Und dann war es Liebe - Lorraine Brown - E-Book
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Und dann war es Liebe E-Book

Lorraine Brown

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Beschreibung

Muss man sich manchmal verlaufen, um die Liebe zu finden?

Nach einem wunderschönen Urlaub mit ihrem Verlobten setzt sich Hannah im Nachtzug aus Versehen in den falschen Waggon und wacht am Morgen nicht wie geplant in Amsterdam, sondern in Paris auf. Der nächste Zug nach Amsterdam geht erst am Nachmittag. Wohl oder übel muss Hannah den Tag in Paris bleiben, aber was soll sie mit der Zeit anfangen, ganz allein?

Léo ist das gleiche Missgeschick passiert. Auch er ist aus Versehen im falschen Waggon gelandet, auch er muss am gleichen Abend geschäftlich in Amsterdam sein. Aber anders als Hannah kennt Léo Paris wie seine Westentasche.

Die beiden treffen sich am Ticketschalter und beschließen, den Tag zusammen zu verbringen ...

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Paris, sieben Monate später

Über das Buch

Muss man sich manchmal verlaufen, um die Liebe zu finden?

Nach einem wunderschönen Urlaub mit ihrem Verlobten setzt sich Hannah im Nachtzug aus Versehen in den falschen Waggon und wacht am Morgen nicht wie geplant in Amsterdam, sondern in Paris auf. Der nächste Zug nach Amsterdam geht erst am Nachmittag. Wohl oder übel muss Hannah den Tag in Paris bleiben, aber was soll sie mit der Zeit anfangen, ganz allein?

Léo ist das gleiche Missgeschick passiert. Auch er ist aus Versehen im falschen Waggon gelandet, auch er muss am gleichen Abend geschäftlich in Amsterdam sein. Aber anders als Hannah kennt Léo Paris wie seine Westentasche.

Die beiden treffen sich am Ticketschalter und beschließen, den Tag zusammen zu verbringen …

Über die Autorin

Lorraine Brown absolvierte zunächst eine Schauspielausbildung, bevor sie Psychologie studierte und in diesem Fach ihren Doktor machte. 2017 nahm sie an einem Schreibwettbewerb teil, aus dem ihr erster Roman Für einen Augenblick Paris hervorging. Lorrain Brown lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in London.

LORRAINE BROWN

Übersetzung aus dem Englischenvon Antonia Zauner undSonja Rebernik-Heidegger

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Deutsche Erstausgabe

  

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2021 by Lorraine Brown

Titel der englischen Originalausgabe: »Uncoupling«

Originalverlag: Orion Publishing Group Ltd., London

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021/2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Umschlagmotiv: © CYC/shutterstock; © Happy Person/shutterstock

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-0744-2

luebbe.de

lesejury.de

Ich sprintete die Treppe zum Bahnhof Venezia Santa Lucia hinauf. Nur noch wenige Minuten, dann würde unser Zug ohne uns abfahren. Simon war mir bereits einige Meter voraus und stürmte gerade durch die gläsernen Eingangstüren in die Bahnhofshalle. Ich konnte kaum mit ihm Schritt halten.

»Jetzt komm schon, Hannah!«, rief er, dann war er verschwunden.

Ich stöhnte leise und bahnte mir im Zickzack einen Weg durch unzählige Touristen, die offenbar beschlossen hatten, dass ausgerechnet hier der perfekte Ort war, umständlich mit ihren Stadtplänen herumzuhantieren.

»Entschuldigung!« Ich schob mich keuchend an ihnen vorbei, und mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust. Wir durften den Zug auf keinen Fall verpassen, denn das hätte uns einen Riesenärger eingebracht.

Die letzten Stufen nahm ich noch schneller. Schweißperlen rannen mir über den Rücken, durchnässten mein dünnes Baumwollhemdchen unter der Strickjacke und sammelten sich am Bund meiner Jeans. Ich bereute bitterlich, dass ich sie angezogen hatte, denn mittlerweile war es an die dreißig Grad. Ich hatte mich für schlau gehalten: Nachts würde es im Zug sicher eiskalt sein, deshalb hatte ich mich entsprechend gekleidet, aber jetzt, wo mir die Julisonne auf den Kopf brannte, war es nicht gerade ideal.

Ich folgte Simon in den Bahnhof und behielt nur mit Mühe mein Tempo bei. Vor mir blitzten immer wieder seine blonden Haare in der Menge auf. Mein Koffer, der ganz eindeutig nicht für Hochgeschwindigkeitsaktionen wie diese hier gemacht war, kippte ständig zur Seite und knallte mir schmerzhaft gegen den Knöchel. Die ganze Schönheit Venedigs war mit einem Mal dahin. Ich konnte nicht mehr hören, wie die Wassertaxis sich gegenseitig zuhupten, oder Fotos von der untergehenden Sonne machen, die sich im Canal Grande spiegelte. Stattdessen war die Luft erfüllt von unablässigem Stimmengewirr, zu lauten Durchsagen in hektischem Italienisch und dem Heulen von müden, überhitzten Kindern. Die Vorstellung, dass meine Erinnerungen an das wunderschöne Venedig nun für immer von den Gedanken an diesen chaotischen, von Neonröhren beleuchteten Betonblock von einem Bahnhof überschattet werden würden, machte mich traurig.

»Nicht schlappmachen!«, rief mir Simon über die Schulter zu.

Er wartete, bis ich aufgeholt hatte, packte dann meine Hand und zog mich hinter sich her. Es sah wahrscheinlich furchtbar lächerlich aus, wie meine Strickjacke wie ein Superheldencape hinter mir herflatterte, während mein Freund mich durch die Bahnhofshalle zerrte. Meine Füße hatten sich noch nie so schnell bewegt. Wir bahnten uns einen Weg durch die Menge und ließen die beängstigend langen Schlangen an den Fahrkartenautomaten links liegen, weil Simon so vorausschauend gewesen war, unsere Tickets schon vor der Abreise in London auszudrucken.

»Okay. Welches Gleis?«, murmelte er atemlos, ließ seine Reisetasche fallen und blieb so abrupt stehen, dass ich über seine Füße stolperte und fast an ihm vorbeigeschleudert worden wäre.

Ehrlich gesagt hätte ich die ganze Sache am liebsten abgeblasen und mich geschlagen gegeben. Warum verbrachten wir nicht noch eine Nacht in Venedig, mit einem gemütlichen Abendessen und einem Spaziergang durch die romantischen Seitengassen von Cannaregio, einem Viertel von Venedig, für dessen Erkundung wir keine Zeit mehr gehabt hatten? Weil Simons Schwester Catherine am folgenden Nachmittag in Amsterdam heiraten wollte und es uns niemals verziehen hätte, wenn wir zu spät oder – noch schlimmer – gar nicht kamen.

Ich stemmte mir keuchend die Hände in die Hüften und beobachtete Simon, während er leise murmelnd die Anzeigetafel mit den Abfahrtszeiten studierte: »Roma Termini, Milano Centrale, Verona Porta Nuova.« Seine exzellente Aussprache des Italienischen überraschte mich. Ich hatte nicht gewusst, dass er dieses Talent besaß.

»Amsterdam, Gleis 5«, verkündete er, warf mir einen Blick zu und griff wieder nach meiner Hand. »Komm schon, Hannah, ich glaube, wir können es schaffen.«

Wir begannen zu rennen, vorbei an einem Laden mit dem Namen Relax & Caffè, was sicherlich ironisch gemeint war. Ich folgte Simon, schob mich weiter durch die Menschenmassen und wich den allgegenwärtigen, gefährlich unscheinbaren Kofferrollen aus.

»Wir sind fast da«, rief er und deutete nach vorn.

