Und dann kam die Liebe - Clara Simon - E-Book

Und dann kam die Liebe E-Book

Clara Simon

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Beschreibung

In der Rue de la Chance wartet die Liebe

Seit Patissière Bernadette vor zehn Jahren von ihrem Verlobten Noel kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen wurde, glaubt sie nicht mehr an die Liebe. Eines Tages steht sie dann bei einem Charity-Backwettbewerb niemand anderem als Noel gegenüber, der zu allem Überfluss auch noch ihr härtester Konkurrent ist. Trotzdem kommen die beiden sich während des Wettbewerbs wieder ein bisschen näher. Aber Bernadette ist fest entschlossen, dass nichts ihr Leben als glücklicher Single stören wird, auch Noel nicht. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre Freunde aus der Rue de la Chance gemacht. Denn Chloé, Kim, Pierre und Lilou setzen alles daran, dass auch Bernadette endlich ihre große Liebe findet.

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22

Über das Buch

In der Rue de la Chance wartet die Liebe Seit Patissière Bernadette vor zehn Jahren von ihrem Verlobten Noel kurz vor der Hochzeit sitzen gelassen wurde, glaubt sie nicht mehr an die Liebe. Eines Tages steht sie dann bei einem Charity–Backwettbewerb niemand anderem als Noel gegenüber, der zu allem Überfluss auch noch ihr härtester Konkurrent ist. Trotzdem kommen die beiden sich während des Wettbewerbs wieder ein bisschen näher. Aber Bernadette ist fest entschlossen, dass nichts ihr Leben als glücklicher Single stören wird, auch Noel nicht. Doch sie hat die Rechnung ohne ihre Freunde aus der Rue de la Chance gemacht. Denn Chloé, Kim, Pierre und Lilou setzen alles daran, dass auch Bernadette endlich ihre große Liebe findet.

Über die Autorin

Clara Simon ist ein Pseudonym von Ann-Kathrin Karschnick, geboren 1985, die als »Frau im grünen Kleid« in der Phantastik-Szene bekannt ist. Sie veröffentlichte bereits zahlreiche phantastische Romane bei verschiedenen Verlagen und wurde für Phoenix – Tochter der Asche 2014 mit dem DEUTSCHEN PHANTASTIKPREIS ausgezeichnet. Als Violet Thomas schreibt sie seit 2020 Happy-Tears-Romane bei Bastei Lübbe.

CLARA SIMON

Und dannkam die Liebe

DIE KLEINE STRASSE IN BELLEVILLE

Roman

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Langenbuch & Weiß Literaturagentur

 

Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Silvana Schmidt, Hagen

Titelmotive: © shutterstock.com: aprilante | NewAfrica | stock_studio | Natali Zakharova | TravelPOIs.de | Photographee.eu

Umschlaggestaltung: Kristin Pang

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-2818-8

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Kapitel 1

»Drei Stücke von der Lemontarte bitte!« Alice, die junge Frau auf der anderen Seite des Verkaufstresens, ließ ihren Blick über die Auslage schweifen. »Und was ist das hier?« Sie deutete auf die Brandteigkugeln mit dem Schokoladenüberzug, die ich am Morgen zubereitet hatte.

»Das sind Zitronen-Profiteroles mit Schoko-Ganache«, erklärte ich und zog eine hervor. »Möchten Sie einmal probieren?«

Es war erst früher Vormittag, doch das hielt meine Kundschaft nicht davon ab, von den Köstlichkeiten zu naschen.

»Da fragen Sie noch, Bernadette?« Alice lachte hell und klar, streckte sofort ihre Hand aus und wartete darauf, dass ich ihr ein Stück reichte.

Statt jedoch in den gekühlten Bereich meines Tresens zu greifen, öffnete ich den kleinen Kühlschrank darunter, den ich vor einigen Jahren hatte einbauen lassen. Er diente nur einem Zweck: das Gebäck zu beherbergen, das nicht perfekt geworden war. Manch andere Pâtissière mochte diese Stücke wegwerfen oder verschenken. Ich nutzte sie für meine Kundschaft. Beim Probieren ging es nur um den Geschmack, um die Sinnlichkeit des Genusses. Die Optik spielte dabei keine Rolle.

»Aber bedenken Sie, Alice«, begann ich und hob spielerisch den Zeigefinger, ehe ich mit der Gebäckzange ein Stück Profiterole griff und es ihr über die Theke reichte.

Sie nickte und vervollständigte meinen Satz: »Genießen statt schlingen. Ich komme schon länger her, als Sie den Laden führen, Bernadette.« Lachend nahm sie die Gebäckkugel. »Und alles, was Sie herstellen, kann man nur genießen. Aber probieren kann nie schaden.« Damit biss sie von der Profiterole ab und schloss die Augen. Sie seufzte zufrieden, und ein zauberhaftes Lächeln erschien auf ihren Lippen. »Das ist köstlich, Bernadette. Wie immer. Ach, Mist, dann muss ich noch mal umplanen. Also doch lieber fünf von diesen hier«, sagte sie und schluckte die erste Hälfte herunter. »Und zwei von den Zimt-Eclairs bitte. Dann sollte ich es haben. Die anderen im Büro werden sich freuen, da bin ich mir sicher.«

»Soll ich wieder alles auf eine Rechnung setzen oder möchten Sie das aufteilen?«

Alice war eine Stammkundin. Jeden Montag kaufte sie für die Anwaltskanzlei, in der sie arbeitete, eine kleine Auswahl meiner Waren. Sie nannte es ihre »Montagsmotivation«, und es schien zu funktionieren. Ihre Angestellten kamen montags gern zur Arbeit. Zumindest hatte laut ihrer Aussage in den letzten Jahren kaum eine Person blaugemacht.

»Zusammen bitte. Diesmal zahlt der Kunde, der heute zu Besuch kommt. Ihm hat es letztes Mal so gut geschmeckt, dass er gleich wieder was geordert hat. Irgendwann werden Sie noch jemanden einstellen müssen«, erklärte Alice und zwinkerte mir zu.

»Ach, dafür habe ich doch meine Familie. Wenn mal viel zu tun ist, frage ich meine Eltern. Die helfen gerne.«

Das war nicht einmal gelogen. Vor acht Jahren hatte ich die Pâtisserie des Rêves von ihnen übernommen, weil sie vorzeitig in den Ruhestand gegangen waren. Sie wollten etwas von der Welt sehen, ehe sie zu alt waren. Das hatten sie getan. Ein halbes Jahr lang, dann waren sie zurückgekommen und hatten mich unterstützt, wann immer sie Zeit hatten. Ich liebte sie dafür. Besonders jetzt in der Vorweihnachtszeit wüsste ich nicht, wie ich ohne sie auskommen sollte. Durch die vielen Vorbestellungen war es tatsächlich nicht allein händelbar. Aber Maman stand mir jederzeit zur Seite.

Ich hielt kurz inne, als ich das Gebäck in die Pappschachtel packte, und starrte auf die Zusammensetzung. Meine Eltern waren immer für mich da. Egal, was anstand. Das war schon vor zehn Jahren so gewesen. Bevor ich das Geschäft übernommen hatte. Als ich vollkommen andere Vorstellungen für mein Leben gehabt hatte.

