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Ein Liebesdrama voller Mut, Emotion und unerschütterlicher Verbundenheit Ein Augenblick verändert alles: Ben und Zita sind frisch verliebt, als ein Unfall ihr gemeinsames Leben erschüttert. Plötzlich sieht sich Ben mit einer bleibenden Behinderung konfrontiert und mit der Angst, Zita zu verlieren. Doch sie bleibt. Entschlossen, liebevoll, voller Hoffnung. In diesem bewegenden Roman begleiten wir ein junges Paar durch eine existenzielle Krise. Es ist eine Geschichte über die Herausforderungen körperlicher Einschränkungen, über emotionale Abgründe und darüber, was es heißt, wirklich füreinander da zu sein. Werden sie den Weg gemeinsam gehen, trotz aller Hindernisse? Es handelt sich bei dieser Version um die überarbeitete und erweiterte Neuauflage aus dem Jahr 2025.
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Seitenzahl: 399
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für meine Eltern, die mich zum Lesen gebracht haben, und für Markus, der mich zum Schreiben gebracht hat.
Sonja Bethke-Jehle wurde 1984 im Odenwald geboren und studierte in Mannheim Wirtschaftsinformatik. Heute lebt sie an der Bergstraße. Das Lesen und Schreiben ist seit der Kindheit ihre große Leidenschaft. Dabei rückt sie vor allem Menschen in den Vordergrund, die Grenzen überwinden, gegen Ungerechtigkeit kämpfen oder Herausforderungen bestehen müssen und dabei über sich selbst hinauswachsen.
Seit 2015 ist sie überzeugte Selbstpublisherin und hat seitdem 10 Romane veröffentlicht.
Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet sie ehrenamtlich in einer Bücherei, hilft bei der Ausleihe oder jagt während ihrer Joggingrunden nach neuen „Plot-Bunnys“.
Weitere Informationen findet Ihr auf: www.sonja-bethke-jehle.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Roland
Ben
Zita
Ben
Roland
Das alte Cover
Ich danke
Weitere Bücher der Autorin
Neubeginn
Bildbeschreibungen
Vorwort
Ich veröffentlichte Umdrehungen – Das Leben steht still im Jahr 2015, in den nächsten Jahren folgten die Veröffentlichungen von Band 2 und 3. Es war der Beginn meiner Tätigkeit als Selfpublisherin. Obwohl ich auf ein Lektorat verzichtete und kein Geld in ein professionelles Coverdesign investierte, wurde die Umdrehungen -Trilogie ein Erfolg, den ich nicht einkalkuliert hatte. 2017 ließ ich die Trilogie das erste Mal professionell korrekturlesen und veröffentlichte sie schließlich als Umdrehungen – Gesamtausgabe erneut.
Bereits 2018 erfolgte mit Kontaktaufnahme die erste eigenständige Veröffentlichung - dieses Mal mithilfe meiner Lektorin und einer Coverdesignerin. Drei weitere Romane (Tango in der Dunkelheit, Träume in Rot und Schrankgeflüster), eine Anthologie (Neubeginn) und eine weitere Trilogie (Umwege mit Joris, Umwege mit Alex, Umwege mit Viola) folgten.
Ich hatte also zehn Romane in zehn Jahren veröffentlicht und mich in der Zeit weiterentwickelt und professionalisiert. Die Arbeit mit meiner Lektorin wurde immer effektiver, ich lernte viel über das Selfpublishing und stand schließlich vor der Entscheidung, wie ich mein zehnjähriges Jubiläum feiern könnte.
Es war für mich ein großer Wunsch, die Geschichte um Ben und Zita qualitativ an die anderen Geschichten anzupassen. Die Umdrehungen-Trilogie war mein Debüt und Ben und Zita werden für mich immer etwas ganz Besonderes bleiben. Sie sollten den anderen Veröffentlichungen ebenbürtig werden. Ich engagierte also Renee Rott von Dream Design – Cover and Art und Dino Coppa fürs Lektorat und plante die erneute Veröffentlichung der Trilogie.
Nun haltet Ihr also die neue Version von Umdrehungen – Das Leben steht still in den Händen. Ich bin auf die Kritik meiner Rezensent:innen eingegangen, habe Logikfehler ausgebessert, ergänzende Szenen eingefügt und bin noch mal ganz tief in die Geschichte um Ben und Zita eingetaucht.
Die Veröffentlichung von Umdrehungen – Das Leben geht weiter und Umdrehungen – Das Leben läuft gut folgen noch in diesem Jahr, genauso wie auch die Gesamtausgabe, für die ich ebenfalls den lektorierten und korrigierten Text verwenden möchte.
Ganz im Anschluss folgt eine weitere Veröffentlichung: Umdrehungen – Das Leben schreitet voran. In diesem vierten Band habe ich weitere ergänzende Kurzgeschichten zusammengefasst. Es ist einerseits Prequel als auch Sequel und ergänzt die Hauptgeschichte.
Ich habe eine ganz dringende Bitte an Euch: Auch wenn Euch der erste Band überzeugt, wartet bitte mit dem Kauf auf die neue Veröffentlichung. Ich habe viel Arbeit in die Überarbeitung gesteckt und möchte Euch beim Lesen viel Freude bereiten. Diese werdet ihr mit der überarbeiteten Version haben, nicht mit der alten Veröffentlichung.
Als Selfpublisherin freue ich mich immer besonders über Rezensionen, damit die Bücher mehr Sichtbarkeit erfahren. Falls Euch die Geschichte um Ben und Zita gefallen hat, freue ich mich ebenso über eine Weiterempfehlung.
Informationen zum aktuellen Status der Veröffentlichungen bezüglich der Umdrehungen-Trilogie findet Ihr immer auf www.sonja-bethke-jehle.de. Oder besucht mich auf meinem Instagram-Feed. Ich freue mich auf Euren Besuch!
Nun wünsche ich Euch erst einmal viel Spaß mit Ben und Zita,
Roland
Der Anblick ihrer abgebissenen Fingernägel verursachte einen Kloß in seinem Hals. Das Bedürfnis zu weinen war groß.
Dabei weinte Roland sonst nie. Benny war derjenige, der sensibel war und ab und zu Tränen in den Augen hatte. Aber im Gegensatz zu Roland war er cool genug, um sich das leisten zu können. Keiner würde ihn deswegen schwach nennen. Dafür war er einfach zu lässig, zu selbstbewusst. Im Gegenteil: Die Frauen standen darauf. Sein Kumpel war ein Typ, der auf den ersten Blick hart wirkte, aber eigentlich sehr sensibel war. Wäre Roland derjenige gewesen, dem man drei Kugeln in den Rücken geschossen hätte, würde Benny jetzt wahrscheinlich weinen.
Aber bei Roland war es nicht so einfach. Er hatte zwar das Gefühl, unbedingt weinen zu müssen, aber die erlösenden Tränen kamen einfach nicht. Es war ihm schon immer schwergefallen, seinen Gefühlen in der Öffentlichkeit freien Lauf zu lassen. Selbst jetzt, in dieser besonders belastenden Situation, konnte er sich nicht fallen lassen. Stattdessen saß er steif auf seinem Stuhl, seine Gesichtsmuskeln vibrierten von der Anstrengung, sich zusammenzureißen.
Wieder fiel sein Blick auf Zitas abgekaute Fingernägel. Von Benny wusste er, dass Zita sehr auf ihre Nägel achtete und regelmäßig zu ihrer sogenannten Nageltante ging. Jetzt waren sie alle abgekaut. Irgendwie traurig.