Unser Zug, der ganz patriotisch in den drei Farben der italienischen Flagge lackiert war, stand schnittig und regungslos am Bahnsteig, die Türen geöffnet, als wolle er uns verspotten: Ihr könntet es schaffen. Oder auch nicht.

Simon griff an mir vorbei, riss mir den Griff meines Koffers aus der geballten Faust und rannte mit in die Höhe gestrecktem Gepäck voraus. Obwohl ich mittlerweile schreckliches Seitenstechen hatte und nach Luft rang, beugte ich mich nach vorn wie eine Kurzstreckenläuferin vor der Ziellinie.

Ein Pfiff war zu hören.

»Verdammt!«, schrie Simon. »Warten Sie!«

Wir stürmten auf den nächstbesten Waggon zu. Simon warf unser Gepäck hinein und stieß mich die Stufen hoch. Ich wirbelte herum, um zu sehen, ob er hinter mir war, und zuckte zusammen, als er fast von den sich schließenden Türen eingeklemmt wurde. Er zwängte sich hindurch, und eine Sekunde später waren sie endgültig geschlossen. Im nächsten Moment setzte sich der Zug in Bewegung, zuerst ruckelnd, ehe er geschmeidig beschleunigend aus dem Schatten des Bahnhofs glitt.

»Alles okay?«, fragte Simon und wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn.

»Glaub schon«, antwortete ich atemlos und rieb meine rechte Seite.

Ich zog meine Strickjacke aus, band sie mir um die Taille und lehnte mich zurück. Ich war zu erschöpft, um mich daran zu stören, dass die Düse eines Feuerlöschers gegen mein Rückgrat drückte. Als ich die Arme vor mir ausstreckte, bemerkte ich in dem goldenen Licht, das durch die Fenster fiel, wie braun ich schon nach wenigen Tagen unter der Sonne Venedigs geworden war. Sogar meine normalerweise dunkelbraunen Härchen waren eine Spur blonder. Mittlerweile umgab uns die Lagune zu beiden Seiten. Private Wassertaxis rasten in vollem Tempo aufs Meer hinaus. Vermutlich waren sie auf dem Weg zum Flughafen oder zurück in die Stadt. Die Fahrt damit kostete ein kleines Vermögen, weshalb ich sie – natürlich – den ganzen Aufenthalt lang nur neidisch aus der Ferne beobachtet hatte, während wir in der Schlange für den Vaporetto standen.

Simon beugte sich hinunter, öffnete seine Tasche und tauchte den Arm hinein, um mit großer Geste unsere Fahrkarten hervorzuzaubern. »Wenigstens hat einer von uns die Dinge im Griff«, sagte er und lachte in sich hinein. »Mal im Ernst, Hannah, was würdest du nur ohne mich tun, hm?«

Ich war nicht in der Stimmung, mir seine launigen Kommentare darüber anzuhören, wie unorganisiert ich war.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich klarkommen würde«, murmelte ich sehr leise.

Er hatte es trotzdem gehört, legte den Kopf schief und sah mich skeptisch an. »Nicht wenn man nach der letzten Stunde geht.«

Als ob ich absichtlich mein Portemonnaie auf dem Tresen des süßen kleinen Geschenkeladens liegengelassen hätte. Mir war erst aufgefallen, dass es nicht mehr da war, als ich die Vaporetto-Tickets bezahlen wollte. Wir waren natürlich zurückgerannt, hatten uns durch die Menschenmassen gekämpft, waren den Scharen mit Gürteltaschen ausgestatteter Touristen ausgewichen und dennoch nur im Schneckentempo durch die gepflasterten Straßen und Gassen mäandert. Im Laden angekommen, hatte das hübsche dunkelhaarige Mädchen das Portemonnaie unter dem Tresen hervorgeholt und es mir mit einem freundlichen Lächeln überreicht. Anschließend waren wir zurück zur Haltestelle gehetzt, wo die Schlange mittlerweile viermal so lang war. Ich hatte vorgeschlagen, unsere letzten Euro zusammenzukratzen und uns ein Wassertaxi zu nehmen, aber Simon hatte sich wegen der schwindelerregenden Preise schlichtweg geweigert. Bei dem, was er während des gesamten Urlaubs bereits ausgegeben haben musste, kam es mir seltsam vor, dass er ausgerechnet hier eine Grenze zog.

Jetzt richtete er sich auf und wuschelte mir durch die Haare. »Wir haben’s geschafft, und das ist das Wichtigste.«

Ich nickte, griff nach meinem Koffer und kämpfte mit dem ausziehbaren Griff, wobei ich mir den Finger einklemmte. Ich zuckte zusammen und saugte daran, um den Schmerz zu lindern. Simon, der nichts davon mitbekommen hatte, schlug mit dem Handballen auf den Knopf, der die Tür zum nächsten Waggon öffnete. Ich folgte ihm wie ein Lemming, trat alle zwei Sekunden jemandem auf die Zehen und entschuldigte mich dementsprechend die ganze Zeit über.

»Da wären wir«, erklärte Simon munter und blieb vor einem Erste-Klasse-Schlafabteil stehen, das er als kleinen Luxus für uns gebucht hatte.

Ich wartete, während er die Tür öffnete.

»Oh«, sagte er.

Ich lugte über seine Schulter. In dem Abteil saß bereits eine Familie – ein Paar und ein kleiner Junge – und hatte sich häuslich eingerichtet. Auf dem Boden lag buntes Spielzeug verstreut.

»Entschuldigen Sie, aber das hier ist unser Abteil«, erklärte Simon und zeigte dem Mann unsere Fahrkarten, während er seine Tasche mit einer Geste abstellte, die deutlich machte, dass er das Abteil als sein Territorium betrachtete. »Sehen Sie? Wagen H, Abteil 4. Vielleicht finden Sie Ihres ein Stück weiter den Gang hinunter?«

Der Mann wandte sich auf Französisch an seine Frau, die auf dem obersten Bett saß und die Beine über den Rand baumeln ließ. Sie trug einen eleganten, glänzenden, perfekt symmetrischen Bob, der knapp unter ihrem Kinn endete, und ich griff mir instinktiv in die Locken, die in der Hitze wild und krisselig geworden waren. Simon und ich warteten angespannt in der Tür. Mir tat der kleine Junge leid, der sich schüchtern hinter den Beinen seines Vaters versteckte. Andererseits standen sie ja nicht gleich ohne Abteil da – sie waren nur im falschen.

Die beiden kramten in ihren Reiseunterlagen und unterhielten sich so schnell, dass ich kein Wort verstand. Schließlich hielt der Mann Simon ein Stück Papier entgegen. Wir warfen beide einen Blick darauf. Die Fahrkarte schien identisch mit unserer zu sein. Der Zug um 19:20 Uhr von Venedig nach Amsterdam, Wagen H, Abteil 4.

Offensichtlich hatte es eine Doppelbuchung gegeben. Und sie hatten ein Kind, weshalb sie selbstverständlich bleiben durften.

»Verdammt noch mal!«, zischte Simon.

Ich hegte jedoch langsam den Verdacht, dass er es grundsätzlich hasste, bei was auch immer zu verlieren. Ein Jahr Beziehung war im Großen und Ganzen nicht viel, und es gab noch immer jede Menge aneinander zu entdecken, vor allem, seit wir zusammengezogen waren.

»Dann reden wir am besten mit dem Zugführer, nicht wahr?«, sagte Simon, der nicht nachgeben wollte.

»Wie Sie meinen«, erwiderte der Franzose und zuckte mit den Schultern.

