Und er nennt es Liebe - Eva Ashinze - E-Book

Und er nennt es Liebe E-Book

Eva Ashinze

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Beschreibung

Menschen lieben. Sie überwinden aus Liebe Hindernisse, machen aus Liebe das Unmögliche möglich. Im Namen der Liebe wird aber auch gelogen und betrogen, manipuliert, misshandelt und getötet. Mit Empathie und scharfem Blick verarbeitet Rechtsanwältin Eva Ashinze ihre Fälle zu Kurzgeschichten, die Einblick in menschliche Abgründe eröffnen.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Eva Ashinze

Und er nennt es Liebe

Eva Ashinze

Und er nennt es Liebe

Kurzgeschichten

orte Verlag

© 2025 by orte Verlag

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Verlagshaus Schwellbrunn, Appenzeller Verlag AG

Im Rank 83, 9103 Schwellbrunn, [email protected]

Verlagsauslieferung in die EU:

HEROLD Fulfillment GmbH, Daimlerstrasse 14, DE-85748 Garching

[email protected]

Umschlaggestaltung: Mike Müller

Umschlagbild: Adobe Stock

Gesetzt in Arno Pro Regular

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

ISBN 978-3-85830-345-5

orteverlag.ch

Für meinen Sohn und für meine Tochter – nicht nichts ohne euch, aber viel weniger.

«Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander – wir sind sehr einsam.»

Georg Büchner: «Dantons Tod»

Akt I, Szene 1

«Jeder Mensch ist ein Abgrund, und es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.»

Georg Büchner: «Woyzeck»

Akt IV, Szene 5

Inhalt

Vorwort

Der Vater

Und er nennt es Liebe

Dayo

Wut

Das Unaussprechliche

Eine perfekte Familie

Margaryta

Die Strafe

Das sechste Kind

Eine Liebe

Eine Kindheit

Vorwort

Ein Vater, der Vater sein möchte, aber nicht kann. Eine Ehefrau, die nicht ahnt, dass der Mann zu allem bereit ist, um sie für immer an sich zu binden. Ein krimineller Immigrant, in dem einst nicht nur Hoffnung, sondern auch Potenzial steckte. Eine Frau, die den Vater ihrer Kinder töten lassen will. Eine Kindheit, die für Aussenstehende unerträglich scheint, aber dennoch Momente des Glücks enthält.

Viele Jahre lang war ich als Rechtsanwältin im Familienrecht, im Strafrecht und im Migrationsrecht tätig, ich habe Erwachsene, Kinder und Jugendliche vertreten. Durch meine Arbeit habe ich tiefe Einblicke in das menschliche Handeln gewonnen und ich habe feststellen müssen, dass Menschen – gerade auch Menschen, die einander zu lieben glauben – einander oft fremd sind, sich unbekannte Wesen. Wir wissen nicht, wer unser Gegenüber ist, wen wir eigentlich lieben oder begehren oder zu kennen glauben. Wir sehen nie den ganzen Menschen, nur immer einen Teil von ihm, den Teil, den er uns zeigt oder den wir sehen wollen. Und wir wissen nie, wozu unser Gegenüber fähig ist. Auch wer noch so fürsorglich oder liebenswert scheint, kann eine düstere Seite haben. Auch wer noch so sanftmütig und zuverlässig wirkt, kann ausser Kontrolle geraten, wenn er enttäuscht und verletzt wird.

«Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander – wir sind sehr einsam.» Das sagt Danton im Stück «Dantons Tod» von Georg Büchner zu seiner Frau Julie.

Die Frau ahnt nicht, dass der Mann sie nicht gehen lassen wird. Der Sohn weiss nicht, dass seine Eltern ihm eine Familie vorenthalten. Die Mutter versteht nicht, weshalb ihr Kind voller unbezähmbarer Wut ist. Der Mann hat keine Ahnung, dass seine Frau ihn abgrundtief hasst.

Vorliegende Kurzgeschichten handeln von Menschen, die lieben und begehren und enttäuscht werden, von Menschen, die Grausames tun und Unerträgliches erleben. Diese Geschichten basieren auf Fällen aus meiner Tätigkeit als Anwältin, die Figuren – manchmal die Hauptfigur, manchmal eine Nebenfigur, die Mutter, der Vater oder das Kind, das Opfer oder der Täter – sind inspiriert von Personen, die ich vertreten habe. In diesen Geschichten lasse ich die Anwältin aber nicht zu Wort kommen. Ich lege den Fokus auf die Menschen und ihr Handeln. Diese Menschen, die zutiefst menschlich und zugleich unmenschlich sind, die lieben und begehren, hassen und verletzen und töten.

