr Gesicht wurde auf brutalste Weise zugerichtet und die blutigen Flecken am Rücken lassen darauf schließen, dass es unter ihrer Kleidung mindestens genauso schlimm aussieht. Ich kann kaum atmen, mein Herz stolpert und alles dreht sich.

»Es tut mir so furchtbar leid«, krächze ich und meine damit nicht nur den Tod ihrer Tochter oder das Chaos um uns herum. Vor allem bedaure ich unser ganz persönliches Unglück – Miriel und Drake, eine Liebe, die nicht sein durfte ...

Sie hebt den Kopf, mustert mich schweigend.

»Wie konnte das geschehen, Drake?«, fragt sie tonlos.

Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder. Ist der Grund Schicksal oder Zufall? Sie müsste es doch besser wissen als ich.

»Die Liebe ist nicht ohne Risiko. Genau wie das Leben. Arianna und Elijah haben entschieden, es zu wagen. Ich erkenne uns beide in ihnen. Allerdings zahlen sie einen weitaus höheren Preis als wir damals.«

Sie greift nach meinen Händen, ihre Haut ist eiskalt. Und jagt mir einen Schauer über den Rücken. Unter ihren Fingernägeln klebt getrocknetes Blut.

»Wenn wir Körper und Seele nicht rechtzeitig vereinen können, ist sie verloren.«

Die Vergangenheit lehrte mich, dass es durchaus möglich ist, Seele und körperliche Hülle wieder zusammenzuführen. Mitchel Baker ist das Paradebeispiel für eine gelungene Wiedervereinigung.

Ich erinnere mich an die Nacht, in der er gestorben war. Während ich tatenlos zusah, der Bestimmung ihren Lauf ließ, setzte Elijah alles auf eine Karte und veränderte das Schicksal. Aus Liebe! Es war sein Geschenk an Miss Payne. Denn Mitch ist ihr bester Freund, die einzige Familie, die sie jemals hatte. Miriel war bei ihrer Geburt gestorben. Bis heute macht Elijah sich große Vorwürfe, dass er Mutter und Tochter trennte. Dabei war es seine verdammte Aufgabe, ihm blieb keine Wahl.