Seit Stunden saßen sie hier in einem großen Raum voller Plastikstühle, Zeitschriften und einem Fernseher, auf dem immer die gleichen Nachrichten liefen. Obwohl sie sich nicht ausstehen konnten, saßen sie eng beieinander. Und das, obwohl es so viele Stühle zur Auswahl gab. Sie waren allein in dem Zimmer für die Angehörigen. Hatten nur einander.
Am Anfang war alles so schnell gegangen. Eben noch hatte Roland neben dem angeschossenen Benny auf dem Boden gekniet, schon war der Notarzt da und hatte sich um seinen Freund gekümmert. Auch er selbst war versorgt worden. Man hatte ihm ein Glas Wasser in die Hand gedrückt und ein Tuch angeboten, mit dem er sich Bennys Blut von den Händen wischen konnte, während der Arzt versuchte, Bennys Blutung zu stillen. Er hatte so stark geblutet, dass sich unter ihm eine Blutlache gebildet hatte. Diesen Anblick würde Roland wohl nie vergessen. So viel Blut ... Gemeinsam waren sie mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren. Bevor Roland sich von Benny verabschieden konnte, hatten sie diesen weggebracht. Wahrscheinlich war Benny zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Während der Fahrt im Krankenwagen hatte er nicht mehr gesprochen und die Augen geschlossen gehalten.
Dann hatte das Warten begonnen. Anfangs waren die beiden anderen Kollegen aus seinem Team noch bei ihm gewesen, aber irgendwann hatten sie sich entschieden, nach Hause zu gehen, und Roland war allein geblieben. Er hatte seine Freundin angerufen, um ihr alles zu erzählen, aber Helena war aus beruflichen Gründen weit weg und konnte nicht sofort zu ihm ins Krankenhaus eilen. Mit ihr an seiner Seite wäre es ihm besser gegangen, aber er wollte nicht, dass Helena so spät am Abend überstürzt aufbrach. Er hatte sie gebeten, bis zum nächsten Tag zu warten und ihr versichert, sich zu melden, sobald er etwas von Benny in Erfahrung bringen konnte.
Vielleicht hatte Roland deshalb seine ältere Schwester Anna angerufen und sie gebeten, Zita zu ihm ins Krankenhaus zu bringen. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, allein zu warten.
Zita war Bennys neue Freundin. Obwohl sie sich schon länger mit Benny traf, waren sie erst seit kurzem offiziell zusammen. Roland mochte sie nicht und konnte sich einfach nicht an sie gewöhnen. Obwohl Benny frisch verliebt und sehr glücklich mit Zita war, trauerte Roland Bennys früherer Partnerin Gabi nach. Mit ihr hatte er sich gut verstanden und Helena war mit ihr befreundet. Zu Zita fand Helena ebenso keinen Zugang.
Aber das alles zählte jetzt nicht mehr.
Wäre Roland schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert worden, hätte er sich gewünscht, dass Helena bei ihm wäre, wenn er aufwachte. Er ging davon aus, dass Benny Helena abholen würde, denn in so einem Moment sollte man nicht Auto fahren. Also hatte Roland alles organisiert und Zita von seiner älteren Schwester herbringen lassen. Er selbst wollte Zita nicht abholen. Was, wenn Benny ihn brauchte und er nicht da war?
Inzwischen waren Stunden vergangen.
Zuerst hatten die Ärzte nicht gewusst, ob sie Benny operieren sollten, aber dann hatten sie sich doch dafür entschieden. Sie hatten von einer Rückenmarksverletzung gesprochen, von Wirbelbrüchen und schweren inneren Blutungen. Hatten davon gesprochen, dass Benny kein Gefühl mehr in den Beinen habe. Eine Ärztin hatte erwähnt, dass sie seine Verletzung vielleicht nicht heilen könnten, aber eine andere Ärztin hatte gesagt, dass man abwarten müsse, bevor man eine Diagnose stellen könne. Schließlich sei der ganze Bereich verletzt. Es sei schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen. Aber alle waren sich einig, dass es sehr ernst um Benny stand. Roland wurde schlecht, wenn er daran dachte, was das für seinen Freund bedeuten könnte.
Benny und behindert, das schien überhaupt nicht zusammenzupassen. Benny und Rollstuhl auch nicht. Als Roland vorhin auf der Toilette war, hatte er mit seinem blassen Spiegelbild gesprochen. »Mein Kumpel ist gelähmt«, hatte er gesagt und hinzugefügt: »Benny ist behindert. Mein Kumpel Benny ist behindert und sitzt bewegungsunfähig im Rollstuhl.« Das hatte wehgetan und dazu geführt, dass er die Hand zur Faust geballt und gegen die Lippen gepresst hatte, um nicht laut loszuschreien.
Daran würde er sich noch weniger gewöhnen können als an eine Zita an Bennys Seite.
Hätte er doch nur etwas gerufen ... wenn er Benny gewarnt hätte ... wenn seine Erste Hilfe besser gewesen wäre ... wenn er nicht so hastig und überfordert versucht hätte, die Blutung zu stillen, statt Benny einfach liegen zu lassen. Vielleicht hatte er etwas verletzt, als er ihn bewegt hatte, um ihm zu helfen? Das würde er sich nie verzeihen können. Niemals würde er damit leben können.
Roland blickte noch einmal auf die abgekauten Fingernägel und schluckte schwer. Wie viele kleine Halbmonde lagen da, glitzernd mit funkelnden Steinen darauf, blau und silbern lackiert. Ein krasser Gegensatz zum eierschalenfarbenen Boden.
Zaghaft richtete Roland sich auf und blickte zu Zita hinüber, die zusammengesunken neben ihm auf dem Stuhl hockte. Seufzend hob er die Hand und legte sie vorsichtig auf Zitas Rücken, genau zwischen ihre Schulterblätter. Sie war mager und knochig, die Muskeln angespannt.
Kurz zuckte sie zusammen, dann schloss sie die Augen und lehnte sich ein wenig gegen Rolands Hand. »Danke«, flüsterte sie.
Gerade als Roland glaubte, es nicht mehr aushalten zu können, öffnete sich die Tür und einer der Ärzte kam wieder herein. Er zog einen Stuhl heran und setzte sich ihnen gegenüber. »Die Operation ist gut verlaufen«, sagte er, bevor Roland fragen konnte. »Wir konnten die Blutung stillen und die gebrochenen Wirbel stabilisieren, um weitere Schäden zu vermeiden. Jetzt müssen wir Geduld haben.«
»Ist er wach?«, fragte Roland und streichelte Zita noch einmal über den Rücken, bevor er die Hand zurückzog.
»Nein, noch nicht, aber vielleicht können Sie ihn morgen früh sehen, wenn er auf der Intensivstation ist«, antwortete der Arzt. »Wir wissen noch nicht, ob er sofort ansprechbar ist, aber er wird in der Aufwachphase sein. Wir halten es für eine gute Idee, wenn Sie bei ihm sind, wenn er aufwacht. Versuchen Sie jetzt nicht, Vermutungen über eine Diagnose anzustellen, denn das würde ihn sicher beunruhigen.«
»Und wird er laufen können?« Roland wusste, dass er flehend klang, aber es war ihm egal. Von der Antwort hing so viel ab, dass er den Atem anhielt.
