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Landleben liegt gerade total im Trend. Alle wollen raus, in die Natur. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall: dass Frauen das Landleben aufgeben. Tabu-Themen wie familiäre Zwänge oder Scheidung können ebenso ein Auslöser sein wie wirtschaftliche Umorientierung. Ulrike Siegels gesammelte Geschichten in diesem Buch zeigen einmal mehr, wie vielfältig Frauen das Leben auf dem Land gestalten und bewerten. Sie setzen sich auseinander mit Rollenbildern und Erwartungen, sind mutig und zweifeln manchmal – Themen und Gefühle, die für Frauen und Männer gleichsam spannend sind.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ulrike Siegel (Hrsg.)
Frauen erzählen von ihrem Abschied vom Landleben
Mein herzlicher Dank gilt den Autorinnen, die uns mit ihren Geschichten einen Einblick in ihre Lebenswelt gewähren. Für diesen Mut und die Offenheit gebührt ihnen großer Respekt.
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Impressum
B lick zurück in Wehmut oder mit Erleichterung? In diesem Band blicken 16 Frauen auf ihr Bäuerinnen-Leben zurück. Ganz unterschiedliche Wege hatten sie einst dort hingeführt. Da sind Bauerntöchter, die das Erbe der elterlichen Höfe angetreten oder auf andere Höfe eingeheiratet haben. Daneben schreiben Frauen, die in der Stadt aufgewachsen und erst der Liebe wegen auf einem Hof gelandet sind. Die Ökobewegung der 70er Jahre hat bei einigen das Interesse an der Landwirtschaft geweckt und ihre Lebenswege dorthin gelenkt.
Alle haben sie sich für den Hof und ihre Familien engagiert. Sie haben gerne und viel in Haus, Garten, Hof und Stall gearbeitet. Mit vielen Ideen haben sie Ferienwohnungen, Hofladen, Käserei, Metzgerei, Bäckerei oder Restaurant aufgebaut und betrieben. Daneben haben sie meist mehrere Kinder geboren und erzogen. Alle wollten sie auf dem Hof ihren weiteren Lebensweg gestalten. Und für alle ist es anders gekommen. Alle haben sie wieder Abschied genommen. Abschied vom Hof, oft auch von dem Ehemann und manchmal sogar von den Kindern.
In ihren autobiografischen Beiträgen erzählen sie von den Sonnen- und Schattenseiten des Bauernhoflebens. Die Geschichten handeln vom gemeinsamen Anpacken, von weitreichenden Investitionsentscheidungen, von Risiken, die die Bauernfamilien damit eingehen. Sie zeigen den Mut zur Zukunft, der auf den Höfen vorhanden ist. Sie thematisieren das Zusammenleben mehrerer Generationen auf den Höfen mit vielschichtigen Konfliktpotenzialen, die familiären und dörflichen Zwänge, Eheprobleme und wirtschaftlichen Krisen. Darin liegen auch zugleich die Ursachen für das Verlassen oder die Aufgabe der Höfe.
Es sind Geschichten voller Tränen und Trauer um das, was sie verloren haben. Sie wagen „den Blick zurück nach vorne“. Daher sind es auch Geschichten des Aufbruchs und Neubeginns. Geschichten von Frauen, die voller Mut und Zuversicht den neuen Lebensabschnitt „nach dem Hof“ anpacken und ihn so gestalten, dass sie sagen können: „Es geht mir heute gut!“
Oktober 2011, Ulrike Siegel
N un ist es also bald so weit – Abschied vom Hof zu nehmen, für immer. Nicht kurz im Urlaub, zu Besuch oder für ein Seminar. Nein, für immer, das ist also der Weg.
Aufgewachsen bin ich in Gütersloh, in Nordrhein-Westfalen, als Mittlere von drei Kindern und Tochter eines Arztes und einer Psychologin. Sämtliche Ferien verbrachten wir zum großen Teil in unserem Ferienhaus in Ostfriesland, inmitten von Bauern, Wiesen, Kanälen, Kühen und Pferden. Dort ging die Uhr anders, nicht nur, weil Ferien waren, auch, weil wir draußen sein konnten, beim Bauern nebenan helfen durften, Kälber auf die Welt kommen sahen, Heu machten, Pferde striegelten und Petersilie in rauen Mengen ernten durften.
