Und Federn überall - Nava Ebrahimi - E-Book
SONDERANGEBOT

Und Federn überall E-Book

Nava Ebrahimi

0,0
18,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 18,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ausgewählt als einer der »100 besten Romane des Jahres.« DIE ZEIT
Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird? Der neue Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz. Sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Ein Tag, der alles verändert.


Nebel liegt über den Feldern und dem Kanal. Es ist, als ob der Winter nicht zu Ende gehen will in der kleinen Stadt Lasseren im Emsland. Hier auf dem platten Land ist jahrein, jahraus nicht viel los. Wer Arbeit sucht, kommt an Möllring nicht vorbei, dem riesigen Geflügelschlachthof am Stadtrand. Für eine Handvoll Menschen beginnt dieser Montagmorgen mit großen Erwartungen. Sonia, alleinerziehende Mutter, hofft auf einen Job weit weg vom Hühnchen-Zerlege-Fließband. Für die junge Ingenieurin Anna steht mit dem Testlauf eines neuen Automatisierungsverfahrens bei Möllring so gut wie alles auf dem Spiel. Merkhausen wiederum, verlassener Ehemann mit einem Faible für Polinnen und zuständig für die Prozessoptimierung im Schlachtbetrieb, fiebert einem Date am Abend entgegen. Und dann ist da noch der geflüchtete Afghane Nassim, der sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt und fest daran glaubt, dass seine Gedichte die deutschen Beamten erweichen werden. Um diese zu übersetzen, ist Roshi, deutsch-iranische Autorin, extra aus Köln angereist. Als ein rücksichtsloser Fahrradfahrer dem sehbehinderten Mann mitten im Ort den Blindenstock kaputt fährt, bringt Nassim es mithilfe des örtlichen Radiosenders nicht nur zu lokaler Berühmtheit. Er bringt auch die Menschen dazu, der eigenen Wahrheit ins Auge zu sehen.

Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi taucht ein in das Leben einer kleinen Stadt im Emsland und verknüpft die Geschichten von sechs Menschen zu einem mitreißenden Gesellschaftsroman über die Frage: Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zum Buch

Der neue Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin: Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz. Sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Ein Tag, der alles verändert.

Nebel liegt über den Feldern und dem Kanal. Es ist, als ob der Winter nicht zu Ende gehen will in der kleinen Stadt Lasseren im Emsland. Hier auf dem platten Land ist jahrein, jahraus nicht viel los. Wer Arbeit sucht, kommt an Möllring nicht vorbei, dem riesigen Geflügelschlachthof am Stadtrand. Für eine Handvoll Menschen beginnt dieser Montagmorgen mit großen Erwartungen. Sonia, alleinerziehende Mutter, hofft auf einen Job weit weg vom Hühnchen-Zerlege-Fließband. Für die junge Ingenieurin Anna steht mit dem Testlauf eines neuen Automatisierungsverfahrens bei Möllring so gut wie alles auf dem Spiel. Merkhausen wiederum, verlassener Ehemann mit einem Faible für Polinnen und zuständig für die Prozessoptimierung im Schlachtbetrieb, fiebert einem Date am Abend entgegen. Und dann ist da noch der geflüchtete Afghane Nassim, der sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt und fest daran glaubt, dass seine Gedichte die deutschen Beamten erweichen werden. Um diese zu übersetzen, ist Roshi, deutsch-iranische Autorin, extra aus Köln angereist. Als ein rücksichtsloser Fahrradfahrer dem sehbehinderten Afghanen mitten im Ort den Blindenstock kaputt fährt, bringt Nassim es mithilfe des örtlichen Radiosenders nicht nur zu lokaler Berühmtheit. Er bringt auch die Menschen dazu, der eigenen Wahrheit ins Auge zu sehen.

Mit großer Erzähllust und feiner Ironie taucht Nava Ebrahimi ein in das Leben einer kleinen Stadt im Emsland und verknüpft die Geschichten von sechs Menschen zu einem mitreißenden Gesellschaftsroman über die Frage: Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird?

Zur Autorin

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, zählt zu den aufregendsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für Sechzehn Wörter wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Nava Ebrahimi studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der Financial TimesDeutschland sowie der Kölner Stadtrevue. Seit 2025 ist sie regelmäßige Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.

Nava Ebrahimi

Und Federn überall

Roman

Luchterhand

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Dieses Buch ist ein Roman und damit ein Werk der Fiktion. Alle darin enthaltenen eventuellen Anklänge an reale Geschehnisse oder Personen sind romanhaft verfremdet und stellen keinesfalls Schilderungen wahrer Begebenheiten dar.

Copyright © 2025 Luchterhand Literaturverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GSPR.)

Umschlaggestaltung: LNT Lübbeke, Naumann, Thoben, Köln

unter Verwendung eines Motivs von © Klaus Leidorf

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-30593-2V004

www.luchterhand-literaturverlag.de

facebook.com/luchterhandverlag

»Wenn Sie das Gewicht meines erschöpften Körpers an Ihrer Schulter spüren – wenn ich Ihren ängstlichen, alten Falkenkopf an meine Brust drücke, was fühlen wir denn da mit dem, was von unseren Herzen übriggeblieben ist?«

Tennessee Williams, Camino Real

Roshi

Sprühregen empfängt mich, ansonsten nicht viel, kein Bahnhofsgebäude, kein Bahnhofsvorplatz, nur je eine Haltestelle in beide Richtungen und eine Fußgängerbrücke über die Schienen. Wie immer bin ich falsch angezogen. Richtig für Köln-Ehrenfeld, falsch für hier. Ich trage einen Wollmantel ohne Kapuze. Doch, es gibt beides, schlechtes Wetter und schlechte Kleidung. Ich stelle mich im Wartehäuschen unter, um in meinem Telefon nachzusehen, wo ich bin. Die Stadtmitte, der Marktplatz, liegt eine Stunde zu Fuß entfernt. Die Pension ist noch ein Stückchen weiter weg. Die Route für Fußgänger unterscheidet sich nicht von der der Autos. Das verheißt nichts Gutes.

Ein Güterzug donnert an mir vorbei und nimmt die Papiertüte mit dem Müll mit, die ich auf meinem Rollkoffer abgelegt habe. Das Brotpapier und die Müsliriegelverpackung und die Zeitungsseiten und die leere Wasserflasche verteilen sich auf dem Gleisbett. Ich blicke mich um, aber da ist niemand mehr, vor dem ich für meinen Müll Rechenschaft ablegen muss. Die Handvoll Menschen, die mit mir ausgestiegen ist, ist längst weg.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich laut Navigation eine Stunde und elf Minuten zur Pension. Ich glaube ihr nicht. Auf der anderen Seite, hinter Gleis drei – wo ist Gleis zwei? – meine ich, eine Bushaltestelle zu erkennen. Ich trage meinen Rollkoffer, halb gefüllt mit Büchern, die Treppe zur Fußgängerbrücke hinauf und auf der anderen Seite der Gleise wieder hi­nunter.

An der Bushaltestelle sitzen zwei Migrakids und hören über ihre Handys Musik, die klingt wie ein akustischer Flummi. Ich suche nach den Fahrplänen, finde jedoch nur einen DIN-A4-Blatt großen Aushang für eine Linie, für die 1330. Aus der Dreißig hat jemand mit Edding eine Zwölf gemacht, und aus der Zwölf hat jemand eine Achtzehn gemacht.

Das ändert jedoch nichts daran, dass der Bus nur einmal stündlich fährt, und wenn er pünktlich war, habe ich ihn gerade verpasst.

»Ist der um 16.05 schon weg?«

»Ja«, antworten die Jungs im Chor.