»Wir müssen abwarten, bis die Schwellung zurückgegangen ist. Im Moment können wir noch nichts Genaues sagen. Vielleicht muss Ihr Kollege noch einmal operiert werden.« Der Arzt lächelte aufmunternd. »Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben. Gehen Sie jetzt erst einmal nach Hause und versuchen Sie zu schlafen, damit Sie wieder zu Kräften kommen. Er wird Sie brauchen, denn er wird verwirrt sein und Schmerzen haben.«
»Aber ...«
Sofort unterbrach der Arzt Roland. »Es tut mir leid, Herr Weber, dass ich Ihnen im Moment nicht mehr sagen kann. Wir müssen der Sache jetzt Zeit geben. Wir haben bisher alles getan, was wir tun konnten. Ich möchte nicht ausschließen, dass Ihr Freund wieder ganz gesund wird, aber versprechen kann ich es Ihnen leider auch nicht.« Er hielt inne. »Es tut mir leid.«
»Aber er wird doch nicht sterben, oder?«
Roland drehte den Kopf und schaute Zita an. Ihre Stimme klang brüchig und sehr müde, ihre Augen waren rot, obwohl sie nicht geweint hatte. Die sonst so bildhübsche Frau sah nun zerzaust aus, vor allem, weil ihr Make-up verschmiert war und ihre Haare zu einem unordentlichen Zopf gebunden war. Ihre Eltern hatten sie mehrmals auf dem Handy angerufen und sie gebeten, nach Hause zu kommen, weil sie im Krankenhaus sowieso nichts tun könne. Am nächsten Tag sollte sie eine Prüfung ablegen, aber sie hatte ihren Eltern gesagt, dass es ihr egal sei, ob sie an der Prüfung teilnehmen könne oder nicht. Die Eltern hatten so oft angerufen, dass Roland Zita am liebsten das pinke Gerät mit dem rosa Puschel aus der Hand gerissen und gegen die Wand geschleudert hätte. Zita hatte gezittert, solange ihr Vater am Telefon war, aber sie hatte sich nicht überreden lassen. Ihre Sorge war echt, das musste Roland anerkennen, auch wenn er bisher davon überzeugt gewesen war, dass Zitas Gefühle für Benny oberflächlich waren.
»Er ist erst einmal außer Lebensgefahr«, bestätigte der Arzt. »Er wird natürlich auf der Intensivstation bleiben müssen, aber sein Zustand ist stabil.«
Zita atmete erleichtert aus, schloss die Augen und drückte sich gegen die Stuhllehne. Für einen Moment blinzelte Roland. Er hatte nicht daran gedacht, dass Benny sterben könnte. Jemand wie Benny starb nicht einfach so. Dazu war seine Präsenz viel zu überwältigend. Das Schlimmste, an das Roland gedacht hatte, war eine bleibende Behinderung. Wenn Benny gestorben wäre ... das war unvorstellbar, das könnte Roland einfach nicht ertragen.
»Er ist außer Lebensgefahr«, wiederholte der Arzt freundlich. »Das ist im Moment das Wichtigste.«
Ben
Er hätte die Gefahr erkennen müssen. Schließlich war er einer der besten Polizisten seiner Dienststelle und hatte schon vor Wochen den spektakulären Auftrag erhalten, Friedelmann hinter Gitter zu bringen.
An einem ganz normalen verregneten Herbstmontag hatte Ben beschlossen, den Drogendealer endlich festzunehmen. Zuvor hatten sie ihn tagelang observiert und das Haus umstellt, in dem sich Friedelmann verschanzt hatte. Alles war so glatt gelaufen, wie man es sich als Einsatzleiter wünscht. Die Sicherheit seiner Leute war Ben sehr wichtig, und so war er erleichtert gewesen, als Friedelmann endlich mit erhobenen Händen auf dem Boden kniete und Roland, er selbst und zwei seiner Kollegen unversehrt waren.
Ben hatte die Kugeln, die ihn direkt ins Rückenmark getroffen hatten, nicht sehen können, weil er mit dem Rücken zu Friedelmann gestanden hatte. Aber er hatte gespürt, wie seine Beine einfach weggeknickt waren. Er hatte gesehen, dass Roland auf ihn zugerannt war, und es irgendwie geschafft, sich auf seine Arme zu stützen. Hinter ihm war es Adrian und Eddie irgendwie gelungen, den Verbrecher wieder zu entwaffnen und zu Boden zu werfen, aber das wusste er nur aus Erzählungen. Sein Blick war seltsam verschwommen gewesen. Aber Rolands entsetzten Blick hatte er ganz deutlich gesehen, und das hatte ihn sehr erschreckt.
Erst danach war der Schmerz gekommen.
Ein Anfängerfehler! Natürlich hatten sie den Dealer entwaffnet, aber sie hatten es nicht für nötig befunden, ihn daraufhin zu untersuchen, ob er noch eine weitere Waffe bei sich trug. Wie sich später herausstellte, hatte er eine zweite Pistole bei sich, von der die Einheit nichts wusste. Damit hatte er auf Ben geschossen.
Ben war nicht lange genug bei Bewusstsein geblieben, um den Transport ins nächste Krankenhaus mitzuerleben, aber die wenigen Minuten in Rolands Armen hatten ausgereicht, um zu begreifen, dass etwas furchtbar schiefgelaufen war. Er war dankbar, dass es Roland war, der ihn gehalten hatte, denn Roland war nicht nur ein Kollege, sondern auch sein bester Freund, seit sie zusammen die Polizeischule besucht und während der Ausbildung zusammen gewohnt hatten. Sie hatten so viel miteinander geteilt. Sie fuhren zusammen in Urlaub, liebten das Snowboarden und natürlich ihre Motorräder und hatten die eine oder andere Lebenskrise gemeinsam gemeistert. Es gab niemanden auf der Welt, bei dem Ben in diesen schrecklichen Minuten lieber gewesen wäre. Als er in die grünen Augen seines besten Freundes geschaut hatte, war ihm klar geworden, dass auch Roland große Angst um seine Gesundheit hatte. Dann war Ben ohnmächtig geworden.
Die ersten Tage im Krankenhaus erlebte Ben in einem Schockzustand. Gefangen zwischen der Angst vor der Zukunft, den starken Schmerzen und den Medikamenten, die ihn lange betäubten, fühlte er sich wie in Watte gepackt und sah alles wie durch einen Nebel. Erst nach etwa einer Woche wurden seine Sinneswahrnehmungen wieder klarer. Und damit wurde ihm auch bewusst, in welch schrecklicher Lage er sich befand. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Angst vor seiner Zukunft gehabt.
Die Ärzte hielten sich zunächst bedeckt und meinten, die Zeit werde zeigen, wie schwer die Verletzung sei, aber Ben brauchte keinen Arzt, der ihm erklärte, was es bedeutete, nach zwei Operationen die Beine und einen großen Teil des Oberkörpers nicht mehr spüren und kontrollieren zu können.
Rolands Freundin Helena war überzeugt, dass die Ärzte einen Weg finden würden, seine Wirbelsäule zu heilen. Sein Chef Rettig schickte ihm Blumen und seine Teamkollegen Adrian und Eddie baten ihn, die Hoffnung nicht aufzugeben. Als sie den Raum verließen, wirkten sie erleichtert. Wahrscheinlich, weil er ein jämmerliches Bild abgab, wie er da in seinem Bett lag und sich kaum bewegen konnte.
Nur Roland sagte nichts und saß tagelang stumm bei Ben. Obwohl er Ben regelmäßig besuchte, war er keine wirkliche Hilfe. Seine Verzweiflung machte es Ben unmöglich, sich zu entspannen. Wenn Roland da war, konnte er manchmal kaum atmen.