»Werden Sie dieses Jahr wieder an den Adventstagen geöffnet haben?«, fragte Alice und kramte dabei ihr Portemonnaie aus ihrem Rucksack. Dafür, dass sie als Junior-Anwältin in einer Kanzlei arbeitete, war sie erstaunlich leger gekleidet. Sie trug zwar ein Kostüm unter dem enganliegenden Mantel und dem breitgefächerten Loop-Schal. Dazu hatte sie jedoch keine teure Hermes- oder Louis-Vuitton-Handtasche, sondern einen No-Name-Rucksack, der vermutlich bequemer zu tragen war als diese unhandlichen Henkeltaschen.

»Aber sicher doch. Das Geschäft lasse ich mir doch nicht entgehen«, entgegnete ich und schloss endlich die Schachtel vor mir. Den Gedanken, der mich abgelenkt hatte, verbarg ich in den Tiefen meines Herzens, wie schon so lange.

»Hätte mich auch gewundert. Vielen Dank, wie immer und bis nächste Woche«, verabschiedete sie sich, nachdem sie bezahlt hatte.

Chloé kam kurz vor Feierabend herein und winkte mir zu. »Hallo, Bernie.«

»Chloé, na, wie geht es dir? Vermisst du Ben schon?«

Die schüchterne Blumenverkäuferin, die ich seit über drei Jahren meine Nachbarin in der Rue de la Chance nennen durfte, war seit zwei Wochen Strohwitwe. Ihr Freund Ben hatte seine eigene Baufirma gegründet und musste für seinen ersten Auftrag mit seinen Angestellten für einen Monat nach Deutschland.

»Wir telefonieren jeden Abend, und er ist ja nicht lange weg, was ganz okay ist. Denke ich«, erwiderte sie zuversichtlich, obwohl ihr deutlich anzusehen war, dass sie ihn vermisste.

Ich kam hinter dem Tresen hervor, da gerade sonst niemand im Laden war, und nahm sie in den Arm. »Du weißt, dass wir dich jederzeit ablenken können.«

»Das weiß ich doch. Und vielleicht komme ich darauf noch mal zurück. Erst einmal bin ich aber hier, weil Lilou mich daran erinnert hat, dass wir noch etwas zur Adventsdeko beitragen sollen. Hast du eine Idee?«

»Du meinst, seit wir letzten Mittwoch beide verzweifelt dagesessen haben und keine Ahnung hatten, was wir dieses Jahr machen wollen?« Ich lachte. »Nein, leider ist mir keine zündende Idee gekommen, außer dass ich einen Kuchen backe, den hart werden lasse und ihn ins Schaufenster hänge.«

Chloé kicherte. »Das wäre wohl nicht in Lilous Sinne.«

Ein lautes Piepen mahnte mich, die nächste Ladung klassischer Macarons für den morgigen Tag aus dem Backofen zu ziehen. »Oh, warte kurz, ich muss die rausholen, bevor sie zu dunkel werden.«

Ich eilte durch die Tür hinter dem Tresen in die Backstube, vorbei an der gewaltigen Arbeitsplatte in der Mitte. Seit der Gründung der Pâtisserie des Rêves hatte sich nichts an der Innenausstattung verändert. Abgesehen von einigen Gerätschaften, die ich hatte austauschen müssen. Aber alles stand noch genau so, wie meine Eltern es vor über dreißig Jahren entworfen hatten. Der Tisch, der von allen Seiten umrundet und bearbeitet werden konnte. Die Schränke darunter dienten als Stauraum für die Schüsseln, Schneebesen und Rührmaschinen. Die beiden Backöfen an der linken Wand blinkten beide gleichzeitig. Macarons waren das beliebteste Gebäck in der Pâtisserie des Rêves. Morgens musste ich mehrere Durchgänge backen und zum Nachmittag hin einen weiteren. Je nachdem. In der Vorweihnachtszeit konnten es sogar manchmal noch mehr sein, so wie heute, wo ich kurz vor Feierabend bereits für den Folgetag einige Bleche des Teigs vorbereitete.

»Sind wieder ein paar dabei, die nichts geworden sind?«, fragte Chloé, die bereits mit einem Fuß in der Backstube stand. »Also, ich frage nur, falls du jemanden brauchst, der sich opfert, sie zu essen. Wir könnten noch etwas für das Treffen gebrauchen.«

Ich lachte und griff nach den dicken Handschuhen, die mich vor der Hitze der Bleche schützten. »Du kannst dich gern an den Resten im Kühlschrank bedienen. Ich habe da eine Schale voll stehen. Hier werden sicher auch einige überschüssig sein.«

Die meisten Macarons sahen perfekt aus, und auch wenn ich diese morgen früh noch zusammenbauen musste, gefiel mir die rotgrün verschmierte Mischung der oberen und unteren Knusperstücke bereits jetzt. Ich atmete tief ein und fühlte mich sofort glücklich. Dieser Duft war eine meiner ältesten Erinnerungen. Ich hatte meine Kindheit quasi in diesen Räumlichkeiten verbracht. Kein Wunder also, dass ich mich nicht an etwas Visuelles erinnerte, sondern besonders an die Gerüche.

»Darf ich mir ein paar mitnehmen? Pierre wollte nachher noch vorbeischauen«, fragte sie und hatte offensichtlich schon von einem Macaron abgebissen.

»Klar. Was habt ihr noch vor?«

»Das ist eine gute Frage. Er erzählte was von neuem Kaffee und meinte, dass er mit mir über nächstes Jahr reden wolle.« Sie zuckte mit den Schultern. Von meiner Position aus konnte ich den Verkaufsraum bestens einsehen. Noch einer der Gründe, warum ich an der Aufteilung nichts veränderte. Egal wo ich an dem Arbeitstresen stand, ich behielt immer die Kasse im Blick.

»Nächstes Jahr? Steht da etwas Besonderes bei ihm an?« Ich schlug mir vor den Kopf. »Natürlich, er ist dann fünf Jahre in der Straße. Meinst du, er plant etwas Größeres?«

»Es ist Pierre«, sagte Chloé nur und schmunzelte. »Vermutlich wird die ganze Straße in bunten Farben und einer Menge Konfetti enden.«

»Das wäre ja nicht schlimm. Ich mag es bunt und wild und verrückt. Dass ich ausgerechnet zwischen euch beiden gegensätzlichen Charakteren meinen Laden habe, fasziniert mich immer wieder.«

»Du warst vor uns da. Vielleicht hast du uns angezogen«, sagte Chloé und winkte mir zum Abschied. »Willst du nachher noch vorbeikommen? Dann kannst du mitplanen.«

»Vielleicht«, erwiderte ich locker und stellte das letzte Blech auf der Arbeitsfläche ab. Ich hörte die Türklingel, sah Chloé aber nicht mehr nach. Ihre Worte klangen in mir nach, und ich konnte nicht anders, als mich zu fragen, ob ich wirklich zwei so unterschiedliche Seiten hatte.

Ich starrte auf die Macarons vor mir. Früher war ich schüchtern gewesen, doch längst nicht so sehr wie Chloé. Das war damals mit Noel gewesen. Meine Finger ballten sich in den Handschuhen, und ich schluckte hart.

Die Erinnerungen an ihn kamen immer im November hoch. Jedes Jahr wieder. Meistens konnte ich das nagende Gefühl der Ungewissheit unterdrücken, das mich erfasste, sobald ich an Noel dachte. Ich drehte mich von dem Verkaufsraum weg, damit man mich von außen nicht erkennen konnte, nicht sehen konnte, was in mir vorging. Gerade war niemand hier, in der Weihnachtszeit kam mein Freundeskreis jedoch gern vorbei, um sich die ein oder andere Knabberei zu stibitzen.