Nach dem Abitur 1989 hatte ich das starke Verlangen, eine Auszeit zu nehmen, bevor das richtige Leben beginnen sollte mit Studium, Ausbildung usw. Ein Jahr ins Ausland gehen, eine andere Sprache lernen, etwas mit den Händen schaffen, mal nicht diskutieren, sondern am Abend sehen können, wie mein Tagwerk aussieht. So musste ich nicht lange überlegen, sondern entschied mich, nicht nur wegen meiner positiven Urlaubserinnerungen auf dem Land, sofort für ein Praktikum in der Landwirtschaft. Landwirtschaft in Norwegen, das wollte ich kennenlernen. Noch dazu kam ich auf einen Demeter-Betrieb, den anthroposophischen Grundgedanken lernte ich somit auch kennen.
Zum ersten Mal hatte ich die Gelegenheit, meine Grenzen zu erfahren. Da wir viele verschiedene Menschen aus vielen Ländern waren, wurde es nie langweilig und das Jahr mit all seiner Arbeit, seinem Rhythmus, seinen Jahreszeiten sollte mich für mein Leben prägen.
Abends lag ich zufrieden in meinem Bett und ich war überzeugt, endlich mal etwas „Gescheites“ zu tun. Meine Eltern sahen das allerdings ganz anders. Sie warteten schon, dass ich nach dem Jahr des Rumbummelns endlich was Ordentliches machen würde, mich an einer Universität einschreiben würde und somit wieder saubere Hände und Füße bekäme. Aber es sollte ein weiteres Eintauchen in die biologisch-dynamische Landwirtschaft geben. Ich begann eine Ausbildung als Gemüsegärtnerin in Bayern auf einem Demeter-Betrieb mit Gärtnerei, Landwirtschaft und Behindertenarbeit. Dort wurde mir ziemlich schnell klar, dass mir die Landwirtschaft mehr lag als der Gartenbau und mein Herz für das Milchvieh schlug, ausgelöst durch die wunderschönen Braunviehkühe auf diesem Betrieb. Zwei weitere Jahre also, in denen auch ich mich noch besser kennenlernen konnte. Meine Grenzen spüren, andere Menschen erfahren, vor Augen zu haben, was ich erledigen kann und was nicht. Wieder die Jahreszeiten, die Launen der Natur, den Betriebsrhythmus und viel Neues aus der Landwirtschaft mit auf den Weg zu bekommen. Und als die Gesellenprüfung näherrückte und somit die Frage „Was kommt danach?!“, war ich endlich, zur Beruhigung meiner Eltern, so weit, mich für das Studium der Agrarwissenschaften einzuschreiben. Natürlich wählte ich die Fachrichtung „ökologische Landwirtschaft“ und wollte am liebsten noch auf einem Hof wohnen, damit der Übergang von Praxis zu Theorie nicht ganz so schmerzlich werden würde.
Und wieder kam eine Zeit auf mich zu, in der ich voll auf meine Kosten kam, ich keine Vorlesung ausließ, viele Menschen traf, viel lernte, eine Menge sonstige Aktivitäten machen konnte und erneut das Gefühl hatte, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Gemeinsam mit anderen. Dort lernte ich meinen späteren Mann Markus kennen, der ebenfalls ökologische Landwirtschaft studierte.
Einen wunderschönen und produktiven Sommer haben wir auf einer Alp im Berner Oberland verbracht, auf der wir angestellt waren, um das Vieh zu versorgen und Käse herzustellen. Und nach diesem Sommer kündigte sich unsere erste Tochter Lena an. Na ja, alles war etwas anders als geplant, aber nicht wirklich ein Problem, das Studium ging für uns beide bzw. für uns drei trotzdem weiter. Es kam noch einmal ein Alpsommer, die Diplomarbeiten von uns beiden und somit das Ende der vierjährigen Studienzeit.
Im Dezember 1996 zogen wir also zu dritt – Markus, Lena, die damals eineinhalb Jahre alt war, und ich – mit Sack und Pack, Möbelwagen und Entenauto ins Allgäu. Ein Konzept für den Hof hatten wir im Laufe der letzten Jahre ausgearbeitet, nicht zuletzt, weil Markus sich in seiner Diplomarbeit damit beschäftigte, wie man von einem kleinen Allgäuer Nebenerwerbsbetrieb im Vollerwerb leben kann.
Eine meiner ersten Amtshandlungen bestand darin, Mitglied des ortsansässigen katholischen Kirchenchores zu werden. Einmal, um meine neuen Nachbarn kennenzulernen, aber auch, um nicht als Exotin (Biobäuerin und Hochdeutsch) zu gelten. Viel später erst gestand ich, dass ich evangelisch bin. Heute weiß ich die katholische Kirchenmusik sehr zu schätzen und das Singen begleitet mich nach wie vor sehr intensiv.