Die Wochen vergingen, er wurde aus der Intensivstation entlassen, liegend in eine Spezialklinik verlegt - und Ben konnte seine Beine immer noch nicht spüren. Von der Brust abwärts war einfach kein Leben mehr in ihm. Vielleicht sollte er dankbar sein, dass er wenigstens noch seine Arme bewegen konnte, aber er konnte sich darüber nicht freuen. Für ihn zählte nur, dass er nicht mehr gehen konnte und ans Bett gefesselt war. Der Rollstuhl, in dem er zu den Untersuchungen gefahren wurde, kam ihm riesig vor. Er hatte das Gefühl, darin nicht mehr als Mensch erkennbar zu sein, sondern mit dem Rollstuhl zu einer seltsamen Einheit zu verschmelzen, mehr Objekt als Subjekt.
Frustrierend war auch, dass er nicht spürte, wann er auf die Toilette musste. Es gab Einmalkatheter, es gab Windeln - Hilfsmittel, von denen er nichts wissen wollte. Jedes Mal, wenn die Pflegerinnen kamen, um ihn zu versorgen, spürte er ein Brennen in den Augen, und manchmal bedauerte er sogar, dass Friedelmann ihm nicht in den Kopf geschossen hatte. Der Dauerkatheter schien der einzige Kompromiss zu sein, den er einzugehen bereit war, doch leider vertrug er ihn nicht, da er zu Blasenentzündungen und Harnwegsinfekten neigte. Dickköpfig wie er war, rief er regelmäßig nach dem Pfleger und bat ihn, ihm auf die Toilette zu helfen. Dort konnte er nur durch eine spezielle Massage der Bauchdecke urinieren. Das dauerte oft länger als eine Viertelstunde und war ihm peinlich. Fast ebenso schlimm war, dass er sich weder auf der Toilette noch im Bett alleine aufrecht halten konnte. Ohne Rückenlehne war er aufgeschmissen. Auch im Rollstuhl konnte er nur kurz sitzen, weil es für ihn so irritierend war, dass er nicht spürte, dass er saß und sein Oberkörper einfach wegkippte, wenn er nicht aufpasste. Deshalb klammerte er sich meistens fast hysterisch an die Armlehnen. Er fühlte sich elend.
Anfangs hoffte er, dass es nur eine vorübergehende schlimme Phase in seinem Leben sei. Alle sagten ihm, er solle geduldig sein. Die Hoffnung nicht aufgeben. Seinem Körper Zeit geben. Eine Psychiaterin wurde ihm vermittelt, die ihm helfen sollte, sich über die kleinen Fortschritte zu freuen. Fünf Minuten am Stück aufrecht sitzen? Mit dem Rollstuhl ein paar Meter alleine über den Flur fahren? Nach einer ausgiebigen Bauchmassage wieder Wasser lassen? Wow, was für grandiose Fortschritte ... Je länger er im Krankenhaus bleiben musste, desto frustrierter wurde er. Wenn es etwas gäbe, das ihn heilen könnte, hätte man es doch längst versucht, oder?
Aber: Niemand sprach es aus. Die Ärzte schwiegen, die Blumen von seinem Chef kamen unregelmäßiger, und Roland lächelte ihn weiterhin gequält an. Rolands Schwestern, die für Ben wie Geschwister waren, sprachen ihm Mut zu und versicherten ihm, dass sein Rücken wieder heilen würde. Es war, als wagte niemand, das Schreckliche in Worte zu fassen. Auch Ben nicht, der versuchte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er war ziemlich gut darin geworden, seine Angst und seinen Schmerz zu verbergen.
*
Auch Zita hoffte noch auf Heilung. »Ich hatte wirklich gedacht, dass sie dich wenigstens zu Weihnachten rauslassen«, sagte sie seufzend und blätterte in einer Frauenzeitschrift.
»Ja, das wäre schön gewesen«, bestätigte Ben betroffen und schaute verlegen auf seine Finger. »Was liest du da?«
»Einen Artikel über Abenteuer, die Paare unbedingt miteinander erleben sollten«, erklärte Zita und hielt ihm den Artikel unter die Nase. Auf einem Bild war ein glückliches Paar zu sehen, das sich in einem Heißluftballon küsste.
Ben wurde schlecht, als er daran dachte, dass er Zita so etwas nicht mehr bieten konnte. Warum musste sie ausgerechnet an diesem Artikel hängen bleiben?
»Willst du mit mir Ballon fahren?«, hakte er entsetzt nach.
Zita steckte sich einen Kaugummi in den Mund und hob lässig die Schultern. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber wenn du mich so fragst, wäre das eine romantische Sache. Würdest du mir eine Ballonfahrt organisieren?«
»Und wie genau soll ich das anstellen?«, fauchte Ben gereizt und hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. Wie sollte er seiner Freundin das bieten, was sie verdiente? Er war nutzlos. Nein, schlimmer noch, er war eine Last. Wütend verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte an die Decke.
Dass Zita an seiner Seite war, kam ihm immer noch wie ein Wunder vor. Manchmal fühlte es sich auch nach drei gemeinsamen Monaten noch seltsam an, weil es von Anfang an so unmöglich erschienen war. Natürlich war es durch dieses Ereignis nicht unbedingt leichter geworden. Instinktiv wusste Ben, dass ihre Beziehung bald zu einem Ende finden würde.
Begonnen hatte alles vor über einem Jahr, als Zita und ihre Freundin Zeuginnen einer Schlägerei geworden waren und Ben die Aussagen der beiden Frauen aufgenommen hatte. Damals war Ben noch glücklich mit seiner Ex-Freundin und hatte sogar schon daran gedacht, sie zu heiraten und Kinder mit ihr zu bekommen. Gaby und Zita waren so verschieden wie Tag und Nacht und umso erstaunlicher war es, dass Ben sich in Zita verliebte und nach fast fünf Jahren Beziehung so schnell bereit war, Gaby zu verlassen.
Dafür, dass ihre Beziehung an sich schon ziemlich spektakulär war, weil sie äußerlich und charakterlich überhaupt nicht zusammenpassten und Zita im Gegensatz zu Ben aus gutem Hause kam, hatte es eigentlich relativ normal angefangen. Bei einem Kaffee nach der Zeugenaussage hatten sie sich unerwartet gut verstanden. Danach hatten sie sich immer wieder getroffen und immer besser kennengelernt. Die Beziehung zu Gaby hatte er beendet, bevor sich zwischen Zita und ihm wirklich etwas entwickeln konnte, weil es ihm nicht möglich erschien, weiter mit Gaby zusammenzuleben. Das wäre weder Gaby noch Zita gegenüber fair gewesen. Kurz, nachdem Zita begonnen hatte, offen mit Ben zu flirten, hatte sie ihm gesagt, dass er für sie wohl nur eine stille und heimliche Rebellion gegen ihre konservativen Eltern sei. Wenig später hatte Zita ihn geküsst.
Die ersten Wochen ihrer Beziehung waren von heimlichen Treffen geprägt. Sie waren sich einig gewesen, dass niemand von ihrer Liebe erfahren durfte. Eigentlich hatte nur Zita sie verheimlichen wollen, aber Ben hatte ihr einfach keinen Wunsch abschlagen können.