Ich atmete tief durch, versuchte das Bild von Noel zu verdrängen, das sich vor mein inneres Auge schob. Doch es funktionierte nicht so gut wie sonst. Die Erinnerung daran, wie ich vor dem Altar stand und auf ihn wartete und wartete, kam immer wieder.

Er war einfach nicht aufgetaucht, hatte sich ohne jede Erklärung aus dem Staub gemacht und war nicht in mein Leben zurückgekehrt. Zuerst hatte ich noch geglaubt, dass er einen Unfall gehabt hatte, aber nachdem mir ein Freund von ihm erklärte, dass es ihm gut ginge, hatte ich aufgehört, die Krankenhäuser abzutelefonieren.

Dass ich jetzt an ihn denken musste, machte mir zu schaffen. In den letzten zehn Jahren hatte ich es im Griff gehabt. Wieso dachte ich nun vermehrt an ihn? Nein, korrigierte ich mich. Nicht an ihn, sondern an seine Zurückweisung. Bis heute hatte ich nicht herausgefunden, was ich damals falsch gemacht hatte.

Einzig diese Ungewissheit ließ mich einfach nicht los und bereitete mir Kopfschmerzen. Vor allem, wenn ich ständig daran erinnert wurde. Wollte mir mein Verstand irgendetwas sagen? »Ach, verdammt!«, schimpfte ich und begann die Teigplätzchen der Macarons aus den Formen zu befreien. »Reiß dich zusammen, Bernadette!« Mit mir selbst zu reden, lenkte mich zumindest für den Augenblick ab, aber wie lange würde das anhalten? Bis zum Feierabend dauerte es noch etwa eine Stunde, und dann hatte ich für den Abend nichts weiter geplant.

Vielleicht sollte ich doch zu Chloé und Pierre gehen. Eine Unterhaltung würde mich definitiv auf andere Gedanken bringen. »Genau«, redete ich mir gut zu. »Mit den Menschen Zeit zu verbringen, die ich liebe, ist immer eine gute Idee. Besser als an die zu denken, die meine Liebe nicht verdient haben.«

Bis dahin würde ich eine alternative Beschäftigung finden. Der Teig der Macarons musste noch auskühlen, ehe ich sie fertigstellen konnte.

Erneut blitzte die Erinnerung von mir in der Kirche auf. Meine Mutter hatte ein Foto von mir gemacht, auf dem mir meine Verzweiflung über die Verspätung meines Verlobten im Gesicht abzulesen war. Exakt diesen Moment sah ich vor mir. Er erinnerte mich daran, wie ich mich nie wieder fühlen wollte. Und dennoch hatte es Noel bis heute geschafft, in meinem Gedächtnis zu bleiben. Oder besser gesagt, die Enttäuschung über seine Handlungen. An ihn selbst hatte ich länger nicht mehr gedacht. Nur an den Trümmerhaufen der Gefühle, den er mir hinterlassen hatte.

Ich schloss die Augen, ballte ein weiteres Mal die Fäuste und zwang mich dazu, das Bild aus meinem Verstand einmal anzustarren, damit es gleich darauf verschwand. Das half normalerweise. Sich dem Problem zu stellen, das mir meinen Tag verdarb. Zumindest im Geiste. Dass ich Noel niemals wiedersehen würde, war mir inzwischen bewusst. Vermutlich hatte er Paris verlassen und war weitergezogen. Er war zwar hier aufgewachsen, hatte aber immer davon geträumt, die Welt zu bereisen. Nur das nötige Kleingeld hatte ihm gefehlt. Vielleicht hatte sich seine Situation geändert.

Ich konzentrierte mich noch für einen Moment auf die Erinnerung, ehe sie langsam verblasste und ich wieder frei atmen konnte. Nur noch eine Stunde bis zu dem Treffen – die restliche Zeit würde ich mir mit Backen vertreiben. Ein paar einfache Maracuja-Cupcakes würden Pierre und Chloé sicher gefallen. Und falls welche übrig blieben, konnte ich sie morgen verschenken.

Entschlossen klatschte ich in die Hände, ging in die Hocke, um die Metalltür der Aufbewahrungsschränke zu öffnen, und griff nach einer Schüssel. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht in der kurzen Zeit einen vernünftigen Cupcake-Teig hinbekommen würde.

Eine Stunde später holte ich die Cupcakes aus dem Kühlschrank und verstaute sie in einem Korb. Das Backen hatte mich abgelenkt, so dass ich nicht mehr an Noel denken musste.

Ich schloss die Pâtisserie des Rêves ab und schaute in die Straße, die mein Leben schon von klein auf beeinflusst hatte. Die Rue de la Chance war eine einfache Sackgasse mit einem winzigen Wendehammer vor den Geschäften. Zwei kahle Bäume am Eingang der Gasse und die Dunkelheit bei Ladenschluss erinnerten mich daran, dass der Winter vor der Tür stand. Es waren nur etwa vierzig Schritte bis zu Chloés Rose Rouge, aber die reichten, um die Novemberkälte in meine Finger zu treiben.

»Bernie!«, hörte ich da Lilou von der anderen Straßenseite rufen. Ihr gehörte die Librairie Loufouque, in der sie regelmäßig Lesungen für Kinder gab und gerne mal ältere Bücher vorstellte. Für sie waren es nicht nur Worte zwischen zwei Klappen, sondern ganze Welten, die nur darauf warteten, erkundet zu werden. Egal, ob es eine Liebesgeschichte im früheren Rom, ein Abenteuer im Weltraum oder ein Krimi in der Londoner U-Bahn war. Sie liebte es, zu lesen. Einige Male hatte sie versucht, etwas für mich zu finden, doch abgesehen von Kochbüchern gab es nicht viel, was mich in der Hinsicht interessierte.

Ich wartete, bis sie bei mir angekommen war. Lilou ging gemütlich und brauchte entsprechend immer wieder ein bisschen länger als andere Menschen. Sie nannte es den Blick auf die Welt verändern, indem man gelassener war als der Rest um sich herum. »Willst du auch zu Chloé?«

»Ja, ich habe heute Abend noch nichts vor, und da sie vorhin meinte, dass sie sich mit Pierre trifft, wollte ich mich dazusetzen und schauen, was der Abend noch so bringt.«

»Was ist mit Kim?«, fragte ich und schaute auf das dunkle Eiscafé.

»Die hat heute schon früher Feierabend gemacht, weil sie sich mit einem Cousin aus Südkorea treffen wollte, der zu Besuch in Paris ist.« Lilou deutete auf das Rose Rouge. »Der macht wohl eine Weltreise und besucht alle Verwandten.«

»Oh, cool. Das muss man sich auch erst mal erlauben dürfen«, sagte ich und öffnete die himmelblaue Tür zum Blumengeschäft. Die Wärme, die immer in diesen Räumlichkeiten herrschte, schlug mir entgegen. Die Heizkosten von Chloé wollte ich im Winter lieber nicht haben, dafür sah es aber wunderschön aus. Die hellrosa Herbstastern standen direkt im Eingangsbereich und leuchteten unter dem Licht, das auf sie gerichtet war.

