Und ICH bin die Rache - Kai Kistenbrügger - E-Book

Und ICH bin die Rache E-Book

Kai Kistenbrügger

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Beschreibung

Vor ein paar Jahren hat Hauptkommissar Thomas Bader einen schwerwiegenden Fehler begangen. Entgegen der Empfehlungen des Polizeipsychologen hat er eine Bank stürmen lassen, in der ein psychisch labiler Bankräuber mehrere Geiseln gefangen hielt. Im folgenden Schussgefecht blieb der Geiselnehmer leider nicht das einzige Opfer. Acht Jahre später hat Bader die schrecklichen Erinnerungen hinter sich gelassen, bis auf dem Polizeirevier ein Mann auftaucht und behauptet, jemanden umgebracht zu haben. Nach eigenen Aussagen kann er sich an nichts erinnern, seine Kleidung ist jedoch blutverschmiert. Bevor Bader begreift, was ihn mit diesem heruntergekommenen Mann verbindet, sieht er sich mit einer tödlichen Schnitzeljagd konfrontiert, bei der nicht weniger als sein Leben und das Leben unschuldiger Menschen auf dem Spiel stehen.

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Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Kai Kistenbrügger

Und ICH bin die Rache

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

5:15 Uhr

7:31 Uhr

7:53 Uhr

8:32 Uhr

8:45 Uhr

8:56 Uhr

9:03 Uhr

9:09 Uhr

9:23 Uhr

9:45 Uhr

10:13 Uhr

10:24 Uhr

8 Jahre zuvor

11:12 Uhr

11:21 Uhr

8 Jahre zuvor

11:24 Uhr

11:27 Uhr

11:32 Uhr

11:37 Uhr

11:39 Uhr

11:55 Uhr

12:35 Uhr

12:37 Uhr

12:47 Uhr

12:53 Uhr

13:17 Uhr

13:20 Uhr

13:43 Uhr

13:53 Uhr

14:01 Uhr

14:23 Uhr

14:26 Uhr

14:35 Uhr

14:39 Uhr

14:58 Uhr

15:12 Uhr

15:21 Uhr

15:24 Uhr

15:43 Uhr

15:59 Uhr

16:02 Uhr

16:06 Uhr

16:11 Uhr

16:23 Uhr

16:25 Uhr

16:29 Uhr

16:39 Uhr

16:40 Uhr

16:47 Uhr

17:03 Uhr

17:12 Uhr

3 Tage später

Impressum neobooks

Prolog

„Ich habe gesagt, ihr sollt ruhig liegen bleiben! Liegen bleiben!“

Seine Stimme hallte unangenehm schrill von den Wänden des kleinen Vorraums wieder, während er wild und ziellos mit seiner Waffe vor den verschreckten Bankkunden hin und her fuchtelte. Doch auch ohne seine Anweisungen hätte es keine der Geiseln gewagt, auch nur einen Ton von sich zu geben, oder sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Der Mann wirkte wie eine tickende Zeitbombe, unberechenbar und unkontrolliert, die bei der kleinsten Bewegung hochzugehen drohte. Er brauchte seine Gefährlichkeit nicht zu betonen; jeder im Raum fürchtete bereits um sein Leben.

Lea schluchzte leise auf. Christina legte ihr in einer verzweifelten Geste die Hand über den Mund. Sie weinte ebenfalls, als sie das heftige Schluchzen ihrer Tochter zu unterdrücken versuchte. Dabei war Lea nicht das einzige Kind, das leise weinte. Mindestens drei weitere Kinder hatte Christina gesehen, bevor der Mann in die Bank gestürmt gekommen war und den beschaulichen Tag in einen entsetzlichen Alptraum verwandelt hatte. Die anderen Kinder versteckten sich irgendwo außerhalb ihres Sichtfeldes zwischen den Erwachsenen. Christina konnte sie leise jammern hören. In der letzten Reihe erklang das dumpfe, unterdrückte Wimmern eines kleinen Jungen. „Zu laut“, dachte sie panisch, „viel zu laut!“ Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Verrückte auf das laute Weinen der Kinder aufmerksam werden würde. Doch was sollten sie tun? Christina war noch nicht einmal in der Lage, ihre eigene Angst zu verbergen. Wie konnte sie von Lea verlangen, sich nicht vor diesem Mann zu fürchten? Sie verstanden vielleicht noch nicht, warum der Mann die Dinge tat, die er tat, aber trotzdem erkannten auch sie die Gefahr, die von diesem Fremden ausging.

Dabei wirkte er keinesfalls wie ein erfahrener Bankräuber, der die Situation und seine eigenen Gefühle unter Kontrolle hatte. Ganz im Gegenteil. Der Mann war, deutlich sichtbar für die verängstigten Geiseln, ein körperliches wie seelisches Wrack. Seine Haare standen ihm wild zu Berge, sein Gesicht wurde von einem ungepflegten Dreitagebart gesäumt und sein irritierend buntes Hawaiihemd hing an einer Ecke lose aus der Hose. Niemand hätte dieses nervöse Häufchen Elend ernst genommen, wenn er in diesem Moment keine Pistole in der Hand gehalten und permanent damit gedroht hätte, die Waffe auch zu benutzen. Niemand in der Bank zweifelte daran; dieser Überfall war kein sorgsam geplanter Bankraub, sondern eher eine Kurzschlussreaktion, oder eine Verzweiflungstat, die völlig außer Kontrolle geraten war. Und jederzeit in einem Blutvergießen enden konnte.

„Ein Mucks und ihr seid alle tot!“, kreischte der Bankräuber zum wiederholten Male völlig überdreht, obwohl der Widerstand seiner Geiseln längst erloschen war.

Als der offensichtlich verzweifelte Mann am späten Nachmittag in den Vorraum gestürzt war, die Waffe drohend erhoben, war das Kreditinstitut gut besucht gewesen. Die junge Angestellte war sofort hinter der kugelsicheren Scheibe in Deckung gegangen, während die fassungslosen Kunden dem Mann schutzlos ausgeliefert blieben. Überrascht von so viel Dreistigkeit hatte der Mann noch versucht, durch den engen Schlitz zwischen Schalter und Scheibe ein paar Euro zu ergattern, hatte aber bereits kurz darauf sein sinnloses Unterfangen aufgeben müssen. Als er frustriert das Weite suchen wollte, fuhren längst die ersten Streifenwagen vor der Filiale vor. Seitdem hatte sich seine Verfassung zusehends verschlechtert. Er würde dem emotionalen Druck nicht mehr lange standhalten können, so viel konnte selbst das ungeschulte Auge feststellen.