Ich zog mich in den Gang zurück. »Komm schon, Simon. Lassen wir’s gut sein.«

Schließlich gab er auf. Er folgte mir, steuerte aber sofort auf die erste Bahnangestellte zu, die uns begegnete, und sagte, er wolle eine offizielle Beschwerde einlegen. Woraufhin sie ihm sehr zu seiner Verärgerung erklärte, dass sie hier im Zug nichts unternehmen könne und wir bei unserer Ankunft in Amsterdam zu einem Fahrkartenschalter gehen sollten. Obwohl er noch eine weitere Schimpftirade auf einen Kellner niedergehen ließ, der uns mit einem Getränkewagen im Gang entgegenkam, landeten wir schließlich einige Waggons weiter in den engen, steinharten Sitzen der zweiten Klasse. Simon kochte innerlich, gab aber vor, ganz ruhig zu sein.

»Hier ist es doch auch ganz nett«, sagte er und versuchte, seine Reisetasche in das obere Gepäckfach zu rammen. Als ihm klar wurde, dass sie nicht hineinpasste, stieß er sie mit dem Bein unter den Sitz. Ich nahm die Knie zur Seite, damit er vorbeikonnte. Ich hatte ihm den Fensterplatz überlassen, weil ich schon mal mit ihm in einem Zug gefahren war und mich noch genau daran erinnerte, wie er sich ständig beschwert hatte, dass die Leute »die ganze Zeit« gegen seine Schulter stießen. Außerdem wusste ich, dass er schlafen würde wie ein Toter, sobald er es sich bequem gemacht hatte, und da war es sicher gemütlicher für ihn, wenn er sich gegen die Scheibe lehnen konnte. Es war nur so, dass ich jetzt für die nächsten fünfzehn Stunden hier festsitzen würde und nicht einmal aus dem Fenster blicken und Tagträumen nachhängen oder mir die Zeit damit vertreiben konnte, unscharfe Fotos von der Landschaft zu schießen.

Ich ließ die Finger an dem Band meiner Kamera entlanggleiten, die ich in den letzten Tagen beinahe ständig um den Hals getragen hatte, und fragte mich, ob ich vor der Hochzeit genug Zeit haben würde, um noch ein paar Fotos von Amsterdam zu machen.

»Tut mir leid, Liebling«, sagte Simon kleinlaut und sah mich an. »Was für ein Mist.« Er nahm meine Hand und strich über die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. »Die Reise hätte etwas Besonderes werden sollen. Man wird schließlich nur einmal dreißig …«

Ich wandte mich ihm zu und umschloss sein Gesicht mit den Händen. »Alles gut, Simon. Ganz ehrlich, es ist toll.«

»Aber ich hatte alles genau geplant«, fuhr er fort. »Auf TripAdvisor wurden die Erste-Klasse-Schlafabteile als sehr gemütlich und romantisch angepriesen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich uns einfach einen Flug gebucht.«

»Aber es ist doch romantisch«, beharrte ich. »Und kein Bett für die Nacht zu haben macht es nur noch abenteuerlicher.«

»Ein Abenteuer war nicht gerade das, was ich mir vorgestellt hatte.« Er stützte den Ellbogen auf den Rand des Fensters und kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Ich konnte sehen, dass es ihn schier umbrachte, dass die Dinge nicht exakt nach Plan gelaufen waren.

Willkommen in meiner Welt, dachte ich.

»Versuch, dich zu entspannen«, sagte ich und fächelte mir mit der Hand Luft zu. Mir war jetzt schon zu warm.

»Hier gibt’s anscheinend nicht mal eine Klimaanlage«, seufzte Simon und wischte sich die Oberlippe mit dem Ärmel seines T-Shirts trocken.

»Vermutlich wäre das im Schlafwagen auch nicht anders gewesen«, entgegnete ich und holte mein Buch heraus, weil ich es für das Beste hielt, ihm etwas Zeit zu geben, um sich abzuregen.

Ich war in der Mitte von Gone Girl, das meine Freundin Ellie mir geliehen hatte, weil ich ihrer Aussage nach die einzige Person war, die es noch nicht gelesen hatte. Mal abgesehen von den psychotischen Tendenzen der Protagonistin kam mir der Gedanke, aus seinem aktuellen Leben auszusteigen und sich als jemand ganz anderes neu zu erfinden, irgendwie reizvoll vor. Vielleicht hatte ich mich während der Beziehung mit Simon in kleinerem Rahmen auch verändert. Ich war eine kontrolliertere, ruhigere Version meiner selbst geworden. Die Art Freundin, von der ich dachte, dass er sie verdiente, und von der ich immer vermutet hatte, dass ich das Potenzial hätte, so eine Person zu sein, wenn ich erst einmal den Richtigen gefunden hatte. Und nach unserer Zeit in Venedig hatte ich das Gefühl, dass es funktionierte. Ich biss mir auf die Unterlippe und konnte nicht aufhören zu grinsen, während ich versuchte, es mir gemütlich zu machen. Ich lehnte den Kopf an Simons Schulter.

»Ich muss mal«, flüsterte er mir irgendwann ins Ohr und strich mir über den Oberschenkel. »Tut mir leid, Süße.«

Ich setzte mich auf und unterdrückte ein Gähnen. »Wie spät ist es?«

Simon blickte auf die Uhr. »Zehn nach zehn.«

Dann waren es jetzt nur noch zwölf Stunden. Ein voller Arbeitstag und noch ein halber. Mein Nacken schmerzte, und ich wollte mich dringend lang hinlegen; auf dem Rücken liegend einschlafen, die Beine von mir gestreckt wie ein Seestern. Als ich aufstand, um Simon vorbeizulassen, wankte ich ein bisschen vor Erschöpfung.

»Bin gleich zurück«, murmelte er und machte sich auf den Weg den Gang hinunter. Ich sah ihm bewundernd hinterher, weil er es selbst unter diesen Umständen schaffte, in seinem smaragdgrünen Poloshirt und den gerade geschnittenen indigoblauen Jeans gepflegt und ordentlich auszusehen. Sein Haar hatte mit dreiunddreißig noch den gleichen honigfarbenen Ton wie mit fünf, was bedeutete, dass er ärgerlicherweise immer noch sehr jung aussah. Erst vor Kurzem war er bei Marks & Spencer nach seinem Ausweis gefragt worden – das war mir seit über zehn Jahren nicht mehr passiert. Und schlimmer noch. In der Woche, bevor wir losgefahren waren, hatte ich mir die Haare gekämmt und mir den unregelmäßigen Pony zur Abwechslung mal zur Seite weggesteckt, und da war es: mein erstes graues Haar. Wie war das möglich, wo ich doch gerade erst die Zwanziger hinter mir hatte? Dunkle Gedanken über meinen bevorstehenden Tod hatten mich überfallen. Er erschien mir plötzlich näher denn je, dabei hatte ich noch gar nicht alles erreicht, was ich erreichen wollte. Und ich konnte es nicht mal auf die Gene schieben: Mum war siebenundfünfzig, und ich hatte noch nie eine graue Strähne in ihrem feinen dunkelblonden Haar gesehen. Ich hatte keine Ahnung, ob mein portugiesischer Vater grau geworden war oder nicht. Sein Haar war so dunkel gewesen wie meines, seine Haut genauso olivfarben. Außerdem war er klein und gedrungen – so wie ich mich selbst ebenfalls sah –, weshalb ich das mit dem Grau kurzerhand ebenfalls auf ihn schob. Warum auch nicht? Immerhin war er nicht da, um mir das Gegenteil zu beweisen.