»Lilou?«, ertönte Pierres Stimme aus der Küche. »Wir sind hinten.«

Ich sog die Luft ein, als wir die kleine Ecke hinten im Geschäft erreichten. Die Küche war nicht besonders groß, aber urgemütlich. Und es duftete nach frischem Kaffee.

»Habt ihr etwa schon ohne uns angefangen?«, fragte ich gespielt empört und stellte den Korb mit den Maracuja-Cupcakes und einigen Eclairs auf den Tisch. »Ungeheuerlich.« Ich gab Pierre einen Kuss auf die Wange und spürte seinen Dreitagebart auf meiner Haut kratzen. »Du musst dich mal wieder rasieren. Sonst wird das nie was mit dem Mann fürs Leben.«

»Ach, du, den Männern habe ich im Moment eh abgeschworen!«, erwiderte er und deutete auf den Fresskorb. »Du magst die Weihnachtszeit wirklich, was?«

Ich hielt auf dem Weg zu den Hängeschränken inne. »Wer bist du, und was hast du mit unserem Pierre gemacht? Wer hat dir dein süßes, buntes Herz gebrochen?«

»Niemand. Das ist es ja!«, jammerte er. »Ehrlich. Ich bin doch keine schlechte Partie. Warum will mich niemand?«

Statt etwas zu sagen, gingen wir alle auf ihn zu und zogen ihn in eine Gruppenumarmung.

»Danke. Ohne euch würde ich diese dunkle Jahreszeit nie durchstehen.« Er griff nach einem Cupcake und schob sich ein Stück davon in den Mund. »Vor allem nicht ohne deine Himmelsküsse hier.«

»Ach.« Ich winkte ab und schlenderte zum Schrank, um mir eine Tasse zu holen. »Das ist doch nichts. Weihnachten ist wie jede andere Zeit im Jahr.«

»Nichts? Hast du dir mal deinen Laden angesehen?«, fragte Chloé amüsiert. »So viel passende Dekoration in deiner Auslage, alles ist perfekt zusammengestellt, als würdest du nur noch dafür arbeiten. Wenn ich nicht wüsste, dass du trotzdem Zeit für uns hast, könnte man vermuten, dass du dieses Jahr Weihnachten extrem feierst.«

»Tja«, sagte ich mit einem Schnauben und tat so, als ob ich in dem Schrank nach einer bestimmten Tasse suchte. In Wirklichkeit fiel es mir schwer, meine Maskerade aufrechtzuerhalten. Ich spürte, wie sich der Knoten in meiner Brust wieder enger schnürte und mir die Luft zum Atmen nahm. Ich atmete tief ein, versuchte, die Schnürung zu sprengen, um mir zumindest das Gefühl von Kontrolle zurückzuerobern.

Es dauerte länger als sonst, aber schließlich konnte ich mich mit einem Lächeln umdrehen und mir aus der Kaffeekanne von Pierre ein wenig Kaffee stibitzen. »Genug von mir«, sagte ich rasch, damit er nicht auf die Idee kam, nachzubohren. Noch eine Nachfrage würde ich heute wohl nicht überstehen, ohne dass sie etwas bemerkten. »Chloé sagte, dass du für nächstes Jahr etwas geplant hast? Hat es etwas mit deinem bald anstehenden 5-jährigen Geschäftsjubiläum zu tun?«

»Vielleicht.« Pierre grinste. »Eventuell habe ich ein paar Ideen und würde die gerne mit euch durchsprechen.«

Ich war sehr froh, dass er sich ablenken ließ, denn damit kam ich auch auf andere Gedanken.

»Dann mal raus damit, mein Lieber.« Lilou angelte sich ein Glas aus dem Hängeschrank und füllte es mit Wasser aus dem Hahn.

»Eigentlich möchte ich nur ein paar Kleinigkeiten machen, aber Chloé meinte, dass ich es größer aufziehen sollte. Deswegen die erste Frage an euch: Wie würdet ihr das machen beziehungsweise habt ihr es gemacht?«

Alle sahen mich an, da ich die Pâtisserie des Rêves seit acht Jahren besaß. »Genau genommen habe ich nicht gefeiert, da meine Eltern das Geschäft schon vorher geführt haben. Deswegen erschien es mir nicht besonders logisch. Aber wenn ich mal ein Jubiläum feiere, dann vermutlich das 40-jährige Bestehen des Geschäfts. Das würde ich groß aufziehen. Aber es ist halt auch was anderes als fünf Jahre.«

»Lilou? Warum hast du es nicht gefeiert?«, wollte Pierre wissen, nachdem er mir zugenickt hat.

»Ehrlich gesagt habe ich nicht daran gedacht, weil ich mich zu der Zeit um einen Heimplatz für meine Großmutter gekümmert habe. Das hat sich über Monate gezogen, und während der Zeit ist das Jubiläum einfach untergegangen.«

»Okay, dann haben wir zwei, die gar nicht gefeiert haben. Schade, dass Kim nicht da ist. Die hätte sicher ein paar Ideen.« Pierre schlürfte noch etwas aus seiner Tasse.

»Was ist denn mit Tina?« Lilou deutete über die Schulter und auf die Küchenwand, die sie sich mit Tina teilte. Die im Sommer neu eröffnete Nachbarbuchhandlung der Amerikanerin hatte sich in den letzten Monaten immer stärker mit Werbung für ihren Laden hervorgetan. Allerdings war die Geschäftsführerin weniger an einer Zusammenarbeit der Geschäfte in der Straße interessiert. »Hast du sie schon gefragt?«

Pierre verzog den Mund. »Nein, sie hat so selten Zeit. Jedes Mal, wenn ich auf einen Plausch mal bei ihr reinschauen möchte, ist sie mit Buchhaltung oder anderen Dingen beschäftigt. Oder sie ist gar nicht da.« Pierre lehnte sich über den Tisch und machte ein wichtiges Gesicht. »Wusstet ihr, dass sie nur zwei Tage in der Woche da ist? Die restliche Zeit überlässt sie den Laden ihrer Angestellten.«

»Nein«, riefen wir alle entsetzt und lachten gleich darauf. »Was ist so schlimm daran?«, fragte ich schließlich.

»Na ja, du schaffst dir ja auch kein Auto an, um dann die meiste Zeit andere damit fahren zu lassen!«, erwiderte Pierre und schnalzte mit der Zunge.

»Ach, komm«, erwiderte ich. »Das kannst du nicht vergleichen. Vielleicht hat sie ja Kinder und kümmert sich um sie.«

»Wirklich? Tigerlook-Tina hat Kinder?« Pierre schüttelte den Kopf. »Dann hätte sie es sicher schon mal erwähnt, oder wir hätten die Kinder gesehen. Aber trotzdem. Ich bin mir sicher, dass sie nicht dieselbe Liebe empfindet, die wir für unsere Geschäfte aufbringen.«

»Das mag vielleicht sein«, gab Chloé diplomatisch zu. Seitdem wir mit Tina an ihrem ersten Tag hier in der Straße einmal Eis essen waren, hatten wir noch nicht wieder mit ihr zu tun gehabt. Ich hatte sie anfangs zwei Mal gefragt, ob sie unserem Mittwochs-Treffen beiwohnen will, sie hatte jedoch nur etwas von Business-Meetings erzählt und dankend abgelehnt.