„Geben Sie auf! Die Bank ist umstellt. Kommen Sie mit erhobenen Händen raus!“, forderte eine durch ein Megaphon stark verzerrte Stimme vor dem Gebäude, als hätte jemals ein Verbrecher auf diese Aufforderung mit etwas anderem als einer Gegendrohung reagiert. Auf die emotionale Stabilität des Mannes wirkte diese Forderung, als würde die Polizei absichtlich Öl ins Feuer gießen. „Lasst mich in Ruhe!“, schrie er durch ein halb geöffnetes Fenster mit sich überschlagender Stimme. „Ich habe Geiseln! Ich werde sie alle umbringen!“

Durch die zugezogenen Jalousien war kaum zu erkennen, was sich vor dem Bankgebäude abspielte. Lediglich das Licht von ein paar Scheinwerfern drang durch die Ritzen der Vorhänge und tauchte den Vorraum in ein gespenstisches Licht.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“, nuschelte der Geiselnehmer panisch und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißperlen. „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Die Waffe in seiner Hand zitterte unkontrolliert. Wenn nicht absichtlich, dann würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit unabsichtlich jemanden erschießen. Alex sah keinen anderen Ausweg mehr, als persönlich einzugreifen.

„Was tust du?“, flüsterte Christina entsetzt, als Alex sich leicht aufrichtete. Sie hielt Lea die Ohren zu. Christinas Augen waren gerötet und ihre Wangen feucht von ihren Tränen.

„Der Kerl bricht gleich zusammen“, presste Alex als Antwort leise zwischen den Zähnen hervor. „Wenn wir nichts unternehmen, wird er noch jemanden von uns erschießen.“

„Nein, bleib hier!“ Christina nahm die Hand von Leas linkem Ohr und klammerte sich an Alex Arm fest. Ihre Fingernägel bohrten sich schmerzhaft in seine Haut. „Lass die Polizei das machen. Bitte!“, flehte sie verzweifelt. Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Bitte!“

„Christina“, beschwichtigte Alex und versuchte, trotz der Situation möglichst ruhig und gefasst zu klingen. „Ich weiß, was ich tue. Wir haben keine andere Wahl.“ Er nickte unauffällig in Richtung ihres Peinigers. „Schau ihn dir doch an!“

Christinas Blick wanderte kurz zum Bankräuber. Er lief ruhelos vor der geschlossenen Jalousie auf und ab, leise mit sich selbst streitend. Wenn er seinen Verstand nicht schon längst verloren hatte, dann stand er kurz davor.

„Ich bin vorsichtig, versprochen.“

Christina nickte, auch wenn sie nicht gerade überzeugt wirkte. Sie hatte sichtlich damit zu kämpfen, nicht wieder in Tränen auszubrechen. Alex blinzelte ihr ein letztes Mal aufmunternd zu und stand langsam auf, die Hände in einer defensiven Geste erhoben.

„Was ist hier los?“, keifte der Geiselnehmer nervös und rannte auf Alex zu, als er seine Bewegung bemerkte. Seine Waffe hielt er weit von sich gestreckt, als hätte er selbst Angst davor. „Ich habe gesagt, ihr sollt ruhig sitzen bleiben.“

„Es tut mir leid“, erwiderte Alex ruhig. „Meine kleine Tochter müsste mal auf die Toilette.“ Er versuchte ein Lächeln zustande zu bringen. Er war nicht sicher, ob es ihm gelang.

„Nicht jetzt! Sie wird es sich verkneifen müssen.“

Die Pistole schwenkte kurz zu Christina und Lea, dann wieder zurück auf Alex.

Alex hob die Handflächen in einer defensiven Geste. „Sie ist zwei Jahre alt. Sie versteht nicht, was hier los ist. Ich bitte Sie, Herr…“ Alex hielt für eine kurze Zeit inne, als würde er überlegen. „Ich weiß noch nicht einmal, wie Sie heißen. Ich bin Alex.“ Er streckte vorsichtig seine Hand nach vorne aus.

Für einen kurzen Moment starrte der Mann ihn irritiert an. „Heinz“, murmelte er nach einer Weile, allerdings ohne die Hand zu schütteln.

„Heinz“, wiederholte Alex zufrieden. „Haben Sie auch Kinder?“

Der Bankräuber namens Heinz war sichtlich aus dem Konzept geraten. Das erste Mal, seitdem er in das Geldinstitut gestürmt war, schien seine Wachsamkeit etwas nachzulassen. Selbst seine Augen, die permanent nervös an der Eingangstür hängen blieben, verweilten eine Zeitlang auf Lea und kamen etwas zur Ruhe.

„Ja, auch eine Tochter“, sagte er irgendwann gedankenverloren. „Sie ist auch blond. Ein kleiner Engel. So wie du.“ Seine Stimme klang fast zärtlich. Er versuchte, Lea zu streicheln, aber das verschreckte Kind versteckte ihren Kopf unter dem Arm ihrer Mutter.

„Wo ist Ihre Tochter jetzt?“, versuchte Alex erneut, die Aufmerksamkeit des Geiselnehmers auf sich zu lenken.

„Bei meiner Ex-Frau. Sie hat mich verlassen.“

Es war nicht schwer, den Bankräuber in ein Gespräch zu verwickeln. Er wirkte fast, als wäre er froh, sich ein wenig von seinem emotionalen Ballast von der Seele reden zu können. Alex hatte sich nicht geirrt. Er war kein eiskalter Verbrecher, sondern einfach jemand, der aus abgrundtiefer Verzweiflung heraus gehandelt hatte, oder zumindest fest davon überzeugt zu sein schien, keine andere Wahl gehabt zu haben.

„Möchten Sie Ihre Tochter weiterhin sehen?“

Überrascht starrte Heinz Alex in die Augen. „Natürlich! Was soll diese dämliche Frage?“, knurrte er.

„Und warum machen Sie dann so einen Blödsinn?“ Alex machte eine Geste, die den ganzen Vorraum umfasste. „Sehen Sie sich um. Sehen Sie in die Augen dieser Menschen. Sie alle haben Familie, so wie Sie. Sie alle wollen nach Hause. Aber sie können nicht. So wenig wie Sie.“

„Wieso?“, fragte Heinz mit starrem Blick. Er wirkte unglaublich begriffsstutzig. „Was soll das heißen?“

„Was glauben Sie, wird die Polizei mit Ihnen machen? Bewaffneter Raubüberfall? Sie werden für Jahre in den Knast wandern. Wenn Sie entlassen werden, ist Ihre Tochter fast erwachsen.“

„Aber ich tue das doch nur für sie! Damit wir zusammen sein können“, verteidigte sich der Bankräuber schwach. Sein Blick ruhte auf Lea, die leise in Christinas Armbeuge weinte. „Ich brauche doch das Geld, damit wir eine Zukunft zusammen haben!“

Alex schüttelte sanft den Kopf.