Ich frage mich, weshalb sie dann hier he­rumsitzen, aber noch mehr frage ich mich, was ich jetzt tun soll.

Warten oder zu Fuß gehen?

Der Weg führt an einer Autostraße entlang, auf einem schmalen Fußgängerstreifen, auf dem ich meinen Rollkoffer hinter mir herziehe. Im Sekundentakt fahren Autos an mir vorbei, Auto nach Auto nach Auto, alle fahren in dieselbe Richtung, und fast immer sitzt darin eine Person allein. Manche drehen sich nach mir um, halb zumindest, fragen sich, was mit mir nicht stimmt, dass ich zu Fuß gehen muss, kein Auto besitze. Der Sprühregen sickert allmählich durch meine Kleidung, mehr und mehr spüre ich das Gewicht meines Mantels und die Kälte, die von unten an mir heraufkriecht.

Hoffentlich werde ich morgen nicht krank sein.

Mit einem schweren Kopf werde ich Nassim nicht helfen können. Um Gedichte zu übersetzen, braucht man einen leichten Kopf, vor allem, wenn von den übersetzten Gedichten so viel abhängt. Angeschlagen würde ich ihm sicher nicht helfen können, noch weniger als vermutlich ohnehin schon.

Und mit jedem Auto, das mich überholt, je länger ich gehe, desto unsinniger erscheint mir das alles.

Dass niemand anhält, um mich mitzunehmen.

Dass man so lebt.

Dass ich hier bin.

Sonia

Die Hennen. Sie wachte jeden Morgen mit den Hennen im Kopf auf. Sie wachte mit den Hennen im Kopf und auf dem Rücken liegend auf, mit offenem Mund und trockener Kehle. Sie schluckte. Noch während sie die Augen aufschlug, wurde ihr bewusst, dass sie wirklich dringend einen neuen Job brauchte. Im nächsten Moment schon hörte sie durch die halb offene Tür quietschende Autoreifen, Polizeisirenen, Schüsse, leiser als sonst, aber ganz eindeutig, die Große hatte den Gaming-PC angeschaltet, obwohl sie ihr das an Schultagen verboten hatte. Draußen herrschte noch Dunkelheit, die wenigen Lichtquellen im Raum ließen sie jedoch erkennen, dass die Uhr an der Wand gegenüber kurz nach sechs anzeigte. Schon rollte sich die Wut in ihr aus, doch nein, halt, halt, halt, der Tag war erst wenige Sekunden alt, sie hatte die Welt nicht einmal richtig scharf gestellt, wollte sie diese Woche wirklich so beginnen? Sie atmete ein und aus, und die Wut rollte sich zwar nicht wieder ein, aber stoppte auf halbem Wege. Sie verbuchte das als kleinen Erfolg, weil ihr die Ärztin gesagt hatte, sie solle Erfolge verbuchen, auch kleine. Die Glücksgefühle blieben allerdings aus, denn sie wusste, jetzt hatte sie die Wut bremsen können, ihr Körper hatte ihr rechtzeitig signalisiert, dass er für einen Wutausbruch noch nicht genügend Kraft besaß, aber sie war sich ziemlich sicher, dass sich die Wut heute irgendwann entladen würde, in wenigen Minuten womöglich oder spätestens am Abend, wenn es da­rum ging, diesen Kasten im Zimmer ihrer Tochter wieder auszuschalten. Sie hatte bereits gelernt, dass, je mehr sie sich vornahm, nicht auszurasten, es desto sicherer passierte. Also nahm sie es sich gar nicht erst vor.

Stattdessen bemühte sie sich, den Lärm positiv zu sehen, als Zeichen dafür, dass Leonie aufgewacht war und lebte. Das klappte nicht gut. Als Nächstes versuchte sie, die rasenden Geräusche und Gedanken in den Hintergrund zu drängen und sich zu konzentrieren, jetzt, da sie auf der ausgezogenen Couch im Wohnzimmer lag und niemand etwas von ihr wollte. Sie versuchte, diesen Moment zu nutzen und sich innerlich auf das Bewerbungsgespräch für den Job in der Lohnbuchhaltung vorzubereiten. Von der Zerlegung in die Verwaltung von Möllring, das wäre ihre Rettung. Im Geiste formulierte sie erste Sätze.

Guten Tag, mein Name ist Sonia Bose, ich bin ein pflichtbewusster Mensch, eine loyale Mitarbeiterin, ich fühle mich Möllring verbunden und gebe jeden Tag mein Bestes, an Gott glaube ich außerdem, und ich würde beiden, Möllring und Gott, wirklich gerne weiter dienen, aber neuerdings muss ich mir immer vorstellen, wie das ist, ein Leben mit verholzter Brust, aus irgendeinem Grund geht mir das im Moment sehr nah, und deshalb kann ich leider kein einziges Stück Filet mehr in die Hand nehmen, nie wieder, um keinen Preis, also geben Sie mir den Job in der Verwaltung, Amen, verdammt!

Nein, nein, nein, es war zu früh und sie offenbar noch nicht ganz bei Sinnen. Sie würde sich später, im Bus oder während der Mittagspause auf das Gespräch einstimmen und sich ein paar Sätze zurechtlegen.

Aber jetzt musste sie allmählich aufstehen.

Sie schlug die Bettdecke zur Seite und blickte an sich hi­nunter. Ihr Busen fiel schlaff den Brustkorb hinab. Wie fühlte sich das an, wenn die Enge in der Brust echt war? Wenn sich die Lungen nicht ausdehnen konnten? Und das Herz mit jedem Schlag an eine Wand stieß? Sie konnte nicht sagen, woher dieser Zwang, sich in die Hennen hineinzuversetzen, rührte. Hennen – sie dachte immerzu an Hennen, nicht an Hähnchen, und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass in ihrer Vorstellung nur die weiblichen Exemplare an Wooden Breast litten, an der Verhärtung des Brustfleischs, die männlichen hingegen nicht. Wieso bloß? Und wieso überhaupt das alles, wieso ließen diese Gedanken sie nicht mehr los?

Anfangs waren sie während der Schicht gelegentlich aufgeblitzt, dann immer häufiger, und mittlerweile zwangen sie sich ihr überall und jederzeit auf. Diese Gedanken drehten sich in ihrem Kopf unaufhörlich im Kreis, führten nirgends hin, höchstens zu einer Kündigung, weil sie ihre Abtastrate verschlechterten. Sie war vorher schon, als sie von den hellrosa Fleischlappen noch keine Verbindung zu den Hennen und von den Hennen noch keine Verbindung zu sich gezogen hatte, nicht die schnellste gewesen. Die Rumäninnen und Polinnen oder was auch immer hatten flinkere Hände. Kein Wunder, sie blieben ja nie lange da. Sie kamen und gingen, woher und wohin, das wusste Sonia nicht. Sie zählte zu den wenigen, die blieben, worüber sie froh sein musste.

Das sagte ihr Fallmanager im Jobcenter ständig: Seien Sie froh, Frau Bose, das ist nun einmal der größte Arbeitgeber, um den kommen Sie mit Ihrem beruflichen Werdegang in dieser Gegend kaum he­rum.

Ihr beruflicher Werdegang: abgebrochene Ausbildung zur Hotelfachfrau – sie war Mitte des zweiten Jahres schwanger geworden –, abgebrochene Ausbildung zur Notariatsgehilfin – der Notar hatte zu viel Alkohol getrunken, den Überblick verloren, Mist gebaut und wurde seines Amtes enthoben. Dann hatte sie einige Jahre halbtags im Einzelhandel gearbeitet. Unterirdisch schlecht bezahlt, hatte sie sich in mehreren Geschäften die Beine in den Bauch gestanden, aber solange Christian Hauptverdiener gewesen war, hatte es einigermaßen gereicht. Außerdem hatte Ruth, seine Großmutter, ihm regelmäßig ein paar Scheine zugesteckt, wohlweislich stets mit dem Hinweis, wie er sie zu verwenden habe. Er solle seiner Tochter davon Winterstiefel oder Regenkleidung kaufen, seinem Sohn einen neuen Fahrradhelm oder gleich ein ganzes Fahrrad.

