Und – Wo ist das Paradies - Peter Angst - E-Book

Und – Wo ist das Paradies E-Book

Peter Angst

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Beschreibung

Leo Steiner, ein wirtschaftlich erfolgreicher, älterer Unternehmer, weiß nicht, ob er sich auf das „Leben nach dem Tode“ freuen kann und soll. Kurzentschlossen setzt er einen Teil seines Vermögens für die beste Paradies-Beschreibung ein. Nach Erscheinen eines Inserates wird er von Beiträgen überflutet. Sarah eine reife, suchende Frau bietet ihm ihre Hilfe an, die er gerne annimmt. Die Vielfalt der unterschiedlichen Paradiesvorstellungen und die überraschenden Ereignisse bereichern Leo Steiners Leben und lassen ihn so manches Vergangene überdenken. Vielleicht findet er gar seine individuelle Vorstellung vom Paradies.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Peter Angst

Und – Wo ist das Paradies

AUGUST VON GOETHE LITERATURVERLAG

FRANKFURT A.M. • LONDON • NEW YORK

Die neue Literatur, die – in Erinnerung an die Zusammenarbeit Heinrich Heines und Annette von Droste-Hülshoffs mit der Herausgeberin Elise von Hohenhausen – ein Wagnis ist, steht im Mittelpunkt der Verlagsarbeit.Das Lektorat nimmt daher Manuskripte an, um deren Einsendung das gebildete Publikum gebeten wird.

©2019 FRANKFURTER LITERATURVERLAG

Ein Unternehmen der

FRANKFURTER VERLAGSGRUPPE GMBH

Mainstraße 143

D-63065 Offenbach

Tel. 069-40-894-0 ▪ Fax 069-40-894-194

E-Mail [email protected]

Medien- und Buchverlage

DR. VON HÄNSEL-HOHENHAUSEN

seit 1987

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.d-nb.de.

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Lektorat: Nikolaus Gruß M.A.

ISBN 978-3-8372-2257-9

Der Tod ist kein Untergang, der alles aufhebt und zerstört, sondern ein Übergang: eine Wanderung und der Beginn eines anderen Lebens.

Cicero

Für paradies-offene Menschen

Liebe briefschreibende Freunde,

Ihr habt „meinem Steiner“ wunderbare Gedanken zum Paradies geschrieben, himmlischen Dank! Hiermit versichere ich, dass ich für euch alle im Paradies tolle Plätze reserviert habe, in der vordersten Reihe, nahe am großen Wasserfall – mit Speis und Trank, himmlischer Musik und phantastischer Aussicht!

Herzlichen Dank an:

Franz Hohler

Gisela Widmer

Peter Jost

Karin Maria Hauert

Jürg Hartmann

Susann Bächtold

Urs Angst

Regula Junker

Ueli Greminger

Meinrad Deck

Peter Worni

Jürg Kesselring

Dorothee Angst-Bayer

Lächelnd das Paradies erwarten und sich mit Vorfreude beglücken – so könnte es auch sein!

Peter Angst

Leo Steiner war unzufrieden. Er haderte mit seiner Lebenssituation. Dabei hatte Steiner ein erfülltes Leben. Im Baugewerbe erwirtschaftete er sich ein kleineres Imperium und erstellte sich an schönster Lage auf dem Seerücken eine eigene stolze Villa. Seine lebensbejahende, hübsche Maria hatte ein Auge für gute Gestaltung und Schönheit. So war mit der Zeit ein richtiger Kulturpark rund um die Liegenschaft entstanden. Mehrere eigenwillige Skulpturen fanden ihren ausgewählten Platz. Maria legte Wert darauf, dass der Garten eine professionelle Pflege bekam. Daher arbeitete Metzler, ein eher erfolgloser Künstler, als „Bursche für alles“ bei ihnen im Stundenlohn. Dieser Tagträumer verstand es vorzüglich, Maria immer wieder neue Anschaffungen vorzuschlagen. Ja, der Metzler und seine Flausen verschlangen viel kostbares Geld! Da Steiner aber seine Maria bewunderte und auf seine Art liebte, erlaubte er ihr diesen „Luxus“ – eben, den Metzler mitsamt seiner Tingeltangel-Kunst. Dann, als Maria nach dem schlimmen Autounfall starb, kündigte Metzler sofort seine Anstellung, als wollte er die Tragödie noch tragischer machen. Die Ratten verlassen halt immer zuerst das sinkende Schiff, dachte damals Steiner verbittert. Aber ohne Metzler verwilderte sein Zuhause jämmerlich dahin. Die Obstbäume wurden nicht mehr geschnitten und die Zierbeete vor dem Haus wurden von Unkraut und wilden Brombeeren überwuchert.