Zita konnte sich nicht gegen ihre Eltern durchsetzen - vor einem Jahr, als sie sich kennengelernt hatten, war ihr das noch schwerer gefallen als jetzt - und für die war es ausgeschlossen gewesen, dass ihre Tochter sich jemanden wie Ben als Partner aussuchen würde. Doch eines Tages war es dann passiert: Obwohl sie sich nur direkt in der Innenstadt getroffen hatten, wo sie relativ anonym waren, hatte Rolands ältere Schwester sie entdeckt, als sie turtelnd in einem Café saßen. Dass Ben eine neue Freundin hatte, hatte sich dann schnell in der Familie und im Freundeskreis herumgesprochen. In Ben war daraufhin der Wunsch immer stärker geworden, sich endlich offen zu Zita zu bekennen, und schließlich hatte sie nachgegeben und auch ihren Eltern von der heimlichen Beziehung erzählt.
Es folgten einige schwierige Wochen. Obwohl Ben ein wenig Angst hatte, dass Zita ihn verlassen würde, hatte sie zu ihm gehalten. Noch heute musste sie um die Akzeptanz ihrer Eltern kämpfen, die es nicht dulden wollten, dass ihre Tochter mit ihm zusammen war. Immer wieder hatte Zita davon gesprochen, aufgeben zu wollen, aber Ben hatte sie immer wieder überreden können, standhaft zu bleiben. Aber auch in Bens Umfeld war es nicht einfach gewesen, denn Roland hatte große Probleme mit Bens Entscheidung und war der Meinung, Zita sei oberflächlich und würde ihn sowieso bald verlassen. Alle Webers waren nicht begeistert gewesen, nicht nur, weil Gaby, die sie sehr mochten, darunter litt, dass Ben so schnell nach der Trennung eine neue Freundin hatte, sondern auch, weil Zita so gar nicht zu Ben zu passen schien.
Erst vor wenigen Wochen hatte sich die Situation langsam entspannt. Nach und nach hatte sich die Umwelt daran gewöhnt, dass sie beiden glücklich miteinander waren und zusammenbleiben wollten - egal, welche Vorbehalte es gegen ihre Beziehung gab. Allen Widerständen zum Trotz waren sie zusammen geblieben und hatten sogar gemeinsame Urlaube geplant.
Aber jetzt, wo sie endlich zur Ruhe kommen konnten, musste das passieren: Krankenhaus, Krise und Verletzlichkeit. Ben wischte sich energisch über die Augen, um nicht zu weinen.
»Also«, sagte Ben laut und gespielt fröhlich, »was machst du an Weihnachten ohne mich?«
Etwas gelangweilt sah Zita auf. »Ich komme hierher, was soll ich sonst machen?«
Ben starrte sie fassungslos an und konnte nicht verhindern, dass ein Blitz durch seinen Körper fuhr. Er glaubte, ihn bis in die Zehenspitzen zu spüren, was natürlich Einbildung war. In den Zehenspitzen spürte er gar nichts mehr.
»Was hast du denn gedacht, Benny?«, fragte Zita mit einem empörten Unterton, klappte die Zeitschrift zu und schlug elegant die Beine übereinander.
Ben schüttelte rasch den Kopf und biss sich auf die Lippen. Wieder war er den Tränen nahe. Diesmal nicht aus Verzweiflung, sondern vor Freude darüber, dass seine Freundin über die Feiertage bei ihm sein würde. Im Moment war er psychisch ohnehin nicht sehr stabil. Wegen seiner beschissenen Situation war er ziemlich gestresst, konnte nachts nicht gut schlafen und nahm viel zu viele Medikamente. Man hatte ihm auch Psychopharmaka empfohlen, aber die wollte Ben nicht nehmen. Jedes Medikament hatte unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen, die wieder behandelt werden mussten. Aber wahrscheinlich hatte man ihm doch etwas untergejubelt. Er nahm so viele Tabletten, dass er längst den Überblick verloren hatte.
»Was würdest du tun, wenn ich an Weihnachten krank und verletzt im Krankenhaus läge?«, fragte Zita interessiert.
»Ich würde dich auch besuchen«, gab Ben zu. Seine Stimme zitterte, weil er immer noch versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Es war einfach zu viel. Dass er sich so verdammt hilflos fühlte mit diesem Körper, der ihm nicht mehr gehorchte und fremd war. Dazu die Peinlichkeit mit der Blasenschwäche, wie man das hier nannte, und die Abhängigkeit von der Hilfe anderer. Das machte ihm zu schaffen. Am schlimmsten war die Panik vor der endgültigen Diagnose. Er wollte wieder laufen, rennen, springen. Er wollte wieder selbstständig sein und ohne Hilfe eines Pflegers zur Toilette gehen. Er wollte wieder als Polizist arbeiten. Vor allem aber wollte er endlich das Leben mit Zita genießen und ihr der starke Partner sein, den sie sich wünschte. Wenn ihn schon die vorübergehende Einschränkung emotional so sehr belastete, wie sollte er dann mit der Aussicht umgehen, dass es keine Besserung geben würde?
Obwohl sie sich seit über einem Jahr kannten, war sich Ben nicht sicher, ob Zita bei ihm bleiben wollte, wenn sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten. Ben wäre in jeder Hinsicht gescheitert und zu nichts mehr zu gebrauchen. Und vielleicht hatte Roland auch ein bisschen Recht, dass Zita oberflächlich war. Irgendwie war sie das auf jeden Fall. Sie war nicht die Art Frau, die bei einem gebrochenen Mann blieb.
»Du bist heute etwas unruhig«, stellte Zita fest und sah Ben prüfend an, während sie die Zeitschrift sanft gegen seinen Oberschenkel tippte. Als könnte er es noch spüren ...
»Was denkst du denn?«, rief Ben unbeherrscht. »Ich liege hier schon seit Wochen. Ich will endlich aus diesem verdammten Bett raus. Ich will nach Hause.«
Jetzt konnte er nicht mehr verhindern, dass ihm die Tränen über das Gesicht liefen. Wütend beugte er sich über den Nachttisch und warf Zita einen bösen Blick zu, als sie ihm helfen wollte. Mühsam fischte er ein Tuch aus der halb geöffneten Schublade. Wenn er das nicht alleine schaffte ... dann war er wirklich verloren. Energisch putzte er sich die Nase und wischte sich die Augen trocken.
»Tut mir leid«, murmelte er nach einer Weile.
»Schon gut.« Verunsichert sah sie ihn an. »Nimmst du die Antidepressiva, die dir die Ärztin empfohlen hat?«
Abrupt schüttelte Ben den Kopf. »Ich will sie nicht nehmen. Ich bin nur so aufgewühlt, weil mir hier die Decke auf den Kopf fällt. Wenn ich hier raus bin, geht es mir besser.«
»Du kannst bald nach Hause kommen, Benny«, versprach Zita. Sie legte ihre Hand auf Bens Oberschenkel und strich mit einer beruhigenden Bewegung über das Laken.
Ben hasste es, wenn Zita das tat oder wenn ihn jemand berührte - und das tat das Pflegepersonal ständig, wenn sie ihn wuschen, untersuchten, umlagerten - und er spürte nichts davon. Es war einfach so surreal zu sehen, wie er angefasst wurde, ohne es zu fühlen. Vielleicht war es nicht so erbärmlich wie das Blasenmanagement oder die Tatsache, dass er in sich zusammenfiel, wenn er keinen Halt hatte und niemand ihn festhielt, aber es war alles andere als angenehm.
»Bitte, hör auf«, sagte er leise und klang so bedrohlich, dass er selbst erschrak. Wütend starrte er auf die Hand, die ihn geistesabwesend streichelte.