Dann war Sonia wieder schwanger geworden, ungeplant. Während sie den Kinderwagen durch Lasseren rollte, scrollte sie auf dem Handy durch die Anzeigen mit Ausbildungsplätzen. Sie war inzwischen schlau genug, um zu wissen, dass sie einen Abschluss brauchte und dass sie sich auf Christian nicht verlassen konnte. Während sich ihre Freundinnen alle nacheinander in ihre Kleinfamilien zurückzogen und glücklich oder zumindest zufrieden wirkten, hatte Christian bereits spürbar genug von seiner Kleinfamilie. Die erste Begeisterung darüber, neues Leben gezeugt zu haben, war schnell gewichen und hatte den alten Bedürfnissen Platz gemacht, also nach der Arbeit auf der Couch liegen und am Wochenende online pokern. Sie schrieb etwa ein Dutzend Bewerbungen, während sie Luca schaukelte, stillte oder mit Brei fütterte, aber wer nahm eine zweifache Mutter um die dreißig mit zwei abgebrochenen Ausbildungen? Das war also ihr »Werdegang«, geprägt von gewöhnlichem und außerordentlichem Pech, der sie zur Geflügelschlachterei Möllring geführt hatte, wo schon ihre Mutter jahrelang am Band gestanden und Knochensplitter ertastet hatte.

Erst hatte sie die Stelle als Übergangslösung direkt nach der Trennung angenommen, für höchstens drei Monate, hatte sie sich geschworen. Aber nach drei Monaten hatten sie ihr einen Platz für Luca im Betriebskindergarten angeboten, deshalb hatte sie verlängert. Der Kindergarten, »Das Nest«, war gerade erst in einem neuen Flachbau am Rande des Betriebsgeländes eröffnet worden. Die Fensterfassaden fingen wirklich jedes bisschen Tageslicht für die Kleinen ein, und die Möbel aus massivem, hellem Holz empfingen sie mit sanft abgerundeten Ecken. In einem Raum hatten sie Platz zum Tanzen und Turnen, in einem weiteren für großflächige Kunstwerke. Draußen, im Garten konnten sich die Nestlinge und Ästlinge, wie die Kinder hier je nach Alter genannt wurden, in einer kleinen Hügellandschaft mit Sträuchern und Hütten verlieren und im Sommer Himbeeren und Kirschtomaten naschen. Luca ging so gerne hin, er liebte die Erzieherinnen, besonders Tante Marianne, wie er sie nennen durfte. Alles in allem trennten diesen und öffentliche Kindergärten Welten. Sonia brachte es nicht übers Herz, Luca dort herauszunehmen und ihm den Abschied von Tante Marianne zuzumuten, deshalb hatte sie ein weiteres Mal verlängert.

Der Abschied von seiner Erzieherin, glaubte sie, hätte Luca vermutlich härter getroffen als der Abschied von Christian, der sich nach der Trennung bald abgesetzt hatte, um sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Einen von vielen Lebensträumen. Eigentlich konnte beinah jedes denkbare Szenario zu seinem Lebenstraum werden, ausgenommen das Leben mit ihr und zwei Kindern in einer Dreizimmerwohnung in Vetteln, einem Ortsteil von Lasseren an der Ems, in der die Sockelleisten gemacht gehörten. Christian träumte abends auf der Couch so viele Leben, dass er sich kaum entscheiden konnte, welches davon er wahr werden lassen wollte, und so wäre er nach der Trennung beinah bei Ruth versandet und völlig seiner Spielsucht erlegen. Irgendjemand musste ihm den Teppich zur Strandbar in Portugal ausgerollt haben, jedenfalls schrieb er ihr plötzlich aus einem bunt angemalten Bretterverschlag an der Atlantikküste. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, wie er dort ab dem frühen Nachmittag sonnenverbrannt mit einem Bier in der Hand an der Theke stand, jetzt halt an seiner eigenen, und abwechselnd auf seinem Handy he­rumwischte, zockte, sich über schlechte Bewertungen im Internet aufregte und Mädchen in Triangel-Bikinis hinterherglotzte, während sich Kunden entnervt abwandten und im Geiste bereits die nächste schlechte Bewertung verfassten.

Wann hatte sie das letzte Mal von ihm gehört? Zwei Monate waren sicher vergangen, ja, an Leonies Geburtstag hatte er ihr ein Video von sich am Strand geschickt und etwas von »ihr müsst mich hier unbedingt mal besuchen« geredet, ohne dazuzusagen, wer die Flüge bezahlen würde. Eigentlich hasste sie ihn nicht, dazu war er zu wenig bösartig und zu schwach, zu naiv, aber für dieses Video hatte sie ihn doch ein bisschen gehasst. Er klang da­rauf sehr bemüht fröhlich, also gut möglich, dass er bald mit einem Berg Schulden vor der Tür stand. Sonia bereitete sich innerlich da­rauf vor, um ja nicht einzuknicken. Er konnte schließlich immer wieder zu seiner Großmutter zurück, vielleicht gab es etwas, das sie noch nicht verkauft hatte, um den Enkel aus dem Schlamassel zu ziehen. Ruth überwies Sonia jeden Monat von ihrer Rente dreihundert Euro für die Kinder, was sie sehr lieb fand. Nachdem sich ihr Enkel jeglicher Pflichten entledigt und aus dem Staub gemacht hatte, stand ihr das Geld zu, sie brauchte es, dennoch, Ruth musste das nicht tun. Sie war lieb, vermutlich zu lieb für Christian. Sie war der einzige Mensch, den er bisher nicht vergrault hatte, und da sie schon weit über achtzig war, würde ihm das vermutlich auch nicht mehr gelingen.

Sonia würde ihr die Kinder gerne häufiger vorbeibringen, abends und über Nacht vielleicht sogar, dann könnte sie ausgehen, in eine Bar oder in einen Club, wo sie sich ordentlich volllaufen lassen und einmal alles vergessen, wo sie tanzen und mit irgendwem he­rummachen könnte, den sie jedoch ganz sicher nicht mit nach Hause nehmen würde. Sie wollte im Morgengrauen allein in die leere Wohnung zurückkehren, sich im Stehen direkt aus dem Kühlschrank etwas in den Mund stopfen, in Klamotten ins Bett fallen, grunzen, rülpsen und einschlafen, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Sie hatte das Bedürfnis, sich maximal gehen zu lassen.

Aber die letzten Male, die sie die Kinder zu ihr gebracht hatte, hatte Ruth sich mehrmals nach den Namen ihrer Urenkel erkundigt. Immerhin schien sie zu bemerken, dass das nicht ganz normal war. Sie schien selbst irritiert darüber, und Sonia hatte das Gefühl, dass Ruth sich das Nachfragen irgendwann verkniff und ihre Urenkel mit »Kindchen« ansprach. Leonie besuchte ihre Urgroßmutter sowieso nur noch unter Androhung eines Zockverbots und schlug die Zeit dann bei Ruth mit dem Handy auf dem Sofa tot. Und außerdem, beschwerte sich Leonie nach den letzten Malen, rede diese neuerdings die ganze Zeit von den Polen, von Brautkleidern, die sie sich aus Gardinen genäht, und von allen möglichen Dingen, die sie ihnen gestohlen hätten.