„Das Geld wird Ihnen nicht helfen. Im Gefängnis können Sie kein guter Vater für Ihre Tochter sein.“

„Was soll ich also machen?“

„Ergeben Sie sich“, forderte Alex mit sanfter Stimme. „Stellen Sie sich der Polizei und kooperieren Sie. Machen Sie die Sache nicht noch schlimmer, als sie ohnehin schon ist.“

Die Lider des Bankräubers flatterten leicht, als er Alex Blick unsicher erwiderte.

„Ich weiß nicht…“, überlegte er leise, senkte aber trotzdem langsam seine Waffe.

Alex schöpfte Hoffnung. „Sehr gut“, murmelte er, doch sein flüchtiges Lächeln erstarb im selben Augenblick auf seinen Lippen. Mit einem lauten Knall zerbarst eine der großen Schaufensterscheiben und schickte einen feinen Regen aus Glas in den Eingangsbereich. Mit einem lauten Poltern flog eine Dose in den Raum, die einen dichten Nebel verströmte. Der Nebel brannte in den Augen; Alex konnte den Geiselnehmer kaum noch erkennen.

„Nein“, schrie Alex entsetzt, doch es war zu spät. Er war nicht in der Lage, die Geschehnisse zu verhindern, die unaufhaltsam ihren Lauf nahmen. Durch den dicken Dunst konnte er sehen, wie durch das Loch in der Eingangstür dunkle Gestalten in die Bank stürmten und endgültig das Schicksal der Anwesenden besiegelten.

5:15 Uhr

Der Mann, der langsam die steinernen Treppenstufen hoch schlurfte, hatte beinahe nichts Menschliches mehr an sich. Seine Augen lagen in tiefen Höhlen, umrahmt von einem eingefallenen, gräulichen Gesicht. Dunkle Stoppeln auf seinen Wangen deuteten darauf hin, dass er bereits seit Tagen mehrere Rasuren ausgelassen hatte. Seine Haare waren dünn und ungepflegt und glänzten im fahlen Licht des beginnenden Tages leicht fettig. Er schien kaum noch die Kraft zu besitzen, seine Füße zu heben. Mit jedem Schritt scharrten seine Gummisohlen über die Steine der Stufen. Dennoch trieb ihn irgendeine innere, unbarmherzige Kraft voran; Schritt für Schritt auf das Gebäude zu, das am Ende der Stufen auf ihn wartete.

Seine Kleidung, die mit Sicherheit vor einiger Zeit eine nicht unerhebliche Stange Geld gekostet hatte, hing ungepflegt an seinem ausgemergelten Körper. Der ehemals blaue Anzug war zu einem schmutzigen Ton verblichen und das fleckige, nur noch bedingt weiße Hemd hing über seiner Hose.

Kaum jemand beachtete den heruntergekommen Mann. Es war noch zu früh am Morgen. Nur die Sonne wagte sich mit der ihr eigenen Gemächlichkeit langsam über den Horizont hervor; die meisten Menschen hingegen hatten sich noch nicht auf die Straße getraut. Die wenigen Passanten, die bereits auf dem Weg zu ihrer Arbeit waren und dem Mann einen flüchtigen Blick schenkten, schauten sofort wieder weg. Er war ihrer Aufmerksamkeit nicht würdig, befanden sie mit einer Arroganz, die nur Menschen aufbringen konnten, die kein Mitleid für die Nöte und Sorgen ihrer Mitbürger empfanden. Sie hatten alle mit ihren eigenen, kleinlichen Allerweltsproblemen zu kämpfen. In ihrem engstirnigen Denken war kein Platz für Empathie.

Sie wären vielleicht nicht so leichtfertig an ihm vorübergegangen, wenn sie ihm einen etwas längeren Blick geschenkt hätten. Dann wäre ihnen aufgefallen, dass er, nur halb vom Ärmel seines ausgeleierten Jacketts verdeckt, eine Pistole in der Hand trug. Und die rot-braunen Flecken, die seine Kleidung verunzierten, wiesen eine frappierende Ähnlichkeit mit geronnenem Blut auf.

Und so erreichte er unbehelligt den Haupteingang des Gebäudes. Auch die Polizeistation dämmerte noch in ihrer frühmorgendlichen Tatenlosigkeit dahin, lange bevor wie an jedem anderen Tag die alltägliche Hektik die Menschen völlig vereinnahmte und ihnen kaum noch Zeit zum Atmen lassen würde.

Doch an diesem Morgen war es mit der Ankunft des Unbekannten früh mit der beschaulichen Ruhe vorbei. Der Mann hatte gerade die große Eingangstür aufgestoßen, als er in das Blickfeld einer Putzfrau geriet, die oberflächlich eine der Besucherbänke abstaubte, um nicht allzu unbeschäftigt auszusehen. Im Gegensatz zu allen anderen Menschen war sie froh über ein bisschen Ablenkung und musterte den Neuankömmling neugierig. Doch was sie sah, gefiel ihr gar nicht. Sie fing an zu schreien, schrill und durchdringend, in einer Lautstärke, die den wachhabenden Polizisten hinter der Glasscheibe hochschrecken ließ. Sein heißer, dampfender Kaffee ergoss sich über seine blaue Diensthose.

„Verflucht!“, schrie er auf. Doch als er wütend nach dem Grund für die unerwünschte Störung suchte, vergaß er schlagartig den Schmerz unter dem dünnen Stoff seiner Unterhose. Der Mann stand inmitten des Eingangsbereichs, als wäre er zur Salzsäule erstarrt. Die Waffe baumelte in seiner rechten Hand.

Der Polizist reagierte sofort. Er zog seine Dienstpistole und stürmte hinter seinem Empfangsschalter hervor. „Lassen Sie Ihre Waffe fallen!“, forderte er, während er sich Schritt für Schritt der unbekannten Bedrohung näherte, seine Pistole direkt auf den Kopf des Fremden gerichtet. Seine Stimme zitterte leicht. Er war noch jung und hatte bisher noch keine brenzligen Situationen meistern müssen. Vor allem nicht alleine. „Legen Sie Ihre Waffe auf den Boden! Vorsichtig!“, brüllte er erneut, als der Mann nicht reagierte. „Sofort!“

Unendlich langsam drehte der Mann seinen Kopf und starrte den jungen Polizisten unbeteiligt an. Sein Blick war merkwürdig leer, als würde er gar nicht den Polizisten, sondern durch ihn hindurch die Putzfrau anstarren, die sich ängstlich zitternd hinter die Holzbank geflüchtet hatte.

