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Augenblicke zum Innehalten Zum Nachdenken anregen über die Welt und vielleicht auch die ein oder andere eigene Wahrheit - das möchte Friedrich Treber mit seinen Erzählungen, Essays und Gedichten. Von Zwischenmenschlichem über politische Themen bis zu König Fußball beleuchten seine Texte das, was uns ausmacht: Empathie und Egoismus, Liebe und Schmerz, Bemühen, Scheitern und Hoffnung. Mal spitzzüngig-ironisch, mal liebevoll-mitfühlend ermöglich »Und das Wort ward Stein« eine Reise zu den eigenen Gedanken. Wer auf der Suche nach nachdenklichen Texten ist, wird hier fündig: Die titelgebende Kurzgeschichte »Und das Wort ward Stein« handelt von Mose und der Frage, wie der Mensch mit Gottes Wort umgeht. Anrührend erzählt »Teddybärs wichtigste Weihnacht« von Bestimmung und Glück. Der Essay »Der Krieg beginnt vor der Schlafzimmertür« befasst sich mit dem berühmtesten deutschen Heldenepos, dem Nibelungenlied - und mit dem Verhältnis von Mann und Frau. Auch Europa, die Fußball-Nationalmannschaft und das Wechselspiel von Religion und Macht sind Themen, mit denen Friedrich Treber sich beschäftigt. Vor allem aber macht er sich Gedanken über unseren Umgang miteinander: mit Schwächeren, mit Andersdenkenden, mit denen, die auf den ersten Blick nicht dazuzugehören scheinen.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Von Friedrich Treber außerdem erschienen:
Ein Geschenk für Lehrer Müller?
, Weinheim 1994
Sitzengeblieben
, Weinheim 1994
Glaube, Liebe und so weiter
, Weinheim 1998
Alleine hält das keiner aus!
, Weinheim 1999
CD:
Steine und Blumen
, Laura Records, Eisenberg (Thüringen) 2005
CD:
Von der anderen Seite
, Laura Records, Eisenberg (Thüringen) 2008
CD:
Neben der Spur, Leico
, Illingen (Saarland) 2104
CD:
Scherben bessrer Welt
, Leico, Illingen (Saarland) 2017
Immer wieder Licht ein Fenster
: Lyrik, BoD 2017
Für meine Töchter Felizitas und Konstanze
Erzählungen
Rettender Bruch
Nie wieder Colabier
Ein gutes Lied, verdammt noch mal!
Und das Wort ward Stein
Ein paar Wimpernschläge Glück
Das Ziel des Rufens
Ich war der Wolf
Erlistete Wünsche
Teddybärs wichtigste Weihnacht
Essays
Wenn Wahlwerbung zum Nachdenken anregt
Was darf welches »Europa« kosten?
Südamerikaner sind keine Rasse!
Ein Fußballfeld ist keine Märchenwiese
Der Krieg beginnt vor der Schlafzimmertür
Krokodilstränen der politischen Kaste um die Renten?
In der Nachfolge Muhammads sind Religion und Politik nicht zu trennen
Kann Terrorismus durch Nationalismus eingeschränkt werden?
Sündern vergibt vielleicht Gott
Gedichte
Ordnung und Natur
Kunst und Natur
Macht sprachgeschaffener Bilder
Getrübte Sicht
Zwang im Namen von Propheten
Macht und bessre Welt
Gemeinsinn und Recht
Sinnfresser
Mitte oder Rand?
Auch eine Alleinherrschaft
Pflegen, was blüht
An Mutters Hand und doch allein
Wechselfreude oder Standorttreue?
Wenn auf einem Fußballplatz ein Knochen unter einem Tritt bricht, hört sich das Knacken satter an als das eines trockenen Astes in der Waldesstille. Aber es ist so durchdringend, dass es durch das wildeste Gebrüll ins Ohr sticht, und drückt selbst dem betrunkensten Schreihals das Gejohle in die Kehle zurück. Nicht jeder erlebt das, auch wenn er zwanzig Jahre und mehr das Spielfeld zum Mittelpunkt seines Lebens erhoben hat. Aber wer einmal mittendrin war, der vergisst es nie und weiß Bescheid.