«Jeder Mensch ist ein Abgrund, und es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.» Auch dieser Satz ist von Georg Büchner, aus seinem Drama «Woyzeck». Als Anwältin habe ich in unzählige Abgründe geblickt. Vielleicht in zu viele.

Der Vater

Gabriel sieht Carla im selben Augenblick, in dem er das Podium betritt. Sie sitzt prominent in der Mitte der ersten Reihe. Die Haare trägt sie anders, nicht mehr in dieser Löwenmähne, die ihr über die Schultern fällt. Nun sind die Locken am Oberkopf etwas länger und an den Seiten kurz geschnitten. Carla sieht, dass er sie anschaut. Sie lächelt und hebt die Hand zum Gruss. Gabriel setzt sich in den schwarzen Ledersessel und schlägt sein Buch auf. Der Moderator beginnt mit seiner Ansprache.

Es verunsichert Gabriel, dass Carla hier ist, ihm zuhören wird. Gabriel hat sein Leben in den letzten Jahren in ruhigere Bahnen gelenkt. Die Sturm-und-Drang-Zeit ist vorüber, er hat eine gefestigte Beziehung, eine gute Beziehung zu einer schönen, klugen Frau, die ihm wichtig ist. Carla ist verführerisch. Und temperamentvoll. Intensiv. Mit ihr war alles extrem. Die Gespräche, der Sex, die Auseinandersetzungen. Sich von Carla zu lösen, hat Gabriel viel Kraft gekostet, aber mit ihr zusammen zu sein, noch viel mehr. Er muss darauf achten, Distanz zu halten. Carla ist wie ein Schwarzes Loch, dem er damals zu nahe gekommen ist, er ist hineingezogen und beinahe auseinandergerissen worden. Er will nicht ein zweites Mal in etwas Vergleichbares hineingeraten, in etwas Ungesunde, Fiebriges, alles Verschlingendes.

Die Ansprache ist zu Ende. Das Publikum applaudiert. Es applaudiert ihm, Gabriel, der aus seinem neuen Buch lesen wird. Und während Gabriel liest, schaut er ab und zu ins Publikum, er schaut zu Carla, und Carla schaut zu ihm. Sie wirft den Kopf in den Nacken, bietet ihm ihren Hals dar. Sie lacht, er liebt dieses Lachen, diese Lippen. Er erinnert sich, wie er diesen Hals geküsst hat und die empfindliche Stelle hinter ihren Ohrläppchen und ihren Mund, diesen sinnlichen Mund. Sie trinkt Bier direkt aus der Flasche, auch das liebt er – dass sie nicht eine dieser Prosecco trinkenden, blondierten, zurückhaltenden Frauen ist, sondern wild und ungestüm und, vielleicht, manchmal, nicht ganz normal. Aber was heisst schon normal? Ist das nicht einfach ein anderes Wort für langweilig?

«Die Lesung war gut», sagt Carla. Die meisten Zuhörer sind gegangen, nur noch vereinzelt stehen sie an den Bistrotischen im Eingangsbereich. «Du hast nichts von deiner Anziehungskraft verloren. Das Publikum liegt dir immer noch zu Füssen.»

«Weshalb bist du hier?», fragt Gabriel, denn sie haben bereits genug Nettigkeiten ausgetauscht und genug Oberflächlichkeiten.

«Deinetwegen», sagt sie.

Er schaut in ihre Augen und in den geweiteten Pupillen sieht er ein winzig kleines Spiegelbild seiner selbst und er denkt an seine schöne, kluge Partnerin und an das gute und geregelte Leben, das er führt und das er sich hart erarbeiten musste, aber jetzt, in diesem Moment, da spielt das alles keine Rolle. Es ist nicht wichtig. Nur Carla ist wichtig. Carla, die ihm die Hand auf den Arm legt, und ihm ins Ohr wispert, dass sie an ihn gedacht hat, nicht immer, aber ab und zu, dass sie ihn nie überwunden hat, sich nie gänzlich von ihm hat lösen können, dass er der eine Mann sei, dieser eine unvergessliche Mann.