Auch Steiner war am „Verwildern“. Er pflegte sich nur noch dürftig. Warum auch! Für wen? Seine Frau Maria, die immer ein wachsames Auge auf sein Äusseres gelegt hatte, war vor drei Jahren verstorben. Kinder hatten sie keine, und es war niemand mehr da, der sagte: „Leo, du könntest dich wieder einmal rasieren und ein frisches Hemd anziehen!“

Nun hauste er allein, machte sich ab und zu Spiegeleier mit Speck oder kochte sich Teigwaren. Die Wäsche brachte er einer Bäuerin, Frau Weibel, die unterhalb seiner ebenfalls verwilderten Villa wohnte. Anne Weibel kam etwa alle zwei Wochen mit frischen Eiern nach oben und sauste putzend und schwitzend durch Steiners Villa. Sie fütterte auch ihren Hahn, Napoleon, der morgens früh die Tagwache bis zu Steiners Haus verkündete, statt anständig Eier zu legen. Ab und zu aß Steiner auswärts mit seinem alten Freund Albert unten am See. Meistens nahmen sie Fisch mit Salzkartoffeln, dazu einen halben Weißen des Hauses und erzählten einander alte Erinnerungen. Neue gute Geschichten hatten sie nur noch selten. All das beglückte Steiner nicht mehr.

Steiner war zuvieles egal. Er selbst brauchte diese bröckelnden und rostenden Skulpturen sowieso nicht mehr. Zwar standen von ihm zwei kleinere Werke aus weißem Marmor bei der Einfahrt. Er hatte sie in Italien selbst behauen. Aber nun war dem großen, mageren Mann vieles unwichtig geworden. Was sollte und wollte er noch hier auf Erden? Den Rest des Lebens traurig und allein ausharren? Dabei hatte er so viel gekrampft, gesät, erbaut, erarbeitet, gelebt und erworben! Aber nun war es mit dem „Ernten“ und Genießen gar nicht so einfach! Und ohne Maria schon gar nicht. Denn sie war für das Genussvolle zuständig.

Oft war es ihm in diesen Tagen, als sei er des Lebens müde geworden. Vom Leben gesättigt! Zwar dachte er wenig an Suizid. Das passte nicht zu ihm. Aufgeben und die Karten einfach hinwerfen. Aber nun, wie ein verletztes Tier in seinem verwilderten Garten umherstolpern und sich irgendwo verkriechen, das konnte doch kein Abgang sein. Auch der Gedanke, die nächsten Jahre noch tatenlos auf dieser Erde „abzuhocken“ – bis ihn der Sensenmann finden würde, ließ seine ermüdete Seele wenig jubilieren.

War das Leben nun einfach vorbei? Ende der gefüllten Spielzeit?