„Ich werde es kein zweites Mal sagen!“, schrie der Polizist, inzwischen mit leichter Panik in der Stimme. „Legen Sie Ihre Pistole weg, oder ich werde von der Schusswaffe Gebrauch machen.“

„Waffe?“, formten die Lippen des Fremden lautlos. Er starrte auf seine Hand, als würde sie nicht zu ihm gehören. Er ließ die Waffe fallen, indem er einfach die Hand öffnete. Die Pistole fiel mit einem lauten Klappern zu Boden und blieb zwei Schritte vor dem Fremden auf dem Linoleumboden liegen.

„Ich…“, stammelte er und blickte sich um, mit ruckartigen Bewegungen, als würde er überhaupt das erste Mal, seitdem er die Polizeiwache betreten hatte, seine Umgebung bewusst wahrnehmen. Seine Stimme klang heiser und trocken, wie ein betagtes Lied aus altersschwachen Lautsprechern. Es klang, als hätte er sie seit Tagen nicht mehr benutzt.

Seine rastlos umherschweifenden Augen blieben am Polizisten hängen. Tiefer Schmerz hatte sich in sein Gesicht gegraben.

„Ich…“, versuchte er es erneut. Dieses Mal wirkte seine Stimme fester, auch wenn ein lautes Schluchzen jedes Wort begleitete. „Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht.“ Er sackte auf die Knie, ließ sich zur Seite fallen und hörte auf, sich zu bewegen, zusammengerollt wie ein Fötus in Embryonalhaltung. Selbst als der junge Polizist ihn brutal auf den Bauch drehte und ihm Handschellen anlegte, leistete er keinen Widerstand. Lediglich seine Lippen pfiffen leise eine merkwürdige Melodie.

7:31 Uhr

Hauptkommissar Thomas Bader starrte sichtlich angewidert durch die trübe Scheibe auf den Mann, der zusammengesackt inmitten des Raumes an einem Tisch saß. Er zeigte keinerlei Lebenszeichen. Seine Augen blickten starr auf die Tischplatte, die Arme hingen schlaff an seiner Seite.

„Wer ist der Kerl?“, blaffte Bader und nahm einen langen Schluck von der schwarzen Brühe, die seine Kollegen für Kaffee hielten. „Ist der Typ gefährlich?“

Er hasste es, so früh nicht im Bett liegen zu können und vor allem hasste er es, sich mit solchen Verrückten herumzuschlagen, die bevorzugt kurz vor Dienstschluss auf die Idee kamen, Ärger zu machen.

„Keine Ahnung.“ Heinrich Petersen zuckte mit den Schultern. Der alte Oberkommissar wirkte ratlos. „Seit seiner Verhaftung hat er nichts mehr gesagt. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob er uns überhaupt wahrnimmt.“ Er zeigte durch das Fensterglas in den Konferenzraum. Der Fremde hätte die beiden Polizisten zwar sehen können, aber er schenkte ihnen ebenso wenig Beachtung wie allen bisherigen Versuchen, mit ihm zu sprechen. „So sitzt er bereits seit Stunden, ohne sich zu bewegen. Vielleicht ist er tot“, schlug Petersen in dem schwachen Versuch vor, etwas Humor aufzubringen. „Oder verrückt.“ Er tippte sich mit dem Zeigefinger gegen seine Schläfe und ließ ein breites Grinsen aufleuchten, doch als Bader darauf nicht reagierte, nahm er sichtlich verstimmt wieder seinen Faden auf: „Kommt wahrscheinlich aus der Klapse, der Kerl. Wir warten noch auf Rückmeldung. Vielleicht ist der Anstalt einer von ihren Irren verloren gegangen.“

Skeptisch zog Bader seine linke Augenbraue hoch. „Ich weiß nicht…“, murmelte er, „…der Anzug sieht ziemlich teuer aus, auch wenn er dreckig ist. Ich glaube nicht, dass die Leute in der Irrenanstalt so herumlaufen.“

Er platzierte seine Kaffeetasse unauffällig auf den Tisch neben sich. Weder hatte er vor, einen weiteren Schluck von dem Gesöff zu trinken, noch die Tasse ordnungsgemäß in der Küche zu entsorgen. Sein Magen rebellierte jetzt schon und grummelte unwillig wie ein herannahendes Gewitter. Noch nicht einmal Zeit zum Frühstücken hatten sie ihm gelassen. Missmutig rieb er seinen Bauch. Mit jeder Minute sank seine Stimmung auf einen neuen Tiefpunkt. Er hatte Nachtschicht geschoben und war soeben von einem Einsatz zurückgekehrt. Eigentlich hätte er schon längst auf dem Weg zu seiner Familie sein müssen, zu seiner Frau Claudia und den Zwillingen. Aber seine beiden Engel waren wahrscheinlich bereits auf dem Weg zur Schule; selbst wenn er jetzt nach Hause könnte, würde er sie vermutlich nicht mehr erwischen. Verdammt. Er sollte Claudia anrufen, aber auch sie steckte wahrscheinlich bereits in einem Berg Arbeit fest.

Er seufzte. Ohne einen Kuss von seiner Frau und einer Umarmung von seinen beiden kleinen Mädchen waren die Weichen bereits früh für einen Tag gestellt, der einfach nicht mehr zu retten war. Müde musterte Thomas Bader seinen Kollegen, der gelangweilt Dreck unter seinen Fingernägeln hervor kratzte. Obwohl Heinrich Petersen nur ein paar Jahre älter war als er, hätten die beiden Männer nicht unterschiedlicher sein können. Bader mit seinen 44 Jahren sah mindestens 10 Jahre jünger aus, mit seiner sportlichen Figur und seinen schwarzen Haaren, auch wenn sich inzwischen ein paar graue Strähnen in seiner Mähne finden ließen. Petersen hingegen schob bereits seit Jahren eine mächtige Wampe vor sich her. Auf seiner spiegelnden Glatze bildete sich bereits bei kleinsten Anstrengungen Schweiß. Meistens sah er aus, als würde er gerade aus einem Regenschauer kommen. Das war allerdings auch kein Wunder; bevorzugt ernährte er sich von Currywurst, Pommes und Bier und zeigte auch keinerlei Ambitionen, sich in irgendeiner Form sportlich zu bewegen. Auch bei der Polizeiarbeit hatte er nie sonderlich viel Elan an den Tag gelegt. Seine Karriere war mittlerweile weitestgehend zum Erliegen gekommen; er arbeitete getreu dem Motto, so viel wie nötig, so wenig wie möglich.

„Was machen wir jetzt mit ihm?“, wollte Petersen wissen. Er schwitzte bereits wieder leicht, dabei war es im klimatisierten Polizeigebäude eigentlich zu kühl, zumindest für Baders Geschmack.

„Was fragst du mich?“, grummelte Bader unfreundlicher als beabsichtigt. Der Hunger machte ihm wirklich zu schaffen. Suchend durchkämmten seine Augen das Großraumbüro, auf der Suche nach etwas Essbarem.

