Und als ich fuhr, da war ich frei. - Marc Benduhn - E-Book

Und als ich fuhr, da war ich frei. E-Book

Marc Benduhn

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Beschreibung

Der Titel beschreibt das Leben von Ida und Emil Stingel, ein Leben wie es hin und wieder erzählt wird, ein Leben, wie es hin und wieder gelebt wird. Zwischen Ritualen und Alltag, Krankheit und Liebe, Leben und Tod, blüht ein kleines Pflänzchen, dass sich den Weg in Richtung Sonne bahnt, ein Sprössling, der ein wenig Einsamkeit und einen Hauch von Freiheit in sich beherbergt. - Und als ich fuhr, da war ich frei. -

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Seitenzahl: 108

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Die Geschichte von Ida und Emil Stingel

Marc Benduhn

- Wenn ein Leben sich dem Ende richtet,

man noch ein paar letzte Zeilen dichtet,

wird bewusst und gleichfalls klar,

wie kurz doch so ein Leben war. -

Kapitel

Einstieg

Rituale und Akzeptanz

Brötchen und Diamanthochzeit

An einem Sonntagmorgen vor drei Jahren

Ein Haus und Billy

Wo ist die Garage?

Morgengymnastik und Katzentoilette

Ein Schläfchen mehr ist keines zu viel

Noch einmal wie früher

Ein neues Fellkind?

Ein gemeinsamer Traum

Viel frische Luft

Ein Friseurbesuch alle zwei Wochen

Ein Anruf

Whiskey und ein guter Freund

Reiß dich zusammen

Ein wenig Normalität

Ein Schritt zurück

Glasscherben und Onkel Ernst

Eine neue Aufgabe

Ein neues Ritual

Das Päckchen

Ein letztes Mal

Hauptcharaktere in diesem Buch:

Emil Stingel:

86 Jahre

Oberkörperhaltung leicht nach vorn geneigt

bauchfrei

bartlos

grauweißes, kurzgeschnittenes Haupthaar

buschige, grauweiße Augenbrauen

ca. 178 cm groß

Brillenträger (schwarze Bügel, ohne Rand)

Augenfarbe: braun

meist rötliche Wangen

Ida Stingel:

83 Jahre

Oberkörper leicht nach vorn geneigt

nicht ganz bauchfrei

dunkelbraun gefärbtes, lockiges, schulterlanges Haar

akkurat gepflegte, dunkelbraun gefärbte Augenbrauen

ca. 163 cm groß

Lesebrillenträgerin, weiße Bügel

Augenfarbe: blau-grün

meist rötliche Wangen

Billy:

86 Jahre

bester Freund von Emil

grauer, gepflegter Vollbart

graues, schulterlanges Haar (meist zum Pferdeschwanz gebunden)

grüne Augen

ca. 175 cm groß

Brillenträger (braune Bügel)

Vorwort

Dass Wünsche, die uns sehr am Herzen liegen, irgendwann in Erfüllung gehen könnten, ist ein Gedanke, den wohl sehr viele von uns in sich beherbergen. Sehnsüchte, Triebe, Reize, Träume, Begierde, hoffnungsvolle Gedanken – sie sind auf ihre Art individuell. Langwährende Gesundheit für die Familie, ein kleines Häuschen und ein friedvolles Leben am Meer, ein ruhiges Leben unabhängig von Schichtarbeit, Mindestlohn und Wochenendarbeit.

Manchmal wünschen wir uns auch einfach nur, dass etwas vielleicht irgendwann anders wird, vielleicht sogar besser. Dass ein Irgendwann vielleicht irgendwann zu spät ist, ist uns meist gar nicht so recht bewusst. Mitunter rasten unsere Träume und Wünsche geduldig in Gedankenblasen, die uns ein Leben lang begleiten, ohne dabei zu zerplatzen und ohne dabei gänzlich vergessen zu werden.

Hin und wieder resignieren wir, da der ein oder andere Traum in weite Ferne gerückt scheint und schier unerreichbar wirkt. Wir halten ihn mit unseren naiven, kindlichen Gedanken fest, als sei er ein mit Helium gefüllter Luftballon, der hinfort fliegen würde, sobald wir ihn loslassen. Wir halten daran fest und können nicht so recht von ihm lassen.