Er selbst war schon zweimal dabei gewesen, und so wunderte er sich nicht über die unnatürliche Stille um ihn herum, die sich eben in scheues Gemurmel aufzulösen begann. Wie lange dauerte eine solche Stille eigentlich? Schwer zu sagen, aber fast so lange musste er weg gewesen sein. Wo eigentlich?
Hatte er einen Pfiff gehört, oder hatte der Schiedsrichter einfach vergessen zu pfeifen?
Sinnlos, sich etwas vorzumachen. Diesmal war es der eigene Knochen gewesen, wenn auch nicht der leiseste Schmerz durch den Körper jagte, noch nicht. Nein, zwei Knochen, Schienbein und Wadenbein, oder? Die gewohnten Gerüche wurden jetzt überdeutlich: zerquetschtes Gras und frischer Schweiß, der gegen den Waschmittelduft in den Trikots ankämpfte. Ungewohnter das harzige Beizen von Sägemehl, mit dem man hier noch den Platz abzeichnete, wie in alten Zeiten, als er noch Jugendspieler gewesen war.
Die zusammengekniffenen Augen schmerzten. Er musste sie geradezu aufdrücken. Der Schiedsrichter trug einen Tarzan-Slip unter seiner altertümlich weiten Sporthose. Ein paar starre Gestalten, regungslose Gesichter und darüber sanft schwingende Kiefernwipfel. Vorsichtig stützte er die Hände in den Sand und schob den Oberkörper hoch. Der rechte Unterschenkel war nach außen abgeknickt. Zwei Handbreit unter dem Knie wölbte sich – vom Umschlag des Stutzens noch gnädig verdeckt – eine faustgroße Beule nach innen.
So gewaltsam, wie er die Augen aufgedrückt hatte, kniff er sie nun wieder zu. Behutsam ließ er sich wieder zurücksinken und suchte in sich. Kein Schmerz! Taubheit im rechten Bein – das war der Schock. Man konnte diese Taubheit verlängern, wenn man gut aufpasste. Das war ein Trick, der schon oft bei Verletzungen geholfen hatte. Die Kiefermuskeln loslassen, es war noch nicht nötig, die Zähne zusammenzubeißen. Sich nach außen hin nichts anmerken lassen, das half schon, den Schmerz wegzuschieben. Nur Mitleidhascher und Schwächlinge stellten ihre Leiden zur Schau.
»Spielt sich nichts ab, von wegen raustragen!«, grollte der raue Bass Richards neben ihm los. »Oder habt ihr hier jemand, der das schienen kann? Also, dann bleibt er liegen, bis der Krankenwagen kommt.«
Es tat gut, in einem solchen Augenblick einen erfahrenen Mann um sich zu wissen, der sich aus eigenem Antrieb um das Wichtigste kümmerte. So konnte man sich ganz darauf konzentrieren, den Schmerz nicht an sich herankommen zu lassen.
Das erste Blinzeln zeigte ihm das linke Schienbein Richards, der neben ihm in die Hocke gegangen war. Der Stutzen war herabgerutscht und legte eine Kraterlandschaft aus roten und braunen Narben bloß. Aus einem frischen Kratzer perlten ein paar Blutstropfen. Warum zog dieser Narr auch keine Schienbeinschützer an? War doch Masochismus, hier in der untersten Klasse, wo man öfter mehr aus Ungeschick denn mit Absicht getroffen wurde. Aber was sollte es, trug er doch selbst keine, wenn auch nur wegen des Feingefühls für den Ball. Und dieses fehlte ja bei Richard fast völlig.
Etwa zehn Meter seitwärts standen die Jungs beisammen wie ein Haufen verscheuchter Hühner. Der lange Thomas wich seinem Blick aus.