»Ich bin mir sicher, dass sie nicht vorhat, in der Gemeinschaft dabei zu sein. Nicht so wie wir jedenfalls. Schau dir doch bitte einmal allein an, was Bernie heute gemacht hat.« Pierre griff erneut beherzt zu. »Ohne dich würde ich in der Winterzeit vermutlich verhungern.«

»Nur, weil du glaubst, dir wie ein Bär Winterspeck anfuttern zu müssen«, sagte ich und nahm selbst einen Happen von den lädierten Eclairs mit Nougatfüllung. Mir war eine Servierplatte heruntergefallen. Die, die auf dem Boden gelandet waren, hatte ich entsorgt, die leicht angematschten kleinen Häppchen, die auf der Platte geblieben waren, beiseitegeräumt. Nun wurden sie dankbar verzehrt.

»Das ist kein Winterspeck, sondern Kuschelspeck, meine Lieben.« Pierre schlug sich auf seinen nicht vorhandenen Bauchansatz.

»Ob nun Kuschel- oder Winterspeck, du bist genau so richtig, wie du bist.« Lilou tätschelte seine Hand. »Und wenn du noch einen Cupcake möchtest, dann nimm dir einen. Man lebt schließlich nur einmal.«

»Siehst du, wenigstens eine versteht mich.« Er schob sich den Rest seines Eclairs in den Mund.

»Bernie, wie machst du das alles nur? So viel zu backen und trotzdem noch Zeit. Ich bewundere dich da immer wieder«, sagte Chloé, die einen Cupcake vor sich liegen hatte und damit herumspielte. Schmeckte er ihr etwa nicht?

»Ach, das ist alles eine Sache der Planung. Außerdem habe ich gerade niemanden in meinem Leben, der mich in Anspruch nimmt«, erwiderte ich rasch, um gedanklich nicht wieder in die falsche Richtung abzudriften. Es war wirklich lästig, dass ich heute so anfällig für Flashbacks war.

»Ben ist nicht mal da, und ich habe das Gefühl, dass die ganzen Aufträge manchmal zu viel sind. Vielleicht sollte ich bei dir in die Lehre gehen.« Chloé schmunzelte. Ich wusste, dass sie niemals ihr Geschäft aufgeben könnte. Dafür liebte sie ihr Rose Rouge zu sehr.

Eine Weile saßen wir zusammen und plauderten über Pierres Ideen, doch einen konkreten Plan hatte er nicht. Es befand sich alles in der Findungsphase, wie er es bezeichnete.

Schließlich verabschiedeten wir uns und traten gemeinsam raus in die Kälte. Es war stockfinster, da Wolken sich vor den Mond geschoben hatten und die Lichter in der Straße nur spärlich leuchteten. Es wurde Zeit, unsere Dekoration zum Erhellen der Rue de la Chance aufzuhängen, aber traditionell taten wir das erst am letzten Novemberwochenende.

Pierre und Chloé eilten zur Metro-Station, während ich Lilou noch zum Auto begleitete. Je länger wir in der Dunkelheit liefen, desto mehr umklammerte die Einsamkeit mein Herz. Was war nur los mit mir? Weshalb musste ich heute ständig in die Vergangenheit abdriften? Ich war nicht allein. Das hatte mir der heutige Abend einmal mehr gezeigt. Wieso also glaubte ich, dass ich nicht mal ein paar Stunden für mich sein konnte, ohne an Noel zu denken? Ich kniff die Lippen zusammen. Mist. Jetzt war er wieder in meinen Gedanken. Hatte er so tiefe Furchen in mich geschlagen, dass ich jedes Mal darüber stolperte, wenn ich nur ansatzweise in die Richtung dachte?

»Was machst du jetzt noch mit dem angefangenen Abend?«, fragte ich, kaum dass wir ihr Auto erreichten. Ich brauchte Ablenkung. Wenn ich in meine Wohnung über der Pâtisserie ging, würde ich mit Sicherheit nachdenken. Das musste ich verhindern.

»Vermutlich werde ich noch etwas lesen oder ich bastele ein paar Karten. Mal sehen. Wieso? Willst du noch wohin?«

»Es gibt da diesen Nachtclub, in dem heute Abend ein Bekannter von mir auflegt. Vielleicht wäre das was für uns. Du tanzt doch auch gern, oder?«

»Tanzen ist okay, wenn die Musik stimmt, aber ich komme gerne einfach nur so mit, um der Band zu lauschen. Oder ist es ein Solo-Künstler?«, fragte sie und schloss ihren Wagen auf.

»Er ist DJ«, erklärte ich und öffnete die Beifahrertür. »Super. Dann bin ich nicht allein dort.«

»Du wärst also so oder so gefahren?« Lilou setzte sich ins Auto. »Wird dir das nicht zu spät mit dem Laden? Du warst doch gestern Abend auch schon unterwegs.«

»Ach, man ist nur einmal jung. Und das meiste für morgen früh habe ich schon vorbereitet. Also kann ich noch ein bisschen das Leben genießen.«

Entschlossen klopfte ich mir auf die Oberschenkel und schob alle Gedanken, die mit meiner Vergangenheit zu tun hatten, beiseite.

Kapitel 2

Wir betraten den kleinen Underground-Club, von dem ich durch meinen Bekannten erfahren hatte, und sofort umhüllte uns ein dröhnender Bass, der meine ganze Haut vibrieren ließ.

»Wow, das ist ziemlich laut hier«, erklärte Lilou, und ich verstand kaum, was sie sagte.

»Das gibt sich an der Bar bestimmt wieder. Da ist es immer etwas leiser.«

Wir gaben unsere Mäntel an der Garderobe ab, bekamen unsere Marke und wurden dann erst durch die rote Absperrung in den eigentlichen Tanzbereich gelassen. Das Lichtspiel des Clubs war auf Rosa und einen Hauch Gelb ausgelegt, was für eine erstaunlich warme Atmosphäre sorgte. Dabei hätte ich nie gedacht, hier so etwas zu finden. Mein Bekannter legte Trance auf, doch die Räumlichkeiten spiegelten nicht die metallische Kälte wider, die ich normalerweise mit dieser Art Musik verband.

»Ist das da ein Aquarium?«, brüllte Lilou in mein Ohr, da ich sie sonst nicht verstanden hätte.

»Scheint so. Wollen wir mal schauen?« Ich deutete darauf und machte einen Schritt in die Richtung, sie schüttelte jedoch den Kopf und zeigte auf einen durch gemauerte Rundbögen abgetrennten Bereich, in dem die Bar und ein paar Sitzecken waren. »Lieber dorthin!«

Die Lautstärke erlaubte uns keine Unterhaltung, aber zumindest konnte ich ihr einen alkoholfreien Drink ausgeben. Ich genoss meinen Virgin Colada, während wir uns umsahen.

Als eine kleine Pause einsetzte, atmete Lilou auf. »Das ist ganz schön laut hier. Ich hoffe, die Musik von deinem Kumpel ist nicht so basslastig wie die eben.«

»Ich denke schon. Der ist als Nächstes dran. Wollen wir dann ein wenig tanzen?«

Lilou nickte, auch wenn ihr anzusehen war, dass sie sich nicht wohlfühlte. Ich seufzte. »Oder möchtest du lieber nach Hause?«

»Nein, nein. Wir wollen heute noch ein wenig tanzen.« Damit stand Lilou auf und zog an meiner Hand. Wir hatten unsere Drinks ausgetrunken und bahnten uns nun einen Weg durch die immer enger werdenden Gänge des Clubs. Er war größer, als ich zunächst vermutet hatte. Da es der erste Auftritt meines Bekannten war, hätte ich eine kleine Kellerbar mit vielleicht fünfzig Menschen erwartet, nicht einen etablierten Club, der für mindestens zweihundert Besuchende ausgelegt war.