Auch die Religion konnte ihn nicht trösten. Steiner war wenig religiös, ja, er war gar wegen der vielen Steuern aus der Kirche ausgetreten. Nein, nicht nur wegen des Geldes, das hatte er ja reichlich. Aber die Pfaffen, wie er sie abschätzig nannte, ärgerten ihn mit all ihren konfusen Geschichten: Von Gut und Böse. Von Sünde und Gnade. Von Himmel und Hölle. Apropos Himmel: War ja schon raffiniert, die Verheißung mit dem Himmel für die Armen! So konnten die Mächtigen dieser Erde all die Habenichtse stets ruhig halten mit dem billigen Trick auf eine paradiesische Belohnung im Jenseits. Dort im Paradies würden dann die Letzten die Ersten sein und die besten Wolkenplätze bekommen! Gutes Marketing und klug ausgedacht. Auch wenn die Frommen und Mächtigen mit ihrem Geplapper nichts beweisen konnten! So hofften die Armen dieser Welt auf bessere Zeiten – drüben im Paradies. Hatte nicht ein kritischer Zeitgenosse schon vor langer Zeit behauptet, dass Religion nur Opium fürs Volk sei?

Und doch hatte Steiner ein bisschen von seinem kindlichen Sonntagsschulglauben behalten. In der Kinderbibel, in seinem Elternhaus hatte sie gar ein Bild vom Paradies: Da „hockten“ doch die Löwen und Tiger friedlich neben den Menschen und Schafen! Und überall flatterten bunte Vögel des Himmels umher. Ein wunderbar friedliches Bild, fast schon ein bisschen langweilig für den lebhaften Buben. Und nun im hohen Alter, selbst bald vor der Himmelpforte, erinnerte sich Steiner plötzlich wieder an diese Paradiesgeschichte. Auch seine religiöse Mutter hatte ihm viel vom Himmel und seinen Herrlichkeiten erzählt. Und so beschäftigte es Steiner immer mehr, wie es wohl nach dem Sterben im Jenseits sein könnte. Oder war dort nichts? Einfach nur die grauenhafte Dunkelheit, wie nachts, wenn er ab und zu von einem bösen Traum erwachte und rundherum nur dieses elende Schwarz wahrnahm. Dann fehlte ihm das leise Atmen von Maria besonders, sowie ihr süsslicher Duft, der sie sogar in der Nacht umwob.

Oft löschte Steiner abends überall das Licht, nahm einen Stuhl, setzte sich vor seine Villa und guckte nach oben. Der sichtbare Sternenhimmel im riesigen Weltraum faszinierte ihn immer wieder. Diese unendliche Weite! Aber auch dort oben herrschte an den meisten Orten eine angstmachende Dunkelheit. Und nur wenige Sonnen und abstrahlende Planeten brachten ein bisschen Licht in die unendliche Finsternis. Nirgends war da ein himmlisches Paradies zu erkennen mit weißen Wolken und dem lieben Gott. Selbst die heutigen Astronomen, welche mit ihren Instrumenten unendlich weit hinausblicken können, haben nichts Derartiges entdeckt. Mit einem riesigen Geschrei würden sie nur allzu gerne der staunenden Weltbevölkerung verkünden: Soeben haben wir auf dem Planeten X ein fantastisches Paradies gesichtet! Unglaublich! Genau so, wie es manche Religionen schon seit tausenden von Jahren beschrieben haben: Ein zauberhafter Garten Eden! Überall waren saftig grüne Weiden, mit friedlichen Tieren und mit vielen, längst verstorbenen zufriedenen Menschen! Und ganz oben – auf der größten Wolke – sitzt ein altes, zufriedenes göttliches Wesen. Welch gigantisches Wunder! Das wären Schlagzeilen!