In den kommenden Jahren entwickelte sich der Hof prächtig. Unser Konzept bewies sich, wir waren nicht gezwungen, dem üblichen Trend – größer, schneller, intensiver – zu folgen, sondern konnten unsere Hofgröße von 20 ha und zwölf Milchkühen beibehalten. Eine intensive Direktvermarktung, Kulturheidelbeeranbau und zwei Ferienwohnungen führten zum Erfolg.
Im Herbst 1997 kam unsere zweite Tochter zur Welt. Nach und nach merkte ich, dass die Hauswirtschaft das eigentliche Herzstück eines landwirtschaftlichen Betriebes ist. Steht nahrhaftes, gesundes Essen auf dem Tisch, ist der Wohnraum liebevoll gestaltet und das allgemeine Ambiente in Ordnung, fällt allen Hofbewohnern das Arbeiten leichter und es beeinflusst maßgeblich die allgemeine Stimmung.
Ich besuchte den Meisterkurs für ländliche Hauswirtschaft und bildete auch bald die ersten Hauswirtschaftslehrlinge aus. Dies war eine große Herausforderung für mich, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. So eng zusammenzuwohnen und zusammenzuarbeiten, einerseits ein freundschaftliches, andererseits ein klares Chefin-Lehrlings-Verhältnis zu pflegen, das unter einen Hut zu bekommen, war nicht ganz leicht. Aber ich habe viel gelernt und freue mich nach wie vor, wenn die ehemaligen Auszubildenden mich besuchen und von ihrer Lehrzeit aus ihrer Sicht erzählen.
In den folgenden Jahren beschäftigte ich mich viel mit den Themen Ernährung, Bewegung und Entspannung und machte einige Zusatzausbildungen in dieser Richtung.
Der Hofalltag bot trotz aller Arbeit immer noch Zeit für Fortbildungen, Kurse und Seminare. Der Hof war immer meine feste Basis, von wo aus ich mich in diverse Richtungen engagieren konnte, um aber immer wieder zurückzukommen. Mit neuem Engagement konnte ich mich über meinen Alltag freuen und die neu gewonnenen Erkenntnisse ins Hofgeschehen einbringen. So sah ich den Hof stets als meine feste Scholle, als Basis, als einen Platz, mit dem ich mich fest verwurzelt fühlte, der aber gleichzeitig genügend Freiräume für anderes bot.
Im Jahr 2003 bauten wir ein fünfeckiges Haus, baubiologisch gut durchdacht, mit Ferienwohnung und Lehrlingszimmer für Markus und mich als Altenteilerwohnung, die so lange vermietet werden sollte, bis wir sie benötigten. Ja, ja, so war es gedacht ...
Im Jahr 2007 stellte ich wieder eine hauswirtschaftliche Auszubildende ein. Es war im Großen und Ganzen für alle Beteiligte ein gutes Jahr, wir haben uns gut verstanden, ich habe ihr alles beigebracht, was ich an Wissen weitergeben konnte, und ihr gefiel das Leben auf dem Hof so gut, dass sie sich unbedingt auch nach einem Hof, einem Bauern und Kindern umsehen wollte.
Wie auch immer, es sollte wohl so sein: Die Kinder und ich waren im Urlaub, sie todtraurig und der Bauer als Tröster allein auf weiter Flur. Was zuerst ein spannendes Techtelmechtel war, wurde zu einer heimlichen Affäre und führte später zum GAU, für mich jedenfalls. Im Januar 2008 kam heraus, dass die beiden ein Verhältnis hatten, was mir buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzog. Wir holten sofort fachliche Hilfe ins Haus, um unser Problem zu lösen, aber es dauerte nur zwei weitere Tage des Ringens, bis Markus erklärte, er habe sich schon entschieden, mich zu verlassen.
Im Nachhinein kommt mir diese Zeit im Winter 2008 wie ein langes Luftanhalten vor. Starr vor Schreck blieb die Zeit stehen. Ein Teil unserer Kühe wurde krank, sie fraßen nicht mehr, gaben deutlich weniger Milch, außerdem kam es zu Fehlgeburten im Stall. Für mich war deutlich, dass sie krank vor Kummer waren, erst als ich eine Heilerin, die es im Allgäu noch öfters gibt, um Hilfe bat, erholten sie sich langsam wieder.