Beim Aufwachen fühlt Gabriel sich verkatert, obwohl er am Abend zuvor lediglich zwei Bier getrunken hat und ein Glas Rotwein. Es ist nicht der Alkohol, der ihm zu schaffen macht. Es ist die Tatsache, dass Carla neben ihm im Bett liegt, nackt, dass ihre und seine Kleider im Zimmer verstreut am Boden liegen. Gabriel setzt sich auf, greift nach dem Handy. Zehn nach sieben. Ein verpasster Anruf seiner schönen, klugen Partnerin. Mehrere ungelesene Nachrichten. Er schlägt die Decke zurück, geht ins Badezimmer, setzt sich auf die Toilette.

Letzte Nacht war wie ein Rausch, unkontrolliert, gierig. Carla und er, ihre Körper ineinander verschlungen auf dem Teppichboden des Hotelzimmers, in den zerwühlten Laken. Carla und er, hier, im Bad. Gabriel schüttelt den Kopf, verdrängt die Bilder aus seinem Kopf, öffnet die ungelesenen Nachrichten.

«Hoffe, deine Lesung war ein Erfolg!», schreibt seine schöne, kluge Partnerin. «Vermisse dich.» Gefolgt von Herz- und Kuss- und Daumen-hoch-Emoji. Später eine weitere Nachricht. «Schlaf gut.» Stern-Emoji.

Gabriel gibt sich selbst eine Ohrfeige. Er weiss, dass diese Nacht ein Fehler war. Er weiss, dass er sie bereuen wird. Er gibt sich nochmals eine Ohrfeige, diesmal mit der anderen Hand. Dann geht er zurück ins Zimmer und zieht sich an.

«Ich muss los», sagt er zu Carla, die sich verschlafen die Augen reibt.

Einige Wochen später, eine Lesung in einer anderen Stadt. Gabriel betritt das Podium, sein Buch in der Hand. Sein Blick fällt auf Carla, die erneut prominent in der Mitte der ersten Reihe Platz genommen hat, ihn erneut anlächelt. Seit jener Nacht hat er sich nicht mehr bei ihr gemeldet und auch nichts von ihr gehört. Er hat gehofft, dass das noch mal glimpflich ausgegangen ist für ihn. Aber nun sieht es so aus, als habe er sich getäuscht. Beklemmung steigt in Gabriel auf. In was hat er sich da nur hineinmanövriert. Er setzt sich in den schwarzen Ledersessel und schlägt sein Buch auf.

Diesmal trinkt Carla kein Bier. Sie wirft auch nicht lachend den Kopf zurück und bietet ihm nicht ihren Hals an.

«Ich muss dir etwas sagen», meint sie.

Gabriel schaut sich um. Das Szenario ist dasselbe wie vor einigen Wochen. Der grösste Teil des Publikums ist gegangen, nur einige wenige sind noch da, stehen in Grüppchen und trinken ihren Prosecco oder das Glas Weisswein. Zuvor hat Gabriel die Runde gemacht, sich unterhalten, Bücher signiert. Seine Unruhe überspielt. Aber nun kann er nicht mehr ausweichen, weder Carla noch der Neuigkeit, die sie für ihn hat.

«Ich bin schwanger.» Carla schaut ihn an. «Ich hatte bereits kurz nachdem wir … Kurz nach unserer Nacht hatte ich dieses Gefühl, dass etwas in mir am Entstehen ist. Ich war wahnsinnig glücklich in diesen Tagen, grundlos glücklich. Ich bin noch immer glücklich», fügt sie eilig hinzu, als würde Gabriel etwas anderes vermuten. «Ich freue mich über die Schwangerschaft, wirklich, das tue ich. Für dich ist es anders, das weiss ich. Ein Schock ist es für dich, Gabriel. Du kannst dich ausklinken, und das ist in Ordnung, dann stelle ich keine Forderungen. Oder du kannst ein Vater sein, wir können eine Familie sein. Es ist deine Entscheidung. Lass dir Zeit. Melde dich, wenn du so weit bist.»

Gabriels schöne, kluge Partnerin schreit nicht, sie beschimpft ihn nicht, sie verlässt nicht Türe knallend das Zimmer. Nein, sie wird ganz still und blass und dann sagt sie, sie müsse das verarbeiten, das Fremdgehen, die Schwangerschaft, sie könne und wolle jetzt nichts sagen, sie müsse erst nachdenken. Dann geht sie, und Gabriel bleibt allein in seiner Wohnung zurück. Er holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzt sich aufs Sofa.