Die Musik setzte wieder ein, und wir blieben nicht lange allein auf der Tanzfläche. Sofort bewegten sich Dutzende Leiber im schnellen Rhythmus. Ich ließ mich fallen. Trance war normalerweise nicht mein liebstes Genre, doch das Tanzen brachte mich auf andere Gedanken. Ich würde jede Ablenkung mit Kusshand akzeptieren.

Lilou hatte Mühe, ihren Takt zu finden, schließlich schloss sie die Augen, um sich einfach wie im Wasser treibend zu bewegen. Wir arbeiteten uns bis zum DJ-Pult vor, damit ich meinen Bekannten begrüßen konnte, aber der war so beschäftigt, dass er mir nur einen kurzen Handkuss zuwarf.

Lilou und ich tanzten noch einige Minuten, ehe sie mich an die Bar winkte. »Ich würde noch einen Drink nehmen und dann nach Hause gehen, okay?«, fragte sie und sah mich entschuldigend an. »Wenn ich noch lange hierbleibe, bekomme ich einen Tinnitus.«

»Ach, das ist okay. Du musst auch nicht wegen mir hierbleiben. Wir können auch jetzt nach Hause, Lilou«, sagte ich und packte ihre Hand.

»Nein, wirklich, wir können noch einen trinken, wenn du möchtest. Du siehst aus, als ob du heute Abend noch feiern wolltest.«

Ich sah ihr tief in die Augen. »Ich werde dich sicher nicht zwingen, hierzubleiben. Das bringt gar nichts, und das weißt du auch.«

»Aber die Cocktails sind tatsächlich sehr lecker«, sagte Lilou und grinste.

»Dann nehmen wir einen mit. Für unterwegs. Dann kannst du den Sunrise probieren und ich bleib bei meinem Colada«, beschloss ich und zog sie zur Bar.

»Das ist die beste Idee des Abends.«

Wir bestellten beide eine Runde und verließen den Club. Als wir wieder auf dem Gehsteig standen, bemerkte ich das Fiepen in meinen Ohren. Vielleicht war es doch ganz gut, dass wir gingen. Nicht, dass ich morgen die Bestellungen meiner Kundschaft nicht verstand. Allerdings war ich noch nicht müde, weswegen ich entschloss, noch nicht nach Hause zu gehen. Ich deutete die Treppe hinunter.

»Genieß deinen Abend noch. Ich denke, ich bleibe noch etwas.« Es war gerade erst zehn Uhr, und ich war noch zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen.

»Wirklich? Soll ich dich nicht heimfahren?«, fragte Lilou, zog mich jedoch im gleichen Moment schon in eine Umarmung.

»Nein, genieß deinen Abend, meine Liebe. Wir sehen uns morgen.«

Ich brachte sie noch zu ihrem Auto und winkte ihr hinterher. Die Musik, die man bis auf die Straße hören konnte, war mir allerdings so unangenehm in den Ohren, dass ich mich entschied, ein anderes Ziel anzusteuern.

Das Rocky Mountains. Meine liebste Westernbar. Die hatten bis Mitternacht geöffnet und heute Linedance-Abend. Dort könnte ich mich sicher müde tanzen.

Ich überlegte nicht lange, sondern ging los. Zu meinem Glück gab es eine Metro-Station direkt vor dem Eingang. Schon von weitem hörte ich das rhythmische Auftreten der Stiefel und bedauerte, nicht mit meinem Wagen gefahren zu sein. Meine eigenen Stiefel standen stets im Kofferraum.

»Bernadette, schön dich zu sehen. Du warst ein paar Wochen nicht da. Wir haben uns schon Sorgen gemacht«, begrüßte mich Sally, die Barfrau.

Ich hob nur die Hand und schwang mich auf den rot gepolsterten Hocker vor der hölzernen Bar. Es war ein harter Kontrast zu dem aquaristischen Club vor einer Stunde. Hier roch es nach Bier, Schweiß und Leder. Der Geruch, der aus Amerika nach Paris importiert wurde. Ebenso wie die Musik, die ich so gerne hörte. »Es war viel zu tun. Mama hatte Geburtstag, und ich musste im Geschäft viel vorbereiten. Aber heute Abend genieße ich voller Inbrunst wieder das Rockys. Was habe ich verpasst?«

Sally zapfte mir ein Rootbier. Das Einzige, was ich hier regelmäßig trank, außer sie hatten Cocktailabend. Das sonst hier ausgeschenkte Bier schmeckte mir nicht, weswegen ich seit Tag eins ihr selbsthergestelltes Rootbier genoss. »Alexander ist endlich zur Vernunft gekommen und hat sich entschuldigt.«

Ich wedelte mit einer Hand vor dem Gesicht. »Wurde auch Zeit. Ohne ihn wäre es nicht dasselbe gewesen.«

Der Bassist der Linedance-Band hatte sich vor zwei Monaten mit dem Schlagzeuger verkracht. Den Grund kannte ich nicht, aber die Band war ohne ihn nicht mehr dieselbe gewesen. Ich drehte mich auf dem Stuhl einmal um mich selbst und schaute auf die kleine Bühne auf der gegenüberliegenden Seite der Bar, wo die Band spielte. Zufrieden lächelte ich.

»Ansonsten ist nicht viel passiert. Wir haben ein paar neue Gastarbeiter zu Besuch. Sind ein paar nette Jungs dabei«, sagte die Barfrau mit einem Augenzwinkern.

»Wirklich?« Ich grinste verschwörerisch. Sally wusste genau, was für einen Typ Mann ich bevorzugte. »Zufällig auch heute Abend?«

Die Westernbar war nicht besonders groß, doch außer auf der Tanzfläche eher schlecht beleuchtet. Ich suchte dennoch die Ecken ab, in die sich meistens die Single-Männer zurückzogen, die neu waren. Sie beobachteten gerne erst einmal, ehe sie sich auf die Tanzfläche stürzten.

»Zwei sind noch da, aber schau selbst.« Sally nahm ihr Handtuch von der Schulter und deutete an der Zapfanlage mit den sechs verschiedenen Biersorten vorbei zu einer kleinen Sitzecke hinten links vor dem Fenster. Die beiden, die sie meinte, waren vielleicht Anfang dreißig, durchtrainiert und hatten Cowboyhüte neben sich auf dem Tisch liegen. Sie unterhielten sich angeregt und schauten immer wieder zu den Tanzenden.

»Die sind ganz schön muskelbepackt«, sagte ich und lachte. »Nicht so ganz mein Beuteschema. Oder besser: Ich bin nicht deren Beuteschema.«

»Ach Quatsch, red doch nicht so einen Unsinn.« Sally stellte mir einen Teller mit Nachos hin und griff unter den Tresen, um den Guacamole-Cheese-Dip zu holen, den ich so liebte. Sie hatte immer welchen vorrätig, was ich ihr zugutehielt. Natürlich nicht nur für mich, aber ich freute mich über solche Kleinigkeiten.

Eine Weile saß ich nur da und genoss die Atmosphäre, die Musik von Willie Nelson, Taylor Swift und Kenny Rogers, wiegte mich im Takt zu Johnny Cashs Ring of Fire und vergaß, was mich den Abend über bedrückt hatte.