»Mach dir keine Gedanken, weil keiner von den Jungs herkommt.« Richard musste seinem Blick gefolgt sein. »Die haben so was noch nicht erlebt.«
»Du musst dich jetzt um sie kümmern, Richard, hörst du? Sie sollen keine Angst haben, aber auch nicht anfangen zu treten. Sag ihnen das!«
Richards Schnauzbart gab die untere Zahnreihe frei. »Treten? Nee, können die ja nicht. Und wenn sie’s trotzdem probieren wollten, wäre die Hälfte schon nach zehn Minuten draußen. Selbst«, und er sah sich vorsichtig um, »bei dem Schiedsrichter.«
»Lasst den Schiri zufrieden. Macht hinten dicht. Ein Punkt! Wenn wir hier einen Punkt mitnehmen, ist uns der Meister so gut wie sicher!«
»Ja, schon gut, weiß ich auch«, murrte Richard, »und den Jungs ist das auch klar. Reg du dich mal ab, ich geh schon mal rüber. Halt die Ohren steif.«
Nun lag also alles an Richard. Die eigene Ohnmacht wurde ihm erst bewusst. Vom Können her war Richard keine Schlüsselfigur zur Meisterschaftsentscheidung, nicht einmal hier in der untersten Klasse. Technisch brachten die meisten der Jungs schon weit mehr als er. Auch in seinen besten Zeiten war er nie über die Kreisklasse hinausgekommen. Andererseits war er als Abwehrspieler immer noch stark genug, um jeden Gegenspieler auszuschalten, den diese Klasse zu bieten hatte. Viele Jahre im Fußball hatten seinen Instinkt so geschärft, dass er immer an der richtigen Stelle war und oft noch Fehler anderer ausbügelte. Und das war es, was man unter diesen talentierten, aber noch zu grünen Jungs brauchte.
Richard müsste also jetzt führen und das zu Ende bringen, was er sich vorgenommen hatte. Schließlich war er als ehemaliger Star nur deswegen Spielertrainer in der C-Klasse geworden, weil er noch einmal in einer Meistermannschaft gespielt haben wollte, bevor es überhaupt nicht mehr ging.
Im Bein begann es zu jucken und zu kribbeln. Er schloss die Augen und stellte sich die Kälte und die Taubheit von vorhin vor. Einen Augenblick wurde das Jucken schlimmer, aber dann verebbte es. Der Trick funktionierte also noch.
Das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, ließ ihn die Augen öffnen. Richard war neben ihm in die Hocke gegangen. Die langen, knotigen Muskelstränge auf seinen Schenkeln, deren Zwischenräume bis zu den Knochen zu reichen schienen, bildeten keine Harmonie und wirkten hässlich. Jetzt hielt er ihm vorsichtig mit Abstand die Hand vor die Augen und legte sie ihm dann sanft an die Wange. »Halt durch, Alter.«
Ja, war ja schon gut. Wie verwunderlich, diese Behutsamkeit bei einem Kerl, der auf dem Platz zwar nicht unfair, aber doch mit äußerster Härte gegen seine Gegner vorging. Aber warum diese Vorsicht? Ach ja, damals, die Sauftour, als er den neuen Mann in der Mannschaft ein wenig aushorchen wollte.
Schließlich musste man ja wissen, mit wem man es zu tun hatte. Aber im Saufen hatte er mit Richard nicht mithalten können und dann wohl mehr über sich herausgelassen als vom anderen erfahren. Also hatte er auch von seiner Abneigung gegen plötzliche Berührungen und Hände erzählt. Und dieses Unikum hatte das behalten trotz des Suffs.
Ohne die Augen schließen zu müssen, sah er die schönen Hände seiner Mutter vor sich. Hände, die streicheln konnten, dass einem Wärme durch den ganzen Körper rann. Hände, die auf Wangen und Nase brannten, wenn sie zuschlugen.
Hände, die den Mund bis zum Überdruss voll Leckerbissen stopften. Hände, die den Rohrstock schwingen konnten, ganz gleich, wo er hintraf. Nie konnte man wissen, was diese Hände tun würden.