Ich setzte mich wieder und schaute aus dem Fenster. Vielleicht würde ich einen Hinweis darauf erhaschen, wo wir uns befanden. Während wir so dahinratterten, hatte ich den Überblick verloren, in welchem Land wir gerade waren, als ob der Zug mich überall hinbringen könnte, wenn ich es nur zuließ. Draußen zeigte sich gelegentlich etwas Licht am Horizont, wie gelbe Farbspritzer auf einer schwarzen Leinwand. In der Scheibe konnte ich das Spiegelbild der schwatzhaften amerikanischen Jungs auf der anderen Seite des Ganges sehen. Sie waren mittlerweile eingeschlafen, jeder an ein Elternteil gekuschelt, die Augen geschlossen, aber nicht ganz, sodass man noch immer etwas Weiß zwischen den Lidern hervorschimmern sah. Ich fragte mich, ob Simon und ich in einigen Jahren wohl auch so sein würden: Vielleicht würden wir mit unseren Kindern durch Europa reisen und Streitereien über Süßigkeiten schlichten. Oder darüber, wer die Nintendo-Konsole am längsten hatte.

Simons Handy vibrierte. Es sah ihm gar nicht ähnlich, ohne seinen wertvollsten Besitz irgendwo hinzugehen. Das kupferfarbene iPhone war praktisch mit seiner Hand verwachsen. Nachdem ich mit dem Fuß den Boden abgetastet hatte, fand ich es schließlich in der Lücke zwischen unseren Sitzen. Auf dem Bildschirm war die Vorschau einer Nachricht zu sehen, und ich warf nur einen flüchtigen Blick darauf, weil ich vermutete, dass es seine Schwester war, die ihm im Vorfeld ihrer Hochzeit ständig schrieb. Ich legte es auf den Klapptisch.

Als ich aufsah, stand Simon neben mir.

»Ich hab uns was zu trinken geholt«, erklärte er.

»Super«, erwiderte ich und sah lächelnd zu ihm hoch. Das würde die Stimmung etwas auflockern.

Er schob sich an meinen Knien vorbei, warf sich in seinen Sitz und griff nach seinem Handy.

»Oh, ich dachte, ich hätte es mitgenommen.«

Er blickte auf das Display.

»Du hast eine Nachricht bekommen«, sagte ich.

»Ach ja?«

Er rief die Nachricht auf und gab einen missbilligenden Laut von sich.

»Wer war’s denn?«

»Jemand von der Arbeit«, entgegnete er und steckte das Handy in seine Hosentasche.

»Doch nicht Dave, oder?« Ich meinte damit seinen fürchterlichen neuen Vorgesetzten. Seit er vor einigen Monaten angefangen hatte, machte er Simon das Leben zur Hölle. Er hatte ständig etwas zu meckern und versuchte, Simon für Fehler verantwortlich zu machen, die er selbst begangen hatte.

»Nein, Gott sei Dank nicht, und er ist wirklich der Letzte, an den ich heute Nacht denken will«, erwiderte Simon und klappte mein Tischchen energischer als nötig nach unten. »Hier, ich hab dir einen Wein mitgebracht.«

Eifrig schraubte er die Flasche auf und goss die duftende rubinrote Flüssigkeit in einen dünnwandigen Plastikbecher. Oh, wie glamourös Zugfahrten doch waren! Für sich selbst hatte Simon lediglich Mineralwasser gekauft. Ich war stolz auf ihn, dass er sich nicht von seiner selbst auferlegten Enthaltsamkeit abbringen ließ, aber an diesem stressigen Tag wäre ein Brandy vielleicht besser gewesen. Es fühlte sich seltsam an, dass er keinen Alkohol mehr trank, und ich hatte erleichtert festgestellt, dass ich nicht die Einzige war, die so dachte – Ellie und ihr Freund John waren sprachlos gewesen, als sie letzten Monat zu meinem Geburtstagsessen bei uns gewesen waren und die Nacht nicht in dem üblichen feuchtfröhlichen Gelage geendet hatte.

»Das ist das Geräusch, zu dem ich am liebsten einen Raum betrete«, hatte Ellie lachend gesagt, nachdem sie genau in dem Moment in der Küche erschienen war, als ich eine Flasche Prosecco entkorkt hatte.

Sie trat zu mir und zog mich in eine Umarmung. »Happy Birthday, Hannah.«

Ich umarmte sie ebenfalls und drückte sie. »Schön, dass ihr gekommen seid.«

»Hier, stell das in den Kühlschrank«, befahl sie mit einem vielsagenden Zwinkern und drückte mir eine Flasche Wein in die Hand.

Simon und John kamen in die Küche und waren bereits in ein Gespräch über Fußball vertieft. Offenbar schlug Arsenal sich gut, was beide zu freuen schien. Simon war ein Gelegenheitsfan, der nur Interesse an seinem Team zeigte, wenn es gewann. Außerdem vermutete ich, dass er vorgab, Fußball mehr zu mögen, als er es tatsächlich tat, je nachdem, mit wem er zusammen war. Aber das konnte ich ihm nicht wirklich vorwerfen. Zeigten wir nicht alle vor allem dann Begeisterung für ein bestimmtes Thema, wenn wir Teil der Gruppe sein wollten?

»Na gut, dann trinken wir was!«, lachte ich. Doch dann hielt ich beim Einschenken abrupt inne. »Ups, sorry, Simon«, murmelte ich. Ich holte den Orangensaft aus dem Kühlschrank und füllte seine Sektflöte damit. »Das hätte ich fast vergessen.«

Ellie wirkte verwirrt. »Trinkst du nichts, Simon?«

Er schob sich an mir vorbei, und ich lächelte instinktiv zu ihm auf, als er die Hände auf meine Hüften legte.

»Ich hab damit aufgehört«, erwiderte er lässig.

»Was? Für immer?«, fragte John, der den Prosecco schon hinuntergekippt hatte, als ob er sonst schlecht geworden wäre.

»Glaub schon«, antwortete Simon und band sich die Schürze um. »Ist so ’ne Art Gesundheitstrip.«

Ellie warf mir einen Blick zu. Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte es ihr gegenüber nicht erwähnt, weil ich wusste, dass sie viel Aufhebens darum machen würde. Außerdem wusste ich selbst nicht, wie ich es erklären sollte. Es war wie aus dem Nichts gekommen. Nachdem Simon und ich zusammengezogen waren, hatte ich es genossen, wenn wir abends bei einem Glas Wein über unseren Tag sprachen, während der eine den Tisch deckte und der andere kochte. Es war etwas, auf das ich mich freuen konnte, wenn ich im Büro an meinem Schreibtisch festsaß und meine Konzentration am Nachmittag nachzulassen drohte. Es war eine Gelegenheit, bei der wir uns gemeinsam entspannen und ich die Ärgernisse des Tages abschütteln konnte.

Seit einiger Zeit jedoch fühlte sich alles distanzierter an. An den meisten Abenden ging er von der Arbeit direkt ins Fitnessstudio, und wenn er dann nach Hause kam, war ich todmüde und bereit fürs Bett. Der positive Nebeneffekt war, dass ich ebenfalls weniger trank – allein machte es nicht so viel Spaß, das war in Venedig sehr deutlich geworden, als wir an einem milden, späten Nachmittag auf einem wunderschönen, lauschigen Platz gesessen hatten. Ich hatte versucht, ein eisgekühltes Glas tollen Weißweins zu genießen, während Simon die ganze Zeit damit verbracht hatte, sich über den Wucherpreis für das Mineralwasser aufzuregen.

Nach einer quälenden Stunde – der Zug war so langsam geworden, dass er praktisch angehalten hatte – war ich furchtbar gelangweilt und nicht einmal ansatzweise müde. Mittlerweile ging es wieder munter voran, und der Zug ruckelte von einer Seite zur anderen. Der Wein hatte Wirkung gezeigt, sodass ich mir gleich noch einen geholt hatte.