Stimmt, das war Sonia ebenfalls aufgefallen.

Seit dem Zwischenfall am Ende ihres letzten Besuchs würde sie die Kinder wohl nur noch schwerlich zur Uroma kriegen.

»Was hast du plötzlich mit den Polen«, war es aus Leonie herausgeplatzt, während sie und die Kinder sich bereits im Flur die Schuhe anzogen.

»Nicht plötzlich«, antwortete Ruth da­rauf sehr ruhig, »sie waren schon immer da. Also sie waren nie weg, aber jetzt sind sie wieder da.«

»Hier? Wo?«

Luca blickte sich im Raum um, als könnten die Polen unter der Zimmerdecke kleben.

»Überall. Sie stecken in den Wänden, im Stubenschrank, und ich glaube, in den Leitungen. Ich höre sie manchmal, wenn ich den Hahn aufdrehe. Und neuerdings kommen sie sogar wieder ungeniert durch die Haustür herein.«

Ruth wandte sich direkt den Kindern zu:

»Ja, wisst ihr denn das alles gar nicht?«

Luca sah Sonia mit großen Augen an, fragend. Leonie unterdrückte ein Lachen.

Sonia hatte die Kinder schnellstmöglich hinausbugsiert.

Sie müsste mal ein längeres Gespräch mit Ruth suchen oder sie zum Arzt schicken oder sich bei den Nachbarn erkundigen – aber hey, Ruth war immerhin Christians Familie, nicht ihre. In jedem Fall war sie vermutlich zu alt, als dass man ihr zwei Kinder, eines davon pubertierend, anvertrauen konnte. Man musste froh sein, wenn es ihr gelang, sich ohne fremde Hilfe noch eine Weile um sich selbst zu kümmern.

Seit dem Geburtstagsvideo aus Portugal herrschte jedenfalls Funkstille mit Christian. Leonie und Luca fragten schon gar nicht mehr nach ihrem Vater. Sie wussten, was sie von ihm zu erwarten hatten. Nichts nämlich. Und Sonia wusste, dass diese frühe Einsicht ihre Kinder nicht davor schützte, lebenslang enttäuscht zu sein. Die frühe Einsicht zog die Enttäuschung lediglich in die Länge. Würde sie es schaffen, ihnen etwas gegen diese Enttäuschung entgegenzuhalten? Sie allein? Bei Luca – möglicherweise.

Luca zuliebe, des Kindergartenplatzes wegen, hatte sie den Arbeitsvertrag verlängert, und so würde aus einer Notlösung bald ein Jahr werden, dabei hatte Sonia sich immer geschworen, dass sie es besser machen würde als ihre Mutter. Überraschung! Sie hatte es genauso gemacht wie ihre Mutter. Sie hatte einen Mann, der über das frühkindliche Reifestadium selbst nie hinausgekommen war, zum Vater ihrer Kinder erkoren, sie hatte es eigentlich sogar schlechter gemacht, denn sie hatte im Gegensatz zu ihrer Mutter zwei Kinder gebraucht, um das wahrzuhaben. Und jetzt verblödete sie an dem Fließband, an dem schon ihre Mutter verblödet war. Zweimal hatte sie sich um eine andere Stelle im Betrieb beworben, bereits zweimal hatte sie keine Antwort erhalten und sich vorgenommen, es nie wieder zu versuchen. Als wüsste Möllring selbst, dass jemand nach einem Jahr in der Zerlegung für jede anspruchsvolle Tätigkeit unbrauchbar geworden war, dass das Gehirn sich selbst freiwillig abgeschaltet hatte, um diese Arbeit zu ertragen.

Das würde sie den Leuten im Bewerbungsgespräch heute am liebsten deutlich sagen, so richtig vor den Latz knallen, aber das wäre ein Schnitt ins eigene Fleisch. Deshalb würde sie wohl eher freundlich lächeln und mit sanfter Stimme etwas von sich geben wie:

Guten Tag, mein Name ist Sonia Bose, ich bin ein pflichtbewusster Mensch, eine loyale Mitarbeiterin, ich fühle mich diesem Unternehmen ebenso wie der katholischen Kirche verbunden und möchte mich als Schäfchen in der Herde unseres guten Hirten und Firmeninhabers Johann Möllring gerne beruflich weiter- und menschlich näher zu Gott hin entwickeln, in der Lohnbuchhaltung kann ich das sicher besser, da muss ich mich nicht dauernd fragen, ob Gott das alles so …

Nein, nein, nein, es hatte keinen Sinn. Bis zum Gespräch am Nachmittag musste sie sich heute irgendwann einmal in einer ruhigen Minute zusammenreißen und sich ein paar ernsthafte Gedanken machen. Dringend.

Die virtuellen Autoreifen des virtuellen Autos ihrer Tochter drehten im Stehen durch, das Geräusch bohrte sich auf kürzestem Weg in ihre Gehörgänge. Die Große schloss eilig die Kinderzimmertür. Wie sollte Sonia das deuten? War Leonie rücksichtsvoller geworden? Sollte sie das als kleinen Erfolg verbuchen? Oder aber Leonie war gewiefter geworden, geübter im Belügen und Betrügen?

Sonia bemühte sich, tief ein- und noch tiefer auszuatmen. Das sei wichtig, hatte ihr die Ärztin gesagt; gelegentliches bewusstes Ein- und Ausatmen im Alltag koste nichts und bewirke Wunder. Sonia hatte geistesabwesend genickt, weil sie so­gleich darüber nachgedacht hatte, ob die Ärztin das »koste nichts« so dahergesagt oder ob sie auf Sonias finanzielle Situation angespielt hatte. Diese ließ ihr kaum Luft, eigentlich gar keine.

Ob sie die Hausverwaltung bitten sollte, die Küche zu erneuern, und wenn diese das ablehnte – was sie hoffte –, stattdessen heraushandeln könnte, die Mieterhöhung zurückzunehmen?

Nein, auch dieser Gedanke führte zu nichts, sie würde sich nicht dazu durchringen, jemanden um etwas zu bitten.

Sie sollte sich auf das konzentrieren, was da war, was Fakt war: dass sie sich das Atmen leisten konnte und dass sie es allein beherrschte, ohne Hilfe, also versuchte sie gleich ein weiteres Mal, tief ein- und auszuatmen. Sie sah, wie sich ihr Brustkorb hob und wieder senkte. Sie versuchte es noch einmal, dieses Mal hielt sie kurz die Luft an, als sie glaubte, die Lungen maximal geweitet zu haben, und beim Ausatmen zog sie die Bauchmuskeln zusammen.

Ob es sich für die Hennen mit Wooden Breast etwa so anfühlte?

Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie die Tiere auf diese Weise aus ihren Gedanken verscheuchen.

»Guten Morgen, Hase, steh auf und hol Leonie, wir frühstücken«, sagte sie zu ihrem Sohn, der auf den Küchenfliesen saß und die Mähne seines Plüschlöwen kämmte. Luca ließ Kamm und Löwen fallen, rannte los und öffnete die Tür zu Leonies Zimmer.

Sogleich fluteten die Geräusche des Videospiels wieder die Wohnung.

»Frühstück ist fertig«, schrie Luca gegen den Lärm an.

Sonia war aufgestanden, hatte die Couch zusammengeklappt und war direkt ins Bad gegangen, sie hatte ignoriert und ignorierte jetzt weiter, dass die Große sich offenbar den Wecker gestellt hatte, um vor Schulbeginn heimlich zu zocken, ausgerechnet das Spiel, glaubte sie herauszuhören, das sie ihr verboten hatte, weil Leonie zu jung dafür war.