Gabriel stellt sich vor, wie er ein Baby im Arm hält und einen Kinderwagen schiebt, mit einem Kleinkind an der Hand unterwegs ist. Seine schöne, kluge Partnerin will unbedingt Kinder. Vor ihr hat Gabriel sich sein Leben immer ohne Kinder vorgestellt. Er braucht viel Zeit für sich selbst, für sein Schreiben, für seine Gedanken. Wie sollte da ein Kind Platz haben? Wie sollte er einem Kind geben, was es braucht? Aber mit der schönen, klugen Partnerin an der Seite, da hat er sich plötzlich auch ein Kind gewünscht. Ein Kind, das aussieht wie die Mutter und ihre ruhige, sanfte Art hat. Und vielleicht auch etwas von ihm, von seiner Kreativität, seiner Liebe für Wörter und Geschichten. Es würde das perfekte Kind werden. Aber seine schöne kluge Partnerin wird nicht schwanger. Manchmal ist sie traurig, wenn ihre Blutung einsetzt. Bis sie neue Hoffnung schöpft.

Carla meldet sich bei Gabriel. «Der erste Ultraschall steht bevor.» Sie fragt, ob er sich entschieden habe.

Gabriel bejaht. Er hat sich entschieden. Er will ein Vater sein. Er will in das Leben seines ungeborenen Kindes eintreten und darin für immer einen Platz einnehmen.

«Dann kannst du beim Ultraschall dabei sein», meint Carla.

Als Gabriel auf dem Bildschirm des Ultraschallgeräts ein pulsierendes Flimmern sieht und den Herzschlag hört, diesen schnellen Herzschlag, viel schneller als sein eigener, da weiss Gabriel, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat. Er wird diesem Kind ein Vater sein, ein guter Vater, ein noch besserer, als sein eigener Vater gewesen ist.

«Wir möchten einen vorgeburtlichen Vaterschaftstest machen», sagt Carla zur Ärztin. Sie lächelt Gabriel an. «Es ist besser, wir haben es schwarz auf weiss», sagt sie. «Du bist manchmal wankelmütig.»

Und in dem Moment fragt sich Gabriel tief im Innersten, ob vielleicht doch nicht alles so schön und einfach wird, wie er sich das vorstellt, aber er schiebt den Gedanken schnell zur Seite.

Eine Woche später meldet sich seine schöne, kluge Partnerin. Sie verzeiht ihm. Sie wird an seiner Seite bleiben.

Gabriel ist erleichtert. Glücklich. Er bedankt sich, zieht sie an sich und küsst sie.

Sie sagt, sie müsse wieder Vertrauen gewinnen. Sie habe Angst, dass er wieder schwach werde. Carla sei seine Achillesferse.

Gabriel verspricht ihr, dass er sich nicht wieder hinreissen lässt.

«Ich liebe dich», sagt er zu seiner schönen, klugen Partnerin.

Das Ergebnis des Vaterschaftstests liegt vor. Gabriels Vaterschaft ist bestätigt. Er ist nicht überrascht, trotzdem freut er sich. Seine schöne, kluge Partnerin versucht, sich für ihn zu freuen. Carla schickt ihm ein Daumen-hoch- und ein Herz-Emoji.

«Lass uns bald über die Zukunft reden», schreibt sie.

Gabriel geht zum Amt und anerkennt sein Kind. Er wird als Vater des Ungeborenen in das Zivilstandsregister eingetragen. Gabriel macht ein Foto des Registerauszugs und schickt es Carla. Sie schickt ihm wieder ein Herz-Emoji.

«Du wirst ein wunderbarer Vater sein», schreibt sie.

Gabriel liest Bücher über die Schwangerschaft und die kindliche Entwicklung, aber nur dann, wenn seine schöne, kluge Partnerin nicht bei ihm ist. Wenn er weiss, dass sie kommt, versteckt er die Bücher im Regal hinter anderen Büchern. Er sucht ein Geschäft mit Babyartikeln auf und schaut sich die Kinderwagen an, die Kuscheltiere und die winzigen Kleider. Er kauft ein paar gestreifte Söckchen. Die Söckchen legt er zu Hause in die Schublade zu seinen grossen Socken, und jedes Mal, wenn er die Schublade öffnet, überkommt ihn ein Glücksgefühl, ein kurzer Moment der Euphorie.