Immer wieder blieb Steiner am selben Gedanken hängen: War es möglich, dass es gar kein Paradies gab? Dass all die paradiesischen Umschreibungen in vielen Religionen von einem belohnenden Jenseits, erfunden und erlogen waren? So auch das alte Lied, das ihm immer noch gefiel und damals im alten Radio in seiner Jugendzeit gesungen wurde: Das Lied vom Schacherseppli. Eine wunderbare tröstende Ballade. Da war doch dieser Vagant alt geworden, kam an die Himmelstür und der Petrus rief ihm vom weiten zu: „Hei Schachersepp, chomm nume ie, die Arme und verlassne Lyt, müends schön im Himmel ha!“

Ach, dachte Steiner, es war doch einfach phantasielos zu behaupten, danach wäre einfach nichts. So banal konnte doch alles gar nicht eingefädelt sein. Eigentlich müsste es doch einen Ausgleich fürs Leben geben. Alle die armen Menschenkinder, die keine Chance bekommen hatten, müssten es doch irgendwo besser haben. Oder all die schlimmen Bösewichte müssten doch irgendwann bestraft werden. Eben, dort im Jenseits, in der schmorenden Hölle – und ewig Kohlen schaufeln!

Warum gibt es eigentlich keine Forschungen und Wissenschaften für das Jenseits? Warum werden die Sterbenden in dieser großen Frage so kläglich allein gelassen? Dabei wird doch jeder Mensch in seiner letzten Stunde mit der größten aller Fragen konfrontiert: WAS KOMMT DANN? Wohin führt die Reise? Oder noch etwas romantischer ausgedrückt: Wohin führt uns der Fährmann, der uns im Diesseits abholt und uns ins Jenseits hinüber rudert? Was ist am anderen Ufer anzutreffen?

Eigenartiges Gesindel diese Menschen, knurrte Steiner leise vor sich hin. Konnten sie doch Atome spalten, zu den Sternen fliegen, aber immer wissen sie noch nicht, wie es einige Sekunden nach dem Tod aussehen wird?

Es kann doch nicht sein, dass wir uns hier auf Erden ein Leben lang abstrampeln, viele detaillierte Erfahrungen sammeln, immer weiser und klüger werden, um dann einfach plump und sinnlos zu sterben und irgendwo zu verfaulen! In ewiger Dunkelheit! Oder heute noch etwas moderner: schwitzend zu verbrennen und zu grauer Asche zu werden! Vielleicht mit etwas Glück an einem schönen Ort oder in alle Winde zerstreut werden!

Was ist dann mit unserer Seele, mit unseren Gedanken, unseren psychischen Kräften, Wahrnehmungen und Sehnsüchten?

Wir liegen doch auch nachts im Schlaf wie tot im Bett und erleben die verrücktesten Handlungen, die phantasievollsten Kombinationen, losgelöst von Realität und Verstand. Und heisst es nicht irgendwo: Die Träume sind das Tor zur Ewigkeit! Oder, der Schlaf ist des Todes Bruder. Vielleicht, dachte Steiner, ist ja das ganze Leben nur wie ein langer Traum? Nur eine riesige Einbildung. Aber auch übers Träumen wussten doch die Wissenschaftler ernüchternd wenig. Steiner träumte viel! Oft eher stressige Dinge. Verrückte Geschichten. Er begegnete in Träumen oft Menschen, denen er im irdischen Leben noch nie begegnet war, er sah Landschaften, die er nie bereist hatte. Oder er erinnerte sich noch an seine Zeit, als er Soldat war. Immer fehlte ihm etwas, die Hose, das Gewehr, danach das elende Gebrüll von Vorgesetzten. Er erinnerte sich aber auch, dass er in vielen Nächten die schönsten sinnlichsten Träume hatte! Später erzählte er lachend, dass er nur seiner Lustträume wegen, die mühsame Militärzeit überlebt habe.

Tagelang grübelte Steiner an diesen Themen herum, ob es nicht doch irgendwie ein Leben nach dem Tod geben könnte, eben ein himmlisches Paradies. Anstelle dieser angstmachenden Dunkelheit! Schon die Tatsache selbst, dass der Mensch, an den unterschiedlichsten Orten und zu unterschiedlichsten Zeiten immer wieder auf wunderbare Beschreibungen von paradiesischen Himmelswelten gekommen war, müsste doch ein Beweis sein, dass es da draussen irgendwo etwas Großartiges geben könnte!

