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Kalle lebt auf der Straße. Er führt kein leichtes Leben, die Nächte sind lang und einsam. Doch als er einen seiner Saufkumpane mit Kopfwunde im Park findet, wird ihm schnell klar, dass sein Leben soeben noch um einiges komplizierter geworden ist. Als dann auch noch ein weiterer seiner Leidensgenossen auf ähnliche Art und Weise das Zeitliche segnet, beginnt für Kalle der längste Morgen seines ohnehin schon schwierigen Lebens…
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Seitenzahl: 19
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Kai Kistenbrügger
Herzlose Nacht
Kurzgeschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Impressum neobooks
Vorsichtig stupste ich Carlos mit der Spitze meiner ausgelatschten Stiefel an.Er zeigte keine Reaktion. Sein Bein rutschte sofort wieder in die vorherige Position zurück. Lediglich seine halb offenen Augen starrten mich anklagend an, als würde er mich persönlich für sein unglückseliges Ende verantwortlich machen. Eine Blutlache bildete sich langsam unter seinem Kopf. In dem trüben Licht der beginnenden Morgendämmerung sah es aus wie ein schwarzer See aus Teer.
„Tot“, stellte ichlaienhaft fest, als ich mich neben ihn kniete und seine Taschen nach Geld oder anderen brauchbaren Dingen abtastete. Sein Gestank stach penetrant in meiner Nase. Vielleicht waren es allerdings auch meine eigenen Ausdünstungen, die mir die Tränen in die Augen trieben, auch wenn ich eigentlich davon überzeugt war, mich mittlerweile an ein Leben fernab jeglicher Hygiene gewöhnt zu haben. Meine dreckigen Finger förderten allerlei Krimskram zutage. Ein Kamm, dem ein paar Zinken fehlten. Ein paar löchrige Handschuhe. Eine leere Metalldose, die vielleicht vor ein paar Jahren Hustenbonbons enthalten hatte. Ein Organspendeausweis. Das wäre an sich verwunderlich gewesen, allerdings schwärmten diese Organspendeheinis seit Tagen durch die Stadt wie ein Schwarm Heuschrecken über Felder. Die Beratungsgespräche zeigten sich immerhin lukrativ, zumindest aus der Perspektive eines Obdachlosen. Mit etwas Glück ließen sich ein Kaffee, ein paar Brötchen und andere Leckereien an den zahlreichen Informationsständen abstauben. Wahrscheinlich ein Grund, warum Carlos in die Reihe der aufopferungsvollen Spender eingetreten war.
Erst nach ein paar Minuten wurden meine zitternden Finger fündig. In Carlos Innentasche fand ich ein paar Euromünzen, die ich sofort in meiner eigenen Hose verschwinden ließ.
„Was tust Du da?“, fragte Paul weinerlich.
„Er selbst wird kaum noch Verwendung dafür haben, meinst du nicht?“