Ich zog mich ein paar Tage in ein Kloster in der Nähe zurück. Dort wurde mir ganz klar, dass meine Zeit am Hof noch nicht abgelaufen war, sondern dass es nach wie vor mein Platz sein sollte. Zu der Zeit hatte ich immer noch das Gefühl, dass wir als Familie zusammengehören und wir nur die nötige Hilfe bekommen müssten, um unsere Probleme zu bewältigen. So verkündete ich also nach meiner Rückkehr mit einer ordentlichen Portion Mut und Zuversicht auf das Lösen unserer Probleme, dass ich bleiben würde. „Na, dann geh eben ich!“, war die Antwort meines Mannes, und eh ich mich’s versah, war er über alle Berge. Auf Wolke 7 davongeschwebt, weit weg von Betrieb, Kühen, Kindern, Frau, Mitarbeitern, Mitbewohnern.
Nun sollte eine heftige Zeit auf mich zukommen, mit diversen Baustellen: Hof, Kinder, ich selber, Trennung, Scheidung und Arbeit ohne Ende.
Gleichzeitig war es eine intensive Zeit. Jeden Tag rief jemand an und bot mir seine Hilfe an; das soziale Netz hat unglaublich funktioniert. Ich lernte das Führen des Betriebes mit allem, was dazugehört und was wir uns vorher als gutes Team geteilt hatten. Ich durfte ein sehr intensives Verhältnis zu meinen tapferen Töchtern entwickeln, die ihren Papa sehr vermissten und doch mutig ihren Weg weitergingen. Auch einen neuen Umgang mit den Mitarbeitern und Mitbewohnern konnte ich entwickeln. Es musste nicht immer alles gut und eine heile Welt sein, stattdessen haben wir gelernt, mit Konflikten umzugehen und gemeinsam zu Problemlösungen zu kommen, die von allen Beteiligten mitgetragen werden. Oft waren mir diese ganze Aufgabe und vor allem die Verantwortung, die sie mit sich zog, viel zu viel und viel zu schwer. Und doch fand sich immer Hilfe und tolle Menschen bereicherten weiterhin den Hof.
Mit der Zeit fühlte ich mich der neuen Aufgabe immer besser gewachsen und es entwickelten sich vor meinem inneren Auge viele neue Ideen und Zukunftspläne für den Hof. Sie sind nach wie vor da und lassen sich so leicht nicht verdrängen, werden aber wohl nie Realität, denn im Oktober 2010 verkündete mir mein Exmann und eigentlicher Hofeigentümer, dass er selber den Hof bewirtschaften wolle und ich somit gehen müsse.
Und das gerade, als ich mir ganz sicher war, dass ich diesen Betrieb bewirtschaften möchte, solange die Kinder noch zur Schule gehen, und ich vor allem der Aufgabe auch gewachsen bin. Das gibt mir doch zu denken und ich frage mich, ob mein Platz nicht doch woanders sein soll, weshalb nun der Abschied von meinem Leben hier zwangsläufig vor der Tür steht.
Es bleiben mir im Moment noch vier Monate auf dem Hof. Außer mir gehen alle, die zurzeit hier wohnen. Der Hof wird also für eine neue Ära frei.
Nie hätte ich gedacht, dass es so gehen könnte. Es erstaunt mich, wie schwierig und essenziell die zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Ich hatte immer ein herzliches und enges Verhältnis zu meinen Schwiegereltern und meiner Schwägerin. Am Anfang, als ihr Sohn und Bruder mir nichts, dir nichts verschwand, waren alle geschockt und empört, bestürzt und entsetzt. Sie halfen mir und stärkten mir den Rücken, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Doch im Laufe der Zeit hat sich ihre Haltung mir gegenüber sehr geändert. Kaum waren wir geschieden, er wieder verheiratet und eine neue Schwiegertochter in der Familie, kühlte sich das Verhältnis zu mir rasant ab. Abgrenzung, Ablehnung, falsche Unterstellungen und die klare Aussage, ich habe auf dem Hof nichts zu suchen, er gehöre ihrem Sohn und ich solle ihm nicht den Platz wegnehmen, gehören auch zu dieser Geschichte. Einerseits kann ich sie verstehen, sie haben ihrem Sohn den Hof vererbt, nicht mir. Andererseits sind seine Kinder aber hier und irgendwie hat er schließlich die ganze Geschichte ins Rollen gebracht.
Diese plötzliche, starke Ablehnung von dem Rest meiner angeheirateten Familie so gnadenlos zu spüren, hat mich wirklich getroffen und vielleicht ist es zwischen den Zeilen zu lesen, dass ich diesen Brocken erst noch verdauen muss.
Vielleicht ist es ja etwas sehr „Hoftypisches“, da gelten ganz andere Familienbanden, und wer echt in der Familie ist, also in sie hineingeboren ist, von dem wird so manches geduldet, ohne es zu hinterfragen. Pech für die andere Seite, auf der in diesem Fall leider ich selber stehe.