»Es tut mir leid«, murmelte Zita und hob die Finger. Stattdessen strich sie Ben damit durchs Haar und küsste ihn vorsichtig, als fürchtete sie, dass er auch das nicht genießen könnte. »Ich hab dich lieb, Benny«, fügte sie leise hinzu.
Ben schluckte und wandte den Kopf von Zita ab, um wieder an die Wand zu starren. Würde Zita das immer noch sagen, wenn Ben nicht wieder gesund würde? Konnte sie ihn wirklich noch lieben, wenn er körperlich ein Wrack war? Konnte er ihr das überhaupt antun?
*
Die Weihnachtstage vergingen viel zu langsam und fühlten sich genauso an wie die Tage zuvor. Nicht nur Zita kam zu Besuch, sondern natürlich auch Helena und Roland. Am Weihnachtstag wurde er von den Webers belagert. Nicht nur Rolands Geschwister kamen vorbei, sondern auch Marie und Alfred, Rolands Eltern.
Der einzige Besuch, bei dem Ben wirklich das Gefühl hatte, sich ein wenig entspannen zu können, war der von Rolands kleinem Neffen, der Ben aus irgendeinem Grund ziemlich anhimmelte. Björns Vater hatte sich von Rolands Schwester getrennt, bevor der Kleine geboren wurde, und hatte keinen Kontakt mehr zu der Familie. Vielleicht fehlte Björn eine männliche Bezugsperson.
Obwohl der Junge merkte, dass Ben sich nur sehr langsam und eingeschränkt bewegen konnte und seine Mutter ihm sicher erzählt hatte, dass Ben sehr verletzt war, behandelte er Ben normal und bewunderte ihn weiterhin, was Ben sehr gut tat.
Seine Motorradfreunde und andere Bekannte durften Ben nicht besuchen und er lehnte auch Anrufe ab. Soziale Netzwerke besuchte er nicht, weil er keine Lust auf oberflächliche Genesungswünsche hatte. Zum Glück akzeptierten sie das alle und versuchten nicht, sich ihm aufzudrängen. Aber Roland bekam regelmäßig Post, Geschenke und Grüße von der Motorradclique und alten Schulfreunden und leitete ihm alles weiter. Sogar Gaby schrieb ihm, dass es ihr leid tue, was ihm passiert sei.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag kamen auch noch Zitas Eltern. Obwohl es Ben etwas unangenehm war, im Bett zu liegen, freute er sich doch ein bisschen. Die diensthabende Pflegerin hatte angeboten, ihm in den Rollstuhl zu helfen, aber das wäre für Ben noch peinlicher gewesen. Zumindest für Zita bedeutete der Besuch viel, denn es war das erste Mal, dass ihre Eltern sich wirklich für ihn interessierten, und Ben gab sich Mühe, auch wenn der Besuch für ihn sehr anstrengend war.
Zitas Vater verhielt sich distanziert, aber ihre Mutter war nicht nur höflich, sondern sehr freundlich, was ziemlich überraschend war. Sie brachten ihm Geschenke mit und Zita nahm sogar seine Hand, obwohl sie wusste, dass ihre Eltern damit Schwierigkeiten hatten. Aber sie wollte wohl zeigen, dass sie zu Ben gehörte, und das machte Ben ein bisschen Mut.
Ludwig, Zitas Vater, schaute die ganze Zeit aus dem Fenster. Ben war sich sicher, dass er das nicht wegen der schönen Aussicht tat, sondern weil er nicht auf die Hand seiner Tochter starren wollte, deren Finger mit Bens verschlungen waren. Oder vielleicht war es auch nur der erbärmliche Eindruck, den Ben auf ihn machen musste, weil er so hilfsbedürftig im Bett lag. Die ganze Zeit über ließ Ben sich von Zitas Mutter versichern, dass die moderne Medizin für fast alles ein Heilmittel habe, und lächelte sie tapfer an, obwohl er ihr kein Wort glaubte. Leider konnte er diese Zuversicht nicht teilen. Die Tatsache, dass die Ärzte ihn nicht noch einmal operieren wollten, zeigte ihm deutlich, dass sie aufgegeben hatten.
Trotzdem machte der Besuch Ben ein wenig Mut. Vielleicht, ja vielleicht war ihre Beziehung stark genug, um zu verkraften, was Ben zugestoßen war. Schließlich musste Zita ihn wirklich lieben, wenn sie sich vor ihren Eltern so öffnete und ihre Liebe zu ihm so deutlich zeigte. Vielleicht ... vielleicht auch nicht.
»Ja, Mama, das sage ich ihm auch immer«, sagte Zita irgendwann und unterbrach damit den Vortrag ihrer Mutter. Zuversichtlich drückte sie Bens Finger.
»Es würde mich wirklich wundern, wenn es nicht wieder in Ordnung kommen würde«, wiederholte Charlotta. »Man hört immer, dass solche Verletzungen lange dauern. Du musst Geduld haben und hart arbeiten. Das wird schon, Benjamin.«
Ben biss sich auf die Lippen und seufzte. Alle hofften es, alle waren davon überzeugt, dass er wieder gesund werden würde. Wussten sie denn nicht, welchen Druck sie damit auf ihn ausübten? Langsam folgte Ben Ludwigs Blick und sah nach draußen. Die Schneeflocken fielen leise auf die Erde und Bens Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Seit acht Wochen hatte er dieses Gebäude nicht mehr verlassen. Er hatte keine Sonne auf seinem Gesicht gespürt und war nicht durch den Schnee gestapft. Vielleicht würde er es nie wieder tun. Dabei liebte er das Knirschen des Schnees unter seinen Schritten so sehr ...
*
Obwohl Ben damit gerechnet hatte, war es ein Schock, als die Ärztin ihm einige Tage später mitteilte, dass sie befürchtete, dass sich sein Rückenmark nicht mehr erholen würde. Zum Glück war Zita nicht bei ihm. Dafür aber Roland und Helena, um deren Anwesenheit Ben für das Gespräch gebeten hatte.
Helena war wie erstarrt und versuchte immer noch, eine Lösung zu finden, indem sie der Ärztin vorschlug, ihn noch einmal zu operieren. Eigentlich würde es Ben nicht wundern, wenn Helena ihr später hinterherlaufen würde, um ihr Ratschläge zu geben. Sie hatte sich in den letzten Wochen in die Thematik eingelesen und war sich sicher, dass es noch Therapieansätze gab, die noch nicht versucht worden waren. Sie war eine gute Freundin und Ben mochte sie schon deshalb, weil sie seinen besten Freund glücklich gemacht hatte, aber manchmal ging sie ihm mit ihrem Aktionismus auf die Nerven.
Roland hingegen war eine echte Stütze für Ben. Als Ben überfordert auf die Diagnose reagierte und ihm alle möglichen Gedanken durch den Kopf schossen, sorgte Roland dafür, dass er noch vor dem Jahreswechsel für ein paar Tage nach Hause durfte, indem er der Ärztin zusicherte, dass Zita oder Helena und er übergangsweise bei ihm einziehen würden. Auch ein Pflegedienst könne ihm zu Hause helfen. Als Ben das hörte, lief es ihm kalt den Rücken hinunter. Jetzt sollte er also einen Pflegedienst brauchen, um seinen Alltag zu bewältigen?
Im neuen Jahr würde Ben in eine Reha-Klinik gehen, wo man ihm den Umgang mit dem Rollstuhl vermitteln und ihm nützliche Tricks beibringen würde, die ihm helfen sollten, trotz seiner Behinderung zurechtzukommen. Während die Informationen in seinem Kopf durcheinanderwirbelten, lächelte Ben und hoffte, dass das zuversichtlich auf die anderen wirkte, aber er glaubte der Ärztin nicht, als sie ihm versprach, dass sich seine Situation zumindest teilweise verbessern könnte.