Heute konzentrierte sie sich auf das Bewerbungsgespräch, morgen auf Leonie.

»Steht schon alles auf dem Tisch?«, hörte sie diese aus ihrem Zimmer rufen.

Sonia ignorierte das ebenfalls und drehte stattdessen das Radio lauter. Sie steckte zwei Scheiben Brot in die Schlitze des Toasters und lauschte auf, als die Worte »afghanischer Lyriker« fielen. Natürlich, Afghanen, die Gedichte schrieben, musste es auch geben, das war ihr nur nie in den Sinn gekommen. Letzte Woche erst hatten sie morgens von einem syrischen Seifenproduzenten und seiner sechsköpfigen Familie berichtet, der Investoren suche, um eine neue Seifenproduktion im Emsland aufzubauen. Sechs Kinder! Wie machten die das nur? Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank, löffelte Instantkaffee hinein und übergoss diesen mit heißem Wasser. Zwei Kinder reichten ihr komplett, mehr würde sie nie im Leben schaffen. Und gab es eigentlich kein anderes Thema mehr als Flüchtlinge? Einerseits hatte sie es satt, andererseits wollte sie wissen, was einem afghanischen Lyriker in dieser Gegend passieren konnte. Sie drehte das Radio lauter. Der Moderator nannte den Namen des Flüchtlings, doch das, was Sonia davon verstand, vergaß sie gleich wieder. Der Lyriker sei sehbehindert, so der Moderator weiter, er lebe seit einem Jahr in Deutschland, seit einem halben Jahr in Lasseren und gehe vormittags regelmäßig mit dem Blinden­stock eine Runde spazieren. So auch gestern Vormittag. Doch gestern …

Der Toast sprang hoch. Sie legte je eine Scheibe auf die beiden Teller. Luca kam angerannt, setzte sich und kratzte mit dem Messer an der Butter he­rum. Sie setzte sich ebenfalls und rührte den Kaffee um.

»Das Fahrrad ist sehr schnell gefahren …«, hörte sie nun eine Männerstimme mit Akzent sagen.

Wenn er wirklich erst seit einem Jahr hier war, sprach er ziemlich gut Deutsch.

In kurzen Sätzen, als hätte er sie sich vorher zurechtgelegt, aber fast fehlerfrei erzählte er nun, wie er an der Kreuzung Nanzener Straße und Bundesstraße gestanden sei und gerade habe losgehen wollen, als ihm etwas den Stock aus der Hand gerissen habe.

Sonia kannte diese Stelle. Genau dort hatte sie Leonie einmal gewaltsam die Beere einer Eibe aus dem Mund pulen müssen. Leonie hatte sie einfach nicht ausspucken wollen und sich mit Händen und Füßen gewehrt. Ein Fußgänger war stehen geblieben, und sogar die Autos waren langsamer gefahren, und alle hatten sie misstrauisch beäugt.

»Ich habe das Fahrrad ganz kurz gesehen. Dann war der Blindenstock weg. Aus der Hand gerissen. Mit viel Gewalt«, sagte der Afghane.

Er wirkte betroffen. Sonia verstand nicht. Wieso brauchte er einen Blindenstock, wenn er das alles sehen konnte?

»Ich habe dem Fahrrad hinterhergeguckt. Dann war es schon weit weg, sehr weit weg. Da wusste ich, der Fahrer wird nicht anhalten. Er ist weitergefahren.«

Luca versuchte, die kalte Butter auf dem warmen Toast zu verteilen, und flüsterte die Flüche, die er bei seiner großen Schwester aufgeschnappt hatte. Aus seinem Mund klangen sie fast niedlich. Seufzend ließ er das Messer fallen.

»Wo ist die Wurst?«, fragte er.

»Im Kühlschrank.«

Luca sprang auf.

»Kühlschranktür erst anheben, dann zudrücken«, sagte Sonia mechanisch.

»Wir in der Redaktion sind schockiert über die Rücksichtslosigkeit des Fahrers oder der Fahrerin, und offenbar war die Person auch viel zu schnell unterwegs am Fußgängerübergang«, sagte der Moderator.

Fahrerin? Es musste ein Mann gewesen sein, Sonia konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau so eiskalt weiterfuhr.

Leonie kam aus ihrem Zimmer, und ohne den Blick vom Handy zu heben, griff sie in die Packung mit der Fleischwurst. Sie steckte sich mehrere zusammengerollte Scheiben in den Mund und beschwerte sich kauend: »Kannst du mal normale Fleischwurst kaufen, oder sind wir Moslems?«

»Schwein könnt ihr bei der Uroma haben«, sagte sie und behielt für sich, dass der Geruch der Hähnchenfleischwurst auch bei ihr neuerdings leichte Übelkeit verursachte. Rasch nahm sie einen Schluck Kaffee.

»Setz dich bitte ordentlich hin und gib mir dein Handy.«

Sie streckte Leonie die Hand entgegen.

Leonie reagierte nicht.

»Gib mir dein Handy!«

Leonie reagierte weiterhin nicht.

Sonia lehnte sich über den Tisch und zerrte ihr das Handy aus der Hand. Dabei warf sie ihre fast volle Kaffeetasse um.

Leonie lachte schrill auf, schlug sich jedoch sofort auf den Mund, als bereue sie es.

Der Kaffee bildete einen See auf dem weißen Küchentisch, während im Radio jetzt eine jüngere Frau sprach, die sicher aus der Gegend stammte.

»Ich habe die Szene von der anderen Straßenseite aus beobachtet und bin dann gleich zu ihm rübergerannt«, sagte sie etwas kurzatmig, als sei sie immer noch aus der Puste. Sie habe dem Fahrradfahrer hinterhergerufen, aber die Person habe Kopfhörer getragen und sei stur weitergefahren. Sie glaube, es sei eine Frau gewesen, fügte sie etwas ungläubig an. Die Augenzeugin schloss mit der Bemerkung:

»Unglaublich, wie rücksichtslos die Menschen geworden sind!«

Das stimmte, es stimmte total. In Sonia stieg Besorgnis auf, ein ungreifbares Unwohlsein, das sich für einen Augenblick in ihr ausbreitete wie der Kaffee auf dem Tisch.

»Verdammt, hör gefälligst auf zu lachen und hol was zum Aufwischen«, schrie sie Leonie nun zeitverzögert an.

Leonie machte keine Anstalten aufzustehen. Stattdessen sah sie dem Kaffee dabei zu, wie er über die Tischkante rann und auf den Boden tropfte.

Sonia fixierte ihre Tochter.

»Wir sprechen uns noch! Ab morgen werden hier andere Saiten aufgezogen!«

Sie stand auf, riss mehrere Blätter Küchenrolle ab, kontrollierte routinemäßig, ob Luca die Kühlschranktür richtig geschlossen hatte – hatte er –, und saugte mit dem Knäuel den Kaffee auf.

Der Moderator wies auf eine Spendenaktion von Möllring für einen neuen Blindenstock hin, außerdem erzählte er etwas von einem Gedichtband, den der Afghane bald gemeinsam mit einer deutsch-iranischen Schriftstellerin veröffentlichen werde, deren Name Sonia ebenfalls sogleich vergaß.

Es folgte Musik, Tina Turner, What’s Love got to do with it.