Mit Wünschen und Träumen ist es eben wie mit Freunden. Die einen vergehen wie welkende Blumen von heute auf morgen, die anderen bleiben ein Leben lang – wie die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Wie lange träumte ich davon, irgendwann ein Buch zu schreiben, welches die Welt verändern könnte? Wenn ich am Abend einschlief, war es mein letzter Gedanke und wenn ich am Morgen erwachte, der erste. Tag um Tag nährte sich dieser Gedanke in mir und sträubte sich dagegen, losgelassen zu werden. Mit den Jahren jedoch geriet er ein wenig ins Abseits, denn Rituale wie die tägliche Arbeit und ein Leben in Familie schoben ihn mitunter forsch beiseite. Doch so sehr er auch an den Rand des Abgrundes des Vergessens gedrängt wurde, er hangelte sich stets ein Stück empor und irgendwann schien es so, als könne ihn nichts davon abhalten, seine Kräfte immer wieder aufs Neue zu bündeln.

Und siehe da: Seine zielbewußte Hartnäckigkeit und Ausdauer wurden belohnt.

Lasst und also beginnen, die Welt ein wenig zu verändern. Und wenn schon nicht die ganze Welt, dann zumindest uns selbst.

Ich wünsche Ihnen viel Ruhe beim Lesen.

M.B.

Kapitel 1

Einstieg

Ich stamme aus einer wahrlich guten und fürsorglichen Elternstube und im Verlaufe meines nunmehr langen Lebens konnte ich eine Vielzahl mir beigebrachter Regeln und Grundsätze, die ich seitens meiner Eltern erfuhr, ganz wunderbar anwenden. Teils tat ich es unbewusst, teils ganz und gar sehr bewusst. Doch größtenteils tat ich es instinktiv.

Ich bot als Kind meinen Sitzplatz im Bus älteren Menschen an, sprach »Guten Tag« und »Auf Wiedersehen« und wusste durchaus, wann ich höflich und zuvorkommend, emphatisch, mutig oder zurückhaltend sein musste. Ich verhielt mich so, wie ich es beigebracht bekam, und so, wie ich instinktiv entschied.

Dass sich Ansichten und Meinungen im Laufe eines Lebens ändern können, brauche ich Ihnen mit großer Sicherheit nicht zu erzählen. Auch dass im Leben nicht immer alles so verläuft, wie man es sich als Kind nur allzu oft ausmalte. Doch was macht das schon? Nun bin ich sechsundachtzig Jahre alt und glauben Sie mir eins, ich bin noch lange nicht am Ende.

Kapitel 2

Rituale und Akzeptanz

Mit der Zeit hatte ich mir regelrecht abgewöhnt auszuschlafen. Mein Wecker klingelte täglich exakt um 06:19 Uhr, auch sonntags. Ich mochte den Gedanken, schon sehr zeitig zu erwachen, um möglichst viel von jedem Tag mitbekommen zu können. Außerdem bekam ich ohnehin reichlich Schlaf, denn das ist wohl einer der Vorteile am Dasein eines alten Mannes. Ich konnte mir meinen Schlaf so einteilen, wie ich ihn benötigte.

Wenn ich müde war, schlief ich, wenn ich Appetit bekam, aß ich, und wenn ich Lust auf Gartenarbeit hatte, ging ich in den Garten und werkelte ein wenig.

Mitunter musste ich mir nur genau merken, wo ich meine Brille hingelegt hatte, bevor ich einschlief, sonst konnte es passieren, dass ich nach dem Erwachen wie ein geistloses und wirres Wrack ängstlich durch meine eigenen vier Wände taumelte, da die Sicht nicht gegeben und die Panik perfekt war. Ansonsten hat so ein Dasein als alter Mann schon viele Vorteile. Auf mich wartete morgens keine gepackte Schultasche, kein erlösendes Pausenklingeln, keine nervtötenden Klassenkameraden, kein übereifriger Kommilitone, kein akribisch nach der Weltherrschaft eifernder und strebender Professor, kein immerzu nörgelnder Chef, keine neiderfüllten Kollegen, keine mitunter lästigen Weiterbildungsmaßnahmen und auch keine Montagearbeit im Ausland, ein Drei-Schicht-System und Wochenendarbeit. Einzig Ida, meine Frau, wusste es gelegentlich zu verstehen, mir den einen oder anderen Nerv zu rauben. Doch ich bin mir ziemlich sicher, sie würde Ihnen ziemlich genau dasselbe über mich berichten.