„Was wissen wir denn überhaupt?“, fragte er nach einer Weile, während er mit den Augen eine halb gegessene Pizza fixierte, die irgendwer auf seinem Schreibtisch zurückgelassen hatte. Wie alt mochte die Pizza wohl sein? Einen Tag? Zwei Tage?

„Nicht viel“, unterbrach Petersen Baders inneren Kampf zwischen den Alternativen, zu verhungern, oder wegen einer akuten Lebensmittelvergiftung dahinzuscheiden. Petersen schlurfte bedächtig zu seinem Schreibtisch und Bader folgte ihm brummelnd. Nur äußerst ungern gab er den Gedanken an die Pizza auf.

„Er hatte keinen Personalausweis bei sich. Noch nicht einmal eine Geldbörse. Eine Waffe, allerdings ohne Munition, ein paar Kaugummis und das hier.“

Er reichte Bader eine etwas größere, durchsichtige Plastiktüte.

„Was ist das?“, meckerte er, als er die Gegenstände durch die Tüte vorsichtig betastete.

„Eine Videokassette“, unkte Petersen und grinste wieder. „So etwas hat man vor einiger Zeit benutzt, um Ton- und Bildaufzeichnungen bei Bedarf auf einem Fernsehbildschirm abspielen zu können. Damals eine tolle Erfindung.“

„Blödmann“, brummte Bader, erwiderte das Lachen aber trotzdem. „Ich meine, was ist drauf?“

„Ja, das ist ein Problem. Wir haben keinen Videorekorder mehr. Selbst wir haben unser Equipment inzwischen auf moderne Speichermedien umgestellt.“

„Dann besorgt einen! Irgendwo muss es doch noch einen Videorekorder geben!? Muss ich denn alles alleine machen?“

„Schon in Auftrag“, konterte Petersen beleidigt. „Von Zeit zu Zeit könntest du uns auch etwas Eigeninitiative zutrauen!“

„Ja, schon gut.“ Das kam einer Entschuldigung Baders so nahe wie nur möglich. Er war nicht unbedingt bekannt dafür, Fehler leichtfertig zuzugestehen.

„Aber was ist das hier?“

Seine Finger betasteten ein kleines, schwarzes Gerät, das sich hinter der Videokassette verborgen hatte.

„Ich denke, ein Messgerät.“

„Ein Messgerät? Wofür?“

„Blutzucker. Für zu Hause“, antwortete Petersen sichtlich stolz, seinem Kollegen eine Antwort voraus zu sein. Er tätschelte liebevoll seinen Bauch. „Ich habe so ein Ding auch zu Hause. Eigentlich müsste ich es nach jeder Mahlzeit benutzen.“

Petersen litt an Diabetes, was wahrscheinlich seiner enormen Leibesfülle zuzuschreiben war. Allerdings hatte er die Krankheit nicht zum Anlass genommen, seine Lebensweise zu überdenken. Ganz im Gegenteil, er trug seine Erkrankung stolz wie eine Trophäe vor sich her, wie ein Veteran, der vor seinen Enkelkindern mit seinen Kriegsverletzungen prahlte.

Bader schüttelte den Kopf. „Du könntest ganz darauf verzichten, wenn du abnehmen würdest“, entgegnete er trocken und pikste demonstrativ in Petersens Bauch. „Schätzungsweise 60 Kilo.“

„Bist du irre?“, entrüstete sich Petersen und verschränkte gespielt schockiert die Arme vor seiner breiten Brust. „Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, mir diesen Wohlstandbeweis anzufuttern?“

Bader warf einen skeptischen Blick in den Mülleimer, der halb versteckt unter dem Schreibtisch stand. Er quoll nahezu über vor Produktverpackungen, die hauptsächlich eine Mischung aus Fett und Zucker enthalten hatten.

„Wenn ich deinen Mülleimer so sehe, so etwa eine Woche“, scherzte er.

„Haha“, machte Petersen. „Ich lach mich tot.“

Väterlich klatschte Bader Petersen auf die Schulter. „Nachher vielleicht, jetzt brauche ich dich noch.“ Er hob demonstrativ die Tüte in die Höhe. „Was heißt das jetzt für unseren Neuankömmling? Ist er zuckerkrank?“

„Weiß nicht. Vielleicht.“

„Wir sollten einen Arzt rufen“, überlegte Bader. „Vorsichtshalber. Bevor uns der Kerl wegen Unterzuckerung abnibbelt.“

„Geht klar.“

Petersen schnippte mit dem Finger. Obwohl er niemanden direkt angesehen hatte, stand auf einmal ein junger Polizist neben ihm. Bader war immer wieder überrascht, wie gekonnt Petersen jede Gelegenheit ausnutzte, Arbeiten auf andere abzuwälzen. Er war besonders geschickt darin, sich eine eigene, kleine Armee von blutjungen, arbeitswilligen Lakaien heranzuzüchten, die er bevorzugt aus der Gruppe der Neulinge rekrutierte.

„Ruf’ einen Arzt, für unseren Freund da drinnen“, befahl er, ohne den jungen Polizisten zu begrüßen. „Und zwar dalli!“

„Jawohl, Herr Oberkommissar!“

Der Polizist war weg, bevor Bader irgendetwas erwidern konnte. Irritiert blickte Bader hinterher. „Erstaunlich“, murrte er. „Wie machst du das?“

„Alles einer Frage der Motivation“, grinste Petersen. „Am Anfang ihrer Karriere machen sie alles für dich, in der Hoffnung, irgendwann auch auf der anderen Seite stehen zu können.“

„So?“, fragte Bader skeptisch. „Sorgen sie auch für Nachschub?“, er zeigte auf den vollen Mülleimer, „Oder musst du immer noch selbst einkaufen?“

„Ach, bist du heute wieder witzig!“

„Das ist mein natürlicher Charme“, grinste Bader.