Sonia drehte das Radio leiser, setzte sich wieder und klopfte mit den Fingernägeln rhythmisch auf die leere Kaffeetasse. Klar, dass der Möllring sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, seine Frömmigkeit unter Beweis zu stellen. Stattdessen sollte er dem Afghanen lieber einen Job anbieten, und irgendjemand sollte den Afghanen und generell alle Flüchtlinge dazu verpflichten, ihn anzunehmen. Wieso konnte er auf Kosten des Staates spazieren gehen und Gedichte schreiben, die eh niemand las? Er könnte prima in der Zerlegung arbeiten, so wie sie, ja, wieso nicht, ein Blinder oder Halbblinder oder was auch immer er war, wäre ideal für ihren Job. Blinde konnten besonders gut tasten, hieß es, oder nicht? Vermutlich viel besser als sie. Wieso bloß kam niemand auf die Idee?

Sie ließ das Display von Leonies Handy aufleuchten. Jetzt war sie schon so lange wach und doch wieder spät dran. Sie rief nach Luca und Leonie, die sich unbemerkt vom Tisch entfernt hatten. Keiner von beiden antwortete.

»Ins Bad ihr beiden, sofort«, schrie sie und stellte erst dann fest, dass Luca bereits dort war und sich die Zähne putzte. Mit großen Augen sah er sie an. Sie ging weiter zum Kinderzimmer, wo Leonie an ihrem Schreibtisch stand und in aller Seelenruhe einen Haufen Zettel zu einem Stapel zusammenschob oder zählte oder etwas in der Art. Sie blieb in der Tür stehen.

»Du musst los, und du hast noch nicht einmal Zähne geputzt! Du schreibst heute eine Mathearbeit, verdammt!«

Leonie antwortete nicht. Sie hob nicht einmal den Kopf. Sonia ging auf sie zu und griff nach ihrem Oberarm, Leonie wimmelte sie ab wie eine Stubenfliege, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

»Fick dich.«

Hatte sie richtig gehört?

»Was hast du gesagt?«

Leonie hantierte weiter mit den Zetteln he­rum.

»Antworte mir gefälligst!«

Wieder keine Reaktion.

Sonia hatte genug, sie riss ihr die Zettel aus der Hand und schmiss sie auf den Boden.

Leonie bückte sich, um sie aufzusammeln.

»Fick dich.«

»Wie bitte?«

Sie packte Leonie am Oberarm, zerrte sie hoch und bohrte ihr mit ihrer ganzen Wut und mit voller Absicht, ihr wehzutun, die Fingernägel ins Fleisch. Leonie wiederum antwortete mit einer Kraft, die sie nicht kannte, sie schüttelte Sonias Hand ab und trat ihr einmal heftig auf den Fuß. Sonia wich zurück, erschrocken und für einen Moment lang offensichtlich machtlos. Doch das durfte nicht sein.

»Leonie, guck mich an«, sagte Sonia sehr eisern, so, stellte sie sich vor, klang Autorität. Und tatsächlich, Leonie guckte sie an, sie sah ihr direkt und so hasserfüllt ins Gesicht, dass Sonia wünschte, sie hätte ihr das lieber doch nicht befohlen. Erst jetzt spürte sie den Schmerz im rechten Fuß.

»Fick dich«, sagte Leonie nun eindeutig.

Sonia gab ihr eine Ohrfeige.

Stille breitete sich aus, und Sonia vergaß kurz, in welcher Beziehung sie zu diesem Menschen stand. Sie musste erst sich selbst und diese Szene zurechtrütteln, damit ihr wieder einfiel: Es war ihr Kind, das sich gerade die Wange hielt und die Spuren betrachtete, die ihre Fingernägel auf dem Oberarm hinterlassen hatten. Vier dunkelviolette Halbmonde.

Wie die Storchenbisse, die Leonie bei ihrer Geburt übersät hatten, im Gesicht und sogar an den Armen. Da musste der Storch wohl mehrmals zupacken, hatte die Hebamme gescherzt und ihr Leonie auf die Brust gelegt. Ein kleines rosa Bündel, vermeintlich unschuldig, hilflos und bereit, Liebe zu empfangen, aber selbst der Storch war offenbar nicht mit ihm fertiggeworden. Und es war auch nicht dazu bereit, etwas zu empfangen, dafür war es viel zu gierig, es forderte alles ein, jetzt und sofort. Sonia kam mit Milch und Liebe kaum hinterher, dabei war sie voller guter Absichten ins Muttersein gestartet.

»Die zeige ich dem Schularzt, und dann kommt das Jugendamt!«, schrie Leonie.

Sonias Brustkorb hob und senkte sich schwer, ihr Herz darin drohte zu explodieren. Was war das nur für eine besonders perfide Art von Monster, das sie selbst geschaffen hatte? Sie rannte aus dem Zimmer, zog den Schlüssel aus dem Schloss, steckte ihn von der anderen Seite wieder hinein und drehte ihn zweimal um.

Leonie rüttelte an der Klinke.

»Spinnst du? Lass mich raus! Sofort! Ich schreibe gleich eine Mathearbeit!«

Sonia trat einen Meter zurück und erstarrte. Leonie trommelte mit den Fäusten gegen die Tür. Sie besaß so viel Kraft, dass der Schlüssel bei jedem Hieb beinah aus dem Schloss fiel. Was sollte sie als Nächstes tun? Wenn sie die Tür jetzt öffnete, würde sie das Tier bändigen können?

Leonie schien abzulassen, jedenfalls wurde es plötzlich still. Aus dem Zimmer drang kein Laut mehr. Sonia trat näher heran, näher, ganz nah, und legte ein Ohr an die Spanholzplatte. Ein jähes Poltern durchriss die Stille, die Tür bebte in den Angeln und krachte gegen ihre Ohrmuschel. Sonia wich zurück. In ihrem Ohr erklang ein Piepton. Leonie trat ein weiteres Mal dagegen, wieder mit voller Wucht, sie legte es offensichtlich da­rauf an, das Holz zu zerschmettern.

Sonia sah nun alles klar. Sie hatte gar keine andere Wahl gehabt, als ihre Tochter einzusperren.

»Geh ruhig zum Jugendamt«, sagte sie laut und mit fester Stimme, »dein Vater will dich sowieso nicht, niemand will dich, du bist ein Kotzbrocken, und nur ich allein auf der Welt halte dich länger als einen einzigen Tag aus, weil ich allein dich vierundzwanzig Stunden lang aus mir herausgepresst habe und ich allein auf der Welt dafür verantwortlich bin, dass ich dich da nicht wieder hineinkriege!«

Sie war überzeugt davon, das in diesem Moment aussprechen zu müssen.

Stille. Sonia atmete flach, lauschte. Der Piepton in ihrem Ohr hielt an.

»Mama? Mama!«

Leonie musste jetzt direkt hinter der Tür stehen. Sie hörte sie sogar atmen.

Wann hatte Sonia ihre Tochter das letzte Mal auf diese Weise Mama sagen hören? So bedürftig? Sie spürte, wie etwas in ihr sofort da­rauf reagierte und die Nervenbahnen in ihrem rechten Bein den Impuls erhielten, einen Schritt Richtung Kinderzimmertür zu setzen. Aber nein, nein, nein, sie widerstand.

Leonie klopfte gegen die Tür.

»Mama? Mama!«, erklang es weinerlich. »Bitte, mach auf, ich muss in die Schule, du verstehst das nicht, aber ich muss in die Schule, bitte, sonst bin ich tot!«

Sonias Nackenmuskulatur verkrampfte, ihre Schultern zogen sich zusammen. Sie durfte jetzt nicht schwach werden, sie war an diesem Punkt immer schwach geworden, und Leonie hatte das immer ausgenutzt, gnadenlos und bis zum Letzten. Deshalb kam es genau an diesem Punkt da­rauf an, hart zu bleiben. Es war höchste Zeit, dass Leonie die Konsequenzen ihres Verhaltens spürte.