»Benny sollte an Silvester nicht allein sein«, erklärte Roland noch einmal. »Seine Freundin und er haben sicher noch einiges zu klären und brauchen Zeit füreinander. Benny wird nicht mehr als Polizist arbeiten können und seine Wohnung muss umgebaut werden. Es gibt jetzt so viel zu organisieren.«
Verwirrt schaute Ben seinen besten Freund an und schüttelte den Kopf. Glaubte sein Freund wirklich, dass Zita bei ihm bleiben würde? Ausgerechnet er, der Zita immer als unreif, naiv und zickig bezeichnet hatte? Vielleicht war es besser, wenn er in ein Pflegeheim zog ... Schließlich war er ganz allein. Seine Eltern waren tot, Zita konnte er das nicht zumuten, und von Helena und Roland wollte er sich auch nicht pflegen lassen. Wenn sie seine Freunde blieben, wäre das schon viel. Was für eine schreckliche Zukunft!
»Wir sorgen dafür, dass er am zweiten Januar in der Rehaklinik ist«, versprach Roland schließlich der Ärztin. »Wir kümmern uns um alles.«
»Herr Asare, ist das auch in Ihrem Interesse?«, wandte sich die Ärztin schließlich an Ben. »Wir können kurzfristig einen Pflegedienst organisieren, der Ihnen hilft, aber Ihre Wohnung ist nicht behindertengerecht und Sie haben keine Erfahrung mit dem Rollstuhl. Sie werden viel herumliegen und kaum die Möglichkeit haben, die Wohnung zu verlassen.«
»Das kann ich hier auch nicht, oder?« Ben schluckte und versuchte tapfer, die Augen offen zu halten. Ihm würde schwindlig werden, wenn er sie schloss. Pflegedienst, behindertengerechte Wohnung, Rollstuhl ... Es war alles so grausam. Die Informationen, die auf ihn einströmten, überforderten ihn. Er wollte allein sein. Seine wirbelnden Gedanken ordnen.
»Wie gesagt, wir können das organisieren. Vielleicht hat Ihr Freund Recht und es wird Ihnen gut tun«, sagte die Ärztin geduldig.
Ben räusperte sich und nickte. »Ja, bitte. Ein paar Tage zu Hause - mit Zita - das brauche ich.« Seine Zunge fühlte sich an wie ein dicker Klumpen, und er war sicher, dass jeder im Raum hören konnte, wie sehr ihn das alles schockierte.
Er war gelähmt. Für immer. Nie wieder würde er gehen können.
»Sollen wir auf Ihre Lebensgefährtin warten? Vielleicht hat sie auch noch Fragen an uns?«, erkundigte die Ärztin sich.
Ben schüttelte rasch den Kopf. »Nein, nein, bringen Sie den Stuhl her. Helena und Roland helfen mir nach Hause.«
Die Ärztin sah ihn erstaunt an und teilte ihm mit, dass er mit einem speziellen Krankentransport in die Wohnung gebracht wurde. Ben nickte ungeduldig. Das auch noch ... aber Hauptsache weg von hier.
Eine Krankenpflegerin half ihm beim Anziehen und erklärte Helena und Roland einige wichtige Dinge zur Bedienung des Rollstuhls. Dann bat die Pflegerin Roland, zuzusehen, wie sie Ben auf die Toilette half. Es war schwierig, dort zu sitzen, sich an Rolands Schultern festzuhalten und gleichzeitig seine Hose auszuziehen, aber es klappte, und dies war ein gutes Gefühl, auch wenn es unangenehm war, dass Roland und die Pflegekraft ihn dabei beobachteten und sogar festhielten.
»Das können Sie üben«, versicherte sie ihm. »Ihr Oberkörper wird kräftiger und Sie gewöhnen sich daran. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Irgendwann werden Sie sich ganz leicht rüberheben können. Wenn Sie immer die gleiche Menge trinken und regelmäßig zur Toilette gehen, können Sie vielleicht sogar tagsüber ohne Hilfsmittel Ihre Blase kontrollieren.«
»Und nachts?«, fragte Roland laut, woraufhin Bens Gesicht heiß wurde.
»Auch das lässt sich kontrollieren, aber meist erst, wenn der Patient sich mit seinem veränderten Körper vertraut gemacht hat«, betonte die Schwester und half Ben in den Stuhl, den Helena durch die Tür geschoben hatte.
»Und das andere?«, fragte Roland weiter und spülte für Ben, als wäre es normal, dass Ben das nicht selbst tat. »Ich meine, was ist mit seinem Darm?«
Vor lauter Verlegenheit wäre Ben am liebsten in die Toilette gesprungen, aber er hatte keine Ahnung, wie er sich mit seiner eingeschränkten Bewegungsfähigkeit hineinzwängen sollte.
»Hier gibt es Medikamente, mit denen Ihr Freund seinen Darm entleeren kann. Wenn er das in einem bestimmten Rhythmus macht, kann er seinen Stuhlgang kontrollieren.« Die Pflegerin lächelte, als wäre das ein Grund zur Freude, und klopfte Ben auf die Schulter, woraufhin er fast das Gleichgewicht verlor und nach vorne kippte. Es war einfach schrecklich, sich aufrecht zu halten, wenn einem die Bauchmuskeln nicht mehr gehorchten. »Das werden Sie alles nach Neujahr in der Reha lernen«, fügte sie hinzu.
Der Stuhl fühlte sich komisch an, jetzt, wo er wusste, dass es keine Übergangslösung mehr war. Am liebsten hätte Ben laut aufgeschrien, als Roland ihn zurück ins Zimmer schob. Der Rollstuhl - sein Gefängnis.
»Sollen wir bei euch bleiben, wenn du es Zita erzählst?«, fragte Helena mit ernstem Blick, bevor Roland sich daran machte, Ben ins Bett zu helfen.
»Warum?«, fragte Ben erschrocken, nachdem er seine unwilligen Beine über das Laken gezogen hatte.
»Wir haben heute viel gelernt«, antwortete Helena vorsichtig. »Es gibt doch einiges, was Zita wissen sollte, oder?«
»Nein. Ich werde es ihr allein sagen. Keine Sorge, das schaffen wir schon«, sagte Ben eilig.
»Wirklich?« Helena klang besorgt. »Sie war so voller Hoffnung. Ich meine, wir alle ... wir alle waren überzeugt, dass du wieder gesund wirst.«
»Ich nicht«, sagte Roland nur und legte Ben eine Hand auf die Schulter. »Ich habe es gespürt.«
Verwundert sah Helena ihren Partner an, dann wandte sie sich an Ben. »Sag es ihr sofort«, bat sie ernst. »Vertrau ihr einfach. Hör auf, das nur mit dir auszumachen, Benny.«
»Ja«, sagte Ben und schloss entsetzt die Augen.
Er hatte Angst, Zita von der Diagnose zu erzählen, vor allem, weil er plötzlich wieder glaubte, dass Zita eigentlich nicht mit einem wie ihm zusammen sein wollte. Es hatte schon zu viel gegen ihn gesprochen. Jetzt, mit seinem kaputten Körper, waren seine Chancen noch schlechter geworden. Plötzlich fiel Ben ein, dass er die Ärztin nicht gefragt hatte, ob er überhaupt noch zeugungsfähig war. Vielleicht sollte das seine geringste Sorge sein, aber es kam ihm plötzlich wie eine sehr dringende Frage vor.