Aber typisch Mensch: Wenn es damit nichts zu verdienen gab, dann interessierte sich keine Maus und schon gar kein Wissenschaftler dafür!

Und plötzlich kam ihm die zündende Idee! Wie wäre es, wenn er, Leo Steiner, endlich dieses große Geheimnis des Himmels lüften würde. Das war doch nur eine Sache des Anreizes und des Geldes. Der Mensch war doch zu vielem fähig! Konnten in seiner Jugendzeit die Amerikaner nicht unheimlich schnell zum Mond fliegen, nur weil sie die Russen im Wettrennen um den Weltraum überholen wollten?

Ja, wenn man die Menschen zu Höchstleistungen zwingen will, muss es etwas kosten! Steiner wurde ganz nervös und wieder „purlimunter“ vor Aufregung. Begeisterungsfähige Gefühle flossen durch seinen alten Körper – fast wie damals als Kind vor Weihnachten! Ja, so musste es sein! So war das Leben nochmal lebenswert!

Er, Steiner, würde einen großen Wettbewerb veranstalten, mit folgender Frage und großer Belohnung: Gibt es ein Paradies, und wo? Wer ihm die beste Antwort liefern würde, bekam sein Vermögen! Und mit seiner beglückenden Idee könnte er gleich vier Fliegen auf einen Streich besiegen!

Erstens erhielt er eine fertige Wegbeschreibung zum Paradies! Zweitens konnte er mit dieser guten Idee seine Erbschaft regeln. Er hatte ja nicht einmal irgendwo Kinder gezeugt in seinen wilden Jahren. Und ohne Maria wusste er einfach nicht, wie er das klug anstellen sollte. Es gab schon irgendwo noch stumme Neffen und Nichten, aber niemand von ihnen war ihm wirklich ans Herz gewachsen. Ja, und nun drittens machte seine Krampferei auf Erden einen neuen Lebenssinn. Und viertens würde es mit dieser Veranstaltung nochmals spannend werden. Ja, Steiner brauchte nochmals eine frische Baustelle! Ein aufregendes Unternehmen – mit dem schönen Namen „Wo ist das Paradies?“

Mit klopfendem Herzen und zittrigen Fingern setzte er sich in seinen hellen Wintergarten und versuchte zaghaft auf einem alten Papierblock eine Formulierung für die Wettbewerbs-Ausschreibung zu finden:

Gibt es ein Paradies, wie und wo?

Wer mir die beste Beschreibung zusendet,

bekommt einen Großteil meines Vermögens!

5 Millionen Schweizerfranken.

Meine Adresse: Leo Steiner, Seerücken, Steckborn

Einsendeschluss: 31. Juli

Steiner war zufrieden mit seiner knappen Formulierung! Die Ausschreibung war kurz, knapp und verständlich! Kein langes Geschwafel. Nun sollte sie möglichst bald in mehreren schweizer Zeitungen erscheinen. Aber ach, das würde doch mühsame Kleinarbeit mit diesen Zeitungsfritzen ergeben! Glücklicherweise erinnerte er sich an seine langjährige Sekretärin, Heidi Müller! Sie lebte unten in Kreuzlingen und hatte ihm nach dem Tod seiner Ehefrau bei all den Beerdigungsaufgaben geholfen. Sie könnte doch die Administration übernehmen. Kurzentschlossen fuhr er los, mit seiner knappen Ausschreibung und seinem bahnbrechenden Vorhaben!

*    *    *

Heidi Müller war zu Hause in ihrer kleinen Wohnung. Überrascht von Steiners Besuch bat sie ihn herein, machte Kaffee und war erstaunt, wie gut Steiner wieder „drauf“ war. Und er konnte kaum warten mit seinem Anliegen und plapperte los.