„Dann kannst du dich mit deinem umwerfenden Charme am besten mal bei unserem Fremden versuchen. Denn das war noch nicht alles.“

Petersen kramte ein bisschen auf seinem Schreibtisch zwischen Schokoriegelpapier, Bäckertüten und Kaffeetassen. Mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck hielt er ein Blatt Papier hoch. „Das Fax kommt vom Labor. Schlechte Nachrichten. Die Flecken auf dem Hemd sind tatsächlich Blut. Aber sie stammen nicht von unserem Freund.“

„Nicht? Von wem dann?“

Hektisch flogen Petersens Augen über das Papier. „Das steht hier nicht. Für die Analyse brauchen sie länger. Sie haben lediglich einen Blutgruppen-Schnelltest gemacht. Ergebnis: Das Blut hat eine andere Blutgruppe, als die unseres Freundes.“

„Also hat er wirklich jemanden umgebracht?“

„Das solltest du ihn am besten selbst fragen.“

7:53 Uhr

Die klapprige Holztür quietschte ohrenbetäubend, als Bader mit Petersen im Schlepptau das Verhörzimmer betrat. Eigentlich war es eher ein Besprechungsraum, der mittig im Großraumbüro thronte und nur durch ein paar dünne Holzwände vom Rest des Gebäudes räumlich abgetrennt wurde. Großflächige Glasscheiben in der Holzvertäfelung nahmen jedwedes Gefühl von Privatsphäre. Das ganze Gebäude war alt und stammte noch aus einer Zeit, in der Polizisten zu Fuß auf Streife gingen und Berichte noch von Hand geschrieben worden waren. Das war lange her, auch wenn Bader das Gefühl beschlich, sämtliche Investitionen in die Renovierung des alten Polizeireviers wären seitdem äußerst überschaubar geblieben. Zumindest einen Tropfen Öl hätte er für die altersschwache Tür begrüßt, damit sie nicht mehr dieses nervenzerfetzende Geräusch von sich gab. Einen Vorteil hatte es jedoch in diesem Moment. Der Fremde konnte ihre Ankunft unmöglich überhört haben.

Trotzdem ließ er sich nichts anmerken, sondern starrte weiter gebannt auf die Tischplatte, als gäbe es da andere Dinge zu sehen, als lediglich die Spuren von Jahrzehnten der handwerklichen Vernachlässigung.

Bader räusperte sich laut, aber erzielte damit genauso wenig eine Wirkung wie die Tür zuvor.

Unschlüssig, was er tun sollte, setzte er sich dem Fremden gegenüber und gab Petersen mit einer Handbewegung zu verstehen, es ihm gleich zu tun. Inzwischen quälte ihn der Hunger nicht mehr so bestialisch, war aber dafür einer beinahe lähmenden Müdigkeit gewichen. Der Tag konnte unmöglich noch schlimmer werden.

„Guten Morgen“, sagte er und versuchte, ein möglichst neutrales Gesicht aufzusetzen.

Keine Reaktion. Der Fremde wirkte wie eine leere, menschliche Hülle, ein Körper ohne Seele. Merkwürdig. Unheimlich. Bader musste sich sehr zusammenreißen, um nicht wild vor dem Gesicht des Fremden herumzufuchteln, um irgendeine Reaktion zu provozieren. Irgendetwas, das ihn in irgendeiner Form hätte lebendig erscheinen lassen. Aber der Mann zeigte nicht die kleinste Regung, als wäre er ein lebloser Teil des Mobiliars.

„Können Sie uns sagen, wie Sie heißen?“, versuchte er es erneut. „Hallo? Hören Sie mich?“

Kein Zucken, kein Blinzeln, kein Nicken. Nichts.

Zögernd rieb sich Bader das Kinn. So etwas hatte er in seiner langen Berufslaufbahn noch nicht erlebt. Er war Polizist, kein Psychiater, verdammt! Er kam sich allmählich etwas dämlich vor. Genauso gut hätte er versuchen können, mit einer Steinmauer eine angeregte Unterhaltung zu führen. Und trotzdem gab er nicht auf. Irgendwie überkam ihn das nagende Gefühl, dieses eingefallene Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Er kam aber partout nicht darauf, wo.

Müde rieb er sich den Nacken. Er musste unbedingt in sein Bett.

„Der Kerl ist nicht ganz dicht“, schimpfte Petersen und fuhr sich mit seiner Hand über seine feuchte Glatze.

„Bitte, Heinrich!“, tadelte ihn Bader unwirsch. „Damit machst du es nicht besser.“

„Nein, ernsthaft!“, ereiferte sich Petersen und zeigte mit beiden dicklichen Armen empört auf den Mann. „Sitzt hier einfach nur, sagt nichts und macht nichts. Mir wäre inzwischen schon der Arsch eingeschlafen, wenn ich hier so lange regungslos sitzen würde.“

„Der ist dafür ja auch groß genug.“

„Mein Gott, wo nimmst du nur immer diese Witze her!? Du hättest zum Fernsehen gehen sollen.“

„Ja, vielleicht“, murmelte Bader gleichgültig. Er beugte sich nach vorne, um dem Fremden direkt in die Augen sehen zu können. Seine Pupillen zeigten keine Reaktion. Er schien noch nicht einmal zu blinzeln. Baders Augen fingen bereits vom Zusehen an zu brennen. Er wischte sich mit dem Handrücken über seine Augenlider und seufzte gequält auf.

„Können Sie mich hören?“, wiederholte er. Er sprach laut und langsam, als würde er mit einem Schwerhörigen sprechen. „Mein Name ist Hauptkommissar Thomas Bader. Das ist mein Kollege, Oberkommissar Heinrich Petersen. Verstehen Sie uns?“

Zu seiner völligen Überraschung bewegten sich plötzlich zwei schwarze Pupillen und starrten ihn an. Verblüfft setzte Bader sich auf. Der Blick war durchdringend, beinahe beklemmend, als würde er versuchen, bis in die unergründlichen Tiefen seiner Seele vorzudringen.

„Alexander“, krächzte eine Stimme unmelodisch wie eine Drummer Session auf Blecheimern. „Alexander Beil.“

Klick. Irgendwo in den Tiefen seines Gedächtnisses rumorte das Gefühl, diesen Namen auch bereits gehört zu haben. Es gelang Bader nicht, die richtige Schublade aufzuziehen. Kannte er diesen Mann? Aber woher?

„Gut. Ist das Ihr Name?“, brummte er befriedigt. „Alexander Beil?“

„Ja.“

Der Kerl war offensichtlich nicht der Gesprächigste, aber das war ja keine Neuigkeit.

„Ich bin sehr froh, dass Sie sich doch dazu entschieden haben, mit uns zusammenzuarbeiten.“

Beil blickte sich um. Er wirkte verwirrt. „Wo bin ich?“, fragte er und musterte sichtlich neugierig das schmucklose Interieur des Besprechungsraumes. Es gab im Grunde nicht viel zu sehen; bis auf den Tisch und vier Stühle war der Raum leer.

Petersen stöhnte laut auf und verdrehte die Augen, aber Bader gab ihm mit einer Geste seiner Hand zu verstehen, ruhig zu bleiben.

„Sie sind auf dem Polizeirevier Nord. Wie gesagt, mein Name ist Thomas Bader, das ist Heinrich Petersen.“

Petersen ließ sich zu einem unfreundlichen Nicken herab, starrte Beil aber weiterhin feindselig an.