Kann man die sogenannte Laune der Natur nicht mit der Laune eines Hofes in Verbindung setzen? Die Natur schenkt uns so viel, wir dürfen reich ernten, wir dienen ihr, sind aber gleichzeitig von ihr abhängig. Teilweise macht sie etwas, das wir nicht nachvollziehen können, uns in unserem Alltagsleben vollkommen aus der Bahn wirft und sogar existenziell bedroht.
Auch der Hof hat für mich gesorgt, ich habe ihm gedient, durfte ernten, nutznießen, Erfahrungen sammeln und war aber auch immer abhängig von ihm.
Wenn ich an die letzten fast 15 Jahre zurückdenke, erfüllt mich zuallererst eine große, tiefe Dankbarkeit, worüber ich sehr froh bin, da das Ende meiner Hofzeit und die Strapazen der letzten Jahre nicht den eigentlichen Reichtum dieses landwirtschaftlichen Betriebes verdecken.
Und so möchte ich an dieser Stelle meine persönliche Dankbarkeitsliste für das Hofleben erstellen:
Ich bin dankbar für eine wunderschöne Umgebung, den tollen, gesunden Platz Erde, die Intensität des Grüns und Gelbs des Löwenzahns, der zurzeit blüht, für meinen Garten und seine alljährliche Ernte, für die schönsten Braunviehkühe im ganzen Allgäu, für alle Menschen, die mich hier begleitet haben, die Mitbewohner, Feriengäste, Kunden, Praktikanten, Lehrlinge, Besucher, Kollegen, dafür, dass meine Kinder an einem solch schönen Ort 15 und 13 Jahre lang leben durften, für alle Hilfe, für sämtliche Lernerfahrungen, für genügend Freizeit und Freiräume, für alle Erfahrungen, Irrtümer und Neuentdeckungen, den täglichen Rhythmus, vor allem durch die festen Stallzeiten, für jeden Tag und jede Stunde, für das volle Eintauchen in meine Arbeit, mit Herz, Verstand, mit Haut und Haaren ...
Danke dafür!
Wenn Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, diese Geschichte lesen, bin ich schon an einem anderen Ort, den ich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht kenne. Noch sitze ich an meinem Lieblingsplatz der letzten 15 Jahre und schreibe diese Zeilen. Mein Plan ist es, weiter im biologisch-dynamischen Land- und Gartenbaubereich zu bleiben. Einen Hof wie diesen an anderer Stelle kann ich wohl alleine nicht stemmen, es kommt also etwas Neues. Aber eines ist sicher, ich werde alles Positive, das ich durch mein Leben auf dem Hof erfahren durfte, mitnehmen. Und das ist viel und äußerst wertvoll. Das Negative lasse ich selbstverständlich hinter mir und werde es allenfalls als Lernerfahrung abhaken.
Mir selber wünsche ich einen schönen neuen Ort, an dem ich mich ebenso gut entfalten kann, wie ich es hier konnte. Und dem gehe ich nun mit positiver Zuversicht und reich gefülltem „Rucksack“ entgegen!
M ein Abschied vom Hof verlief scheibchenweise, eigentlich mein ganzes Leben hindurch. Immer wieder musste ich ein Stückchen verabschieden. Aber ich wehrte mich.
Als ich zwölf Jahre alt war, sollte um unsere nahegelegene Kreisstadt eine vierspurige Umgehungsstraße gebaut werden. Für die Streckenführung gab es zwei Optionen. Eine davon hätte unser bestes Ackerland zerschnitten und zerstört. Ich war entsetzt und entwickelte in meiner kindlichen Fantasie verschiedene Schikaneaktionen, mit denen ich den Autofahrern jedes Wochenende auf ihrem Weg zum Strand das Leben schwermachen wollte. „Niemals überlasse ich denen unser Land kampflos!“ Glücklicherweise ist es weder zum Bau der Straße noch zu den geplanten Schikanen gekommen. Aber ich erinnere mich sehr gut an das Gefühl, das Land verlieren zu können, und an die Ängste, die meinen Vater damals stark beschäftigten.
Wie wichtig der Hof und das Land unserem Vater und Großvater waren, wurde uns drei Geschwistern immer wieder bewusst gemacht. Mein Großvater begann die Bewirtschaftung unseres Betriebes vor 100 Jahren als Pachtung vom nahe gelegenen Gutshof und musste damals noch Hand- und Spanndienste leisten für den Gutsbetrieb. Mit der Bodenreform 1937 konnte er den Hof durch einen 60 Jahre währenden Kredit käuflich erwerben, die letzte Rate zahlte ich 1997. Mein Vater nutzte Ende der 50er Jahre die Wirtschaftswunderatmosphäre und baute den Hof zu einem wirtschaftlich effizienten Milchviehbetrieb aus, der drei Generationen bis in die 90er Jahre ernähren sollte.