*
Weil Zita so froh war, dass er endlich nach Hause durfte, verschwieg Ben ihr die Diagnose. Er brachte es nicht übers Herz, seine Freundin zu enttäuschen, zumal sie immer noch an seine baldige Genesung glaubte.
Seine Wohnung war nicht rollstuhlgerecht und Ben konnte nicht von einem Zimmer ins andere. Aber das musste er auch nicht. Ein vom Krankenhaus eilig organisierter Pflegedienst in Gestalt eines beneidenswert fitten Zivildienstleistenden half ihm auf die Couch, und Zita las ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Ihre Freude, ihn wieder zu Hause zu haben, war so groß, dass sie sogar beschloss, etwas zu kochen, obwohl sie sonst nur selten in der Küche stand. Sie aßen im Wohnzimmer, damit Ben nicht vom Sofa auf den Stuhl und dann ins Esszimmer musste. Ausnahmsweise, wie Zita betonte. Ben nickte stirnrunzelnd, denn ihm war klar, dass seine Freundin es hasste, wenn man beim Essen nicht anständig am Tisch saß.
Aber er wusste nicht, wie er ihr diesen Wunsch erfüllen sollte, denn das Esszimmer war zu sperrig. Ben konnte sich nicht vom Rollstuhl auf den Stuhl hieven. Und selbst wenn er es schaffte, wusste er nicht, ob er das Gleichgewicht halten konnte, denn ein normaler Stuhl hatte weder Fußstützen noch Armstützen, und er weigerte sich, im Rollstuhl sitzend zu essen. Das wäre einfach zu erbärmlich gewesen.
»Und?«, fragte Zita dann beim Essen. »Haben die Ärzte endlich gesagt, wie lange es noch dauert, bis sich dein Rückenmark wieder erholt? Bisher gab es ja wirklich noch keine Fortschritte.«
»Ja, noch ungefähr vier Wochen«, antwortete Ben prompt. Die Lüge kam ihm so leicht über die Lippen, dass er sich über sich selbst wunderte.
Zita hob eine Augenbraue. »Vier Wochen? Oh, das ist optimistisch.«
Ben nickte und erzählte von der Reha. Aber er verschwieg, dass er dorthin ging, um sich an sein neues Leben zu gewöhnen. »Dort werden meine Muskeln wieder aufgebaut. Mein Körper hat sich zu sehr ans Liegen gewöhnt. Ich muss erst wieder fit werden«, log er.
Sofort griff Zita nach seiner Hand und drückte sie. »Ich finde deine Geduld wunderbar, du schaffst das schon. Spürst du deine Beine schon wieder?« Zaghaft strich sie über seinen Oberschenkel.
Frustriert starrte Ben die streichelnde Hand an und schluckte. Wie gern würde er diese tröstende Berührung spüren ... wenn er sich nur konzentrieren könnte ...? Er versuchte es, aber er spürte nichts. »Ein bisschen«, behauptete er dennoch und zwang sich zu einem Lächeln.
»Wirklich?«, fragte Zita freudestrahlend und küsste Ben stürmisch.
Ben konnte die Tage bis Silvester nicht wirklich genießen. Es fühlte sich nicht gut an, Zita anzulügen, und die Angst saß ihm im Nacken, dass seine hübsche, perfekte Freundin ihn doch noch verlassen würde. Irgendwann musste sie es ja erfahren.
Und dann war da dieses schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit. Eigentlich war er ein Mann der Tat und immer aktiv gewesen, solange er denken konnte. Sich von Zita bedienen und vom Pflegedienst ins Bett bringen zu lassen, war er weder gewohnt noch gefiel es ihm.
Am Telefon ließ er sich weiterhin abweisen und seine Mailbox öffnete er absichtlich nicht. Das Letzte, was er wollte, war Mitleid von Menschen, mit denen er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. In den sozialen Medien hatten Leute Kommentare gepostet, die er seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hatte. Er hatte sich von Zita einen Laptop ins Wohnzimmer bringen lassen, den er aber nur noch zu Recherchezwecken benutzte. Er wollte keinen Kontakt zur Außenwelt, die ihn als agilen jungen Mann kannte.
In einem Forum für Querschnittgelähmte fand er Tipps zum Umgang mit Blase und Darm. Bei regelmäßigem Stuhlgang würde nichts schief gehen, denn sein Schließmuskel war noch intakt. Schwieriger war es mit der Blase, denn er spürte nicht, wann sie voll war, und wenn, dann entleerte sie sich ohne Vorwarnung. Um den Einlagen zu entgehen, begann Ben nach Plan zu trinken und kämpfte sich mit großer Anstrengung zur Toilette. Dort konnte er sich nur hinsetzen, wenn Zita ihn festhielt, aber wenigstens tat sie ihm den Gefallen, aus dem Fenster zu schauen, während sie sich über Belanglosigkeiten unterhielt. Das gab ihm ein Gefühl von Normalität, dass es nicht so seltsam war, als erwachsener Mann von seiner Freundin gestützt zu werden, während er pinkelte.
Zita wurde nicht müde, seine Beine zu streicheln, seine Muskeln zu massieren und immer wieder zu fragen, ob er etwas spüre. Manchmal sagte Ben ja, manchmal nein. Er hasste es immer noch, wenn Zita seine Beine berührte, aber er wollte es ihr nicht sagen. Dann hätte er zugeben müssen, dass er nichts spürte und nie wieder laufen können würde. Sie hätte sich gewundert, warum es ihm so unangenehm war. Es war ihm nicht nur unangenehm, weil er nichts spürte, sondern auch, weil es ihn daran erinnerte, was für ein Wrack er jetzt war.
Als Helena und Roland einen Tag vor Silvester bei ihnen vorbeikamen und er hörte, wie Zita seinen Freunden begeistert erzählte, dass das Gefühl in Bens Beinen immer mehr zurückkehre, geriet er in Panik.
»Er spürt jetzt sogar, wenn ich seine Füße massiere«, erklärte sie lebhaft, obwohl sie sonst immer sehr zurückhaltend war, wenn es um seine Freunde ging. Bisher war sie nicht im Zimmer geblieben, wenn sie zu Besuch waren, was es Ben leicht gemacht hatte, sein Lügengebäude aufrechtzuerhalten. Doch jetzt brach es vor seinen Augen in tausend Stücke zusammen.
»Aha«, sagte Roland und sah Ben verärgert an.
»Wirklich?«, fragte Helena schleppend. »Das ist ja wunderbar.«
Glücklich lächelte Zita, nahm ihre Handtasche und trippelte auf ihren hochhackigen Schuhen an Helena vorbei, um Ben zu küssen, bevor sie sich von Roland und Helena verabschiedete. Sie wollte für den morgigen Silvesterabend einkaufen gehen.
Als sie gegangen war, stürzte Helena auf Ben zu. »Hast du ihr nichts gesagt?«, fragte sie zischend.
»Kannst du mir mal sagen, warum sich diese arrogante Tussi für was Besseres hält?«, fragte Roland verärgert und tänzelte im Wohnzimmer herum, wobei er Zitas typische Bewegung nachahmte, wenn sie ihre Handtasche auf dem Unterarm hängte. »Für wen hält die sich? Für die Prinzessin von Dummhausen?«
»Darum geht es nicht«, erklärte Helena schroff und warf Roland einen bösen Blick zu. »Außerdem war sie ausnahmsweise mal ganz nett.«