Als mitten in Jolene von Dolly Parton ein betrunkener Kerl über die Tanzfläche stolperte und die Tanzeinlage störte, schimpfte ein Mann zwei Stühle weiter lautstark. »Ach, Kumpel, geh nach Hause, wenn du keine Ahnung von den Schritten hast.«

Ich hatte ihn bisher noch nie hier gesehen. Seine dunkelbraunen Haare waren kurzgeschnitten, so dass ich sein kantiges Gesicht genau erkennen konnte. Anhand der Falten um seine Augen erkannte ich, dass er gerne lachte, und das Grübchen an seinem Kinn wirkte äußerst verführerisch auf mich. Besonders aber gefielen mir seine Hände, mit denen er wild gestikulierte, um seine Meinung kundzutun. Sie waren groß und kräftig. Ein Handwerker, der gerne mal anpackte.

»Große Töne für jemanden, der nicht selbst auf der Tanzfläche steht«, kommentierte ich mit einem koketten Lächeln.

Er drehte sich zu mir und musterte mich von oben bis unten. Ein wohlwollendes Heben seiner Augenbraue signalisierte mir, dass er nicht abgeneigt war. »Du möchtest Beweise dafür, dass ich diese Kritik äußern darf?« Amüsiert nahm er sein Glas und trank einen Schluck.

»Na, zumindest würde mich interessieren, wie gut du tanzen kannst, um das hier zu kommentieren«, erwiderte ich und wandte mich ihm ganz zu.

Auf seinen Wangen erschienen ebenfalls Grübchen. »Soll ich mich jetzt a la Dancing with the Stars selbst bewerten, oder hast du ein eigenes Punktesystem dafür?«, fragte er. Dass ich keine Ahnung hatte, wer er war, machte diese Unterhaltung so viel prickelnder. Ich verstand nicht, wie ich mich jemals auf einen einzigen Kerl hatte einlassen können. Frei und ungebunden standen mir die Türen offen, zu tun und zu lassen, was ich wollte.

»Sagen wir auf einer Skala von eins bis fünf, wie gut würdest du dich einschätzen?«

»Eins das Beste und fünf am schlechtesten?«, vergewisserte er sich, erhob sich langsam von seinem Hocker und rutschte auf den nächsten neben mir, wobei er mich immer noch ansah.

Ich nickte.

»Dann würde ich sagen, ich bin eine gute Zwei.«

»Mutige Aussage. Bist du auch bereit, das unter Beweis zu stellen?«, fragte ich und deutete mit dem Kopf auf die Tanzfläche.

»Jederzeit. Bist du denn gut genug, um mit mir mitzuhalten?«, sagte er herausfordernd.

Ich verzog die Lippen, stand von meinem Hocker auf und bewegte mich so weit auf ihn zu, dass unsere Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Ich konnte die vereinzelten blauen Sprenkel in seinen dunklen Augen erkennen und war mir sicher, dass sie schelmisch funkelten. Vielleicht war es aber auch nur die Reflexion des Spiegels hinter dem Tresen. »Jederzeit«, entgegnete ich seelenruhig.

Aus dem Augenwinkel konnte ich Sally sehen, die sich schmunzelnd ihr Handtuch über die Schulter warf.

»Jacob«, hauchte er mir ins Ohr, als er aufstand, ich mich jedoch keinen Deut weit bewegte. Unsere Körper schmiegten sich eng aneinander, und ich glaubte schon, dass er so mit mir stehen bleiben wollte. Wogegen ich absolut nichts einzuwenden hatte, denn er roch nach genau der richtigen Mischung aus würziger Frische und kühlem Winter, die mich ansprach.

»Bernadette«, erwiderte ich.

Er ergriff meine Hand und zog mich auf die Tanzfläche, auf der sich einige Paare tummelten. Die Linedancer machten gerade Pause und die Band spielte einen Song von Miranda Lambert. Doch das nahm ich nur am Rande wahr. Mein Fokus lag auf Jacob und seinen Bewegungen.

Tatsächlich packte er mich, kaum dass unsere Füße auf der Tanzfläche auftraten und wirbelte mich in mehreren Drehungen herum, ehe er mich zu sich heranzog. Zu eng dafür, dass wir uns erst einige Minuten kannten. Und doch fühlte es sich gut an. Offensichtlich hatte ich sein Interesse geweckt, und er war definitiv eher mein Typ als die beiden Möchtegern-Cowboys am anderen Ende der Bar.

»Du duftest nach Weihnachten«, flüsterte er mir ins Ohr. »Das gefällt mir. Bist du Bäckerin?«

»Pâtissière«, erwiderte ich instinktiv, denn Bäckerin war einfach nicht der richtige Begriff für das, was ich tat.

Jacob sah mich mit großen Augen an. »Ich bin beeindruckt. Das klingt verdammt lecker. Zum Anbeißen sozusagen.« Er zeigte eine sympathisch schiefe Zahnreihe, die auch sein Schnauzbart nicht zu verbergen vermochte.

»Es ist auf jeden Fall ein verführerischer Job«, sagte ich und zwinkerte ihm zu.

Jacob drehte mich noch ein paar Mal hin und her, führte mich geschickt an den anderen Tanzenden vorbei, ohne dass wir kollidierten.

Als der Song endete, lösten wir uns voneinander und applaudierten. Allerdings ließ Jacob mich dabei nicht aus den Augen. »Und, wie bewertest du mich?«

Ich legte einen Finger an die Lippen und tat so, als müsste ich nachdenken. »Also, wenn ich mich recht entsinne, muss man bei jedem Experiment die Gegenprobe machen.«

Jacob neigte seinen Kopf und ergriff mit seinen riesigen Händen meine Finger, die vollkommen darin verschwanden. »Wer wäre ich, die Wünsche einer Pâtissière auszuschlagen?«

I Love you this much von Billy Ray Cyrus war langsam und weit weniger für wilde Tanzschritte geeignet. Dafür ließ er mich durchatmen. Denn obwohl ich es nicht erwartet hätte, war Jacob ein ausgezeichneter Tänzer, dessen Gesellschaft ich hoffentlich noch ein wenig länger genießen durfte.

Er zog mich wieder eng an sich und führte mich in bedächtigen Schritten über das Parkett. Seine warme Hand lag auf meinem Rücken, ohne Hektik, aber voller Sicherheit. Ich fühlte mich bei ihm geborgen, nicht allein.

Hastig schloss ich die Augen, konzentrierte mich darauf, den Gedanken loszuwerden, damit er sich nicht in mir festsetzte. Ich war nicht allein. Niemals. Mit meinem Freundeskreis aus der Rue de la Chance, meinen Bekannten aus dem Rocky Mountains, meiner Familie. Zu jeder Sekunde konnte ich mich auf sie verlassen. Niemand von ihnen würde mich im Stich lassen.

Nicht so wie Noel, flüsterte die Stimme in mir, und ich knurrte leise.

»Alles okay?«, fragte Jacob verwirrt, und ich öffnete die Augen wieder.

»Bestens. Danke. Oder kannst du nicht mehr und willst eine Pause machen?« Provozierend sah ich ihn an und tauchte in seinen Blick ein. Dort könnte ich mich niederlassen. Zumindest für diese Nacht. Darin lagen keine Versprechen, außer das für einen wundervollen Abend. Mehr wollte ich nicht. Ein Abend ohne Scheu und Scham, aber voller Spaß.