Ja, das Rentnerdasein hat schon seine Vorteile und – zumindest kann ich das von meinem augenblicklichen Aufenthalt im Ruhestand gut behaupten – es beinhaltet wunderschöne und besinnliche Rituale, die es ganz und gar zu pflegen lohnt. Natürlich und absolut logisch, gibt es auch im Ruheständlermodus einige Dinge, welche nicht unbedingt nach deliziöser Verkostung und Wiederholung schreien.

Ich denke da beispielsweise an die immer wiederkehrenden Arztbesuche, an zahlreiche Vorsorgeuntersuchungen, aber auch an die unzähligen Bestattungstermine von Freunden und Bekannten, die einem bewusst machen, dass das Altern an sich auch ein bitteres Roden im Freundes- und Bekanntenkreis darstellt.

Im Wald des eigenen Lebens fällt Tag um Tag, Woche für Woche, der ein oder andere bekannte und vertraute »Baum«.

Eifrige und strebsame Nachfahren ersetzen ihn vielleicht auf irgendeine Art und Weise, doch seine Stelle bleibt unbesetzt, einzig seine Wurzeln sind noch zu sehen. Seine Gestalt jedoch wird welk, eine andere blüht auf. Doch auch der Tod gehört nun einmal zum Leben. Obgleich hierfür die Akzeptanz sehr oft nicht gegeben ist – aus unterschiedlichen Gründen. Es gibt unzählige Beispiele hierfür.

Nehmen wir ein friedvolles Kind, welches sein ganzes Leben noch vor sich hatte, doch schlussendlich einem Krebsleiden erlag, oder aber den liebevollen Familienvater, der durch Fremdverschulden bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Wie oft geht in solch traurigen Beispielen die Ungerechtigkeit Hand in Hand mit einer unveränderbaren Tatsache. Und auch wenn die Akzeptanz der Eltern des an einem Krebsleiden verstorben Kindes oder der Ehefrau und ihrer Kinder des beim Verkehrsunfall verstorbenen Ehemannes verständlicherweise vielleicht nie im Leben eintreten wird, so hat er doch bestand – der Tod. Und sowohl die Eltern als auch die Ehefrau und ihre Kinder werden versuchen müssen, einen Weg zu finden, um mit dem Geschehenen zurechtzukommen. Vielleicht ist der Weg der Akzeptanz nicht immer der einfachste, nicht immer der schönste und ganz bestimmt auch nicht der leichteste, doch eines ist er ganz bestimmt: der hoffnungsvollste. Es heißt nicht, dass sie vergessen, es heißt nur, dass sie nicht aufgeben.

Auch ich schob früher solche »unschönen« Thematiken oft beiseite, wollte sie nicht sehen oder hören, wollte nicht darüber sprechen. Doch so sehr ich sie auch zu verdrängen versuchte, irgendwann, da waren sie wieder allgegenwärtig und mitunter mehr als vorher.

Ich bin mir sicher, auch Sie kennen solche »unschönen« Thematiken und auch in Ihnen schlummert wohl das ein oder andere »komische« Bauchgefühl, wenn Sie an die ein oder andere Sache denken, die Ihnen zu schaffen machte oder vielleicht noch immer zu schaffen macht.

Für mich war dies viele Jahre lang der Umgang mit der Akzeptanz des Todes. Ich mochte in jungen Jahren nie daran denken, einmal meine Eltern, Großeltern, Freunde oder andere geliebte Mitmenschen zu verlieren. Gerade wenn im engeren Umfeld wieder ein neuer Todesfall bekanntgegeben wurde, vielleicht der Großvater meines besten Freundes verstarb, überkam mich dieser Schauer an »unschönen« Gedanken. Ich wollte und konnte nicht akzeptieren, dass Menschen, die mir lieb und teuer waren, irgendwann einmal nicht mehr an meiner Seite weilen sollten.