Aber das alles war vorbei und jetzt nicht wichtig. Wichtig allein war, dass Richard die gestellte Aufgabe übernahm und sie löste.
Was hatte der Kamerad gefragt – ob er Schmerzen habe?
»Nee, noch nicht«, dehnte er, mehr um sich wieder konzen trieren zu können. Mühsam schob er die Verschwommenheit vor den Augen weg. Richards Gesicht zeichnete sich klar ab.
Über den vorstehenden Wangenknochen, von denen sich die Stränge der Kaumuskeln zu den Kinnwinkeln hinzogen, waren die unteren Augenlider geschwollen, sackartig ausgebeult.
»Hast du gesoffen?«, hörte er sich fragen, ehe er die Worte hätte zurückhalten können.
Richard zog den Kopf zwischen die Schultern, atmete lange und gepresst aus und knurrte dann: »Ja, jede Menge Wulle,Wulle, so ist das. Aber ich hab ja meine Kondition, und ich zieh’s durch, wie immer. Tut mir leid, wenn dir das Kopfweh macht.«
Ärger und Enttäuschung schienen vom Magen durch die Speiseröhre zur Kehle hinaufzurollen. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, schließlich müsstest du ja alt genug sein!«, würgte er hervor. Leise begann es in der Bruchstelle zu brennen und zu pochen. »Kälte, Kälte«, sagte er sich innerlich vor, konnte sich aber vor Wut nicht richtig sammeln.
In den höheren Klassen drückten die Trainer Säufer aus dem Spielerstamm heraus, selbst wenn sie Leistung brachten. Man konnte eben nie wissen, wann sie unzuverlässig werden würden. Und hier zeigte es sich wieder mal. Diesen Kerl hatte er sich auch noch selbst in die Mannschaft geholt. Gewiss, aus Mangel an besseren Möglichkeiten. Aber hatte er sich denn nicht um ihn gekümmert? Hatte er ihm nicht angeboten, dass er jederzeit anrufen konnte, wenn er sich aussprechen wollte? Aber er wollte ja nicht reden, wollte nie antworten. Flüchtete bei jedem bisschen schlechter Stimmung in den Suff, das war seine Art, mit dem Leben umzugehen. Da musste ja auch jede Frau gleich den Horror bekommen. Vielleicht bestrafte er auf seine Art die Frau, die ihm vor Jahren davongelaufen sein sollte, heute noch damit, dass er sich langsam kaputtsoff.Wie hätte man ihn auch dazu bringen können, die Dinge endlich klar zu sehen, in sich auf zuräumen und das Leben neu mitzuleben? Was war denn Richards Fußballspielerei anderes als seine Sauferei? Ohne Schienbeinschützer immer voll drauf. Tritt mich doch, wenn du dir den Fuß brechen willst! Im Leben vor dem Wichtigen flüchten und hier, im Reservat eines ritualisierten Kampfspiels, vor sich selbst in eine Heldenrolle schlüpfen. Und jetzt vielleicht nicht einmal in der Lage sein, eine wichtige Aufgabe bis zum Ende durchzustehen. Scheiß Suff! Sollte so einer in der Lage sein, eine Mannschaft von unerfahrenen Jungs durch den Rest des Spiels zu führen? War damit alles umsonst gewesen?
Das andrängende heiße Blut schien den Kopf zu überschwemmen. Er musste sich in seiner Wut vergessen haben, denn das rechte Bein hatte gezuckt, als wollte er damit nach Richard treten. Es war nur eine kleine Bewegung gewesen, aber sie hatte das Pochen in der Bruchstelle zu einem Hämmern werden lassen, dass eine heiße Welle den Körper zum Zittern brachte.