»Lass uns etwas Spaß haben«, schlug ich vor und ließ meine Hand über Simons Knie gleiten.

Er nahm einen seiner In-Ear-Kopfhörer heraus und beugte sich so nah zu mir, dass sich unsere Nasen berührten. »Was genau stellst du dir denn vor?«

Wir einigten uns darauf, Leute zu beobachten. Simon referierte brillant im Stil David Attenboroughs über die frei erfundene Lebensgeschichte des jeweiligen Fahrgastes, für den wir uns entschieden hatten.

»Er ist auf dem Weg zu einer Holländerin, die er im Urlaub auf Bali kennengelernt hat, und obwohl er großspurig rüberkommt, ist er innerlich schrecklich nervös, dass sie ihn fallen lassen wird wie alle seine Ex-Freundinnen vor ihr«, erklärte Simon.

»Meinst du?« Ich warf einen zweifelnden Blick auf den arrogant aussehenden Typen mit dem Hipsterbart. »Er sieht ziemlich selbstbewusst aus.«

»Alles nur Fassade«, erwiderte Simon überzeugt und strich mir eine Locke hinters Ohr. »Und sie«, fuhr er fort und deutete mit dem Kopf auf eine nervös wirkende Frau, die mit einer kleinen Flasche Wein und einem Plastikbecher aus dem Speisewagen zurückkam, »sie besucht ihre lange verschollene Halbschwester, die sie auf Facebook wiedergefunden hat. Sie hat Angst, dass sie sich hassen werden. Deshalb trinkt sie. Sie wird sich vor dem Morgengrauen noch einen Wein holen, wart’s nur ab.«

Ich lachte. »Du hast vielleicht komische Ideen.«

Simons Handy klingelte, und er zog es aus seiner Hosentasche. »Hallo?«

Ich wettete im Stillen, dass es Catherine war.

Meine Schwester, formte er mit den Lippen.

Ich wusste es. Meine Ohren wappneten sich gegen ihre schrille Stimme, die alle Details des letzten kleinen Rückschlags herunterratterte. Sie war wie immer fest entschlossen, daraus eine handfeste Katastrophe zu machen. Nachdem sie jahrelang die gut aussehenden, aber langweiligen Freunde von Freunden an der Durham University gedatet hatte – so hatte sie es mir zumindest verkauft –, hatte sie ihren Verlobten Jasper bei einer Geschäftsreise nach Amsterdam kennengelernt. Er war zehn Jahre älter als sie, Kunstkurator – eine Berufsbezeichnung, die ich immer noch nicht ganz verstand – und stammte aus einer reichen niederländischen Familie, der anscheinend Grundstücke auf der ganzen Welt gehörten. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sich Catherine genauso unsicher wie wir alle. Allerdings hatte sie sich nach allen Regeln der Kunst auf ihre neue Rolle vorbereitet. Catherine und ihre Mum Pauline waren praktisch das Berkhamsted’sche Äquivalent von Pippa und Carole Middleton. Sie hatten sich mit einer beängstigenden Intensität in die Hochzeitsvorbereitungen gestürzt, hatten irgendwo in der Mount Street individuell gefertigte Einladungen bestellt und personalisierte Marshmallows als Liebesgaben aufgetrieben, denn angeblich hatte Pippa das auch gehabt.

Und was das Kleid anging … nun, man hatte mir keine Details anvertraut. Ich wusste nur, dass es aus irgendeiner ultrateuren Boutique in der New Bond Street stammte, aber wie genau es aussah, war ein Geheimnis, und jedes Mal, wenn ich mich aus purer Höflichkeit danach erkundigte, welchen Stoff oder welchen Weißton sie gewählt hatte oder ob sie einen Schleier tragen würde, machte sie eine Geste, als würde sie sich die Lippen verschließen, und verwies mich so an meinen Platz.

»Kann Dad das nicht erledigen?«, fragte Simon müde, sah mich an und verdrehte die Augen.

Ich lächelte ihm aufmunternd zu und schlug das Buch auf, um mich von Catherines Stimme abzulenken, die mit fortschreitender Unterhaltung lauter und lauter wurde. Sie redete sich immer mehr in Rage. Hatten Hochzeitsvorbereitungen wirklich solche Auswirkungen? Brachten sie tatsächlich jede einzelne neurotische Eigenschaft zum Vorschein, die jemand hatte?

»Nein, ich bin sicher, Hannah hat kein Problem damit, die Servietten in die Serviettenringe zu stecken«, meinte Simon gerade.

Ich sah ihn an und riss die Augen auf, in der Hoffnung, dass die Botschaft bei ihm ankam, und er begriff, dass er seiner Schwester Einhalt gebieten sollte. Langsam reichte es. Mir waren bereits eine ganze Reihe von Pflichten übertragen worden, die sicherstellen sollten, dass die Hochzeit des Jahres am nächsten Tag reibungslos über die Bühne gehen würde. So sollte ich zum Beispiel über zweihundert Platzkarten beschriften – Catherine hatte behauptet, ich sei die einzige Person in ihrem Bekanntenkreis, deren Handschrift schön genug war – und pinkfarbenen Chiffon um die Stiele der individuell angefertigten Brautjungfern-Bouquets binden. Es wäre alles viel leichter gewesen, wenn sie nicht die hoteleigene Hochzeitsplanerin gefeuert hätte, aber nachdem diese anzudeuten gewagt hatte, dass Catherines Farbkonzept sich mit dem Dekor des Speisezimmers biss, hatte es kein Zurück mehr gegeben. Pauline trug auch nicht unbedingt dazu bei, Catherine zur Einsicht zu bringen. Ernsthaft, bei dem Theater, das sie und ihre Tochter veranstalteten, hätte man meinen können, die Zeremonie würde weltweit im Fernsehen übertragen.

»Hör mal, Cath«, sagte Simon und massierte die Stelle zwischen seinen Augenbrauen. »Ich muss jetzt Schluss machen. Wir sitzen hier im Zug. Und, oh – wir werden langsamer, und da vorn kommt eine Haltestelle. Vielleicht muss ich das Gepäck umsortieren, um Platz zu schaffen oder so.«

Ich runzelte gespielt entsetzt die Stirn und trat ihm gegen das Schienbein. Wir blieben nicht stehen, der Zug nahm eher noch an Fahrt auf. Ich sah den Gang hinunter, um die anderen Fahrgäste zu beobachten – die meisten schliefen –, und hörte nur noch mit halbem Ohr zu, während Simon seine Schwester beschwichtigte und ihr versicherte, dass alles gut laufen und sie wunderschön aussehen und Jasper stolz auf sie sein würde. Außerdem wäre er, Simon, immer stolz auf sie, ganz egal, was passierte. Das schien selbst die beiden Typen vor uns zu amüsieren. Ich sah, wie sie die Köpfe schüttelten und durch den Schlitz zwischen ihren Sitzen kichernd zu uns nach hinten glotzten. Zweifellos waren sie verblüfft über die seltsam raue Stimme, die Simon nur seiner Schwester gegenüber benutzte und deren Tonlage gut eine Oktave tiefer war als gewöhnlich.

Ich hatte Catherine einige Monate, nachdem Simon und ich zusammengekommen waren, kennengelernt und war davon ausgegangen, dass wir grundverschieden wären. Sie hatte eine Privatschule besucht, sah gut aus und war klug und beliebt und mit einem enormen Selbstbewusstsein gesegnet, von dem ich nur träumen konnte. Aber wenn sie nicht gerade über Hochzeiten sprach, hatte sich gezeigt, dass wir gar nicht so verschieden waren, wie ich zunächst angenommen hatte. Wir fanden Gemeinsamkeiten in unserem Faible für Wein und Reality-TV – und mir kam der Gedanke, dass es womöglich der Beginn einer richtigen Freundschaft sein könnte.