Heidi Müller trieb es Tränen in die Augen! Ausgerechnet der alte Boss, der ewige Sklaventreiber, vor dem so viele Leute gezittert, den gar viele verflucht hatten, ausgerechnet dieser Steiner wollte wissen, wo das Paradies war? Und wollte nun sein hartverdientes Geld für solch eine dumme Idee ausgeben! Der hatte doch den Verstand verloren. Das ist halt, wenn Männer zu viel allein sind! Das war doch ein Fall für die Vormundschaftsbehörde oder die Psychiatrie. Heidi überlegte fieberhaft und gleichzeitig, wie sie es dem Steiner schonend beibringen könnte.

„Sag mal Leo“, fragte sie mit einem zittrigen aber liebevollen Ton, „ist es dir ernst mit dieser Frage, oder willst du mich ein bisschen necken? Ist es dir langweilig?“

Nun lachte Steiner aus voller Kehle: „Nein, nein, meine Liebe, mir ist es wissenschaftlich ernst mit dieser Frage! Und sag mal, Heidi, auch du musst einmal sterben: Interessiert es dich gar nicht, wo es uns einmal hintreiben wird?“

Heidi, die eigentlich noch einen warmen Wintermantel einkaufen wollte, musste nun wegen dem alten Boss nachdenken, ob es irgendwo ein Paradies geben könnte! So ein Blödsinn: „Mhm, keine einfache Frage, Leo! Natürlich freut es mich, wenn es oben im Himmel schön wird, aber wie, wo und ob? Ich weiß es mit dem bestem Willen nicht.“

„Du musst es auch gar nicht wissen! Aber du darfst natürlich gern bei meinem Wettbewerb mitmachen? Und, falls es dann viel Post gibt, würdest du mir dabei etwas helfen?“

Heidi ärgerte sich plötzlich und wusste auch warum! Warum um Himmels willen, wollte der alte Steiner so viel Geld wegwerfen, wo er doch früher hart und knausrig war. Sie nahm all ihren Mut zusammen und fragte: „Könntest du dein Geld nicht besser einsetzen? Mit einer Stiftung beispielsweise. Oder – wir hatten ja auch einige Unfälle. Da gäbe es doch einige, die froh über dein Geld wären.“

Nun kam Steiner ins Grübeln: Ja, es stimmte, auf den Baustellen gab es oft Unfälle mit Folgen. Aber sollte er sich nun von dieser alten Lady seine wunderbare Idee kaputt machen lassen? Sicher nicht! Es war schließlich sein Geld. Zudem hatte er nicht sein ganzes Vermögen eingesetzt, er musste ja auch noch ein bisschen weiterleben ... Daher sagte er versöhnlich: „Weißt du, Heidi, ich hab schon noch etwas für mich behalten, und ich werde über deinen Vorschlag ernsthaft nachdenken.“

Dann schwiegen beide längere Zeit. Leo Steiner war mit seinen Gedanken wieder bei seinem Werk! Ja nun war es fast wie früher: Er hatte wieder ein „heißes Eisen im Ofen“ und ein Ziel! Und er wusste nun auch: Mit Heidi Müller konnte er diese große „Baustelle“ nicht hochziehen!

Heidi dachte, wenn er nur bald gehen würde, dieser verrückte Kerl! Ich will und werde nicht mehr für diesen Büffel arbeiten. Zudem will ich endlich meinen neuen Wintermantel im Ausverkauf finden. Und wollte sie nicht noch eine Wäsche auflegen? Da kann mir Steiner mit seinem Himmelparadies gestohlen bleiben! Dieser Spinner!

*    *    *

Dann, Ende April erschien in den drei größten Schweizerzeitungen Steiners eigenartiges Inserat in großer Aufmachung. Er ließ sich nicht lumpen! Wie früher sagte er sich: Wenn du einen guten Auftrag einholen willst, musst du auch kräftig inserieren und investieren!

Gibt es ein Paradies, wie und wo?

Wer mir, Steiner die beste Beschreibung zusendet,

bekommt einen Teil meines Vermögens!