An einem Abend kommt Gabriel von der Redaktion nach Hause. Von der Schriftstellerei kann er nicht leben – wer kann das schon? – deshalb arbeitet er nebenbei für eine Tageszeitung. Er kommt nach Hause, und seine schöne, kluge Partnerin ist schon da. Sie sitzt am Küchentisch, und vor ihr liegen seine ganzen Heimlichkeiten, die Bücher über die Schwangerschaft und die kindliche Entwicklung und die winzig kleinen Socken.

«Du solltest mich mehr einbeziehen», sagt seine schöne, kluge Partnerin. «Findest du nicht, dass mich das Kind auch etwas angeht?»

«Ich will dich nicht noch mehr verletzen», sagt Gabriel.

«Deine Heimlichtuerei verletzt mich.» Sie schaut ihn an. «Auf das Kind kann ich mich vielleicht sogar ein bisschen freuen. Aber so», sie deutet auf die Bücher und die Söckchen, die er versteckt hat, «so komme ich mir ausgeschlossen vor. Ich …»

«Lass uns zusammenziehen», unterbricht Gabriel sie. «Lass uns heute noch zusammenziehen.»

Am Wochenende trifft Gabriel sich mit Carla. Sie wollen über die Zukunft reden, ihre Elternschaft besprechen. Namen für das Ungeborene suchen. Sie treffen sich ausserhalb der Stadt zu einem langen Spaziergang. Als Gabriel auf den Parkplatz in der Nähe des kleinen Sees fährt, ist Carla schon da und wartet an ihr Auto gelehnt. Ihr Mantel ist offen, und weil sie so schlank ist, sieht Gabriel ihr Bäuchlein, und Rührung überkommt ihn, auch ein kleines bisschen Angst, weil er bald Verantwortung für ein Kind, für sein Kind übernehmen wird.

«Da drin ist mein Kind», denkt er. «Mein Kind.» Er weiss, dass sein Kind nun, in der vierzehnten Schwangerschaftswoche, etwa fünfzig Gramm schwer und dreissig Millimeter gross ist, so gross wie eine Faust. Es kann am Daumen lutschen. Genetisch festgelegte Linien prägen seine äusserste Hautschicht auf den Fingerbeeren und Handflächen. Der Fingerabdruck seines Kindes ist bereits jetzt einzigartig.

Gabriel steigt aus und umarmt Carla. «Du siehst grossartig aus», sagt er und meint es so. Das Gesicht ist etwas fülliger, aber es steht ihr. Alle kleinen Fältchen sind verschwunden, ihre Augen glänzen, die Wangen sind leicht gerötet.

«Ich bin glücklich.» Carla drückt sich an ihn, er kann den Bauch spüren. «Es wird ein Mädchen. Ich bin absolut sicher. Ich spüre das.» Carla hält das Gesicht in den Wind, die Augen halb geschlossen.

«Ein Mädchen.» Gabriel hat einen Kloss im Hals. «Ein Mädchen wäre schön. Ich hätte gern eine Tochter.» Er schaut auf den See. Das Wasser ist dunkel, beinahe grau. Ein Entenpaar treibt schaukelnd über die Wellenkämme. «Wir könnten sie Freya nennen.»

«Freya», sagt Carla. «Das gefällt mir. Und Luna. Freya Luna. Die Göttin der Liebe und die Göttin des Mondes.» Sie lacht und wirft den Kopf in den Nacken. «Wir werden eine umwerfende Tochter haben.»

Sie sitzen einander im Restaurant gegenüber. Carla spiesst mit der Gabel ein paar Pommes auf.

«Wie stellst du dir unser Familienleben vor?», fragt sie.

«Ich weiss nicht», sagt Gabriel. «Mein Wunsch wäre, dass wir uns die Betreuung teilen. Nicht gleich am Anfang, ich meine, ein Baby braucht seine Mutter. Aber danach fände ich es schön, wenn das Kind zur Hälfte bei dir leben würde und zur Hälfte bei mir und meiner Partnerin.» Gabriel bemerkt Carlas entgeisterten Gesichtsausdruck und krebst zurück. «Oder vielleicht auch nicht zur Hälfte. Aber an zwei Tagen in der Woche. Das wäre doch auch gut für dich. Eine Entlastung, eine …» Carla lässt ihre Gabel auf den Teller fallen. Gabriel verstummt.