»Ich muss jetzt wirklich Schluss machen, Cath. Wir sehen uns dann morgen, ja?«, sagte Simon.

Er legte auf und sah mich ungläubig an. »Ist es schlimm, wenn ich sage, dass ich drei Kreuze mache, wenn das alles vorbei ist?«

Ich wählte meine Worte mit Bedacht: »Sie ist ein klitzekleines bisschen zum Kontrollfreak mutiert.«

»Mutiert? Sie war schon immer einer. Die Hochzeit hat es nur schlimmer gemacht«, seufzte er und warf sich mit einem frustrierten Stöhnen in seinem Sitz zurück.

»Komm, lass uns die Venedig-Fotos ansehen«, schlug ich vor, während der Zug weiterratterte und jemand mit einer unnötig lauten Stimme beschloss, ein Telefonat zu führen, obwohl es mittlerweile ein Uhr nachts war. »Damit wir auf schönere Gedanken kommen.«

Ich war zu müde, um mein Buch zu lesen, und zu aufgedreht, um zu schlafen, und steckte in einem schrecklichen, unruhigen Zwischenzustand fest. Simon reichte mir sein Handy.

»Sie sind allerdings nicht so toll. Deine sind bestimmt viel besser.«

»Sicher nicht«, widersprach ich, obwohl sie es vermutlich waren. Offenbar hatte ich endlich etwas gefunden, in dem ich ganz gut war, und ich verließ in letzter Zeit nur selten das Haus ohne meine geliebte, gebraucht gekaufte Canon AE-1. Es war ein Weihnachtsgeschenk von Simon gewesen, und ich hatte noch nie ein Geschenk bekommen, bei dem ich so sehr das Gefühl hatte, dass der andere sich Gedanken gemacht hatte.

Ich ging Simons Fotos durch, angefangen bei dem Bild, das er von mir gemacht hatte, als wir in Venedig angekommen waren. Wir standen am Flughafen in der Schlange für den Vaporetto. Ich sah entspannt aus und trug Jeansshorts, Flipflops und ein schwarzes T-Shirt. Meine Haare lockten sich aufgrund der Luftfeuchtigkeit noch mehr als sonst, und ich hatte einen aufgeschlagenen Reiseführer in der Hand und ein breites Lächeln im Gesicht. Ich war so glücklich, an diesem Ort zu sein, an den ich schon reisen wollte, als ich noch ein kleines Mädchen war. Damals, als Mum mir immer Bilder der Sehenswürdigkeiten gezeigt und sich Geschichten dazu ausgedacht hatte.

Danach kam ein Selfie, das Simon vor dem Markusdom gemacht hatte. Es war nicht gerade gut gelungen, denn er war mit seinen knapp einen Meter neunzig gute fünfzehn Zentimeter größer als ich, und es war praktisch unmöglich, nicht entweder den oberen Teil seines Kopfes oder alles unter meiner Nase abzuschneiden.

Ich war gerade dabei, meiner Mutter über WhatsApp eine Auswahl von Simons Fotos vom Dogenpalast zu schicken, als sein Handy erneut vibrierte und eine weitere Nachricht auf dem Bildschirm erschien.

»Lass mal sehen«, murmelte er und riss es mir aus der Hand. »Verdammt noch mal.« Er schnalzte theatralisch mit der Zunge. »Schon wieder die Arbeit.«

»Was wollen sie denn jetzt schon wieder?«, fragte ich.

Nicht dass ich viel verstanden hätte, wenn er es mir gesagt hätte. Ich war mir noch immer nicht zu hundert Prozent sicher, was er den ganzen Tag über tat. Ich wusste nur, dass es etwas mit dem Verkauf von Pharmazeutika zu tun hatte, dass er viel reisen und in der Hotelkette Premier Inns übernachten musste und dass er Präsentationen hielt und es nicht schrecklich fand, vor Menschen sprechen zu müssen.

»Ich lese sie prinzipiell nicht«, erklärte Simon. »Ich bin schließlich im Urlaub!«

Ich sah ihn zögernd an. »Alles in Ordnung?«

»Natürlich«, erwiderte er und lachte hohl. »Du warst doch mit den Fotos durch, oder?«

»Nicht wirklich.«

»Du solltest das Handy weglegen, ich hab da neulich was gelesen. Das blaue Licht ruiniert den Schlafrhythmus«, sagte er.

»Egal, es ist sowieso zu laut zum Schlafen.«

»Warum benutzt du nicht deine Ohrstöpsel?«

»Die hab ich in Venedig vergessen.« Ich sah meine leuchtend grünen Lebensretter vor mir, wie sie auf dem Nachttisch im Hotel lagen. Ich musste mir in Amsterdam sofort neue besorgen.

»Also, ich für meinen Teil habe vor zu schlafen«, erklärte Simon und ließ das Handy in seine Hosentasche gleiten. »Sonst bin ich morgen für nichts zu gebrauchen.«

Er drehte sich von mir weg, lehnte den Kopf gegen das Fenster und schloss die Augen. Kurz darauf wurden seine Atemzüge tiefer und länger. Simon war mir gegenüber immer kurz angebunden, wenn er müde war, das gab er selbst zu. Nach ein paar Stunden Schlaf würde er sicher wieder ganz der Alte sein. Ich dagegen würde die Hochzeit vermutlich mit ernsthaftem Schlafentzug durchstehen müssen. Ich sah vor mir, wie ich bei der Party viel zu schnell betrunken wurde und unanständige Witze erzählte, um am Ende einen alkoholgeschwängerten Streit mit jemandem vom Zaun zu brechen. Panik stieg in mir hoch, und das Gefühl der Unzulänglichkeit, das in meinem Magen rumorte, wurde gleich doppelt so schlimm. Pauline würde hinter meinem Rücken schnippische Kommentare abgeben. Ich konnte es beinahe hören: Das hier ist nicht ihre Welt, Simon. Sie hat keine Ahnung, wie man sich auf einem exklusiven Event wie diesem benimmt. Pauline bezeichnete die Hochzeit immer als »Event«, was ich, ehrlich gesagt, unglaublich nervtötend fand.

Ich massierte mir den Kiefer mit den Fingerspitzen und versuchte, mich in einen entspannten Zustand zu versetzen, der mich in den Schlaf hinübergleiten lassen würde. Was allerdings nicht ganz einfach war, denn das Paar ein paar Sitze hinter uns flüsterte so laut, dass sie auch einfach normal sprechen hätten können, und ein junger Mann etwas weiter hinten verzehrte mit hektischem Knistern eine Packung Chips.

Simons Handy vibrierte schon wieder. Ernsthaft, was war da los? Das konnte nur Catherine sein. Ich schob die Finger vorsichtig in seine Hosentasche und zog das Handy so behutsam wie möglich heraus. Ich würde es auf lautlos stellen. Er war gerade erst eingeschlafen, und das Letzte, was er brauchte, war, dass sie ihn mit Nachrichten bombardierte. Es brachte nichts, wenn wir beide bei der Hochzeit vollkommen übermüdet waren.

Das Handy vibrierte ein zweites Mal, während ich sein Passwort eintippte, das er mir vor langer Zeit verraten hatte: 1956, das Geburtsjahr seiner Mutter. Auf dem Display wurde eine Nachricht von einer unbekannten Nummer angezeigt.

Bist du wach? Ich bin’s, Alison.