Einer der Leitsätze unserer Familie neben „Land verkauft man nicht“ war: „Bring den Betrieb in die nächste Generation!“ Nur, die nächste Generation war nicht so, wie meine Eltern es sich gewünscht hatten. Mein vier Jahre älterer Bruder hatte durch einen Geburtsfehler eine schlechte Konstitution, mit mehreren Krankenhausaufenthalten im Kindsalter und Lernbehinderungen in der Schule. Ich kam dann als gesundes Kind zur Welt, nur leider als Mädchen. Und meine ebenfalls gesunde, drei Jahre jüngere Schwester zeigte sich im Kindesalter zwar als sehr naturverbunden und anpackend, aber auch als ausgemachter Dickschädel, der immer seinen Kopf durchzusetzen wusste. Ich dagegen war immer irgendwie pflegeleicht, angepasst und wagte kaum zu widersprechen.
Bezeichnend war der Spruch meines Vaters, den ich sehr häufig zu hören bekam, wenn etwas getan werden musste, worum wir uns alle drei lieber drückten. „Tine, das machst du!“ „Wiesooo? Ich kann das nicht!“ „Denn lehrst du dat!“ (plattdt.: „Dann lernst du das.“). Ende der Diskussion! Ob es Treckerfahren im Alter von vier Jahren war, den Besamungstechniker anrufen mit 15 Jahren oder 16-jährig mit übervollem Kornwagen zur Raiffeisengenossenschaft im Nachbarort inklusive waghalsigem Manöver auf die Rampe und das noch unter Zeitdruck, damit der Mähdrescher nicht warten musste. „Denn lehrst du dat!“, ist für mich zu einem Lebensmotto geworden. Sich drücken oder eine Sache über die Zeit verschleppen rächte sich immer. Irgendwann musste ich mich den Herausforderungen doch stellen. So habe ich gelernt, die Probleme lieber gleich anzupacken, statt sie erst auf die lange Bank zu schieben, auch wenn davor häufig Tränen standen.
Nach der Realschule wusste ich nicht so recht, was ich machen wollte. Biologie und Mikroskop interessierten mich. Mithilfe der Beziehungen meines Vaters zur Landwirtschaftskammer bekam ich dann trotz eines mittelmäßigen Abschlusses eine Ausbildungsstelle zur veterinär-medizinischen Laborantin in Kiel. Ich verließ den Hof zum ersten Mal im zarten Alter von 16 Jahren. „Endlich raus“, freute ich mich. Aber schon nach vier Wochen „Freiheit“ wollte ich die Lehre so schnell wie möglich beenden und zurück nach Hause. Diesmal machte mir die Liebe einen Strich durch die Rechnung und so zog ich drei Jahre später mit meinem Freund zusammen. Ich fand einen Job am Humangenetischen Institut der Uniklinik Kiel.
Meine Schwester verbrachte nach der Schule erst ein Jahr in London und wurde dann Schifffahrtskauffrau in Hamburg. Unser Bruder unterstützte unsere Eltern, so gut er konnte. Er war ein kräftiger Bursche geworden, aber er konnte mit Unberechenbarkeiten nicht umgehen. Wenn wir zum Beispiel die Kühe im Sommer zum Melken von der Weide in den Anbindestall holten, kannten die intelligenteren unter ihnen genau ihren Platz. Die jüngeren und die dummen dagegen brachten immer alles durcheinander, indem sie sich auf die Plätze der ranghöheren Tiere stellten und sich dorthin drängelten, wo schon alles besetzt war. Manche machten sich wohl auch einfach einen Spaß daraus, uns und die anderen Tiere zu ärgern. Mein Bruder hasste dieses Durcheinander und konnte nicht verstehen, wieso ein Teil der Kühe einfach zu dämlich war zu lernen, welche Plätze noch frei waren. Häufig endete das Durcheinander in lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Tier und Mensch.
Zur Erntezeit war es für meine Schwester und mich eine Selbstverständlichkeit, nach Hause zu fahren um zu helfen. Wir mochten das Heueinfahren, das Packen auf dem Heuboden bei 35 Grad und hoher Staubdichte, aber begehrter war der Platz auf dem Wagen, um die Ballen auf das Förderband zu werfen. Durchgeschwitzt und mit juckender Haut freuten wir uns dann nach getaner Arbeit auf die Erdbeertorte im Garten mit der ganzen Hilfsmannschaft. Und besonders groß war die Erleichterung, wenn wir das alles fertiggebracht hatten vor dem großen Gewitter, das sich schon bedrohlich lautstark ankündigte.