3 Millionen Schweizerfranken.

Einsendeschluss: 31. September

An Chiffre 081048

Heidi konnte es nicht lassen, ihm bei der Ausschreibung zu helfen, um das Ganze nicht schon beim Start auffliegen zu lassen. So konnte sie wenigstens das mit der Chiffre einbringen und die enorme Summe nach unten korrigieren. Dieser verrückte Kindskopf! Was wohl seine verstorbene Maria dazu sagen würde? Oh, vielleicht wäre sie gar noch stolz auf ihren Leo, der ein solch verrücktes „Kunstwerk“ wagte. Sie hatte damals ihre große Freude am Besonderen und mit ihrem Künstler Metzler machte sie oft Schlagzeilen in der bäuerlichen Umgebung, besonders, wenn sie mit leuchtenden Augen eine neue Skulptur unter den knorrigen Apfelbäumen enthüllte, und Metzler dazu Prosecco servieren musste.

Hoppla, wenn das Metzler wüsste? Der war doch fast immer auf Kriegsfuß mit Steiner! Und nicht nur wegen des Geldes: Metzler fand Steiner einen sturen Geldmenschen, phantasielos und einen menschlicher Grobian! Sie war plötzlich entschlossen, einmal mit Metzler Kontakt aufzunehmen. Vielleicht unternahm er etwas gegen diesen eigenartigen Leichtsinn und die unglaubliche Geldverschwendung von Steiner?

*    *    *

Kaum hatte Heidi den Zeitungen diesen Auftrag gegeben, ging der Wirbel schon los. Einige Journalisten hatten mit Leichtigkeit den anonymen Auftraggeber gefunden. Nun versuchten sie penetrant, mit Steiner Kontakt aufzunehmen. Steiner wimmelte sie alle ab, bis auf eine Journalistin mit tiefer Stimme und frechem Humor. Sagte sie am Telefon doch lachend zu Steiner: „Wenn Sie mir ein Interview gestatten, verrate ich Ihnen auch ein paar himmlisch gute Geheimnisse, die Sie in den kommenden Tagen verdammt gut gebrauchen könnten. Sie haben eine derart große Sprengung ins kommende Sommerloch der Medien gezündet, dass Sie meine Hilfe dringend nötig haben, Herr Steiner!“

Bereits am folgenden Nachmittag fuhr die Journalistin, Frau Mägerle, keck vor Steiners Villa und winkte ihm wie eine Altbekannte fröhlich zu. Selbstsicher stolzierte sie auf ihn, der sich etwas verlegen den alten Sonnenhut abnahm und sich in seinen spärlichen Haaren kratzte, zu. Sie war um die fünfzig, hatte hennarotes Haar und ein breites gewinnendes Lachen: „Sie wohnen ja schon im Paradies, warum um Gottes Willen suchen Sie mit so großem Aufwand noch ein zweites, Herr Steiner? Doch Danke für die Zusage!“

Steiner hatte einen hiesigen Riesling kaltgestellt, setzte sich in einen bequemen Gartenstuhl und winkte Frau Mägerle zu, ebenfalls Platz zu nehmen.

Mit neugierigen Augen guckte sie umher, dankte für den feinen Wein und sagte dann fast ein wenig besorgt: „Hat Sie niemand gewarnt vor dieser Handlung? Oder haben Sie als mutiger Unternehmer zu wenig nachgedacht?“

„Was meinen Sie mit diesen seltsamen Fragen“, gab Steiner ein bisschen verärgert zurück.

„Nun, ich will offen sein: Ich persönlich finde Ihre Frage nach dem Paradies fantastisch. Doch Sie haben wohl vergessen, dass Sie mit Ihrem großzügigen Lockvogel auch schlafende Hunde, Diebe, Politiker und andere schwierige Menschen aufgeweckt haben.