«Was soll das heissen?», fragt sie.

«Ich … Du hast gefragt, wie ich mir das Familienleben vorstelle. Deswegen sind wir heute doch hier? Wir wollen über die Zukunft reden, unsere Elternschaft regeln?»

«Aber doch nicht so! Nicht so! Das ist unser Kind, meins und deins. Deine Partnerin hat da nichts zu suchen. Du hast mich glauben lassen, dass ihr auseinander seid. Du hast mich glauben lassen, dass wir …» Sie hat Tränen in den Augen, beugt sich über den Tisch, greift nach Gabriels Hand. «Wir sind die Eltern, Gabriel, wir sind eine Familie. Wir gehören zusammen. Nur wir.»

Gabriel versucht, Carla zu beruhigen, spricht langsam und unaufgeregt. Er erklärt Carla, dass sie ihn falsch verstanden haben muss. Dass er weiterhin mit seiner Partnerin zusammen sei, mit ihr zusammen bleiben wolle. Er sagt, dass sie trotzdem eine Familie sein werden, eine erweiterte Familie, und dass das Kind es gut haben werde und dass es doch schön sei für ein Kind, so viele Menschen zu haben, die es liebten, und dass das ja auch nicht gleich am Anfang so sein werde, am Anfang lebe das Kind bei Carla, auf jeden Fall in den ersten Monaten, und dass sie für danach eine Lösung finden werden, eine Lösung, die für alle gut sei.

Carla lässt sich nicht beruhigen. Sie behauptet, er habe sie getäuscht. Sie habe ihn vor die Wahl gestellt, sich zu verabschieden oder seine Vaterrolle wahrzunehmen und mit ihr und dem Kind eine Familie zu sein. Sie sagt, sie wolle eine normale Familie, eine richtige Familie, und Gabriel habe ihr Hoffnungen gemacht, aber eigentlich hätte sie es wissen müssen. Er sei toxisch, sei schon immer toxisch gewesen und narzisstisch, zum Glück habe sie das jetzt erkannt, vor der Geburt.

Dann stürmt sie aus dem Restaurant, und die Gäste schauen ihr hinterher und dann schauen sie zu Gabriel, der noch immer an seinem Platz sitzt und sich fühlt wie damals, vor einigen Jahren, als er noch mit Carla zusammen war und alles immer so extrem war, so verschlingend, so ungesund, und er beinahe auseinandergerissen worden ist.

Gabriel ruft Carla an und textet ihr und sendet ihr E-Mails, aber sie reagiert nicht. Er fährt zu ihrer Wohnung und klingelt, aber sie öffnet nicht. Sie erwirkt ein Kontaktverbot gegen Gabriel. Ihr Anwalt führt aus, Gabriel gefährde die Gesundheit der Schwangeren und des Kindes. Er belästige die werdende Mutter telefonisch und per WhatsApp und er lauere ihr auf, versuche, sie vor der Wohnung abzupassen. Der werdenden Mutter gehe es psychisch schlecht, ihr Blutdruck sei zu hoch, und sie müsse bis zur Geburt vor Gabriel geschützt werden, da sie und das Ungeborene andernfalls Schäden davontragen könnten. Das Gericht glaubt dem Anwalt.

Trotz des Kontaktverbots schreibt Gabriel Carla erneut eine Nachricht. «Lass uns reden!», schreibt er. «Bitte! Wir müssen als Eltern an einem Strang ziehen.»

Diesmal antwortet Carla. «Du bist Gift für mich und für das Ungeborene», antwortet sie. «Bleib uns fern.»

Und dann kommt die Polizei und verhaftet Gabriel, weil er gegen das Kontaktverbote verstossen hat. Gabriel wird vorübergehend in Gewahrsam genommen und er erhält eine Busse.

Seine schöne, kluge Partnerin rät ihm danach davon ab, Carla noch einmal zu kontaktieren. «Lass sie zur Ruhe kommen», sagt sie. «Sie hat sich die Zukunft anders vorgestellt. Und vielleicht spielen auch die Hormone eine Rolle. Du musst Geduld haben.»