Wenn es nötig war, opferten wir auch mal ein paar Urlaubstage. In meinem dritten Lehrjahr nahm ich meinen gesamten Jahresurlaub, um den Hof zu führen und damit unseren Eltern eine vierwöchige gemeinsame Kur zu ermöglichen. Mitten im Juli wurde ihnen ein Kurplatz in Bad Zwischenahn zugewiesen. Meine Geschwister und ich übernahmen die Arbeit zu Hause. Und wieder kam der Spruch zum Tragen: „Denn lehrst du dat!“ Neben der täglichen Melkarbeit stand die Gerstenernte ins Haus. Wann unser benachbarter Lohnunternehmer zum Dreschen kommen sollte, war meine Entscheidung. Nie zuvor habe ich eine Entscheidung dieser Tragweite selbst treffen müssen. Ich habe zwar von meinem Vater gelernt, die Kornreife zu beurteilen und eine Probe für die Feuchtigkeitsprüfung zu nehmen, aber fühlte mich unsicher in der Beurteilung, wie beständig das Wetter sein und ob die Zeit reichen würde, um das Stroh zu pressen und einzufahren. Die Entscheidung zu verschieben, wäre die falsche Entscheidung gewesen. Also beriet ich mich mit den benachbarten Landwirten, den Vätern meiner Freunde, um den Druschzeitpunkt zu bestimmen. Dies aber mit der Angst im Kopf den selbigen vom Vater abgerissen zu bekommen, falls die Entscheidung die falsche wäre. Aber es ist mir gelungen, mein Kopf ist noch dran.
Die nächsten Jahre verwendete ich nicht sehr viele Gedanken an zu Hause, außer zur Ernte und zu Weihnachten. Ich mochte meine Chromosomenanalysen im Labor und engagierte mich im Ruderclub für die Pressearbeit, da mein Freund zu der Zeit als Trainer fungierte und wir häufig deutschlandweit auf Ruderregatten unterwegs waren.
Unsere Partner konnten den Arbeitseinsatz meiner Schwester und mir zur Ernte bei bestem Strandwetter nicht nachvollziehen. Sie halfen uns nur selten. Es waren dennoch unbeschwerte Jahre. Ich machte mir keine Gedanken um den Hof, unsere Eltern waren relativ fit und eine baldige Nachfolge stand noch nicht im Raum. Heute weiß ich, dass die ungeklärte Zukunft des Hofes für unseren Vater eine Belastung war, aber er drängte meine Schwester und mich nicht. Trotzdem gab es manchmal Andeutungen, die mich unterschwellig ansprachen und wegen derer ich mich immer häufiger verantwortlich fühlte, meinem Vater eine Perspektive für den Hof zu bieten. Als wir gemeinsam eine Stute von der Hengststation abholten, fragte er mich beispielsweise, ob er die 3 ha große Weide unseres Nachbarn kaufen sollte. Ich wusste, dass dies wieder einen langfristigen Kredit bedeuten würde, aber ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Ich spürte, wie gerne er gehört hätte: „Ja, mach das, wir stocken die Kuhzahl auf, ich übernehme den Betrieb!“ Aber so weit war ich nicht! Mein Bruder kam durch seine Behinderung für eine Nachfolge nicht in Frage und meine kleine Schwester machte zunehmend deutlich, dass ihre Lebensplanung die Richtung Landwirtschaft nicht vorsah.
Nach ein paar Jahren intensiver Arbeit am Mikroskop plagte mich die Eintönigkeit dieser Tätigkeit und der Ehrgeiz, noch mal etwas zu verändern, bevor die nächste und letzte Steigerung des Frauen-Lebens die Hochzeit und der Nachwuchs sein sollten.
Ich entschloss mich, meine Stelle in der Humangenetik aufzugeben und auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachzuholen, welches mir zehn Jahre nach meinem mittelmäßigen Realschulabschluss mit „sehr gut“ gelang. Ich bewarb mich bei der Zentralvergabestelle um einen Studienplatz für Biologie im norddeutschen Raum, angeboten wurde mir einer in Frankfurt am Main, wohin ich als ostseeluftverwöhnte Holsteiner Deern partout nicht wollte. Zu viele Veränderungen auf einmal waren mir dann doch zu unheimlich, zumal gerade meine Beziehung zu meinem landwirtschaftsresistenten Rudertrainer zerbrochen war und ich unsere wunderbare Wohnung am Nord-Ostsee-Kanal gegen eine WG in der City getauscht hatte.