Ich runzelte die Stirn. Vermutlich war es jemand von der Arbeit, obwohl er nie jemanden namens Alison erwähnt hatte. Die einzige Alison, die ich kannte, war eine von Catherines Brautjungfern. Sie hatte den Junggesellinnenabschied organisiert. Ein sündhaft teures Wochenende in Marbella. Ich hatte versucht, mich davor zu drücken, weil ich es mir eigentlich nicht leisten konnte und weil ich außer Catherine niemanden kannte. Natürlich war ich am Ende doch mitgefahren – vor allem, weil mir keine glaubhafte Ausrede eingefallen war. Ich erinnerte mich noch gut an Alison. Ich hatte sie ganz nett gefunden, bis sie sich betrunken und einen Streit mit einem Spanier angefangen hatte, mit dem sie den ganzen Abend lang geflirtet hatte. Am Ende hatte sie sich in den Pool übergeben. Wenn sie es war, dann gab es vielleicht irgendeine Last-Minute-Krise. Catherine ging vermutlich auch ihr auf die Nerven.

Ich scrollte etwas hoch. Da waren noch andere Nachrichten von derselben Nummer.

Ich bin’s, kannst du reden?

Und davor:

Ich bin bei der Hochzeit. Wann kommst du an? Ich muss dringend mit dir sprechen.

Die Nachrichten waren also definitiv von Brautjungfer Alison. Ich legte das Handy vorsichtig beiseite. Was auch immer vor sich ging, heute Nacht konnte Simon nicht mehr viel tun. Ich versuchte, das Handy zurück in seine Hosentasche zu stecken, aber es rutschte mir aus der Hand und landete auf dem Boden. Ich zuckte zusammen und betete, dass ich es nicht kaputtgemacht hatte. Sonst würde Simon fuchsteufelswild werden. Er regte sich, und ich blickte vorsichtig zu ihm hinüber. Seine Augen waren halb offen, und er verschränkte die Hände und streckte sie über dem Kopf aus.

»Dein Handy ist dir aus der Tasche gefallen«, flüsterte ich und berührte ihn leicht am Arm.

Er betastete seine Hosentasche, dann glitt er mit der Hand zwischen die Sitze.

»Es liegt auf dem Boden«, murmelte ich leise.

Noch im Halbschlaf beugte er sich hinunter und hob es auf. Mir fiel auf, dass er es in die andere Tasche steckte, bevor er sich wegdrehte und den Kopf wieder dem Fenster zuwandte. Es war komisch, dass er die anderen Nachrichten von Alison nicht erwähnt hatte, aber sicher gab es eine einfache Erklärung. Er wusste, dass ich die Nase voll hatte von Catherines ständigen Forderungen, und vermutlich dachte er, dass ich nichts davon hören wollte. Ich würde ihn am Morgen danach fragen.

Ich schloss die Augen und presste sie fest zusammen. Simon fing leise an zu schnarchen. Die Türen öffneten und schlossen sich alle paar Minuten zischend, und ich konnte einige Männer hören, die einen Waggon weiter vor Lachen wieherten. Sicherlich gab es irgendwo in diesem Zug einen ruhigeren Ort. Ich konnte gehen und mich woanders hinsetzen – nur für eine Weile. Eine andere Umgebung würde mir vielleicht guttun. Ich zog behutsam meine Strohtasche auf meinen Schoß, um Simon nicht zu stören. Dann stand ich auf und warf meine Strickjacke auf den Sitz, weil es immer noch unglaublich heiß war und ich sie vermutlich nicht brauchen würde. Mein Koffer war im Gepäckfach an der Tür gut aufgehoben, und ich würde ihn am Morgen dort abholen. Für eine Sekunde oder zwei zögerte ich, fummelte am Riemen meiner Kamera herum und überlegte, ob ich Simon eine Notiz hinterlassen sollte. Aber ich würde ja nur eine Stunde oder zwei weg sein, wahrscheinlich würde er gar nicht merken, dass ich nicht da war.

Ich warf einen letzten Blick auf ihn, dann machte ich mich stolpernd auf den Weg in den vorderen Teil des Zugs.

In Waggon A fand ich schließlich zwei leere Sitze und glitt auf den Fensterplatz, sodass ich mich an die Scheibe lehnen konnte. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, so weit nach vorn zu gehen, aber in dem Wagen vor uns hatten drei betrunkene Kerle einen Riesenlärm veranstaltet, und im nächsten roch es so muffig, als ob jemand seine Klamotten tagelang in der Waschmaschine hätte vergammeln lassen. Es war schon irgendwie albern, dass ich mich so anstellte – ich meine, wir saßen in einem Nachtzug quer durch Europa, was hatte ich denn erwartet? Wie auch immer – ich war jetzt hier, und Waggon A kam mir wie die unproblematischste Option vor, obwohl ich das Scheppern schlechter Dance-Musik ertragen musste, die aus den Kopfhörern eines Typen ein paar Sitze hinter mir dröhnte. Spielte er immer denselben Song in Endlosschleife? Ich sah über die Schulter nach hinten, um ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, aber er war zur Seite gesunken und hatte die Augen fest geschlossen. Welcher Mensch konnte bitte bei so lauter Musik schlafen? Verzweifelt wühlte ich noch einmal in meiner Tasche. Ich würde einfach meine Musik als Gegenmittel zu seiner anmachen. Ich hätte beinahe einen Freudenschrei ausgestoßen, als ich statt meines Handys meine Ohrstöpsel in den Händen hielt. Ich hatte sie also gar nicht in Venedig vergessen. Sie klemmten in einer Broschüre, die geführte Touren durch die Galleria dell’Accademia bewarb. Ich drückte sie in meine Ohren, schlüpfte aus den Schuhen und versuchte, ein bisschen zu schlafen.

Als ich die Augen wieder aufschlug, durchflutete frühes Morgenlicht den Waggon. Verwirrt tastete ich nach Simon, weil ich vergessen hatte, dass er nicht neben mir saß, sondern irgendwo weiter hinten, und hoffentlich nicht ahnte, dass ich mich überhaupt umgesetzt hatte. Ich nahm die Ohrstöpsel heraus, legte den Kopf nach rechts und links und massierte mir den schmerzenden Nacken. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich nicht so weit gedacht hatte, meine Strickjacke mitzunehmen – dann hätte ich sie wenigstens als Kopfkissen benutzen können. Ich schaute aus dem Fenster und fragte mich, wo wir waren, während ich zusah, wie die Welt stumm an mir vorüberglitt. Die Details waren verschwommen und verzerrt, wie in einem dieser altmodischen Amateurfilme, die auf einer Schmalfilmkamera gedreht worden waren. Die Sonne war fast vollständig hinter hoch aufragenden Wolken versteckt, die innen Elefantengrau und außen von einem brillanten, silbrigen Weiß umrahmt waren. Ich drückte die Nase gegen die Scheibe, als wir durch ein hübsches Dörfchen schossen, das aus fünfzehn oder zwanzig Häusern bestand, alle mit weiß getünchten Mauern und terrakottafarbenen Dächern. Der kleine, verlassene Bahnhof erinnerte mich an die Eisenbahn, die mir mein Dad zum siebten Geburtstag gekauft hatte.

Ich konnte mich noch immer an den Tag erinnern, als ich im Schneidersitz auf dem braunen Cordsofa im Wohnzimmer gesessen und darauf gewartet hatte, dass er von der Arbeit kam, damit wir uns über den Igel-Kuchen hermachen konnten, den meine Mum gebacken hatte. Ich erinnerte mich, wie Dad nach dem Tag auf der Baustelle durch die Tür getreten war, staubig und erschöpft und mit einer großen Schachtel, die in rotglänzendes Papier gewickelt gewesen war. Einige Wochen später hatte er uns dann verlassen, vermutlich hatte sich diese Erinnerung deshalb so tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Geburtstage waren danach nie wieder dasselbe gewesen.