»Idiot«, dachte er und wusste, dass er jetzt sich selbst meinte. Der Tritt, der dem vergifteten Tier neben ihm hätte gelten sollen, hatte ihn selbst getroffen, und mit Recht! War es nicht gleich, wo man sich versteckte, im Suff oder in der C-Klasse? Richard schien den Suff zu brauchen, gut, und er selbst, was wollte er nicht loslassen? Beifall, die unterdrückte Wut der Unterlegenen, ja das Gefühl, der Sieger, der umjubelte Mittelpunkt zu sein? Und weil er das oben nicht mehr erreichen konnte, war er in den Jahren abgestiegen bis ganz unten. »Meister ist Meister«, hatte er sich selbst wie oft vorgelogen? Aber das stimmte eben nicht, wenn man ehrlich war. Meister in der C-Klasse war wirklich das Letzte, was es zu erreichen gab. Für einen Säufer und eine Horde grüner Jungs schon eine Leistung. Aber wenn man schon oben mitgespielt hatte, ein Abstieg, ob er nun den Titel schaffte oder nicht.
Was war eigentlich an dem Wort »Meister« so Wichtiges dran, dass es ganze Mannschaften bis zur äußersten Leistung trieb, aber auch die reine Freude am Spiel verdarb und die Entscheidung zur Fairness viel schwerer machte?
Geld? Das war hier nur noch Nebenerwerb, und man konnte froh sein, dass der erlernte Beruf einen aufgefangen hatte.
Frauen? Ja gewiss, nach ihnen hatte man geschielt, sie hatte man immer um sich gehabt. Sogenannte Klassefrauen, der Erfolg zog sie an. Man benutzte sie und wurde von ihnen benutzt wie ein Schmuckstück, das nur so lange begehrenswert war, wie es den letzten Schrei der Mode und ein Objekt des Neides darstellte. Die Kunst in diesem Spiel war, rechtzeitig zu wechseln, bevor man unmodern wurde. Dagegen war Spitzenfußball geradezu fair. Und lebte man nicht die ganze Zeit mit der Angst, aus der Mode zu kommen? Aber zufrieden, wie wenn man sich im Training voll verausgabt hatte – warum kam der Gedanke gerade jetzt? –, war man davon jedenfalls nie geworden. Mit dem Abstieg hatten sich zwar schon die Frauen verändert, aber so groß war der Klassenunterschied nun auch wieder nicht.
Klasse, eigentlich ein blödes Wort dafür. Bei Fußballspielern ließ es sich ja ziemlich genau feststellen, in welche Klasse sie gehörten. Aber Frauen? Konnte man sie überhaupt vergleichen?
Margaret mit den andern schon gar nicht: Sie mochte zum Beispiel Fußball nicht und tat auch nicht so. Überdies war sie sehr gescheit. Aber wie konnte sie dann so blöd sein, sich selbst ganz zu geben und nur ein Stück Fassade dafür zu bekommen? Na gut, mehr hatten all die anderen vor ihr auch nicht bekommen. Das war die Regel in diesem Spiel.Was war eigentlich jetzt anders? Wieso war es dasselbe Gefühl, wie wenn man einen Gegner auf dem Platz absichtlich umgetreten hatte und ihn dann nicht ansehen mochte?
Wie viel wusste Margaret eigentlich? Möglich, dass sie sogar ahnte, dass er sich für den ganz speziellen Fall auch für sie schon den Satz zurechtgelegt hatte: »Ich habe ja nur ange nommen, was du mir angeboten hattest.« Das gerade in ihre Augen hinein zu sagen, würde sehr schwer werden. Aber vielleicht würde es auch ohne das gehen. Hatte es auch schon gegeben. Trotzdem, auch so unfair. Aber warum immer dieselbe Leier, wo man sich doch jedes Mal so schmutzig dabei fühlte?
Über den Mann neben sich mit dem Spitznamen »Tier«
konnte man leicht denken, er bestrafe jemanden. Aber wie war es mit einem selbst? Ekelhaft, wenn man in diesen blödsinnigen Gefühlsdschungel abrutschte.Wie war er überhaupt auf solche Gedanken gekommen?
Der Schmerz hier, der ihm jetzt die Stirn erhitzte und die Zähne irgendwann auseinanderzureißen drohte, war greifbar, und man konnte ihn kontrollieren. Trotzdem, war es nicht Betrug, sich einzureden, man wäre unabhängig, weil man damit fertigwerden konnte?