Gabriel hat Geduld. Er meldet sich nicht mehr. Er wartet. Er wartet und liest weiterhin in den Büchern über Schwangerschaft und frühkindliche Entwicklung und so weiss er, wie gross sein Kind ungefähr ist und was es alles schon kann im Bauch der Mutter.

Die Monate gehen vorbei. Gabriel denkt oft an Carla und an seine ungeborene Tochter. Er fühlt sich machtlos. Ausgeschlossen. Gelähmt. Er kann nicht mehr schreiben. Wenn er vor dem Computer sitzt, bringt er keinen Satz zustande. Er ist unleidlich gegenüber seiner schönen, klugen Partnerin. Irgendwann reicht es ihr.

«Bei allem Verständnis», sagt sie, «reiss dich zusammen. Fang an zu joggen. Hilf als Freiwilliger im Alterszentrum. Mach irgendetwas, das dich ablenkt.»

Gabriel beginnt zu laufen. Kurze Strecken erst, dann immer längere. Es wird zu seinem täglichen Morgenritual, er läuft bei jedem Wetter und danach fühlt er sich besser. Von Carla hört er noch immer nichts.

Wenige Wochen vor dem Geburtstermin wird Gabriel unruhig. Das müsse doch nun ein Ende haben, dieses kindische, egoistische, irrationale Verhalten, das Carla an den Tag lege, findet er, und er schickt Carla eine Sprachnachricht, obwohl er weiss, dass er das nicht tun sollte. Er sagt, dass es ihm leidtue. Dass er hoffe, dass es Carla gut gehe und dem Kind auch. Er sagt, dass er Verantwortung übernehmen wolle und dass er, auch wenn sie keine Beziehung führten, immer für Carla da sein werde und für seine Tochter sowieso.

Die Polizei kommt und nimmt ihn mit. Diesmal muss er ein bisschen länger in Gewahrsam bleiben, und die Busse ist etwas höher, und seine schöne kluge Partnerin ist wütend, weil er sich wieder hat hinreissen lassen. Sie streiten, weil Gabriel auf mehr Verständnis gehofft hat, und seine schöne, kluge Partnerin findet, sie zeige seit Monaten nichts als Verständnis und sie habe genug davon, dass es immer nur um Gabriel und Gabriel und Gabriel gehe. Dann fängt sie an zu weinen, und Gabriel muss auch weinen, und danach versöhnen sie sich zwar, aber die Beziehung ist brüchig, das spüren sie beide. Sie sind nicht mehr unbeschwert miteinander, sondern vorsichtig und abwägend.

Kurze Zeit später erfährt Gabriel, dass Carla geheiratet hat. Eine gemeinsame Bekannte hat ihm ein Foto geschickt, ein Foto von Carla in einem weissen, knielangen Spitzenkleid, ihr Bauch mit seiner ungeborenen Tochter drin ist gross und rund. Gabriel erkennt den Mann an Carlas Seite, es ist ihr Exfreund, derselbe Exfreund, über den sie in jener Nacht, in der die Tochter gezeugt worden ist, gelästert hat. Sie hat ihn ein Weichei genannt und gesagt, dass er ihr auf die Nerven gehe mit seiner Verliebtheit und seiner Anhänglichkeit.

«Vielleicht beruhigt sie sich jetzt», meint Gabriel zu seiner schönen, klugen Partnerin, aber sie weicht seinem Blick aus. «Was ist?», fragt er. «Was verschweigst du mir?»

Seine schöne, kluge Partnerin seufzt. «Gabriel», sagt sie. «Carla hat vor der Geburt des Kindes geheiratet. Wenn das Kind zur Welt kommt, wird Carlas Ehemann automatisch der Vater sein.»

«Was? Nein, du irrst dich. Ich habe den Vaterschaftstest gemacht. Und ich habe das Kind anerkannt. Ich bin als Vater im Register eingetragen.»

«Du wirst aus dem Register ausgetragen werden.»

«Nein.» Gabriel schüttelt den Kopf. «Nein. Das glaube ich nicht.»

«Ich weiss es, Gabriel», sagt seine schöne, kluge Partnerin sanft. «Es steht so im Gesetz. Der Ehemann gilt als Vater. Ich habe mit dem Amt telefoniert. Gefragt, was du machen kannst. Nichts, war die Antwort. Du kannst nichts machen, Gabriel.»