Wenn es dumm läuft, erleben Sie nun bald die Hölle auf Erden, werden jeden Tag belästigt, bestürmt und verlieren ihre eigene Ruhe. Und Ihr edles Vorhaben geht mit hässlichen Nebengeräuschen den Bach hinunter ...“

Langsam dämmerte es Steiner, dass da etwas dran sein musste. Die Journalistin bekam ein derart besorgtes Gesicht, dass er ihren Worten glaubte.

Auch er wusste von Lottogewinnern, die danach ziemlich stressige Tage erlebten.

„Zudem bekommen Sie so viel Post, dass Sie tagelang bald die Qual der Wahl haben werden. Aber ich könnte Ihnen eine Hilfe vermitteln, wenn Sie wollen.“

„Und das wäre“, fragte Steiner misstrauisch.

„Ich habe eine Freundin, Sarah Guttmann, die ist gut ausgebildet und hat sich für die Frage nach dem Jenseits stets interessiert. Zudem ist sie sehr belesen, hat einiges studiert und schon mehrere Nachforschungen gemacht“.

„Ja, das wäre mir schon recht. Aber sie müsste zu mir passen. Die Leute behaupten, ich sei ein bisschen schwierig im Umgang ...“ dann lachte er befreiend los.

„Ich werde Sarah fragen. Aber nun möchte ich noch mein Interview mit Ihnen machen. Sind Sie bereit?“

Steiner stimmte zu, und Frau Mägerle fragte nach der eigentlichen Motivation und der Absicht.

Steiner war ziemlich sprachlos und fast ein bisschen verlegen. Er hatte sich zu wenig klare Gedanken gemacht. Es war ein Einfall, es hatte ihn gepackt und all die Psycho-Fragen hatte er sich selbst nie gestellt.

„Haben Sie selbst Vorstellungen vom Paradies?“ Nun lachte Steiner überlaut ins Mikrophon. „Wenn ich es selber wüsste, würde ich diese Investition nicht machen, höchstens mir noch das notwenige Flugticket kaufen und ohne Wiederkehr losfliegen!“

Dann fragte Frau Mägerle: „Herr Steiner, haben Sie den Film von Stéphane Goël gesehen, der ganz viele Menschen nach dem Paradies befragte und im Film selbst mit seinem Vater eine Bergtour machte?“

Steiner: „Leider nein. Hätte ich in jenem Film schon eine Antwort auf meine große Frage gefunden?“

„Kaum, es sind einfache und gute Aussagen von älteren Menschen, „Einblicke ins Paradies“, wie sich der Film treffend nennt!“

„Dieser „Goli“ ist mir ja schon eine Nasenlänge voraus“, lachte Steiner.

„Nein, nein, ich erzähle dies nur, um Ihnen zu zeigen, dass viele Menschen die Frage nach dem Paradies interessiert“ bekräftigte Frau Mägerle nickend.

Wahrscheinlich waren es auch der Riesling und die Abwechslung, die noch zu einem gemütlichen Nachmittag verhalfen. Steiner freute sich wieder auf seine bevorstehende neue Baustelle!

*    *    *

Frau Mägerle hatte Recht bekommen. Bald lieferten die Zeitungen hunderte von Briefen, teilweise mit wunderschön bemalten Couverts oder beklebt mit paradiesischen Landschaftsbildern. Ja, es gab sogar Couverts mit Gegenständen drin wie „Schokoladen-Schlüssel für die Himmelspforte“, vielen Engelsfiguren und so fort. Auch waren Bücher von Autoren darunter, welche Steiner ihr Buch zusendeten und einleitend erklärten, wo in ihren Romanen die Hinweise zum Paradies in Ihren Romanen zu finden waren. Und es gab CDs mit wirklich schöner Musik, paradiesischen Texten und Klängen.

Steiner versuchte anfangs, ein bisschen zu sortieren und machte mit der angekommenen Post verschiedene Häufchen im großen Gästezimmer. Aber bald kippte er Ladung um Ladung auf einen einzigen großen Haufen Post!