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Separatisten haben weltweit wachsenden Zulauf. Während viele etablierte Nationalstaaten Krieg, Terror und Vertreibung, aber auch wachsender Konzernmacht und sozialer Ungleichheit scheinbar machtlos gegenüberstehen, versprechen die Unabhängigkeitsbewegungen eine bessere, selbstbestimmte Zukunft. Ihre Visionen sind so unterschiedlich wie die Mittel, zu denen sie greifen: Die einen glauben an die Macht des Stimmzettels, andere kämpfen mit Waffengewalt für ihre Ziele. Gemeinsam sind sie dabei, die politische Weltkarte, wie wir sie kennen, zu verändern. Die Korrespondentinnen und Korrespondenten von weltreporter.net berichten in ihren spannenden Reportagen von Unabhängigkeitsbewegungen überall auf der Welt: in Katalonien, Schottland und dem Osten der Ukraine, im türkischen und im irakischen Teil Kurdistans, im Südsudan oder im kanadischen Québec. Sie beschreiben, wie der Befreiungskampf palästinensische Familien spaltet, wie die Samen im hohen Norden Norwegens ihre Autonomie vorbildlich gesichert haben und was passieren kann, wenn Privatpersonen ihren eigenen Staat ausrufen. Zusammengenommen ergibt sich das Bild einer neuen Weltunordnung.
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Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2015
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage, Oktober 2015 (entspricht der 1. Druckausgabe vom Oktober 2015) © Christoph Links Verlag GmbH Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected] Einbandgestaltung: Ch. Links Verlag Einbandabbildungen: oben: Unterstützer der schottischen Unabhängigkeitsbewegung warten auf die Ankunft des schottischen Regierungschefs Alex Salmond in Stirling zu einer Veranstaltung kurz vor dem Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands am 18. September 2014, 15. September 2014 (picture-alliance/dpa); Mitte links: Drei Kinder passieren ein Graffiti in der kosovarischen Stadt Mitrovica, wenige Tage vor der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, Februar 2008 (Robert Atanasovski/AFP/getty images); Mitte rechts: Unterstützer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung auf einer Demonstration in Barcelona, 11. September 2012 (Lluis Gene/AFP/getty images); unten: Prorussische Separatisten in Jenakijewe nahe Donezk, Ostukraine, 27. Januar 2015 (Kommersant Photo/getty images). Karten: Peter Palm, Berlin Satz: Eugen Lempp, Ch. Links Verlag ISBN 978-3-86153-838-7 eISBN 978-3-86284-317-6
Auf dem Weg zur Arbeit laufe ich jeden Morgen an einer langen Allee aus genau 193 Fahnenmasten vorbei. Sie stehen aufgereiht vor dem Haupteingang zum Genfer Völkerbundpalast. Mitarbeiter der Protokollabteilung stellen sicher, dass die Flaggen regelmäßig umgehängt werden. Hunderte Touristen nehmen täglich ein Selfie oder ein Gruppenbild von sich vor dem bunten Fahnenmeer auf, indem sie sich möglichst nahe vor den hohen Zaun stellen, der den Haupteingang des Völkerbundpalastes und die davorstehenden Fahnenmasten schützt. An dieser prominenten Stelle, ganz vorn, wehen immer wieder neue Flaggen. Sind die Fotos gemacht, pressen sich die meisten Besucher noch einmal eng an den Zaun und versuchen, in der Allee die eigene Fahne auszumachen. Wenn vom Jura-Gebirge her starker Wind weht und die Flaggen mit einem hellen Klingeln gegen die hohen Masten schlagen, geht das am einfachsten. Doch selbst bei Flaute versuchen die Zaungäste, die Nationalflagge ihres Heimatlandes zu finden. Wenn ihnen das nicht gelingt, ziehen sie mit enttäuschten Mienen von dannen. Zweifellos geht eine besondere Macht aus von den Fahnen, die Symbole von Staaten und Nationen sind. Und die 193 Flaggen, die vor den vier Hauptsitzen der Vereinten Nationen in Genf, New York, Nairobi und Wien wehen, stehen sinnbildlich für jene Staaten, die es geschafft haben: die anerkannten Mitglieder der globalen Staatenfamilie. Außer ihnen kann das nur ein einziger weiterer Staat von sich behaupten: der Vatikan, der bei den UN auf eigenen Wunsch lediglich einen Beobachterstatus genießt.
Die Fahne des Landes, in dem Rebiya Kadeer gerne leben würde, ist himmelblau. Darauf sind ein Stern und ein Halbmond abgebildet, ähnlich wie auf der Flagge der Türkei. Doch anders als diese weht die himmelblaue Fahne Ostturkestans vor keiner der vier UN-Zentralen und auch nicht in Kadeers Heimat selbst. Dabei reicht die Geschichte von Ostturkestan 4000 Jahre zurück. 1759 besetzten Truppen der Mandschu-Dynastie erstmals das uigurische Reich, danach gelang es den Uiguren immer nur für kurze Zeit, sich selbst zu regieren. Zuletzt wurde 1944 die Republik Ostturkestan ausgerufen. Fünf Jahre später marschierte die chinesische Volksarmee ein. Völkerrechtlich gehört Ostturkestan seitdem zu China, und die Uigurin Kadeer hat einen chinesischen Pass. Dass Kadeer dennoch für ihren Staat Ostturkestan eintritt, macht sie für ihre Anhänger zur Freiheitskämpferin – und für die chinesische Regierung zur Terroristin. Der Untertitel ihrer Biografie lautet in der deutschsprachigen Ausgabe: »Chinas Staatsfeindin Nummer 1«. Sechs Jahre hat die Mutter von elf Kindern in Haft verbracht, viele davon in Isolation. Jetzt sitzt Kadeer in einem kleinen Genfer Künstlercafé, das den Namen »Babel« trägt. Sie hat keinen Abstecher zum Völkerbundpalast gemacht, keine Fahnen betrachtet. Von Diplomaten würde sie, Repräsentantin eines nichtexistenten Staates, ohnehin nicht empfangen. Stattdessen sitzt sie im Halbdunkel des Cafés, um das zu tun, was sie seit Jahren tut: zu werben für einen Staat, der bisher nur in ihrer Fantasie und in der ihrer Anhänger existiert und den die Chinesen Xinjiang-Provinz nennen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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