Schon wurde das Klopfen wieder lauter und lauter, bis ein Hämmern daraus wurde, und aus dem zaghaften »Mama« ein gebrülltes »Sonia«. Das war neuerdings Leonies Masche; indem sie ihre Mutter mit dem Vornamen ansprach, glaubte sie, sie zu bestrafen.

»Das ist Freiheitsberaubung«, schrie Leonie, »du zerstörst mein Leben, ich hasse dich, ich hasse euch alle, ich hasse dieses Scheißleben!«

Nicht ernst nehmen, diese Worte, ja nicht ernst nehmen, Sonia, dieses Kind weiß genau, wie es dich ängstigt und verletzt, du musst dir eine dickere Haut wachsen lassen, sonst überstehst du die kommenden Jahre nicht, aber das musst du, du musst, du musst, du musst, du hast schließlich zwei Kinder zu versorgen …

»Mama?«, hörte sie es nun hinter sich. Luca stand dort, berührte ihren Ellenbogen. »Mama«, sagte er noch einmal, und in seinem Gesicht entdeckte sie ihre Verwirrung. So ging das nicht, sie musste sofort die Kontrolle zurückgewinnen.

Augenblicklich durchfuhr es ihren Körper mit neuen Signalen.

»Hase«, sagte sie und strich Luca über den Kopf, »ich schmiere uns schnell Brote.«

Mit einem ungewohnten Gefühl von Erleichterung ging Sonia in die Küche und schnitt mehrere Scheiben vom Roggenbrot he­runter, beschmierte sie mit Butter und verteilte diese besonders gründlich, besonders achtsam, mit besonders viel Liebe. Von Lucas Brot schnitt sie den Rand ab, das erhöhte dessen Chance, gegessen zu werden, für sich packte sie zwei extradicke Doppeldecker in die Dose. Das Geschrei im Hintergrund blendete sie einfach aus, das konnte sie sehr gut, dieser Qualifikation war sie sich bisher nicht bewusst gewesen. Es gefiel ihr sogar ein bisschen, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Es gefiel ihr, zu glauben, alles könnte so einfach sein. Und wie angenehm es war, sich in Ruhe um Luca kümmern zu können.

»Luca?«

Luca hatte schon den Rucksack aufgesetzt, Schuhe und Jacke an und wartete mit ängstlichem Gesichtsausdruck vor der Tür. Dieser Anblick trübte ihre Stimmung wieder leicht ein. Als die Ärztin ihr damals dieses Bündel auf die Brust gelegt hatte, war da schon diese Enge gewesen, und ihre Drüsen hatten die Milchproduktion verweigert. Dabei hätte dieses Bündel alle Milch verdient gehabt.

»So, und jetzt Abmarsch.«

Sie bemühte sich, beschwingt zu klingen.

Sie packte Luca das Pausenbrot in den Rucksack, warf Handy und Schlüssel in die Handtasche, stieg in die Stiefeletten und zog sich die Jacke über, während sie die Wohnungstür hinter sich schloss. Sie öffnete sie wieder, eilte in die Küche und packte Leonies Handy in ihre Tasche.

Sie verriegelte die Wohnungstür doppelt, was ihr abermals Genugtuung verschaffte. Sie hatte die Kontrolle über diesen unaufhörlich wachsenden, kräftiger werdenden Menschen zumindest für einen Tag zurückgewonnen, konnte zumindest heute den Schaden, den er anzurichten in der Lage war, auf zwölf Quadratmeter begrenzen. Luca sagte nichts, verfolgte jedoch jede ihrer Bewegungen ganz genau. Während sie auf den Aufzug warteten, hörten sie noch, wie Leonie die Tür bearbeitete und fluchte, aber als sich die Aufzugtür hinter ihnen schloss, war es endlich vorbei, und Sonia atmete einmal so tief durch, wie es ihr eben möglich war.

Im Bus beobachtete sie Leonies Klassenkameradinnen. Deren Lippen schimmerten alle in demselben Rosa. Mit einer von ihnen, Emily, war Leonie bis vor Kurzem befreundet gewesen. Inzwischen aber nicht mehr, inzwischen war sie anscheinend einzig mit dem Jungen aus dem ersten Stock befreundet, wenn man das so sagen konnte, denn sie trafen sich meist nicht einmal wirklich, nur virtuell.

Die Klassenkameradinnen fragten sich gegenseitig in Mathe ab und bestärkten einander darin, dass sie nichts wussten, obwohl sie alles wussten. Diejenige, die zuerst die richtige Antwort parat hatte, wurde von Emily mit dem Mathebuch auf den Kopf geschlagen. Sonia hätte ihr gerne das Buch aus der Hand gerissen, damit das aufhörte. Stattdessen wandte sie den Blick ab und schaute aus dem Fenster. Diese Mädchen waren mit ihren rosa Lippen auf dem Weg zur Schule und schrieben fehlerfreie Mathearbeiten und machten Abitur und verdienten später viel Geld und heirateten obendrein besserverdienende Männer. Und Leonie nicht, aber daran war sie selbst schuld. Oder war sie, Sonia, daran schuld? Ausgerechnet die Mathearbeit versäumte Leonie, das war das einzige Fach, in dem sie akzeptable Noten nach Hause brachte.

Eine Welle der Panik erfasste Sonia. Sie griff nach Lucas Hand und sprang auf. Was hatte sie bloß getan? Zwei Haltestellen, dann wäre sie da, doch sie konnte unmöglich aussteigen, sie musste zurückfahren und Leonie freilassen, es ging nicht anders, sie konnte ihren Fehler korrigieren, aber dann käme sie zu spät zur Arbeit und Luca zu spät zum Morgengebet, beides war schlimm, beides mochten sie bei Möllring gar nicht, und es war bereits vergangene Woche passiert, weil Luca sich morgens vollgekotzt hatte, und die Woche davor hatte Leonie mit Angina im Bett gelegen. Sie konnte nicht zurückfahren.

»Mama, aua, das tut weh«, sagte Luca.

Sonia fiel erst jetzt auf, dass sie seine Hand fast zerdrückte. Sie ließ sie los.

An der nächsten Haltestelle wartete ein Mann im Rollstuhl. Der Busfahrer seufzte. In Zeitlupentempo hievte er sich aus dem Sessel und klappte die Rampe aus, in Zeitlupentempo richtete er sich wieder in dem Sessel ein, bevor er gemächlich den Blinker setzte und losfuhr. Sonia setzte sich wieder. Der Bus verließ den Ort. Zwei, drei Minuten würde sie auch heute zu spät kommen.

Sie streichelte Lucas Hand.

»Entschuldige, entschuldige, Hase.«

Merkhausen

Wie jeden Morgen betrat er als Erster das Bürogebäude. Wenn der Reinigungstrupp es gerade verlassen hatte, wenn der Schriftzug Möllring über dem Eingang noch nicht leuchtete. Er liebte die Ruhe im Foyer, die nur er mit seinen entschlossenen Schritten und dem Abstellen seines Aktenkoffers vor dem Lift durchbrach. Er mochte, wie der Teppichboden in den Gängen der fünften, der obersten Etage, das Geräusch seiner Schuhsohlen verschluckte und wie Drucker und Kopierer im Schlafzustand leise vor sich hin surrten. In der Küche bot sich ihm die Kaffeemaschine sauber und jungfräulich, aber bereits eingeschaltet dar, sodass er nur eine Tasse platzieren und einen Knopf drücken musste. Wenige Minuten später schon knipste er die Lampe auf seinem Schreibtisch an, und das war sein Lieblingsmoment des Tages, in diesem Moment fühlte er sich auf unerklärliche Weise erhaben, besonders montagmorgens. Montagmorgens lag die ganze Woche frisch ausgerollt vor ihm, fünf Tage voller Potenzial. Die Deckenlampen ließ er wie immer aus, der Lichtkegel auf dem Schreibtisch genügte ihm. Sein Büro war kleiner als das der anderen Führungskräfte, dafür trumpfte es mit einer schöneren Aussicht auf, mit der schönsten Aussicht, die in einem Industriegebiet möglich war. Diese genoss er allerdings erst später, frühestens gegen Mittag. Morgens, von sechs bis acht, arbeitete er normalerweise so konzentriert wie den ganzen Tag nicht mehr.