Also entschied ich mich, in Kiel zu bleiben, und hielt es zur Freude meiner Eltern für eine gute Idee, mich für Agrarwissenschaften einzuschreiben, obwohl ich immer noch nicht wusste, ob ich den Hof wirklich übernehmen wollte und konnte. Außerdem hoffte ich, dabei einen landwirtschaftskompatiblen Mann zu finden. Leider war ich durch mein verspätetes Abitur etwa fünf Jahre älter als meine Kommilitonen, was meine Chancen erheblich minderte. Das Studium machte mir viel Spaß und durch ein elternunabhängiges BAföG, Kneipenjob und Aushilfe in „meinem alten“ Labor kam ich gut über die Runden. Das Vordiplom hatte ich gerade abgeschlossen, als ein Schicksalsschlag mein Leben nachhaltig erschütterte.
Während der Wintersemesterferien war ich gerade zu Hause, als mein Vater die Nacht durch einen „sekundenschnellen Herztod“ nicht überlebte. Der Notarzt und das Beerdigungsunternehmen hatten morgens um 5.30 Uhr gerade den Hof mitsamt unserem Vater verlassen, als der Tag anbrach und es für uns hieß: Stallzeit! Kühe melken! Fassungslos und unfähig zu reden verrichteten meine Mutter, meine Geschwister und ich die Arbeit. 44 Kühe waren zu melken, 50 Jungrinder und Kälber, 250 Schweine sowie sieben Pferde zu füttern und zu misten und 64 ha Fläche würden in nächster Zeit auf mich warten.
13 Jahre nach Verlassen des Hofes wurde mir schlagartig klar: „Das ist jetzt dein Job!“ Ich verbot mir sämtliche Gefühle und verdrängte meine Wünsche und Vorstellungen und funktionierte. Mein Studium war mir eine große Hilfe, aber mangelnde Erfah-rung ließ mich trotzdem viel Lehrgeld bezahlen. Ich verpasste manchen Besamungszeitpunkt bei den Kühen oder gab viel Geld aus, z.B. für eine Medikamentendosierungsanlage für die Schweinevormast.
Die erste Gerstenernte hätte mich diesmal allerdings den Kopf gekostet. Das Frühjahr war unglaublich trocken und der zu spät einsetzende Regen ließ die Gerste extrem ungleichmäßig wachsen und reifen. Die Fahrgassen und Wender waren noch grün, während alles andere schon in Kornreife ging. Nach Beratung mit meinem Lohnunternehmer entschieden wir die Gerste in Schwad zu legen, wie es früher bei Raps üblich war; drei Tage später setzte Regen ein, der unerwartet drei Wochen lang anhielt. Die Gerste war hinüber und der qualitativ miserable Ertrag reichte nicht mal, um die Druschkosten zu decken. Welch eine Fehlentscheidung! Und wie peinlich! Andererseits konnte ich aber auch Erfolge verzeichnen. So gelang es mir beispielsweise, die Milchleistung zu erhöhen und eine Holsteiner Nachwuchsstute nach Amerika zu verkaufen.
Aber wie oft stand ich weinend im Stall und rief meinen Vater an, er möge mir Hilfe schicken.
Da ich als Erstes die arbeitsintensiven Futterrüben abgeschafft hatte und das dafür vorgesehene Land mit Mais bestellen ließ, blieben noch 2 ha Hafer zu säen. Beim vierten Zentner Saatgut, der in die Drillmaschine zu heben war, holte ich unseren Frontlader zu Hilfe und hoffte unter Tränen, dass mich niemand dabei beobachtete. Manche Nacht bin ich mit Muskelkrämpfen in Armen und Beinen aufgewacht.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine noch junge Beziehung zu einem landwirtschaftszugeneigten Maurer, was sich häufig als sehr praktisch erwies. Ich war froh, dass er da und hilfsbereit war.
Mein Leben war nur auf den Hof ausgerichtet, ich versuchte zwar noch, ein paar Vorlesungen an der Uni zu besuchen, aber das war ein sinnloses Unterfangen, da ich viel zu müde war und keinen dauerhaften Einsatz für das Studium bringen konnte. Somit hatte ich fünf Semester in den Sand gesetzt und sollte keine Möglichkeit haben, einen Abschluss zu machen, wie sich später herausstellen sollte.
Ich war komplett aus meinem bis dahin existierenden Leben herausgerissen und stand unter dem Druck, einen laufenden, mittelständischen Milchviehbetrieb erfolgreich am Leben zu erhalten. Es bedeutete für mich eine große Anstrengung und unter den kritischen Blicken der Nachbarschaft lastete ein hoher Erwartungsdruck auf mir.