„Wie bin ich hierhergekommen?“

Ohne Vorwarnung sprang Petersen auf, was bei einem Mann seiner Körperfülle unfreiwillig komisch wirkte. Sein Rettungsring geriet merklich in Bewegung. „Ach, bitte!“, schrie er wütend auf und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Beil. „Der Kerl veräppelt uns doch!“

„Heinrich!“, tadelte Bader erbost. „Setz dich hin und halt die Klappe.“

„Ach, ist doch wahr!“ Für einen kurzen Moment zögerte er, doch dann setzte sich Petersen widerstrebend hin und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust. Der Stuhl knarrte gequält auf. Petersen wirkte wie ein kleiner Junge, der soeben von seinen Eltern gescholten worden war.

„Ich muss mich für meinen Kollegen entschuldigen“, begann Bader erneut. Sein Gesichtsausdruck war in Mimik gegossene, angewandte Diplomatie. „Sie müssen verstehen, die Situation ist etwas verwirrend für uns. Schließlich sind Sie zu uns gekommen und nicht umgekehrt.“

„Ich weiß nicht…“, murmelte Beil. Allmählich schien er aus seiner Starre aufzuwachen. Selbst seine Wangen nahmen etwas mehr Farbe an, während er seine Hände nervös knetete. „Ich kann mich nicht erinnern.“

„Können Sie uns wenigstens sagen, was das hier ist?“ Bader schob die Plastiktüte über den Tisch, in der Petersen die Videokassette und das mutmaßliche Blutzuckerspiegelmessgerät aufbewahrte.

„Eine Videokassette?“

„Verdammt, Thomas, wie lange willst du dir das noch gefallen lassen!“, zeterte Petersen und schnaubte laut durch seine mächtigen Nasenflügel.

„Wenn du draußen warten willst, kannst du das gerne tun“, giftete Bader zurück. „Willst du das?“

Er hatte im Moment wirklich keine Lust auf solche Diskussionen. Seine Laune war schlecht genug, auch ohne Petersens ständige Kommentare.

Petersen schüttelte unwirsch den Kopf. „Nein. Trotzdem“, schmollte er.

Petersen war kein Freund von Arbeit und deswegen leicht aus der Ruhe zu bringen, vor allem, wenn er seine nächste Pause gefährdet sah. An sich war er kein schlechter Kerl, aber sobald sein Blutzuckerspiegel absackte, wurde er unausstehlich. Da er allerdings ständig Süßigkeiten in sich hineinstopfte und mit entsprechenden Mengen Insulin gegensteuern musste, war das eigentlich ständig der Fall. Ein Auf und Ab von Überzuckerung und Unterzuckerung. Bader störte es nicht sonderlich. Er kannte Petersen bereits seit Jahren und hatte gelernt, mit dessen merkwürdigen Marotten zu leben. Außerdem erwies sich Petersen in der Regel als guter Sparringspartner; er war der einzige Mensch, dem Bader offen die Meinung geigen konnte, ohne befürchten zu müssen, ihm vor den Kopf zu stoßen. Was das anging, hatte er sich ein dickes Fell, oder vielmehr eine dicke Fettschicht, zugelegt.

Beil musterte den kleinen Streit mit unbewegter Miene. Bader fiel es sehr schwer, aus dem Mann schlau zu werden. Normalerweise konnte er in anderen Menschen lesen wie in einem Buch, aber Beil blieb ihm verschlossen. Sein Blick war starr, seine Mimik seltsam unbewegt, als wäre sie in Stein gemeißelt, und seine Stimme eintönig. Nichts an ihm verriet, wie es in seinem Inneren aussah. Keine Emotion drang an die Oberfläche seiner menschlichen Gestalt. Er zeigte sich viel zu emotionslos, um tatsächlich ein Mensch zu sein.

„Diese Sachen haben Sie bei sich getragen“, erklärte Bader geduldig. „Was ist auf der Videokassette?“

„Ich weiß nicht“, wiederholte Beil die einzigen Worte, die er offensichtlich kannte. Er starrte unbewegt auf den Plastikbeutel. „Aber das da kenne ich. Mit dem Gerät bestimme ich meinen Blutzuckerspiegel.“

Er zeigte auf das schwarze, kleine Gerät im Beutel.

„Sind Sie Diabetiker?“

„Ja, seit ein paar Jahren.“

Innerlich stöhnte Bader auf. Lieber hätte er sich alleine einer Horde gewaltbereiter Hooligans gegenüber gestellt, als diesem Mann jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen zu müssen. Dummerweise stand dieser Mann zwischen ihm und seinem wohlverdienten Feierabend. Und er würde gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, wenn er heute irgendwann noch einmal nach Hause wollte.

„Was ist das Letzte, woran Sie sich erinnern?“, frage er.

„Ich stand auf der Straße. Ich war voll mit Blut“, murmelte Beil, sein Gesicht merkwürdig verzerrt. Er starrte gedankenverloren auf die roten Flecken auf seinem ehemals weißen Hemd.

„Hatten Sie einen Unfall?“, warf Petersen ein. Offensichtlich hatte er sich dazu durchgerungen, doch noch etwas Produktives zur Befragung beizusteuern.

„Ich weiß nicht…“, stammelte Beil. Sein Blick war unstet. Er sah aus, als würde er jeden Moment das Bewusstsein verlieren.

„Das hilft uns aber nicht weiter“, knurrte Bader unruhig. „Was wissen Sie denn?“

„Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht.“

„Ja, das sagten Sie bereits, als Sie hier im Polizeirevier aufgetaucht sind. Wie kommen Sie darauf?“

„Ich kann mich nicht erinnern!“

„Aber wie können Sie dann so etwas behaupten!?“

„Ich kann mich einfach nicht erinnern!“, klagte Beil gequält. Er senkte seinen Kopf und begann, leicht mit beiden Fäusten abwechselnd gegen seinen Kopf zu schlagen. „Ich kann mich einfach nicht erinnern!“, wiederholte er mit sonorer Stimme, während seine eigenen Fäuste unablässig gegen seine Schläfen trommelten.

„Bitte, Herr Beil!“, beschwichtigte Bader beunruhigt und drückte sanft Beils Hände zurück auf den Tisch. Der Kerl ist doch irre! Seine Handgelenke fühlten sich kalt an, und seine Haut wirkte so dünn wie Pergamentpapier. „Lassen Sie das. Das hilft uns nicht weiter.“

Beil blickte auf und das erste Mal, seitdem sie dieses merkwürdige Gespräch begonnen hatten, hielt er Baders fragendem Blick stand. Tränen schimmerten in seinen Augen, ein erstes, schwaches Anzeichen für Emotionen. Der Widerstand in Beils Händen erlahmte.