Und Siege und Meisterschaften? Wie konnte man sich vormachen, dass es ewig so weitergehen würde, wenn man den eigenen Abstieg doch klar vor Augen hatte? Ein Leben lang Sieger? Unmöglich! Und dann?
Siege wurden sowieso immer schneller vergessen. Für den Sieg von gestern gibt es heute keinen Lohn mehr. Ein Platz im Leben, wo man nicht immer Sieger sein müsste, wo es genügte, dass man da war, das wäre… Ja, das war es doch, was Margaret anbot, wenn sie es auch nie so sagte. Richtig und ganz würde man schon da sein müssen, das würde sie schon erwarten, und darauf setzte sie also die ganze Zeit mit all ihrer unbegreiflichen Geduld.
Ein ganz neues Gefühl erwärmte das Brustbein und schien die Schultern tiefer in den Sand einsinken zu lassen. Aber der unbeobachtete Schmerz rückte sofort nach. Also nicht, jetzt nicht, Kälte, Kontrolle!
»Der Krankenwagen!« Richards Stimme schien von sehr weit herzukommen.
Schritte näherten sich. Jemand machte sich an seinem Bein zu schaffen. Das zog bis in den Bauch.
Als sie die Bahre unter ihn schoben, war er auf den Schlag der Schmerzwelle gefasst, und der Bauch hatte keine Luft, um den Schrei nach oben zu drücken.
Das Spiel war wieder angepfiffen worden. Beruhigend und anfeuernd war Richards Stimme über den üblichen Geräuschen zu hören. Er schien seine Aufgabe angenommen zu haben und ihr durchaus gewachsen zu sein. Vielleicht konnte die Verantwortung für andere ihm den Anfang des Weges aus seiner Vereisung zeigen. Vielleicht.
Aber dass in einer dermaßen rauen Bassstimme so viel Sanftheit stecken konnte! »Wie eine Kuh, die nach ihren Kälbchen ruft«, dachte er, und das Lachen, von den geschlossenen Zähnen zurückgeworfen, fauchte durch die Nase.
Die Laufschienen quietschten nervenaufreibend, als die Bahre in den Wagen geschoben wurde. Von irgendwoher mischte sich Margarets Stimme unter die Geräusche. Michael musste sie aus dem Café geholt haben. Jetzt war sie neben ihm, das spürte er und roch es, aber er konnte sich nicht dazu überwinden, die Augen zu öffnen.
»Dass das aber auch passieren musste«, klagte Margaret.
»War wohl … so langsam … an der … Zeit!«, hechelte er, immer bemüht, den Atem flach zu halten. Dann überließ er sich willig den Händen, die sich ohne Vorbereitung kühlend auf sein Gesicht legten.
Das erste Stöhnen kratzte beinahe wohlig durch die Kehle.
Ich hätte das Colabier nicht trinken sollen. Eigentlich mag ich solches Zeug schon ohnehin nicht. Aber ich hatte beim Billard verloren, und zwar ziemlich oft. Der Sieger wählt das Getränk, und der Verlierer bezahlt, jedes Mal einen ganzen Literkrug voll, getrunken wird grundsätzlich gemeinsam. So gibt es keine Chance, ungeschoren davonzukommen.Dass ich in der Nacht schlecht schlief, war nicht besonders schlimm.
Das kommt bei mir öfter vor, und in der Regel nehme ich es nicht tragisch. Dazu hatte mir das Frühstück noch gut geschmeckt und die Pausenzigarette auch, bis eben zu diesem Moment.