Doch heute weiß ich: Diese mitunter unbestreitbaren, kindlichen und naiven Gedanken zu verdrängen, macht die Situation nur noch schlimmer. Sich zu verschließen bedeutet auch, sich zu verstecken und gewissermaßen mutlos zu sein. Sicherlich ist dies kein Vergehen und in mancher Hinsicht auch absolut menschlich, doch ich wollte nicht mehr verschlossen und mutlos sein, eher offen und restlos mutig.

Also suchte ich nach einem Weg, meine fehlende Akzeptanz in irgendeiner Weise umzuwandeln. Anfangs gestaltete sich diese Suche jedoch noch schwieriger als gedacht. Denn immer wieder schlug meine innere Nichtakzeptanz meine innere Akzeptanz k.o. Gelegentlich in der zweiten Runde, manchmal in der achten Runde, doch es dauerte eine ganze Weile, bis ich mein Akzeptanzverhalten in ein Pro statt eines Kontras umwandeln konnte.

Doch wie gelang es mir? Es gelang mir, indem ich zuließ und darüber hinaus losließ. Ich sprach mir immer wieder zu, dass es nun einmal Dinge im Leben geben wird, an denen ich nichts ändern kann, dass es wieder und immer wieder Dinge in meinem Leben geben wird, an denen ich nichts ändern kann. Ich resignierte also nicht, ich akzeptierte. Dass dieser Prozess nicht von heute auf morgen gelang, dürfte einleuchtend sein. Doch es gelang.

Schritt für Schritt setzte ich einen Fuß nach dem anderen, und so, wie ich physisch meine Ziele erreichte, schaffte ich es dann auch psychisch. Dies war der Weg, den ich wählte.

Kapitel 3

Brötchen und Diamanthochzeit

Maltes Sonntagsbrötchen waren ein Muss, ein Muss an jedem Sonntagmorgen. Diese goldgelbbrauen, nicht zu knusprig gebackenen und sorgfältig von Meisterhand gefertigten Brötchen. Wir liebten sie. Diese Brötchen begleiteten uns nun schon seit über vierzig Jahren, sie gehörten demnach schon zur Familie und standen weit oben auf der Liste unserer Rituale. Allein die Tatsache, dass Maltes Bäckerei noch immer in unserem kleinen Örtchen weilte, erfreute uns wieder und immer wieder. Und wissen Sie, diese Brötchen hatten nunmehr vier unserer geliebten Katzen überdauert und obendrein die ein oder andere Ehekrise.

Wenn ich von »wir« spreche, dann meine ich natürlich meine Frau Ida und mich. Wir sind nun seit vierundsechzig Jahren verheiratet. Vor vier Jahren begingen wir unsere vom Fachmund geprägte Diamanthochzeit.

Sie bot einen hervorragenden Anlass, um wieder einmal Freunde und Bekannte zu treffen und sich in gemütlicher Atmoshäre mit ihnen zusammenzufinden, den einen oder anderen Likör zu sich zu nehmen und mal wieder das Tanzbein zu schwingen.

Und das taten wir auch, sehr ausführlich sogar. Lange hatten wir nicht mehr so ausgiebig gefeiert. Doch dies war zugleich auch die bislang letzte Feierlichkeit, zu der Ida und ich ausgelassen tanzten und unbeschwert Spaß erlebten.

Unsere Familie indes besteht nur noch aus Ida und mir. Wir hatten ein paar Freunde, größtenteils liebe Nachbarn und auch so die ein oder andere etwas flüchtige Bekanntschaft, doch eigene Kinder hatten wir leider keine. Anfangs war die Ernüchterung über diese Tatsache sehr enorm; ich denke, das ist nachzuvollziehen.

Das Wunder der Geburt, der Geburt eines eigenen Kindes, blieb uns leider verwehrt. Oft hatten wir uns den Kopf darüber zerbrochen, mitunter tage- und nächtelang. Doch was sollten wir tun, am Ende blieb uns immer nur diese eine Erkenntnis, die Erkenntnis der Akzeptanz und dass es eben Dinge gab, die wir nicht ändern konnten, selbst wenn wir es gewollt hätten.

Und natürlich hätten wir vielleicht auf anderen Wegen unser Familienglück perfekt machen können, doch um welchen Preis? Schließlich hat alles in irgendeiner Weise seinen Sinn, auch wenn dieser nicht immer gleich auf Anhieb zu erkennen ist.