Nur heute leider nicht, heute war er abgelenkt. Ständig ließ er das Display aufleuchten, obwohl das Handy ohnehin tönte, wenn eine neue Nachricht einging. Seit Samstagabend hatte er nichts mehr von ihr gehört, seit er ihr vorgeschlagen hatte, dass sie heute Abend zusammen ein Glas Wein trinken könnten. Er hatte sich nach vier misslungenen Dates auf »Glas Wein« verlegt, weil ihn jedes Mal essen gehen zu viel Zeit und Geld kostete. Binnen weniger, allerspätestens sechzig Sekunden hatte er nämlich jedes Mal gewusst, dass ihm die Dame nicht gefiel und niemals gefallen würde. Anstrengend genug, ihr dann in einem Restaurant eineinhalb Stunden gegenübersitzen und Konversation führen zu müssen, aber der Hunderter, der dabei draufging, schmerzte ihn richtig. Vor allem, weil er das Essen in dieser Situation nicht einmal genießen konnte, es eigentlich nur zügig hinter sich bringen wollte. Er war nicht geizig, da­rauf legte er Wert. Er war effizient. Die Damen vergeudeten schließlich ebenso ihre Zeit, von der sie, fast alle über fünfzig, keine zu verlieren hatten.

Aber vielleicht deutete Justyna, wie sie sich nannte, seine Einladung auf ein Glas Wein als Geiz? Frauen deuteten alles Mögliche, besonders die älteren und ganz besonders jene, die schon länger im Dating-Business aktiv waren.

Jedenfalls herrschte im Chat mit ihr seit zwei Tagen Stille. Sie hatte davor nicht wahnsinnig oft geschrieben, aber doch regelmäßig. Sie wirkte insgesamt eher zurückhaltend, das gefiel ihm, sie schien es nicht ganz so nötig zu haben wie die anderen vier, die er bislang getroffen hatte. Zugegebenermaßen eher halbherzig, weil keine seinem Typ entsprochen hatte. Wieso glaubten alle Polinnen, dass sich deutsche Männer nur für sie interessierten, wenn sie möglichst jung und unterwürfig wirkten, wenn sie sich leicht bekleidet und mit einer dicken Schicht Make-up präsentierten? Er schätzte Brüste, schon, ja, aber sie mussten ihn nicht gleich auf dem ersten Profilbild anspringen wie ungestüme Hunde.

Justyna, wenn sie denn tatsächlich so hieß, zeigte sich auf ihrem Foto ganz anders. Mit zusammengebundenem Haar, vor einer weißen Wand direkt in die Kamera blickend, höchstens einen Hauch lächelnd. Sie trat dem Betrachter selbst­sicher entgegen, ohne arrogant zu wirken. Sie wirkte sehr zufrieden, beinah erleuchtet. Sie versuchte nicht, ihr Alter zu übertünchen, sie war kaum oder gar nicht geschminkt. Für die Rubrik »Über mich« hatte sie als einzige Frau auf der ganzen Plattform etwas Aussagekräftiges formuliert. Da stand:

Legen wir die Masken ab. Reden wir darüber, was du brauchst und was ich brauche. Für eine komplizierte Beziehung bin ich zu alt. Danke für dein Verständnis.

Das hatte gesessen, hatte bei ihm voll ins Schwarze getroffen, ihn wirklich pfeilartig durchbohrt. Diese sehr eigene Mischung aus Sanftmut und Hands-on-Mentalität, aus Höflichkeit und Pragmatismus entsprach ihm sehr, appellierte exakt an sein Bedürfnis. Je tiefer er sich in ihre Worte hineingrub, desto mehr spornten sie ihn an. Er hatte beim ersten Anblick ihres Profilfotos bereits ein gutes Gefühl gehabt, und das war ihm noch nie passiert. Das hatte er ihr gleich mitgeteilt im Chat, worauf sie allerdings nicht eingegangen war. Egal, er musste diese Frau treffen. Er öffnete die Internetseite und betrachtete zum zigsten Mal ihr Bild. Den Kettenanhänger, das Kreuz, hatte er bisher nicht wahrgenommen. Das musste aber bei einer Polin nichts heißen, oder? Ein Kreuz konnte ein reines Modeaccessoire sein, oder nicht? Er war zwar selbst katholisch, aber auf eine echte Katholikin verspürte er wenig Lust, mit Katholizismus wurde er von den Möllrings genug getriezt. Allerdings versprach eine gläubige Frau, eine treue Frau zu sein. Das behaupteten zwar ausnahmslos alle Damen auf der Plattform, aber so sexy, wie die sich präsentierten, nahm er ihnen das kein Stück ab.

Eine Polin hatte er sich insgeheim schon immer gewünscht, dieses Bedürfnis jedoch lange unterdrückt. Man suchte sich eine Frau schließlich nicht nach Staatsangehörigkeit aus. Man blätterte doch nicht in einem Katalog von Thailänderin zu Philippina zu Polin. So jemand war er nicht. Wollte er nicht sein.

Irgendwann vor einigen Jahren hatte er sich allerdings zugestanden, jemand zu sein, der sich in der Kantine gelegentlich neben eine Gruppe Polinnen setzte und vorgab, auf seinem Smartphone Nachrichten zu lesen, während er in Wahrheit den Gesprächen lauschte. Er bemühte sich nicht, den Inhalt ihrer Unterhaltung zu verstehen. Worüber die Frauen sprachen, interessierte ihn ohnehin nicht, er genoss bloß den Klang der Sprache.

In der Zerlegung arbeiteten an die hundert Polinnen, und damals, als er bei Möllring angefangen und im Vorbeigehen die ersten Wörter auf Polnisch aufgeschnappt hatte, begann er zu verstehen: Es war die Sprache, nach der er sich sehnte. Er nahm diese Spur auf wie ein Hund eine Fährte, und wann immer es ihm unauffällig möglich war und in seinen Zeitplan passte, suchte er fortan die Nähe der Arbeiterinnen. Gegen Schichtende zum Beispiel gab er vor, jemanden an der Hygieneschleuse zu suchen, oder er holte sich zu ihren Pausenzeiten einen Snack in der Kantine.

Er spürte förmlich, wie schon Deutsch mit polnischem Akzent etwas in ihm auslöste. Ihn öffnete. Ihn erweichte.

Dabei war Babcia keine weiche Frau gewesen, im Gegenteil, aber genau deshalb hatten sich die seltenen Fälle, in denen sie ihn in den Arm genommen und mit Polnisch übergossen hatte, besonders tief in seiner Erinnerung abgelagert. Seine Mutter hatte ihrer Mutter verboten, Polnisch mit ihm zu sprechen, und Babcia hielt sich seltsamerweise daran, obwohl sie sich sonst von ihrer Tochter nichts sagen ließ. Es gab jedoch Momente – er hatte keine Ahnung, wie viele es gewesen waren –, in denen sie allein waren, da brach die Großmutter aus und offenbar direkt in Merkhausens Herz ein, der in diesen Momenten nicht Peter, sondern Piotr war, und jedes Mal nahm sie ein Stück mit. Diese Stücke fehlten ihm seither.