Irgendwer hatte die Tür des Lehrerzimmers offen stehen lassen. Schrill trommelten die Bleistiftabsätze einer aufstrebenden jungen Lehrerin über die Fliesen des Ganges. Solche Schuhe passten eigentlich nicht zu ihrer Weltanschauung, aber sie war nun mal nicht besonders groß. Ihre Beine hätten darin recht sehenswert wirken können, doch der Rock war durch einen angesäumten Folklorestreifen auf eine züchtigere Länge gebracht. Nun ja, die Kinder mochten diese Lehrerin im Allgemeinen recht gern. Sie musste diese kurzschrittige Trommelwirbelgangart wählen, weil sie einen wuschelköpfigen Knirps an der Hand mit sich zerrte, zielbewusst in Richtung Chef. Bei diesem Anblick schluckte ich den Rauch, statt zu inhalieren.
»So, Herr Rektor, da habe ich endlich einen von denen, die immer Papier auf den Schulhof werfen.«
Über der Chefkrawatte wurde der Mittelknopf geschlossen. Der Mann, den ich in innerlicher Boshaftigkeit oft »Gottes Geschenk an die pfälzische Volksschule« nannte, schüttelte seine braunen Locken, die auch dann noch wie zusammengefrorenes Vorjahresgras wirkten, wenn er sie für seine große Schau auf der Jahresschlussfeier hatte zurechttrimmen lassen. »Na, was haben wir denn da? So, du bist also einer von denen, die wir hier schon lange suchen. Na, auf dich haben wir gerade gewartet.«
Dem Knirps lief bereits eine Träne über die rot angelaufene Wange. Doch er drückte die Knie durch, blies die Backen auf und versuchte, sich zu verteidigen. Bemerkenswert, aber was da kam, war nur Gestammel, und schwäbisches noch dazu, eine Unmöglichkeit hier, wo man ein Grenzland-Pfälzisch spricht, das selbst der weltoffenste Hannoveraner nicht für Deutsch halten würde.
Ich erkannte den Kleinen wieder. Fast regelmäßig hatte er während meiner Pausenaufsicht Prügeleien. Immer hatte er angefangen, sagten seine Gegner und die Zuschauer.
Das Gestammel des Knirpses jaulte hoch bis in den Nasenton und erstickte in Schluchzen.
Es ist schlimm, anders zu sein. Es ist schlimm, anders zu reden. Langsamer reden genügt schon.
Während der Fahrten mit der Eisenbahn vom Heimatdorf in die Stadt zum Gymnasium hatte mir meine langsame Redeweise fast täglich ein Spießrutenlaufen eingetragen. Für die Stammmitfahrer war ich der Oberdepp, mit dem man tun konnte, was man wollte. Eine Meute kann sehr schlimm sein.
Was weiß ich, wie die Chemie des Mischzeugs, das ich getrunken hatte, auf mein Nervensystem wirkte, jedenfalls sah ich nun auch noch den Bibi vor mir. Er war unser Musiklehrer gewesen, damals, in dem ersten Gymnasium, in dem ich mir die Knickerbocker abgewetzt hatte. Eine bauchlastige Kugel mit Froschaugen im roten Gesicht. Seinen Spitznamen, Bibi, musste er seit seiner eigenen Schulzeit ertragen, weil er das Perfektum eines lateinischen Verbs nicht beherrschte, aber er hatte nichts daraus gelernt.
Damals, als elfjähriger Frischling, war ich noch einen Kopf kleiner als er. Mit gehörigem Respekt bemühte ich mich, mein Zuspätkommen zu erklären.
»Wonnsche so longsom laafscht, wie de reddscht, is des kä Wunna, wonn de de Zuuch vabasse duuscht!« So hatte der Bibi damals auf mich heruntersüffisiert, und das Gefühl, vor dem Gelächter der Klassenkameraden in irgendein Mauseloch kriechen zu müssen, war mir jetzt in diesem nüchternen Neubaulehrerzimmer so gegenwärtig, dass mich warmer Schweiß auf dem Rücken kitzelte, von den Schulterblättern bis zu der empfindlichen Stelle zwischen den Hinterbacken.