Jacob lachte und es klang rau, als hätte er in seinem Leben ein paarmal zu viel gebrüllt. Oder ein paar Whiskey zu viel getrunken. Was es auch war, es gefiel mir. »Mit dir könnte ich die ganze Nacht durchtanzen. Du duftest gut, du bewegst dich wie ein Engel und du strahlst heller als der Mond in einer Vollmondnacht.«

Ich schnaubte. »Klingt wie ein Songtext von LeAnn Rimes.«

»Die ist großartig, wobei ich die Klassiker von Loretta Lynn bevorzuge.«

Überrascht hob ich eine Augenbraue. »Du bist also nicht nur in dieser Bar, weil sie eine der wenigen amerikanischen Bars in Paris ist?«, erkundigte ich mich.

»Sagen wir einfach, sie vereint mehrere meiner Interessen, und seit ich dich hier getroffen habe, bin ich sogar noch glücklicher, dass mein Kumpel schon frühzeitig gegangen ist.«

Wir schunkelten zu dem Song von Billy Ray Cyrus und sahen uns dabei immer tiefer in die Augen. Ich spürte seine Nähe und war mehr als angenehm überrascht, dass er sich weich anfühlte, obwohl er den rauen Händen nach tatsächlich ein Handwerker war.

»Und was machst du hier so ganz allein?«, flüsterte er in mein Ohr. »Außer mit mir zu tanzen?«

»Wenn du das denn so nennen willst«, murmelte ich ebenfalls neben seinem Ohr, das nun dicht bei mir war.

»Wie würdest du es denn bezeichnen?«, fragte er. Meine Worte schienen ihn kein bisschen einzuschüchtern. Entweder hatte er generell ein gesundes Selbstbewusstsein oder er wusste einfach, dass er wirklich tanzen konnte.

Ich lehnte mich etwas zurück und sah ihm erneut in die Augen, lächelte leicht und schmiegte schließlich meine Stirn gegen seine. »Ein ziemlich heißes Vorspiel.«

Gleich darauf küssten wir uns. Jacob erwiderte die Zärtlichkeit und legte seine Hände auf meinen Rücken, um mich noch fester an sich zu drücken.

Dieser Abend würde nicht hier im Rockys enden, da war ich mir sicher.

Kapitel 3

Ich stand auf und knickte schon beim ersten Auftreten mit dem Knie weg. Mit einem gezielten Griff packte ich den Nachtschrank neben meinem Bett und klammerte mich daran fest, um nicht auf dem Hintern zu landen.

»Was war das denn?«, fragte ich leise und rappelte mich auf. Das Knie schmerzte ein wenig, aber sonst schien alles gut zu sein. Bevor ich diesmal einen Schritt wagte, testete ich die Belastungsfähigkeit. Es klappte und ich schlich die enge Wendeltreppe aus Buchenholz hinunter in die Küche meiner Maisonettewohnung. Im oberen Bereich war nur das Schlafzimmer, dafür hatte ich unten eine schnuckelige Küche, die leider nicht dazu geeignet war, großartige Feiern auszurichten. Sie bot keinen Platz für mehr als zwei Personen. Dafür hatte mein Badezimmer eine vernünftige Größe – und eine Badewanne, die ich vermutlich heute Abend wieder nutzen würde.

Ein Wohnzimmer, in dem man sogar eine kleine Linedance-Truppe auftreten lassen könnte, und ein Arbeitszimmer, das ich für die Buchhaltung und alles nutzte, das mit der Pâtisserie des Rêves zu tun hatte. Es gab kein Büro in meinen Geschäftsräumen, weswegen ich den Papierkram von hier aus erledigen musste. Die Wohnung lag direkt über der Pâtisserie.

Mit der Hüfte rammte ich die Türklinke der Küche, als ich mir meinen ersten Kaffee holen wollte. »Au«, entfuhr es mir, und ich rieb mir die Stelle, die sofort zu schmerzen begann.

Vielleicht lag es daran, dass ich die Augen nicht richtig offen hatte. Denn auch wenn ich in dieser Nacht vermutlich sieben Stunden Schlaf bekommen hatte, fühlte ich mich so gerädert, als hätte ich durchgefeiert. Dabei war ich das letzte Mal vor einer Woche unterwegs gewesen. Mit Lilou und im Anschluss im Rockys.

Langsam ließ der Schmerz nach, und ich griff nach der Tasse im Schrank. Ein Kaffee würde sicher alles besser machen. Das tat er immer.

Ich dankte meinen Eltern für die automatische Kaffeemaschine, die mir pünktlich morgens zu meinem Aufstehen in der Kanne mein Lebenselixier spendete. Zumindest, sofern ich daran dachte, am Vorabend Wasser und Kaffeepulver aufzufüllen.

Ich drehte mich um, lehnte mich gegen die Küchenzeile und nahm einen großen Schluck von dem schwarzen Gold. Nur, um gleich darauf den Mund zu verziehen. »Bah!« Ich roch an der Flüssigkeit. Es schmeckte nach Zitrone. Vermutlich hatte der Geschirrspüler Reste in der Tasse zurückgelassen, die ich beim Herausräumen übersehen hatte.

»Ach, verdammt!«, fluchte ich und schüttete den Kaffee weg. »Heute ist nicht mein Tag.«

Statt einen neuen zu machen, zog ich mich an und schnappte mir meine Handtasche, um runterzugehen. Allerdings wollte ich noch zum Coffeeshop zwei Straßen weiter, um mir einen übergroßen Macchiato zu holen. Für den Weg machte ich mir Willie Nelson an. Mein Lieblingsmusiker hatte mir schon so manches Mal geholfen, aus einem Loch zu krabbeln, wenn der Tag beschissen begann.

Leise sang ich Seven spanish Angels mit – bei mir ein Garant für gute Laune. Doch selbst das vermochte nicht die dunkle Wolke zu verscheuchen, die über mir schwebte.

Ich wollte zurück in mein Bett kriechen, um ja nichts mit der Welt zu tun haben zu müssen. Solche Tage waren bei mir selten. Normalerweise feierte ich das Leben, so gut es mir möglich war. Und meine eigene Schutzmauer, die üblicherweise dafür sorgte, dass schlechte Dinge an mir abprallten, schien heute Löcher aufzuweisen und durchlässiger zu sein als sonst. Es war nicht mein Tag, und ich konnte nur hoffen, dass er schnell vorbeiging.

Da sah ich, dass der Shop wegen Umbauarbeiten geschlossen hatte. Verdammt! Ich spürte den Kloß in meinem Hals, der immer größer zu werden schien.

Nein!

Ich schüttelte mich, fest entschlossen, nicht zu weinen, weil ich keinen Kaffee bekam. Egal, wie doof der Tag auch wurde. Ich würde nicht nachgeben. Das hatte ich mir schon vor zehn Jahren geschworen, als ich allein vor dem Altar gestanden hatte. Umgeben von fast einhundert Menschen, die zusehen wollten, wie ich der Liebe meines Lebens das Ja-Wort gab. Damals konnte ich nicht heulen. Heute wollte ich es nicht mehr. Seither war vieles passiert, vor allem Positives. Da würde mich das Trauiläum, wie ich es inzwischen nannte, oder ein fehlender Kaffee am Morgen nicht aus der Fassung bringen.