Ich ließ die Fußgelenke kreisen, um wieder etwas Leben in meine Glieder zu bekommen, und band mein Haar zu einem Knoten, wobei ich den ausgefransten Haargummi benutzte, der über Nacht einen hochroten Kreis in mein Handgelenk gegraben hatte. Auf der Suche nach den hautfarbenen Ballerinas, die ich irgendwann abgestreift hatte, tastete ich unter dem Sitz vor mir herum, bis ich sie endlich fand und hineinschlüpfte. Dann richtete ich mich gähnend auf, streckte mich und sah mich im Waggon um. Die meisten Passagiere schienen wach zu sein, blätterten in Reiseführern oder Zeitschriften und stopften sich dabei mit Sandwiches aus der Mikrowelle voll. Bei dem Geruch begann mein Magen zu knurren. Wenn ich zurück bei Simon wäre, würde ich kurz in den Speisewagen flitzen und Frühstück für uns besorgen. Er liebte Croissants mit Marmelade und Butter; ich würde ihm gleich zwei davon mitbringen und dazu einen schönen starken Kaffee.

Ich nahm meine Tasche und tappte den Gang hinunter, denselben Weg zurück, den ich in der Nacht gekommen war. Der Zug bewegte sich ruckartig voran, und ich musste mich sehr konzentrieren, um nicht zur Seite zu taumeln, wobei ich mindestens einmal kläglich versagte und die Schulter eines Mitreisenden rammte. Je weiter ich in die Mitte des Zuges vordrang, desto voller wurde es. Ich grub die Fingernägel in den Stoff der Sitzlehnen und lugte über Schultern, um zu sehen, was die Leute aßen, bis es irgendwann nicht mehr weiterging. Da war eine Tür im Weg, die weder ein Fenster noch einen Knopf hatte, auf den ich drücken konnte, um in den nächsten Wagen zu kommen.

Verwirrt starrte ich sie an. Vielleicht hatte der Schlafmangel mich in eine Art Wahnzustand verfallen lassen. Ich musste nachdenken. Ich war wohl zu weit gegangen und hatte meinen Sitz und das Gepäckfach mit meinem Koffer verpasst, in dem sich die frische Unterwäsche befand, nach der ich mich sehnte. Und mein Kulturbeutel, mit dem ich mich kurz auf die Toilette verziehen konnte, um mich zu waschen und mir die Zähne zu putzen.

Ich versuchte, den Griff an der Tür zu drehen, aber er bewegte sich nicht. Ich war nur durch vier Wagen gelaufen, und ich wusste – wusste –, dass der Zug länger gewesen war.

Ich drehte mich um und ging den Weg zurück, den ich gekommen war. Ich klammerte mich erneut an den Sitzen fest, während der Zug schwankte und schlingerte, drehte den Kopf nach links und rechts, suchte nach Simons Gesicht, seinem blonden Haarschopf, der schwarzen Strickjacke auf meinem Sitz. Mir war kalt in meinem dünnen Sommershirt. Immerhin befanden wir uns mittlerweile weiter im Norden, vielleicht in Frankreich, vielleicht auch schon in Holland. Die Klimaanlage funktionierte endlich, und ich hatte nicht annähernd genügend Schichten an. Ich kam an dem Sitz vorbei, wo ich geschlafen hatte, und gelangte zu einer weiteren grauen Tür. Die Aufschrift Kein Zutritt in drei Sprachen ließ vermuten, dass es sich um den Zugang zur Fahrerkabine handelte. Ich lehnte mich mit dem Rücken dagegen und schaute den Gang hinunter über ein Meer von Köpfen und ausgestreckten Füßen hinweg. Ich atmete tief durch. Ich war verwirrt. Ganz offensichtlich hatte ich etwas übersehen. Simon musste vorhin auf der Toilette gewesen sein, so einfach war das! Ich würde noch einmal bis zum letzten Wagen gehen und ihn finden. Ich sah auf mein Handy. 6:14 Uhr. Wir würden erst um neun Uhr irgendwas in Amsterdam ankommen, also hatte ich genug Zeit.

Ich setzte mich wieder in Bewegung und machte mich auf die Suche nach irgendeinem bekannten Gesicht. Nach der amerikanischen Familie oder dem niederländischen Paar, das hinter uns gesessen hatte – aber ich konnte niemanden entdecken.

Mein Herz klopfte bis zum Hals. Noch einmal kam ich am Ende des Zuges an, kehrte um und ging wieder nach vorn, immer auf der Suche nach Hinweisen.

Nach einer weiteren ergebnislosen Tour rutschte ich mit ineinander verkrampften Händen auf den Sitz, auf dem ich die Nacht verbracht hatte. Meine Handflächen waren schweißnass. Ich schaute aus dem Fenster, versuchte, etwas aus der Landschaft herauszulesen, herauszufinden, was unser nächster Halt war. Ich suchte nach irgendetwas, das mir bekannt vorkam, einem Gebäude, einem Straßenschild. Es gab Schilder mit Stationsnamen, aber sie flogen so schnell vorbei, dass ich sie nicht lesen konnte. In meinem Kopf regte sich eine ferne Erinnerung, ein kurzer Augenblick kam mir in den Sinn und war dann wieder weg.

Es nützte nichts, ich würde Simon aufwecken und ihn fragen müssen, wo er war. Ich holte mein Handy heraus, tippte mit ungeschickten Fingern auf dem Display herum, wählte seine Nummer, wartete auf seine Antwort. Er würde nicht erfreut sein, wenn er herausfand, was ich getan hatte. Es klingelte und klingelte, und schließlich ging die Mailbox ran. Ich hielt mich nicht damit auf, eine Nachricht zu hinterlassen. Offensichtlich schlief er noch. Am besten löste ich das Problem, bevor ihm überhaupt klar wurde, dass etwas nicht stimmte.

Ich warf einen Blick in den Mittelgang und überlegte, ob ich jemanden fragen sollte und was ich sagen könnte:

Entschuldigen Sie, aber wissen Sie, wo der Rest des Zuges geblieben ist?

Oder vielleicht: Hallo, ich glaube, ich habe meinen Freund verloren.

Plötzlich hörte ich jemanden auf Italienisch in ein knisterndes Funkgerät bellen und rutschte an den Rand meines Sitzes, bereit zum Sprung.

»Mi scusi, Signore«, rief ich, als ein Fahrkartenkontrolleur vorbeirauschte, den Kopf hocherhoben und bemüht, mit niemandem Augenkontakt aufzunehmen.

»Si, Signora?«, sagte er und zog das S in die Länge, wobei er mir ein breites Lächeln zuwarf. Er trug eine prächtige marineblaue Uniform und eine Kappe mit Goldrand. In den Händen hielt er ein tragbares Fahrkartengerät. Es war ihm anzusehen, dass er ein Paragrafenreiter war.

»Un … un problema«, stammelte ich. Vielleicht wusste er es zu schätzen, dass ich versuchte, seine Landessprache zu sprechen. Ich gab mir Mühe, mich an die wenigen Worte zu erinnern, die ich während des Ferienkurses am College aufgeschnappt hatte. Ich hatte nur mitgemacht, weil Ellie mich überzeugt hatte, dass wir dann bestens darauf vorbereitet sein würden, im Sommer per Interrail durch Italien zu reisen und mit italienischen Jungs zu flirten, was wir mangels Kleingeld natürlich niemals getan hatten.

»Ich kann meinen Sitzplatz nicht mehr finden. Ich glaube, er war irgendwo dort hinten. Wagen F?« Ich zeigte ans andere Ende des Zuges.