»A-mau, mo, mauum«, äffte der Chef den Knirps nach, und ein pflichtschuldiges Kollegengelächter klang wie Meuten-Gekläff. Jetzt heulte das Kind seine Scham und Hilflosigkeit laut heraus. Die Zunge des Chefs drückte genüsslich die Wange nach außen, und der kräftige Kiefer bewegte sich unter der großen Habsburgernase hin und her.
Die Schweißperlen unter meinem Hemd hatten sich in Eisnadeln verwandelt. Mein Nacken krampfte, weil ich die linke Schulter zu eng an das Kinn gezogen hatte. Der Rauch drückte aus meinem Magen nach oben. Es gelang mir eben noch, die Lippen zusammenzupressen, und so ließ der Rülpser nur das Gaumensegel knallen. Neben mir schnalzte die Englischlehrerin angewidert.
Ich warf die Kippe in den nächsten Aschenbecher. Sonst drücke ich ja meine Kippen aus, ja wirklich, immer! Aber jetzt ließ ich das Ding glimmen, wie es war, und hastete zum Lehrerklo. Nach einigen ausgiebigen Rülpsern ließ das Druckgefühl in der Magengegend nach. Aber ich glaubte, den Geschmack des Mischgetränks wieder auf der Zunge zu spüren Unbehelligt kam ich dann zur Treppe in Richtung meines Klassenzimmers. Aber oben auf dem Gang stand die Berufsberaterin mit der kindhaft schmalen Figur und den großen, warmen Augen. Sie hielt in jenen Tagen Vorträge vor den achten Klassen. Die dunklen Pupillen, die mich nicht vorbeiließen, waren feucht eingefasst. »So geht es also zu, hier bei euch, das… das habe ich nicht gewusst.«
Meine Handbewegung war die von Schillers Dunois, den ich im Studententheater mal gespielt hatte. »Den König hofft’ ich kriegerisch gerüstet an seines Heeres Spitze schon zu finden und find ihn hier!« Das waren die Worte zur Geste gewesen, aber jetzt brachte ich nur ein abgedroschen-hohles »Tja, so ist das eben« heraus. Und weil mich die Augen trotz der peinlichen Stille nicht entließen, hängte ich noch lahm an: »Und jetzt wissen Sie ja, wie’s so ist.«
»Verdammt, Mädchen«, hätte ich gern gesagt, »klage nicht mich so an mit deinen Augen. Ich war’s ja schließlich nicht, und ich tue auch so was nicht. Und ich kann ja nicht wissen, dass hier noch jemand ist, der es so sieht. Das Maul hab ich ja auch nicht immer gehalten. Aber manchmal mag ich mich einfach nicht mehr aufführen wie der gute alte Don Quixote.
Und was man dafür hintenrum einstecken muss, ist noch mal eine andere Geschichte. Die Meute findet die schwachen Punkte, bei jedem.« Es war wohl gut, dass ich das nicht gesagt habe. Es hätte niemandem etwas genutzt und wäre doch nur in ungeklärtes Geschwafel ausgeartet. Wie soll man auch erklären können, dass man trotz aller demokratischen Grundrechte zum Schweiger wird?
Wenn das nun eine richtige Geschichte wäre, dann hätte in meinem Klassenzimmer an der Tafel stehen müssen: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Da stand aber: »Die Holländer gewinnen dem Meer Land ab.«
Überhaupt, was war denn eigentlich schon passiert? Die Leute, mit denen ich damals glaubte reden zu können und zu müssen, hatten wohl recht, wenn sie sagten, ich nähme alles zu schwer und würde es auch noch dramatisieren. Ein Schüler war gemaßregelt worden, weil er sich bei einem Vergehen hatte erwischen lassen. Das passiert jeden Tag und überall, hundertfach, ja tausendfach. Mich regte es wohl nur so auf, weil ich ein wenig vergiftet war! Jedenfalls wird mich heute selbst der amtierende Weltmeister im Schwergewicht nicht dazu überreden können, mit ihm eine Runde Billard zu spielen, wenn ich dann hinterher Colabier trinken muss!
»Da pennt der Kerl doch tatsächlich am hellen Samstagmorgen hinter dem Ladentisch!«