Bader nickte aufmunternd und zog langsam seine Hände zurück. „Wir wollen Ihnen helfen. Das können wir aber nicht, wenn wir nicht wissen, was passiert ist. An was können Sie sich noch erinnern?“

„Balthasar Mahnmann“, stammelte Beil. Leichte Speicheltröpfchen bildeten sich auf seiner Unterlippe. Bader musste unwillkürlich an einen tollwütigen Köter denken, unberechenbar und gefährlich.

„Wer ist das? Kann er uns weiterhelfen?“, fragte er und ignorierte seine beunruhigenden Gedanken.

„Er ist mein Psychiater. Rufen Sie ihn an.“

8:32 Uhr

„Balthasar Mahnmann. Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte.“

Sein Händedruck war fest und angenehm. Er entsprach nicht unbedingt dem Bild, das Bader von Psychiatern hatte. Psychiater glichen in der engen Welt seiner liebevoll gehegten Stereotypen alternden Professorentypen mit Tweedjacke, Flicken an den Ellenbogen und Lesebrille, die auf einer Psychiatercouch selbst besser aufgehoben gewesen wären als davor. Balthasar Mahnmann hingegen schien es sich zum Ziel gesetzt zu haben, mit allen Vorurteilen auf einen Schlag aufzuräumen. Sein Vorname war das einzige Altertümliche oder Verstaubte, das Bader an ihm entdecken konnte. Vor ihm stand ein jung gebliebener, sportlicher Mann um die vierzig, mit einem offenen, freundlichen Gesicht und einem leichten Graustich in seinen dunklen Haaren. Er hätte Baders Bruder sein können, so ähnlich waren sie sich in Statur und Erscheinung. Nur der Kleidungsstil hätte unterschiedlicher nicht sein können. Während Bader eher eine luftige Kleidung mit Hemd und Stoffhose bevorzugte, trug Mahnmann einen Anzug, der mit Sicherheit mehr als eines von Baders Monatsgehältern gekostet hatte.

„Angenehm”, murmelte Bader leicht beeindruckt. Erstaunlicherweise fühlte er sich etwas eingeschüchtert. „Vielen Dank, dass Sie so schnell auf unseren Anruf reagiert haben.“

„Ist doch selbstverständlich. Wenn die Polizei meine Hilfe braucht, bin ich sofort zur Stelle.“ Er lachte freundlich auf. Nicht übertrieben, sondern sympathisch, höflich, der Situation angemessen. Neben Mahnmann kam Bader sich plump wie ein Elefant im Porzellanladen vor.

„Worum geht es? Sie sagten am Telefon, einer meiner Patienten wäre verhaftet worden?“

„Nun ja…“, wiegelte Bader ab, „…im Grunde haben wir ihm nichts vorzuwerfen. Er hat sich selbst gestellt. Er behauptet, jemanden umgebracht zu haben.“

„Ja?“, Mahnmanns linke Augenbraue schoss in die Höhe. Sein ernster Blick drückte Sorge aus, obwohl er immer noch freundlich lächelte. Nur leicht, die perfekte Mischung aus Betroffenheit und Höflichkeit. Es fiel Bader zunehmend schwerer, hinter die Mahnmanns Fassade zu schauen. Vielleicht setzte er seine Mimik gezielt ein, so wie die Situation es gerade erforderte; vielleicht fühlte er sich tatsächlich betroffen. Schwer zu sagen.

„Eine beunruhigende Aussage. Wer ist es?“, fragte Mahnmann.

„Alexander Beil. Sagt Ihnen der Name etwas?“

„Alexander?“

Verblüfft vergaß Mahnmann, sein Lächeln aufrecht zu erhalten. Wenigstens war auch ein routinierter Psychiater wie er aus der Fassung zu bringen, wie Bader nicht ganz unbefriedigt feststellte.

„Wo ist er?“

„Er sitzt bei uns im Verhörzimmer. Ein Arzt ist gerade bei ihm.“

Bader zeigte die große Treppe hinauf, die nur den Anschein erweckte, aus Marmor zu sein.

„Wenn Sie mir bitte folgen würden?“

Gehorsam setzte sich Mahnmann in Bewegung; sie liefen für ein paar Schritte schweigend die unzähligen Stufen hinauf. Das Polizeirevier verfügte natürlich nicht über einen Fahrstuhl, was Petersen beinahe täglich zu unflätigen Kraftausdrücken veranlasste. Bader hingegen war es egal; er war sogar froh darüber, von Zeit zu Zeit ein paar Schritte laufen zu können; obwohl an diesem Morgen sowohl sein Hunger, als auch seine Müdigkeit gewaltig an seiner Kondition zehrten. Er hatte es bisher noch nicht geschafft, irgendwo etwas Essbares aufzutreiben. Inzwischen hatte sogar die alte Pizza wieder beunruhigend stark an Reiz zugelegt.

„Alexander Beil ist krank”, sagte Mahnmann plötzlich, als sie in etwa auf der Hälfte der Treppe angelangt waren. Er blieb stehen. Sein Gesicht wurde von Sorge überschattet. Diesmal wirkte sie eindeutig echt. „Er hat Krebs. Im Endstadium.“

„Krebs?“

Überrascht blieb auch Bader stehen und drehte sich halb zu Mahnmann um.

„Heißt das…“, begann er, brachte seinen Satz aber nicht zu Ende.

„Ja”, bestätigte Mahnmann. „Sechs Monate noch, vielleicht acht, wenn es hoch kommt. Der Arzt, der bei ihm ist, wird ihm nicht mehr helfen können.“

„Gute Güte”, entfuhr es Bader. Kein Wunder, dass der Kerl so jämmerlich aussah. „Ein Gehirntumor?“, fragte er mit belegter Stimme. „Ich meine, ist er deswegen so verwirrt?“

„Nein”, murmelte Mahnmann und schüttelte betrübt den Kopf. „Das hat andere Gründe.“ Er rieb sich mit der Hand über den Nacken. Auf einmal sah er längst nicht mehr so sportlich und fit aus, wie noch einige Sekunden zuvor. „Das ist schwer zu erklären. Ich würde ihn gerne vorher sehen, wenn das möglich ist.“

„Natürlich.“ Bader führte Mahnmann über die Treppe, durch den alten, muffigen Korridor, bis in das Großraumbüro.

Das änderte die ganze Sache. Beil war krank und würde es nicht mehr lange machen. Selbst wenn er tatsächlich jemanden umgebracht hatte, würde er wahrscheinlich nicht mehr lange genug leben, um dafür vor Gericht zur Verantwortung gezogen zu werden. Zumindest nicht bei den langwierigen und umständlichen deutschen Gerichtsverfahren.

„Er sitzt im Verhörzimmer. Wir sollten allerdings nicht stören, bis der Arzt seine Untersuchungen abgeschlossen hat.“